Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Tradition”

Diese Sommerlektüren (6) – Thomas Pynchon

Ich schreibe nicht nur gerne selbst dicke Romane, ich schätze es auch, sie zu lesen. Und in meinem Ur­laub neh­me ich mir immer ein besonders dickes vor. Jedes Jahr aufs Neue bilde ich mir ein, die freien Tage seien endlos, die Abende warm und die Nächte hell und kurz. Ich hätte alle Zeit der Welt. Freilich ist es nicht so, es ist aber ein Traum, den ein Blick auf den Ka­lender zerstört: Die Tage reihen sich wie Do­minosteine aneinander, einmal angesto­ßen, fallen sie um so schneller. Und plötzlich liegt der letz­te vor mir auf dem Tisch, unbegreiflich im Nachhinein, wie eilig die Zeit verging. Es ist Herbst, kühle, feuchte Tage kün­den ihn, Winde jagen tiefhängende, graue Wolken über abgeerntete Felder. In den Läden kann man wie­der Feder­weißen und bald auch Nikoläuse erwerben, im Radio sin­gen Green Day Wake me when septem­ber ends. Der All­tag beginnt von Neuem und ein fet­tes, halb gelesenes Buch thront lastend auf dem Nachttisch wie eine Mahnung. Aber wenn ich es auf­schlage, duftet es noch nach Hitze und Sommerflie­der, riecht nach einem verloren Paradies.

Gibt es Schöneres als ein Buch, dessen Autor mich an der Hand nimmt und mir eine bisher ungekannte Welt zeigt, sie mir wortreich und spannend be­schreibt, bis ich mich in ihr heimisch fühle, mich in ihr verliere und ich den Mo­ment fürchte, an dem ich sie vielleicht für immer verlassen muss? Noch nach Jahren denke ich liebevoll an diese Wer­ke und tauche sehnsuchtsvoll in Erinnerungen ein, die sich anfüh­len, als hätte ich die Orte der Romane besucht, mit ihren Figuren gelebt und gelitten und ihre Abenteuer und Leben geteilt.

»Zwischen den Palästen« von Nagib Machfus ist solch ein Roman, Mervyn Peakes »Gormenghast« oder »Kristin Lavranstochter« von Sigrid Undset, um nur drei zu nen­nen; alle sind Werke mit tausend, zwei­tausend Seiten oder mehr. Das Eintauchen in diese so unterschiedlichen Wel­ten, in die in staubiger Hitze erstarrten Gassen und Hin­terhöfe Kairos, das laby­rintische, bedrohliche Schloss der in leere Riten er­starrten Fürsten von Groan oder das entbehrungsrei­che, karge Leben im frühmittelalter­lich eisigen Nor­wegen ist so vollkommen, dass man den heimlich ge­trunkenen Alkohol aus dem Mund von Abd al-Gaw­wad riecht, sich vor der Berührung des fetten Kochs Swelter ekelt oder mit Kristin um ihre Kinder weint. All diese Bü­cher fordern dem Le­ser zu Anfang reich­lich Geduld ab, aber wenn man die ers­ten 100 Seiten gelesen hat, ist man für den Rest sei­nes Lebens ge­fangen und sie lassen einen nie mehr los.

Manche dieser endlosen Bücher sperren sich jedoch auch nach vierhundert Seiten noch und machen das Lesen zum Kampf. Als Beispiele seien hier die »100 Jahre« von Opper­mann, Marcel Proust oder meine diesjährige Ferienlektüre genannt. In diesem Som­mer machte ich mich an den Ro­man »Gegen den Tag« des geheimnisumwitterten Autors Thomas Pynchon, der nicht nur aufgrund seiner 1600 Sei­ten eine schwergewichtige Lektüre ist, die das Lesen im Bett zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit macht. Es ist ein Buch, das geradezu danach schreit, als E-Book ver­öffentlicht zu werden, um dem Leser einiges an Last abzu­nehmen; Rowohlt sieht das jedoch anders. Man müsste den Verlag wegen der zu erwartenden Sehnenscheidenentzün­dungen beim krampfhaften Halten des Buches verklagen.

Ohne mich mit dem Autor vergleichen zu wollen oder zu können, ist seine Auffassung von Literatur der meinen wahrscheinlich sehr ähnlich. Obwohl »Gegen den Tag« zu­sammen mit dem erheblich kürzeren »Na­türliche Mängel« zu den leichter konsumierbaren Bü­chern des Amerikaners zählt, macht Pynchon, ein Phantom, von dem es keine Fo­tos und keine Biografie gibt, es dem Leser mal wieder nicht einfach: Das Buch hat keine durchgehende Handlung, keine Haupt­figur und es ist nicht spannend. Dabei springt so munter zwischen den trivialeren Literaturgenres hin und her, dass es beim Lesen schwindeln macht. Da niemand einen Autoren besser loben kann als er sich selbst, sei Pynchon nun das Wort überlassen:
»Gegen den Tag umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterun­ruhen in Colorado über das New York der Jahrhundert­wende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Bal­kan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereig­nisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die weltweite Katastrophe schon am Horizont ab­zeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalis­tische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild. Derweil treibt Thomas Pynchon sein Spiel. Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und abseitige Sexualpraktiken werden aus­geübt, obskure Spra­chen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig. Kontrafaktische Ereignis­se finden statt. Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte sie es sein.«

Wer sich auf den Kampf mit dem endlosen Buch ein­lässt, wird ihn – falls er ihn gewinnt – bestimmt nicht bedauern. Für alle anderen ist »Gegen den Tag« ein Ärgernis.

Und im nächsten Sommer, der wieder endlos und ewig sein wird, lese ich endlich »Krieg und Frieden«.

PynchonThomas Pynchon
Gegen den Tag
(Rowohlt, 2008, inzwischen neu nur noch als gewichtiges Taschenbuch oder als vollkommen überteuertes E-Book erhältlich)

Diese Sommerlektüren (5) – Gabriel Ferry

»Der Schwar­ze Falke bück­te sich lang­sam nie­der; ein Mes­ser blitz­te in sei­ner lin­ken Hand dicht beim Kopf Fa­bi­ans. Jetzt, in die­sem äu­ßers­ten Mo­ment, hörte die Hand Bo­is-Rosés zu zit­tern auf, als ein plötz­li­cher Knall ihn er­be­ben ließ. Der Schwar­ze Falke stürz­te mit zer­schmet­ter­tem Schä­del schwer auf Fa­bi­an nie­der, den er mit sei­nem Leib und des­sen blu­ti­gen Über­res­ten be­deck­te, und eine Stim­me rief zu­gleich: »Das ist mein letz­tes Wort, du rot­häu­ti­ger Hund!«

Bei den Recherchen zu meinen autobiographischen Großelterngeschichten, in denen ich durch „Wahrlügen“ den Jugendlichen, der ich mal war, wiederauferstehen lassen wollte, hatte ich mich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bücher es genau waren, die ich als 14jähriger Pubertierender im Sommer 1977 las.

