Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Weiter vorne auf Juels bequemem und mit Kissen ausgepolsterten Kutschbock wurde dagegen laut diskutiert. Hier saßen Adelf, Juel und Tonino, der die Zügel in einer Hand hielt, während er die andere an die Stirn gelegt hatte, um seine Augen zu beschatten. Man stritt sich. Sogar der sonst so schweigsame Diener hatte diesmal ein Wort mitzureden.

»Doofe Sonne, dummer Weg«, murmelte er. »…Dieser Weg führt nicht in den Tag, er führt direkt in die Hölle. Psah!« Er fuhr sich mit der flachen Hand über die schweißnasse Rosentätowierung auf seiner Stirn. Dann verschränkte er die Arme und starrte düster vor sich hin. Juel warf ihm einen überraschten Blick zu. So viele Worte hatte er schon lange nicht mehr von seinem Diener gehört. War Tonino verängstigt, besorgt oder vielleicht auch nur beleidigt? Er konnte es nur vermuten, denn der Mann aus dem Süden war so verschlossen und schweigsam wie ein Vorgängersarkophag. Zwar führte er jeden von Juels Wünschen und Befehlen aus, kaum hatte er sie ausgesprochen, aber offenbar missbilligte er alles, was sein Herr von ihm forderte und ganz entschieden passte ihm die Richtung nicht, in die diese Reise ging.

Adelf musterte den mürrischen Diener von der Seite und schien ihm zuzustimmen. »Nach den Monaten im feuchten und kalten Verlies kann mir die Wüste zwar gar nicht heiß und trocken genug sein und diese von den alten Göttern verfluchte Stadt auf dem kürzesten Weg zu verlassen, erscheint mir geboten«, er zögerte und blinzelte in die Sonne, an deren Helligkeit er sich nach seiner langen fensterlosen Gefangenschaft noch immer nicht gewöhnt hatte, »aber erkläre mir doch, mein Freund, warum wir uns auf unserer Flucht ausgerechnet gen Sonnenaufgang wenden und nicht versuchen, die freien Marschen zu erreichen, wo wir in Sicherheit wären. Glaubst du, die Häscher des Bişra werden uns nicht auf diesem Weg folgen, …«

»… der uns alle in den Tod führt«, wagte Tonino erneut einzuwerfen. Juel überlegte, ob es an der Zeit war, diesen kritischen Diener loszuwerden. Man musste kein Hellseher sein, um vorhersagen zu können, dass Tonino ihm in Zukunft noch Probleme bereiten würde. Er lächelte bissig und zügelte ein wenig den Trab seiner kräftigen Maultiere, damit Sirtis nicht den Anschluss verlor.

»Im Gegenteil«, antwortete er Adelf und ignorierte für dieses Mal die defätistische Anmerkung seines Dieners. »Ich glaube, der Namenlose wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um unser habhaft zu werden. Dafür wird schon das Schreiben sorgen, das ich im Thronsaal auf den Wunsch von Alis hinterlassen habe. Deshalb würde es völlig egal sein, in welche Himmelsrichtung wir flüchten. Man würde uns längst eingeholt haben, längst bevor wir an die Grenzen des Reichs gelangen. Es mag auf den ersten Blick tollkühn erscheinen, ausgerechnet in die Richtung der Ebenen des Ewigen Krieges zu fliehen, aber sie sind beträchtlich näher als alle anderen Ziele und tatsächlich unsere beste Möglichkeit, dem Zugriff der Häscher des Namenlosen zu entkommen. Es sollte uns gelingen, den Rand der Zone in vier oder fünf Tagen zu erreichen, wenn wir die Nächte ausnutzen und in den Nachmittagsstunden, wenn die Hitze über dem Sand am unerträglichsten ist, in den Schatten der Felsen ruhen. Sirtis hat genug Vorräte für uns alle besorgt. Dann müssen wir nur noch eine Transferstation finden und sie mit Hilfe von Selins Passagierkarte aktivieren.«

»Und du bist dir sicher, dass die technischen Anlagen und der Codechip noch funktionieren?«

