Aber ein Traum …

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Konfrontation – Eine Kurzgeschichte

So komme, mein Kind, verlasse die traute Umarmung
der elenden Mutter, steige hinan
den Turm deiner Väter zur höchsten Zinne:
Dort sollst du – so wurde das Urteil gesprochen –
dein Leben verlieren.
Euripides: Die Troerinnen

„Einen Euro kostet das?“

Karl hob erstaunt den Blick von seinem Geldbeutel. Vielleicht hatte er sich ja verhört. Das kam häufig vor, seit er im vorigen Jahr in der Badewanne gestürzt und mit der Wange und dem linken Ohr hart auf das Porzellan des Wannenrands gefallen war. Trotz des aufgeplatzten Blutergusses, der pochenden, zermürbenden Schmerzen und der noch zermürbenderen Ermahnungen seiner Frau war er anschließend nicht zum Doktor gegangen. Er fand, solange er nicht zum Arzt ging, war er gesund. Wer wusste schon, was der alles entdecken würde. Und hatte Karl nicht rechtbehalten? Die Schmerzen verschwanden nach einer Weile, ließen sich nur mehr an warmen Sommertagen erahnen, und von der Wunde blieb nur eine kleine Narbe, sein Schmiss, wie er sie liebevoll bezeichnete. Und, ja, er hörte etwas schlechter. Aber mit Siebzig durfte man das. Es war sogar manchmal von Vorteil in dieser lauten, lärmenden Welt.

„Finden Sie das nicht etwas teuer?“, fragte er. „Das sind ja fast zwei Mark!“

Zweifelnd blickte Karl durch die fettige Glasscheibe in das Gesicht seines Gegenübers und hoffte auf eine zustimmende Reaktion. Für einen Moment wurde ihm schwindlig, denn er hatte das verwirrende Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Der Rentner in dem Kassenhäuschen hätte sein Zwillingsbruder sein können. Es war wie er selbst ein fetter, aufgeschwemmter und alter Mann mit schütteren, weißblonden Haaren. Er passte kaum hinter den niedrigen Tresen, auf dem Ansichtskarten des Turms, eine Billettrolle, eine Zigarrenkiste mit Wechselgeld und ein aufgeklapptes Buch mit dem Einband nach oben lagen. Und tatsächlich hob der Rentner hinter der Kasse seine Hand zum Ohr.

„Bitte?“, fragte er schwerhörig. Karl bemerkte, dass dem Mann zwei Finger an der Hand fehlten. Sie wirkte wie eine Klaue, die er an dem abstehenden Ohr einhakte. Der irritierende Eindruck, mit sich selbst zu reden, verschwand so schnell, wie er gekommen war. Er kehrte aber sofort zurück, als der Mann ungeduldig sein Kinn nach vorn rückte und auf der Unterlippe zu kauen begann. Karl reagierte auf die nämliche Weise, wenn er sich konzentrierte; seine Tochter hatte ihn erst letzten Samstag auf diese Marotte aufmerksam gemacht. Eilig winkte Karl ab und kramte in seinem Geldbeutel die verlangte Münze hervor. Gleichzeitig schielte er auf das Buch vor ihm, denn ihn interessierte, mit welcher Lektüre sich sein Doppelgänger die Zeit vertrieb, während er auf die seltenen Besucher und Touristen wartete, die diesen Stadtturm ersteigen wollten. Leider spiegelte das Glas der Trennwand so, dass er die kleinen, zudem auf dem Kopf stehenden Buchstaben des Titels nicht entziffern konnte. Auch mit dem Sehen war es bei ihm nicht mehr so weit her.

Karl schob das Geldstück durch die schmale Öffnung zwischen Tresen und Glas und erhielt im Gegenzug eine rote Eintrittskarte, auf der noch immer „Alter Wehrturm – 1 DM“ stand. Er öffnete bereits den Mund, um sich von neuem über die Inflation zu beschweren, die die Euro-Währung gebracht hatte, sah aber rechtzeitig die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens an. Wenn, wie er stark vermutete, dieser alte Mann ihm nicht nur äußerlich, sondern auch im Gemüt ähnelte, würde er lediglich ein gleichgültiges Achselzucken ernten. Karl nahm seine Eintrittskarte – sie fühlte sich wie Toilettenpapier an -, schob sie in seine Jackentasche und wandte sich zu der Treppe, die den Turm hinaufführte. Es war ein schmaler Aufstieg, der nach wenigen Stufen in eine Kehre tauchte. Der muffige, kalkige Geruch des alten Gemäuers hieß ihn willkommen. Einen letzten Blick warf Karl zurück. Der Mann im Kassenhaus hatte bereits wieder sein Buch in der Hand, hielt es so nah an sein Gesicht, als wolle er die Buchstaben mit seiner Zungenspitze, die zwischen seinen fettigen Lippen hervorlugte, ablecken.

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Es war ihm wirklich erstaunlich, wie sehr dieser dicke, alte Mann ihm ähnelte. Sicherlich war der Turmwärter einige Jahre älter als er, aber auch Karl ertappte sich beim Lesen manchmal dabei, dass er konzentriert seine Zunge zwischen die Lippen nahm und sie dort wie ein Scheibenwischer hin- und herbewegte. Karl seufzte, konnte sich aber trotzdem nicht dazu durchringen, mit seinem mühsamen Aufstieg zu beginnen. In diesem Augenblick bemerkte der Kassierer, dass der Besucher noch nicht weiter gegangen war und lugte neugierig hinter seinem Buch hervor. Zwei wässrige Blicke trafen sich. Jetzt betrachtet er mich zum ersten Mal interessiert, dachte Karl, nimmt mich als Person und nicht als Nummer wahr. Ich erinnere ihn an jemanden. Er weiß nur nicht, an wen. Daran wird er sich später erinnern. Er hätte ich sein können.

Das war ein Gedanke, der Karl gefiel.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte der Mann. Auch sein Dialekt war der von Karl. Beide waren sie in dieser nicht allzu großen Stadt aufgewachsen, nebeneinander her alt geworden und erst jetzt begegneten sie sich zum ersten Mal, sahen sich, erkannten einander.

„Nichts …“, erwiderte Karl gedehnt und zwinkerte dem anderen zu. Mochte der ihn für absonderlich halten, es spielte keine Rolle. Karl hatte sich selbst gefunden. Und morgen würde der noch immer hier sitzen und kurzsichtig in sein Buch starren. Jetzt erkannte Karl auch den Titel des Romans. Es waren die ‚Elixiere des Teufels’ von E. T. A. Hoffmann, sein Lieblingsbuch.

Zufrieden machte sich Karl an seinen Aufstieg in den Tod.

