Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “über das Schreiben”

Montag, 07.10.19 – Pläne und Vergeblichkeiten

Montag, 07.10.19
Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.
Fontane, Brücke am Tay

*

Das Tiroler Lechtal, das mit seinen überaus schroffen Bergspitzen und herrlichen Seitentälern von einer wildromantischen Flusslandschaft geprägt ist, die an die Weiten Kanadas erinnert, ist von Augsburg aus ein lohnendes Ziel für Natursüchtige und Wanderer, die auch beim Bergwandern nicht auf Marillenschnaps und Kaiserschmarrn verzichten wollen. Wenn es normal läuft, dann fährt man mit dem Auto von meiner Haustür in knapp zwei Stunden bis zum Eingang des Tals.

Das Lechtal – ein Sehnsuchtsort

Seit einigen Jahren versuchen Frau Klammerle und ich trotz vieler Rückschläge immer wieder unverdrossen – manche würden es naiv nennen – dort ein paar unbeschwerte Urlaubstage zu verbringen, zuletzt über den Brückentag zwischen dem 3. Oktober und dem darauffolgenden Wochenende hinweg. Wir waren auch schon im Frühjahr und zwei-, dreimal im Sommer dort. Doch obwohl wir als Augsburger ebenfalls Lechanrainer(1) sind, mag uns dieses Tal offenbar nicht. Denn es wird uns grundsätzlich jeder unserer Aufenthalte dort massiv verregnet. Schon die Anreise am Donnerstag war ein mittleres Desaster, denn bereits die B17 Richtung Süden war ab Steingaden wegen einer Baustelle gesperrt und ich musste auf einer kurvigen Umleitungsstrecke eine Stunde hinter einem italienischen Laster hinterherzuckeln, der offenbar noch nie etwas vom Feiertagsfahrverbot gehört und es auch nicht gerade eilig hatte, aber so breit war, dass man ihn einfach nicht überholen konnte. Dann, kurz hinter Füssen, noch immer hinter dem Italiener her, begann auf der österreichischen B179 der übliche Stau Richtung Fernpass um die Ortschaft Reutte herum. Da ließen wir dann noch einmal über eine Stunde auf dem grauen Asphalt liegen und kamen deshalb erst in der Abenddämmerung an unserem Ziel in Stanzach(2) an. Lassen wir der Wahrheit Gerechtigkeit erfahren: Es war zwar kalt, aber schön. Doch schon der nächste Tag begann wolkenverhangen und brachte ab Mittag anhaltenden und starken Regen, den wir gestern auch wieder brav mit nach Hause genommen haben und der gerade gegen die Fensterscheibe meines gut eingeheizten Arbeitszimmers prasselt, während ich dies schreibe. Goldener Oktober? Zumindest in diesem Jahr ist das ein ziemlich makaberer Witz.

Beeindruckend, aber nass und arsc*kalt.

Am Samstag ging dann überhaupt nichts mehr. Der stürmische Westwind trieb die Wolken tief ins Tal hinunter, die hinter sich die Berge versteckten; es hatte höchstens 5° C und ergiebigen Land- und Schnürlregen. Die Schneefallgrenze sank auf 1500 m herab. Die Rettung vor der Herbstdepression war die Ehrenberger Therme mit ihrer schönen und ausgedehnten Saunaanlage, die jedoch spätestens ab Mittag vollkommen mit schwitzenden, wohlgenährten Leibern überfüllt war.(3) Nein, dieses Lechtal mag uns nicht. Aber wir sind unverbesserlich und werden in knapp drei Wochen wieder in die Alpen fahren (diesmal ins Martelltal) und auf Sonnenschein und Wärme hoffen. Drückt uns die Daumen!

So war das letzten Herbst in Südtirol.

*

Mein nächstes Buch ist fertig und demnächst bestellbar. Es ist auf über 250 Seiten eine weitere Sammlung meiner besten Blogartikel und trägt den Titel „Noch einmal daran gedacht“. Im Gegensatz zum Vorgänger „Noch einmal davon gekommen“ wird der Fokus auf meinen Texten zur Literatur im Allgemeinen und meiner eigenen im Besonderen liegen. Es werden dort also Kritiken, Essays und dazu Gedanken zu meinem literarischen Schaffen und Schöpfen und meinem Leben als Autor, aber auch die eine oder andere Glosse zu finden sein, die im Lauf der letzten 7 Jahre für „Aber ein Traum“ entstanden sind. Ich habe diese Blogartikel erweitert, umgeschrieben, aktualisiert und in Zusammenhänge gebracht und glaube, dass mir dieses Buch ganz gut gelungen und originell ist. Im Moment warte ich auf mein Korrekturexemplar vom Verlag, dann kann ich zusammen mit meiner kleinen Helferlein-Lektorin die üblichen kleinen Tippfehler ausmerzen. Die Chancen stehen gut, dass der Band noch Ende Oktober vor meinem Herbsturlaub in den Regalen der Online-Buchhandlungen stehen wird und von meinen „begeisterten“ Lesern in Massen erworben und genossen werden kann.

