Aber ein Traum …

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Diese Sommerlektüren (7) – Berg und See

„Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.“
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser; dort würde niemand auf die Idee kommen, „Labskaus“ zu servieren. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (also ich) siegt, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Der erste ernsthafte Romanversuch, den ich im Alter von zarten 14 Jahren schrieb und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meiner Giftschublade holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde, alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite (1) ein gezähmtes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben …

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und verbrachte die letzte Woche gemeinsam mit Frau Klammerle bei extrem hitzigen Wetter im Berchtesgadener Land. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck hatte ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924), den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich ist. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil“, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist. Conrad ist längst gemeinfrei und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist „Herz der Finsternis“ sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann. Ich wünschte mir, dass dies irgendwann einmal jemand über einen Text von mir sagen wird.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, den Obersalzberg, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon Krakauers „In eisige Höhen“, das den Irrsinn des boomenden Mount-Everest-Tourismus beschreibt, der in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben …

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

_________________________________

(1) Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria“-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell. Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

Diese Sommerlektüren (6) – Thomas Pynchon

Ich schreibe nicht nur gerne selbst dicke Romane, ich schätze es auch, sie zu lesen. Und in meinem Ur­laub neh­me ich mir immer ein besonders dickes vor. Jedes Jahr aufs Neue bilde ich mir ein, die freien Tage seien endlos, die Abende warm und die Nächte hell und kurz. Ich hätte alle Zeit der Welt. Freilich ist es nicht so, es ist aber ein Traum, den ein Blick auf den Ka­lender zerstört: Die Tage reihen sich wie Do­minosteine aneinander, einmal angesto­ßen, fallen sie um so schneller. Und plötzlich liegt der letz­te vor mir auf dem Tisch, unbegreiflich im Nachhinein, wie eilig die Zeit verging. Es ist Herbst, kühle, feuchte Tage kün­den ihn, Winde jagen tiefhängende, graue Wolken über abgeerntete Felder. In den Läden kann man wie­der Feder­weißen und bald auch Nikoläuse erwerben, im Radio sin­gen Green Day Wake me when septem­ber ends. Der All­tag beginnt von Neuem und ein fet­tes, halb gelesenes Buch thront lastend auf dem Nachttisch wie eine Mahnung. Aber wenn ich es auf­schlage, duftet es noch nach Hitze und Sommerflie­der, riecht nach einem verloren Paradies.

Gibt es Schöneres als ein Buch, dessen Autor mich an der Hand nimmt und mir eine bisher ungekannte Welt zeigt, sie mir wortreich und spannend be­schreibt, bis ich mich in ihr heimisch fühle, mich in ihr verliere und ich den Mo­ment fürchte, an dem ich sie vielleicht für immer verlassen muss? Noch nach Jahren denke ich liebevoll an diese Wer­ke und tauche sehnsuchtsvoll in Erinnerungen ein, die sich anfüh­len, als hätte ich die Orte der Romane besucht, mit ihren Figuren gelebt und gelitten und ihre Abenteuer und Leben geteilt.

»Zwischen den Palästen« von Nagib Machfus ist solch ein Roman, Mervyn Peakes »Gormenghast« oder »Kristin Lavranstochter« von Sigrid Undset, um nur drei zu nen­nen; alle sind Werke mit tausend, zwei­tausend Seiten oder mehr. Das Eintauchen in diese so unterschiedlichen Wel­ten, in die in staubiger Hitze erstarrten Gassen und Hin­terhöfe Kairos, das laby­rintische, bedrohliche Schloss der in leere Riten er­starrten Fürsten von Groan oder das entbehrungsrei­che, karge Leben im frühmittelalter­lich eisigen Nor­wegen ist so vollkommen, dass man den heimlich ge­trunkenen Alkohol aus dem Mund von Abd al-Gaw­wad riecht, sich vor der Berührung des fetten Kochs Swelter ekelt oder mit Kristin um ihre Kinder weint. All diese Bü­cher fordern dem Le­ser zu Anfang reich­lich Geduld ab, aber wenn man die ers­ten 100 Seiten gelesen hat, ist man für den Rest sei­nes Lebens ge­fangen und sie lassen einen nie mehr los.

