Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Samstag, 16.03.19

Samstag, 16.03.19

Ich habe lange mit mir gerungen und fühle mich nun schuldig, aber gestern habe ich es getan:

Ich habe eine meiner Romanfiguren sterben lassen.

Ihr Tod war von langer Hand vorbereitet und musste irgendwann erfolgen, um den Plot voranzubringen. Er zwang mich dazu. Trotzdem fühle ich mich nun leer und auch ein wenig verlassen. Eine Hauptfigur aus einem Buch hinauszuschreiben gehört zu den unangenehmsten Aufgaben, vor denen man als ihr Autor steht. Es ist, als würde man einen Freund verraten. Sicher: Die Figur war von Anfang an darauf angelegt, an einem dramatischen Wendepunkt der Handlung abzutreten, aber wenn man sie über vier-, fünfhundert Seiten auf ihrem Weg durch die Geschichte begleitet hat, tut es einfach nur weh.

Am Anfang war die Figur nur eine leere Hülle, ein Konstrukt, ein Archetypus: Der Held, die Tochter, der Dieb, der Herrscher, die alte Frau. Doch schon im ersten der vielen Kapitel, in denen ich ich meinen Typus handeln ließ, begann er, voller Freude über die Möglichkeit, lebendig zu werden, seine Rolle auszufüllen und entwickelte mir unter der Hand ein durchaus eingenständiges Eigenleben – er erfand sich praktisch selbst. Er ging – auch in der Interaktion mit den anderen Figuren –  seinen eigenen, ganz persönlichen Weg; war er zuerst nur ein einzelner, karger und unbehauster Ort, ist er nun am Ende eine ganze Welt. Dadurch entstand eine für mich fast lebende Person, die mir während des Schreibens und in den Phasen des über sie Nachdenkens oft näher war als einige Menschen meines täglichen Umgangs in der „realen“ Welt. Ich hatte das Gefühl, diese Figur würde neben mir im Schneidersitz auf einem Teppich sitzen, Gewürztee trinken und mir aufmerksam lauschen, wenn ich von ihr erzählte. Immer wieder würde sie mich mit  klugen Anmerkungen unterbrechen, mich auf Irrtümer über sie hinweisen und verlangen, dass ich etwas genauer ausführe und von einem Ereignis berichte, das ich eigentlich nicht erwähnen wollte. Denn wie jeder Autor weiß ich nach den drei Jahren, die mich die Figur begleitet hat, über sie viel, viel mehr, als der Leser im Buch über sie von mir erzählt bekommt. Ich könnte über sie noch einige lange Geschichten schreiben.

Doch nun habe ich sie zwischen den Seiten zurückgelassen und als letzten Abschied diesen Text geschreiben. Ich bin traurig.

*

Und nein! Ich werde einen Teufel tun und hier spoilern, welche meiner Figuren über den Jordan gegangen ist. Lest gefälligst meine Bücher!

*

Es gibt übrigens gar keinen Teufel, weil der nicht benötigt wird. Die Menschen erledigen seinen Job viel besser, als er das je könnte …

Erkenne dich nicht selbst!

Wie versprochen, habe ich hier ein paar Anmerkungen zu Schreibmaschinchens Artikel „Der Autor, der sich selbst kennt…“, der hier zu finden ist:

Der Autor, der sich selbst kennt…

Neben anderen schlauen Sprüchen, die heutzutage keinen mehr interessieren und Zweifel an der Gedankentiefe der klassischen hellenischen Philosophie wecken (z. B. „Bürgschaft – schon ist Schaden da!“*), konnte der Grieche in der Antike über dem Tor des Apollontempels von Delphi die vielzitierte Aufforderung lesen:

„Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst.“

Der unbekannte Verfasser dieser Weisheit war also der Meinung, es genüge, den Blick von der Außenwelt weg nach innen, zu sich selbst, zu wenden, um Erkenntnis zu erlangen; man solle im Spiegel die einzelne Ameise beobachten und nicht den ganzen Bau, da der eigene Kosmos ein Spiegelbild des äußeren ist. Wer den eigenen Kosmos erkenne, könne auch die Welt beherrschen. Keiner hat dies schöner formuliert als Novalis, in dessen „Klingsors Märchen“ die Sphinx die verzweifelte Frage stellt: „Wer kennt die Welt?“ – „Wer sich selbst kennt“, antwortet Fabel selbstsicher. (Fabel ist übrigens kein Eigenname. Hier ist tatsächlich die Belletristik gemeint, die übrigens die „Milchschwester“ von Eros, also von der körperlichen Liebe sei.) Platon baute auf diesem Spruch eine ganze Moralphilosophie auf und die ersten Wissenschaftler fanden ihre Erkenntnisse nicht im Beobachten des Allgemeinen, sondern im Einzelfall, den sie dann auf die Welt erweiterten. Kein Wunder, dass in den delphischen Mysterien und der Orakelstelle selbst mit bewusstseinserweiternden Drogen gearbeitet wurde. Zu Beginn der Neuzeit wird dieser Erkenntnisgedanke der Alten in Frage und auf den Kopf gestellt: „Erkenne die Welt“, heißt es heute. Die moderne Wissenschaft und Philosophie beschäftigen sich von da ab nicht mehr mit dem Individuellen, sondern mit dem objektiv Erkennbaren, das mich dann zu mir selbst als Teil der Welt führt.

Aber was hat das alles mit dem Schreiben zu tun? Viele Autoren scheinen noch immer dieser 2500 Jahre alten Meinung zu sein – nämlich, dass man zuerst Selbsterkenntnis benötige, bevor man ein Buch schreiben könne. Ich glaube, dass so etwas wie „Selbsterkenntnis“ gar nicht möglich ist, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, mich selbst zu erfassen. Vom Versuch, sich selbst zu erkennen, führt meiner Meinung nach ein direkter Weg in die Hölle der Selbstzweifel. Der innere Kosmos jedes einzelnen ist gewaltig und schier unüberblickbar. Er ist ein gärendes, brodelndes Gemisch aus Bewusstem, Un- und Unterbewussten, aus Erfahrenem und Erlerntem, aus genetischer Veranlagung, aus Vererbung, aus Neurosen, Traumata und Unbewältigtem; wobei das Bewusste wie der sichtbare Teil eines Eisbergs ist: Er ragt kaum über den schwarzen, undurchsichtigen Meerespiegel hinaus, der gewaltige Rest aber bleibt verborgen und unerkennbar. Auch die moderne Psychologie stochert nur hilflos in trüben, flachen Gewässern. Dazu ist mein „Ich“ das Ergebnis einer Entwicklung, eines Fortschreitens in der Zeit: Wie bei einer Zwiebel, lagern sich Hülle für Hülle tagtäglich neue Ich-Schichten um den Kern meiner selbst und ich bin heute Morgen buchstäblich ein anderer als gestern Abend. Wenn ich mir selbst vor zwanzig Jahren begegnen würde, wäre ich mir wahrscheinlich nicht einmal sympathisch. Als Autor kann ich über meine Texte gut mit meinen alten „Ichs“ kommunizieren und stehe oft fassungslos vor Fremden. Selbsterkenntnis ist letztenendes wie der Versuch, „Alles“ in einen Koffer zu packen, also auch den Koffer selbst – da er ja Teil von „Allem“ ist -, in sich selbst zu stopfen. Das kann nicht gelingen. Überlassen wir dieses selbstquälerische Nachgrübeln über sich selbst den „schöngeistigen“ idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre von Schopenhauer und Kierkegaard heilt von solchen Gedanken.

Ist es nicht besser und einfacher für mich, zuerst meine Umwelt zu „erkennen“, bevor ich ein Buch schreibe? Es heißt nicht ohne Grund, man solle zuerst tausend Bücher lesen, bevor man sich selbst an eines wagt. Ein Autor hat keine neuen Ideen, denke ich, er ist nur Zeitgenosse der Avantgarde, die er aufmerksam belauscht. Der Autor macht die Ideen seiner Umwelt populär, nicht die Ergebnisse des Nachgrübelns über sich selbst; seine Persönlichkeit und in erster Linie sein Handwerk sind allerdings das Sieb, durch das er die Ideen anderer aufs Papier presst. Dadurch fließt natürlich auch viel von ihm selbst in den entstehenden Text ein – doch das ist ein unbewusster Akt. Mir zumindest geht es beim Schreiben so: Nicht mehr „Ich“ schreibe, sondern „Es“ schreibt für mich – und das übrigens ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen und Alkohol, die sich einige einschmeißen, um genau diesen Effekt zu erzeugen, der von alleine kommt, wenn man als Autor ganz bei sich ist.

