Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Ein Dichter versucht sich als Denker (Zweiter Teil)

„Do I contradict myself?
Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“
Walt Whitman

 

büchermensch

Nikolas Klammer, Büchermensch – Kaltnadelradierung, 1996

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Was ich Gerade tue

ich schreibe ein buch/
in dem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
schreibe/
indem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
beschreibe/
wie ich das buch/
das ich beschreibe/
schreibe/
schreibe/
beschreibe/
kurz gesagt : nichts neues/
und das nicht einmal gut.

Ich denke, ich habe mit dem ersten Teil meiner Theorieüberlegungen  den einen oder anderen verschreckt. Gar zu düster war das Bild, das ich da zeichnete vom Leben als einem langsamen Sterben und dem Schreiben als opfernde und ausblutende Sisyphos-Arbeit. Und vielleicht mag es auch nicht zu den lockeren Alltäglichkeiten passen, die ich sonst so blogge. Nun, das alles ist wahr, weil es gleichzeitig nicht wahr ist. Die Auslage ist eben bunt.

Ich finde, Autoren sollten mehr schreiben und weniger übers Schreiben schreiben. Um das komplexe und auch ein wenig langweilige Thema „Theorie des Schreibens“ vorläufig halbwegs versöhnlich abzuschließen, lege ich hier das Ende meines Kurzromans „Ein kleines Licht“(1) bei, in dem der Schriftsteller Klammer, der ein Faible für die klassische Antike hat und der Dichter Andernaj, der ein Faible für Hochprozentiges hat, in einem sentimentalen Moment festgehalten sind. Hier spielen zwei Dichter Denker:

Mein Frühling, setzte er seinen Brief an seine Frau fort,

während ich mit Nikolaus sprach, wurde es schnell dunkel. Er machte keine Lampe an, sondern holte nach einer Weile ein paar Kerzen & stellte sie angezündet auf den niederen Tisch. Seine Wohnung wurde da­durch heimeliger. Wie die meisten Deut­schen habe ich eine Vorliebe für den warmen Schein von Kerzenlicht. Ich weiß nicht, welche archetypi­sche Erinnerung dabei eine Rolle spielt. Die kalte Replik eines griechischen Athleten, der sich gerade einen Dorn aus der Ferse ent­fernt, vielleicht ist es auch ein Original oder zumindest eine römische Ko­pie, man kann das bei Nikki nie sagen, diese Statue, will ich sagen, wirkte plötzlich sehr leben­dig & im flackernden Licht schien sie sich zu bewegen. Niko­laus sah meinen Blick.

„Ich wollte, ich wäre irgende­ine Beethovensche Sinfonie oder irgendetwas, was fertig geschrieben ist. Das Geschrieben-Werden tut weh“, sagte er plötzlich aus dem Zusammenhang ge­rissen & stellte eine nur ihm selbst verständliche Gedan­kenverbindung zu der Statue her. Wahr­scheinlich zi­tierte er wieder seinen Lieblingsschrift­steller. Trotzdem hatte ich die Empfindung, dass ich einen seiner seltenen ehrlichen Momente erwischt hatte, er wirklich an sei­nem Leben litt. Was sind wir doch für ein Haufen Ver­lierer. Er wandte sich müde an mich; ein neuer, durchaus symphatischer Klammer, gar nicht zy­nisch, gar nicht arrogant: „Wir sind uns doch einig: Da ist kein Gott im Him­mel, kein Schöpfer aller Dinge, auch kein Demiurg, da war nie einer, keine Theodizee, keine Ontologie, keine Erlösung, kein Lebenswerk, natürlich auch kein Volk, keine ewige Wiederkehr. Da ist nicht ein­mal dieses halbtröstliche, halbverrückte „authen­tische” Ich, das „Geworfensein in diese Welt”. Da ist kein „Cogito”, kein „sum” & schon gar kein „ergo”, vor allem kein „ergo”. Nichts ist logisch. Wohin wir uns auch wenden – keine Antworten.  Nur eben – Nichts. & es wäre pa­radox zu sagen, dass doch zu­mindest dieses Nichts „ist”. Auch die sophistischste und positivste Philosophie muss am Ende schwei­gen. Legen wir das alles zur Sei­te, es ist unnützer Ballast.
Was uns jetzt noch bleibt, nachdem wir allen Wahn hinter uns gelassen haben, ist der zerrinnende, nicht fassbare Augenblick des Jetzt, dieser schimärische Hauch, der, wenn er gedacht wird, schon wie­der vorbei ist; der allein uns Existenz verspricht, weil wir uns in ihm als existent erinnern. Deshalb klammern wir uns an ihn, „harmonisieren” ihn, in­dem wir alles unterneh­men, um von ihm nicht über­rascht zu werden, denn nur der überraschende Mo­ment verwirrt, verwundet & tö­tet. Aus diesem Grund versuchen wir das Jetzt zu wie­derholen, im­mer wieder, auf ganz auf die gleiche Weise, in der es uns die Natur in ihrer ermüdenden Kette von Wie­derholungen vormacht. Denk nach: War­um hat der Mensch die Uhr erfunden? Weil er mit ihr dem Schrecken der Unsicherheit entgehen will & er kommt ausgerechnet in dem Zeitpunkt auf die Idee der Uhr, als die Gewissheit des Gottesstaates für ihn zer­bricht. Die Uhr ist ein Ersatz für Gott. Wir brauchen nichts dringender als die Uhr, sie macht es uns vor: Je­der Atemzug ist wie der andere, jeder Pulsschlag, Lid­bewegung, Schritt, Ernährung, Or­gasmus, Tag, Nacht, endlich auch der Tod. Alles wiederholt sich in jedem Augenblick. Nein, es gibt nichts Neues unter der Sonne, denn es gibt auch nichts Altes.“