Noch einmal daran gedacht, 260 Seiten, illustriert

Anschließend werde ich in den nächsten Wochen endlich die Arbeit am 2. Teil meiner Fantasy-Saga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, um den Band noch vor Weihnachten zu veröffentlichen. Auf diese Weise bleibe ich 2019 in meinem Edititonsplan. „Die Verliese des elfenbeinernen Palasts“ leisteten mir im Sommer heftigen Widerstand und ich musste den Roman mehrmals komplett umschreiben und umstrukturieren, als mir deutlich wurde, dass ich noch einen 3. Teil benötige, um alles zu einem befriedigenden Ende zu führen und auszuerzählen. Dadurch wird „Der Weg, der in den Tag führt“ zu einer umfangreichen Trilogie anwachsen. Ein längerer Abschnitt, der der Einstieg zum 2. Teil sein sollte, flog raus und wird nun den 3. Teil  eröffnen. „Die Schlacht um Paradis“ wird aber noch eine Weile auf sich warten lassen, weil ich 2020 endlich als erstes die Geltsamer-Reihe beenden (zumindest aber fortsetzen) will und anschließend den zweiten Brautschau-Roman und einen Band Erzählungen aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“ in Angriff nehmen möchte. Zumindest ist das mein Plan, der sich freilich auch noch ändern kann. Da ich kaum Leser habe, muss ich ja keine Erwartungshaltungen erfüllen und kann in meinem eigenen Tempo an den Texten schreiben, an denen ich gerade Interesse habe. Es hat auch durchaus Vorteile, ein unbekannter, selten gelesener Autor ohne Fangemeinde zu sein …

_____________

(1) Der Tiroler würde uns „Anstößer“ nennen …

(2) Dort feierte man an diesem Wochenende übrigens „Oktoberfest“. Deshalb waren die Gaststätten geschlossen und nur ein feuchtklammes Bierzelt, das 9 Euro Eintritt kostete, hatte geöffnet. Dort gab es natürlich nichts für Vegetarier, dafür spielten „Igor und seine Oberkrainer“(!). Nein, wir waren nicht dort, wir blieben in unserem Zimmer in der Pension und hungerten bei einer kargen Brotzeit. Zum Glück hatten wir wenigstens einen Flachmann und eine Flasche Wein dabei, die uns diesen Abend retteten.

(3) Nebenbei: Gibt es eigentlich außer mir noch einen Menschen, der sich kein hässliches Tatoo hat stechen lassen?

 

Samstag, 28.09.19 – Enthülltes

Samstag, 28.09.19
Ich glaube, eines meiner Killkenny gestern im Pub war schlecht.
Es kann aber auch an den 4cl Caol Ila liegen, dass ich heute nicht so ganz auf der Höhe bin.

*

Um noch einmal auf meine Gedanken über Künstlernamen zurückzukommen:

Wie auch die Schauspieler benutzen sehr viele Autoren welche; durchaus auch aus dem Grund, weil der eigene, den man Eltern und Vorfahren verdankt, nicht eingängig, hässlich oder einfach lächerlich ist.(1) Jemand wie ich, der sein ganzes Schülerleben den Spitznamen „Knödel“ ertragen musste, kann davon ein trauriges Lied singen. Manche Künstler verwenden auch mehrere Pseudonyme, je nach Lust und Laune – oder besser gesagt -, je nach Werk, das sie veröffentlichen. Dieser Zug ist bereits abgefahren, aber das hätte ich vielleicht auch machen sollen. Denn die stilistische Vielfalt meiner Literatur macht es meinen potentiellen und auch tatsächlichen Lesern schwer, den Nikolaus Klammer, der mit den Brautschau-Romanen unterhaltsame und spannende Fantasy schreibt, mit dem Nikolaus Klammer, dessen Jahrmarkt-Zyklus klassische Belletristik ist, unter einen Hut zu bringen. Dazu kommt noch die Geltsamer-Reihe, die sich irgendwo zwischen historischem Roman, E.T.A. Hoffmann, Kafka und SF ihren ganz eigenen Platz sucht.(2) Eigentlich wäre es besser gewesen, ich hätte für diese Romanprojekte jeweils einen anderen Autor erfunden; für Brautschau vielleicht Erin Athavar(3) und für den Jahrmarkt Rainer Maria Hauser. Kann sein, dass sich die einzelnen Reihen dann besser verkaufen würden.