»Da bin ich sehr zuversichtlich. Diese Techné aus der Zeit der Drei Reiche ist im Gegensatz zu der Vorgängertechné für die Ewigkeit gemacht. Ich würde mal sagen, dass gut neunzig von hundert Anlagen und natürlich auch der Codechip noch funktionieren. Das haben wir doch schon erfahren. Denke nur an die Wunder von Nigra Batur. Und die Maschinen­wesen da vorne in den Ebenen bekriegen sich nun schon seit über dreitausend Jahren, ohne zu ermüden. Ich würde gerne mal einen Golem auseinandernehmen und das Geheimnis dieser schier unerschöpflichen und eisigen Energiequelle erfahren, die diese Geräte antreibt. Ich wäre der reichste Mensch der Überlebenden Lande.« Juel, der Alis Märchen von Lakmi-âs-Sekr nicht gehört hatte, fragte sich kurz, wie diese Karte ausgerechnet in den Falkenthron gelangt war. Er seufzte. »Glaube mir, wir fahren dem Namenlosen einfach in einem URS davon und warten im hoffentlich schönen Paradis einfach gemütlich ab, bis sich die Wogen geglättet haben und Karukora seinen unvermeidlichen Krieg mit der Lamargue verloren hat. Soll „Der Unterwerfer“ doch versuchen, uns zu verfolgen. Die Golem-Armeen werden ihn wie Mühlräder das Getreide zermahlen!«

»Deine Worte in Oberones Ohren, … Juel.« Adelf schüttelte lächelnd den Kopf. »Juel. An diesen Namen werde ich mich nicht so schnell gewöhnen. Doch wahrscheinlich hast du mal wieder recht und Paradis kann auch für uns eine Zuflucht werden. Ich glaube zwar nicht, dass es der verzauberte Ort ohne Leid, Kummer und Hunger ist, von dem uns die alten Sagen berichten, aber ich gebe es gerne zu: Ich bin schon sehr gespannt, was uns dort erwarten wird. Paradis mus wie eine vollkommen vom Festland abgeschnittene Insel in einem stürmischen Meer sein und vielleicht haben ihre Bewohner mehr Wissen über die Zeiten hinweg retten können, als wir. Und ich glaube, das ist ein weiterer Grund, der dazu geführt hat, dass du Sirtis und Selin dorthin begleiten willst, oder? Neben deinem guten Herzen natürlich. Du bist in den zehn Jahren, seit usich unsere Wege getrennt haben, nicht viel weiter gekommen, oder? Du suchst noch immer?«

»Ja, aber inzwischen weiß ich, wonach – auch wenn ic noch keine Ahnung habe, wo ich es finden kann. Ich hoffe natürlich, die Antwort auf meine Frage in Paradis zu finden. Wenn sie dort nicht wartet, dann wohl nirgendwo auf dieser Welt. Dann werde ich anderswo suchen müssen.« Juels Blick glitt nachdenklich nach oben und er starrte ein paar Sekunden in den wolkenlosen, bleichen Himmel, als könne er dort oben, wo ein einsamer Raubvogel im Aufwind über den Wüstensand seine Kreise drehte, die Antwort finden. Adelf, der diese Suche für ein Hirngespinst hielt, rüttelte ihn an der Schulter und weckte ihn aus seiner Selbstversunkenheit.

»Im Himmel wirst du keinen Weg finden, sondern nur den unseren verlieren. Aber sage mir, was in der Botschaft stand, die du im Thronsaal hinterlassen hast. Er war von Alis, sagtest du, dem Großvater unseres jugendlichen Helden? Ich kann mich erinnern, wie ich dem Alten einmal auf dem Bazaar zuhörte. Er saß dort mitten in der Menge auf einem fadenscheinigen Teppich, eine von der Wüstensonne und den Lebensjahren ausgemergelte Seele – er war fast noch klappriger als ich in meinem momentanen Zustand. Aber seine Stimme trug. Sie hatte die Kraft, die Zuhörer zu fesseln. Er erzählte und ließ uns in Welten eintreten und vor unserem inneren Auge spielten sich Geschehnisse und Taten ab, als wären wir gemeinsam mit seinen Helden unterwegs. Es war nur ein belangloses Märchen, doch als er endete, war uns, als würden wir aus einem wunderbaren Mohntraum erwachen, in den wir sofort wieder zurückkehren wollten. Meinst du, er hat die Schlacht im Palast überlebt?«

Juel riss sich eher widerwillig von dem Anblick des Wüstenhimmels los und lenkte seinen Wagen, der etwas von der Straße abgekommen war und nun über Felsbrocken rumpelte, zurück in die inzwischen kaum mehr sichtbaren Fahrrillen, die der spärliche Verkehr nach Matorka in den Boden gegraben hatte. »Ich fürchte, nicht. Wenn alles nach Alis‘ Plänen verlaufen wäre, dann wäre er doch wohl an unserem vorher ausgemachten Treffpunkt aufgetaucht. Er muss noch im Speisesaal gewesen sein, als dort nach dem Tod von Raul der Kampf zwischen den Lamargern und der Treuwacht entbrannte und in ein schreckliches Massaker mündete. Soviel habe ich heute Morgen von den Flüchtlingen aus dem Palast erfahren.«