Manche dieser endlosen Bücher sperren sich jedoch auch nach vierhundert Seiten noch und machen das Lesen zum Kampf. Als Beispiele seien hier die »100 Jahre« von Opper­mann, Marcel Proust oder meine diesjährige Ferienlektüre genannt. In diesem Som­mer machte ich mich an den Ro­man »Gegen den Tag« des geheimnisumwitterten Autors Thomas Pynchon, der nicht nur aufgrund seiner 1600 Sei­ten eine schwergewichtige Lektüre ist, die das Lesen im Bett zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit macht. Es ist ein Buch, das geradezu danach schreit, als E-Book ver­öffentlicht zu werden, um dem Leser einiges an Last abzu­nehmen; Rowohlt sieht das jedoch anders. Man müsste den Verlag wegen der zu erwartenden Sehnenscheidenentzün­dungen beim krampfhaften Halten des Buches verklagen.

Ohne mich mit dem Autor vergleichen zu wollen oder zu können, ist seine Auffassung von Literatur der meinen wahrscheinlich sehr ähnlich. Obwohl »Gegen den Tag« zu­sammen mit dem erheblich kürzeren »Na­türliche Mängel« zu den leichter konsumierbaren Bü­chern des Amerikaners zählt, macht Pynchon, ein Phantom, von dem es keine Fo­tos und keine Biografie gibt, es dem Leser mal wieder nicht einfach: Das Buch hat keine durchgehende Handlung, keine Haupt­figur und es ist nicht spannend. Dabei springt so munter zwischen den trivialeren Literaturgenres hin und her, dass es beim Lesen schwindeln macht. Da niemand einen Autoren besser loben kann als er sich selbst, sei Pynchon nun das Wort überlassen:
»Gegen den Tag umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterun­ruhen in Colorado über das New York der Jahrhundert­wende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Bal­kan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereig­nisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die weltweite Katastrophe schon am Horizont ab­zeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalis­tische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild. Derweil treibt Thomas Pynchon sein Spiel. Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und abseitige Sexualpraktiken werden aus­geübt, obskure Spra­chen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig. Kontrafaktische Ereignis­se finden statt. Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte sie es sein.«

Wer sich auf den Kampf mit dem endlosen Buch ein­lässt, wird ihn – falls er ihn gewinnt – bestimmt nicht bedauern. Für alle anderen ist »Gegen den Tag« ein Ärgernis.

Und im nächsten Sommer, der wieder endlos und ewig sein wird, lese ich endlich »Krieg und Frieden«.

PynchonThomas Pynchon
Gegen den Tag
(Rowohlt, 2008, inzwischen neu nur noch als gewichtiges Taschenbuch oder als vollkommen überteuertes E-Book erhältlich)

Diese Sommerlektüren (5) – Gabriel Ferry

»Der Schwar­ze Falke bück­te sich lang­sam nie­der; ein Mes­ser blitz­te in sei­ner lin­ken Hand dicht beim Kopf Fa­bi­ans. Jetzt, in die­sem äu­ßers­ten Mo­ment, hörte die Hand Bo­is-Rosés zu zit­tern auf, als ein plötz­li­cher Knall ihn er­be­ben ließ. Der Schwar­ze Falke stürz­te mit zer­schmet­ter­tem Schä­del schwer auf Fa­bi­an nie­der, den er mit sei­nem Leib und des­sen blu­ti­gen Über­res­ten be­deck­te, und eine Stim­me rief zu­gleich: »Das ist mein letz­tes Wort, du rot­häu­ti­ger Hund!«

Bei den Recherchen zu meinen autobiographischen Großelterngeschichten, in denen ich durch „Wahrlügen“ den Jugendlichen, der ich mal war, wiederauferstehen lassen wollte, hatte ich mich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bücher es genau waren, die ich als 14jähriger Pubertierender im Sommer 1977 las.