Die Anfangsseite meines Augsburg-Romans, den ich vor 25 Jahren als Toni Kappnath geschrieben habe.

Ich hatte übrigens schon einmal ein anderes Pseudonym, als ich 1994/95 zusammen mit dem Augsburger Künstler und Architekten Claus M. Scheele (Nein, dieser Name ist weder erfunden noch ein Alias) die Heimatromanreihe „Augsburg-Chronik“ plante, die leider nie verwirklicht wurde, weil der Haupt-Geldgeber überraschend absprang. Das Projekt war da bereits weit fortgeschritten und ausgearbeitet und wir waren schon seit Wochen in Vertragsverhandlungen. Geplant war ein einmal im Monat erscheinender Heftroman, der neben einer interessanten Handlung auch eine ganz spezielle Chronik von Augsburg erzählen und sich über Werbung auch innerhalb des Textes finanzieren sollte. In die Fiktion, die ich alleine übernahm, wollten wir tatsächliche Ereignisse und Personen der Augsburger Gesellschaft einbinden. Für die ersten Hefte war eine Kriminalhandlung geplant, in der eine Gruppe von Terroristen (die Augsburger Separatisten-Organisation ASO) den Bürgermeister entführen will, um für ihre Anliegen (Augsburg wieder freie Reichstadt, Einführung des Fuggertalers „Fuggerle“ als Zahlungsmittel, mehr Parkplätze in der Innenstadt, keine Verkäuferinnen aus Sachsen an der Aldikasse, etc.) Öffentlichkeit zu bekommen. Die Hauptfigur Sebastian Rudler erfährt zufällig von ihren Plänen, versucht sie zu durchkreuzen und verliebt sich in eine der Terroristinnen. Der Autor und Hans-Dampf-in-allen-Gassen Arno Löb übernahm dann später teilweise unsere Idee und schrieb unter dem Namen Peter Garski seine Augsburg-Krimis.

Ein paar Seiten vom Projekt-Konzept.

Damals nannte ich mich Toni Kappnath. In der vom ersten bis zum letzten Satz gelogenen Autorenbeschreibung im Konzept, das dem Vertragsentwurf beilag und das ich heute noch besitze, hieß es über ihn:

Toni Kappnath, geboren am 12.12.1958 in Dießen a. A.; lebt seit seinem 12. Lebensjahr in Augsburg, alleinstehend. Er arbeitet als selbstständiger Übersetzer und Informatikdozent. Seit 1980 ist er unter verschiedenen Pseudonymen (!) literarisch tätig. Er veröffentlichte 1988 im Augsburger Maroverlag den Roman Weißenstein(4), der von Presse und Feuilleton sehr positiv aufgenommen wurde. Seither Mitarbeit an Literaturzeitschriften, Essays (Das Ende der Poesie), Theaterstücke, Kurzgeschichten. Toni Kappnath ist der vielleicht begabteste und gleichzeitig der unbekannteste Augsburger Autor. Das wird sich durch die „Augsburg-Chronik“ ändern.

Daraus wurde nichts, wie gesagt; Toni Kappnath vulgo Nikolaus Klammer ist noch immer der vielleicht begabteste und gleichzeitig der unbekannteste Augsburger Autor. Kappnath hat es immerhin noch in meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ geschafft, heißt dort allerdings mit Vornamen Stefan. Weil mir gerade danach ist, gibt es in den nächsten Tagen hier auf meinem Blog ein paar kleine Ausschnitte aus dem Probekriminalroman, den ich damals für das Augsburg-Chronik-Projekt schrieb, damit die Geldgeber eine Vorstellung hatten, was sie erwartete. Der Augsburgkrimi hieß reißerisch

Terror in Klein-Venedig – Rudler in den Klauen der ASO!