Klammer holte Atem & er schien über sich selbst & seine Worte zu lächeln. Dann zuckte er resigniert mit den Achseln. „Ich will es dir nicht schwerer machen, als es ist, Al­fons. Du kennst doch die Binsenweisheit, dass es immer zu spät & gleichzeitig immer zu früh ist.“

Ich war versucht, mit ihm ein synchrones Achselzu­cken zu bewerkstelligen. „Weißt du, Nikolaus, du hast sicher recht“, sagte ich & starrte in die Flamme der vor mir stehenden Kerze, die an einem zu lan­gen Docht unruhig blakte. „Aber ich kann dir nicht ganz folgen & ich will es auch nicht. Deine Konse­quenzen erschrecken mich … Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Dass ich nicht sein wer­de, begreife ich nicht. Dass die Welt nicht sein wird, be­fürchte ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Es ver­lischt.“

Klammer schüttelte den Kopf. „Alfons, du bist ein Dichter“, sagte er lächelnd & wohlwollend.

Mein Leben, ich musste darüber so lange lachen, bis ich mich übergeben musste.“

Ein kleines Licht, Schluss

todfriedeNun gibt es aber nichts, was sich mehr ähnelte als das Nichts und die Unendlichkeit; das Nichts ist die Dummheit, die Unendlichkeit das Genie. Kneipengespräche haben nie ein befriedigendes Ende, eine erzählte Geschichte hat dort nie einen endgültigen Schluss. Vorher schwadroniert das Gepräch immer in eine andere, bedeutungsleere Richtung oder es wird rüde unterbrochen. Das Gemälde bleibt unvollendet, die Musik bricht ab mit einer Disharmonie. Leben mischt sich rücksichtslos zwischen das Fabulieren, verdrängt es und setzt die Erzählung tätig handelnd fort. Leben ist immer die Fortsetzung einer Geschichte mit anderen Mitteln.

Im übrigen gilt wohl die Bemerkung Goethes, wie vergeblich alle Anmerkungen zu den eigenen Werken seien, „denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlass. Ferner mag ein Autor bevorworten, so viel er will, das Publikum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte.”

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(1) Der Kurzroman „Ein kleines Licht“ ist in meinem kaum gelesenen Erzählungsband „Kleine Lichter“ erhalten, der als Softcover oder als günstiges E-Book überall im Buchhandel erhältlich ist.

Ein Dichter versucht sich als Denker (Erster Teil)

Ein philosophierender Freund, der manchmal – na ja, eher selten … ich bin ehrlich: fast nie – diesen Blog liest, hat mir recht glaubhaft dargelegt, dass Literatur – Kunst im Allgemeinen – nur dann wirklich wahr, schön und gut sei, wenn sie eine ausformulierte Theorie habe, sozusagen einen Unterbau, auf dem er das Gerüst seiner Imagination errichtet. Das sehe ich etwas anders, denn ich denke, um die theoretische Tiefe und die gedankliche Tiefe der meisten Autoren (ich bin da nun wirklich keine Ausnahme) ist es nicht so gut bestellt: Ich kann entweder Philosoph oder Dichter sein – einen „schöngeistigen“ Denker wie Nietzsche oder Kierkegaard gibt es heute nicht mehr. Ich glaube eher, man muss nicht einmal auf klassische Weise intelligent sein, um gut schreiben zu können. Wichtiger als der IQ ist die „soziale Intelligenz“ des Schriftstellers; der Rest sein Handwerk.

Er definiert die Welt nicht neu, sondern er popularisiert avantgardistische Ideen seiner Umgebung. Er ist nicht der revolutionäre Denker – er kennt nur welche, mit denen er sich ausgetauscht hat. Der Autor ist ein engmaschiges Sieb, durch das das Zeitgenössische gepresst wird; aus den Brocken, die hängenbleiben, schafft er dann sein Werk.

Der Dichter beim Denken

Der Dichter beim Denken

Wenn ich – trotzdem – jemals etwas Theoretisches über mein Werk geschrieben habe, dann ist es wahrscheinlich im folgenden Abschnitt meines Romans „Die Wahrheit über Jürgen“ enthalten. Es ist eine Rede, die eine Künstlerin anlässlich einer Vernissage hält:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet danach, schuldig zu werden, aber er wagt (oder vermag) es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw… So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszusprechen, u. Ä. gibt? Was wäre ein Schüleraufsatz ohne dieses usw.? Der Autor benutzt es immer dann, wenn er selbst nichts mehr zu sagen weiß, wenn die Inspiration versagt und er erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinkiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich betrifft. Es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Bataille enttäuscht, weil er auf meinen Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus: Für ihn sind Neurose und Kunst fast synonyme Begriffe. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes. Das klingt aufregend, ist aber eigentlich nur Geschwätz.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst zu erzählen. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fassen.

Deshalb komme ich aber an Bataille nicht vorbei, dessen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwandschaft mit dem Behagen an der Besudelung zeigt. Denn sein Anliegen war neben dem selbstzerstörerischen Schenken, auf das ich später eingehe, immer das Tabu und das bewusste Überschreiten desselben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formulieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter überwunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Verständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich in Anlehnung an Hölderlin formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, ich will es bezweifeln. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefesselten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Gesellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten befriedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen: Die Tabus der Gesellschaft sind noch lange nicht gebrochen, sie hat noch immer die Kraft, sie aufrecht zu halten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mytischen oder religiös definierten Bösen als Widerpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaftlichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer; erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Verbrechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein.

Der Dichter hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Der Dichter nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Geschenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wiederzugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.«

[Zum zweiten Teil …]

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