Ganz sicher war weit oben auf meiner Leseliste damals die Arena-Jugendbuch-Ausgabe dieses Werks:

waldläuferGabriel Ferry
Der Waldläufer

Ferry de Bellamare, wie Gabriel Ferry tatsächlich hieß, wurde 1809 geborenferry und starb bei einem Schiffsunglück im Januar 1852. Er war ursprünglich Kaufmann und begann erst in seinen letzten beiden Lebensjahren nach einem Bankrott mit dem Schreiben mehrerer umfangreicher Romane, von denen „Le Coureur de Bois“ der mit Abstand erfolgreichste und am häufigsten aufgelegte ist. Dieses Buch machte Ferry, der selbst viele Jahre in Mexiko Handel trieb, zu einer Art französischem Fenimore Cooper. Sein „Waldläufer“ teilt mit den „Lederstrumpf“-Romanen des großen Amerikaners das Schicksal, dass es praktisch keine vollständige Übersetzungen ins Deutsche gibt und beider Werke vollkommen zu Unrecht als Jugendliteratur abgetan werden, die man beliebig kürzen, glätten, umschreiben und vereinfachen kann. Sogar von „Moby Dick“ gab es extrem gekürzte Fassungen für junge Leser, die den kompletten philosophischen Gehalt des Buch streichen, was mindestens drei Viertel des Textes betrifft.

Die Jugendbuchausgabe des Arena-Verlages, die ich als Pubertierender las, stützte sich auf die erste und noch weitgehend vollständige Übersetzung dieses Romans von Dr. G. Füllner, die aber stark fürs jugendliche Publikum der 70er Jahre überarbeitet wurde. Es war sozusagen eine Ausgabe der „spannenden Teile“, um mal William Goldmans „Brautprinzessin“ zu zitieren (Kennt ihr nicht? Unbedingt lesen! Ich kenne niemanden, der das Buch nicht mag). Trotzdem war diese Fassung des Waldläufers noch relativ umfangreich; mit etwa 350 Seiten bot sie ungefähr zwei Drittel des Originaltextes von Ferry, der wie Cooper seine Romane selbstredend nie als Jugendbuch konzipiert hatte. Die Bekannteste, für die Jugend eingerichtete, Fassung des „Waldläufers“ ist die gleichnamige, besser als Umdichtung zu bezeichnende Version des jungen Karl May, der Ferrys Roman als Steinbruch für seine späteren Wildwestromane nutzte und der Vorlage Figuren wie den edlen Winnetou (bei Ferry allerdings ein Häuptling der Komantschen) oder Old Firehand entnahm, die dort bereits als Prototypen vorhanden sind. Auch ein exzentrischer Engländer fehlt nicht. Ferrys Buch ist aber keine schlecht geschriebene Kolportage und seine Figuren sind lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, die leiden und Fehler begehen und nicht jene unangreifbaren, immer überlegenen Halbgötter, zu denen Karl May sie machte.

Waldlaeufer1Bei Mobileread kann man eine vollständige E-Book-Version der gelungenen, längst gemeinfreien Füllner-Übertragung von 1851 kostenlos herunterladen, die nur wenige OCR-Fehler und nur ein einzigesmal eine längere Textwiederholung aufweist. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, den Roman in seiner Gänze kennenzulernen. Diese Erstübersetzung ist sprachlich hochwertig und auch heute noch gut und flüssig lesbar, wenn man sich auf den etwas umständlichen und streckenweise zu überschwänglichen Stil der romantischen Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einlassen will, die für ein gutbürgerliches Publikum schrieben, das dicke Wälzer mit höchst romantischen Verwicklungen, düsteren Intrigen und dramatischen Abenteuern schätzte und sich diese zur Abendunterhaltung gegenseitig laut vorlas (Leseabende waren das Netflix bon 1850). Wenn man einmal die ersten 100 Seiten des nur gemächlich in Gang kommenden Abenteuers um einen gigantischen Goldschatz überstanden hat, wird man von der immer atemloseren Handlung, die in eine große Schlacht am Red River mündet, mitgerissen.

Es war eine interessante Erfahrung, Ferry wiederzulesen; jenen Autor, der mich als Vierzehnjähriger so stark beeindruckt und auch beeinflusst hat, dass mir einige Szenen noch immer stark und greifbar in der Erinnerung verblieben sind. Meine Hochachtung gilt jedem Autor, dem solches gelingt. Wie viele Bücher habe ich schon gelesen, die keinerlei Spuren in mir hinterließen und über deren Inhalt ich bereits nach ein paar Jahren (oder Monaten) nichts mehr berichten kann? Selbstverständlich hat auch der „Waldläufer“ längst seine Einzelstellung verloren und das atemlose, begeisterte Lesen, das vollkommene Eintauchen in eine andere Welt, die einem die eigene Realität fade und uninteressant macht – das Bücherfressen -, gelingt mir nicht mehr; es ist leider irgendwann während des Erwachsenwerdens verloren gegangen. Zu viele Bücher und Jahre stehen zwischen mir und dem Jugendlichen des ziemlich verregneten Sommers 1977, in dem Elvis starb. Gabriel Ferry erneut zu lesen, war durchaus ein spannendes – auch entspannendes – nostalgisches Vergnügen, aber sein Roman, den ich früher leidenschaftlich liebte, ordnet sich nun in eine Reihe von Büchern ein, die mir einmal wichtig waren und mich eine Zeitlang begleiteten, mir heute aber nicht mehr viel bedeuten. Um es kurz zu machen: Der Jugendliche, der ich mal war, ist auf diese Weise nicht mehr unter all den alten Ich-Schichten hervorkrambar. Ein anderer Mensch hat im 21. Jahrhundert den „Waldläufer“ gelesen.