______________________

(1) Es gibt auch noch andere Gründe, seine Identität zu verbergen. Als z. B. Honoré Balzac mit seinen Büchern endlich Erfolg hatte, verwendete er als Autor in der Regel zwar durchaus den eigenen Namen – vom kess hineingeschmuggelten Adelstitel de einmal abgesehen -, wohnte aber als M. de Peugnol in seinem Pariser Haus in der Rue Raynouard, um seinen Gläubigern und seinen hysterischen Fans zu entgehen. Heute, in den Zeiten von Einwohnermeldeamt, Yellow Press und Internet, würde ihm solch eine Mystifikation allerdings wenig bringen.

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich im Stile der Radioessays von Arno Schmidt einen bislang unveröffentlichten Text über Balzac geschrieben habe und ich ihn für den großartigsten Autor aller Zeiten halte?

(2) Die auf fünf Teile ausgelegte Trilogie Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ist übrigens das bei Lesern und Kritikern beliebteste Werk von mir. Im nächsten Jahr werden voraussichtlich die beiden Abschlussbände erscheinen. Ich plane auch noch ein Prequel für die Trilogie, in dem von E. A. Poe der Mord an Goethe und Schiller aufgeklärt wird.

(3) Ein Künstlername, bei dem nicht einmal klar ist, ob eine Frau, ein Mann oder jemand Diverses dahintersteckt, ist gerade für phantastische Literatur ideal.

(4) Weißenstein. Das ist ein toller Titel für ein Buch, fällt mir auf. Dahinter kann sich alles verbergen: vom Berg-, Arzt- und Schicksalsroman über Historienschinken, vom Gesellschaftsdrama bis zum Elfenkrimi. Ich beanspruche hiermit das Copyright.

Freitag, 27.09.19 – Verhülltes

Nom de plume oder nom de guerre?

Es ist ein offenes Geheimnis:

Ich heiße nicht Nikolaus Klammer und ich bin auch nicht Nikolaus Klammer. Ich bin ein anderer. Ich bin weder der verzweifelte Schriftsteller Nikolaus M. Klammer aus den erinnerten Memoiren des Dr. Geltsamer, noch der gelangweilte und zynische Beamte Nikolaus Klammer aus dem Jahrmarkt-in-der-Stadt-Zyklus, der gerade in meinem neuveröffentlichten Roman „Nutzlose Menschen“(1) sein Wesen resp. Unwesen treibt. Und am wenigsten bin ich Miladí da Hivers intriganter Sekretär Niclas Agrafe aus den Brautschaubüchern.(2) Es stimmt schon. Eine Figur mit diesem Namen taucht in jedem Buch von mir auf, sogar in meinen Märchen um Karl-Heinz, den Weihnachtshund. Das ist ein Spiel, an dem ich wahrscheinlich mehr Vergnügen als meine Leser habe, von denen ich einige damit verwirrt habe. Am Ähnlichsten ist mir wahrscheinlich jener Nikolaus Klammer, der für die Autorenschaft meiner Werke Verantwortung übernimmt, diesen Blog führt, z. B. bei Twitter, Facebook oder Lovelybooks ein durchaus rühriges virtuelles Leben führt und mit klammer@email.de ein eigenes Postfach führt.

Ganz schön eifrig, der Nikolaus Klammer. Die Bücher rechts, in denen Kurzgeschichten und Erzählungen von mir zu finden sind, kann man übrigens zum Teil über den Webshop des Wolkenstein-Verlags erwerben, in dessen Verlagsforum Nikolaus Klammer mal recht fleißig publizierte.

Nikolaus Klammer ist also nur ein nom de plume, ein Schriftstellerdeckname, ein Alias. Seit ich mich im Web bewege, habe ich überall konsequent nur dieses Pseudonym benutzt und es ist inzwischen ein Vulgo-Name, den manchmal sogar schon meine Freunde verwenden, wenn sie mich ansprechen.(3) Ich weiß, dass es nicht allzu schwierig ist, meinen Realnamen(4) herauszufinden, aber mir ist es bis jetzt erfolgreich gelungen, ihn aus dem Internet herauszuhalten. Zum Glück sind nur wenige so neugierig. Während eine Google-Suche nach Nikolaus Klammer tausende Einträge und Bilder liefert, kann man den „echten“ Menschen dort eigentlich nicht finden. Allein ein weit entfernter Verwandter von mir(5) mit gleichem Namen taucht an den wenigen Fundstellen auf. Mein Ziel, mein privates Leben hinter einer erfunden Person zu verbergen, ist mir also im Großen und Ganzen gelungen.