Es mag auch sein, dass ich mich noch nicht ganz von meiner Erkältung erholt habe und ein paar Gehirnwindungen verstopft sind, aber letztendlich – nach diesen auch mich selbst verwirrenden und auch ein wenig fiebrigen Gedanken – komme ich wieder zu dem Schluss, dass es besser ist, zu schreiben als über das Schreiben zu reflektieren. Deswegen höre ich hier auch auf. Also schau nicht in dich selbst, Schreiberling.

Schau aus deinem Fenster in diese Welt hinaus und schreibe darüber, was du siehst.

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* Wobei ich zugeben muss, dass ich zumindest eine Person kenne, der diese Weisheit geholfen hätte.

Ein Dichter versucht sich als Denker (Zweiter Teil)

„Do I contradict myself?
Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“
Walt Whitman

 

büchermensch

Nikolas Klammer, Büchermensch – Kaltnadelradierung, 1996

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Was ich Gerade tue

ich schreibe ein buch/
in dem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
schreibe/
indem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
beschreibe/
wie ich das buch/
das ich beschreibe/
schreibe/
schreibe/
beschreibe/
kurz gesagt : nichts neues/
und das nicht einmal gut.

Ich denke, ich habe mit dem ersten Teil meiner Theorieüberlegungen  den einen oder anderen verschreckt. Gar zu düster war das Bild, das ich da zeichnete vom Leben als einem langsamen Sterben und dem Schreiben als opfernde und ausblutende Sisyphos-Arbeit. Und vielleicht mag es auch nicht zu den lockeren Alltäglichkeiten passen, die ich sonst so blogge. Nun, das alles ist wahr, weil es gleichzeitig nicht wahr ist. Die Auslage ist eben bunt.

Ich finde, Autoren sollten mehr schreiben und weniger übers Schreiben schreiben. Um das komplexe und auch ein wenig langweilige Thema „Theorie des Schreibens“ vorläufig halbwegs versöhnlich abzuschließen, lege ich hier das Ende meines Kurzromans „Ein kleines Licht“(1) bei, in dem der Schriftsteller Klammer, der ein Faible für die klassische Antike hat und der Dichter Andernaj, der ein Faible für Hochprozentiges hat, in einem sentimentalen Moment festgehalten sind. Hier spielen zwei Dichter Denker:

Mein Frühling, setzte er seinen Brief an seine Frau fort,

während ich mit Nikolaus sprach, wurde es schnell dunkel. Er machte keine Lampe an, sondern holte nach einer Weile ein paar Kerzen & stellte sie angezündet auf den niederen Tisch. Seine Wohnung wurde da­durch heimeliger. Wie die meisten Deut­schen habe ich eine Vorliebe für den warmen Schein von Kerzenlicht. Ich weiß nicht, welche archetypi­sche Erinnerung dabei eine Rolle spielt. Die kalte Replik eines griechischen Athleten, der sich gerade einen Dorn aus der Ferse ent­fernt, vielleicht ist es auch ein Original oder zumindest eine römische Ko­pie, man kann das bei Nikki nie sagen, diese Statue, will ich sagen, wirkte plötzlich sehr leben­dig & im flackernden Licht schien sie sich zu bewegen. Niko­laus sah meinen Blick.

