Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Aber da gab es noch einen Traum – Postkarte ZWEI

All that we see or seem
is but a dream within a dream.
E. A. Poe

Liebe unbekannte Leserin, lieber unbekannter Leser und alle anderen dazwischen und daneben und was es sonst noch so gibt, (ab jetzt der Einfachheit halber „Lieber Leser“ genannt),

das Schreiben ist eine Form des Lesens; man liest sich selbst. Da ist immer eine Stimme, die mir den Text ins Ohr flüstert, während ich hektisch und manchmal vergeblich versuche, mitzuschreiben. (1) Oft jedoch erzählt dieser innere Vorleser mir seine Geschichte, während ich keinen Stift in der Hand halte. Vielleicht ist das der Grund, aus dem viele Autoren (auch ich selbst) Schwierigkeiten haben, ihre Romane und Romanserien zu Ende zu bringen. Sie kennen den Plot schon und langweilen sich, wenn sie ihn auch noch für andere niederschreiben müssen. Für sie ist die Geschichte längst abgeschlossen, sie haben sie bereits gelesen und in ihrem Bücherschrank einsortiert. Sie wenden sich lieber Neuem zu.

Ein Text von mir, der 2013 zur Gründung dieses Blogs führte, heißt „Aber ein Traum“. Der Titel nimmt Bezug auf die oben zitierte Gedichtzeile von Poe, die ich zugegebenermaßen sehr eigenwillig übersetzt habe. In den Katakomben des Blogarchivs finden sich viele hundert Seiten des Romans. Viele der Ideen aus dem, von meiner inneren Stimme schon längst zuende erzählten aber nie zuende geschriebenen, Buch landeten später bei meiner „Geltsamer“-Trilogie. Obwohl „Aber ein Traum“ im Gegensatz zum „Geltsamer“ gehobene Literatur ist und über weite Strecken recht retardierend (um nicht zu sagen, langweilig), hat der Roman wirklich besseres verdient, als hier in den Kellern meines kaum gelesenen Blogs zu verschimmeln. Vor allem ist zwischen die Zeilen sehr viel von meinem Herzblut getropft und manche Passagen darin gehören zu dem Besten, das ich je geschrieben habe. Es ist an der Zeit, „Aber ein Traum“ einem größeren Publikum vorzustellen und es selbst urteilen zu lassen.

Ich habe deshalb in der letzten Woche begonnen, den vorhandenen Text vorsichtig umzugestalten und umzustellen. Ich will das Romanfragment, das momentan ungefähr 400 Seiten lang ist (das ist etwa die Hälfte des ganzen Buchs) so organisieren, dass ich aus ihm eine Trilogie machen kann. Ich habe vor, den 1. Teil, der „Das Geheimnis der Eulenvilla“ heißen soll, noch in diesem Jahr im Eigenverlag zu veröffentlichen. Ich habe in der letzten Woche bereits am Cover gebastelt. Dies ist mein erster Entwurf, mit dem ich schon recht zufrieden bin:

Wie gefällt es dir, mein lieber Leser? Was glaubst du, erwartet dich, wenn du den Roman aufschlägst? Wohin wird er dich geleiten? Und, die wichtigste Frage: Willst du mit mir diesen Weg gehen?

Grüße von deinem Nikolaus.

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(1) Habe ich hier eigentlich schon einmal eingestanden, dass ich vor 25 Jahren die Deutsche Einheitskurzschrift (Stenografie) erlernt und tatsächlich eine deutschlandweit gültige Lehrbefugnis für dieses Fach erworben und in der Schublade verstauben lasse – ein Fach, das ich gottseidank niemals unterrichten musste? Als ich erkannte, dass das Schreiben eine brotlose Kunst ist, habe ich alles Mögliche und auch Unmögliche aus der Furcht heraus unternommen, dass meine Familie und ich bald verhungern werden, wenn ich nicht für ein geregeltes Einkommen sorge. Ich habe z. B. auch jahrelang als Briefzusteller bei der Bundespost gejobbt, Fliesen verlegt und Computerkurse gegeben.

Irgendwann einmal werde ich ausgestopft mit einem Notizblock und einem Stenobleistift ausgerüstet im Ichenhausener Schulmuseum stehen und unter mir wird ein Schild angebracht sein, auf dem „Der letzte Stenolehrer (20. Jhd.)“ steht. Das Erlernen der Kurzschrift ist in etwa so schwer wie das Erlernen einer Fremdsprache. Es benötigt ständige Übung und Pauken. Das sind Dinge, die mir nicht so liegen. Als Schüler hatte ich Stenografie und das Zehn-Finger-Tastschreiben 3 lange Jahre als Unterrichtsfach. Da man darin nicht durchfallen konnte, ignorierte ich es vollkommen und las währenddessen unter der Bank Perry-Rhodan-Hefte. Ich konnte nach den 3 Jahren nicht einmal meinen Namen in Kurzschrift kritzeln und tippte weiterhin im 2-Finger-Adlersuchsystem (einkreisen und zuschlagen!). Heute schreibe ich längst mit allen zehn Fingern und schaffe 300 Anschläge/min. Um hier mal mein Lieblingszitat von Goethe aus dem Torquato Tasso anzubringen:

„So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein,
wie jene, die wir blind und kühn verachten konnten.“

Flink in Steno schreiben ist nicht so schwer, wenn man mal die höheren Weihen, also Schnell- und Eilschrift, beherrscht. Aber eine Herausforderung ist es allerdings, das Aufnotierte anschließend wieder entziffern zu können. Da verliert man mehr Zeit als man vorher gewonnen hat. Heutzutage, im Zeitalter der Diktiersysteme und der modernen Textverarbeitung, ist diese Kunst zudem so überflüssig wie ein Bootsverleih in der Sahara. Selbstverständlich hat die Kurzschrift ihre Meriten. Ohne ihre Erfindung würden sich die Lateinschüler nicht mit Ciceros Anklagereden herumquälen müssen (Tironische Noten) und wir besäßen kaum ein Theaterstück von Shakespeare, der zwar seine Stücke nie zu Papier brachte, deren Aufführungen im Globe Theatre jedoch eifrig von Fans und Raubkopierern mitstenografiert wurden.