Implosion – Eine Kurzgeschichte

Die rechte Hand des alten Mannes rutscht vorsichtig und langsam den abgegriffenen Handlauf der Treppe empor. Sein massiger Körper schwimmt ihr hinterher, keucht sich geduldig eine Stufe nach der anderen in die Höhe. Bald schon, er hat noch nicht einmal ein Viertel seines Aufstiegs hinter sich, muss er an einem Absatz pausieren und hektisch um Atem ringen. Er lässt eine Gruppe Jugendlicher an sich vorbei, die wie er den Turm hinaufsteigt. Er nickt ihnen freundlich zu.

„Wie meine Enkel“, denkt er, „laut, roh und rücksichtslos jung. Ein schönes Alter.“

Sein Blick gleitet über den Rauhputz der Wand, auf dem eine Vielzahl von Botschaften geschmiert stehen. Manche stammen aus dem vorigen Jahrhundert. Hätte der Alte jetzt einen Stift bei sich, er hätte sich ebenfalls verewigt.

„10.04. – Karl“, hätte er geschrieben.

Endlich beruhigt sich der Puls des fetten alten Mannes wieder und er macht sich erneut an seinen Aufstieg die enge Wendeltreppe empor. Karl braucht noch fünf Rastpausen und sie werden jedesmal länger, bis er zu Atem kommt.

Endlich erreicht er die Tür, die ihn auf die Turmspitze führt. Gerade streckt er die Hand aus, um sie zu öffen, da wird sie vor ihm aufgerissen. Ein Mann in mittlerem Alter steht für einen Augenblick verlegen vor ihm. Seine dunklen Haare sind vom Wind zerzaust. Dann drückt er sich grob an Karl vorbei, ohne ein Wort der Entschuldigung zu murmeln.

Der Alte tritt hinaus und sieht sich auf der kleinen Plattform um. Karl ist allein; die Jugendlichen sind ihm schon bei seiner dritten Rast von oben entgegengekommen, haben sich lachend an ihm vorbeigedrängt.

Schleppend tritt Karl an den Rand, presst seinen Bauch gegen die niedrige Ummauerung und sieht nach unten. Der Anblick gefällt ihm: Die Stadt liegt so winzig da unten. Wie jedermann vergleicht er sie sofort mit einem geschäftigen Ameisenhaufen. Er kann sich nicht vorstellen, dass dort unten so große Menschen wie er leben. Sie müssten in den engen Gassen und Plätzen ersticken.

Weit hinten unter dem waldigen Horizont, dort, am westlichen Randbezirk sollte er eigentlich sein Häuschen finden, aber Karl vermag es zuerst nicht zu entdecken. Dabei hätte er es sehen müssen, denn wenn er aus seinem Küchenfenster blickt, kann er in der Ferne den alten Stadtturm erkennen, auf dem er jetzt steht. Endlich sieht er seinen schmalen Garten. Und dahinter, dieser kleine weiße Karton, das muss dann doch wohl sein Häuschen sein.

„Ich hätte ein Fernglas mitnehmen sollen“, denkt Karl. Dann hätte er vielleicht sogar seine Frau erkennen können, die in der Küche das Abendessen vorbereitet. Es gibt gefüllte Tomaten. Die isst er gern.

Und dort, sehr nah, aber leider durch die Kamine der Maschinenfabrik verdeckt, wohnt Karls Tochter mit ihrem Mann und den Enkeln. Morgen, wie an jedem Samstag, ist er dort eingeladen.

Es ist recht kühl hier oben auf der Turmspitze. Vom Horizont wischen giftige Wolken heran. Karl runzelt die Stirn. Nass werden will er nicht. Gleichzeitig wird ihm klar, wie absurd dieser Gedanke ist. Er schüttelt bedächtig den Kopf über seiner Dummheit.

Mühsam zieht er sich hoch auf die Begrenzungsmauer. Es gelingt ihm nur, weil hier ein paar der Ziegelsteine abgebröckelt sind und er mit seinen Füßen halt findet. An welchen Kleinigkeiten manchmal die Dinge hängen, denkt er. Wären die kaputten Stellen inzwischen mit Zement ausgebessert, hätte er jetzt unverrichteter Dinge umkehren müssen.

karlstraum3Karl lässt die Beine über dem Abgrund baumeln. Er ist schwindelfrei und genießt den nun unverstellten Blick hinab in die Altstadt. Hier saß er schon als Kind gerne, bis ihn irgendein Erwachsener erschrocken von der Mauer zerrte; damals kurz vor dem Krieg, als der Turm noch Teil einer schönen Altstadt und nicht trotziges Überbleibsel einer zerstörerischen Bombennacht war. Später traute er sich das nicht mehr, war auch nicht mehr auf den Turm gestiegen. Er war da, immer in seinem Blick, das genügte Karl. Heute aber ist der Tag, endlich wieder empor zu steigen, denn wenn sich das Alter noch stärker bei ihm bemerkbar macht, wird er überhaupt nicht mehr hoch können.

Und jetzt sitzt Karl auf der Mauer und spuckt wie früher hinab.

„Vielleicht treffe ich jemanden“, denkt er.

„Er wird aufsehen. Alle schauen nach oben, wenn sie ein Tropfen trifft, auch bei Sonnenschein oder wenn sie sich in einem Zimmer befinden. Er wird aufsehen und erschrecken. Vielleicht ruft er die Polizei oder die Feuerwehr oder den Krankenwagen oder alle zusammen.“

Der Alte sieht auf die Uhr. Nach dem Abendessen ist er mit seinem Kameraden Mertl verabredet, im Wiesenwirt, dort neben der Kirche, wie an jedem Freitag. Sie werden ein paar Biere trinken, über Politik und den Krieg reden. Vielleicht kommt auch Klose, wenn ihn seine Frau gehen lässt.

„Meine Freunde“, sagt der alte Mann laut, „meine Frau. Meine Tochter, meine Enkel. Ich bin geborgen, ich bin gesund und glücklich. Alles ist gut.“

Dann stößt sich Karl lachend mit beiden Beinen von dem Mäuerchen ab. Er lacht, weil er einen Euro Turmbesteigungsgebühr bezahlt hat.

