Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 1)

SECHS

Waldeschers Geschichte (Fortsetzung)

Die Beziehungen zwischen den Bruderwelten waren wie dünne Spinnenfäden – kaum sichtbar, aber klebrig und unglaublich fest und zäh. Lange bin ich davon ausgegangen, dass meine Welt die dominante war, der sich Rubens Abziehbild als harlequinesker Zerrspiegel unterordnete, aber die Fäden liefen von beiden Seiten, dünn zwar – wie gesagt – aber deutlich spürbar, wenn ich in einen lief. Du wirst dieses Gefühl noch kennenlernen, mein Abakoum.

Nach dem Tod von Lina Brunswick änderte sich alles. Das einzige Bindeglied, das die Familie zusammengehalten hatte, war verschwunden. Kälte und Einsamkeit drangen wie verstohlene Feinde in den ‚Eulenhorst‘ ein, der nun niemandem mehr eine Heimstätte war. Ein paar Angestellte hielten eine Art Hotelbetrieb aufrecht, im dem die drei Gäste einander so gut wie möglich aus dem Weg gingen. Mein Vater stürzte sich, soweit ihm das überhaupt machbar war, noch mehr in die Firmengeschäfte, die gerade zu dieser Zeit traumhafte Gewinne erbrachten. Wenn ich mich an die Monate nach den entsetzlichen Vorkommnissen erinnere, ist mein Vater überhaupt nicht existent. Mir ist, als hätte ich nicht Tür an Tür mit ihm gewohnt, sondern wäre durch einen Kontinent von ihm getrennt gewesen. Onkel Balder sah ich zwar täglich zu den Essenszeiten, doch auch das Verhältnis zu ihm hatte sich abgekühlt. Er hielt bewusst Abstand und ich spürte häufig einen prüfenden, nachdenklichen Blick auf mir ruhen, als werfe er mir etwas vor.

Ich bemühte mich, die entsetzlichen Geschehnisse rückgängig zu machen, aber so sehr ich mich anstrengte, ich konnte weder meinen Hund noch Lisa wieder lebendig machen. Alle bewährten Methoden, die in Rubens Welt so gut funktioniert hatten, schlugen in meiner eigenen fehl. Hier klappte kein einziger meiner telekinetischen Zaubertricks; selbst wenn ich Löcher in einen kleinen Gegenstand starrte und mir von der Anstrengung ganz übel wurde. Ganz davon zu schweigen, Gebirge zu errichten oder gar Menschen wiederzubeleben oder zu erschaffen. Heute weiß ich, dass es die schwerste Sache überhaupt ist, die eigene Welt zu ändern, die, in die man hineingeboren wurde. Der Grund ist hingegen ein einfacher: Es fehlt der Glaube. Wenn ich fest überzeugt bin, etwas gehe nicht, dann wird es mir auch mit der größten Anstrengung nicht gelingen, es doch zu tun. Nimm als Beispiel die Wehrmauer hinter uns, Abakoum. Ich kann dir jetzt erzählen, dass du einfach durch sie hindurch gehen kannst, als wäre sie nur eine Illusion aus Lichtstrahlen. Es gehören nur ein wenig Wille und Konzentration dazu, dann ist das so einfach, wie durch eine geöffnete Tür zu treten. Du wirst dich trotzdem scheuen, weil du an diese Mauer glaubst. Und du wirst dir die Nase blutig schlagen, wenn du es versuchst. Sie hat ihre Existenz in dir und das macht sie für dich fest und undurchdringlich. Und was für die Mauer gilt, gilt ebenso für alles um dich herum – es ist deine Wirklichkeit und es ist dir nicht gegeben, sie zu ändern. Du sitzt in deiner Höhle, Abakoum, siehst die Schatten künstlich geschaffener Gegenstände an der Wand und glaubst, das sei die Wirklichkeit. Nur wenn dich jemand wie ich bei der Hand nimmt und dich aus der Höhle hinausführt, jemand, der diesen Schritt schon vor dir gegangen ist, der dich unter den freien Himmel bringt, wo alle Ideen im klaren Schein der Sonne offen vor dir liegen – dann vielleicht wirst du begreifen und deine Welt verändern können. Oder du stirbst. Die Ideen dahinter, das Muster, das Gott gewebt hat, um Alles zusammenzuhalten, wenn du es entdeckt hast, dann wirst du es bestimmen und verändern können, auch wenn die Gefahr groß ist, alles zu vernichten. Denn schon der kleinste Eingriff kann unvorstellbare Auswirkungen haben, er ist der sprichwörtliche Schlag eines Schmetterlingsflügels in Brasilien, der einen Tornado in Texas auslöst. Wir leben in der möglichsten aller Welten, mein Junge. Eine Änderung kann sie unmöglich machen.

Aber lass mich weiter berichten. Mein Vater trat erst wieder nach einem ganzen Jahr in mein Leben. Das war eine Zeit, in der Ruben keinen Kontakt mehr mit mir suchte und ich auch nicht mehr in seine Welt wechselte. Nicht einmal an Weihnachten oder zu meinem Geburtstag im Juni bekam ich Vater zu Gesicht. Wenn ich mich recht erinnere, machte er eine längere Auslandsreise. Dann stand er plötzlich an einem Dienstagmorgen vor mir und schwenkte drohend einen an ihn gerichteten Brief meiner Gymnasiums. Die Leistungen des Schülers Alban Waldescher hatten sich dramatisch verschlechtert und die Versetzung in die höhere Klassenstufe war gefährdet.

Vater hatte nur drei Sätze für mich, als er in einem ungewohnten und deshalb umso erschreckenderen Wutanfall das Schreiben zerknüllte und es mir als Papierkugel gegen die Brust warf. Es war das erste und das einzige Mal, dass er seine Distanz verlor und mir gegenüber so etwas wie ‚elterliche‘ Gewalt anwendete, wenn auch auf eine ungeschickte, fast rührend hilflose Weise.

Ich bin über alle Maßen enttäuscht“, sagte er leise, auf den Papierknäuel am Boden starrend, als wisse er nicht, wie er dorthin gelangt war. „Für das nächste Schuljahr habe ich dich in einem Internat in der Schweiz angemeldet.“

Er zögerte, musterte meinen hilflosen Versuch, ein paar Widerworte zu stammeln. Er hatte mich vollkommen überrumpelt. Und im gleichen Augenblick wusste ich selbstverständlich, welches Internat er für mich gewählt hatte: Ich hatte es bereits im vergangenen Sommer unfreiwillig besucht. Er hob die Hand, um einen Einspruch zu verhindern.