Sommerliche Leseempfehlungen: Gabriel Ferry

Der Schwar­ze Falke bück­te sich lang­sam nie­der; ein Mes­ser blitz­te in sei­ner lin­ken Hand dicht beim Kopf Fa­bi­ans. Jetzt, in die­sem äu­ßers­ten Mo­ment, hörte die Hand Bo­is-Rosés zu zit­tern auf, als ein plötz­li­cher Knall ihn er­be­ben ließ. Der Schwar­ze Falke stürz­te mit zer­schmet­ter­tem Schä­del schwer auf Fa­bi­an nie­der, den er mit sei­nem Leib und des­sen blu­ti­gen Über­res­ten be­deck­te, und eine Stim­me rief zu­gleich: »Das ist mein letz­tes Wort, du rot­häu­ti­ger Hund!«

Bei den Recherchen zu meinen autobiographischen Großelterngeschichten, in denen ich durch „Wahrlügen“ den Jugendlichen, der ich mal war, wiederauferstehen lassen will, hatte ich mich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bücher es genau waren, die ich im Sommer ’77 las.

Ganz sicher war weit oben auf meiner Leseliste damals die Arena-Jugendbuch-Ausgabe dieses Werks:

waldläuferGabriel Ferry
Der Waldläufer

Ferry de Bellamare, wie Gabriel Ferry tatsächlich hieß, wurde 1809 geborenferry und starb bei einem Schiffsunglück im Januar 1852. Er war ursprünglich Kaufmann und begann erst in seinen letzten beiden Lebensjahren nach einem Bankrott mit dem Schreiben mehrerer umfangreicher Romane, von denen „Le Coureur de Bois“ der mit Abstand erfolgreichste und am häufigsten aufgelegte ist. Dieses Buch machte Ferry, der selbst viele Jahre in Mexiko Handel trieb, zu einer Art französischem Fenimore Cooper. Sein „Waldläufer“ teilt mit den „Lederstrumpf“-Romanen des großen Amerikaners das Schicksal, dass es praktisch keine vollständige Übersetzungen ins Deutsche gibt und beider Werke vollkommen zu Unrecht als Jugendliteratur abgetan werden, die man beliebig kürzen, glätten, umschreiben und vereinfachen kann.

Die Jugendbuchausgabe des Arena-Verlages, die ich als Pubertierender las, stützte sich auf die erste und noch weitgehend vollständige Übersetzung dieses Romans von Dr. G. Füllner, die aber stark fürs jugendliche Publikum der 70er Jahre überarbeitet wurde. Es war sozusagen eine Ausgabe der „spannenden Teile“, um mal William Goldmans „Brautprinzessin“ zu zitieren. Trotzdem war diese Fassung noch relativ umfangreich; mit etwa 350 Seiten bot sie ungefähr 2/3 des Originaltextes von Ferry, der wie Cooper seine Romane selbstredend nie als Jugendbuch konzipiert hatte. Die Bekannteste für die Jugend eingerichtete Fassung des „Waldläufers“ ist die gleichnamige, besser als Umdichtung zu bezeichnende Version des jungen Karl May, der Ferrys Roman als Steinbruch für seine späteren Wildwestromane nutzte und der Vorlage Figuren wie den edlen Winnetou (bei Ferry allerdings ein Häuptling der Komantschen) oder Old Firehand entnahm, die dort bereits als Prototypen vorhanden sind. Auch ein exzentrischer Engländer fehlt nicht. Ferrys Buch ist aber keine Kolportage und seine Figuren sind lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, die leiden und Fehler begehen und nicht jene unangreifbaren, immer überlegenen Halbgötter, zu denen Karl May sie machte.

Waldlaeufer1Bei Mobileread kann man eine vollständige E-Book-Version der gelungenen, längst gemeinfreien Füllner-Übertragung von 1851 kostenlos herunterladen, die nur wenige OCR-Fehler und einmal eine längere Textwiederholung aufweist. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, den Roman in seiner Gänze kennenzulernen. Diese Erstübersetzung ist sprachlich hochwertig und auch heute noch gut und flüssig lesbar, wenn man sich auf den etwas umständlichen und streckenweise zu überschwänglichen Stil der romantischen Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einlassen will, die für ein gutbürgerliches Publikum schrieben, das dicke Wälzer mit höchst romantischen Verwicklungen, düsteren Intrigen und dramatischen Abenteuern schätzte und sich diese zur Abendunterhaltung gegenseitig laut vorlas. Wenn man einmal die ersten 100 Seiten des nur gemächlich in Gang kommenden Abenteuers um einen gigantischen Goldschatz überstanden hat, wird man von der immer atemloseren Handlung, die in eine große Schlacht am Red River mündet, mitgerissen.

Es war eine interessante Erfahrung, Ferry wiederzulesen; jenen Autor, der mich als Vierzehnjähriger so stark beeindruckt und auch beeinflusst hat, dass mir einige Szenen noch immer stark und greifbar in der Erinnerung verblieben sind. Meine Hochachtung gilt jedem Autor, dem solches gelingt. Wie viele Bücher habe ich schon gelesen, die keinerlei Spuren in mir hinterließen und über deren Inhalt ich bereits nach ein paar Jahren (oder Monaten) nichts mehr berichten kann? Selbstverständlich hat auch der „Waldläufer“ längst seine Einzelstellung verloren und das atemlose, begeisterte Lesen, das vollkommene Eintauchen in eine andere Welt, die einem die eigene Realität fade und uninteressant macht – das Bücherfressen -, gelingt mir nicht mehr; es ist leider irgendwann während des Erwachsenwerdens verloren gegangen. Zu viele Bücher und Jahre stehen zwischen mir und dem Jugendlichen des ziemlich verregneten Sommers 1977. Gabriel Ferry erneut zu lesen, war durchaus ein spannendes – auch entspannendes – nostalgisches Vergnügen, aber sein Roman, den ich früher leidenschaftlich liebte, ordnet sich nun in eine Reihe von Büchern ein, die mir einmal wichtig waren und mich eine Zeitlang begleiteten, mir heute aber nicht mehr viel bedeuten. Um es kurz zu machen: Der Jugendliche, der ich mal war, ist auf diese Weise nicht mehr unter all den alten Ich-Schichten hervorkrambar. Ein anderer Mensch hat den „Waldläufer“ gelesen.

Nachschrift zu „Tradition“ -Zwei

3. Die „Jarmulke“

Mit Beginn der Sommerferien 1977 war ich endgültig in der Schule gescheitert. Nachdem ich bereits die 6. Klasse wiederholt hatte, endete nun meine Karriere im Gymnasium mit vier Fünfern und zwei Sechsern und der eindeutigen Empfehlung der Lehrerkonferenz, mich zurück in die Hauptschule zu befördern, da ich – allgemeiner Tenor – für eine weiterführende Schule zu dumm war. Meine Eltern hielten mich weniger für dumm als vielmehr für faul und meldeten mich in einer Realschule an, die ich dann ab dem Schuljahr 77/78 besuchte. Dort änderte sich meine Lebenssituation völlig. Ich war plötzlich der Älteste in der Klasse und war dadurch als unverhofftes Alpha-Tier auf den Posten des Klassensprechers abonniert. Ich blieb zwar weiterhin lernunwillig – zumindest was den Schulstoff anging, – erreichte jetzt aber ohne mich für schulische Angelegenheiten zu interessieren durchschnittliche Noten und war nie in Gefahr, das Klassenziel nicht zu erreichen. Und das wichtigste: Ich hatte plötzlich Freunde.