Im Gegensatz zum Tastschreiben, das ich mir selbst beibrachte, benutze ich die Kurzschrift übrigens überhaupt nicht mehr. Die Herren Gabelsberger, Stolze-Schrey und Co. mögen es mir verzeihen, aber ich bin noch immer der Meinung, die ich schon als Schüler hatte, der sich mit Kürzeln und seinem Geschmiere herumschlug: „Steno ist doof.“

Den Weltuntergang ordnen – Die „Brautschau“-Chronologie

1. Geschichte einer endlosen Saga

1987 – damals war ich 24 Jahre jung –  schrieb ich die ersten vier Kapitel eines Fantasyromans, der in einer dystopischen Zukunft spielen sollte. Ich widmete mein Werk Frau Klammerle, die ich in diesem Jahr heiratete. Ich nannte ihn beziehungsreich „Brautschau“ und es ging um den jungen, naiven Half, der von seinem kleinen Dorf in der Provinz hinaus in die weite Welt zieht, um dort die Frau seines Lebens zu finden. Die einzige Bedingung, die er an seine Zukünftige stellte, war, dass sie unbedingt blonde Haare haben sollte. Bald schon geriet er allerdings in ein Intrigenspiel zwischen dem angeblichen Kaufmann Juel und den Mönchen Jac und Sahar, die ihn verfolgen und gefangennehmen wollen.

Wie so viele hoffnungsvolle Romananfänge von mir zu jener Zeit hatte auch die Brautschau keine Zukunft. Nach ungefähr 100 Buchseiten legte ich das Projekt zu den anderen Fehlgeburten in meine „Schubladen für verlorene Texte“ und schrieb an anderen Werken. Denn mit Genre-Literatur wollte ich eigentlich nicht bekannt werden, da ich mich als „ernsthafter“ Autor sah. Damit schien auch die Geschichte von „Brautschau“ besiegelt.

Die „Schubladen der verlorenen Texte“

Im Sommer 2013 dann benötigte ich für meinen frisch gegründeten Blog „Aber ein Traum“ Texte, die ich auf ihn stellen konnte(1). Ich hatte auf dem Blog mit einem befreundeten Autor einen Fortsetzungsroman begonnen (siehe hier –>), der durchaus einiges Publikum erreichte. Als wir nach einem hoffnungsvollen Beginn leider in persönliche und literarische Differenzen trudelten und unsere Zusammenarbeit beendeteten, suchte ich nach einem Text, der sich gut für Fortsetzungsromane eignete. Ich fand ihn in meinem alten „Brautschau“-Manuskript. Beim Überarbeiten für den Blog stellte ich fest, dass die alte Geschichte durchaus originell und ausbaubar war und Leser finden könnte. Also begann ich mit der Vorveröffentlichung des alten Textes (siehe hier –>). Ich schrieb einen Prolog, der der Handlung einen tiefergehenden Hintergrund und Erweiterungsmöglichkeiten verschaffte (Dieser Prolog ist mir länger geraten als das Bruchstück, das ich als 24jähriger geschrieben hatte) und dazu noch ein fünftes Kapitel, in dem endlich auch die weibliche Hauptfigur Hetha ihren Auftritt hat. Ich ließ nun auch Sahar das Märchen von „Faiaba“ erzählen, die irgendwo in den Jenseitigen Landen seit Jahrtausenden tiefgefroren auf ihr Erwachen wartet. Damit hatte ich Futter genug, um meinen gefräßigen Blog über Jahre zu füttern. Woche für Woche erschienen die Fortsetzungen und gleichzeitig arbeitete ich auch an dem Buch weiter. Bald wurde mir klar: Wenn ich alles erzählen wollte, dann musste ich aus „Brautschau“ eine klassische und umfangreiche Fantasy-Trilogie machen.  Anfang 2017 war es dann so weit: Der 1. Roman meines Fantasy/SF-Epos hatte 150000 Wörter und ich veröffentlichte die 600 Seiten als Selfpublisher unter dem Titel „Meister Siebenhardts Geheimnis“.

Auch die ersten 100 Seiten des 2. Bandes „Faiabas Erwachen“ waren längst geschrieben und Rest der Saga „durchgeplottet“. Ich wollte eigentlich auf die bewährte Weise weitermachen. Auch die „Faiaba“ wollte ich als Fortsetzungsroman auf meinem Blog vorveröffentlichen. Gleichzeitig würde ich an ihr weiterschreiben, denn das hatte sich als erfolgreiche Methode für mich herausgestellt, um mit einem Text in diesem Umfang zurecht zu kommen.