Ich möchte, dass du bereits deine Ferien dort verbringst. Es ist schon alles vorbereitet.“

Damit schob er sich an mir vorbei, kehrte zurück in sein Arbeitszimmer, dessen Türriegel er geräuschvoll schloss. Für ihn sei die Sache damit erledigt, gab er mir damit zu verstehen. Einwände waren sinnlose Zeitverschwendung. Ich stand lange neben dem zerknüllten ‚Blauen Brief‘ im Gang, kämpfte mit meiner Wut und mit meinen Tränen und dem Wunsch, etwas kaputt zu machen. Mein Vater war ungerecht gewesen, ich spürte es wie eine offene Wunde. Ich wusste, was in dem Brief von der Schule stand, meine Noten in ein paar Fächern waren in der Tat nicht mehr ausreichend, aber das Schuljahr war noch nicht vorbei. Ich war mir sicher, dass ich das noch hinbiegen konnte. Was vielleicht auf einer Selbstüberschätzung beruhte, wenn ich heute darüber nachdenke.

Aus der Sicht meines Vaters machte seine Entscheidung allerdings doppelten Sinn. Er konnte sich nicht nur bessere Noten für mich erhoffen, sondern er schaffte mich auch aus seinem Sichtfeld. Ich musste nicht zuletzt wegen seiner Seelenruhe ins Internat; aus seiner Sicht trug ich die Schuld am Tod von zwei geliebten Menschen.Zumindest erinnerte ich ihn ständig an die gewaltsamen Tode meiner Mutter und Linas. An beiden hatte er nacheinander seine Existenz und seine Zukunft festgemacht und zweimal waren seine hochfliegenden Hoffnungen vor seinen Augen zerstört worden. Er hatte nicht mehr die Kraft, einen dritten Lebensentwurf in Angriff zu nehmen und übrigens auch keine Gelegenheit mehr dazu. Er starb im folgenden Frühjahr. Sein ungelenker Wutausbruch war das vorletzte Mal, dass er mit mir sprach.

Ich blieb vor Wut kochend und tief beleidigt im Gang stehen, bis ich resignierte und gleichzeitig die Entscheidung meines Vaters als Chance begriff. Dieser Augenblick pflanzte in mir den Samen eines Plans, der, wenngleich noch dunkel und verworren, im Verlauf der nächsten Wochen immer konkretere Formen annahm: Wenn ich in Rubens Welt eine Art Gott war, dann würde es mir vielleicht dort gelingen, den Dingen einen anderen Verlauf zu geben. Wenn ich in seiner Anderswelt Menschen verschwinden lassen konnte, konnte ich bestimmt auch welche schaffen. Außerdem musste in der anderen Welt Lina Brunswick noch am Leben sein, schließlich war sie drüben nie Kindermädchen im ‚Eulenhorst‘ gewesen und meinem Vater war dort diese Enttäuschung erspart geblieben. Was ich genau in die Wege leiten würde, war mir noch unklar, aber ich musste in Rubens Welt zurück. Sie bot mir die Chancen, die mir in meiner versagt blieben. Dort konnte ich mir das Paradies zurückerobern, aus dem ich hier vertrieben worden war. Sollte Ruben sich doch hier vergnügen, ich schenkte ihm meine Welt, wenn er mir dafür seine gab.

Dieser Plan war jedoch einfacher ausgedacht als durchgeführt. Schließlich war es bislang immer Ruben gewesen, der mich zum Platztausch gezwungen hatte, niemals war dies aus meinem freien Willen geschehen. Ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Aber ich war wild entschlossen, es zumindest zu versuchen.

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 9)

„Bist du endlich bei uns“, murmelte Edaine und stützte mich, denn ich wäre fast vom Stuhl gekippt. „So lange haben wir auf dich gewartet. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass du halbtot aus der Wüste zu mir geschleppt wirst“, hörte ich noch.

Danach geht alles durcheinander in meiner Erinnerung. Ich muss auch eine Weile ohne Bewusstsein gewesen sein. Später lag ich auf jeden Fall ausgekleidet in einem Bett. Kerzen und Öllampen flackerten, es war irgendwann in der Nacht; die Luft war erstaunlich kühl und das Atmen fiel mir wieder leichter. Meine Beine waren durch eine Kissenrolle hochgelegt und eine ältere Pflegerin wusch meinen Körper mit einem feuchten Tuch. Ich schämte mich wegen meiner Nacktheit, aber ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal einen Arm heben konnte und ließ sie gewähren. Endlich war sie mit der erniedrigenden Arbeit fertig und bedeckte meine Blöße mit dünnen Leinen. Die Vorhänge meines kleinen Krankenlagers teilten sich und Edaine sah herein.

„Du bist erwacht. Das ist gut.“

Sie trat mit einem Tablett in den Händen herein, auf dem sie eine kleine Arzneiflasche und einen Teller Suppe balancierte. Hinter ihr folgte der untersetzte Ritter, den sie Sir Pablo genannt hatte. Er schob ein seltsames Gefährt vor sich her. Es war eine Art von primitivem Rollstuhl aus dickem Schilfrohr, von Seilen und Tuch zusammengehalten – ein ganz erstaunliches Fahrzeug, das meines Wissens erst zweihundert Jahre später erfunden wurde. Auf dem Rollstuhl saß ein älterer Mann. Er schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen.

So traf ich zum ersten Mal deinen und meinen Freund, Jonas. Er nannte sich hier Tierope und gab sich als Waliser aus, aber sein wirklicher Name war Linus Binderseil. Er nahm die zwei Räder seines Rollstuhls, die wahrscheinlich von einem primitiven Karren stammten, in die Hände und rollte sich an die Seite meines Lagers. Dann beugte er sich vor und betrachtete mich genau, als wolle er einschätzen, was er von mir zu erwarten hatte. Er schien zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, denn er nickte lächelnd. Ich befeuchtete meine Lippen.

„Günec“, krächzte ich zuerst. „Mein Freund Günec ist noch im Berg.“

Tierope – ich werde bei dem Namen bleiben, unter dem ich ihn damals kennenlernte – runzelte die Stirn und sah sich um. Edaine kam ihm zur Hilfe.

„Er kam nicht allein. Ich habe Sir Ludger ausgeschickt, nach ihm zu suchen. Aber jetzt in der Nacht, in diesen Höhlenlabyrinthen … Ich habe nicht viel Hoffnung.“ Der Gelähmte wandte sich wieder zu mir.

„Wir kümmern uns um deinen Gefährten“, beruhigte er mich. „Du bist genau zum richtigen Moment gekommen. Während unsere Reiter Frêneblancs Verteidiger in ein Scharmützel am Torturm der Vorburg verwickelten, ist es uns gelungen, den Schacht an der Ostseite so weit voranzutreiben, dass wir mit ihm unbemerkt die Grundmauern erreichten. Im Moment meißeln wir uns einen Eingang in die hinter ihnen liegenden Kellergewölbe der Feste, das ist ein langwierige Arbeit, denn die Steine sind dort sechs Ellen dick. Mit einer Anstrengung aller freien Kräfte sollte es uns aber bereits übermorgen Abend gelungen sein, mit einem Trupp Bewaffneter heimlich in die Burg einzudringen, damit wir den Verteidigern in den Rücken fallen und unserer Hauptarmee dann die Tore öffnen können. Montedolor wird endlich fallen und wir können Lina und ihr Kind befreien. Anschließend kommst du ins Spiel“, erklärte mir Tierope begeistert.