„Ich wollte, ich wäre irgende­ine Beethovensche Sinfonie oder irgendetwas, was fertig geschrieben ist. Das Geschrieben-Werden tut weh“, sagte er plötzlich aus dem Zusammenhang ge­rissen & stellte eine nur ihm selbst verständliche Gedan­kenverbindung zu der Statue her. Wahr­scheinlich zi­tierte er wieder seinen Lieblingsschrift­steller. Trotzdem hatte ich die Empfindung, dass ich einen seiner seltenen ehrlichen Momente erwischt hatte, er wirklich an sei­nem Leben litt. Was sind wir doch für ein Haufen Ver­lierer. Er wandte sich müde an mich; ein neuer, durchaus symphatischer Klammer, gar nicht zy­nisch, gar nicht arrogant: „Wir sind uns doch einig: Da ist kein Gott im Him­mel, kein Schöpfer aller Dinge, auch kein Demiurg, da war nie einer, keine Theodizee, keine Ontologie, keine Erlösung, kein Lebenswerk, natürlich auch kein Volk, keine ewige Wiederkehr. Da ist nicht ein­mal dieses halbtröstliche, halbverrückte „authen­tische” Ich, das „Geworfensein in diese Welt”. Da ist kein „Cogito”, kein „sum” & schon gar kein „ergo”, vor allem kein „ergo”. Nichts ist logisch. Wohin wir uns auch wenden – keine Antworten.  Nur eben – Nichts. & es wäre pa­radox zu sagen, dass doch zu­mindest dieses Nichts „ist”. Auch die sophistischste und positivste Philosophie muss am Ende schwei­gen. Legen wir das alles zur Sei­te, es ist unnützer Ballast.
Was uns jetzt noch bleibt, nachdem wir allen Wahn hinter uns gelassen haben, ist der zerrinnende, nicht fassbare Augenblick des Jetzt, dieser schimärische Hauch, der, wenn er gedacht wird, schon wie­der vorbei ist; der allein uns Existenz verspricht, weil wir uns in ihm als existent erinnern. Deshalb klammern wir uns an ihn, „harmonisieren” ihn, in­dem wir alles unterneh­men, um von ihm nicht über­rascht zu werden, denn nur der überraschende Mo­ment verwirrt, verwundet & tö­tet. Aus diesem Grund versuchen wir das Jetzt zu wie­derholen, im­mer wieder, auf ganz auf die gleiche Weise, in der es uns die Natur in ihrer ermüdenden Kette von Wie­derholungen vormacht. Denk nach: War­um hat der Mensch die Uhr erfunden? Weil er mit ihr dem Schrecken der Unsicherheit entgehen will & er kommt ausgerechnet in dem Zeitpunkt auf die Idee der Uhr, als die Gewissheit des Gottesstaates für ihn zer­bricht. Die Uhr ist ein Ersatz für Gott. Wir brauchen nichts dringender als die Uhr, sie macht es uns vor: Je­der Atemzug ist wie der andere, jeder Pulsschlag, Lid­bewegung, Schritt, Ernährung, Or­gasmus, Tag, Nacht, endlich auch der Tod. Alles wiederholt sich in jedem Augenblick. Nein, es gibt nichts Neues unter der Sonne, denn es gibt auch nichts Altes.“

Klammer holte Atem & er schien über sich selbst & seine Worte zu lächeln. Dann zuckte er resigniert mit den Achseln. „Ich will es dir nicht schwerer machen, als es ist, Al­fons. Du kennst doch die Binsenweisheit, dass es immer zu spät & gleichzeitig immer zu früh ist.“

Ich war versucht, mit ihm ein synchrones Achselzu­cken zu bewerkstelligen. „Weißt du, Nikolaus, du hast sicher recht“, sagte ich & starrte in die Flamme der vor mir stehenden Kerze, die an einem zu lan­gen Docht unruhig blakte. „Aber ich kann dir nicht ganz folgen & ich will es auch nicht. Deine Konse­quenzen erschrecken mich … Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Dass ich nicht sein wer­de, begreife ich nicht. Dass die Welt nicht sein wird, be­fürchte ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Es ver­lischt.“

Klammer schüttelte den Kopf. „Alfons, du bist ein Dichter“, sagte er lächelnd & wohlwollend.

Mein Leben, ich musste darüber so lange lachen, bis ich mich übergeben musste.“

Ein kleines Licht, Schluss

todfriedeNun gibt es aber nichts, was sich mehr ähnelte als das Nichts und die Unendlichkeit; das Nichts ist die Dummheit, die Unendlichkeit das Genie. Kneipengespräche haben nie ein befriedigendes Ende, eine erzählte Geschichte hat dort nie einen endgültigen Schluss. Vorher schwadroniert das Gepräch immer in eine andere, bedeutungsleere Richtung oder es wird rüde unterbrochen. Das Gemälde bleibt unvollendet, die Musik bricht ab mit einer Disharmonie. Leben mischt sich rücksichtslos zwischen das Fabulieren, verdrängt es und setzt die Erzählung tätig handelnd fort. Leben ist immer die Fortsetzung einer Geschichte mit anderen Mitteln.

