Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Den Weltuntergang ordnen – Die „Brautschau“-Chronologie

1. Geschichte einer endlosen Saga

1987 – damals war ich 24 Jahre jung –  schrieb ich die ersten vier Kapitel eines Fantasyromans, der in einer dystopischen Zukunft spielen sollte. Ich widmete mein Werk Frau Klammerle, die ich in diesem Jahr heiratete. Ich nannte ihn beziehungsreich „Brautschau“ und es ging um den jungen, naiven Half, der von seinem kleinen Dorf in der Provinz hinaus in die weite Welt zieht, um dort die Frau seines Lebens zu finden. Die einzige Bedingung, die er an seine Zukünftige stellte, war, dass sie unbedingt blonde Haare haben sollte. Bald schon geriet er allerdings in ein Intrigenspiel zwischen dem angeblichen Kaufmann Juel und den Mönchen Jac und Sahar, die ihn verfolgen und gefangennehmen wollen.

Wie so viele hoffnungsvolle Romananfänge von mir zu jener Zeit hatte auch die Brautschau keine Zukunft. Nach ungefähr 100 Buchseiten legte ich das Projekt zu den anderen Fehlgeburten in meine „Schubladen für verlorene Texte“ und schrieb an anderen Werken. Denn mit Genre-Literatur wollte ich eigentlich nicht bekannt werden, da ich mich als „ernsthafter“ Autor sah. Damit schien auch die Geschichte von „Brautschau“ besiegelt.

Die „Schubladen der verlorenen Texte“

Im Sommer 2013 dann benötigte ich für meinen frisch gegründeten Blog „Aber ein Traum“ Texte, die ich auf ihn stellen konnte(1). Ich hatte auf dem Blog mit einem befreundeten Autor einen Fortsetzungsroman begonnen (siehe hier –>), der durchaus einiges Publikum erreichte. Als wir nach einem hoffnungsvollen Beginn leider in persönliche und literarische Differenzen trudelten und unsere Zusammenarbeit beendeteten, suchte ich nach einem Text, der sich gut für Fortsetzungsromane eignete. Ich fand ihn in meinem alten „Brautschau“-Manuskript. Beim Überarbeiten für den Blog stellte ich fest, dass die alte Geschichte durchaus originell und ausbaubar war und Leser finden könnte. Also begann ich mit der Vorveröffentlichung des alten Textes (siehe hier –>). Ich schrieb einen Prolog, der der Handlung einen tiefergehenden Hintergrund und Erweiterungsmöglichkeiten verschaffte (Dieser Prolog ist mir länger geraten als das Bruchstück, das ich als 24jähriger geschrieben hatte) und dazu noch ein fünftes Kapitel, in dem endlich auch die weibliche Hauptfigur Hetha ihren Auftritt hat. Ich ließ nun auch Sahar das Märchen von „Faiaba“ erzählen, die irgendwo in den Jenseitigen Landen seit Jahrtausenden tiefgefroren auf ihr Erwachen wartet. Damit hatte ich Futter genug, um meinen gefräßigen Blog über Jahre zu füttern. Woche für Woche erschienen die Fortsetzungen und gleichzeitig arbeitete ich auch an dem Buch weiter. Bald wurde mir klar: Wenn ich alles erzählen wollte, dann musste ich aus „Brautschau“ eine klassische und umfangreiche Fantasy-Trilogie machen.  Anfang 2017 war es dann so weit: Der 1. Roman meines Fantasy/SF-Epos hatte 150000 Wörter und ich veröffentlichte die 600 Seiten als Selfpublisher unter dem Titel „Meister Siebenhardts Geheimnis“.

Auch die ersten 100 Seiten des 2. Bandes „Faiabas Erwachen“ waren längst geschrieben und Rest der Saga „durchgeplottet“. Ich wollte eigentlich auf die bewährte Weise weitermachen. Auch die „Faiaba“ wollte ich als Fortsetzungsroman auf meinem Blog vorveröffentlichen. Gleichzeitig würde ich an ihr weiterschreiben, denn das hatte sich als erfolgreiche Methode für mich herausgestellt, um mit einem Text in diesem Umfang zurecht zu kommen.