Das war in den Ferienmonaten bei meinen Berliner Großeltern alles noch nicht absehbar. Zu ihnen kam ein gescheiterter, einsamer Pubertierender, dessen Faulheit und dessen soziopathisches, an Autismus grenzendes Verhalten man heute als die Träumer-Variante von ADS diagnostizieren und mit starken Ritalindosen korrigieren würde. Unter den Symptomen meines Aufmerksamkeitsdefizits leide ich noch heute und zu meinem Bedauern habe ich es auch meinen Kindern vererbt.

Ich war also vierzehn Jahre alt, als ich endgültig im Gymnasium scheiterte und meine Mutter mich zu ihrer Erleichterung über die Sommerferien nach Berlin abschob. Auch wenn ich natürlich ein völlig anderes Bild von mir hatte, war ich wie viele leidgeprüfte Jugendliche in diesem Alter: stark pubertierend, picklig und dick. Voller moralischer Bedenken der eigenen Sexualität nachforschend, verlebte ich damals meine Tage in einem Heldentraum, in dem sich meine wuchernde Phantasie und mein wundes Selbstvertrauen in einer faschistoiden, von Fernsehen und Heftromanen geprägten Vorstellungswelt ein Ventil suchten. Obgleich ich nur ein mageres Œuvre an Wildwest- und Science-Fiction-Geschichten zustande gebracht hatte, die zudem mangels Fleiß und Konzept stets unvollendet blieben, hielt ich mich doch für einen früh gereiften, genialen Schriftsteller, dessen Entdeckung durch ein begeistertes Publikum längst überfällig war.

Nur wenige Zeit zuvor war ich allerdings noch ganz Kind gewesen. Der Wechsel fand in den wenigen Wochen zwischen Ostern und dem Sommer statt. Aus einem mit dem Vater verbrachten Ägyptenurlaub in den Osterferien hatte ich mir eine gestrickte, auffällig gefärbte Fellachenkappe mitgebracht, die ich auf Lord Kitcheners Nilinsel zum Spottpreis von einer Mark erworben hatte. Sie wurde mir das zugleich unnützeste und dabei wichtigste Kleidungsstück, das ich je besessen habe. Vorher hatte ich der Sonne wegen eine Schirmmütze getragen, die ich als treuer Leser von der Comic-Zeitschrift ZACK geschenkt bekommen hatte und an ein um Bakschisch bettelndes Kind weitergab. Wenn ich Fotos von diesem Ägyptenaufenthalt, auf denen ich mit dem Basecap zu sehen bin, mit einer Aufnahme vergleiche, die nur sechs Wochen später bei einem Jugendlageraufenthalt in Österreich gemacht wurde und auf der ich jene orientalische Kappe trage, die an die »Jarmulke« eines gläubigen Juden erinnert, dann ist deutlich der Sprung vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen zu erkennen. In meiner Erinnerung liegen die beiden Ereignisse auch weiter auseinander, als sie es tatsächlich sind; es ist eine Kluft zwischen ihnen, die breiter als nur sechs Wochen ist.

KappeWas war der auslösende Effekt, der mich so genau den Beginn meiner Pubertät datieren lässt? War es der mich überwältigende Eindruck der fremdartigen Kultur, der mich fassungslos machte und mich dabei mit einem Elend konfrontierte, das ich nie geahnt noch gar gesehen hatte und dessen Bilder ich mir auch heute noch deutlich vor Augen rufen kann? Oder war es nur das Scheitern am Gymnasium, denn dieses Ereignis war der erste Bruch, den mein Selbstbewusstsein erleben musste? Nun, die Schale »Kind« platzte plötzlich auf und aus dem Ei kroch ein Pubertierender, der die ersten Züge meiner heutigen Persönlichkeit entwickelte. Aus einem Grund, den ich nicht genau entschlüsseln kann, war mir die Kappe, die ich praktisch nur zum Schlafengehen ablegte, bei meinen ersten unsicheren Schritten Stütze und Halt; unter ihr fühlte ich mich geborgen, be-»hütet«. Gleichaltrige Bekannte bemerkten den Fetischcharakter dieses Kleidungsstückes schnell und es war oft das Ziel von Spott und Diebstahl. Ich litt unter den Grausamkeiten, aber die Kappe wurde mir dadurch noch heiliger.

Auch bei meinen Freunden in der katholischen Jugendgruppe, den einzigen, die ich damals besaß, endete die Kindheit. Bei den Weiterentwickelten, oder, besser formuliert, den Attraktiveren, gab es erste Verwirrungen mit dem anderen Geschlecht. Als zwei meiner Freunde um das gleiche Mädchen buhlten, baute ich diese Geschichte in meinen Heldenträumen aus, verschärfte den Konflikt und stellte mich in Erzählungen als unglücklich zerrissen in die Mitte der in Wahrheit nicht existierenden dramatischen Handlung. Es war also nur mein literarisches Interesse geweckt und kein Mitfühlen mit den Nöten der Verliebten. Mein schönster Traum war es übrigens, dass sich jenes Mädchen zu mir hingezogen fühlte.

Zusammenfassend: Zu den Großeltern nach Berlin kam in jenem Sommer erstmals kein Kind mehr.

Der Sonntag war im Haus der Großeltern ein großes Ereignis; obwohl auch er feste Regeln besaß, waren doch die seinen vom Gleichlauf der anderen Tage unterschieden. Es wurde morgens länger geschlafen. Trotzdem war ich müde: In den Räumen, die ich im ersten Stock des Hauses für mich allein bewohnte, stand ein ausgemusterter, aber funktionstüchtiger Schwarzweiß-Fernseher stand und das Samstagabendprogramm war das interessanteste und längste der Woche. Mir hatten es vor allem die beiden Ostkanäle angetan, die wir zuhause nicht empfangen konnten und in denen ich ganz erstaunliche Dinge zu sehen bekam. Zudem hatte das Ostfernsehen den Reiz des Verbotenen, da die Großeltern befürchteten, mein junger, formbarer Geist würde vom »schwarzen Kanal« beeinflusst. Diese Sorge war allerdings unbegründet, da ich Western und Krimis und nicht politische Bildung suchte.

gunhillIn der Nacht zu jenem Sonntag, über den ich nun schreiben werde, den 23. August 1977, hatte ich einen im »Zwölf-Uhr-Mittags«-Stil gedrehten Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen, der mir noch Jahre als atemberaubend spannend in der Erinnerung blieb und mich damals lange am Einschlafen hinderte. Beim späteren Wiedersehen des Westerns war er einer von vielen; am erstaunlichsten war noch, dass die mich damals so sehr beeindruckenden Schwarzweißbilder in Wirklichkeit farbig sind; diese Entdeckung hatte etwas von der Erkenntnis, dass es außer mir keinen Nikolaus gibt.