Ganz sicher war weit oben auf meiner Leseliste damals die Arena-Jugendbuch-Ausgabe dieses Werks:

waldläuferGabriel Ferry
Der Waldläufer

Ferry de Bellamare, wie Gabriel Ferry tatsächlich hieß, wurde 1809 geborenferry und starb bei einem Schiffsunglück im Januar 1852. Er war ursprünglich Kaufmann und begann erst in seinen letzten beiden Lebensjahren nach einem Bankrott mit dem Schreiben mehrerer umfangreicher Romane, von denen „Le Coureur de Bois“ der mit Abstand erfolgreichste und am häufigsten aufgelegte ist. Dieses Buch machte Ferry, der selbst viele Jahre in Mexiko Handel trieb, zu einer Art französischem Fenimore Cooper. Sein „Waldläufer“ teilt mit den „Lederstrumpf“-Romanen des großen Amerikaners das Schicksal, dass es praktisch keine vollständige Übersetzungen ins Deutsche gibt und beider Werke vollkommen zu Unrecht als Jugendliteratur abgetan werden, die man beliebig kürzen, glätten, umschreiben und vereinfachen kann. Sogar von „Moby Dick“ gab es extrem gekürzte Fassungen für junge Leser, die den kompletten philosophischen Gehalt des Buch streichen, was mindestens drei Viertel des Textes betrifft.

Die Jugendbuchausgabe des Arena-Verlages, die ich als Pubertierender las, stützte sich auf die erste und noch weitgehend vollständige Übersetzung dieses Romans von Dr. G. Füllner, die aber stark fürs jugendliche Publikum der 70er Jahre überarbeitet wurde. Es war sozusagen eine Ausgabe der „spannenden Teile“, um mal William Goldmans „Brautprinzessin“ zu zitieren (Kennt ihr nicht? Unbedingt lesen! Ich kenne niemanden, der das Buch nicht mag). Trotzdem war diese Fassung des Waldläufers noch relativ umfangreich; mit etwa 350 Seiten bot sie ungefähr zwei Drittel des Originaltextes von Ferry, der wie Cooper seine Romane selbstredend nie als Jugendbuch konzipiert hatte. Die Bekannteste, für die Jugend eingerichtete, Fassung des „Waldläufers“ ist die gleichnamige, besser als Umdichtung zu bezeichnende Version des jungen Karl May, der Ferrys Roman als Steinbruch für seine späteren Wildwestromane nutzte und der Vorlage Figuren wie den edlen Winnetou (bei Ferry allerdings ein Häuptling der Komantschen) oder Old Firehand entnahm, die dort bereits als Prototypen vorhanden sind. Auch ein exzentrischer Engländer fehlt nicht. Ferrys Buch ist aber keine schlecht geschriebene Kolportage und seine Figuren sind lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, die leiden und Fehler begehen und nicht jene unangreifbaren, immer überlegenen Halbgötter, zu denen Karl May sie machte.

Waldlaeufer1Bei Mobileread kann man eine vollständige E-Book-Version der gelungenen, längst gemeinfreien Füllner-Übertragung von 1851 kostenlos herunterladen, die nur wenige OCR-Fehler und nur ein einzigesmal eine längere Textwiederholung aufweist. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, den Roman in seiner Gänze kennenzulernen. Diese Erstübersetzung ist sprachlich hochwertig und auch heute noch gut und flüssig lesbar, wenn man sich auf den etwas umständlichen und streckenweise zu überschwänglichen Stil der romantischen Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einlassen will, die für ein gutbürgerliches Publikum schrieben, das dicke Wälzer mit höchst romantischen Verwicklungen, düsteren Intrigen und dramatischen Abenteuern schätzte und sich diese zur Abendunterhaltung gegenseitig laut vorlas (Leseabende waren das Netflix bon 1850). Wenn man einmal die ersten 100 Seiten des nur gemächlich in Gang kommenden Abenteuers um einen gigantischen Goldschatz überstanden hat, wird man von der immer atemloseren Handlung, die in eine große Schlacht am Red River mündet, mitgerissen.

