Aber ein Traum …

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Fahrkarte – Vier

gestern das gerade nicht oder alles ist gestern erklären was vorher war die namen sind genannt nun sollen sie auch leben

Es war in den Wochen, während denen Ruth sich für das alte Ägypten interessierte. Sie hatte eine Ausstellung gesehen und die ART-Hefte in der Wohnung durch NATIONAL GEOGRAPHIC ersetzt.

Helmut saß mit seiner Frau im Wohnzimmer. Der Fernseher lief. Ihn interessierte nicht das Programm. Aber er hatte gerne eine Geräuschkulisse, wenn er Kreuzworträtsel löste. Dann kam es ihm nicht ganz so sinnlos vor, seine Zeit auf diese Weise zu verschwenden.

Ruth saß ihm gegenüber, warf ebenfalls keinen Blick auf den Apparat und studierte ein Buch. Plötzlich stutzte sie, sah auf und fragte:

„Wusstest du, dass Kanzler Sennemut ihr Geliebter war?

„Wessen Geliebter?“

„Na, der von Hatschepsut. Mit ihrem Architekten hatte sie auch was.“

Helmut betrachtete seine Frau stumm. Kam noch was? Nach einer längeren Pause kehrte er zurück zu seinem Rätsel. Er blätterte verstohlen nach der Lösung.

„Das wäre ein Leben für mich gewesen.“

Helmut zuckte zusammen, fühlte sich ertappt. Ruth nickte. Ihr stand der Unwille über seine Interesselosigkeit ins Gesicht geschrieben. Weil er ihrem strafenden Blick ausweichen musste, sah er zum Fenster. Er bemerkte den vertrockneten Efeu, der an einer Ampel von der Decke hing. Helmut entschied sich, abzulenken, selbst aggressiv zu sein.

„Warum gießt du den Efeu nicht?“

Ruth war nur kurz verwirrt.

„Ich gieße ihn jeden zweiten Tag“, stellte sie entschieden fest, mit einer Prise beleidigtem Vorwurf in der Stimme.

„Ach, ja? Ich finde, er ist vertrocknet. Ich glaube dir nicht, dass du ihn so oft gießt. Schau ihn dir doch an. Übergossen sieht er wirklich nicht aus.“

„Mehr als wässern kann ich ihn nicht.“

Das Wort ‚wässern’ war ihr Sieg. Hätte sie noch einmal ‚gießen’ gesagt, wäre das Ganze lächerlich geworden. Helmut schämte sich. ‚Wässern’ war ihm nicht eingefallen. Ruth war ihm wie immer überlegen. Weiter zu machen, wäre kindisch und rechthaberisch gewesen.

Er zog die Augenbrauen hoch, daran erinnerte er sich genau. Dann warf er Ruth die Rätselzeitschrift an den Kopf. Zumindest versuchte er es, aber die Reaktion seiner Frau war schnell. Helmut ärgerte sich, nicht getroffen zu haben. Das machte auch noch diese Geste lächerlich. In dem Buch von Martin Walser, das er kürzlich gelesen hatte, war dem Helden die gleiche Tat gelungen. Ihm musste natürlich alles missglücken. Selbst bei einer simplen Gewaltausübung versagte er. Die harte Kante der Zeitschrift hätte Ruth an der Stirn treffen müssen. Die Stelle hätte zumindest rot anlaufen sollen, einen Bluterguss bilden. Am besten wäre es natürlich gewesen, Ruth hätte geblutet. Das wäre der Situation angemessen dramatisch gewesen. So wie es nun war, mit der Zeitschrift auf dem Boden zwischen ihnen, wirkte alles nur operettenhaft.

Helmut blieb tapfer sitzen, wartete auf ihre Reaktion. Noch konnte etwas geschehen. Wenn sie jetzt nur nicht lachte. Ruth stand auf, ihr Gesicht machte kurz den Eindruck, als müsse sie sich ein triumphierendes Lächeln verkneifen. Dann sagte sie langsam:

„Ich glaube, du gehst. Ich kann dich nicht ertragen.“ Sie wendete sich mit gekonnter Drehung ab, schließlich hatte sie einmal in einer Laienspielgruppe die Ophelia gegeben und beendete ihren Auftritt mit der knallenden Tür des Schlafzimmers.