Jener Sonntag, dessen Frühstück ich schlaftrunken über mich ergehen ließ, war ein ganz besonderer: Zum Kaffee am Nachmittag wurden spezielle Gäste erwartet, nämlich ein erst am Wochenende zuvor aus der DDR geflüchteter Verwandter, ein Arzt der Ostberliner Charité, der mit Frau und zu diesem Zwecke betäubten Kleinkindern für viel Geld im Kofferraum des Wagens eines Diplomaten Republikflucht begangen hatte. Der Arzt hatte sich für seine Flucht ausgerechnet einen Abend gewählt, an dem meine Großeltern mit einer Tante in den Osten der Stadt gefahren waren, um andere Verwandte zu besuchen. Ich war allein im Haus geblieben und erwartete sie gegen zehn Uhr wieder zurück. Da jedoch die Flucht vor ihrer Heimkehr bekannt wurde, hielten sie die DDR-Zöllner am Kontrollpunkt auf, ließen sie ohne Angabe von Gründen mehrere Stunden im Auto sitzen, bis sie sie dann doch fahren ließen.

Nun, nach einer Woche hatte sich die meiste Aufregung gelegt und die vergrößerte Familie wurde zum Nachmittag erwartet. Ich war fest entschlossen, einen Kriminalroman über »Republikflüchtige« zu schreiben, den ich »Das Loch in der Mauer« nennen wollte. Beim Frühstück fragte mich die Großmutter, wer denn »Elvis Presley« sei, sie hatte beim Friseur gelesen, dass er in der vorigen Woche verstorben wäre. Ich hatte zwar von ihm gehört, konnte aber auch keine nähere Auskunft geben, denn ich stand mit zeitgenössischen Musikern und deren Klängen damals fast ebenso sehr auf Kriegsfuß wie meine Großmutter selbst; aus meinem Kassettenrecorder ertönten stundenlang die Anfangstakte von Tschaikowskijs b-moll-Klavierkonzert. Das war so ziemlich die einzige Art von Musik, die mir gefiel. Ein paar Jahre später blamierte ich mich, als eines Morgens ein betroffener Klassenkamerad mit atemloser Stimme berichtete, dass man in der Nacht John Lennon ermordet habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.

Was ich den weiteren Vormittag gemacht habe, ist nicht mehr in meiner Erinnerung, ich weiß nur noch, das Wetter an diesem Tag war unbeständig und die Großmutter beschloss, das nachmittägliche Kaffeetrinken im Hause stattfinden zu lassen. Wahrscheinlich habe ich gelesen, aber nicht Literatur, sondern ein ZACK-Heft, das gerade Girauds großartige Graphic-Novel „Blueberry“ abdruckte. Einer der Räume des ersten Stocks glich ein wenig einer Schiffskabine, er hatte ein kleines Fenster und seltsamerweise war die Decke zur Wand hin auf zwei Seiten stark abgerundet. Das war mein Lesezimmer, wenn das Wetter mich daran hinderte, im Garten sitzen zu können. Hier wartete ich am frühen Nachmittag, sah aus dem Fenster auf die kleine Straße, einer im tatsächlichen Sinne des Wortes Sackgasse mit nur fünf Häusern im Rund und hielt nach den Autos der Besucher Ausschau. Als ich sie endlich eintreffen sah, schlüpfte ich in meine Schuhe, stürzte atemlos die ersten Stufen der steilen Treppe hinab, kehrte noch einmal um, weil ich meine „Jarmulke“ vergessen hatte. Niemand sollte mich ohne dieses Kleidungsstück sehen, das mir wie ein Ausrufezeichen hinter meinen besten Charaktereigenschaften war. Bereits in ein Gespräch mit meiner Cousine vertieft, kehrte ich kurze Zeit später knapp hinter den anderen Verwandten ins Haus zurück und trat ins Wohnzimmer, das bereits für den Nachmittagskaffee gedeckt war. Die Großmutter werkelte in der Küche, vom Großvater war nichts zu sehen.

Plötzlich spürte ich eine feste, energische Hand auf meinem Kopf, die mir meine Kappe mitsamt ein paar Haarbüscheln herunter riss. Aufschreiend wand ich mich herum. Halb erwartete ich, dass mein kleiner Cousin mir wieder einen Streich gespielt hatte.  Aber diesmal war er unschuldig. Er saß draußen im Regen auf der Schaukel. Auch meine Cousine und die andere Verwandtschaft drehten erstaunt den Kopf. Mein Großvater stand hinter mir. Er war ein wenig kleiner als ich, aber in diesem Moment eine beeindruckende Erscheinung. Seine Hand, die Hand eines Schlossers, hielt er fest um die Kappe geklammert. Er funkelte mich böse an, dann wurden seine Augen milder.

„Wir tragen im Haus keine Mützen. Das ist hier Tradition„, sagte er und steckte die Kappe ohne einen weiteren Kommentar in seine weite Hose. Er lächelte und verließ den Raum. Ich hatte kein Verhaltensrepertoire, rieb mir den schmerzenden Kopf und schämte mich. Meine Cousine kicherte. Ich suchte nach einem Mauseloch, in dem ich mich verkriechen konnte und flüchtete in den Garten. Lieber wollte ich nass werden, als mich hier weiter anstarren zu lassen. Ich hörte, wie hinter mir gelacht und gesprochen wurde.

Ich hatte diese Kappe bereits seit drei Wochen vor den Augen meines Großvaters in seinem Haus getragen und er hatte sie nie seiner Beachtung für Wert befunden. Woher kam also plötzlich diese Überreaktion, wenn es überhaupt eine war? Warum demütigte er mich vor der Verwandtschaft und dem Mädchen, das ich beeindrucken wollte? Weshalb wählte er exakt diesen Moment, an dem ich mich am sichersten fühlte – war das Gedankenlosigkeit oder ein Plan?