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (3. Teil)

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Der Engel im Spiegel

„Gott ist doch nie ein Teil der Lösung. Er ist immer nur ein Teil des Problems – oft auch seine Ursache. Deshalb, ich bin mir sicher, wird man schon bald das Theologische abschaffen, Religion unter Strafe stellen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit im neuen Jahrtausend überleben. Mit dieser Großtat wird endlich das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt verschwinden. Wir werden glücklich sein. Und wir werden wieder Römer sein.“

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klärungsversuch fünf: sammlung

an diesem morgen konnte ich nicht weiterleben nicht auf diese weise verloren weiterhin dahinschreiten auf meiner endlosen verschlungenen und in sich selbst verknoteten kette aus grün leuchtenden möbiusbändern blind im gestern nach dem morgen tasten und mich ewig im kreis der paradoxe drehen erwachend ich blickte auf den warmen sanft atmenden körper neben mir und wusste das alles musste ein ende haben nach gestern durfte es endlich nur mehr ein ewiges heute geben nie mehr ein schritt zurück mit dem erwachen trug ich bereits diesen gedanken ihn hatte mir ein traum eingeflüstert in dem ich auf einem hohen turm stand zwischen schnell dahintreibenden weinroten wolken ein halber schritt nach vorn war noch zu tun ein beinahe zufälliges verlagern des gewichts nur ja den rest machte die schwerkraft halb zog sie mich halb sank ich hin stürzte vornüber rasend schnell in den grünen abgrund über dem ich meinen turm aus lügen und vorurteilen errichtet erschütterte mich ein klarer gedanke erkannte ich die lüge die mich mein leben lang getrieben hatte zur seite kippend breitete ich nun meine arme wie adlerschwingen aus krallte mich mit den fingern in die Wolken klammerte mich an ihren gespinsten fest und schwang mich empor hinauf umkreiste den turm gleich einem ewigen gesang dann fasste ich mit dem blick den horizont er leuchtete über den nebeln des abgrunds schau da flog ich tatsächlich in den jungen morgen da hinten das morgen erwartete mich und neben mir waren plötzlich viele andere gedankenschnell waren wir alle unterwegs gemeinsam auf dem weg in die zukunft der ich mich so lange verweigert hatte der schwere schwarze schatten des turms konnte uns nicht mehr erreichen wir badeten in einer zärtlichen sonne wir waren glücklich:

Ich erwachte neben der Frau, die ich liebte und wusste, dies war der erste, dies war der letzte Tag.

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… erschöpfend: Noch war ich nicht am Ziel. Trotz der Enge des Aufstiegs, die so verführerisch eine einzige Richtung vorgaukelte, nämlich die hinauf zur Plattform, galt es doch weiterhin, mit jedem Schritt Entscheidungen zu treffen. Bei unserem kurzen Treppensteigen den Turm empor lagen unendlich viele Kreuzungen versteckt, Scheidewege trennten sich, Irrpfade täuschten uns und Abzweigungen fanden sich zur Genüge. Sie alle führten in eine andere Zukunft, als in die, dich ich formen wollte. Lenkten von dem Weg ab, den ich so hoffnungsvoll wieder und wieder mit ihm begonnen hatte.

Ich wusste von unseren vorherigen Besteigungen, dass die hier in den unteren Stockwerken noch bequem zu begehende Treppe weiter oben in einem schmalen Turmzimmer an einer fast senkrechten Leiter endete. Sie war die letzte Anstrengung, die es zu überwinden galt, um gemeinsam hinauf auf die Aussichtsplattform zu gelangen. Das war die heikle Stelle, an der er schon mehrmals abgebrochen hatte. Ihn erneut zu überzeugen, würde schwierig werden. Zudem rutschten kurz vor der Luke ins Freie die Seitenwände so nah an die unzureichend beleuchtete Leiter heran, dass sich jeder, der sie zum ersten Mal empor stieg, heftig den Kopf an einem großen Holzbalken stieß. Einmal hatte sich der ältere Mann dabei eine stark blutende Platzwunde an der Stirn zugezogen, einmal war er sogar rückwärts hinabgestürzt. Ich hatte gerade noch rechtzeitig abbrechen können, bevor er auf mich fiel und mich mit sich in die Tiefe riss. Diesmal würde ich ihn rechtzeitig warnen können, auch wenn dadurch nicht alles vollkommen perfekt würde. Manchmal müssen aber neunundneunzig Prozent genügen.

… ein wenig Geduld: Noch war es nicht so weit. Noch befanden wir uns in den unteren Stockwerken. Mein Begleiter ließ mir bald den Vortritt beim Aufstieg. Bereits nach zwei Kehren kam der große, schwere Mann außer Atem, nur mühsam Anschluss haltend, stapfte er hinter mir die knarrenden Stufen empor. Obwohl er sich für sein Alter fit hielt, Tennis spielte und jeden Morgen auf seinem Rennrad zwei Stunden durch die Hügel fuhr, musste er dem Brunello und dem eben genossenen Abendessen seinen Tribut zollen. Auch mir standen schnell Schweißperlen auf der Stirn. Die großen Quader, aus denen einst das Kaufmannsgeschlecht seinen angeberisch hohen Turm errichtet hatte, waren durch einen langen umbrischen Sommer aufgeheizt und gaben ihre schwüle Wärme großzügig in die stickigen Innenräume ab.

… ausruhen: „Das ist ja interessant“, keuchte mein Begleiter und trat näher an einen halbblinden Kunststoffkasten heran, in dem sich ein undurchschaubares Gewirr aus Gewindestangen, Zahnrädern und Federwerken bewegte und einen erstaunlichen Lärm erzeugte. Wir hatten die Ebene erreicht, auf der das sorglose und technikbegeisterte 19. Jahrhundert eine große hässliche Uhr in den Turm eingebaut und seine ursprüngliche Symmetrie zerstört hatte. Freilich interessierten ihn das mühsam tickende, wie unter Schmerzen stöhnende Uhrwerk und die in die Mauer gebrochene Wunde nicht. Er nutzte die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, ohne vor dem jungen Wolf das Gesicht zu verlieren.

… Geduld ist am Ende die einzige Tugend, die die Zeit lehrt: Ich blieb direkt neben ihm stehen und ließ ihm die Illusion, dass er mich täuschen konnte.

„Diese Kaufherren wollten allen ihre Größe und ihre Macht zeigen“, gab ich meinem Begleiter die Zeit, die er benötigte, um tief ein- und schnell wieder ausatmend seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ihr Geschlechterturm überragt seit nun bald siebenhundert Jahren den schlanken Glockenturm der Dorfkirche fast um das Doppelte. Als sie ihn errichteten, war das Christentum eben bedeutungslos geworden. Es war ein hübscher Verlierer, aber tot. Nichts weiter als ein anachronistischer Wiedergänger, der mit mahnendem Blick in die Zukunft schaut und dort nur den Friedhof seiner Ambitionen sieht. Ein neues Zeitalter dämmert am Horizont, es ist die Zeit der Bürger, der Krämer und Geldleute. Dieser wehrhafte Turm ist ihr Denkmal. Er deutet wie ein Finger hinauf zu den Sternen und fordert Unsterblichkeit, will vom ewigen Ruhm seiner Erbauer künden. Doch bald schon kamen Soldaten aus Florenz, danach die Venezianer, Spanier, Franzosen, Österreicher und noch viele weitere Eroberer. Immer wieder brannte der Turm. Zuletzt zündeten ihn die Nazis an. Der letzte Nachfahr dieses Geschlechts aus Kaufherren starb bei der Schlacht von Goito im ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Und nun ist der Turm nur noch ein weiteres Beispiel der menschlichen Hybris und zeigt den Dörflern, wann sie mittags die Gitter vor ihren Läden schließen dürfen.“

„… und die Uhr geht ein paar Minuten vor“, ergänzte mein Begleiter lächelnd. Er atmete wieder ruhig und gleichmäßig. Aus seiner Tasche holte er ein Stofftuch, mit dem der sich sorgfältig über die Stirn und dann über den Nacken wischte.