„Nicht, dass ich irgendetwas von dem verstehe, was du mir da erzählst. Wo bin ich hier eigentlich? Ist das eine Art von Vergnügungspark; ein Trainingsgelände der israelischen Armee? Das alles ist doch nicht real, oder?“

Ich versuchte, mich ein wenig aufzurichten. Sofort war Edaine bei der Stelle, stützte mich und schob mir ein paar Kissenrollen unter den schmerzenden Rücken. Tierope griff beruhigend nach meiner Hand. Er lachte auf.

„Vergnügungspark … So kann man das auch nennen. Du hast keine Ahnung, das ist mir schon klar. Bist einfach da reingestolpert. Ich werde dir die ganze Geschichte erzählen.“

„Aber erst morgen“, mischte sich Edaine eilig ein, „da haben wir noch genügend Zeit. Jetzt braucht unser Freund erst einmal seine Suppe und dann muss er schlafen.“

Es war Tierope anzumerken, dass ihm diese Entscheidung nicht gefiel, aber er beugte sich seiner resoluten Frau.

„Ja, du solltest dich ausruhen“, sagte er zögerlich und machte Sir Pablo, der zwischen den Vorhangspalten gewartet hatte, ein Zeichen. Der Ritter trat beflissen nach vorn und griff sich den Rollstuhl des Gelähmten, machte Anstalten, ihn aus dem provisorischen Krankenlager zu schieben.

„Eines noch …“ Tierope wandte sich noch einmal neugierig zu mir. „Wie ist eigentlich dein Name?“

Ich nannte ihn und sah fassungsloses Erstaunen auf seinem Gesicht.

„Du bist Georg Habakuk? Der Archäologe! Ist das zu glauben? Die Wege des Herrn sind unergründlich. Ich kenne deinen Sohn – oder ich sollte besser sagen, ich werde ihn kennen.“

Er schüttelte ungläubig den Kopf. Bevor ich noch fragen konnte, welchen ‚Sohn‘ er zum Kuckuck meinte, wünschte er mir eine gute Nacht und ließ sich von seinem ritterlichen Pfleger hinausschieben. Edaine hob mir einen Holzlöffel mit einer salzigen Hühnerbrühe vor den Mund, die jeden weiteren Diskussionswunsch von meiner Seite beendete.“

‚Was für eine unbequeme Saunaliege‘, dachte Jonas und schob sich etwas nach oben, drückte sein Kreuz durch. ‚Man sollte doch glauben, dass sie einem mehr Komfort bieten für das Geld, das man ihnen in diesen Thermen bezahlt.‘

Er hoffte, durch seine Bewegung den angespannten Rücken ein wenig zu entlasten, aber das Gegenteil geschah. Der Schmerz in seinen Lenden wurde so stark, dass er nach Luft schnappte und die Augen öffnete. Sofort richtete er sich ganz auf und sah sich staunend um. Wahrscheinlich war er nur kurz eingenickt und hatte geträumt, er würde seinen üblichen Dienstagssaunagang mit seinem Vater unternehmen und neben ihm auf einer der bunten Plastikliegen einschlafen. Stattdessen war er quer auf den mit einer abblätternden, taubengrauen Farbe gestrichenen Balken einer Parkbank gelegen. Dabei hatte sein Kopf wahrscheinlich auf dem Oberschenkel von Alban Waldescher geruht. Dieser zwinkerte Jonas aufmunternd und auch ein wenig belustigt zu.

Es war noch immer Sonntag Nachmittag. Noch immer war Jonas mit dem seltsamen Mann unterwegs, der ihm eine so fantastische Geschichte erzählt hatte. Er hatte es noch nicht geschafft, Waldescher loszuwerden. Nur saßen die beiden jetzt nicht mehr beim Sportplatz im Dorf, sondern sie waren bei den mittelalterlichen Wehranlagen spazieren gegangen, die gut erhalten die Altstadt des zehn Kilometer von Jonas Zuhause entfernten Orts umschlossen. Auch wenn sich Jonas im Moment nicht erklären konnte, wie er mit Waldescher ausgerechnet hierher gelangt war. Hatte er den Mann mit dem Auto in die Stadt gefahren oder waren sie die Strecke etwa gelaufen? Das konnte sich Jonas nicht vorstellen. Er wusste noch, wie ihn Alban aufgefordert hatte, ihn bis vor zu dem kleinen, jetzt im Sommer geschlossenen Glühweinstand im Bürgerpark zu begleiten. Dort waren sie durch eine kleine Seitentüre des aus rohen Brettern gezimmerten Kiosks getreten und gleichzeitig aus einer Nische im Mauerwerk des einzigen erhalten gebliebenen Wehrturms herausgekommen. So war es zumindest in der Erinnerung von Jonas hängengeblieben. Das Ganze mutete ihn ein weiteres Mal wie ein merkwürdiges Traumgespinst an.

Er sah sich genauer um. Wie der Wechsel auch vonstatten gegangen sein mochte; jetzt zumindest saß er neben Alban auf einer alten Parkbank in den erst kürzlich renovierten, an einen englischen Garten erinnernden Anlagen unterhalb der Schwedenmauer. Sie verdankte ihren Namen einer Belagerung im Dreißigjährigen Krieg durch die Armee des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Jonas sah sie förmlich vor sich: Scharen von Landsknechten und Musketieren, die vergebliche Attacken gegen die eingekesselte Stadt unternahmen, die kurze Zeit später durch protestantischen Verrat von Innen in die Hände der marodierenden Schweden fiel. Kanonenfeuer, Schanzen, Verwundete und Sterbende vor einer eilig gezimmerten Brücke über den damals noch tiefen Wassergraben, der heute nur noch ein dünnes Rinnsal war, auf dem Enten schwammen. Dann verblasste dieser Eindruck und Jonas musste lächeln. Er kannte die Bank, auf der er saß, von früher. Hier hatte er mit zwölf oder dreizehn hustend seine ersten heimlichen Zigaretten gepafft. Dort hinten, in dem damals noch ungepflegten und verwilderten Buschwerk, wo jetzt ein Rosenbeet angelegt war, hatte er mit einem Mädchen aus der Roten Siedlung erste körperliche Erfahrungen gesammelt. Wie hieß sie noch? Das alles war so lange her, dass es wie eine Geschichte wirkte, die ihm jemand erzählt hatte.