Die Mütze hat er mir übrigens nicht wieder zurückgegeben und ich habe mich nie getraut, ihn nach ihr zu fragen. Sie tauchte nie wieder auf. Ich habe sie auch nicht gefunden, als wir das Haus nach seinem Tod ausräumten.

Nachschrift zu „Tradition“ – Eins

Am letzten Wochenende habe ich hier meine Erzählung „Tradition“ veröffentlicht (Teil 1Teil 2Teil 3). Sie bietet ihren wenigen Lesern einigen Widerstand, ist sperrig, symbolbeladen und unangenehm – alles andere als eine leichte Lektüre für nebenzu. Ich wurde gefragt, ob ich etwas zu der Geschichte sagen kann. Obwohl ich kein Freund vom Auslegen meiner eigenen Texte bin, mache ich hier einmal eine Ausnahme und erzähle von meiner Jugend. Dieser Text lässt sich übrigens auch gut konsumieren, b e v o r man Tradition gelesen hat und steht auch für sich allein. Auch für diejenigen unter euch, die den 2. Teil vom „Geltsamer“ hier mitverfolgen, mag diese Nachschrift interessant sein, denn hier schließt sich einer der Kreise, um dessen Mittelpunkt sich mein Leben dreht.

1. Das Haus

Meine Sommerferien verbrachte ich als Jugendlicher im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits in Berlin-Tegel. Außer zu den festen Essenszeiten war ich sechs lange Sommerwochen allein gelassen und fand in dem weitläufigen Gebäude mit angrenzendem Garten, das mein Großvater selbst in den 20er Jahren erbaut hatte, genug Gelegenheit, den Großeltern und ihren penibel durch die Uhrzeit festgelegten Aufenthaltsorten aus dem Wege zu gehen.

Überall gab es etwas zu entdecken. Außer dem wohlgehüteten Schlafzimmer war kein Raum vor meiner pathologischen Neugierde sicher. Jeder von ihnen hatte einen eigenen, spezifischen Geruch, den ich noch heute erkennen würde, wenn man mich mit verbundenen Augen in eines der Zimmer stellte. Zudem gab es durch den exzentrisch geschnittenen Grundriss des Hauses hinter Tapetentüren, in Schränken, Kellerräumen und kaum erreichbaren Winkeln unterm Dach wirklich Lohnenswertes zu entdecken. Es hatte sich Strandgut aus über vierzig Ehejahren angesammelt – Dinge, die den voyeuristischen Blick eines wissbegierigen Vierzehnjährigen zum Leuchten bringen: Jahrgänge der unterschiedlichsten Zeitschriften, vom Readers Digest bis in die graue Vorzeit der Gartenlaube reichend, alte Möbel voller Geschirr in Jugendstilformen, Uhren, Radios, seltsame, vom tüftlerischen Großvater gebastelte Geräte, Bilder, Fotos, ein Luftgewehr, über das noch zu sprechen sein wird, und vor allem Bücher, immer wieder an den überraschendsten Orten Bücher, in Regalen, in alten Koffern, in verborgenen Wandschränken, gestapelt in einer Ecke.

Ich las alle, zuerst die Unterhaltenden: Karl May, der mir Zuhause verboten war, weil zu aufregend für ein Kind, Hans Dominik, C. S. Forester, Mika Waltari und Sienkiewicz, dann entdeckte ich die anderen: Theodor Storm, Kleist, Tolstoj, Keller, die Droste-Hülshoff und all die bürgerlichen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Swift oder Petronius, Herodot und dann, einer Offenbarung gleich, hielt ich E.T.A. Hoffmann und E. A. Poe in den Händen, letzteren in der gewöhnungsbedürftigen Arno-Schmidt-Übersetzung. Sie passten vortrefflich zu der stehenden Hitze der endlosen Sommernachmittage, es waren Geschichten, die mir für mich geschrieben schienen, deren Tempo genau zu meinem Erleben passte und deren Geschmack ich noch heute auf der Zuge habe.

Wenn ich gerade sicherlich meine Initiation in die Literatur verkläre, sie allerdings auch nicht anders beschreiben kann, so ist sie in meinem und im Gefühl des Vierzehnjährigen ebenso wahr, wie sie im Moment des Hinschreibens verlogen und falsch klingt.

Was ich dort schätzte, waren das Haus und der Garten der Großeltern, weniger ihre Personen, als ihr Tageslauf, in dem jede Minute ihre Bestimmung und jeder Tag einen seit Jahrzehnten festgelegten Rhythmus und Ritus besaßen. Trotz des vielen Leerlaufs, der Langeweile, die aus meiner nicht weiter definierten Rolle in dem Kalender meiner Großeltern entstand und die mich manchmal die Stunden bis zu solch herausragenden Ereignissen wie dem Abendessen zählen ließ, hatte ich in jenen Sommerferien ein Gefühl von Geborgenheit, Beständigkeit und Sinn, das ich in dieser Intensität und so lang andauernd nie wieder empfunden habe, ein Gefühl, das ich manchmal beim Spielen mit Kindern oder beim Lesen von Literatur aus dem frühen 19. Jahrhundert ahne.

Ein Leben nach dem Tod – wenn es eines gibt – das sollte, wenn es glücklich wäre, ähnlich sein; nicht die Langweile der Beständigkeit, gehetzte Abwechslung ist die Hölle. Der Himmel dagegen ist die von festen Regeln umfasste Langeweile, in der jeder Tag ohne herausragendes Ereignis und vor allem bar der Qual der Entscheidung dem nächsten folgt und es die Zeit gibt, tausend Dinge zu beginnen und keines zu beenden.

Großeltern

2. Die Großmutter

GroßmutterMeine Großmutter war voll jener baptistischer Frömmigkeit, die trotz der Furcht vor Gottes Strafgericht selbstbewusst und elitär, dabei ohne jeglichen Selbstzweifel ist. Sie war eine geschäftige, fleißige Frau, die zur Pedanterie neigte, wenn es um die Reinhaltung der Wohnung ging. Sie pflegte zweimal täglich mit einem Kamm die Fransen des Berberteppichs im Wohnzimmer in Reih´ und Glied zu bürsten. Obwohl sie aus einer Großbauernfamilie aus Pasenow – ich schrieb ein andermal darüber – stammte, war sie nicht sehr gebildet, was ich bei ihr allerdings nie als Mangel empfunden habe.

Im alltäglichen Leben wirkte sie oft schroff und abweisend; und von einer mutwilligen Gottheit wurde sie im Alter mit unfreundlich verkniffenen, verbissenen Gesichtszügen ausgestattet, die jedoch nur die Maske über einer humorigen Launigkeit waren, die manchmal aus Augen und Mundwinkeln sprang. Trotz ihrer nur selten ans Öffentliche dringenden Vorurteile war sie im christlichen Sinne menschenfreundlich, hilfsbereit und dabei der einzige mir bekannte Mensch, der mit dem Lauf seines Lebens in vollkommener Harmonie übereinzustimmen schien.