Es war eine interessante Erfahrung, Ferry wiederzulesen; jenen Autor, der mich als Vierzehnjähriger so stark beeindruckt und auch beeinflusst hat, dass mir einige Szenen noch immer stark und greifbar in der Erinnerung verblieben sind. Meine Hochachtung gilt jedem Autor, dem solches gelingt. Wie viele Bücher habe ich schon gelesen, die keinerlei Spuren in mir hinterließen und über deren Inhalt ich bereits nach ein paar Jahren (oder Monaten) nichts mehr berichten kann? Selbstverständlich hat auch der „Waldläufer“ längst seine Einzelstellung verloren und das atemlose, begeisterte Lesen, das vollkommene Eintauchen in eine andere Welt, die einem die eigene Realität fade und uninteressant macht – das Bücherfressen -, gelingt mir nicht mehr; es ist leider irgendwann während des Erwachsenwerdens verloren gegangen. Zu viele Bücher und Jahre stehen zwischen mir und dem Jugendlichen des ziemlich verregneten Sommers 1977, in dem Elvis starb. Gabriel Ferry erneut zu lesen, war durchaus ein spannendes – auch entspannendes – nostalgisches Vergnügen, aber sein Roman, den ich früher leidenschaftlich liebte, ordnet sich nun in eine Reihe von Büchern ein, die mir einmal wichtig waren und mich eine Zeitlang begleiteten, mir heute aber nicht mehr viel bedeuten. Um es kurz zu machen: Der Jugendliche, der ich mal war, ist auf diese Weise nicht mehr unter all den alten Ich-Schichten hervorkrambar. Ein anderer Mensch hat im 21. Jahrhundert den „Waldläufer“ gelesen.

Sommerliche Leseempfehlungen: Gabriel Ferry

Der Schwar­ze Falke bück­te sich lang­sam nie­der; ein Mes­ser blitz­te in sei­ner lin­ken Hand dicht beim Kopf Fa­bi­ans. Jetzt, in die­sem äu­ßers­ten Mo­ment, hörte die Hand Bo­is-Rosés zu zit­tern auf, als ein plötz­li­cher Knall ihn er­be­ben ließ. Der Schwar­ze Falke stürz­te mit zer­schmet­ter­tem Schä­del schwer auf Fa­bi­an nie­der, den er mit sei­nem Leib und des­sen blu­ti­gen Über­res­ten be­deck­te, und eine Stim­me rief zu­gleich: »Das ist mein letz­tes Wort, du rot­häu­ti­ger Hund!«

Bei den Recherchen zu meinen autobiographischen Großelterngeschichten, in denen ich durch „Wahrlügen“ den Jugendlichen, der ich mal war, wiederauferstehen lassen will, hatte ich mich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bücher es genau waren, die ich im Sommer ’77 las.

Ganz sicher war weit oben auf meiner Leseliste damals die Arena-Jugendbuch-Ausgabe dieses Werks:

waldläuferGabriel Ferry
Der Waldläufer

Ferry de Bellamare, wie Gabriel Ferry tatsächlich hieß, wurde 1809 geborenferry und starb bei einem Schiffsunglück im Januar 1852. Er war ursprünglich Kaufmann und begann erst in seinen letzten beiden Lebensjahren nach einem Bankrott mit dem Schreiben mehrerer umfangreicher Romane, von denen „Le Coureur de Bois“ der mit Abstand erfolgreichste und am häufigsten aufgelegte ist. Dieses Buch machte Ferry, der selbst viele Jahre in Mexiko Handel trieb, zu einer Art französischem Fenimore Cooper. Sein „Waldläufer“ teilt mit den „Lederstrumpf“-Romanen des großen Amerikaners das Schicksal, dass es praktisch keine vollständige Übersetzungen ins Deutsche gibt und beider Werke vollkommen zu Unrecht als Jugendliteratur abgetan werden, die man beliebig kürzen, glätten, umschreiben und vereinfachen kann.

Die Jugendbuchausgabe des Arena-Verlages, die ich als Pubertierender las, stützte sich auf die erste und noch weitgehend vollständige Übersetzung dieses Romans von Dr. G. Füllner, die aber stark fürs jugendliche Publikum der 70er Jahre überarbeitet wurde. Es war sozusagen eine Ausgabe der „spannenden Teile“, um mal William Goldmans „Brautprinzessin“ zu zitieren. Trotzdem war diese Fassung noch relativ umfangreich; mit etwa 350 Seiten bot sie ungefähr 2/3 des Originaltextes von Ferry, der wie Cooper seine Romane selbstredend nie als Jugendbuch konzipiert hatte. Die Bekannteste für die Jugend eingerichtete Fassung des „Waldläufers“ ist die gleichnamige, besser als Umdichtung zu bezeichnende Version des jungen Karl May, der Ferrys Roman als Steinbruch für seine späteren Wildwestromane nutzte und der Vorlage Figuren wie den edlen Winnetou (bei Ferry allerdings ein Häuptling der Komantschen) oder Old Firehand entnahm, die dort bereits als Prototypen vorhanden sind. Auch ein exzentrischer Engländer fehlt nicht. Ferrys Buch ist aber keine Kolportage und seine Figuren sind lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, die leiden und Fehler begehen und nicht jene unangreifbaren, immer überlegenen Halbgötter, zu denen Karl May sie machte.