Doch dann machte mir meine machmal ein wenig überbordende Fantasie einen Strich durch die Rechnung. Denn zu dieser Zeit begann ich auch nebenbei als kleine Fingerübung mit einer kurzen Erzählung, die von Geschehnissen berichten sollte, die sich ein halbes Jahr vor der Brautschau-Trilogie in der Wüstenstadt Karukora ereignen. Auf sie wird im „Meister Siebenhardt“ mehrmals angespielt. Auch für „Der Weg, der in den Tag führt“ bediente ich mich bei einer alten, allerdings komplett verlorengegangen und sehr zynischen Geschichte von mir, die allerdings urspünglich nichts mit „Brautschau“ zu tun gehabt hatte. Eigentlich hatte ich etwa 20000 oder 30000 Wörter für den Text eingeplant, doch daraus wurde nichts. Die Geschichte um Selin und die verlorene Stadt Pardais, in der auch einige Figuren der Hauptreihe „Brautschau“ mitspielen (Juel, Sahar, Miladi etc.), geriet mir unter der Hand länger und länger und hat sich inzwischen zu der umfangreichen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie entwickelt, deren erste beide Bände „Karukora“ (2018) und „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ (2020) bereits erschienen sind und an dessen dritten Buch „Der Schatten von Pardais“ (2022 ?) ich gerade arbeite.

Gleichzeitig will ich selbstredend auch die Hauptreihe fortsetzen. Nach längerem Überlegen habe ich mich jedoch dazu entschlossen, den geplanten und bereits größtenteils geschriebenen Prolog zum 2. Band „Faiabas Erwachen“ aus dem Roman auszukoppeln und ihn als kürzeren Einzelroman im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Auf die bewährte Weise bin ich gerade dabei, ihn hier im Blog als Fortsetzungsroman zu posten. (siehe hier —>)  „Mánis Fall“ ist der Prolog zu „Brautschau“ und sollte eigentlich zuerst gelesen werden ;). Der Roman spielt 5880 Jahre vor „Meister Siebenhardt“ und erzählt von der blonden Studentin Fabia. Ihr Schicksal, das ihres Professors Baruch Rosenthal  und das ihrer Studienfreunde Xaver und Sadie ist über die Jahrtausende hinweg auf das Engste mit dem Schicksal der Hauptfiguren der anderen Romane verknüpft.

Tja. So weit, so gut. Aber wie es bei mir so üblich ist, habe ich kürzlich mal wieder in meiner Schubladen-Vault gestöbert und bin auf einen fast vergessenen Romananfang gestoßen, der etwas umgeschrieben wunderbar in die „Brautschau“-Saga hineinpasst und nun eine Art Geheimprojekt ist, an dem ich nebenzu arbeite, aber bisher noch nichts davon veröffentlichte. Es soll „Die Zauberlehrlinge von Italmar“ heißen, spielt etwa zehn Jahre vor der Haupt-Trilogie  und verknüpft einige lose Fäden. Die Hauptfiguren sind u. a. Juel, Jac und Adelf, der ja eine recht prominente Rolle in „Karukora“ spielt. Wahrscheinlich wird wieder eine Trilogie daraus – mal sehen …

Wir lesen uns …


(1) Ein Blog ist ein Moloch, der frisst und frisst und frisst und ständig neuen Nachschub benötigt, wenn er sein Publikum halten will. Die Follower springen einem sofort ab, wenn man mal ein- zwei Wochen lang nicht bloggt. Zeitweise war ich ein Getriebener und veröffentlichte siebenmal in einer Woche. Erfolg hatte ich damit allerdings nicht: „Aber ein Traum dümpelt friedlich vor sich hin – mit seit Jahren konstanten 150 Followern, von denen aber höchstens eine Handvoll ihn ab und an besuchen kommt. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und betrachte den Blog als persönliches literarisches Tagebuch, in das ich schreibe, wenn ich Lust habe. „Aber ein Traum“ ist mir inzwischen eine Art virtuelle „Schublade der verlorenen Texte“.

Freitag, 05.07.19 – Was ich schon immer mal sagen wollte …

„Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute!
Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen
und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig.
Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben,
euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren,
und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen:
aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel,
wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre.“

Goethe, 1827

Nicht funktionierende Wecker, kaputte Türen, Überreste von Katzenmahlzeiten auf dem Teppich. Seltsame Gewächse in meinem Hochbeet, Klavier spielende Nachbarn, Mücken, Radiosender, Gender-Wissenschaft und Rasenmäher, Weihnachtslieder, Neologismen, merkwürdige Urlaubsorte … und meist ist das Wetter schlecht. Fast beängstigend, über was ich mich schon alles aufgeregt habe – und das war nur eine kleine Auswahl der Emotionen, die für diesen Blog inzwischen zu hunderten Texten geronnen sind. (1)

Mir ist bewusst, dass jedes einzelne meiner Problemchen im dunklen Schlagschatten der oft existentiellen Nöte von anderen Menschen steht und wie ein Hundehäufchen neben einem Alpengipfel wirkt. Die Widrigkeiten in meinem Leben wirken in der Summe von Millionen, ja Milliarden viel grausamerer Einzelschicksale lächerlich nichtig und unbedeutend. Es ist beinahe schon eine Beleidigung für die wirklich Leidenden, wenn ich mich hier auf diesem Blog und speziell in meinen Freitagsaufregern über die unerquicklichen und unerfreulichen Dinge in meinem Alltag echauffiert habe oder darüber, dass wirklich niemand meine Romane liest. In der Regel sind es wirklich nur Kleinigkeiten und Erste-Welt-Wehwehchen – wie das Sohn Nr. 1 formulieren würde -, die mich plagen, aber sie sind eben Teil meiner bürgerlichen Existenz in einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Da ich mir selbst am nächsten bin, stehen mir meine Sorgen und Nöte im Mittelpunkt, so gering man sie auch einschätzen mag. Es sind meine Rückenschmerzen, die mich plagen, es sind meine Freunde, zu denen ich den Kontakt verliere. Es ist meine Lebenszeit, die ein unerfreulicher Alltag und eine belastende Arbeit in Windeseile auffressen. Es ist mein verregnetes Wochenende. Mir deswegen ein Jammern auf hohem Niveau vorzuwerfen, ist ungerecht.