Doch dann machte mir meine machmal ein wenig überbordende Fantasie einen Strich durch die Rechnung. Denn zu dieser Zeit begann ich auch nebenbei als kleine Fingerübung mit einer kurzen Erzählung, die von Geschehnissen berichten sollte, die sich ein halbes Jahr vor der Brautschau-Trilogie in der Wüstenstadt Karukora ereignen. Auf sie wird im „Meister Siebenhardt“ mehrmals angespielt. Auch für „Der Weg, der in den Tag führt“ bediente ich mich bei einer alten, allerdings komplett verlorengegangen und sehr zynischen Geschichte von mir, die allerdings urspünglich nichts mit „Brautschau“ zu tun gehabt hatte. Eigentlich hatte ich etwa 20000 oder 30000 Wörter für den Text eingeplant, doch daraus wurde nichts. Die Geschichte um Selin und die verlorene Stadt Pardais, in der auch einige Figuren der Hauptreihe „Brautschau“ mitspielen (Juel, Sahar, Miladi etc.), geriet mir unter der Hand länger und länger und hat sich inzwischen zu der umfangreichen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie entwickelt, deren erste beide Bände „Karukora“ (2018) und „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ (2020) bereits erschienen sind und an dessen dritten Buch „Der Schatten von Pardais“ (2022 ?) ich gerade arbeite.

Gleichzeitig will ich selbstredend auch die Hauptreihe fortsetzen. Nach längerem Überlegen habe ich mich jedoch dazu entschlossen, den geplanten und bereits größtenteils geschriebenen Prolog zum 2. Band „Faiabas Erwachen“ aus dem Roman auszukoppeln und ihn als kürzeren Einzelroman im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Auf die bewährte Weise bin ich gerade dabei, ihn hier im Blog als Fortsetzungsroman zu posten. (siehe hier —>)  „Mánis Fall“ ist der Prolog zu „Brautschau“ und sollte eigentlich zuerst gelesen werden ;). Der Roman spielt 5880 Jahre vor „Meister Siebenhardt“ und erzählt von der blonden Studentin Fabia. Ihr Schicksal, das ihres Professors Baruch Rosenthal  und das ihrer Studienfreunde Xaver und Sadie ist über die Jahrtausende hinweg auf das Engste mit dem Schicksal der Hauptfiguren der anderen Romane verknüpft.

Tja. So weit, so gut. Aber wie es bei mir so üblich ist, habe ich kürzlich mal wieder in meiner Schubladen-Vault gestöbert und bin auf einen fast vergessenen Romananfang gestoßen, der etwas umgeschrieben wunderbar in die „Brautschau“-Saga hineinpasst und nun eine Art Geheimprojekt ist, an dem ich nebenzu arbeite, aber bisher noch nichts davon veröffentlichte. Es soll „Die Zauberlehrlinge von Italmar“ heißen, spielt etwa zehn Jahre vor der Haupt-Trilogie  und verknüpft einige lose Fäden. Die Hauptfiguren sind u. a. Juel, Jac und Adelf, der ja eine recht prominente Rolle in „Karukora“ spielt. Wahrscheinlich wird wieder eine Trilogie daraus – mal sehen …

Wir lesen uns …


(1) Ein Blog ist ein Moloch, der frisst und frisst und frisst und ständig neuen Nachschub benötigt, wenn er sein Publikum halten will. Die Follower springen einem sofort ab, wenn man mal ein- zwei Wochen lang nicht bloggt. Zeitweise war ich ein Getriebener und veröffentlichte siebenmal in einer Woche. Erfolg hatte ich damit allerdings nicht: „Aber ein Traum dümpelt friedlich vor sich hin – mit seit Jahren konstanten 150 Followern, von denen aber höchstens eine Handvoll ihn ab und an besuchen kommt. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und betrachte den Blog als persönliches literarisches Tagebuch, in das ich schreibe, wenn ich Lust habe. „Aber ein Traum“ ist mir inzwischen eine Art virtuelle „Schublade der verlorenen Texte“.