Nicht einmal der plötzliche Tod meines Großvaters warf sie später aus ihrer inneren, gefestigten Ruhe, die sie wahrscheinlich zum größten Teil aus ihrem Glauben schöpfte. Ihre einzige Beunruhigung schien mir die Bewältigung der Kondolenzbesuche, der Beerdigung und des Leichenschmauses. Danach kehrte sie zielstrebig in ihren Alltag zurück, die durch den Tod ihres Gatten entstandenen Freiräume füllte sie mit dem Umordnen des Hauses und dem Vernichten von Erinnerungsstücken und Möbelstücken aus, bis sie eine durch einen Schlaganfall verursachte Demenz bis zu ihrem Tod ins Krankenbett zwang.

Dabei fällt mir ein: Ich half beim Ausräumen dieser Möbel mit – da war ich schon Ende Zwanzig. Bei jener Gelegenheit wagte ich es zum ersten Mal, mich in den Sessel meines Großvaters zu setzen. Es war ein hässliches, abgewetztes, mit grünem Cord bezogenes Ding mit dunkelbraunen, hölzernen Armlehnen. Hier hatte ich ihn während meiner Ferien jeden Abend ab acht Uhr sitzen sehen, ein mit dem Fernseher verbundenes Hörgerät im Ohr, über dem er wie schützende eine Hand zur Muschel formte, die Augen hinter der dicken Brille halb geschlossen.

Während ich saß und mir den alten Mann noch einmal bewusst machen wollte, bemerkte ich plötzlich, wie meine Daumen an einer Unebenheit der Armlehnen links und rechts rieben. Ich sah hinunter. Im Lack waren dort Mulden, die bis in das helle Holz des Sessels reichten. Diese Gruben hatte die Tiefe und Form meiner Finger. Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich das Werk meines Großvaters fortsetzte. Er hatte in jahrelanger nervöser Arbeit seine Daumen immer tiefer in das Holz gerieben. So nah wie in diesem Moment bin ich ihm danach nie mehr gekommen.

Zurück zu meiner Großmutter: Die Pflege des altersschwachen und oft wegen seiner Hilflosigkeit zornigen Ehemannes hatte sie bis an den Rand der Leistungsfähigkeit erschöpft und sie wirkt erleichtert, dieser Bürde ledig zu sein. Sie erinnerte mich in ihren letzten Lebensjahren sehr an die Heldin von Vita Sackville-Wests bemerkenswertem Emanzipations-Roman Erloschenes Feuer.

Mit vierzehn ahnte ich natürlich wenig von ihrem Charakter; viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, hatte ich nicht die Möglichkeit oder gar die Menschenkenntnis, sie zu beobachten. Ich nahm sie ihrem Status als Großmutter gemäß als einen um mein Wohl besorgten Menschen, dem ich ein Eigenleben nur zugestand, wenn es mit meinen Interessen nicht kollidierte. Dies ihre Hobbys waren Fernsehen und das Lösen von Kreuzworträtseln. Ansonsten hatte sie auf Abruf zu meiner Verfügung zu stehen, wenn ich sie benötigte. Dafür respektierte ich widerwillig ein paar Schrullen oder das, was ich für welche hielt, wie zum Beispiel ihr ausdauerndes hinter mir her räumen, der ich eine Spur Unordnung bei meinen Erkundungen durch das Haus zog. Das kannte ich auch abgeschwächt von meiner Mutter, aber die Großmutter tat es im Gegensatz zu ihr ohne zu klagen. Als einzige Hilfe bei der durch mich entstandenen Mehrarbeit ließ ich mich dazu herab, jeden Mittag das Geschirr abzutrocknen; dies jedoch nur, weil ich von der Mutter ausdrücklich dazu angehalten worden war, als sie mich am Anfang der Ferien in den Zug Richtung Berlin setzte.

Ich gestand niemandem, hier längst noch nicht der selbstsüchtigen Rolle des Kindes entwöhnt, einen Wandel von Gesinnung, eine Entwicklung, Eigenleben zu. Jedermann sollte sich dem Bild, das ich von ihm hatte, entsprechend verhalten und –  sofern mit mir verwandt – auch freundlich zu mir sein. Obwohl ich alle mit meinem Verhalten abstieß, meine phlegmatische, interesselose, mit Impertinenz getuschte Art und das unglückliche Äußere zur Abneigung, ja Ekel reizten, vernachlässigten die Großeltern trotzdem ihre Sorgfalt und Freundlichkeit nie. Das rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit an. Ich weiß inzwischen aus eigener Anschauung, dass nichts schwerer ist, als einen launenhaften, faden und dabei verschlossenen Vierzehnjährigen zu ertragen, ohne ihm zwei- bis dreimal am Tag ins Gesicht zu schlagen. Sie taten es nicht, das war mehr als Verwandtschaft, das war echte Nächstenliebe.

3. Der Großvater

GroßvaterEin herausragender Bestandteil im Leben der Großeltern war ihre strenge, an Balzacs Grandet erinnernde Sparsamkeit, um nicht zu sagen, ihr Geiz; die beiden hatten sich über magere Jahre einen spartanisch kargen Lebensstil angewöhnt und ihn auch, als man sie mit Fug begütert nennen konnte, nicht abgelegt. Kleidung wurde ewig getragen, Verschlissenes immer wieder repariert, den Garten ließ man in heißen Sommern vertrocknen, um Wasser zu sparen. Die Speisen waren einfach und billig, die gekochte Kartoffel stand im Mittelpunkt des Menüplans, Gewürze waren praktisch unbekannt, Eier konnte man nur im Kuchen finden. Getrunken wurde zweimal am Tag, nämlich morgens dünner Kaffee und am Abend Bier oder Saft. Den Höhepunkt der Dekadenz bildeten ein abendliches Glas selbst gekelterten Obstweines und vielleicht ein paar Pralinen; wobei sich der Großvater an einem kleinen Stück Schokolade stundenlang verlustieren konnte. Ihn zu beobachten, wie er etwas Süßes aß, gab dem Begriff »Genuss« eine ungeahnte Dimension.

