Aber ein Traum …

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Der Freitagsaufreger (XXVIII) – MarTÜRium

Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

Der alte gichtgeplagte Herr Chronos stapft zu Jahresbeginn provozierend langsam und schleppend, aber doch beständig durch den eisigen Schnee der Zeit. Und nun ist er doch bald wieder Geschichte, jener deprimierende Januar, der mir Jahr für Jahr außer seiner Länge nur Arbeit und Ärger bringt. Und eine Katze, die wegen des unfreudlichen Wetters zu ungewollter Häuslichkeit gezwungen wird und mich dadurch gerade in ein finanzielles Desaster stürzt.

Winter ist keine Jahreszeit für Amy; sie ist eine Sommerkatze, ein in warmen Sonnenstrahlen eingekuschelt schlafendes, durch dichtes Gezweig schleichendes und Vögel aufschreckendes, in hellen Nächten im Mondlicht badendes Geschöpf. Sie muss im Laub des Kirschbaums sitzen, Mäuse auf den Getreidefeldern belauern oder mir den Platz auf meiner Sonnenliege streitig machen (siehe Abbildung). Sie muss an den frischen Kräutern schnüffeln, die Nachbarshunde ärgern und überhaupt die geheimnisvollen Dinge tun, die Katzen unbeobachtet in lauschigen Sommernächten so anstellen. Drei Viertel des Jahres ist Amy eine glückliche und naturverbundene, überaus elegante Landkatze ohne Verhaltensauffälligkeiten und Marotten. Der Winter jedoch zwingt sie zu einer anderen Lebensweise.  Hin- und hergerissen zwischen ihrem Freiheitsdrang und den Vorzügen meiner Fußbodenheizung will sie zwanzigmal am Tag hinein ins Haus oder eben wieder hinaus. In den Sommermonaten steht unsere Terassentür deshalb meist einen Spalt offen, jetzt ist sie jedoch geschlossen und die Katze muss sich durch Kratzen und Miauen bemerkbar machen, wenn sie ins Freie will oder wieder rein zum Ofen.

Was tagsüber noch angeht, wird in der Nacht zum Ärgernis: Amy weiß, dass die Menschen nun im ersten Stock in ihrem Schlafzimmer liegen und ist nicht so dumm, unten an der Türe zu scheuern: Sie springt stattdessen über einige Umwege auf den Balkon – wie genau ihr das gelingt, weiß ich immer noch nicht – und gelangt dadurch mit Gepolter draußen vor die Balkontür des Schlafzimmers. Hereingelassen wartet sie geduldig, bis ich wieder in meinen Pfühlen liege, dann springt Amy auf meinen Bauch, stampft ein wenig – unser Fachmann und Biologe nennt das Milchtritt – , dann kuschelt sie sich wie ein Nachtmahr, der einem Gemälde des 19. Jahrhunderts entsprungen ist, auf meinen Brustkorb und schnurrt sich und meist auch mich in den Schlaf. Nach einer Weile wird es ihr jedoch zu fade und sie weckt mich dezent. Ich darf sie im Dunkeln die Treppe hinabbegleiten, denn vom Balkon wieder herabzusteigen, ist ihr zu unbequem. Meist machen wir bei unserer nächtlichen Wanderung durchs Haus noch einen spontanen Umweg über Amys Fressnapf, wo sie einen kleinen Mitternachtsimbiss einnimmt, während ich frierend in der geöffneten Haustür stehe und warte, bis sich die Dame endlich zum Verdauungsspaziergang bequemt. Nach etwa einer Stunde steht sie wieder vor der Balkontür und das Spiel beginnt von Neuem.

„Das geht so nicht weiter“, hat Frau Klammerle entschieden. „Wenn wir nicht auf Pförtner umsatteln oder mal einen Urlaub machen wollen, muss Amy eigenständig das Haus verlassen und betreten können. Wir brauchen deshalb eine Katzenklappe. Und bei der Gelegenheit gleich noch eine neue Haustüre.“ Ein strafender Blick traf mich wie jedesmal, wenn das Gespräch auf unsere Eingangstür kommt. Schließlich habe ich sie bei meinem Versuch, in mein eigenes Haus einzudringen, so beschädigt, dass uns jeder fragt, ob sie Einbrecher aufgehebelt hätten (siehe: Meine eigene Dummheit). Zudem sind wir die einzigen in unserer Reihenhaussiedlung, die noch das alte schäbige Alu-Teil aus den 70ern besitzen, das im Winter innen eine Eisschicht bildet und sich im Sommer so verzieht, dass man es nur mit Gewalt aufstemmen kann. Wir fühlen uns schon wie Parias und werden immer häufiger deswegen schräg angesehen.

„Ja. Wir kaufen eine neue Tür“, stimmte ich leichtsinnig zu. Das jedoch ist leichter gesagt als getan. Da ich mich noch nie für den Handel mit Haustüren interessierte, war ich doch überrascht, dass es in der nächsten Umgebung einige Händler dafür gibt, die einen mit dicken Katalogen und einer unübersehbaren Auswahl an Designs und Farbschattierungen, Glasqualitäten und speziellen Dämmeigenschaften überschütten. Erstaunlicher jedoch, dass die Preise bei allen gleich und gesalzen hoch sind; Preise, die die alte graue Scheppertür plötzlich wieder attraktiv wirken lassen. Darauf sollte das Kartellamt mal einen Blick werfen.

Und dann haben wir noch immer keine Katzenklappe! Auch hier ist die Auswahl gigantisch. Frau Klammerle liebäugelt momentan mit einer Variante, die sich nur öffnet, wenn sich unsere Katze ihr nähert, schließlich will sie keine fremden Kater, Wiesel oder Waschbären im Haus. Damit das funktioniert, muss Amy unter Betäubung vom Tierarzt ein Chip implantiert werden, der das Öffnungssignal sendet. Auf diese Weise käme wirklich nur unsere eigene Katze in die Wohnung – und die halbtoten Mäuse und Vögel, die sie im Sommer gerne mal anschleppt. Dazu passt, dass uns einer der Türenhändler ein Schloss andrehen wollte, das ohne Schlüssel nur mittels Fingerabdruckscanner geöffnet werden kann – wahrscheinlich mit Direktleitung zur NSA.

Auf jeden Fall wird uns diese Haustüre so viel kosten, dass wir uns in den nächsten Jahren keinen Urlaub mehr leisten können.

Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf,um eine kleine finanzielle Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

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