Ein paar Anmerkungen zu meinem Blog „Aber ein Traum“

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Vor bald acht Jahren begann mit den folgenden, hier ein wenig erweiterten Artikeln mein persönlicher Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden zu können … Nun, aus diesem Traum bin ich dann doch bald erwacht. Nach all der Zeit fasse muss ich nun nüchtern zusammen: Fast niemand verirrt meinen Blog, meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen, um sie dann für mich persönlich in ansprechender Form binden zu lassen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In der Zeit habe ich über 1000 Einträge erstellt, jede Woche, manchmal sogar jeden Tag, etwas Neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, Kurzgeschichten, „Freitagsaufreger“, „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, Theaterstücke und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, Glossen und Momentaufnahmen, Gedankensplitter, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 800 eigene Fotos eingebunden. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren. Allerdings gefiel mir aber deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum … Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das zweite Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

„Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Ich will ehrlich sein: Erzählte Träume langweilen mich. In Romanen überblättere ich sie grundsätzlich, denn sie haben eigentlich nie etwas mit der Handlung zu tun, sie sind ein retardierender und, wie ich finde, fader Moment des Zeilenschindens. Man lernt auch die Figur des Träumenden nicht näher kennen, denn Träume sind in der Tat Schäume, sie bedeuten mir – Freud zum Trotz – buchstäblich Nichts.

Nicht nur im Buch, auch im Alltäglichen habe ich einen Horror vor Traumgeschichten. Jemand erzählt mir zu meinem Leidwesen den seinen brühwarm am Frühstückstisch, den, den er beim Erwachen träumte und den er beim Erwachen eigentlich schon wieder fast vergessen hat – meistens liegt ihm nur noch ein Geschmack auf dem Mund – und während er berichtet, geschieht etwas Seltsames: Sein Geist/Verstand/Über-Ich/Was-weiß-Ich greift ordnend ein und gibt dem Traum Folgerichtigkeit, innere Logik, einen Handlungsablauf, der nie existerte – der Traum wird zum Gleichnis, zur Allegorie. Der tatsächliche Traum war nur eine Melange von wirren und surrealen Bildern, Eindrücken, Satzfetzen und Bewegungen, alle ohne Handlung, Logik oder gar Stringenz.

Das ist wie mit den Wolkentieren, den Badezimmerfliesengestalten oder dem Jesusabbild auf dem angebrannten Tost: Eigentlich ist dort nichts zu sehen, die Gegenstände sind zufällig so, sie nehmen keinen Kontakt mit mir auf. Aber verzweifelt schafft mein Verstand Verbindungen (er ist dazu gezwungen) und es gelingt ihm, die Gegenstände zu beleben, etwas zu erkennen, was nicht da ist. Wenn er sein Bild dann gefunden hat, vergisst es es erleichtert nie mehr: Das Mondgesicht ist geboren. Bei Träumen ist das ganz ähnlich: Das Gehirn schmeißt während meines Schlafs wie ein Messie alle möglichen Abfälle des Tages wüst in einen Raum und wühlt sie durcheinander. Wenn ich aufwache, beginne ich aufzuräumen. Ich konstruiere mir meinen Traum – und oft ist er für mich wundervoll. Es gibt Traumbilder, die man nie vergisst. Aber warum muss ich sie unbedingt anderen erzählen? Was bedeuten denn jemandem meine Träume?

Ich kann verstehen, wenn man voll des Erlebten ist und durch Erzählen festhalten will, was in Wahrheit längst verloren, aber ich bin dann der schlechteste Zuhörer der Welt. Bin ich der einzige, dem es so geht?

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“

Walt Whitman

Um noch einmal auf den Titel dieser Blogseiten und meines Romanes zurückzukommen, so ist der Widerspruch nur ein scheinbarer:

In Aber ein Traum … geht es nicht um die Träume einer unruhigen Nacht, auch wenn dort tatsächlich welche erzählt werden. Hier ist das Leben ein Traum, verstanden wie bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der sich zu der existenziellen Frage gezwungen sieht, ob er ein Mensch ist, der träumt, ein Schmetterling zu sein oder ein Schmetterling, der sich in einen Menschen träumt. Die Welten, in denen sich meine Figuren bewegen, in die Waldescher, Binderseil und die anderen wechseln, sind im eigentlichen Sinne Anderswelten, wie sie in den klassischen irischen Sagen auftauchen, auch wenn das nie so deutlich ausgesprochen wird. Es sind Welten mit einer eigenen Physik, ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Zeit – weitere Bläschen im Schaum des Universums.

Ob sie ebensoviel Existenz besitzen, wie die sogenannte Realität und ob sie nicht neben ihr, sondern zwischen ihr Platz gefunden haben: Das ist mein Thema von Aber ein Traum …

Schlussbemerkung:

Am Anfang kommt die Handschrift – das Aufsetzen.