Warum ist mir das wichtig? Natürlich ist es auch der Reiz des Sich-Verbergens, des Sich-Verhüllens, der Charade, der mich dazu gebracht hat, mir einen Künstlernamen zuzulegen, der inzwischen sogar auf meinem Briefkasten steht, damit der Herr Klammer seine Post bekommen kann (Nicht, dass das häufig geschieht). Wer mich nicht persönlich kennt, weiß zum Beispiel nie, ob das, was ich hier schreibe (auch dieser Text) „wahr“ ist, „halbwahr“ oder einfach „frech gelogen“. Ich muss mir keine Gedanken machen, wie meine Geschichten und Blogartikel bei meinen Bekannten, Freunden und Verwandten ankommen. Die meisten von ihnen sind übrigens recht froh, dass dadurch mein ganzes Schreiben nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird, denn diese Seite meiner Existenz, die offenbar nur mir so richtig wichtig ist, ist ihnen eher peinlich und sie bemühen sich nach Kräften, sie zu ignorieren. Wenn ich in vertrauter Runde über meine Literatur reden möchte, ist das ein noch bewährterer Stimmungs- und Gesprächskiller als das Auflegen einer Leonard-Cohen-CD. Diesem Unbehagen will ich niemanden aussetzen. Ganz pragmatisch ist das Pseudonym auch ein Schutz davor, dass Nachbarn und Menschen, mit denen ich über meinen Brotberuf zu tun habe, von meinem doch recht anrüchigen „Schriftsteller-Hobby“(6) erfahren, denn es hat schon ein wenig von einem ekligen Hautausschlag oder einer verborgenen Geschlechtskrankheit und stellt mich in die Ecke der Absonderlichen und Wirrköpfe. Würde meine nicht gesellschaftsfähige Beschäftigung publik, würde es meinem Ruf und Ansehen schaden und ich würde nicht mehr ernst genommen. Auch deshalb bin ich janusköpfig. Das ist so traurig, wie es wahr ist. Da ich mich nicht in Künstler- und Literatenkreisen bewege, sondern in einer grundsoliden, bürgerlichen und dazu auch noch bayerischen Umgebung, kann ich nur dann ein Autor sein, wenn ich als Nikolaus Klammer im Netz unterwegs bin und meine Romane veröffentliche. Und unter diesem nom de guerre kann ich dann auch mal – salopp ausgedrückt –  die Sau rauslassen. Klammer darf alles sagen, was ich verschweigen muss. Er kann sich mit Dingen beschäftigen, die außer mir keinen in meinem Umfeld interessieren, kann seine stupende Belesenheit, seinen Witz, Geist und Intelligenz sprühen lassen und dabei so selbstherrlich und arrogant auftreten und reüssieren, wie es mir in meinem realen Leben unter meinem realen Namen niemals möglich ist. Als Nikolaus Klammer bin ich ein Held, so wie der langweilige Clark Kent Superman ist.

Ein so alteingesessenes Alias hat selbstverständlich auch ein paar Nachteile. Es ist wie ein eleganter Anzug, der ab und an overdressed wirkt und nicht passt und manchmal sogar an des Kaisers neue Kleider erinnert. Doch er sollte niemandem vom Leib gerissen werden, wie dies unter anderen Elsa Ferrante geschah. Keiner hat aus Sensationslust oder einfach aus Bosheit das Recht, einem anderen sein „Imago“ zu rauben, das er sich mühsam aufgebaut hat. Trotzdem:

Ich liebe Nikolaus Klammer!


(1) Falle ich euch schon lästig? Egal. Ich mache hier noch einmal Werbung für meinen neuen Roman „Nutzlose Menschen“ aus meinem Jahrmarkt-in-der-Stadt-Zyklus, der im wohlsortierten Buchhandel oder in dessen Online-Shops als Taschenbuch oder als spottbilliges E-Book erworben werden kann; z. B. hier.

(2) Ich bin auch nicht der ausgeprochen arbeitscheue österreichische Künstler und Gemmenschneider Nikolaus Klammer – der sich selbst anglizierend Nicolas Clamer schrieb -, Zeit seines Lebens (1769 bis 1830) an finanziellen Problemen litt und an „Brustwassersucht“ verstarb. Wie es in einem alten Lexikon heißt, war er „zu viel Idealist, weil er an seinen Werken oft monatelang arbeitete und alles um sich vergaß”. Das alles erinnert mich allerdings wieder an mich selbst; auch wenn mir Clamer noch nicht bekannt war, als ich den Namen Anfang der 90er Jahre für den Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ für mich erfand.