Im übrigen gilt wohl die Bemerkung Goethes, wie vergeblich alle Anmerkungen zu den eigenen Werken seien, „denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlass. Ferner mag ein Autor bevorworten, so viel er will, das Publikum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte.”

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(1) Der Kurzroman „Ein kleines Licht“ ist in meinem kaum gelesenen Erzählungsband „Kleine Lichter“ erhalten, der als Softcover oder als günstiges E-Book überall im Buchhandel erhältlich ist.

Da steckt noch viel Arbeit drin

Ich liege in meinem Zeitplan. Gestern erhielt ich von meiner Druckerei mein Korrekturexemplar von

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3

Damit halte ich die ersten drei Bände der „Trilogie in 5 Teilen“ in meinen Händen und glaubt mir: Das ist ein unheimlich gutes Gefühl – jedesmal aufs Neue. Wenn ich nach so vielen Mühen mein neues Werk endlich in den Händen halten darf, die „Schöpfung“ sozusagen beendet ist, dann ist das ein Glücksmoment, für den allein sich die Arbeit beinahe schon gelohnt hat. Wer selbst schon einmal sein eigenes Buch vom Kunststoffumschlag befreien, es vorsichtig öffnen durfte, das Knistern der dabei aufbrechenden Seiten hören und die Leimung riechen durfte, kennt das. Es ist einfach toll!

Freilich ist noch ein wenig Weg zurückzulegen, bis der Roman endlich seine Erfüllung findet und bei meinen Lesern ankommt, aber ich bin zuversichtlich, dass er in der letzten Juliwoche überall im Buchhandel erhältlich ist. Jetzt muss ich allerdings mein nagelneues Exemplar schon wieder aus den Händen geben und meinen fleißigen Korrekturleserinnen geben, um die vielen kleinen und zwei, drei größeren Fehler auszumerzen, die meine eigene Unzulänglichkeit stehenließ.

Doch zuerst wird an diesem Wochenende gefeiert! Ich würde euch gerne auf ein Glas Sekt (oder etwas Nichtalkoholisches) einladen und mit euch anstoßen – und zumindest in Gedanken werde ich das tun. Ich danke denen, die mich hier auf diesem Blog ein Stück meines Weges begleiten!

– Euer Niklas

Ein Tag wie dieser.

„Ich will nichts erleben!
Ich bin Schriftsteller!“
Patrick Süskind

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Liebe Kinder, immer wieder werde ich gefragt, wie es mir gelingt, Tag für Tag so tolle Geschichten, mit denen ich die Herzen meiner Leser erfreue, zu schreiben. Davon – vom Schreiben und dem befriedigenden Gefühl, bei einer Tasse Tee und guter Musik schöne Worte aufs Papier fließen zu lassen, um euch mit ihnen zu beglücken – möchte ich euch heute erzählen …

Nein. Noch einmal ernsthaft: Schreiben ist eine grausame, eine gewalttätige Tätigkeit, verausgabend und selbstzerstörerisch. Es ist eine eifersüchtige Geliebte, die keine andere Leidenschaft neben sich erlaubt und wie eine Vergewaltigerin über den Autor kommt, eine Vampirin, die sein Herzblut aussaugt und es auf das jungfräuliche Papier tropfen lässt …