… diesmal fand ich die rechten Worte: Nun musste ich ihn vorbereiten. Wieder einmal überraschte er mich. Er sprach die Gedanken aus, die ich noch im Geist formuliere.

„Der Moment vor der Erkenntnis ist ein schmerzhafter“, sagte er und wagte sich noch näher an mich heran. Unsere Oberarme berührten sich. Ich machte ihm Mut und lege meine Hand auf seine Schulter. Ganz nah an sein Ohr ging nun mein Mund. Er hatte diese kleine Belohnung verdient. Wenn ich es wollte, konnte ich nun mit meiner Zunge, ach, der weinroten, wortmächtigen, die durchsichtigen, feinen Haare kitzeln, die wie ein Flaum die Haut seiner Ohrmuschel bedeckten und sich unter meinem Atem zitternd aufrichteten.

„Ja. Er fordert vollkommene Klarheit und Entschlossenheit. Aber immer tut er weh. Sein Licht blendet und brennt deine Seele aus wie ein Feuersturm“, flüsterte ich ihm zärtlich zu und sah gleichzeitig durch eine schmale, wie eine Schießscharte geformte Fensteröffnung in der Wand neben der Uhr, Hinter ihr sank der aufgeblähte Sonnenball allzu eilig herab. Bald würde er die Spitzen der nachtschwarzen Zypressen auf den Hügeln im Westen berühren, von denen bereits wie feines Gewebe durchsichtiger Dunst emporstieg. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Aber diesmal, ich wusste es, würde es nur den einen Weg, den Weg nach vorne, den Weg nach oben geben. Keine Kreuzungen mehr, keine Zweifel.

… drängend: „Komm, eine letzte Anstrengung noch. Dann stehen wir auf dem Turm, den man nur einmal empor steigen kann.“

Er wand mir seinen Kopf zu, sah mir in die Augen. Zuversicht konnte ich dort lesen, Erwartung, auch Erregung. Und Furcht. Für einen kurzen Moment war sein Blick der eines Kindes, das hofft, aber schon zu oft enttäuscht wurde. Ich hatte erst gestern diesen Blick gesehen, bei den beiden Engeln, die die schwangere Madonna begleiteten, dort in dem alten Schulhaus. Gestern, als ich noch in einem ewigen Heute lebte, in einem anderen, mir selbst fremd gewordenen Leben, das ich beenden musste.

„Wir sind gleich oben. Aber gib acht“, mahnte ich, „stoß dir auf der Leiter nicht den Kopf an den Balken an.“ Falls mein Begleiter überrascht war, weil ich das Innere des Turms bereits zu kennen schien, verriet er das mit keiner Geste und mit keinem Wort. Er zögerte nur kurz, dann nickte er und wand sich wieder der Treppe zu. Diesmal blieb ich hinter ihm.

…schließlich: Wir standen auf der Plattform. Vielleicht hatte der Wind die Samen emporgetragen oder ein Vogel in seinem Schnabel. Zu unserem Erstaunen wuchsen dort oben auf magerem Erdreich und zwischen bröckelnden Bodenplatten mehrere alte, verkrüppelte Steineichen, die man von unten nicht sehen konnte. Es war, als würden wir in einen einen kleinen, heidnischen Hain eintreten. Ich hatte diese Umgebung nicht erwartet, da es mir diesmal zum ersten Mal gelungen war, bis hinauf auf die Spitze des Turm zu gelangen, aber sie war perfekt, wie für eine Theaterinszenierung vorbereitet. Ich fragte mich, wie die knorrigen, windschiefen Bäume bewässert wurden, denn ihr Grün war üppig und kräftig.

Diesmal hatte sich mein Begleiter nicht verletzt oder war erschöpft und enttäuscht wieder abgestiegen. Mein Plan hatte endlich funktioniert. Ich trat zur Seite und warf einen neugierigen Blick über die lächerlich niedrige Brüstung hinunter auf die Piazza gut sechzig Meter unter mir. Für mich schienen Jahre vergangen zu sein, seit wir dort unten auf der Terrasse des Ristorantes zu Abend gegessen hatten, aber es war tatsächlich höchsten eine Viertelstunde vergangen. Die Schatten erreichten bereits die Dächer des hoch über die umliegenden Hügel hinausragenden Dorfs und färbten die ihre Ziegel dunkelrot. Der riesige orangerote Glutball der Sonne, dessen Strahlen noch immer stechend im Gesicht brannten, stand nur noch eine Handbreit über einem Band aus geschmacklos rosafarbenen Wolken. In den Lücken, die sie ließen, war der Horizont durchsichtig türkis, fast grün. Sogar die Natur arbeitete eifrig mit, diesem Moment Feierlichkeit und Erhabenheit zu schenken.

… spähend: Die Bustouristen folgten ihrer Reiseführerin erleichtert und von der Kultur überfordert in eine billige Pizzeria am Ortseingang. Der Platz zu meinen Füßen leerte sich flink. Ich fand die Gesuchte endlich auf den Stufen der Säulenhalle vor dem Rathaus sitzend. Wenn ich es recht erkennen konnte, hielt sie ein cono gelato in der Hand und sah aufmerksam zu mir empor. Ja, jetzt winkte sie sogar. Sie hatte mich bemerkt. Eine plötzliche Wärme pochte in meiner Brust und machte sie eng. Da saß der Engel, wegen dem ich auf den Geschlechterturm gestiegen war und leckte abgelenkt an seinem Eis. Geduldig wartete sie am vereinbarten Treffpunkt.

Mein Begleiter, der noch immer genau in der Mitte der kleinen Aussichtsplattform zwischen den Eichen gestanden war, trat zögernd zu mir. Dabei kramte er in der Innentasche seiner dünnen Leinenjacke und zog eine schmale Brille heraus, die er umständlich auseinanderklappte und dann aufsetzte. Ihren Bügel ließ er dabei allerdings nicht los. Er gab ihm offensichtlich den Halt, um seine Höhenangst zu überwinden. Nur kurz warf er ebenfalls einen schaudernden Blick hinab. Dann trat er sofort wieder zurück vom Rand und verstaute wieder seine Brille.