(3) Sogar meine Frau benutzt ihn inzwischen und ist z. B. beim „Quizduell“-Spielen auf ihrem Smartphone unter „frau klammerle“ zu finden. Sie ist übrigens in der Rangliste ziemlich weit oben und freut sich immer über neue Gegner. Man kann sich selbstverständlich auch mit „Nikolaus Klammer“ messen.

(4) Über meinen realen Vornamen stritten meine Eltern lange. Meine Mutter wollte Bodo oder Lars – sogar Detlev(!) stand auf ihrer Liste – mein Vater war mehr für gut Abgehangenes: Maximilian, Heinrich, Hermann oder Karl. Zu meinem Glück konnten sie sich auf den Namen eines norwegischen Wikingerkönigs aus dem Hause Jelling einigen, der 1963 zu den beliebtesten Jungennamen gehörte. Ich hatte deshalb in jeder Klasse drei Namensvettern. Der echte Nachname kling typisch Bayerisch, auch wenn er nicht so geschrieben wird und zum Glück nicht auf -er endet.

(5) Ich bin meinem Wiedergänger nur ein einziges Mal vor vielen Jahren bei der Beerdigung meines Großvaters begegnet und es gibt buchstäblich nichts außer dem Namen und einer fast identischen E-Mail-Adresse, das wir gemeinsam haben. Daraus lässt sich leider keine romantisch-gespenstische „Elixiere des Teufels“-Geschichte machen.

(6) Der „Hobbyautor“ und wie ich das hasse!

Montag, 23.09.19 – Rückmeldung

Montag, 23.09.19

So lasst mich denn erneut beginnen …

Dann ist es also nach diesem langen Sommer doch noch Herbst geworden. Am Morgen liegen zähe Nebelschwaden auf den Schmutterwiesen und die frühe abendliche Kälte treibt einen von der Terrasse des Altweibersommergartens ins düstere Haus hinein, in dem auch schon ein-, zweimal der Holzofen seinen Dienst aufgenommen hat. Die Wetteraussichten: Mies, es soll die ganze Woche regnen. Überall hat längst die Sommerpause begonnen: Alle sind längst aus ihrem Urlaub zurück (wenn sie nicht mit Thomas Cook geflogen sind), Lehrer und Schüler sind endlich wieder zumindest wochentagstags in die Klassenzimmer weggegeräumt, die Kühe sind von der Alm und die Politiker haben ihr Alltagsgeschäft, mit viel Geschrei wenig zu tun, wieder aufgenommen und Lebkuchenpakete sprießen wie die Pilze im Wald aus dem Boden der Supermärkte. In den Restaurants erscheinen Kürbissuppen im Tagesangebot, die Shortlist für den deutschen Buchpreis ist online und auch für mich wird es Zeit, meine Blogauszeit zu beenden. Auch wenn es mir diesmal sehr, sehr schwer fällt.

Oh, danke der Nachfrage, es war sehr schön in den letzten zwei Monaten. Frau Klammerle und ich sind auf einige Berge gestiegen und haben Städte besichtigt, genossen la dolce vita in einem Weingut am erstaunlich touristenfreien italienischen Iseosee und haben eine halbe Bibliothek leergelesen, gut gegessen und gekocht und die eine oder andere Flasche Wein geöffnet. Ich habe einen alten Roman (Nutzlose Menschen) überarbeitet, ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit „veröffentlicht“(1) und freilich auch an meinen anderen Projekten gefeilt. Wenn ich ausnahmsweise einmal ehrlich bin: Überanstrengt habe ich mich nicht und eigentlich könnte es so weitergehen, lesend, wandernd, schreibend, faulenzend, genießend. Jedoch ist der Mensch ein soziales Wesen und ich fühle mich schon ein wenig von meinem Umfeld (Frau Klammerle, die schon seit Wochen wieder arbeitet) bedrängt, das die Erwartung hat, dass ich endlich wieder mit meinem Alltag zu beginne, mit meinem Brotberuf zum Lebensunterhalt beitrage, Hausarbeiten erledige und das soziale Leben wieder aufnehme. Sie hat ja recht …

Darum ein seufzender Blick zurück ins Tal und dann sei mir herzlich auf meinen Seiten willkommen, mein lieber unbekannter Leser; egal, ob du zum Inventar gehörst oder mich neu entdeckt hast. Hier beginnt eine neue Staffel mit neuen Gedankensplittern, neuen Texten und neuen Ausszügen aus meinen Büchern. Vielleicht hat ja der/die eine oder andere Lust, mich auf meinem langen, steilen und überaus steinigen Abenteuerpfad hinauf in den Olymp der Literatur ein paar Höhenmeter zu begleiten. Ich würde mich freuen.