Erstaunlich, dass die Bank nicht der Ordnungswut des städtischen Gartenamts zum Opfer gefallen war, man sie nicht einmal abgeschliffen und neu gestrichen hatte. Wenn er jetzt unter die Holzbalken der Sitzfläche fassen würde, dann würde er bestimmt auch noch die versteinerten Überreste der Kaugummis ertasten können, mit deren Hilfe er versucht hatte, den verräterischen Atem nach seinen ersten Rauchversuchen zu übertünchen. Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Sein zerstreuter Vater, obwohl überzeugter Nichtraucher, achtete nie auf solche Dinge. Seltsam, dass Jonas nun mit Alban Waldescher genau auf dieser Bank saß, die von der sich langsam dem Abend zuneigenden Sonne warm beschienen wurde. Er fühlte sich trotz der Rückenschmerzen heimisch und wohl, lehnte sich mit einem kleinen Seufzer zurück gegen die harte Lehne. Hier war er schon ewig nicht mehr gewesen. Er hatte auch nicht gedacht, dass er es einmal vermissen würde. Es erwachte ein Teil von ihm, ein Ich, das schon lange vergessen war, das jedoch unter vielen Schichten seiner selbst wie eine kleine russische Matrjoschka-Puppe in ihm steckte und nun wieder zum Vorschein kam. Er sah sein früheres Ich deutlich vor sich, wie es an einem frostigen Herbsttag durch das feuchte Laub dieses totgesagten Parks schlenderte und eine Kippe zwischen Ring- und Mittelfinger hielt. Dabei konnte er schon den Ruhm schmecken, den er einmal als Schriftsteller haben würde, wenn nur endlich sein Roman fertig und veröffentlicht war. Es lag ein aufregendes Leben vor ihm. Damals hatte er seinen Weg deutlich vor sich im schlammigen Matsch gesehen, durch den er spazierte. Wann hatte er ihn verloren?

Alban Waldescher unterbrach seine larmoyanten Gedanken. Er klatschte sich munter auf die Oberschenkel.

„Ich habe dich nicht gern gestört“, sagte er, „du hast so ruhig und friedlich geschlafen und gelauscht. Aber wir müssen doch später auf das Fest von Linus und ich wollte dir vorher noch genau berichten, wie es weiterging mit mir und meinem Bruder. Wenn wir uns am Donnerstag in dem Café vor dem wundervollen Renaissancegebäude wiedertreffen werden, solltest du die ganze Geschichte kennen.“

Ende des 5. Kapitels

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 8)

Wenn mich meine Geschichtskenntnisse nicht täuschten, sprach Ludger über die Ortschaft Hebron, die fünfunddreißig oder vierzig Kilometer entfernt irgendwo im Südwesten lag und wie viele Städte des Gelobten Landes auf eine über dreitausendjährige wechselvolle und blutige Geschichte zurückblicken konnte, in der sich Heiden, Muslime, Juden und Christen gegenseitig massakriert hatten. Gab es hier überhaupt noch einen Flecken staubiger Erde, über dem nicht durch eine Gewalttat das Blut eines Menschen vergossen worden war? Und wie lange sollte das noch so weiter gehen?

„Ruben Frêneblanc?“, fragte ich nach. Dieser Name war in den Geschichtsbüchern, die ich gelesen hatte, nicht aufgetaucht. „Wer ist denn das?“

Ludger warf einen müden Blick auf mich und schnalzte mit der Zunge. Sein Reittier setzte sich gehorsam in Bewegung. Er lenkte es zur Seite und wir folgten dem Weg hinab zum Lager. Dabei erzählte er zornig:

„Du pilgerst durch diese Wüste und hast noch nie etwas von ihrem Fluch gehört? Ein gottverlassener Raubritter ist er, ein Teufel in der Gestalt eines Menschen; nichts weiter. Er ist die Sure des Schwerts. Er überfällt jene, die ins heilige Jerusalem ziehen. Er plündert und mordet sie, obwohl sein Sultan ihnen freies Geleit versprach. Er brandschatzt die Siedlungen, egal ob sie christliche oder muslimische Bewohner haben, presst sie in seine Leibeigenschaft. In den Kerkern seiner Feste hält er Edle gefangen, foltert sie und erpresst von ihren Familien hohe Lösegelder. In allen Städten des Heiligen Landes unterhält er seine bezahlten Assassinen, der Herr Konrad von Montferrat war eines ihrer Opfer. Der Herrgott verdamme ihn in die tiefste aller Höllen; die furchtbarsten der ewigen Qualen sind zu milde für ihn. Dieser Verräter pfeift auf den Frieden, den Saladin mit den drei Königen ausgehandelt hat. Gut verschanzt in seiner Burg hockt er wie eine fette Spinne in seinem Netz.

Frêneblanc kam mit dem Herrn Barbarossa ins Land, nachdem er daheim im Reich einen Erbstreit gegen seinen Zwillingsbruder verloren und dort nichts als einen Strick um den Hals zu erwarten hatte. Landlos war dieser Zweitgeborene ein Ausgestoßener und vogelfrei. Wie viele in seiner Lage schloss er sich den Kreuzfahrern des Kaisers an. Allerdings wollte er wohl nie die heiligen Städten von den Ungläubigen befreien, sondern nur Reichtum und Macht für sich selbst finden. Das war bei Pressburg, dort sah ich ihn zum ersten Mal. Frêneblanc ist ein schwerer, dunkler Mann mit einem mächtigen Bart, ein gewaltiger, aber jähzorniger und hinterhältiger Ritter, der selbst beim Tjosten nicht ehrenvoll kämpft. Er hatte Knappen in seltsamer Kleidung bei sich; sie ähnelte übrigens der deinen. Und eine Magd gehörte zu seinem kleinen Gefolge, die war in der Hoffnung – wahrscheinlich von ihm. Sie gebar den Knaben kurz nach der Einnahme von Philippopel. Das Kind ist nun bald drei Jahre alt. Aber das ist eine Geschichte, die dir ein anderer erzählen soll. Frêneblanc jedenfalls schloss sich wie ich und viele andere vor Akkon der Armee von König Richard an, nachdem der Kaiser so überraschend im Fluss Saleph ertrunken war. Noch vor der Einnahme der Stadt jedoch wechselte der Abtrünnige in der Nacht die Fronten, stellte sich in Saladins Dienste und nahm den Glauben der Ketzer an. Der edle Sultan machte ihn zum Herrn über die Feste Montedolor, die vor dir siehst. Und so belagern wir sie nun im Auftrag des Herzogs Hugo von Burgund, der den Schandtaten des Herrn Frêneblanc nicht länger tatenlos zusehen wollte. Uns führen der arme Herr Tierope von Sculp und seine tapfere Gemahlin, die edle Frau Edaine, zum Sieg. Ich werde euch zu ihnen bringen. Sie erwarten euch seit Langem.“

Über Ludgers Bericht, dem ich, von starken Kopfschmerzen und Schwindelgefühl geplagt, kaum folgen konnte, waren wir bei dem Eingang zu dem befestigten Kreuzfahrerlager angelangt. Die Wachen hatten uns schon von Weitem erkannt und schoben die Barrieren zur Seite. Wir ritten mitten durch das Lager zum Ufer des Oasensees, wo die Zelte der Anführer standen, was durch ihre Größe und die Schilde deutlich wurde, die vor den Eingängen an Stangen hingen. Das ganze Lager war in Bewegung. Es war nun, als hätte jemand mit einem Stock in den Ameisenhügel gestochen. Überall zogen sich Kämpfer mit Hilfe ihrer Knappen ihre Rüstungen an, nestelten an den Lederriemen ihrer Hosen, kümmerten sich um die Pferde, überprüften den Sitz der Gurte, ölten Scharniere oder schliffen ihre Schwerter. Viele knieten im Gebet vor den an vielen Kreuzungen errichteten kleinen Altären und ließen sich von wehrhaft gekleideten Priestern die Eucharistie geben. Andere übten miteinander die Aufstellungen ihrer Trupps, trainierten mit leinenumwickelten Schwertern den Kampf Mann gegen Mann oder schossen Pfeile auf Strohpuppen. Diener zogen auf klapprigen Wägen große Steine zu den Katapulten. Nur wenige Frauen waren zu sehen, diese wenigen kümmerten sich um die Feuerstellen oder eilten mit irgendwelchen Besorgungen beschäftigt zwischen den Zelten herum. In einer unbeschreiblichen, babylonischen Sprachverwirrung hallten Befehle, Beschimpfungen und Stoßgebete durch die Oase. Offenbar stand ein abendlicher Angriff auf die Burg kurz bevor.