Das hat zwei Gründe:

Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren! Ich schreibe handschriftlich meist nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Manche Tage haben eine Farbe – Neujahrsgedanken

Manche Tage haben eine Farbe.

Wie kann es sein, dass sich ein ganzes Leben in einem kurzen Moment verdichtet, ganz wie das Spektrum der Lichtstrahlen im Brennpunkt einer Linse? Wie ein ruhiger, breiter Strom fließt es manchmal dahin, behäbig und ausgeglichen. Plötzlich, weil zu Beginn unmerklich, nimmt die Strömung zu, beschleunigt sich. Alles strudelt nun rasend schnell auf ein drohend nahes Ziel hin, das Flussbett wird unbequem und schmal. Das Leben ist mehr, aber nun konzentriert es sich in einem Punkt, einer felsigen, bedrohlichen Enge, durch die es schäumend und Wirbel schlagend seinen Weg bricht. Dahinter, nur wenige Augenblicke später, verbreitert sich der Fluss und atmet ruhiger, aber er ist doch nie mehr der, der er vorher war. Es dauert lange, bis sich der aufgewühlte Schlick, der das Wasser schmutzt und dunkelt, wieder setzt.

Diese besonderen Tage der Entscheidung haben in meiner Erinnerung eine Farbe. Ich bin versucht, vom Hochnebelgrau eines Herbsttages zu erzählen, einem nasskalten Grau, das zäh an die Häuserfronten klammert und in mein Gemüt beißt.

Ich würde gerne vom Blau einer hellen Sommernacht sprechen, einem Blau, das Liebe fordert und Trauer findet, berichten vom schmerzhaft hellen Milchton eines Neujahrmorgens, der in der Tat wie eine Wiedergeburt war, von der Prüfung am Tag der braunen Hitzeschlieren, vom hoffenden Ausflug in die rote Stadt, dem Grün eines von Nebelschwaden eingehüllten Alpengipfels.

Obgleich tief und ernst empfunden, wird mir das alles beim Aussprechen schon allzu seicht, die Sprache gleitet mir wie Sand durch die Finger. All das hat erschreckend wenig Belang und ist voller Lüge und falscher Sentimentalität. Deshalb will ich lieber davon schweigen, denn jeder auch nur mit einem Hauch von Empfindsamkeit begabte wird mit ein wenig Mühe in seiner eigenen Erinnerung fündig werden und dabei überrascht feststellen können, dass, je älter das aufgedeckte Gestern ist, er um so weniger von Gesichtern, Daten und Bewegungen behalten hat, es bleiben, unentwirrbar miteinander verwoben, die Gefühle und die Farbe, jene leuchtende Melodie in den Dingen. Ich glaube, dies ist das geheime Raster, nach dem das Gehirn seine Erinnerungen ordnet.

Dieser Tag gestern war gelb und er vermischte sich auf magische Weise mit einem Tag in meiner Vergangenheit, den ich lange vergessen wähnte. Beide hatten sie die Farbe von blühendem Löwenzahn auf einer ungemähten Frühlingswiese, das gallebittere Gelb der endlosen, die Augen überfordernden Rapsfelder, die glitzernden Reflektionen der Sonnenstrahlen auf feuchten Butterblumen – komplementär gespiegelt in den purpunen Wolkenfäusten eines nahenden Gewitters. All das hat sich ins Schwarz meiner Pupillen gebrannt wie ein goldener Glanzfleck.

Das schimmernde, flirrende Gelb dieser Tage wird mich immer frisch und immer neu begleiten. Ich möchte mein Leben gerne beenden, während ich mich an den Gedanken an meinen gelben Tag festklammere; seine Nuancen stetig wieder neu entdeckend, sie mit den zögernden, letzten Atemzügen in den Raum hauchend, in dem ich ein letztes Mal zu liegen komme.

Jenes aggressive und aufdringliche Gelb beherrscht mich, denn es ist mir ein Synonym für ein Glück geworden, das ich einmal kennenlernte und allzu schnell wieder verlor.

(Sozialistische Selbstkritik: So nicht! Sentimentales Geschwurbel, akute Adjektivdiarrhö, schwieriger, verschachtelter Satzbau für einfache, klare Empfindungen; zu viel erlesen, zu wenig selbst entwickelt – viel zu lang. Und nie, nie einen Text mit einer rhetorischen Frage beginnen oder gar mit einem „Als…“. Goldene Regel: Wenn ein Buch mit „Als…“ beginnt, ist es Mist. Solche Bücher will ich selbst nicht lesen – also sollte ich sie auch nicht schreiben.)