[Wird nächsten Sonntag fortgesetzt …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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4. Kapitel
Der Sonne entgegen

Auch wenn es jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden hatte: Selbst diese längste alle Nächte hatte ein Ende, auch wenn ihre Schwärze ewig zu währen schien. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen östlichen Firmament über der Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte und hob sich dann während ihrer Wanderung gemächlich über den Ufern des Südmeers empor. So, wie sie es treu und zuverlässig an jedem Tag machte, den die Allerbarmende ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte, bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehrte und allen Tagen ein brennendes Ende bereitete, würde die Sonne ihre unbarmherzige Glut weiterhin auf Karukora herabsenden.

Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und selbst dem elfenbeinernen Palast nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur 25 Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel gewechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Süden von Nearoma, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber jemals zu betreten wagten und kaum einer von ihnen wieder lebend verlassen hatte. Die Sonnenstrahlen erhellten auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken, die Gärten und Hinterhöfe der ziegelroten Häuser, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem im Armenviertel Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler teilten. Auch Karukoras Bürger hatten sich wie die Hunde in ihre Behausungen zurückgezogen, hinein in ihre Häuser und Wohnungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann hatte seinen Laden geöffent, die Bazaare waren wie leergefegt und die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab. Kein Wagen rumpelte über das Pflaster, kein Kahn fuhr den Syris hinab. Die Stadt hielt den Atem an.

Die Maratschleusen hinter der Stadt waren mit schweren Ketten gesichert und verhinderten den Schiffsverkehr auf dem Strom. Auch die die fünf großen Karawanentore in der Stadtmauer waren auf Befehl des Namenlosen am Morgen nicht geöffnet worden. Selbst die Wächter der Miliz vernachlässigten ihre Befehle und hielten sich lieber in ihren Kasernen und Türmen versteckt, als die Wehrmauern zu bewachen. Aus diesem Grund gab es trotz der Schließung der Hauptwege viele unbewachte kleine Ausgänge, die aus Karukora hinaus in die umliegenen Wüsten führten. An diesen Stellen war die Stadt wie ein lecker Eimer, aus dessen vielen kleinen Löchern ungehindert das Wasser herausfloss. Hier fand der suchende Blick der hitzigen Sonne endlich Menschen, getriebene, gejagte und verzweifelte Gruppen und Familien, die sich ihrer Wut mit Schweißperlen auf der Stirn aussetzten und nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, das sie in der Eile hatten zusammenraffen können, auf staubigen, schmalen Wegen mit allerlei Fuhrwerken und auf Tieren oder eilig zu Fuß aus der Stadt flohen. Sie alle fürchteten Verfolgung, Krieg, Elend und Hunger. Schließlich waren im Palast in der nicht enden wollenden gestrigen Nacht der Herrscher der Lamargue und seine gesamte Gefolgschaft ermordet worden. Dieses Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Gäste, die Ómers katastrophalen Gastmahl entkommen waren, verbreitet. Niemand der nun im Feuerglast der Sonne Flüchtenden wollte noch in Karukora sein, wenn Rauls Söhne oder seine Witwe Genugtuung einforderten und mit ihren Heeren die Stadt angriffen und belagerten. Die meisten von ihnen wandten sich nach Westen oder Süden, hin zu den vermeintlich sicheren großen Oasenseen und der Küste. Doch es gab auch zwei Wägen, die sich unberirrt der aufgehenden Sonne entgegen bewegten, auf einem Weg, der sich bald in der wasserlosen, steinigen Toten Wüste verlieren würde.