Der Großvater war eine dominante Person, deren bloße Anwesenheit eine bezwingende Autorität hatte. In vielerlei Hinsicht glich er einem biblischen Patriarchen, einem Sippenoberhaupt, dessen Alter und Weisheit die letzte, entscheidende Instanz bildete. Nahezu taub und nach Staroperationen schlecht sehend, saß er bei Familienfesten am Ende der Tafel und schien mit halb geschlossenen Augen schwerwiegenden Dingen nachzusinnen. Wenn er ab und an etwas sagte, hatte es in der Regel nichts mit den Gesprächen zu tun und glich in seinen letzten Jahren tatsächlich oft den Konklusionen einer seltsamen, mittelalterlichen Mystik. Obwohl er nie Philosophie gelesen hatte und sie sicher auch nicht verstanden hätte, war sie doch das Feld, in dem er sich heimisch fühlte: Er war ein Jakob Böhme des zwanzigsten Jahrhunderts und es ist schade, dass es von ihm keine Aufzeichnungen gibt. In meiner Erinnerung ist noch eine eigenwillige Deutung des biblischen Sündenfalls, bei der ihm der Baum der Erkenntnis für die Lust der Frau, die Schlange für das Geschlecht des Mannes und der Apfel für ihre Brust standen.

Bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr ging er dem ehrbaren Beruf eines Schlossers nach, aber der aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Arbeiter fühlte sich immer auch zu Höherem, zur Kunst berufen. Er malte, vom Jugendideal der christlichen Wandervogelbewegung und von dem Maler Fidus geprägt, ideale Landschaften, die er in der Regel von Postkarten kopierte und veredelte. Natürlich blieb er wie auch in seinen späteren philosophischen Gedankenflügen im guten, reinen Sinn Dilettant, in Auffassung und Durchführung naiv.

Wie seiner Frau waren dem Großvater Fleiß und Ordnung eine Grundtugend. Auch in der Rente hatte er einen strengen Arbeitsplan, der ihn nach dem Frühstück und einem intensiven, vollständigen Lesen der Tageszeitung bis zum Abend einspannte und auch den Sonntag nicht aussparte. Der Garten und das mit eigenen Händen erbaute Haus boten ihm dazu Anlass genug. Bis zu seinem neunzigsten Lebensjahr war er so agil, auch schwere Arbeiten auszuführen, das Dach zu decken, Wege zu verlegen oder sich neue handwerkliche Spielereien zu überlegen, die die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten, es aber nicht in jedem Fall taten. Das war übrigens seine wahre Begabung: Er war der geborene Handwerker. Von der Schreinerarbeit bis zur Reparatur einer Uhr, vom Mauern bis zum Verlegen einer elektrischen Leitung, er war in jedem Handwerk gleich heimisch, eine Art von Universalgenie (im 18. Jahrhundert hätte man ihn als „Originalgenie“ bezeichnet), das seinesgleichen suchte.

Sich selbst betrachtete er als faul; auf ungläubiges Nachfragen führte er aus, es gäbe zwei Kategorien von Faulheit: Die eine, häufigere, schiebe anfallende Arbeit beständig vor sich her, sei immer dabei, zu beginnen und komme doch nie weiter, bis sich die Arbeit von selbst oder durch einen anderen erledige (das war wohl auf meine Art, mit Problemen zu leben, gemünzt), die andere Faulheit aber, also seine, würde voller Elan eine Arbeit beginnen und sie dann so langsam und genau wie möglich ausführen, immer beschäftigt wirken und doch nie fertig werden. Das ist die Konklusion von Hermann Hesses Novelle Unter der alten Sonne. Dieser späteste Spätromantiker war – erstaunlich genug – nicht in seinem Bücherschrank und ich bezweifle, dass er die Novelle kannte.

Tatsächlich ließ der Großvater sich bei seinen Arbeiten unglaublich viel Zeit und führte sie mit kleinlichster Akribie aus; doch faul war er sicher nicht, denn zum einen war seine Arbeit meist selbst gewählt und zum anderen wurde er immer mit ihr fertig – auch wenn es dauerte. Er war ein pedantischer Perfektionist, der, wenn er es wollte, jahrelang an einer Uhr bastelte, bis sie wieder ging.

Religion war ein fester Bestandteil im Leben der Großeltern. Als tägliches Ritual wurde vor jedem Essen gebetet, die Großmutter ging regelmäßig in die Kapelle und zu Bibelstunden, morgens beim Frühstück wurde ein Kalenderblatt mit Bibelzitat und längerer Auslegung gereicht, das zu lesen ich in meinen Sommeraufenthalten ebenfalls gezwungen war. In meiner Erinnerung ist der Genuss von Schmalzbroten, die ich ausschließlich in Berlin verzehrte, fest mit den salbungsvollen Worten in Einheit gekommen. Wenn ich heute als Vegetarier und Agnostiker unfreiwillig zu einem Kirchenbesuch verdammt werde und abgelenkt einer Predigt lauschen muss, habe ich den Geschmack von Schmalz auf der Zunge.

Ob auch der Großvater religiös war? Ich meine nicht, aber die Meinungen gehen auseinander und vielleicht hätte er selbst diese Frage ob ihrer Einfachheit abgewiesen und sie mit der Bemerkung gewürzt, dass einfache Fragen immer zu fehlerhaften oder falschen Antworten führen. Mit Sicherheit dachte er viel über Gott und die Mythen der Bibel nach, über die er dann ja in oft eigenwilliger und schöpferischer Art philosophierte. Das hat er sein Leben lang getan und seine Meinungen haben sich im Laufe der Jahre entwickelt. Glaube im Sinne einer gefühlsmäßigen oder anerzogenen Sicherheit war ihm allerdings nie gegeben; er war ein Verstandesmensch und las die Bibel, die das zentrale Buch war, aus dem er Ideen und Anregungen bezog, mit der Kritik seiner Urteilskraft. Er war endlos weit entfernt vom Glauben der Großmutter, zu deren christlichen Leben vor allem auch ein Teilnehmen in der Gemeinde gehörte. Gottes Existenz hat er wohl nie ernsthaft angezweifelt, aber er war ihm nicht der gütige Vater des Neuen Testamentes, vielmehr die halb heidnische, allmächtige und allumfassende Gottheit der Juden, am ehesten der Demiurg; ein Christ aber war er, zumindest in seinen späten Jahren, in denen ich ihn kennen gelernt habe, nicht, mit entschiedener Sicherheit nicht, er glaubte wahrscheinlich nicht einmal an ein Leben nach dem Tod. Ob sich seine Ansichten während seines Sterbens noch einmal änderten, weiß ich nicht.

Aufgrund ihrer Länge teile ich diese Erinnerung in zwei Teile auf. Hier geht es weiter:

Nachschrift zur „Tradition“ – 2. Teil

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