Wir lesen uns.

PS. Und keine Sorge, ich überanstrenge mich schon nicht. Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Die nächsten Ausflüge ins Lechtal und vor Allerheiligen nach Südtirol sind schon fest eingeplant, falls es meinem alten Stinker-Diesel noch einmal gelingt, sich durch den TÜV zu mogeln.

__________________________

(1) Ich weiß, hier habe ich einen Satz veröffentlicht, der zweimal „veröffentlicht“ enthält. Es ist an der Zeit, es hier öffentlich der Öffentlichkeit zu sagen: Ich bin kein Deutschlehrer. Sollte einer dieser strengen Zunft unter meinen Lesern sein (ich will es bezweifeln), so darf er den Satz ruhig mit Rotstift unterstreichen und ein großes „A“ an die Seite seines Bildschirms schreiben – der Korrekturrand meiner Aufsätze waren immer voller „A“, daran bin ich gewöhnt. Ich glaube aber, dass nur Deutschlehrern Wortwiederholungen auffallen.

Freitag, 26.07.19 – Am Ende angelangt

Freitag, 26.07.19

Du bist zwar schneller,
aber wir sind im Urlaub.
Aufkleber auf der rückseitigen Tür eines Wohnmobils

Am Ende angelangt

Das ist ein Gespräch, das ich gerade gefühlt fast täglich führe:

„Ach ja, Frau Klammerle und du, ihr macht doch dauernd Urlaub.“
„Tja, wer kann, der kann. In diesem Sommer fahren wir übrigens nach Italien; an den Iseo-See.“
„Ach, nett, da war ich auch schon.“

Es ist merkwürdig: Egal, wohin ich in den Urlaub fahre – alle waren schon vor mir da, aber mir wird es zum Vorwurf gemacht. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sowohl meinem Brotberuf, als auch meiner Schriftstellerei ein neiderweckendes Maß an Freizeit und Faulheit unterstellt werden. Da kann ich nur sagen: Augen auf bei der Berufswahl und mal ein wenig an der eigenen Nase packen. Viele von denen, die mir Faulheit unterstellen, sind selbst nicht unbedingt fleißig und der hartnäckigste Kritiker meiner Freizeitgestaltung, der immer ein spöttisches Wort über meinen Brotberuf findet, ist seit 25 Jahren Frührentner.

*

Doch leider ist auch ein Tropfen Gallebitternis in die nun kommenden Urlaubswochen verrührt.

Also gut, ich bin es leid. Irgendwann in den letzten Wochen kapierte sogar ich hartnäckiger Träumer, dass es so nicht weitergeht, dass alle Arbeit, alle Anstrengung, aller Fleiß und alle Hoffnung vergeblich waren: Ich bin am Ende; meine Flucht vorwärts führte direkt in eine Sackgasse hinein.*

Am Ende? Nun, es gibt heute zumindest ein Staffelfinale ohne Cliffhanger und ohne die vollkommene Gewissheit, ob es im Herbst eine Fortsetzung geben wird.

Wie in jedem Sommer geht mein Blog „Aber ein Traum“ nun für zwei Monate (oder vielleicht auch für viel länger) in die Sendepause.

Ich ziehe mich vollkommen zurück in mein Schneckenhaus (Gut, ein oder zwei Fühler strecke ich noch aus …) oder, um beim Künsterbild zu bleiben: Ich wohe ab heute in meinem privaten Elfenbeinturm. Ich als Autor, der tausende von Seiten geschrieben, 8 Bücher veröffentlicht und hier fleißig gebloggt hat, fühle mich gerade allzu erschöpft und ausgelaugt, deprimiert – in die Enge getrieben und endlich auch besiegt. Mein digitales Anbiedern, die Internetprostitution, das Freundlichtun gegenüber Gleichgültigen und Überheblichen Selbstdarstellern ekeln mich an.