goya

Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Gut, das war auch noch nicht ganz die Wahrheit. Sie ist irgendwo mittendrin. Als Autor neigt man bei seinen Antworten gerne mal einem Extrem zu – das ist auch für den Fragenden interessanter. Tatsächlich aber ist das Schreiben von Belletristik eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Viele Schriftsteller fassen ihre Literaturproduktion als einen vollkommen normalen Beruf auf, dem sie wie ein Büroangestellter nachgehen. Sie suchen ihr Arbeitszimmer zu festen Zeiten auf – viele übrigens bereits am Vormittag. Den Bohemekünstler, der im Schein einer flackernden Kerze mitten in der Nacht seiner Muse genialische Worte abringt, ist ein bürgerliches Märchen. So gelingt vielleicht schlechte Lyrik, ein Romanautor jedoch muss bei seiner Arbeit ausgeschlafen sein. Selbst die großen Säufer unter den Schriftstellern wie Hemingway oder Josef Roth hatten ihre Süchte so weit unter Kontrolle, dass sie erst am Abend und in der Nacht tranken und das erst, wenn sie ein bestimmtes Tagespensum an Wörtern erreicht hatten. Ob der Alkohol ihrer Literatur eher geholfen oder geschadet hat, sei dahingestellt, ich persönlich würde auch aus eigener Erfahrung von Drogenkonsum beim Schreiben abraten, besoffen, bekifft oder bekokst kann man keine Erzählungen oder Romane schreiben. Das Genie lässt sich nicht herbeidelieren.

Romanautoren führen also in der Regel ein gutbürgerliches, geordnetes Dasein, setzen sich brav vormittags nach der Morgenwäsche und dem Frühstück  an den Schreibtisch, verbessern zuerst die Texte von gestern, finden über diesen kleinen Bach wieder hinein in ihren Gedankenstrom und schreiben dann bis Mittag, essen mit der Familie, machen einen kleinen Spaziergang mit dem Hund oder einen Verdauungschlaf, arbeiten dann bis vier Uhr weiter, am Ende stehen die Korrespondenzen, Artikel und der andere Bürokram. Thomas Mann hat paradigmatisch vorgeführt, wie man das macht. So geht es vier-, fünfmal in der Woche und nur auf diese Weise ist ein Roman in überschaubarer Zeit einigermaßen bruchlos zu bewältigen. Es gibt kaum etwas Uninteressanteres und Langweiligeres als das Privatleben von Buchautoren, die – ich entnehme das einem Interview der SZ mit Raimund Fellinger,  dem Lektor des Suhrkamp-Verlags – alle ziemlich unsymphatische A****löcher sind (Wahrscheinlich würde ich in den gestrengen Augen dieses Herren auch keine Ausnahme machen). Wobei er hier wahrscheinlich das Schutzschild gegen ungerechtfertigte Kritik für eine Charakterschwäche hält.

Meine Schreibtage, die sich im Moment aufgrund der zeitlichen Anforderungen meines Brotberufs auf Freitag bis Montag beschränken, laufen ganz ähnlich ab: Obwohl ich alles andere als ein Morgenmensch bin, beginnen sie gegen 7 Uhr morgens und geht ohne Unterbrechung bis zum frühen Nachmittag; dann widme ich mich meiner Familie, meinem Privatleben und meinen Lektüren. Ich schreibe immer gleichzeitig an mehreren Texten und auch nicht chronologisch, im Moment sind das in der Hauptsache der Roman Dr. Geltsamer, die Fortsetzung von Brautschau und selbstredend an meinem Schmerzenskind Aber ein Traum, allerdings beschäftige ich mich nur mit einer Geschichte pro Tag. So entstehen pro Arbeitstag etwa 2500 – 3000 Wörter, die diversen Blogartikel nicht mitgerechnet. Relativ zeitnah setze ich dann die neu erstellten Teile der beiden Erstgenannten, die ich direkt in den Computer tippe, in meinen Blog, wo ich weiter an ihnen schleife und sie überarbeite. Diese Vorgehensweise hat sich bei dieser „Genreliteratur“ als durchaus erfolgreich erwiesen. Anders z. B. Aber ein Traum oder Nutzlose Menschen; meine ‚ernsthafte‘ Literatur wird von mir handschriftlich aufgesetzt, die Notizen handschriftlich überarbeitet, dann erst abgetippt und noch ein paar Mal redigiert. Leider übersehe ich trotzdem viele Fehler.

Handschrift

Ich zitiere mich mal selbst:

Am Anfang kommt die Handschrift.

Das hat zwei Gründe: Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren!

Ich schreibe handschriftlich nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.”

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben oder in Facebook zu kommentieren …

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