Deus vult!“, war der Schlachtruf, der von allen Seiten ertönte und begeistert von allen Rittern aufgenommen wurde. „Gott will es so!“

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Wir kamen in dem Gewimmel nur langsam voran und Ludger musste einige Umwege machen, bis wir endlich vor dem Zelt der Befehlshaber standen. Vor dem weiten, von einem weißen Tuch überspannten Eingang waren rechts und links an den Stangen zwei Schilde angebracht, die wahrscheinlich die Wappen des Herrn Tierope und seiner Gattin zeigten: Das linke zeigte eine goldene Harfe auf grünem Grund und mutete mir recht irisch an, das rechte war abstrakt, rot-goldene Rauten und davor ein schwarzer Gegenstand, den man mit viel Phantasie für eine seltsam verformte Taube halten konnte.

Ludger saß von seinem Falben ab, band mich los und half mir beim Absteigen. Das heißt, er ließ mich einfach auf seine Schultern kippen und trug mich ins Innere des geräumigen Zeltes, das mit Teppichen ausgelegt und notdürftig durch Tücher in mehrere Räume unterteilt war. Der Ritter setzte mich in einen nahen Sessel. Dann verneigte er sich vor einer kleinen, jungenhaft wirkenden Frau, die mit ein paar Männern um einen Tisch stand und mit ihnen offenbar gerade in einem altertümlichen Französisch den Angriffsplan besprach. Sie trug ein langes Kleid in der Farbe ihres irischen Schildes und hatte ihre langen, schwarzen Haare zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt. Mir fiel auf, dass sie keine Schuhe trug und barfuß auf dem Teppich stand. Obwohl sie von den ebenfalls nicht hochgewachsenen Rittern deutlich überragt wurde, dominierte sie eindeutig den Raum. Von ihr ging eine hoheitsvolle Autorität aus, wie ich sie noch selten erlebt hatte. Sie war der Anführer, das war sofort klar. Ich starrte nur noch, war längst nicht mehr fähig, all die Eindrücke zu verarbeiten. Ich wollte schlafen und dann aus diesem Albtraum erwachen. Mir war schwindlig und jetzt wurde mir auch schlecht.

„Den Pilger fand ich in den Felsen“, sagte Ludger neben mir. „Er braucht eure Hilfe, edle Frau Edaine. Er spricht wirr.“ Die Frau musterte mich überrascht und trat dann schnell zu mir, sah mir aufmerksam ins Gesicht, legte ihre Hand auf meine schweißnasse Stirn. Dann fühlte sie meinen Puls.

„Kannst du mich verstehen?“, fragte sie. Ich nickte, aber ich war nicht mehr in der Lage ihr zu antworten. Ich wollte ihr von Günec erzählen, der auf Hilfe wartete, aber es gelang mir nicht. Ihre dunklen, fast violetten Augen wirkten besorgt. Ging es mir wirklich so schlecht? Fast wäre ich in diesem Moment nach vorne von dem Stuhl gekippt, wenn mich mein Retter nicht gedankenschnell an der Schulter gepackt hätte.

„Er hat die Hitze“, stellte Edaine entschlossen fest und wand sich an Ludger:

„Die Diener sollen kühles Wasser und Lumpen holen und ihm ein Lager richten. Er muss liegen, die Beine höher als der Kopf. Sir Pablo, unterrichte meinen Mann! Sag ihm: Der Gesandte sei endlich gekommen.“

Einer der Ritter am Tisch trat vor, deutete eine Verbeugung an und eilte durch einen der Vorhänge. Edaine richtete sich auf und schüttelte den Kopf.

„Hast du schließlich doch noch zu uns gefunden“, murmelte sie und stützte mich ebenfalls.

„So lange haben wir auf dich gewartet. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass du halbtot aus der Wüste zu mir geschleppt wirst“, hörte ich noch.

Danach geht alles durcheinander in meiner Erinnerung. Ich muss auch eine Weile ohne Bewusstsein gewesen sein. Später lag ich auf jeden Fall ausgekleidet in einem Bett. Kerzen und Öllampen flackerten, es war irgendwann in der Nacht. Meine Beine waren durch eine Kissenrolle hochgelegt und eine Pflegerin wusch meinen Körper mit einem feuchten Tuch. Ich schämte mich wegen meiner Nacktheit, aber ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal meinen Arm heben konnte. Die Vorhänge meines kleinen Krankenlagers teilten sich und Edaine sah herein.

„Du bist erwacht. Das ist gut.“ Sie trat mit einem Tablett in den Händen herein, auf dem sie eine kleine Arzneiflasche und einen Teller Suppe balancierte. Hinter ihr folgte der untersetzte Ritter, den sie Sir Pablo genannt hatte. Er schob eine Art von primitivem Rollstuhl vor sich her. Auf ihm saß ein älterer Mann. Er schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen.

 

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 7)

„Edaine? Vater!”

Jonas biss sich sofort auf die Lippen, aber er hatte seinen erstaunten Ausruf nicht unterdrücken können. Er hatte den alten Mann mitten in seiner merkwürdigen Geschichte unterbrochen und diesmal setzte der sie nicht mehr fort. Georg Habakuk verstummte sofort, aber er sah nicht zu seinem Sohn hinüber. Nach einem kurzen Moment, in dem er verwundert an sich herabsah, begann er mit seiner Linken, an seinem Sicherheitsgurt zu kratzen, der ihn offenbar störte. Obwohl er noch angeschnallt im Beifahrersitz saß und die Tür des Autos geschlossen war, versuchte er dann, sich aufzurichten, was ihm freilich misslang. Aber er versuchte es erneut und dann noch einmal, strengte sich immer mehr dabei an, stieß sich dabei mit den Füßen ab und stemmte sich mit durchgebogenem Rücken gegen den Gurt. Er wirkte auf seinen Sohn wie ein gefangenes Tier und Jonas beeilte sich, den dementen Greis aus der Fesselung zu befreien. Das Öffnen des Gurtes half. Habakuk beruhigte sich sofort und blieb nun sitzen.