Seien wir an dieser Stelle einmal ehrlich: Jedes Leben – auch meines – ist in letzter Konsequenz tragisch. Egal, wie bequem dieses Leben ist und wie lang es noch dauern mag – es verläuft für jeden auf die gleiche Weise: Es bringt für den einen früher, für den anderen später – aber unvermeidbar – den Verlust von allem mit sich, an dem ihm gelegen ist. Am Ende des Weges verliert man sich selbst, Stück für Stück, Zahn für Zahn, Erinnerung für Erinnerung, Mensch für Mensch. Manchen geschieht der Gedächnisverluss schon lange vor ihrem körperlichen Tod. Krankheiten quälen, Träume platzen, Lebensentwürfe scheitern, geliebte Menschen verlassen uns: „Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, […] Ein Schauplatz herber Angst und abgebrannte Kerzen.“ (2)

*

Oje, hier muss ich unbedingt einen Absatz machen. Ich habe mich verlaufen! Wie bin ich nur in diesen Sumpf gelangt? Und wie ziehe ich mich wieder aus ihm heraus? Mein Haar ist nicht wie das vom Baron Münchhausen zum Zopf gebunden …

Ich erzähle hier nicht von meinen Alltagsnöten, weil ich bedauert werden will. Schließlich mache ich mich doch auch oft genug über meine Missgeschicke und Peinlichkeiten lustig und belache mich selbst, sehe die Komik in den Ereignissen, die ich zuerst tragisch nahm. Ich erzähle von meinen alltäglichen Fehlschlägen, weil ich glaube, dass es ein Vergnügen ist, von den Problemen der anderen zu lesen und sich über ihre kleinen Sorgen zu amüsieren. Das lenkt wunderbar von den eigenen ab.

Heißt es nicht: Wer den Schaden hat, macht die reinste Freude – oder so ähnlich? Ich exhibitioniere meine Sorgen und Missgeschicke nur, weil ich meine Leser unterhalten will. Meine kleinen Klagen sollen ein paar vergnügte Momente lang unterhalten, goutiert und dann vergessen werden – die Glosse als Schokoriegel, als Teil der täglichen Hygiene. Was ich zu bieten habe, fordert ein-, zweimal in der Woche ein paar Minuten Lebenszeit und das kleine Risiko, enttäuscht und gelangweilt (3) zu werden. Sollte diese von mir angebotene Leckerei bei einem Leser einen schlechten oder faden Geschmack im Mund erzeugen, dann bitte ich um Verzeihung. Aber ich glaube, das Preis-Leistungs-Verhältnis meines Angebots ist sensationell. Und nein: Es ist nicht alles schlecht, was nicht so bekannt ist!

Obwohl ich weiß, dass es ein verlogenes Bild ist, sehe ich es noch immer gerne gemeinsam mit der Maus Frederick (4) auf die folgende Weise: Mit meinem Talent, Geschichten zu erfinden und sie zu erzählen, wurden mir ein Farbtopf und ein Pinsel in die Hand gedrückt, mit deren Hilfe ich diese graue, grausame Welt ein wenig bunter tupfen und dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann.

Auch deswegen habe ich dieses Buch geschrieben. Es ist mein Beitrag dazu, die Welt ein ganz klein wenig besser zu machen.

__________

(1) Eine Auswahl aus dieser Auswahl ist in meinem Buch „Noch einmal davon gekommen“ nachzulesen. Im Herbst gibt es einen weiteren Sammelband, der „Noch einmal daran gedacht“ heißen wird. Davon morgen mehr …

(2) Andreas Gryphius, Menschliches Elende. Ich rate sehr dazu, mehr barocke Lyrik zu lesen, dort fühle ich zumindest mich sehr heimisch. Die Autoren jender Zeit sind uns um so vieles näher als die Minnedichter vor und die Klassiker nach ihnen. Erst Barock, dann die Moderne, erst Gryphius und Fleming, dann Jandl und Celan. Lyrisch betrachtet, kann man große Teile des 18. und fast das gesamte 19. Jahrhundert getrost vergessen und überblättern.

(3) Seien wir exakt. Kein Text ist langweilig, die Langeweile ist eine Empfindung, die von innen kommt, aus dem Gefühl heraus. Sie wird nie von außen an mich herangetragen, sie existiert allein in mir selbst. Mir ist langweilig, nicht das Buch ist langweilig. Selbstverständlich gibt es viele Texte, dich mich gelangweilt haben, z. B. dieser Adalbert Stifter’sche Nachsommer, in dem edle und gute Menschen in schöner Umgebung 700 Seiten lang – nichts tun. Den halte ich persönlich für eine meiner schlimmsten Leseerfahrungen.  Offensichtlich war ich nicht das Publikum für diesen Text, ich kenne Leute, die ihn mögen. Ich schätze hingegen Arno Schmidt, andere können kaum eine Seite lesen, ohne kopfschüttelnd einzuschlafen.