Dennoch, beim Schreiben habe ich das tief und echt empfunden. Mein Tag war gelb.

Die Bücher sind da!

Gestern hat der nette Paketbote von der DHL endlich das ersehnte Paket von meiner Druckerei gebracht und ich bin schließlich doch noch in den Besitz meiner beiden bisher erschienen „Brautschau“-Romane mit den von mir selbst gestalteten neuen Coverbildern gelangt. Ich finde, sie sind mir gut gelungen und machen hoffentlich Lust auf den spannenden Inhalt. Vielleicht locken diese Titelbilder ja ein oder zwei neuer Leser an. Vergesst nicht, in nur 35 (in Worten: fünfunddreißig) Tagen ist Weihnachten! Diese Bücher machen sich perfekt unter dem Gabentisch und kann sich während der Tage zwischen den Jahren in ihren Seiten und Geschichten verlieren. Wie angekündigt, wird noch in diesem Jahr der 2. Band der Karukora-Trilogie erscheinen, dessen erstes Kapitel (120 Seiten) ihr hier lesen könnt. Für Lesestoff ist also gesorgt.

Nebenzu: Ich höre immer wieder die bedauernde Ausrede „Das sind zwar tolle Bücher, aber ich lese eigentlich keine Fantasy.“(1) Ich finde es schade und auch ein wenig verbohrt, einfach ein Genre auszuschließen und sich damit einen großen Lesegenuss zu verschließen. Denn einige Werke, die der deutsche Leser überheblich einem Genre zuordnet und damit den Stempel „minderwertig“ verpasst, sind Weltliteratur (z. B. „Gormenghast“ von Mervyn Peake(2)). Marcel Reich-Ranicki hat zum Beispiel grundsätzlich keine Kriminalromane gelesen und wahrscheinlich auch nie einen SF- oder einen Fantasyroman in der Hand gehalten. Wir arm und karg muss die Lektüre des Kritikerpapstes gewesen sein! Es ist wie mit Loriots Möpsen. Ein Leben ohne Genreliteratur ist möglich, aber sinnlos. Keine Angst. Bei mir gibt es keine Elfen oder Orks und auch keine Zauberei und Fantasy habe ich es nur genannt, weil mir kein adäquater anderer Begriff zur Verfügung stand – Sage oder Märchen würde zwar auch passen, führt aber ebenso in die Irre.

Aber genug geplappert. Lest meine Bücher, verflixt!

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(1) Dabei weiß ich genau, das die Hälfte dieser Leute überhaupt nichts lesen!

(2) Kennst du nicht? Das ist wirklich eine Sünde. „Gormenghast“ zählt zu den zehn besten Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe.

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Was bisher geschah …

Wie ich gestern ausführte, werde ich in den nächsten Wochen intensiv an dem 2. Band meines Fantasy-Epos „Der Weg, der in den Tag führt“ arbeiten, damit ich den Roman bis zum Ende des Jahres abschließen kann. Deshalb gibt es heute schon einmal eine kleine Zusammenfassung des 1. Teiles „Karukora“, der auch am Anfang des Buches zu finden sein wird. Ich denke, das ist ein Dienst am Kunden, vor allem, wenn es vielleicht schon ein Jahr oder länger her ist, dass man den Einstiegband gelesen hat. Nur wenige besitzen das Gedächtnis, sich an die Verwicklungen der Handlung und die Namen der Protagonisten zu erinnern.

Eine aktuelle Daguerrotypie des „Elfenbeinernen Palastes“ aus dem Jahr 5875 im 14. Jahr der glorreichen Regierung des „Unterwerfers“