Helmut murmelte trotzig, er hinge eben an seinem Efeu, es schmerze ihn, wenn er so vertrockne, verdammt. Aber er ging gehorsam in den Gang und zog seine Schuhe an.

Obwohl er keine Lust dazu hatte und sich vor dem verkaterten Morgen fürchtete, betrank er sich. Spät in der Nacht kehrte er polternd heim. Ruth hatte ihm ein Lager im Wohnzimmer gemacht und die Tür zum Schlafzimmer abgesperrt. Helmut versuchte, vor der Tür möglichst laut stöhnend zu masturbieren. Aber es misslang ihm gründlich. Ihm wurde übel und er übergab sich im Flur, bevor er die Toilette erreicht hatte. Dann wankte er zu seiner provisorischen Bettstatt. Der beißende und saure Geruch, der ins Zimmer zog, hinderte ihn lange am Einschlafen.

schlapper kerl versager säufer niete impotente pflaume wir hatten das schon aber seien wir ehrlich seien wir uns einmal bewusst: die anderen die mutigen die gibt es doch nur in unserer fantasie, in den romanen des 19. jahrhunderts.

ich frage mich ob man mir wohl anmerkt wenn ich eigentlich keine lust mehr habe oder gerade nicht in stimmung oder ideenlos oder was weiß ich auch diesmal ist der text nicht gerade einfallsreich vielleicht sogar ein wenig zu melodramatisch. Außerdem sitzt Helmut auf einem Hocker gegen die Theke gelehnt.

Das Lokal war gut besucht. In einer Ecke spielten zwei Jugendliche ausdauernd an einem blinkenden und piepsenden Flipperautomaten. Zwei Professionelle saßen neben Helmut auf ihren Hockern und bemühten sich, ihre abgegriffenen Reize ins Licht und die Falten in den Schatten zu rücken. (Später wird eine mit einem Gast den Ausschank verlassen, aber nach etwa fünf Minuten ist sie wieder da.)

Helmut war der einzige im Lokal, der alleine saß. (Mal abgesehen von dem, der gleich mit der Nutte rausgehen wird und jetzt damit beschäftigt ist, sie zu taxieren. Er sieht aus, als würde er im Geiste sein Geld zählen.)

Alle anderen kannten sich und unterhielten sich lautstark. Nirgendwo hatte Helmut eine Chance zum Einsteigen, er saß auf seinem Hocker wie im Auge eines Sturms. Gut, er war hier nicht richtig, aber er war nicht mehr fähig, aufzustehen. Vielleicht kam ja noch jemand herein, dem er sein leid klagen konnte. Mitleid, das brauchte er jetzt denn sein selbstmitleid reichte nicht mehr aus.

Helmut nippte an seinem Bier ihm fiel auf wie stark seine Hand zitterte übrigens nur die linke mit der er das Glas hielt. Er stellte es wieder auf den Bierdeckel und verschüttete dabei etwas von der braunen Flüssigkeit sie färbte den Filz dunkel. Um das Zittern zu unterbinden spreizte er die Finger drückte die Handfläche gegen das lackierte Holz des Tresens zwinkerte riss die Augenbrauen hoch und stierte auf den Handrücken an dem die Adern fleischig hervortraten sie vibrierten.

Helmut bestellte einen Klaren, kippte ihn schnell hinunter. Dabei benutzte er seine Rechte, die ohne Symptome war. Das Vibrieren der dunklen Venen seines linken Handrückens ließ nicht nach aber ein warmes Gefühl machte sich im Magen breit er genoß es.