Bevor er sich bewusst werden konnte, dass hier oben außer einem durchaus beeindruckenden Sonnenuntergang, den er allerdings so oder ähnlich auch von der Westterrasse seines Feriendomizils aus hoch über dem Silberrauschen eines Olivenhanges genießen konnte, nichts Bemerkenswertes zu entdecken war, musste ich handeln. Entschlossen schwang ich mich auf die nur zwei Hände breite Brüstung, drehte mich nach innen und balancierte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Mein Traum der vergangen Nacht kam mir wieder in den Sinn.

Der ältere Mann riss erschrocken die Augen auf und seine aufkommenden Zweifel verschwanden schlagartig aus ihnen. Auch von unten hörte ich Rufe. Sah Chiara, was ich tat? Egal, sie würde es gleich wieder vergessen haben.

… entsetzt: „Mein Junge“, rief der Mann, „mach dich nicht unglücklich!“

Ich musste lachen. Hatte er das wirklich gesagt? Mach dich nicht unglücklich? So eine banale Reaktion hätte ich ihm nicht zugetraut. Da hatte ich mehr von ihm erwartet. Ich wollte einen gebildeten Zeugen, der meine Tat wie einen Schluck edlen Rotwein oder wie eine Messerspitze überreifen Käse genießen konnte. Doch nun war es zu spät, zurückzugehen, einen anderen zu suchen. Ich war am Ende meiner Reise angelangt.

„Ich stehe am Scheideweg zwischen zwei wunderschönen Frauen“, sagte ich und tänzelte einen Schritt zur Seite. „Wie Engel sehen sie aus. Sie locken zu sich und flüstern mir ihre süßen Lügen zu, werfen verheißungsvolle, alles versprechende Blicke auf mich, zeigen mir ihre Reize. Sie heißen Aretē und Kakia. Sie sind die Tugend und die Schlechtigkeit. Die Umarmung der einen führt in die Freiheit, die der anderen in meinen Untergang. Doch beide Mädchen, die grün gekleidete und die rot gekleidete: Sie sehen genau gleich aus, ihre Stimmen sind die selben, die Haut von beiden ist weich und zart. Sie spiegeln einander in einer endlosen Vexierspiel. Ich kann nicht erkennen, welche die Gute ist und welche von ihnen mir schaden will. Ich stehe und schaue und wage es nicht, mich für eine Seite zu entscheiden.“

Mein Begleiter schnalzte mit den Lippen. Er wurde etwas ruhiger, wollte wieder an die Übereinkunft glauben, die wir getroffen hatten. Er war hier, um zu genießen, deshalb war er mir gefolgt. Unser Spiel der Worte war ihm nichts mehr als ein exquisites Dessert nach einem gelungenen Gastmahl an einem weiteren perfekten Tag in seinem umbrischen Paradies.

„Diese Parabel erzählt uns Prodikos von Keos. Sogar Jesus muss von dieser Geschichte gehört haben. Doch bist du Herkules?“, fragte der Besserwisser, der mit einem Mal begann, mir lästig zu werden. Ich ging nicht auf ihn ein. Das musste ich nicht mehr o knapp vor dem Ziel.

„Ich habe mein Leben damit verbracht, den richtigen Weg zu finden. Ich tastete mich vorsichtig in die eine Richtung, kehrte um. Versuchte die andere und lief feige mit eingezogenem Schwanz zurück zur Kreuzung. Doch nie fand ich heraus, welches der Mädchen Aretē und welche Kakia war, welcher ich trauen und welche mich verraten würde.“ Ich machte eine Pause, genoss den atemlosen Moment in der Zeit. Wie der Gekreuzigte stand ich mit weit auseinander gestreckten Armen auf der Ziegelsteinmauer hoch über der Piazza. In meinem Rücken ging die Sonne unter.

„Doch nun endet das Spiel“, fuhr ich fort. „Ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist ganz einfach zu betreten. Es ist seltsam, dass ich ihn immer übersehen habe, wo er doch so deutlich vor mir lag.“ Ich verlagerte mein Gewicht etwas zurück und schloss die Augen. Ich begann zu zählen: Von ‚Zehn‘ rückwärts auf ‚Null‘.

Bei ‚Drei‘ kippte ich nach hinten und fiel. Jemand schrie – über mir, unter mir. Ich weiß es nicht.

Meine Hände griffen in die Gespinste der Wolken.

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„Zeit ist Leben und Leben ist Verantwortung und Verantwortung bestimme deine Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo. Denn Zeit wohnt in deiner Seele.“

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klärungsversuch sechs: wahrheit.

glaube mir ich habe es auch nie verstanden aber von anfang an war ich anders ob ich die gabe bereits im mutterleib und in den ersten jahren meiner kindheit besaß ich weiß es nicht aber ich vermute es schließlich sind die frühen jahre endlos sie kennen keine zeit kein heute kein morgen dass ich in einem ewigen heute lebte und jederzeit zurück gehen konnte von heute nach gestern und vorgestern und gestern und vorgestern wieder ein heute waren erkannte ich erst spät fast zu spät in den jahren meiner pubertät für mich war die zeit nie eine einbahnstraße ich konnte immer wieder zurückkehren zurücktreten noch einmal versuchen und wenn es wieder nicht gelang noch einmal und wieder und wieder und wieder von innen sieht das hamsterrad wie eine leiter aus die mich hinaufführt doch tatsächlich brachte es mich nie vom fleck:

Bis ich zwischen zwei Engeln meiner Liebe begegnete.

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…wieder: „Ich habe satt!“, und legt beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er dreht sie langsam nach oben, mustert mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

„Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fährt er mit gespielter Verzweiflung fort, „einen dritten Weg!“ Ich sehe, seine Hände wollen zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzt. Ich kann seine Weinerlichkeit nicht länger ertragen. Sein Selbstmitleid ekelt mich an.

„Ja, den gibt es“, erwidere ich und stehe entschlossen von dem Terrassenstuhl auf. „Ich bin ihn gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort wende ich ihm den Rücken zu und trete hinaus auf die hitzestarre braune Piazza, die in der abendlichen Sonne brät. Eine Taube flattert müde auf. Ich spüre den überraschten Blick des älteren Mannes in meinem Rücken, aber er lässt mich ohne einen Kommentar ziehen. Wahrscheinlich fragt er sich, wie er sich so in mir täuschen konnte.

Mein Ziel ist ist das alte Renaissance-Rathaus am anderen Ende des Platzes, weit weg von dem arrogant hohen Geschlechterturm, den ich mit keinem Blick würdige. Ich habe Zeit; schlendere gemütlich über das holprige Pflaster. Ich setze mich auf die Stufen vor der großen Säulenhalle, in der am mercoledì der Wochenmarkt stattfindet. Ich warte geduldig. Bald wird sich hinten durch das Stadttor eine Wagenladung Touristen quetschen. Der ältere Mann, den ich so schnöde an dem Tisch vor dem Ristorante sitzen ließ, diskutiert eifrig mit dem Kellner. Er scheint mich schon vergessen zu haben.