Was bisher geschah

In den Überlebenden Landen herrscht der heiße Sommer des Jahres 5879 nach der Großen Welle, die die alte Welt der Vorgän­ger zerstörte. Der Stadtstaat Karukora ist auf der Höhe seiner Macht. Das Juwel der Wüste, wie die große Stadt auch ge­nannt wird, befindet sich inmitten unwegsamer Wüs­teneinöden und westlich der Ebenen des Ewigen Krie­ges, wo sich seit Jahrtausenden drei Robo­terarmeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern, die keinen Sieger kennt. Aber Karuko­ra liegt auch am Kreuzungspunkt der wichtigsten Han­delsrouten der Überlebenden Lan­de im Mündungsdelta des vielbefahrenen gewaltigen Stromes Ma­rat ins Süd­meer. Die Stadt wird seit ihrer frühesten urkundlichen Erwähnung im Jahr 3126 von einer Ab­folge von Herr­scherfamilien regiert, deren erste, die so­genannte Bingh-Dynastie, sich direkt von dem legendä­ren Grün­der des Stadtstaats herleitete, dessen Name im Dunkel der Zeit verlorengegangen ist. An der Spitze des Staa­tes steht deshalb seit vielen Jahrhunderten der sogenannte Namenlose Herrscher, der, von seinem Diwan und sei­nem Vezir-Bey beraten, vom Falken­thron des Elfenbein-Pa­lasts aus die Geschicke der Stadt und der umliegen­den Wüsten- und Oasenland­schaften bis hinauf zum Helmgebirge und den Gro­ßen Wall lenkt. Dort grenzt das Herrschaftsgebiet der Namenlosen an das Königreich der Lamargue, mit der Karukora jahrhundertelang in Grenzstreitigkeiten und kriegerische Auseinanderset­zungen verwickelt war und sich heutzutage in einem prekären und brüchigen Waffenstillstand befindet.

Der augenblickliche Herrscher, der sich auch der „Unterwerfer“ nennen lässt, entstammt der relativ jungen Bişra-Dynastie. Sein machtgieriger und intriganter Vezir Ómer Sud, mit dessen hochschwangerer Tochter Eóra der Namenlose ver­mählt ist, plant dessen Sturz, um sich selbst zum Re­genten zu machen und seine eigene Sud-Dynastie zu begründen. Ómer hat sich für seinen Putsch mit dem mächtigen General Paşha Ultem verschworen und will auf einem Gastmahl zuschlagen, das er für Regno Raul IV., den Fürsten der Lamargue, ausrichtet. Dieser be­findet sich gerade von seiner Entourage und seinem Geheimdienstchef Idrichson Galves, der die „Schwalbe von Avríl“ genannt wird, zu diplomatischen Beratungen und Handelsgesprächen in Karukora. Auch die oberen Zehntausend Karukoras und Miladí da Hiver, die rät­selhafte Botschafterin des technologisch fortschrittli­chen 5-Städte-Bundes weit im Osten der Überlebenden Lande, sind zu dem Fest eingeladen, das Ómer mit gro­ßem Aufwand geplant hat, um seine Gäste mit der Überlegenheit der Karukorer Kultur zu beeindrucken. Er erhofft sich gleichzeitig ihre Unterstützung bei sei­nem Handstreich, der ihn an die Macht befördern soll. Doch sein Festmahl, dessen Höhepunkt ein Vortrag des berühmten alten Märchenerzählers Alis Dabinghi sein soll, ruft noch andere Verschwörer auf den Plan, von denen Ómer nichts ahnt.

Druşba es Sakr, die geheimnisvolle Anführerin der legendären Karukorer Assassinengilde „Kalte Hand“, plant an diesem Abend ein bezahltes Attentat auf den hühnenhaften Regno, den man auch als den „Bären von Jasir“ bezeichnet. Der Auftraggeber für diese Mordtat bleibt zwar noch im Verborgenen, aber Meister Adelf von Süderbal, der Botschafter des Mönchsstaats Italmar in Karukora, erfährt durch einen Zufall von dem Komplott. Doch bevor er den Regno oder jemanden anderen warnen kann, wird er von der „Kalten Hand“ aus dem Weg geräumt. Allerdings kann er eine Botschaft hinterlassen, die der Mönchsadept Sahar findet, der sich eigentlich in Karukora aufhält, um nach dem abtrünnigen Meister Siebenhardt zu suchen, der von Italmar wegen Ketzerei gesucht wird. Sahar überredet die skeptischen Raul und Galves, dass auch er als ein weiterer Märchenerzähler verkleidet an dem Fest teilnehmen kann, um die Assassinen auf frischer Tat entlarven und ihren Anschlag vereiteln zu können.