Helmut trank einen zweiten Schnaps, diesmal einen doppelten das zittern verschwand so schnell, wie es gekommen war er fühlte sich leicht und lehnte sich zurück dabei fiel er fast hinterrücks vom hocker. er sah sich um ob jemand ihm bemerkt hatte die beiden flipperspieler studierten ihn aufmerksam er lächelte ihnen zu sollen sie doch denken und jetzt überschwemmte ihn sein schwindelgefühl er hatte es vermißt. die welt wirkte verschoben verschroben klein verzerrt als würde die luft das licht wie wasser brechen vielleicht aber ist das erst die wirkliche art die welt zu sehen das ist ein fröhlicher gedanke wir schwimmen in dickem dunst und mir ist nicht mehr kalt.

Helmut kicherte in sich hinein, bestellte einen dritten, dann einen vierten Klaren. Er zählte die Minuten, die der Gast mit der Prostituierten draußen im Freien verbrachte.

Ein flinker Junge, dachte er. Die Nutte kehrte allein zurück, sie brachte Kälte in den überheizten Schankraum.

Fassen wir zusammen: Galilei wurde vor der Inquisition nicht für seine kosmologischen Thesen angeklagt. Sie erschütterten das katholische Weltbild nicht. Die Goldene Regel des Jesuiten lautete: Du wirst deinen Gegner auf seine Grundsätze reduzieren, wenn du das Wahre zeigst, dann wende die herabsteigende Methode an, das heißt, argumentiere vom Hohen zum Niedrigen, aber wenn du das Falsche angreifst, dann verwende die aufsteigende Methode, und wenn du es mit einem hartnäckigen Gegner zu tun hast, dann kannst du die Reduktion ad absurdum führen. Seine Häresie war eine andere.

helmut sah sich um und nach und nach verließen die gäste das lokal. Auch die Jugendlichen am Flipper war ja schon spät und der wirt begann aufmerksam seine gläser auszuwaschen anscheinend anscheinend war in dieser kleinstadt das leben um mitternacht vorbei helmut jetzt wird es auch für dich zeit schob er sich vorsichtig vom hocker. Stand stolz. Niemand wankte der nicht der nicht und helmut auch nicht.

Dafür fiel ihm jetzt Beuerle wieder ein. Es war die nachdenkliche Art, mit der der Wirt ein Glas gegen das Licht hob und auf Wasserflecken untersuchte. Genau so prüfte Beuerle die Qualität von Rotwein und einen verdächtigen Geldschein. Beuerle verstand etwas davon – sagte er – von Rotwein, nicht von Geldscheinen. Helmut konnte nicht beurteilen, ob das stimmte. Aber beuerle lügt doch nicht da hat er keinen grund aber kann man es wissen vielleicht hat auch der Beuerle große rosinen ich mein im kopf will er seine vorgesetzten das kann schon sein mit weltmännischem betragen will er sie beeindrucken.

Der Wirt stand erwartungsvoll vor Helmut, der ihn aufmerksam musterte. Die augen mit denen stimmt was nicht mit den augen der wirt witz schliert nach rechts weg einen schritt zur seite steh doch still wirt du jetzt erkenn ich dich ich muß lachen bist du beuerle gut verkleidet aber mich kannst du nicht täuschen.

Ich entlarve dich nehm deine nase weiches rotes zeug zieh sie dir lang, beuerle ich bin sam spade.

Beuerle du sagst was hä? Dein mund öffnet sich jetzt ist er zu ich nicke einfach mal so wird schon stimmen beuerle nicht hast ja recht ist spät geworden du willst schließen ich soll zahlen dann gehen wir.

Helmut zog zitternd einen Zwanzig-Euro-Schein aus der Tasche, doch der Wirt bedeutete ihm, die Zeche sei höher. Helmut stutzte.

Nein, nein beuerle du irrst dich wieviel hatte ich der teuro aber zwanzig teuro sind doch vierzig mark du irrst ich hatte drei klare und das bier vier? Einer war doppelt geht der nicht auf’s haus geiznickel lumpenpack! Seit wann ist bier so teuer du. Fünf klare ich glaube du kannst nicht zählen den sekt für die mädels hab ich doch nicht bestellt willst mich bescheißen du. Beuerle ist nicht nett warte nur das sage ich.