„Ciao,“ sagt eine helle, frohe Stimme und Chiara setzt sich neben mich. Sie hält in jeder Hand eine Tüte gelato. Umständlich schiebt sie mit dem Oberarm ihre langen Haare zurück und gibt mir dann einen zärtlichen kalten Kuss auf den Mund. Er schmeckt klebrig nach dem Wachs ihres weinroten Lippenstifts und nach Himbeereis. Ich verliere mich in olivengrünen Augen und lache glücklich.

Mein dritter Weg wird keine Kreuzungen kennen. Er wird mich geradeaus in die Morgen führen, die nun vor mir liegen.

An der Seite der Frau, die ich liebe.

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (2. Teil)

 

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Der Engel im Spiegel

Wenn man nun dermaßen über sich selbst nachdenkt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als einzusehen, dass derjenige frei handelt, der tun kann, was er will und unterlassen kann, was er will, und dass Freiheit nichts anderes ist als das Fehlen äußerer Hindernisse.“

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klärungsversuch drei: annäherung.

der reine ich bin versucht zu sagen nackte physikalische vorgang ist keiner der anstrengung oder gar schmerz bereitet bereits als kind hatte ich keine probleme einen oder mehrere schritte zurück zu gehen ich schließe die augen sehe mit dem inneren blick in den spiegel meiner selbst zähle langsam rückwärts von zehn auf null und während dieses zögernden versenkens des rückzugs in den selbstpanzer stelle ich mir die szene um und so plastisch vor wie nur möglich versuche alle umgebung wiederzuerwecken geräusche gerüche licht und das spiegelbild für das es keine worte gibt da sie nur leere abstraktionen für ehrfurcht sind das ist nicht schwerer als joga selbsthypnose autogenes training lange geübt perfektioniert und in neunundneunzig von hundert fällen geht alles glatt ich rutsche zurück:

Irgendwann wird es mich töten und auch die anderen werden totbleiben.

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drängend: In der Mitte Italiens sind Öffnungszeiten nur ein unverbindlicher Rahmen. Dennoch waren der ältere Mann und ich schon etwas spät dran, wenn wir noch auf den Turm steigen wollten. Aber sein bedauernder Blick zurück auf den Tisch, auf dem eine neue Karaffe Brunello stand, war nur kurz. Ich schob ihn über die flimmernde Ziegelröte der Piazza, sanft die Hand auf seine Schulter gelegt, dabei genau den nötigen Druck ausübend. Es tat Not, sich zu beeilen, denn jeder Augenblick verlor Stimmung, die ich vorher mühsam aufgebaut hatte. Und ich hatte keine Lust, alles noch einmal von vorne zu beginnen. Dies war der letzte Versuch.

Nehmen wir an, wir haben gar keine Möglichkeit“, flüsterte ich ihm daher mephistophelisch schmeichelnd ins Ohr, zum ersten Mal seinen Geruch aufnehmend, „denn wir sind determiniert. Alles ist uns vorbestimmt und unser Leben scheint uns nur voller Alternativen, obwohl sie keine sind.“

Er roch nach Zimt, Rotwein und ein wenig auch nach Schweiß, eine scharfe, appetitliche Mischung. Wie gewünscht blieb er stehen, wandte sich halb zu mir. Der Respekt kehrte zurück und ich konnte mich vorbereiten; atmete die Umgebung ein. Vom Tor her trat eben eine Gruppe Touristen auf den hitzestarren Platz, folgte nur widerwillig der kulturtrunkenen Führerin. Immer häufiger zuckten die Blicke neidisch und ungeduldig hinüber zum Cola-Automaten der paninoteca und zu den staubigen Postkarten vor dem tabaccaio. Dieser Menschenhaufen belastete die perfekt erhaltene Renaissance-Symmetrie der Piazza und brachte sie fast zum Kippen.

„… mit einem Geschlechterturm aus dem trecento, bis hinein ins 16. Jahrhundert mehrmals aufgestockt … die Kaufmannsfamilie hatte … Wappen an der Westfront belegen, beste Kontakte zum Bankhaus ‚Fugger’ … ja, hier ging die Handelsroute über Perugia nach Rom …“, hörte ich Mosaiksteine von Lexikonwissen über der Reisegruppe ausgeschüttet. Ich überlegte, ob eine Korrektur sinnvoll war. Aber nein, der Moment war zu perfekt.

wie zum Beweis: „Das ist doch meine Angst“, erwiderte mein Freund und machte einen Schritt in den Schatten des Turmes, der den Platz inzwischen als dunkler Fluss in zwei Ufer teilte, „auch unsere Taten, auf die wir stolz sind, unsere Entscheidungen und Liebeserklärungen sind möglicherweise nur Wirkung. Versteh’ mich recht!“ Er hob einen mahnenden Zeigefinger, während sich die Hand zur Faust ballte. Mir war, als wolle er diese Gedanken festhalten und nie mehr loslassen. „Alles was wir machen und sagen, hat Ursache. Das ist banal und es beunruhigt mich nicht. Schrecklich ist jedoch die Umkehrung.“ Kopfschütteln. Eine kurze Pause: Etwas bleibt ungesagt. Dann erneutes Kopfschütteln: „Ich glaube, mich für eine Alternative entscheiden zu können – doch das ist Trug, ein Wahnbild. Es war schon vorher festgelegt, was ich mir erwähle. Ich hänge an klebrigen Fäden, die mich ziehen. Ich weiß es nur nicht. Alles was ich bin, ist Wirkung. Freier Wille nur der feuchte Traum einer Marionette.“

Gut: Er hatte sich Gedanken gemacht.

Schlecht: Das war das Gespräch, das ich mit ihm im Torre führen wollte, beim langen, schimmeldunklen Anstieg durch das knarrende Treppenhaus, diesem Gebärmutterkanal hinauf ins Licht. Nur eine kleine Änderung und der ganze Ablauf verändert sich.

Hältst du das für eine gute Idee?“, ließ sich mein Begleiter ablenken und blieb direkt vor der Eingangstür des Turmes stehen. Er deutete eine Gasse hinab, wo verblichene Kunststoffvorhänge und eine „Hausbrandt“-Reklame lockten. „Ich genieße unser Gespräch, aber wollen wir es nicht beim Wein fortsetzen und anschließend in die Bar? Dort gibt es einen Grappa aus der Gegend. Dann fahren wir zur Fattoria. Ich habe dort ein paar interessante Bücher, die ich dir zeigen möchte“, köderte er. Eine Besorgnis zeigte sich als Falte auf seiner Stirn.

wohl abgewogen: „Wir haben zwei Optionen: Zurück in die Welt“, ich machte eine wegwerfende Handbewegung hinüber zu dem schnatternden und fotografierenden Menschenhaufen, der sich nun wie eine Krankheit langsam auf der Piazza verteilte, „oder wir steigen auf den Turm, auf den man nur einmal steigen kann. Aber vielleicht wurde die Entscheidung schon längst für uns getroffen.“

Er lächelte und griff an seinen Gürtel, holte sein Smartphone heraus und stellte es ab. Nichts sollte ihn ablenken. Er hatte entschieden und stieg in meiner Achtung.