„Wir gehen jetzt ins Bad”, sagte der Demenzkranke für sich und wiederholte seine Worte wie ein fröhliches Mantra. „Wir gehen ins Bad. Mein Sohn und ich. Wir gehen ins Bad.”

Jonas gab sich geschlagen, startete den Motor seines Wagens und reihte sich wieder in den Verkehr der Schnellstraße ein. Er hoffte, dass ihn nicht die Polizei wegen seines nicht angeschnallten Beifahrers anhielt. Obwohl Jonas auf eine Fortsetzung der Geschichte seines Vaters brannte, machte dieser keine Anstalten mehr, weiterzuerzählen. Es war für seinen Sohn nicht einmal mehr erkennbar, ob sich Georg Habakuk überhaupt noch daran erinnerte, sie vorhin begonnen zu haben. Auf der Fahrt in die Therme wirkte er so geistesabwesend und in dem Irrgarten seines zerrütteten Verstands gefangen, dass Jonas bereits fürchtete, die Krankheit habe eine neue Stufe erreicht, die sich bereits in der Angstattacke der vergangenen Nacht manifestiert hatte. Die meiste Zeit brabbelte Habakuk in sich zusammengesunken ein paar unverständliche, vokalreiche Silben, auf denen er immer wieder wie auf einem zähen Kaugummi herumbiss. Vielleicht war er erneut ins Aramäische oder in eine seiner vergessenen Sprachen verfallen, die er einmal so gut beherrscht hatte. Sonst war er vollkommen lethargisch. Im Bad angekommen, musste Jonas den alten Mann bei der Hand führen; vom Parkplatz zu den Kassen, dann zu den Umkleiden, ihn ausziehen, zur Toilette und dann in den Saunabereich leiten. Die Reaktionen der Badegäste, missbilligende, mitleidende und abgestoßene Seitenblicke, die heimlich auf ihn und seinen Vater fielen, waren ihm längst nicht mehr peinlich. Schließlich unternahm er diesen Badeausflug seit Jahren an fast jedem Dienstag.

Erst beim ersten Saunagang, als die beiden bereits einige Zeit in der trockenen Hitze sotten, wurde Habakuk Senior wieder munter. Er sah sich auf einmal neugierig und lächelnd in der überfüllten Kammer um und verrieb gutgelaunt den Schweiß auf seiner eingefallenen Brust. Er gluckste dabei wie ein fröhliches Kind. Schließlich fiel sein nun wieder wacher und aufmerksamer Blick auf den Sohn, der ihm schräg gegenüber auf einem Badetuch saß und den hageren, aber noch straffen Körper eines Vaters nachdenklich musterte. Jonas suchte die Narbe, von der er ihm erzählt hatte, fand sie aber nicht. Ob es nun an der Temperatur in der finnischen Sauna lag, die seine Lebensgeister und seine Erinnerungen in Gang brachten oder daran, dass er plötzlich wieder seinen Sohn erkannte, er setzte seine Erzählung genau an dem Punkt fort, an dem er sie im Auto unterbrochen hatte:

„Ludgers Maulesel zu besteigen, war in meinem geschwächten Zustand nicht einfach. Aber mit der Hilfe des Kreuzritters gelang es mir schließlich doch. Er erklärte umständlich, dass er auf einem Erkundungsritt und wir nur wenige Meilen von seinem Lager entfernt waren. Seine Kreuzfahrerarmee hatte es bei der El-Aqsir-Oase aufgeschlagen, die mir übrigens bei meinen Ausflügen noch nie begegnet war. Obwohl ich der Meinung war, dass ich mich in der Arava-Wüste recht gut auskannte, hatte ich diesen Ortsnamen noch nie gehört. Ludger schätzte, wir könnten lange vor Sonnenaufgang dort sein. Bis dorthin würde ich es trotz meiner Erschöpfung schon noch schaffen“, erzählte Habakuk und erntete die erstaunten Blicke aller in der Sauna Schwitzenden.

Soweit es möglich war, rückte man pikiert links und rechts ein wenig von ihm ab. Jonas sprang sofort auf, nahm seinen Vater wieder an die Hand und führte den unverdrossen Erzählenden aus der Sauna. Habakuk ließ sich alles widerstandslos gefallen und nicht weiter in seinem Bericht stören. Auch während Jonas ihn kalt abduschte, ihn in seinen Bademantel steckte und anschließend trockenrieb, ihn auf die Empore über dem Schwimmbecken zu den Liegen führte, erzählte der Alte weiter. Er berichtete von dem langsamen Ritt über den in der prallen Sonne kochenden Tafelberg, der Ritter auf seinem gerüsteten Falben voraus; er selbst halb dahinter auf dem ihn nur widerstrebend tragenden Maultier, das sich alleine deshalb vorwärts bewegte, weil sein Zaumzeug über einen Lederriemen am Sattelknopf des Pferdes befestigt war. Mehrmals war Habakuk am Rand einer Ohnmacht und wäre einmal fast von seinem Reittier gestürzt. Ludger bemerkte das Schwanken seines Begleiters, hielt an, holte ein festes Seil aus der Satteltasche und band Habakuk kurzerhand auf dem widerborstigen Grautier fest. So setzten sie ihre Reise fort.

Jonas konnte der ausführlichen Erzählung von dem Ritt zur Oase erst wieder aufmerksamer folgen, nachdem er seinen Vater glücklich auf die Saunaliege transportiert, diese nach hinten gekippt und sich neben ihn gesetzt hatte. Dabei fühlte er sich ein wenig wie ein Therapeut bei einer tiefenpsychologischen Sitzung, während der sein Patient unter Hypnose mit weit aufgerissenen Augen in die hohe gläserne Deckenkuppel starrte und dort nicht den blauen bayerischen, sondern den staubgelben Himmel der lebensfeindlichen Wüste erblickte, wie er ihn vor über vierzig Jahren erlebt hatte.

„Trotz meiner unbequemen Lage und dem groben, schmerzhaft in die Oberschenkel einschneidenden Strick, mit dem mich Ludger auf mein unwilliges Reittier gefesselt hatte, muss ich doch eingeschlafen sein. Ich erinnere mich an merkwürdige Träume von Gänge-Labyrinthen und Höhlensystemen, die sich vor mir verbogen und verengten. Mir war, als würde ich noch immer mit Günec verzweifelt durch den Berg unter mir kriechen. Wie bei Fieberträumen üblich, erlebte ich immer und immer wieder den gleichen Augenblick: Plötzlich gab der Fels unter meinen Füßen nach, ich stürzte durch den Boden und fiel in ein endloses Nichts.