Helmut kramte einen weiteren blauen Schein hervor und knallte ihn auf den Tresen. Er wartete eine Weile vergeblich auf Wechselgeld.

Wird dann wohl so stimmen ich vertrau dir. Ich geh dann mal.

Er wankte ich flog mein junge ich flog zur Tür. Halt ich muss doch noch zeigen ich habe deine maske durchschaut.

„Bis Montag, im Büro“, sagte Helmut und beeilte sich flog junge flog raus aus dem lokal ich will beuerle nicht beschämen.

Es regnete. Helmut wand den Kopf zur Seite, zur Straßenlampe und sah die zwei Jugendlichen. Sie kamen näher. Schmerzen fühlte Helmut nicht. Er bemerkte Hände, die seinen Körper untersuchten. Da lag er schon am Boden. Er blutete, machte eine abwehrende Bewegung. Eine weitere Ohrfeige klatschte in sein Gesicht. Dann hörte er schnelle Schritte, und dann

Seltsame ruhe endlich schweigen ein augenblick der länger währt der besinnungslose moment der krug kippt um schweigen


Helmut schleppte sich mühsam auf dem regennassen, überfrierenden Asphalt in eine Ecke.

Fahrkarte – Drei – Ein Theaterstück und mehr

(Der Raum ist kahl, zwei Schulbänke und Stühle, große Uhr an der Wand, Weltkarte, Fenster zum Hof, Schulzimmeratmosphäre. A betritt den Raum, sieht sich neugierig um, macht einen verschüchterten und ängstlichen Eindruck, hält einen Briefumschlag in der Hand)

A: So, so. Ich habe also Bauchweh vor Angst. Das ist Prüfungsangst. Die kenne ich schon. Das ist ja ein kleiner Raum. Ich finde, viel zu klein. Aber die Zimmernummer stimmt. (sieht auf den Briefumschlag)

Ob der Test, da drin ist? (legt den Umschlag auf die Bank, besieht sich die Wandkarte, ungeduldiges Warten)

Wenn das Bauchweh nicht wäre. Ich wäre ruhiger, wenn das Bauchweh nicht wäre. (Pause)

Jetzt ist es soweit. Ha, ich kriege eine Gänsehaut, so was! Brr… Ach, schlimm, schlimm…

(B kommt herein, ruhig, ein wenig überheblich. Setzt sich, legt den Briefumschlag pedantisch gerade vor sich)

Guten Tag. (B betrachtet A stumm)

Guten… Tag?

B: Tag. (Schweigen. A lacht künstlich auf)

A: Ich sehe gerade den Umschlag, Sie schreiben auch den Test?

B: Ja. (A nickt, sieht sich um, Schweigen)

A: Wo denn der Prüfer bleibt? Ohne Aufsicht wird man uns wohl kaum schreiben lassen. Was meinen sie?

B: Ich weiß nicht.

A: Doch, das glaube ich schon, wir könnten ja schließlich… Ich meine, wir könnten ja… Sie verstehen?

B: Nein.

A: Aber ich denke mir, er wird schon noch kommen. Der Prüfer.

B: (neugierig) Haben Sie ihn gesehen?

A: Wen? He, nein, ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Was wollen Sie damit sagen?

B: (enttäuscht) Nichts. Nur so.

A: (sieht auf die Uhr) Wann geht’s denn los?

B: Was?

A: Na, die Prüfung. Ich meine, um wieviel Uhr beginnt sie denn?

B: Ich weiß nicht. Ich dachte, Sie würden… (Pause) Ich denke, um Acht.

A: Das ist in vier Minuten. Wo bleibt der Prüfer?

B: Wir beginnen um Acht. (setzt sich gerade, räuspert sich)

Ja, um Acht.

A: (setzt sich ebenfalls, nimmt den Umschlag in die Hand) Ist die Prüfung da drin?