Zusammengefasst: Ich werde es nie schaffen, einen Text zu schreiben, der niemanden langweilt, das schafft auch Stephen King nicht. Aber ich werde mit meinen Texten immer jemanden finden, für den gerade dieser Text neu ist, interessant ist, der mir Publikum ist. „Gehobene Literatur“, und es ist wahrscheinlich das, was die meisten schreiben wollen, hat immer nur ein kleines Publikum, auch bekannte Autoren können nur ganz selten von dem leben, was sie schreiben, vielleicht ein, zwei Leute pro Generation. Der Rest schreibt, weil er das Bedürfnis hat, seine Sicht der Dinge, seine „Utopie“, weiterzugeben. Wieviel Publikum er hat, ob zehn, zwanzig oder hunderttausend Leser, ist dabei doch nicht von Interesse.

(4) Leo Lionni, Frederick. Unter den ungezählten Kinderbüchern, die ich meinen Söhnen Abend für Abend vorgelesen habe, waren einige – wie eben dieses – von so tiefer Weisheit, dass sie eigentlich zur Pflichtlektüre von jedermann zählen sollten. Andere wiederum … waren der letzte Mist; sie waren merkwürdigerweise oft die beliebtesten.

Montag, 25.03.19

Montag, 25.03.19

Je tiefer die Sonne sank, um so mehr erschöpfte sich ihre glutvolle Wut, die sie auf die ausgetrock­nete Stadt herabstrahlte, als würde sie Karukora für ihre Anmaßung strafen wollen, sich ihr hier mitten in der Wüste darzubieten. Doch als sie schließlich nur noch ein orangeroter und altersmilder Ball war, der aufgebläht knapp über den Wanderdünen der Grauen Wüste hing, blies mit einem Mal vom Meer her ein auflandiger Wind, der die stickige Luft, die wie eine bleierne Glocke über Karukora hing, in Bewegung setzte. Ein paar wenige, vom Sand geschwängerte, schmutzig–gelbe Wolkenfet­zen trieben über den Himmel, dessen transparenter Azur dunkler und stumpfer wurde. Die blaue Stunde der Sehnsucht erlöste die Stadt wie vom Schlaffluch ei­nes bösen Zauberers. Plötzlich flatterten Fahnen, bläh­ten sich Vorhänge, zerrten zum Trocknen aufgehängte Kleidungsstücke an den Wäscheleinen zwischen den quadratischen Häusern und klapperten Töpfe, bellten Hunde. Wer genau hinhörte, konnte in der Stadt ein gemeinschaftliches Aufatmen wahrnehmen.

Als wäre dies ein geheimes Zeichen, erwachte das Ju­wel der Wüste zum Leben. Wie aus einem tausendunde­injährigen Schlaf geweckt, begann die Stadt sich in einem luziden Traum zu bewegen und müde ihre Augen zu reiben. Noch schlaftrunken und zögernd traten die Einwohner vor ihre Häuser. Plötz­lich waren Menschen und Fuhrwerke auf den Straßen, ertönte Lärm aus den Werkstätten und Läden, trafen sich Familien in den Parkanlagen und Jugendliche in den Schatten unter den einhundert Brücken. Markt­schreier priesen ihre Waren an, fahrende Obst– und Wasserhändler sangen ihre Lieder. Von den Tempeln der Allerbarmerin riefen ihre Priesterinnen die Gläubi­gen zum tränenreichen Dankgebet. Hier und dort leuchteten bereits die ersten Lampions und die Besit­zer der Schänken kehrten vor ihren Türen, durch die bald die Gäste eintreten würden. Die ersten Kurtisa­nen zeigten sich gähnend an den Gitterfenstern der Bordelle und in der Spitze des Leuchtturms von Gidabé wurde das Navigationsfeuer entfacht, das die Schiffe auf dem Marat durch die Nacht und die Stromschnel­len im Norden leitete.

Anfang des 6. Kapitels von Der Weg, der in den Tag führt

*

Seit jemand meinen Stil in meinem Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ bekrittelte, denke ich nach. Mein Stil – das ein weites Feld. Im Vordergrund steht mir immer zuerst die Frage, welcher Erzählstil meiner Geschichte dient. Wann spielt sie? Wer erzählt sie? Was erzählt sie? Die Form ergibt sich aus diesen Fragen meist ganz zwangsläufig. Im günstigsten Fall zwingen mir die Figuren ihre Sprache auf.

Der Stil ordnet sich bei mir also meist dem Erzählten unter – Goethe hätte gesagt, er sei eine „Afterkunst“. Manchmal muss sich freilich auch der Stil meinen Fähigkeiten unterordnen. Schreiben verlangt wie jede Kunst stetige, tägliche Übung – deshalb schreibe ich zum Beispiel diese Gedankensplitter.

Ein Roman braucht, denke ich, einen langen Atem, sowohl vom Autor wie auch vom Leser. Er nimmt ihm Zeit; das Geschenk, das er gibt, will verdient sein. Daher sollte der Stil eine Dienstleistung für den Leser sein und nicht den Eitelkeiten des Erzählers dienen. Ich denke, die Sprache muss zurückhaltend sein, sich nicht allzu sehr in den Vordergrund stellen. Der Text sollte süffig sein, angenehm les- und verstehbar. Das Publikum sollte nie den Eindruck haben, hier spricht jemand mit ihm, der sich aus welchen Gründen auch immer überlegen fühlt. Manierismen, stilistische Glanzlichter und poetische Wortmalereien sollten bewusst spärlich gesetzt werden, sie sind wie der Leim, der den Tisch zusammenhält. Sie sind wichtig, denn ohne sie würde alles auseinanderbrechen, aber sie sollten beinahe unsichtbar sein. Die Sprache sollte die Geschichte untermalen, wie Musik einen Film. Niemand geht wegen der Musik ins Kino und niemand liest einen Roman wegen seiner sprachlichen Arabesken.