Ich erwachte erst, als Ludger die Tiere zügelte und wusste lange nicht, wo ich war. Auch nachdem die Erinnerung zurückgekehrt war, fühlte ich mich noch in einem Traum gefangen. Denn der Ausblick war zu fantastisch, um wahr zu sein. Der Tempelritter hatte sein Pferd vor einer Klippe gezügelt. Wir waren im Lauf des Nachmittags über die Hochebene geritten und nun am Abbruch auf der anderen Seite angelangt. Dort lief der Berg etwas flacher als gegenüber in ein weites Tal aus. Es war sogar so etwas wie ein provisorischer Weg zu erkennen, eine von Hufen und Stiefeln festgestampfte und mit großen Steinen markierte Sandpiste, die in einem langgestreckten Bogen hinabführte. Unten floss, von einem kargen Grünstreifen und hohem trockenen Schilf umgeben, tatsächlich ein kleines Rinnsal, das von dem Quellwasser einer Oase weiter hinten gespeist wurde. Dort konnte ich ein recht großes mittelalterliches Heerlager erkennen, Zelte füllten die Ebene, insgesamt waren es sicherlich einige hundert. Man hatte Gatter für die Pferde errichtet, Katapulte und Rammböcke auf Rädern waren zu sehen. Außen herum lief ein niedriger Befestigungswall aus zugespitzten Palmenstämmen, die man offenbar direkt dem kargen Baumbestand der Oase entnommen hatte. Erstaunlich viele Menschen, wohl Ritter wie mein Retter neben mir, saßen neben den Zelten vor offenen Feuern und Kochstellen oder waren geschäftig in den Gassen unterwegs. Es wimmelte zwar auf der Ebene wie auf einem Ameisenbau, aber alles schien mir gut organisiert und durchdacht zu sein.

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Der erstaunlichste Anblick allerdings erhob sich hinter der Ebene auf dem nächsten Hügel, der den vom Staub diesigen Horizont begrenzte, über dem eine bereits tiefstehende Sonne glühte. Dort stand eine trotzige, große Burganlage und offensichtlich wurde sie von den Rittern von der Oase belagert. Einige der Mauern der Burg waren untergraben und eingestürzt, Belagerungstürme waren nahe an sie herangeschoben. Überall auf dem Hügel standen Schanzanlagen und waren Gänge gebuddelt, die den Angreifern Schutz vor den Bogenschützen bieten konnten. Ihre Silhouetten waren oben auf den Zinnen und in den gekreuzten Fensterlöchern zu erkennen. An zwei Stellen qualmten dicke Rauchwolken, hier mussten strohgedeckte Dächer oder Ställe in Brand geraten sein. Im Moment waren keine Kampfhandlungen zu sehen. Das war bei der jede Kraft aus den Körpern ziehenden Hitze auch nicht zu erwarten. Angegriffen wurde in der Morgenfrische oder in der Nacht. Vielleicht wollte man die Festung auch aushungern.

Ludger deutete mit Ingrimm auf die Burg:

„Das ist Montedolor, die Burg des Teufels. In ihr hat sich Ruben Frêneblanc, der Abtrünnige, mit seinen Mordgesellen verschanzt. So Gott will, wird die Feste der Ketzer mit dem Beistand der heiligen Jungfrau morgen endlich fallen. Dann ist der Weg frei nach St. Abraham, das wir mit dem Kreuz und dem Schwert in der Hand wieder der Herrschaft des edlen Sultan Saladin entreißen werden.“

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 6)

Georg Habakuk begann mit einer englischen Gedichtzeile, die Jonas, da war er sicher, bereits von Linus gehört hatte, auch wenn ihm im Moment der Zusammenhang entfallen war.

All that we see or seem – is but a dream within a dream“, flüsterte der alte Mann und seinem Sohn klang es wie eine Reminiszenz seines Vaters an die eigene Demenz.

„Ich erwachte und mir schien, ich hätte nur die Ebene meines Traumes gewechselt, so unwirklich war, was ich durch meine verklebten Augen sah: Ich war nicht mehr allein. Neben mir beugte sich ein Mann zu mir herab. Er hielt einen Lederschlauch in der Hand, aus dem er vorsichtig ein wenig Flüssigkeit auf meine aufgesprungenen Lippen spritzte, um sie mit dem Daumen vom verkrusteten Schmutz zu befreien. Dann erst ließ er ein wenig von dem sauren Wasser- und Weingemisch in meinen Mund rinnen. Ich saugte so gierig an dem Schlauchende, dass ich mich dabei verschluckte. Der Mann fasste mich am Nacken und richtete meinen Oberkörper ein wenig in die Höhe, damit ich mir beim Husten leichter tat.

Rallenta, rallenta. Piano, amicus pelegrinus. Deo gratias“, sprach er in einer wirren und seltsam singenden Mischung aus Französisch und Latein auf mich ein.

Mit meinem Hustenanfall verging das Gefühl von traumhafter Unwirklichkeit, auch wenn der neben mir kauernde Mann einer anderen Welt entsprungen schien oder besser gesagt, einer anderen Zeit. Denn mein Retter trug über einer leichten Lederrüstung und einem abgenutzten Waffenrock einen schmutzigen, einstmals weißen Überwurf, den ich zuerst für die Tracht eines Wüstenbewohners gehalten hatte. Aber vorne auf dem dünnen Stück Stoff, mitten auf seiner Brust, prangte unübersehbar ein großes rotes, an den Kanten etwas ausgefranstes Kreuz, das sogenannte Tatzenkreuz der Templer, das dann später der Malteserorden übernommen hat. Das war ein Anblick, dem man im modernen Judäa eher selten begegnete. Ich rieb mir über die Augen. Dieser Mann war doch tatsächlich wie ein Tempelritter aus dem zwölften Jahrhundert gekleidet! War mein Retter geisteskrank oder wurde in der Nähe ein Kreuzfahrerfilm gedreht? Die Ausstattung sah erstaunlich echt und lange getragen aus. Eher wollte ich vermuten, dass ich doch einen Hitzeschlag hatte und mir mein Gehirn diesen mittelalterlichen Ritter vorgaukelte.

Ich richtete mich nun selbst auf und packte mit beiden Händen den Schlauch des als Templer Maskierten, trank so lange in gierigen Schlucken, bis er den nun fast leeren Lederbehälter mit sanfter Gewalt wieder an sich nahm. Er hatte die ganze Zeit in seinem kaum verständlichen Kauderwelsch auf mich eingeredet, schwieg aber nun und schätzte meine Kleidung ebenso neugierig ab, wie ich die seine musterte. Er hatte ein offenes, von der Sonne verbranntes Gesicht mit erstaunlich hellen, durchsichtigen Augen und trug einen unordentlichen, bereits mit grauen Haaren vermischten rötlichen Vollbart. Seine schmale Nase lag dabei so flach am Gesicht, dass sie im Profil kaum auszumachen war. Das Haupt verbarg er unter einer Art Palästinensertuch, das um einen spitzen Helm gewunden war. ‘Das ist ein Sarazenenhelm’, fiel mir ein. Ich hatte so etwas wie auch die restliche Kleidung des Ritters schon so häufig auf Abbildungen gesehen, dass mir seine Kleidung nicht so fremd schien wie ihm offenbar die meine.

Er deutete auf mich und sagte etwas, in dem mir nur die Wörter Outremer, Tedeschos und, wie faszinierend, Sala ad-din, also ‘Saladin’, einigermaßen verständlich waren. Dann schlug er mit einer großen Geste auf das rote Kreuz auf seiner Brust und neigte grüßend den Kopf.