B: Ich denke…

A: Oh, da will ich nicht stören.

B: So habe ich das nicht gemeint. Ich wollte sagen: Ich glaube, der Test ist in dem Umschlag. Ich kann das schließlich nicht genau wissen.

A: Ach, so, Sie sind ja nicht der Prüfer. Noch drei Minuten. (eine Minute Schweigen)

Und wenn wir den Umschlag schon vorher öffnen?

B: Und der aufsichtführende Prüfer? Wollen Sie mich reinlegen?

A: Wo denken Sie hin? Ich dachte nur, eine Minute mehr oder weniger…

B: Wenn er uns dabei erwischt? Das ist nicht erlaubt.

A: Aber der ist ja gar nicht da!

B: Glauben Sie?

A: Ja, natürlich, sehen sie ihn? Ach, so, Sie meinen, ich könnte… ich könnte der Prüfer sein? Das ist Unsinn. Warum sollte ich mich verstecken und Theater spielen? Das ist doch Unsinn, ja!

B: Ich weiß nicht.

A: Genauso gut könnten Sie der Prüfer sein. (Schweigen)

Das wäre ja was! Ha, das wäre was. Vielleicht werden wir aber auch beobachtet. Durch das Schüsselloch.

B: (wartet, bis die Uhr auf Acht steht) Jetzt! Es ist Acht. (öffnet den Briefumschlag, nimmt einem Zettel heraus, beginnt ihn zu lesen. A. bemüht sich, ihn nachzuahmen)

A: Haben Sie einen Bleistift? (klopft die Kleidung ab)

B: Was?

A: Es kann auch ein Kugelschreiber sein. Ich habe gedacht, es würde uns einer gestellt. Dumm von mir.

B: Nein.

A: Doch, dumm von mir.

B: Das meinte ich nicht. Ich wollte sagen, dass ich für Sie keinen Stift habe. Und nun stören sie mich nicht länger.

A: Ach, so, Entschuldigung. Ich…

(A. sieht sehnsüchtig zu B., der einen Bleistift herauszieht, die Prüfung beginnt)

Könnten wir nicht… Ich meine, wenn es Ihnen nichts ausmacht.

B: Was ist denn noch?

A: Ihr Bleistift, äh, ich meine…

B: Ich würde jetzt gerne arbeiten.

A: Vielleicht könnten Sie ihn auseinanderbrechen. Den Bleistift. In der Mitte. Ich habe nichts zu schreiben. Freilich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich werde Ihnen den Schaden ersetzen.

(B. seufzt, bricht den Stift in zwei Teile, vergleicht, gibt A. den kleineren Stummel.)

B: Hier.

A: Danke, das ist sehr nett von Ihnen, wirklich, sehr nett. Heutzutage kann man so etwas nicht mehr erwarten. (nimmt ein Messer heraus, schnitzt umständlich eine Spitze. Beide beschäftigen sich mit ihren Blättern)

Verstehen Sie die dritte Frage? (B. wendet sich ein wenig ab, schweigt)

Na ja, gut. Ich fand sie nur schwer. (räuspert sich)

Ja, ja. Schwer, nicht? Hm… (kaut an dem Bleistift)

B: Hören Sie auf, an meinem Bleistift herumzukauen, ich mag das nicht.

A: Entschuldigung. (kaut weiter. B. wendet sich endgültig ab, murmelt etwas)

A: Wie? Die Antwort ist „dreiundvierzig“?

B: Nein, ich sagte nur… Unwichtig, vergessen Sie es.

A: Ach, so, ich meinte…(lacht künstlich. Pause)

Schwer, finden Sie nicht auch?

(etwas lauter)

Die dritte Frage. Schwer, nicht wahr? „Dreiundvierzig“, sagten Sie?

B: Ich sagte gar nichts. Und nun halten Sie doch endlich mal Ihren Mund!