Bei Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichten sehe ich das ein wenig anders. Obwohl ich diese Art zu schreiben auch schon geübt habe, denke ich im Gegensatz zu Hemingway, Babel oder Pavese (die ihre Geschichten entbeinten und – oft meisterhaft – alles zwischen den Zeilen erzählten), dass der Autor hier gerne experimentieren und auch ein paar Zumutungen an den Leser richten darf.

Wie alt bist du eigentlich, Klammer? Bist du so ein diffus vor sich hindichtender, werdender Greis, der die zeitgenössische Literatur und zeitgenössische Kunst nicht kennt? Ich kann mit deinem alten Krempel nun gar nix anfangen, obwohl ich auch schon 40 bin.

Ich stelle dich mir irgendwie so vor: Du hast eine Hakennase, ein strenges, von Falten durchzogenes Gesicht – bist total dürr, trägst eine Hornbrille, die vor 20 Jahren in war und trägst ein Hahnentritt-Jacket aus den 70ern, das nach Achselschweiß riecht, da du es mal versehentlich in einem Outletstore als neu erstanden hast, aber dabei übersehen hast, dass das ein abgelegtes Jacket von jemanden war, der gerade in der Umkleide zugange war.“

Patina (sic!),
kritischer Kommentar auf meine Geschichte
Engel im Spiegel im streitbaren Wolkensteinforum,
Orthographie korrigiert.

Ich gebe zu, diese Kritik hat mich doch sprachlos gemacht. Wie gerade geschrieben, befleißige ich mich einer klaren, sauberen Sprache, zumindest halte ich sie für eine solche. Diese Art zu schreiben konfrontiert mich merkwürdigerweise immer wieder mit dem Vorwurf, ich würde nach den Erzählern des 19. Jahrhunderts klingen. Obwohl das auf der einen Seite schmeichelhaft sein mag, ist es doch blanker Unsinn. Niemand kann seiner Zeit entkommen –  und ich will das auch nicht tun. Ich finde es übrigens erstaunlich, wie nicht nur der Inhalt, sondern offensichtlich auch der Schreibstil in den Vorstellungen der Leser ein Bild vom Autor entstehen lassen.

Im Textarchiv ist übrigens der Der Engel im Spiegel zu finden. Da kann jeder nachprüfen, ob der Vorwurf berechtigt ist. Ich finde, es ist stilistisch die beste Geschichte, die ich je geschrieben habe.

*

Ein Interview mit mir selbst über mich

Über das Schreiben

Was für ein eisiger, abweisender und grauer Sonntagmorgen! Das ist genau die richtige Gelegenheit, mit mir selbst ein Interview zu führen und ein wenig Rechenschaft abzulegen.

Schreibst du deinen Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ eigentlich chronologisch?

Nein. Im Moment arbeite ich gleichzeitig an 3 Teilen. Eigentlich ist der Geltsamer auch keine Trilogie in fünf (oder sechs) Bänden, sondern ein einziger, sehr dicker Roman. Der 4. Teil, ich hier gerade häppchenweise veröffentliche, ist schon recht fortgeschritten. Ich schleife ihn gerade in seine endgültige Fassung und hoffe, dass mir der eine oder andere Leser bei der Fehlersuche helfen wird. Ich will mich hier noch einmal bei denen bedanken, die sich dieser Mühe unterziehen und mir persönlich, per E-Mail  oder Kommentar Hinweise zukommen lassen. Dieses Feedback ist selten, aber für mich ungeheuer wertvoll und wichtig und fließt immer in meine Texte ein. Wenn man so will, schreibe ich den Roman nicht allein, sondern zusammen mit meinen Lesern.

Daneben arbeite ich bereist an Band 5 und dem Prequel, das in der Hauptsache in der Goethezeit spielt. Teile dieses letzten Teils sind übrigens aus dramaturgischen Gründen nach vorne ins 3. Buch gewandert.  Das letzte Kapitel sind noch nicht geschrieben. Vom Prequel existieren nur Skizzen. Da wartet in diesem und in den kommenen zwei Jahren einige Arbeit auf mich. Ich will die Geltsamer-Reihe nämlich 2020, bzw. 2021 abschließen.

Hast du einen Plan für diese Romane? Weißt du, wie das Ganze endet?

Ich glaube nicht, dass sich ein Roman ohne genaue Vorplanung schreiben lässt. Noch dazu ein so komplexer wie dieser, der manchmal innerhalb eines Satzes von einer Realität in eine andere wechselt oder von einer Zeitebene zu einer anderen springt. Ich weiß aber sehr genau, was ich erzählen und was ich verschweigen will; was in den einzelnen Kapiteln passiert und wie die Verhältnisse der handelnden Personen zueinander sind. Ich habe von den Hauptfiguren Steckbriefe und Lebensläufe angefertigt und in meinem Arbeitszimmer hängt ein großer Übersichtsplan. Als Autor weiß ich aber mehr von meinen Figuren, als der Leser in dem Buch erfahren wird.

Hältst du dich immer an deinen Plan?