Waldlaeufer1Bei Mobileread kann man eine vollständige E-Book-Version der gelungenen, längst gemeinfreien Füllner-Übertragung von 1851 kostenlos herunterladen, die nur wenige OCR-Fehler und einmal eine längere Textwiederholung aufweist. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, den Roman in seiner Gänze kennenzulernen. Diese Erstübersetzung ist sprachlich hochwertig und auch heute noch gut und flüssig lesbar, wenn man sich auf den etwas umständlichen und streckenweise zu überschwänglichen Stil der romantischen Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einlassen will, die für ein gutbürgerliches Publikum schrieben, das dicke Wälzer mit höchst romantischen Verwicklungen, düsteren Intrigen und dramatischen Abenteuern schätzte und sich diese zur Abendunterhaltung gegenseitig laut vorlas. Wenn man einmal die ersten 100 Seiten des nur gemächlich in Gang kommenden Abenteuers um einen gigantischen Goldschatz überstanden hat, wird man von der immer atemloseren Handlung, die in eine große Schlacht am Red River mündet, mitgerissen.

Es war eine interessante Erfahrung, Ferry wiederzulesen; jenen Autor, der mich als Vierzehnjähriger so stark beeindruckt und auch beeinflusst hat, dass mir einige Szenen noch immer stark und greifbar in der Erinnerung verblieben sind. Meine Hochachtung gilt jedem Autor, dem solches gelingt. Wie viele Bücher habe ich schon gelesen, die keinerlei Spuren in mir hinterließen und über deren Inhalt ich bereits nach ein paar Jahren (oder Monaten) nichts mehr berichten kann? Selbstverständlich hat auch der „Waldläufer“ längst seine Einzelstellung verloren und das atemlose, begeisterte Lesen, das vollkommene Eintauchen in eine andere Welt, die einem die eigene Realität fade und uninteressant macht – das Bücherfressen -, gelingt mir nicht mehr; es ist leider irgendwann während des Erwachsenwerdens verloren gegangen. Zu viele Bücher und Jahre stehen zwischen mir und dem Jugendlichen des ziemlich verregneten Sommers 1977. Gabriel Ferry erneut zu lesen, war durchaus ein spannendes – auch entspannendes – nostalgisches Vergnügen, aber sein Roman, den ich früher leidenschaftlich liebte, ordnet sich nun in eine Reihe von Büchern ein, die mir einmal wichtig waren und mich eine Zeitlang begleiteten, mir heute aber nicht mehr viel bedeuten. Um es kurz zu machen: Der Jugendliche, der ich mal war, ist auf diese Weise nicht mehr unter all den alten Ich-Schichten hervorkrambar. Ein anderer Mensch hat den „Waldläufer“ gelesen.

Nachschrift zu „Tradition“ -Zwei

3. Die „Jarmulke“

Mit Beginn der Sommerferien 1977 war ich endgültig in der Schule gescheitert. Nachdem ich bereits die 6. Klasse wiederholt hatte, endete nun meine Karriere im Gymnasium mit vier Fünfern und zwei Sechsern und der eindeutigen Empfehlung der Lehrerkonferenz, mich zurück in die Hauptschule zu befördern, da ich – allgemeiner Tenor – für eine weiterführende Schule zu dumm war. Meine Eltern hielten mich weniger für dumm als vielmehr für faul und meldeten mich in einer Realschule an, die ich dann ab dem Schuljahr 77/78 besuchte. Dort änderte sich meine Lebenssituation völlig. Ich war plötzlich der Älteste in der Klasse und war dadurch als unverhofftes Alpha-Tier auf den Posten des Klassensprechers abonniert. Ich blieb zwar weiterhin lernunwillig – zumindest was den Schulstoff anging, – erreichte jetzt aber ohne mich für schulische Angelegenheiten zu interessieren durchschnittliche Noten und war nie in Gefahr, das Klassenziel nicht zu erreichen. Und das wichtigste: Ich hatte plötzlich Freunde.