*

Helmut amüsierte sich. Das Stück erinnerte ihn anfänglich ein wenig an mr bean, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Er gehörte zu den Leuten, die sich Fernsehsendungen nur einmal ansehen – wie er auch Bücher nur einmal las – und sie dann schnell vergaß.

die innere verschmelzung sage ich die verklammerung von verstehen und ausdeuten führt doch dazu die applikation den einheitlichen vorgang ganz aus dem zusammenhang der hermeneutik herauszudrängen.

Das Zweipersonen-Stück, das ihn am Anfang noch gefangen nahm, quälte sich dann immer kafkaesker werdend über drei Akte ohne Pause hindurch. Es endete, als sich endlich beide Protagonisten gegenseitig erwürgt hatten. Die Schauspieler mussten eine bedeutende Strecke Text rezitieren und der quirlige A. war im Gegensatz zum Autor, der den B. spielte, nicht gerade textsicher.

so muss das erkenne ich mit theater stück mythos da er nachahmung von handlung ist nachahmung einer einzigen verstehe und ganzen handlung sein die teile der handlung müssen so zusammengesetzt sein dass das ganze sich verändert und in bewegung gerät wenn ein einziger teil umgestellt oder weggenommen wird wo aber dort aber mit aber vorhandensein oder fehlen eines stücks keine sichtbare wirkung hat da handelt es sich gar nicht um einen teil des ganzen.

Während des dritten Aktes spielte Helmut mit dem Gedanken, die Aufführung zu verlassen. Längst hörte er nicht mehr zu. Er beobachtete nur die Menschen hinter ihren Schauspielerhüllen. Der Autor des Stückes schwitzte. Er war für das gut geheizte Zelt viel zu warm gekleidet. Sein rotes Gesicht glänzte, es zerfloss förmlich. ‚Der Ärmste’, dachte Helmut, ‚hätte er das geahnt, hätte er sein Stück für zwei Männer in Badehosen geschrieben.’

A. hielt sich besser, aber auch sein Hemd färbte sich unter den Achseln und an der Rückenvertikalen dunkel. Trotzdem stolperte er mit bewundernswerter Gelassenheit durch den nur mangelhaft auswendig gelernten Text. Er machte vieles mit Faxen und Grimassen wett, dem Erfolgsrezept der schauspielerden Laien.

Da nun die Urteilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurteilung ohne alle Sinnempfindung oder Begriff nur auf die subjektiven Bedingungen des Gebrauchs der Urteilskraft überhaupt gerichtet werden kann: So muss die Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der Urteilskraft als für jedermann gültig a priori angenommen werden können.

Dann war das Stück doch überraschend schnell zu Ende. Die Darsteller verneigten sich fleißig, obwohl der Applaus eher spärlich war. Helmut ging als einer der letzten aus dem Zelt.

Mond…“, sagte er.

gadamer aristoteles kant: nur ein stück illusion unterhaltungsweg geh weiter deinen weg ich mag bedeutungsschwangere überschriften nicht sie sind ein klischee. mond kitsch jeder hat sofort eine vorstellung, ein gedicht ist aufgegangen, die goldnen tropft bleiches licht der mann im gehst so stille ein kleiner schritt für einen alpha 1 aber ich muss nun einmal eine verbindung schaffen helmut als allegorie mond klingt unheimlich wichtig aber helmut hat das wort nun einmal ausgesprochen vor sich hingemurmelt in ihm mondet sich etwas er wird von dessen licht beschienen es hat nun keinen sinn, mit dem cursor nach oben zu fahren und mond durch geschenkgutschein zu ersetzen dem eigentlichen thema dieses augenblicks unnötig, mir weiter den kopf zu zerbrechen, sollen sich andere überlegen, ob ich einen fehler mache


Auf das Theater hatte Helmut in einer Pilsbar zwei Doppelte getrunken. Das hatte nichts mit dem Mond zu tun, dessen bleiches Rund in der kalten Nacht auf den Dachplatten der Häuser glänzte, erzeugte aber ein romantisches Gefühl. Helmut hätte jetzt gerne etwas mit einer Frau angefangen. Er brauchte einen Platz. Schließlich lief ihm langsam die Zeit davon. Er hatte es Ruth einmal so erklärt:

„Wenn ich spät nachts in einen Bus steige und der Fahrer ist für mich ein Taxi, weil er mit mir allein ist und ich auch sicher keine Kontrolleure mehr erwarten muss, dann fahre ich genau deshalb nicht schwarz. Da fehlt mir die Romantik, der Kitsch.“

Ruth hatte nur den Kopf geschüttelt. Gut, er hatte wohl ein wenig theatralisch geklungen. Aber wenn er doch nun einmal so empfand, dann hätte sie ihm wirklich eine Chance geben können, sich bemühen können, ihn zu verstehen oder wenigstens so zu tun. Schließlich war sie ja noch seine Frau. Mit dem Austausch der Ringe hatte sie ein paar Verpflichtungen übernommen. Helmut hörte ihr doch auch zu, wenn sie von ihren Diäten sprach oder ihm die Musik von Hans Werner Henze schmackhaft machen wollte, den zu mögen sie vorgab. Da konnte er doch ähnliches verlangen, oder?

Hatte er ihren Brief noch? Helmut verharrte und kramte in seinen Manteltaschen. Kurz glaubte er, das gefaltete Papier gefunden zu haben. Doch als er es herauszog, stellte er fest, dass es nur eine Reklame für einen Schnellimbiss war, die er im Zug wegen eines darauf gedruckten Getränkegutscheines mitgenommen hatte. Er versuchte, den Zettel im knappen Licht der Straßenlaterne zu lesen, um festzustellen, wo in dieser dummen Stadt ein McDonalds war. Da verschob sich das rote, speckglänzende Papier vor seinen Augen, er schwankte nach vorn. Oder schwankte der Boden?

‚Unsinn’, dachte er, ‚es ist der Schnaps.’

Helmut sah sich um. In der Nähe befand sich eine Straßenbahnhaltestelle mit einer überdachten Bank. Ein Ehepaar mit einem kleinen Mädchen, das um die beiden herum Tanzschritte übte, wartete dort. Wie spät war es denn? Helmut hatte keine Uhr um. Die lag daheim auf dem Küchentisch.

eine gefahr sah galileo ganz deutlich: wenn es himmelskörper gab die keiner kreisbahn folgten stellten sie eine bedrohung für das kopernikanische system dar zumindest aber eine nicht vorgesehene und höchst gefährliche hypothese kometen waren solche irregularitäten sie tauchten auf glühten kurz und verschwanden wieder im endlosen nichts wenn die göttliche ordnung aber keplers kreisbahn war dann war die existenz eines kometen der keine sichtbare parallaxe besaß ein beweis für des teufels einmischung nicht zuletzt daher unterstützte galilei gegen so kompetente astronomen wie brahe und grassi ohne eigene anschauung eine theorie die er von demokrit und anaxagoras übernahm er erklärte die kometen als agglomerationen von sternen

so wie helmut eine von mir ist

galilei ersann eine geniale antwort er schlug einfach vor die physische realität der kometen in abrede zu stellen es handle sich man bedenke nicht um himmelskörper sondern um lichterscheinungen wie den Regenbogen oder die reflexe des sonnenlichtes auf der meeresoberfläche bei sonnenuntergang ein blendendes schwimmendes licht ich die meteore sind also rein optisch und subjektiv ein eingebildetes simulacrum und ist achtung beweis der leuchtende streifen des kometen welcher sich in der dämmerung erstreckt und schrecken und krieg weissagen soll nicht immer auf die sonne hin ausgerichtet egal an welchem ort sich der beobachter auch befinden möge annulliert er dadurch denn nicht gerade die parallaxe

Während er sich leicht schwankend vorwärts kämpfte auf die Bank zu an der jetzt das Mädchen herumkletterte dachte Helmut an seine Mutter die im Altersheim saß und so verkalkt war, dass sie ihren Sohn nur selten erkannte Erkenntnis. Dabei ist sie erst Mitte Siebzig das ist doch heute ist das kein Alter heute wird man hundert dachte er.