Ich versuche, den Leser zu überraschen, nicht mich selbst – obwohl das manchmal auch geschieht. Trotzdem hänge ich nicht sklavisch am Plan. Ich ändere mich und damit auch der Plot. Manchmal drängen sich Nebenfiguren nach vorn und werden – während ich sie schreibe – dominanter; verlangen ihr Recht auf ihre eigene Geschichte. Das passiert mir immer wieder. Es hat eine Zwangsläufigkeit, der ich mich als Autor beugen muss. Ich entwickle nur die Figuren und das Umfeld und sehe dann mehr oder weniger zu, wie sie ein eigenständiges Leben beginnen. Karl-Heinz Welkenbaum aus dem 3. Buch ist ein Beispiel dafür: Er schrie förmlich danach, von mir mit mehr Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Er ist eine der farbigen Gestalten des Romans, der ich einfach mehr Platz einräumen musste. Der Schweizer Professor aus dem 1. Buch ist auch so ein Fall. Der Nikolaus Klammer des Buches selbst ist eine fade, farblose Figur; er ist kein Held, sondern ein Getriebener, dessen Weltbild auseinandergenommen wird. Umso bunter müssen die Menschen sein, mit denen ich ihn konfrontiere. Welkenbaum, Marini und die Helden der Bücher in den Büchern sind so vielschichtig und farbenfroh, dass ich ihnen gegen meinen ursprünglichen Plan wesentlich mehr Platz gewidmet habe. Dadurch wurde die Geschichte aber viel länger.

Und das Ende? Löst sich dann alles auf?

Wie gesagt habe ich nicht vor, alles zu erzählen, was ich über meine Figuren weiß. Eine Geschichte hat immer mehrere Seiten. Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Eine einzige Wahrheit, eine einzige richtige Deutung der Geschehnisse gibt es nicht. Der Leser soll seine eigene finden. Aber ich verspreche, dass der Roman einen zufriedenstellenden Abschluss finden und jede Geschichte zuende erzählt wird.

Warum geht es so langsam voran? Auch gutmütige Leser könnten es irgendwann leid sein, jahrelang auf das Ende zu warten.

Das hat viele Gründe. Ein paar sind äußeren Umständen (Brotberuf, Familie) geschuldet, die meisten jedoch bei mir selbst zu finden. Es ist richtig, ich arbeite am Geltsamer schon mehrere Jahre lang – die ersten Anfänge liegen im Jahr 2014 – und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, es ginge kaum voran. Ich habe den Blog auch gegründet, um mich selbst zu regelmäßiger Arbeit an meinen Werken zu zwingen und mir Rechenschaft über ihr Fortschreiten abzulegen. Das mache ich öffentlich, weil ich den Druck einer Leserschaft wollte. Nun, das hat nicht ganz geklappt. Zum einen konnte ich im Internet nicht wirklich Interesse an meiner Literatur erwecken, zum anderen drängen sich auch andere Projekte von mir nach vorne.

Ein kleiner, neugieriger Blick in mein Notizbuch …

Dass es so lange dauert, ist auch meiner Arbeitsweise geschuldet. Meine Texte entstehen zuerst als Manuskript, werden dann von mir abgetippt und erst mehrmals überarbeitet, bis sie in den Blog gelangen. Die Fassung, die dann dort zu finden ist, ist noch lange nicht die endgültige, sondern nur eine Art Rohfassung, an der noch weiter gefeilt und geschliffen wird. Dann lasse ich ein Probe-Exemplar binden und gebe es meinen Freuden zur Korrektur. Schließlich gebe ich es frei und ärgere mich, dass noch immer 1000 Fehler darin zu finden sind. Vielleicht liegt es daran, dass manche Leser die Sprache des Romans als überkompliziert und altmodisch empfinden. Vielleicht sind die Gründe auch in meinen manchmal etwas abwegigen Lektüren zu suchen, die ich speziell auch wegen des Geltsamers auswähle.

Ist es nicht schwierig für einen Leser, komplexe Texte oder Romane wie den Geltsamer häppchenweise im Internet zu lesen?

Ich würde sogar sagen, es ist eine Zumutung. Ganz ehrlich: Ich mache es auch nicht; ich lese selten bis nie die Texte anderer Blogger. Zudem weiß man, dass am Bildschirm gelesene Texte wesentlich oberflächlicher aufgenommen werden als gedruckte, Fehler viel häufiger übersehen wären. Wie das bei E-Book-Readern ist, weiß ich nicht. Aber aus eigener Erfahrung würde ich vermuten, die aktuellen Geräte kommen dem Leseerlebnis, das man mit einem Buch hat, doch recht nah. Wer einmal einen 1000-Seiten-Wälzer auf einem Reader gelesen hat, wird um die Vorteile wissen, wenn ihm dieser schmale Bildschirm beim Einschlafen auf die Nase fällt und ihn nicht das analoge Buch erschlägt.

Es wäre jedoch sinnlos, längere Texte hier auf dem Blog in einem Stück zu posten. Also habe ich mich für homöopathische Dosen von 1200 – 1500 Wörtern entschieden – das sind ungefähr fünf normale Taschenbuchseiten. Ich sehe jedoch an den Zugriffen, dass mein Angebot kaum angenommen wird; offenbar überfordere ich potentielle Leser oder schrecke sie ab. Die über fünfzig Fortsetzungen von „Die Wahrheit über Jürgen“ – das sind 200 Buchseiten hat hier z. B. überhaupt niemand gelesen – das Buch verkauft sich auch nicht. Ich hätte vermutlich mehr Leser, wenn ich die Texte – anstatt sie im Internet zu posten – ausdrucken und daheim an meine Garagentür kleben würde.