Ich will nun mal wieder analog leben, Kraft schöpfen, meine Ehe und meine Beziehungen pflegen, die Welt (zumindest einen kleinen Teil von ihr) sehen, ohne Verpflichtungen und äußere Zwänge sein. Das habe ich allzulange vermisst. Ich möchte dicke und noch dickere Bücher lesen, unbeeinflusst von Verpflichtungen oder Erwartungen an meinen eigenen Werken schreiben und das eine oder andere Neue auf neue Weise beginnen. Ich will morgens ohne Last und Termine erwachen und den Tag mit Mozart, Vivaldi, Albert King und einer Butterbreze beginnen. Ich will tagsüber Schönheit, Kultur und Kunst in mich aufnehmen, damit sie mich noch im Winter von innen wärmen. Ich will abends mit einem Glas Weißwein (Unser Ferienhaus liegt in einem Weingut) in der Hand auf einer Terrasse an einem See sitzen und zu den noch glühenden nahen Bergen, die mein morgiges Ziel sind, hinübersehen, während die Stille nach Sonnenuntergang etwas Kühle heranwehen lässt und die letzten Schwalben in der hohen Luft pfeifen. Ich will endlich die erschöpfte Melancholie dieses Sommers, in dem so viele Dinge enden, genießen können. Der Blog ruht in der Zeit als Versprechen wie ein schon von weitem sichtbares Storchennest, dessen Jungtiere flügge geworden und dessen Storchenpärchen in den Süden geflogen ist. Das alles will ich – und noch einiges mehr. Wird es mir zumindest im Ansatz auch gelingen? Ich will es versuchen und diese Hoffnung kann mir niemand nehmen. Bis zur Ziehung der Lottozahlen im Herbst bin ich ein Millionär.

Ja, ich bin ein von Selbstzweifeln und Lebensängsten zerfressener Autor und ein unsicherer, überaus schüchterner Mensch. Daher brauche ich Jahr für Jahr diese Ausruhphasen, um weitermachen zu können, mich vom Tonnengewicht meines Scheiterns befreien zu können. Nun, das hat auch sein Gutes: Niemand wird meine Stimme über den Sommer vermissen, denn ich finde ja keine Leser – auch nicht mit diesem Text. Da gibt es seit Wochen keinen, der sich auf meinen Blog verirrt und etwas liest, niemanden, der meine Bücher kauft, keine Kritiker, keine Anhänger, noch nicht einmal Feinde. Das Internet ist mein Totes Meer. Meine Texte dümpeln unbemerkt im Salzwassersee der Gleichgültigen und Uninteressierten. In den letzten Wochen habe ich viele lange Abschnitte meiner Werken überarbeitet und hier gebloggt, teilweise gehören diese Texte zum Besten, was ich als Schriftsteller schaffen kann – sie sind die Früchte harter und intensiver Arbeit. Es war als Werbung für mich selbst gedacht. Doch nichts fand Aufmerksamkeit oder auch nur Gnade, da war kein Publikum. Was bedeuten 150 Follower, wenn sich niemals einer von ihnen auf meine Seite verirrt oder gar einen Dialog mit mir beginnen will? Damit aus meinen Schriften Literatur wird, brauchen sie nur ein, zwei Leser, das Auge des Betrachters. Wenn dieser jedoch fehlt, dann ist alles, was ich mache, eitel und unnütz und der Blog nur ein Papierkorb. Die Mona Lisa ist ein buntes Bildchen, wenn sie im Keller hängt und niemand sie ansieht. Ein Kunstwerk wird nur eines, wenn es sich von seinem Schöpfer löst und betrachtet wird. Meine Texte sind jedoch Angebote, die nicht angenommen werden – aus welchen Gründen auch immer. Deshalb werde ich nicht nur den Blog auf unbestimmte Zeit schließen, sondern auch meine Buchveröffentlichungen zumindest für die nächste Zeit stoppen.

Meine Stimme war nicht laut, doch sie ist heiser geworden und ich muss sie jetzt verstummen lassen. Aber außer mir bedauert das eh niemand.

*

Ich wünsche trotzdem jederfrau (und -mann) eine schöne Sommer- und Ferienzeit, Erholung und Glück im Großen und – wertvoller oft – im Kleinen.

________________________________________

* Ich weiß, dass es paradox ist, aber ich will in diesem Zusammenhang auf meine Erzählung „crisis“ hinweisen, in der ich schon vor fast vierzig Jahren sehr gut zusammengefasst habe, wie ich mich im Moment in Deutschland und in meinem Leben fühle.

Beitragsnavigation