Ruth amüsierte sich über die Vergesslichkeit ihrer Schwiegermutter und erzählte gerne Anekdoten darüber: Wie die, in der die Mutter einmal in ein Stück Seife gebissen habe weil sie glaubte es wäre ein Käsebrot. Helmut fand Ruth nicht herzlos, wenn sie das machte lachte er manchmal mit gerade auch bei der Vorstellung schwankend auf die Bank zu aber er hatte trotzdem das übrigens leicht verdrängbare Gefühl es war nicht richtig von ihm.

Endlich erreichte Helmut die Bank und setzte sich erleichtert. Er stöhnte lauter, als er eigentlich wollte und verschreckte dadurch das Mädchen, das sich an den Arm seines Vaters flüchtete. Helmut versuchte das Eis zu brechen anzulächeln verschmitzt kumpelhaft. Aber das Kind drückte sich nur noch ängstlicher an seinen Beschützer. Helmut wunderte sich. Er konnte gut mit Kindern umgehen verzogene Göre weinerliche

„Wieviel Uhr ist es bitte?“ fragte er. Er bekam keine Antwort. Die Mutter, eine kleine, dicke Frau, an der er nichts Anziehendes fand, bedachte ihn mit einem strafenden Blick. War es in dieser Stadt ein Verbrechen nach der Uhrzeit wo bin ich hier? Helmut hielt dem Blick stand und wiederholte fest seine Frage. Jetzt kam Leben in den Ehemann. Bieder bieder dachte Helmut aber bin ich denn anders ich rede mit dem Liebhaber meiner Frau und prügle ihn nicht durch die Wohnung.

„Es ist kurz nach zehn Uhr“, sagte der Mann mit kühler, abweisender Stimme. Gleichzeitig spähte er nach der Straßenbahn.

„Erst?“ erkundigte sich Helmut. „Ich dachte, es sei später.“

Keine Antwort nicht einmal ein Achselzucken. Ein Gespräch war nicht möglich, er hätte jetzt aufstehen und gehen müssen sein Glück an einem anderen Ort versuchen aber er saß doch so bequem wenn auch kalt und hallo Mond dort oben ich bin dir nah. Die Straßenbahn kam, quietschend rückte sie näher. Erleichtert und eilig drängte sich die Familie in den Wagen. Die Bahn ruckte wieder an, bewegte sich kreischend vorwärts. Helmuts Blick kreuzte den des Mädchens, das sich die Nase an der beschlagenen Scheibe flachdrückte, um ihn weiter zu beobachten. Helmut streckte seine Zunge heraus ob allerdings das Mädchen ihn bemerkte, wusste er nicht aber er fühlte sich besser und langsam wurde auch sein Kopf wieder klarer.

Er konnte den Mund gut sehen, er hing knapp über den Fernsehantennen. Dabei fielen ihm die Augen zu. Nach einer Weile öffnete Helmut sie wieder. Die helle Scheibe war ein Stück weitergerückt, tauchte hinter den First eines Hauses. Helmut fror. Er hatte ein wenig geschlafen und fühlte sich besser. Dieser Eindruck verschwand zwar, als er schwerfällig aufstand und schnell mir wird das muss ich mich an einem Abfalleimer festhalten, kehrte aber wieder, nachdem er ein paar Augenblicke stillstand und die kühle Luft atmete.

Er ging weiter, sah den entgegenkommenden Autos in die Scheinwerfer.

Galilei schlug also vor, den Kometen als einen Lichtreflex auf Vorgänge in der Atmosphäre anzusehen, der wie das Nordlicht über die im Schatten liegende Kuppel des Erdhorizonts hinausragt. Das ist allerdings nur eine Variante der Theorie des Aristoteles über die Meteore, also ein Rückgriff auf längst abgelegtes Denken. Wo also ist seine Häresie?

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