Das war in den Ferienmonaten bei meinen Berliner Großeltern alles noch nicht absehbar. Zu ihnen kam ein gescheiterter, einsamer Pubertierender, dessen Faulheit und dessen soziopathisches, an Autismus grenzendes Verhalten man heute als die Träumer-Variante von ADS diagnostizieren und mit starken Ritalindosen korrigieren würde. Unter den Symptomen meines Aufmerksamkeitsdefizits leide ich noch heute und zu meinem Bedauern habe ich es auch meinen Kindern vererbt.

Ich war also vierzehn Jahre alt, als ich endgültig im Gymnasium scheiterte und meine Mutter mich zu ihrer Erleichterung über die Sommerferien nach Berlin abschob. Auch wenn ich natürlich ein völlig anderes Bild von mir hatte, war ich wie viele leidgeprüfte Jugendliche in diesem Alter: stark pubertierend, picklig und dick. Voller moralischer Bedenken der eigenen Sexualität nachforschend, verlebte ich damals meine Tage in einem Heldentraum, in dem sich meine wuchernde Phantasie und mein wundes Selbstvertrauen in einer faschistoiden, von Fernsehen und Heftromanen geprägten Vorstellungswelt ein Ventil suchten. Obgleich ich nur ein mageres Œuvre an Wildwest- und Science-Fiction-Geschichten zustande gebracht hatte, die zudem mangels Fleiß und Konzept stets unvollendet blieben, hielt ich mich doch für einen früh gereiften, genialen Schriftsteller, dessen Entdeckung durch ein begeistertes Publikum längst überfällig war.

Nur wenige Zeit zuvor war ich allerdings noch ganz Kind gewesen. Der Wechsel fand in den wenigen Wochen zwischen Ostern und dem Sommer statt. Aus einem mit dem Vater verbrachten Ägyptenurlaub in den Osterferien hatte ich mir eine gestrickte, auffällig gefärbte Fellachenkappe mitgebracht, die ich auf Lord Kitcheners Nilinsel zum Spottpreis von einer Mark erworben hatte. Sie wurde mir das zugleich unnützeste und dabei wichtigste Kleidungsstück, das ich je besessen habe. Vorher hatte ich der Sonne wegen eine Schirmmütze getragen, die ich als treuer Leser von der Comic-Zeitschrift ZACK geschenkt bekommen hatte und an ein um Bakschisch bettelndes Kind weitergab. Wenn ich Fotos von diesem Ägyptenaufenthalt, auf denen ich mit dem Basecap zu sehen bin, mit einer Aufnahme vergleiche, die nur sechs Wochen später bei einem Jugendlageraufenthalt in Österreich gemacht wurde und auf der ich jene orientalische Kappe trage, die an die »Jarmulke« eines gläubigen Juden erinnert, dann ist deutlich der Sprung vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen zu erkennen. In meiner Erinnerung liegen die beiden Ereignisse auch weiter auseinander, als sie es tatsächlich sind; es ist eine Kluft zwischen ihnen, die breiter als nur sechs Wochen ist.

KappeWas war der auslösende Effekt, der mich so genau den Beginn meiner Pubertät datieren lässt? War es der mich überwältigende Eindruck der fremdartigen Kultur, der mich fassungslos machte und mich dabei mit einem Elend konfrontierte, das ich nie geahnt noch gar gesehen hatte und dessen Bilder ich mir auch heute noch deutlich vor Augen rufen kann? Oder war es nur das Scheitern am Gymnasium, denn dieses Ereignis war der erste Bruch, den mein Selbstbewusstsein erleben musste? Nun, die Schale »Kind« platzte plötzlich auf und aus dem Ei kroch ein Pubertierender, der die ersten Züge meiner heutigen Persönlichkeit entwickelte. Aus einem Grund, den ich nicht genau entschlüsseln kann, war mir die Kappe, die ich praktisch nur zum Schlafengehen ablegte, bei meinen ersten unsicheren Schritten Stütze und Halt; unter ihr fühlte ich mich geborgen, be-»hütet«. Gleichaltrige Bekannte bemerkten den Fetischcharakter dieses Kleidungsstückes schnell und es war oft das Ziel von Spott und Diebstahl. Ich litt unter den Grausamkeiten, aber die Kappe wurde mir dadurch noch heiliger.