Was geschieht mit den Texten, nachdem sie auf dem Blog erschienen sind?

Die Texte, die ich gepostet habe, sind nicht fertig. Ich lasse sie nicht einfach im Archiv verrotten. Ich überarbeite sie regelmäßig, verbessere Fehler, schreibe sie fort. Das gilt nicht nur für die Belletristik, sondern auch für die Glossen und Essays. Für mich ist der Blog eine Art von erweitertem Notizblock, machmal auch von einem Tagebuch.

Ich habe nicht vor, meine Texe und Romane einem Verlag anzubieten. Denn ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dies vollkommen sinnlose Zeitverschwendung ist. Es mag zwar für meine Art von Literatur ein kleines Publikum geben, aber die Chance, jemals einen Verlag für sie zu finden, ist gleich Null. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich von meiner Kunst nicht leben muss, sondern einem Brotberuf nachgehe, in dem ich mir meine Zeit recht gut selbst einteilen kann. Wenn ich glaube, dass ein Text vorzeigbar ist, veröffentliche ich ihn als Selfpublisher. Auf diese Weise sind in den letzten drei Jahren 8 Bücher entstanden; in diesem Jahr sollen – wenn alles nach Plan geht – 3 bis 4 weitere folgen. Als nächstes wird im März Noch einmal daran gedacht erscheinen, ein Essayband mit Texten aus diesem Blog.

Das sind die Bücher, an denen ich in diesem Jahr arbeite (und sie vielleicht auch veröffentliche) …

Ich weiß, ich wiederhole mich: Zu versuchen, in Deutschland als freier Autor zu leben, ist die sicherste Art, zu verhungern – vielleicht nicht die schnellste, aber doch die sicherste. Zudem ist mir bewusst, dass die Texte, die hier erschienen sind oder von mir schon als gedrucktes Buch vorleigen, von keinem Verlag mehr angefasst werden. Ich verschenke mich also; allerdings wird dieses Geschenk meist abgelehnt.

Das klingt bitter.

Manchmal habe ich meine Phasen. Momente, in denen ich mich frage, warum nicht mehr Menschen meine Texte lesen; ob das an mir oder an der Qualität meiner Literatur liegt. Aber ich habe mich mit meiner Erfolglosigkeit längst arrangiert. Aus den Träumen meiner Jugend bin ich aufgewacht.

Worum geht es im „Geltsamer“ genau?

Ich will hier nicht auf die Handlung eingehen. Ich mag es nicht, wenn mir in einer Besprechung bereits die halbe Geschichte verraten wird. Ich hasse Spoiler und ich nehme an, es geht anderen ebenso. Meist sind mir schon die Texte auf den Buchumschlägen zu detailliert. Ich mache außerdem auf diesem Blog häufig Anmerkungen zu dem Roman und zu meiner, um es mal hochgestochen auszudrücken, „Literaturtheorie“.

Ganz allgemein geht es mir darum: Die Wand zwischen dem, was ich alltäglich sehe, fühle und denke, jener Welt, die ich als „Realität“ begreife, und dem Irrsinn: Sie ist dünn wie Papier. Es genügt ein Schritt zur Seite, ein Straucheln, ein Stolpern: All das, all die Dinge, die ich für sicher hielt, die mir in meinem Leben Halt gaben, existieren dann nicht mehr. Sie sind ein Traum, in dem ich jetzt noch lebe, den ich aber nach dem Erwachen vergessen werde. Ich bilde mir ein, dass mein Dasein beständig und festgefügt ist, Kontinuität besitzt. Das ist ein Irrtum. Der Nikolaus Klammer, der ich gestern war, hat mit dem, der ich heute bin und dem, der ich morgen sein werde, nur wenig zu tun. Und der literarische, erfundene, existiert zwischen diesen Ebenen. „Gestern“ und „Morgen“ sind nur Fantasiegebilde, die keine Existenz haben; Konventionen, an die ich glaube, um weitermachen zu können. Tatsächlich aber kann ich mir nicht einmal sicher sein, ob die Dinge, an die ich mich erinnere, auch vorgefallen sind. Vielleicht habe ich sie nur geträumt.

Wenn ich also sehe, wie viele Fallstricke es gibt und auf welch wackligem Boden ich meinem Alltag nachgehe, wie schnell ein Unfall, eine Krankheit, ein Tod oder auch nur das Verhalten eines einzelnen Menschen mein Leben komplett aus der Bahn bringen können, finde ich es ganz erstaunlich, dass die meisten Leute „normal“ funktionieren und nicht in ihre eigenen hermetischen Welten abtauchen und dabei den Verstand verlieren. Das Internet bietet übrigens eine Vielzahl solcher Welten an, die neben der „Realität“ existieren. Freilich biegt sich jeder seine Wahrnehmung so zurecht, wie er sie braucht und jedes Augenpaar hat einen vollkommen anderen Blick auf die Dinge, manchmal so fundamental anders, dass es außer Hass keine Gemeinsamkeiten. Meine Literatur will auch eine Brücke zwischen den Individuen schaffen.

So ein Interview mit mir selbst ist zwar ein bisschen schizophren, aber eine feine Sache: Ich stelle mir nur die Fragen, die ich auch beantworten will. Trotzdem: Wenn eine von euch verirrten Seelen, die dort draußen im endlosen Kosmos des Internets herumschwirrt und durch Zufall auf meine Seite gekommen ist, etwas anderes von mir wissen will: Frage ruhig, ich will hier gerne alles beantworten. 

[Wird fortgesetzt …]

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