Auch der alte Alis Dabinghi hat eigene Pläne für das Fest. Er lebt mit seinem Enkel Selin, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, und mit seiner älteren Tochter Sirtis in ärmlichsten Verhältnissen in den Slums von Karukora, denen er entfliehen möchte. Er will den Abend des Fests dazu nutzen, um mit der Hilfe eines Dieners von Ómer, seinem stummen, alten Freund Muhar, einen wertvollen Schatz aus dem Elfenbein-Palast zu stehlen. Diesen Raub soll für ihn der junge und geschickte Selin durchführen, während Alis selbst auf der Bühne steht und eines seiner Märchen vorträgt. Das Objekt seiner Begierde ist der „Weg, der in den Tag führt“. Dabei handelt es sich der Sage nach um eine Karte oder eine Wegbeschreibung, die eine Möglichkeit aufzeigt, wie man unbeschadet die Ebenen des Ewigen Krieges durchqueren kann, um zu der legendären Stadt des Friedens und des Glücks Pardais zu gelangen, die inmitten des Schlachtfelds liegt. Soweit Alis, der ein direkter Nachfahre der Bingh-Dynastie ist, aus den Familienüberlieferungen weiß, ist „Der Weg, der in den Tag führt“ in einem Geheimfach im Falkenthron direkt im Thronsaal des Elfenbein-Palasts verborgen. Da Selin zwar seinem Großvater gehorsam, aber kein Dieb ist, macht Alis einen Vertrag mit der Diebeszunft von Karukora, ihn bei einem Raub zu unterstützen. Diese schmuggelt zwei ihrer Mitglieder auf das Fest, die Selin unterstützen sollen: Das sind Jalah, die Dienerin von Semira Binsa, die mit ihren reichen Eltern ebenfalls an dem Fest teilnimmt und Selins heimliche Geliebte ist, und der geheimnisumwitterte Meisterdieb Ludo sorriento, der sich als der Kaufmann Juel aus dem 5-Städte-Bund ausgibt und niemand anderer als der von Sahar gesuchte ehemalige Meister Siebenhardt ist.
Schließlich beginnt Ómers Gastmahl und während sich Sahar und Alis vor den hohen Gästen ein Duell liefern, wer von ihnen der beste Märchenerzähler ist, machen sich Selin und Juel heimlich in Richtung Thronsaal auf, um den „Weg, der in den Tag führt“ zu rauben. Auch Jalah schleicht sich davon. Sie wird von der neugierigen und aufmerksam gewordenen Semira verfolgt, die sich fragt, was ihr Freund und ihre Dienerin vorhaben.

Der traditionelle Satz, mit dem ein Märchenerzähler zum Schluss seines Vortrags kommt, lautet: „Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen.“ Ómer hat mit Paşha Ultem verabredet, dass diese Worte, wenn sie Alis ausspricht, das Signal sein sollen, ihre Palastrevolte gegen den Namenlosen zu starten. Doch auch der ehrgeizige General hat seine eigenen Pläne. Er hat den Vezir gemeinsam mit dem Seneschall Radik Emre an den „Unterwerfer“ und an die Elitesoldaten des Namenlosen, die „Treuwacht“, verraten und vereitelt mit seiner Truppe Wüstenkriegern den Putsch. Ómer wird sofort verhaftet und ins Verlies des Palasts gebracht. Das Gastmahl könnte nun weiter-gehen. Doch in diesem Augenblick stürzt der Regno Raul von seinem Stuhl. Er wurde von den Assassinen der Kalten Hand vergiftet.

Ein paar Stunden vor diesen Ereignissen, kurz vor Sonnenuntergang, nähert sich ein Eselsgespann, das von einer dicken Frau auf dem Kutschbock gelenkt wird, der großen Alhaşra-Karawanserei vor den Toren von Karukora …

Ab morgen werde ich als Leseprobe und zum Reinschmecken das über 100 Seiten lange, längst überarbeitete und fertige 1. Kapitel des Romans in Fortsetzungshäppchen veröffentlichen. Dessen Inhalt, eine Geschichte, die am Großen Feuer der Karawanserei erzählt wird, kann auch gut ohne Kenntnisse des ersten Teils gelesen werden. Obwohl ich schon lange nicht mehr daran glauben mag: Vielleicht findet sich ja unter meinen ach so schweigsamen Followern und Blogbegleitern ein Leser, der mich auf dieser Reise begleiten und den einen oder anderen Kommentar abgeben möchte.

 

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