In der muffigen Eingangshalle saßen hinter einem kleinen Tisch zwei ältere, geschnitzt wirkende Frauen. Beide strickten an einem undefinierbaren Kleidungsstück. Im Türrahmen stehend sah ich noch einmal zurück auf den umbriafarbenen Platz. Nein, die Touristen machten keine Anstalten, uns zu folgen. Mein Glück hielt an; es war keine Korrektur nötig. Beide Frauen sahen auf. Es bewegte sich kein Muskel in ihren konzentrierten Gesichtern, ihr Blick war scharf und lauernd, die Pupillen schwarze, abgelutschte Olivenkerne. Sie hätten Zwillinge sein können oder eine das Spiegelbild der anderen. Die Treppe im Hintergrund wirkte wie die Strich-Punkt-Linie der Symmetrieachse, die Piero zu übermalen vergessen hatte.

Signori?“, sagte die eine.

Buona sera!“, sagte die andere.

Die Spiegelung hielt an. Dann endlich riss einer der beiden alternden Engel zwei weinrote Tickets vom Block, der auf dem Tisch stand, und hielt sie mir entgegen. Die andere öffnete eine kleine Kasse und hob die leere Hand.

Quattro E-Uro“, sagte die eine.

Per favore!“, sagte die andere.

Ich kramte ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und nahm ihr die Abrisse aus der Hand, auf denen die Aufschrift: ‚2000 lit.’ mit ‚€ 2’ überstempelt waren. Ich war stolz, wie sehr sich der reiche Mann bei dieser Trivialität im Hintergrund hielt. Er bewies erneut Geschmack. Die zweite Frau deutete auf die Holztreppe hinter ihr, die nach oben ins nächste Stockwerk führte. Sofort hörten wir für die beiden auf zu existieren. Sie führten ihre Meisterschaft im Synchron-Stricken fort.

endlich: Wir begannen unseren Aufstieg vorbei an vergilbten, kaum leserlichen Texttafeln und historischen Ansichten von Stadt und Turm. Im ersten Stock hingen ein paar speckdunkle, das Kunstlicht spiegelnde Gemälde äußerst zweifelhafter Qualität, die stockhässliche Persönlichkeiten des ehrwürdigen, mit den Fuggern befreundeten Kaufmannsgeschlechts zeigten. Hier im fensterlosen Turm war es angenehm kühl, aber auch drückend, kaltschweißig.

Die Reise beginnt“, sagte ich und meine Stimme klang dumpf, wie erstickt. Der ältere Mann sah mir direkt in die Augen.

„… ein Weg, den wir nur einmal gehen können.“ erwiderte er sehnsüchtig.

Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen.“

ψ

klärungsversuch vier: begriffe.

wenn ich einfach einmal setze zeit sei nichts weiter als ortsveränderung a nach b durch den raum dann impliziere ich eine rückkehr aber das ist natürlich falsch damit erklärt sich doch nicht die möglichkeit der rückkehr denn ich steige eben nicht zweimal in den gleichen fluss turm tag leben zeit lebenszeit ist ein weg den ich nur in einer richtung begehen kann denn auch in der umkehr ist zeit vergangen ich besuche einen ort und während ich ihn erkunde vergeht zeit weil ich mich bewege vorwärts rückwärts im kreis auch der ort für mich so still bewegt sich in des tages kurzer reise er altert wie ich ist der witterung ausgesetzt den elementen kurz der zeit kehre ich dann nach zwei stunden tagen jahren zurück egal wie lange es dauerte haben wir uns beide verändert der ort und ich wir sind andere geworden ähneln noch der früheren gestalt aber wir sind es nicht mehr wir sind fremde schattenwürfe des vergangenen wie ein physiker mir erklärt hat bestehe ich nicht einmal mehr aus den gleichen bausteinen wie früher ich denke anders bin anders geprägt also besucht eine neue person einen neuen ort das ist die einmaligkeit der zeit:

Doch es gibt für mich einen Weg.

ψ

Sie taucht hinter ihr Buch, tut, als würde sie völlig eingesogen von ihrer nur vorgeschobenen Camilleri-Lektüre: Sie versucht, die störende Wirklichkeit – und damit auch mich – zu negieren, indem sie die Welt außerhalb ihres Glaskastens ignoriert. Das mag manchmal funktioniert haben; Chiara wirkt, als würde sie nicht zum ersten Mal so handeln, aber bei mir klappt das nicht: Ich habe ein Ziel und sie ist nur eine wenngleich hübsche Barriere.

mein Zeitpunkt: Er ist ein zufälliger, auch wenn er so absichtsvoll gewählt wirkt. Wenn ich nur Wirkung bin, dann wirkt etwas Großes. Dieses Mal hat mich mein Versuch, einen perfekten Tag zu erleben, noch nicht dazu verleitet, ihm ein wenig nachzuhelfen. Manchmal geht es auch ohne Eingriffe in den Gang der Zeit; auch wenn die Versuchung groß ist, in alte Gewohnheiten zu verfallen. Es war einzig der Zufall eines schäbigen, von Schüssen durchlöcherten Wegweisers an einer Straßenkreuzung und die dunkel erinnerte Kunst Pieros, die mich nach Monterchi geführt haben. Es ist mein konsequent geleiteter Ausweg aus den quälend engen, perspektivefremden Bildern der Assisi-Maler, die meinen gestrigen Tag durch die Basilica di San Francesco begleitet hatten.

Gestern erscheint mir jetzt als Ungeheuer, eine lange vergangene, eine mythische Zeit. Ich war erleichtert, Assisi heute Morgen mit meinem Auto auf der staubigen E 75 Richtung Norden verlassen zu können. Eigentlich hatte ich einen Umweg über das weiße Gubbio geplant, jenem großartigen am Berghang gestrandeten Schiff. Aber im Nachhinein betrachtet wäre die Stadt eine falsche Fährte gewesen. Meine Tage bestanden seit geraumer Zeit nur aus Umwegen. Mein Ziel, wenn ich überhaupt eines hatte, war fern und fremd. Es war die Ausrede, Treibgut der Wirkung zu sein. Ich wollte Dinge wiedersehen, die mir bei meinem ersten Besuch fremd geblieben waren. Es stimmt schon: Man kann nur sehen, was man auch verstanden hat.