Auch bei meinen Freunden in der katholischen Jugendgruppe, den einzigen, die ich damals besaß, endete die Kindheit. Bei den Weiterentwickelten, oder, besser formuliert, den Attraktiveren, gab es erste Verwirrungen mit dem anderen Geschlecht. Als zwei meiner Freunde um das gleiche Mädchen buhlten, baute ich diese Geschichte in meinen Heldenträumen aus, verschärfte den Konflikt und stellte mich in Erzählungen als unglücklich zerrissen in die Mitte der in Wahrheit nicht existierenden dramatischen Handlung. Es war also nur mein literarisches Interesse geweckt und kein Mitfühlen mit den Nöten der Verliebten. Mein schönster Traum war es übrigens, dass sich jenes Mädchen zu mir hingezogen fühlte.

Zusammenfassend: Zu den Großeltern nach Berlin kam in jenem Sommer erstmals kein Kind mehr.

Der Sonntag war im Haus der Großeltern ein großes Ereignis; obwohl auch er feste Regeln besaß, waren doch die seinen vom Gleichlauf der anderen Tage unterschieden. Es wurde morgens länger geschlafen. Trotzdem war ich müde: In den Räumen, die ich im ersten Stock des Hauses für mich allein bewohnte, stand ein ausgemusterter, aber funktionstüchtiger Schwarzweiß-Fernseher stand und das Samstagabendprogramm war das interessanteste und längste der Woche. Mir hatten es vor allem die beiden Ostkanäle angetan, die wir zuhause nicht empfangen konnten und in denen ich ganz erstaunliche Dinge zu sehen bekam. Zudem hatte das Ostfernsehen den Reiz des Verbotenen, da die Großeltern befürchteten, mein junger, formbarer Geist würde vom »schwarzen Kanal« beeinflusst. Diese Sorge war allerdings unbegründet, da ich Western und Krimis und nicht politische Bildung suchte.

gunhillIn der Nacht zu jenem Sonntag, über den ich nun schreiben werde, den 23. August 1977, hatte ich einen im »Zwölf-Uhr-Mittags«-Stil gedrehten Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen, der mir noch Jahre als atemberaubend spannend in der Erinnerung blieb und mich damals lange am Einschlafen hinderte. Beim späteren Wiedersehen des Westerns war er einer von vielen; am erstaunlichsten war noch, dass die mich damals so sehr beeindruckenden Schwarzweißbilder in Wirklichkeit farbig sind; diese Entdeckung hatte etwas von der Erkenntnis, dass es außer mir keinen Nikolaus gibt.

Jener Sonntag, dessen Frühstück ich schlaftrunken über mich ergehen ließ, war ein ganz besonderer: Zum Kaffee am Nachmittag wurden spezielle Gäste erwartet, nämlich ein erst am Wochenende zuvor aus der DDR geflüchteter Verwandter, ein Arzt der Ostberliner Charité, der mit Frau und zu diesem Zwecke betäubten Kleinkindern für viel Geld im Kofferraum des Wagens eines Diplomaten Republikflucht begangen hatte. Der Arzt hatte sich für seine Flucht ausgerechnet einen Abend gewählt, an dem meine Großeltern mit einer Tante in den Osten der Stadt gefahren waren, um andere Verwandte zu besuchen. Ich war allein im Haus geblieben und erwartete sie gegen zehn Uhr wieder zurück. Da jedoch die Flucht vor ihrer Heimkehr bekannt wurde, hielten sie die DDR-Zöllner am Kontrollpunkt auf, ließen sie ohne Angabe von Gründen mehrere Stunden im Auto sitzen, bis sie sie dann doch fahren ließen.

Nun, nach einer Woche hatte sich die meiste Aufregung gelegt und die vergrößerte Familie wurde zum Nachmittag erwartet. Ich war fest entschlossen, einen Kriminalroman über »Republikflüchtige« zu schreiben, den ich »Das Loch in der Mauer« nennen wollte. Beim Frühstück fragte mich die Großmutter, wer denn »Elvis Presley« sei, sie hatte beim Friseur gelesen, dass er in der vorigen Woche verstorben wäre. Ich hatte zwar von ihm gehört, konnte aber auch keine nähere Auskunft geben, denn ich stand mit zeitgenössischen Musikern und deren Klängen damals fast ebenso sehr auf Kriegsfuß wie meine Großmutter selbst; aus meinem Kassettenrecorder ertönten stundenlang die Anfangstakte von Tschaikowskijs b-moll-Klavierkonzert. Das war so ziemlich die einzige Art von Musik, die mir gefiel. Ein paar Jahre später blamierte ich mich, als eines Morgens ein betroffener Klassenkamerad mit atemloser Stimme berichtete, dass man in der Nacht John Lennon ermordet habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.