Io nome est Siere Ludger de Cloterny, io son un Maestre da Rocco Akkon …

Es war mir nicht möglich, mehr als nur ein paar Brocken seines babylonischen Sprachenwirrwarrs zu verstehen. Es klang mir nach einer halbgaren Mischung aus den verschiedensten romanischen Sprachen und einem späten Küchenlatein. Ich war auch nicht in der Verfassung, mich meiner nicht allzu guten lateinischen und italienischen Sprachkenntnisse zu besinnen. So war das einzige, was ich aus dem Wortschwall heraushörte, dass sich mein Retter „Ludger“ nannte, sich als ehemaligen Kreuzfahrer betrachete und damit seiner Legende treu blieb. Ich antwortete ihm auf deutsch. Während er mir unter die Schulter griff und mir aufhalf, nannte ich ihm meinen Namen und bedankte mich für die Rettung. Verblüffend – sofort wechselte der Mann ebenfalls in ein leicht schwäbisch eingefärbtes, recht umständliches Deutsch. Damit war mir klar, dass ich durchaus nicht im Zeitalter von Richard Löwenherz gelandet war. Trotzdem, ein Unbehagen blieb. Ludger beharrte standhaft und ganz selbstverständlich auf seiner Geschichte:

„Das erklärt uns einiges“, sagte er und stützte mich, weil ich sehr wacklig auf meinen Beinen stand, „Ihr seid aus dem Reich. Kamt Ihr ebenfalls mit Friedrich dem Rotbart ins Outremer gezogen? Ich sah Euch noch nie. Der Herr sei seiner Seele gnädig. Et expecto resurrectionem mortuorum, et vitam venturi saeculi. Amen.“ Er bekreuzigte sich umständlich, dann lächelte er: „Oder wandert Ihr auf Pilgerpfaden gen Jerusalem? Die Festung Montjoie steht auf einem anderen Berg. Ihr seid weit ab von jedem Weg.“

Wenn ich auf das Spiel des vermeintlichen Ritters einging, was ergab sich daraus? In welcher Zeit war ich dann gelandet? Ludger hatte Friedrich Barbarossa erwähnt. Der deutsche Kaiser war auf dem dritten Kreuzzug verunglückt. Wann war das, 1170, 1180? Ich rekapitulierte, was ich von meinen lange zurückliegenden Geschichtsvorlesungen noch wusste. Das Mittelalter hatte mich nie so fasziniert wie die Antike; es ist eine dunkle, primitive Welt, ein tausend Jahre währender, blutiger und bitterer Rückschritt in der Menschheitsgeschichte, den allein das Christentum zu verantworten hat. Deus vult, Gott will das Massaker. Eine in ihren Dimensionen kaum überblickbare, gigantische Schuld vor den Menschen, der Natur und auch vor Gott, die die Kirche bis heute nicht gesühnt, ja, sich nicht einmal dazu bekannt hat.

Palästina war im 12. Jahrhundert in den Händen des Sultans Saladin, des al-Malik an-Nasir, ebenso Ägypten und Syrien. Löwenherz eroberte während des dritten Kreuzzugs die Küstenstädte Akkon und Jaffa zurück, musste Jerusalem allerdings den Sarazenen überlassen. War nicht der französische Kaiser ebenfalls in diese äußerst blutigen Auseinandersetzungen verwickelt? Wie hieß er noch? Ein paar Namen und Daten schwirrten in meinem Kopf. Ach Jonas, das Alter ist ein grausamer, hässlicher Ort, kahler als der tote Hügel, auf dem ich mit dem Ritter Ludger stand. Wenn ich nur daran denke; es ist so frustrierend, wie viel ich schon einmal gewusst und dann wieder vergessen habe. Guy de Lusignan und Konrad von Montferrat, die legendären Könige von Jerusalem, Berhard von Clairvoux, Papst Gregor oder war es schon Urban? Der Alte vom Berge und seine Assassinen … Ivanhoe, Robin Hood.

Ich wusste über diese Zeit so wenig, dass ich unmöglich in meiner eigenen Fantasie oder aber einem Traum gefangen sein konnte. Also blieben nur zwei logische Möglichkeiten: Dieser Ludger log das Blaue vom Himmel herunter. Oder er war komplett irre. Aber er hatte mir das Leben gerettet und war der einzige Mensch, der mir in der Gluthitze dieses Tafelberges zur Hilfe gekommen war. Da durfte ich nicht wählerisch sein. Mit seiner Unterstützung würde ich bestimmt wieder zurück in die Zivilisation finden. Schließlich musste der Mann ja von irgendwoher kommen und ein Ziel haben. Niemand machte einfach einen Ausflug hier oben, so verrückt konnte nicht einmal ein Mann sein, der sich selbst für einen Tempelritter hielt. Und er hatte sich perfekt für seine Rolle vorbereitet, das musste ich ihm lassen.

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Der Kreuzfahrer wartete kurz und musterte mich neugierig. Er wartete geduldig auf eine Antwort von mir. Als keine kam, deutete er schulterzuckend nach hinten, wo nicht weit entfernt tatsächlich ein Pferd und ein bepacktes Muli bereitstanden. Sie durchwühlten auf der Suche nach ein paar trockenen Gräsern mit ihren Schnauzen vergeblich den Wüstensand. Der mitleiderregend dünne Falbe, dessen Widerrist kaum höher als der eines Ponys war, trug einen Umhang mit dem Templerkreuz über der Kruppe, einen hohen Sattel, daran befestigt Steigbügel, die wie Metallschuhe geformt waren und einen schweren, eisernen Schutz über dem Mähnenkamm.

„Komm, ich bringe dich an einen sicheren Ort. Dort können wir reden. Aber erst einmal müssen wir dich vor der Sonne schützen, mein armer Freund, sie leckt dir sonst den restlichen Verstand aus dem Kopf.”

Ludger fasste mich entschlossen unter der Schulter und ging mit mir die wenigen Schritte zu seinem Pferd, gegen dessen Flanke er mich vorsichtig lehnte. Das Tier wandte interessiert den Kopf und schnaubte mir ins Gesicht.

„Wird es denn gehen?”, fragte er. Ich nickte zuversichtlich, obwohl mir bei dieser Bewegung schwindlig wurde. Ludger kramte in seiner Satteltasche und beförderte ein langes, schmales Tuch und eine kleine, elfenbeinerne Dose ans Tageslicht. Aus dem Tuch formte er mir mit schnellen, geschickten Griffen eine improvisierte, einem Turban ähnliche Kopfbedeckung und band sie mir um den Kopf.

„Die Salbe hilft gegen die Sonnenröte, sie brennt ein wenig beim Auftragen. Aber dann kühlt sie”, erläuterte er, während er das Döschen öffnete und zwei Finger von einer scharf riechenden Salbe nahm, die er mir dick auf den Wangen und auf der Nase verstrich.

„Sie hat mir die here Frouw Edaine gemischt. Sie …”

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