Damals, noch vor dem vernichtenden Erdbeben von 1997 stand ich in der Basilica di San Francesco von Pilger- und Touristenströmen umflutet, hörte etwas von Giotto und Cimabue, erblickte ein paar bunte, surreale Bildchen an Decken und Wänden – und sah tatsächlich nichts. Gestern war ich nun eine neue Person und endlich bereit.

sah: Auch wenn viel Unersetzliches zerstört ist, denn auch der Ort hat sich gewandelt, nahm ich doch eine Spur von dem auf, das mich nach vielen Umwegen schließlich zur Madonna del parto geführt hat, dem heiligen Tabernakel im Tempel des Herrn. Um es noch einmal zu sagen: Es ist wirklich ein Zufall, der mich in der Mittagshitze in das kleine Museum führt, zu einem Zeitpunkt, an dem das ohnehin ruhige Leben im Dorf endgültig zum Stillstand kommt und selbst die wenigen Touristen in den Baumschatten vor der einzigen Trattoria geflüchtet sind.

Einmal bitte“, spreche ich Chiara voller Absicht auf Deutsch an, denn ich will mich verständnislos geben, falls sie das Museum für geschlossen erklärt, „Ein Eintritt zum paradoxen Wunder einer schwangeren Jungfrau“, und setze ein gewinnendes Lächeln auf. Der Blick der jungen Frau geht kurz nach oben, über den Rand des scheinbar so fesselnden Buches hinweg, ein schwarzer Olivenblick, der mich durchleuchtet. Sie macht allerdings keine Anstalten, den Camilleri zu senken. Ich verschränke die Arme und mustere Chiara, öffnete ein paar geistige Schubladen, krame in den Schablonen.

Jung, die Haare kohleschwarz gefärbt, gutausehend: Studentin mit Semesterjob.

Dezent geschminkt, elegant, aber unauffällig gekleidet, einen Krimi lesend: Studium der Betriebswirtschaftslehre.

Ein dünnes Goldkreuz, das fast im Karschnitt ihrer Brust verschwindet: Religion, aber nicht ernsthaft ausgeübt, mehr Folklore als Empfindung.

Die Frisur nicht ganz ordentlich, Kaugummi kauend: Alles in allem eine fast schon zu typische junge italienische Frau. Wo hat sie ihr cellulare versteckt?

Unnahbar? Vielleicht. Ich mache meinen ersten Versuch.

Ah, Commissario Montalbano“, lächle ich. Nun legt sie endlich das Buch zur Seite. Ihre spöttisch nach oben rutschenden Mundwinkel belegen meinen Fehler.

Nein, es ist die Pirandello-Biografie. Ich lese keine kriminalen Geschichten“, erwiderte sie in ordentlichem Deutsch mit einem entzückenden Akzent. „Das Museum ist bis drei Uhr geschlossen.“

Nun sitze ich in der Falle. Ist es sinnvoll, doch einen neuen Versuch zu starten? Ich habe keine Lust, an diesem Ort die Zeit totzuschlagen. Schließlich will ich bis zum Abend ein gutes Stück weiter in der Kunstgeschichte kommen.

Ich wechsle ins Italienische:

Dann lesen Sie doch bitte weiter … und ich brauche nur zehn Minuten, anschließend bin ich wieder weg. Da drinnen wartet eine Dame auf mich. Es wäre unhöflich, sie länger allein zu lassen.“ Falls ich gehofft hatte, Chiara würde auf meinen Scherz eingehen, sehe ich mich getäuscht. Sie bläst die Wangen auf.

Das geht nicht: Das Museum ist zu“, sie bleibt beim Deutschen, benutzt die Sprache zum Abstandhalten. Ich sehe ein: So ist sie nicht zu beeindrucken, ein neuer Versuch wird nötig. Ich bin sicher, dass ich die Brechstange kenne, mit der sie zu knacken ist. Ich schließe die Augen, atme langsam ein und beginne rückwärts zu zählen. Dabei greife ich vorsichtig nach dem Bild, das ich in meinem inneren Spiegel sehe.

schwierig zu tun, noch schwieriger zu erklären: Ich öffne meine Augen und die Szene hat sich nur wenig verändert. Im Halbdunkel des weißgekalkten Flurs sitzt im Glashäuschen Chiara und liest in ihrem Buch. Ein dunkler Blick trifft mich. Vielleicht hätte ich noch ein, zwei Schritte zurücktreten sollen.

Buon giorno, signorina.” Ich trete näher, werfe einen flüchtigen Blick auf ihr Buch, während ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche ziehe. Diesmal werde ich mich auf keine Diskussion einlassen.

Ah … die Pirandello-Biografie“, sage ich auf italienisch, versuche verzweifelt ein paar Erinnerungen an meine Leseerfahrungen mit dem Nobelpreisträger wachzurufen, „ein weiterer einsamer Mann ohne Vater, dem in der Masse des zwanzigsten Jahrhunderts die Identität verlustig ging.“

War das zuviel? Ein wenig scheint sie sich schon über die Art zu wundern, mit der ich ihr meine Kenntnisse aufdränge. Aber ihr Interesse ist geweckt. Nun muss ich es nur noch erhalten. Denn mein Ziel ist es, an diesem Zerberus vorbei ins Museum vorzudringen. Ich ziehe einen Fünfeuroschein aus dem Geldbeutel.

Sie antwortet mir in ihrer Muttersprache, muss mir beweisen, dass auch sie Ahnung hat: „Camilleri ist sogar weitläufig mit ihm verwandt, glaube ich.“ Dann wird ihre Stimme härter. „Das Museum ist geschlossen, kommen Sie bitte um drei Uhr wieder.”

… hartnäckig: „Aber es ist doch noch nicht Mittag. Lesen Sie einfach weiter … ich brauche nur zehn Minuten, dann bin ich wieder weg. Ich will die Madonna sehen … sehen und mich lebendig fühlen. Auch ich bin meiner Identität verlustig – aber dort finde ich sie wieder.”

„… ab drei wieder”, bleibt sie fest, aber sie lächelt nun zum ersten Mal.

„Aber was mache ich denn so lange hier in Monterchi? Der Ort ist um diese Uhrzeit tot.”

„Ich an Ihrer Stelle würde einen kühlen Ort aufsuchen, etwas trinken und in einem Buch lesen.” Nun flirtet sie, aber sie will mich noch nicht vorbeilassen.

„So wie du”, wechsle ich die Anrede. Chiara schüttelt den Kopf.

„Leider habe ich nichts zu trinken.”

… das wird wieder nichts: „Und ich kein Buch. Vielleicht könnten wir gemeinsam …”

„Kommen Sie bitte um drei wieder”, unterbricht sie mich.

Ich muss wieder zurück. Aber jetzt habe ich langsam Spaß daran. Wollen mal sehen, ob ich sie nicht doch noch erweiche.

Mein Weg ist in zwei Hälften geschnitten.

[Zum 3. Teil]

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