Was ich den weiteren Vormittag gemacht habe, ist nicht mehr in meiner Erinnerung, ich weiß nur noch, das Wetter an diesem Tag war unbeständig und die Großmutter beschloss, das nachmittägliche Kaffeetrinken im Hause stattfinden zu lassen. Wahrscheinlich habe ich gelesen, aber nicht Literatur, sondern ein ZACK-Heft, das gerade Girauds großartige Graphic-Novel „Blueberry“ abdruckte. Einer der Räume des ersten Stocks glich ein wenig einer Schiffskabine, er hatte ein kleines Fenster und seltsamerweise war die Decke zur Wand hin auf zwei Seiten stark abgerundet. Das war mein Lesezimmer, wenn das Wetter mich daran hinderte, im Garten sitzen zu können. Hier wartete ich am frühen Nachmittag, sah aus dem Fenster auf die kleine Straße, einer im tatsächlichen Sinne des Wortes Sackgasse mit nur fünf Häusern im Rund und hielt nach den Autos der Besucher Ausschau. Als ich sie endlich eintreffen sah, schlüpfte ich in meine Schuhe, stürzte atemlos die ersten Stufen der steilen Treppe hinab, kehrte noch einmal um, weil ich meine „Jarmulke“ vergessen hatte. Niemand sollte mich ohne dieses Kleidungsstück sehen, das mir wie ein Ausrufezeichen hinter meinen besten Charaktereigenschaften war. Bereits in ein Gespräch mit meiner Cousine vertieft, kehrte ich kurze Zeit später knapp hinter den anderen Verwandten ins Haus zurück und trat ins Wohnzimmer, das bereits für den Nachmittagskaffee gedeckt war. Die Großmutter werkelte in der Küche, vom Großvater war nichts zu sehen.

Plötzlich spürte ich eine feste, energische Hand auf meinem Kopf, die mir meine Kappe mitsamt ein paar Haarbüscheln herunter riss. Aufschreiend wand ich mich herum. Halb erwartete ich, dass mein kleiner Cousin mir wieder einen Streich gespielt hatte.  Aber diesmal war er unschuldig. Er saß draußen im Regen auf der Schaukel. Auch meine Cousine und die andere Verwandtschaft drehten erstaunt den Kopf. Mein Großvater stand hinter mir. Er war ein wenig kleiner als ich, aber in diesem Moment eine beeindruckende Erscheinung. Seine Hand, die Hand eines Schlossers, hielt er fest um die Kappe geklammert. Er funkelte mich böse an, dann wurden seine Augen milder.

„Wir tragen im Haus keine Mützen. Das ist hier Tradition„, sagte er und steckte die Kappe ohne einen weiteren Kommentar in seine weite Hose. Er lächelte und verließ den Raum. Ich hatte kein Verhaltensrepertoire, rieb mir den schmerzenden Kopf und schämte mich. Meine Cousine kicherte. Ich suchte nach einem Mauseloch, in dem ich mich verkriechen konnte und flüchtete in den Garten. Lieber wollte ich nass werden, als mich hier weiter anstarren zu lassen. Ich hörte, wie hinter mir gelacht und gesprochen wurde.

Ich hatte diese Kappe bereits seit drei Wochen vor den Augen meines Großvaters in seinem Haus getragen und er hatte sie nie seiner Beachtung für Wert befunden. Woher kam also plötzlich diese Überreaktion, wenn es überhaupt eine war? Warum demütigte er mich vor der Verwandtschaft und dem Mädchen, das ich beeindrucken wollte? Weshalb wählte er exakt diesen Moment, an dem ich mich am sichersten fühlte – war das Gedankenlosigkeit oder ein Plan?

Die Mütze hat er mir übrigens nicht wieder zurückgegeben und ich habe mich nie getraut, ihn nach ihr zu fragen. Sie tauchte nie wieder auf. Ich habe sie auch nicht gefunden, als wir das Haus nach seinem Tod ausräumten.

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