Der hintere war ein klappriger, mit einer Plane abgedeckter Karren, den ein unwilliger Esel zog und vor ihm mit großem Abstand ein grüngestrichener Kaufmannswagen mit zwei Mauleseln im Geschirr, wie man ihn häufig nordöstlich des Großen Walls antraf, der aber hier in der Wüste völlig fehlplaziert wirkte. Auf dem Kutschbock des zweirädrigen Karrens, einem rohen Querbrett ohne Rückenlehne, saßen nebeneinander Sirtis, Selin und Semira. Die Tochter des Märchenerzählers hielt die Zügel in den Händen und schnalzte regelmäßig mit der Zunge, um den Esel anzutreiben, damit sie mit Juels schnellerem Wagen einigermaßen Schritt halten konnte. Ab und zu sah sie lächelnd zur Seite zu den beiden jungen Leuten, die gegeneinandergelehnt schlummerten. Es war tiefer Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie nicht einmal aufschreckten, wenn die Räder über ein Schlagloch der selten befahrenen und schlechten Straße rumpelten, die eine Tagesetappe entfernt in dem elenden und winzigen Wüstenweiler Matorka endete. Allerdings erklang dann jedesmal ein schmerzvolles Aufstöhnen von hinten, wo der noch immer gefesselte und geknebelte Ómer zwischen ein paar Säcken mit Salz unter der Plane lag. Die meisten Vorräte hatten die Flüchtigen in Juels Wagen umgeladen, damit der Esel nicht zu sehr belastet wurde. Sirtis wusste nicht, warum der dicke Kaufmann und Dieb darauf bestanden hatte, den verräterischen ehemaligen Vezir auf der Flucht mitzunehmen. Sie empfand ihn als einen unnützen Klotz am Bein, dem sie am liebsten mit der scharfen Klinge ihres Küchenmessers die Kehle durchschnitten hätte, um ihn wie ein Lamm, das sie für ein Festmahl schlachtete, ausbluten zu lassen. Aber sie hatte Juel, dem Ludo sorriento, gehorcht. Wenn einer wusste, was er tat, dann wohl der legendäre Meisterdieb.

Mit ihrem Vater Alis, in dessen Rachepläne Sirtis eingeweiht war und die sie, obwohl sie ihr Misslingen befürchtete, billigte, hatte sie ursprünglich vereinbart, auf ihn und Selin vor einem der kleinen Osttore zu warten, um dann mit ihnen gemeinsam nach Paradis zu flüchten. Doch dann sah alles ganz anders aus. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte sie durch eine Nachricht von Muhar, der sie ihr durch einen Küchenjungen des Palasts überbringen ließ, erfahren, sie solle sich in der Alhaşra-Karawanserei mit dem Diener des Ludo sorriento, der auf Wunsch der Diebesgilde am Raubzug teilnahm, treffen. Selbstverständlich hatte Sirtis schon von dem Meisterdieb gehört und wusste sogar ein paar erstaunliche Märchen über ihn und seine abenteuerlichen Unternehmungen zu erzählen. Obwohl diese Geschichten sicherlich maßlos übertrieben waren, hörte man sie gerne auf den Bazaaren und Sirtis schöpfte sofort die Hoffnung, dass es mit seiner Hilfe doch gelingen konnte, zum Falkenthron vorzudringen und den „Weg, der in den Tag führt“ zu stehlen. Als Selin mit seinen vier Begleitern – Jalah hatte die Gruppe verlassen, nachdem sie endlich aus den Katakomben des Palastes herausgefunden hatten -, schließlich bei der Alhaşra-Karawanserei vor dem Ambra-Nordtor aufgetaucht war, in der Sirtis und Tonino ungeduldig auf sie gewartet hatten, hatte Sirtis sofort zu Juel Zutrauen gefasst, obwohl sie ihm noch nie zuvor begegnet war. Es hatte ihn zwar niemand gewählt, aber es stand außer Frage, dass er die Anführerschaft der Gruppe übernommen hatte und jeder auf ihn hörte. Er strahlte Entschlossenheit und Überzeugungskraft wie kein anderer in der Gruppe aus.

Inzwischen war ihr klar, dass Alis‘ kompizierter Racheplan nicht vollständig funktioniert hatte, denn er selbst hatte es ja nicht geschafft, rechtzeitig den Palast zu verlassen und an der Karawanserei zu ihr zu stoßen. Schweren Herzens hatten die beiden Wägen ohne ihn gen Paradis aufbrechen müssen, denn die Zeit lief ihnen davon und mit jedem Augenblick, den sie alten Märchenerzähler warteten, wuchs die Gefahrn von den Treuwächtern des Namenlosen gefunden und festgenommen zu werden. Ob ihr Vater sich nur verspätet hatte und noch nachkommen würde, ob er gefangen, verletzt oder gar bei der blutigen Schlacht im Palast getötet worden war, wusste Sirtis nicht, denn sie hatte keine Nachricht mehr von Muhar erreicht, aber sie befürchtete das Schlimmste. Doch es war gut, dass der Ludo überraschend beschlossen hatte, sie und Selin nach Paradis zu begleiten. Über seine Gründe sprach er nicht, aber er war sicherlich ein Gewinn für die Unternehmung. Sirtis hätte auch gerne Semira oder den Mönch gefragt, wie sie zu der Gruppe gestoßen waren und warum sie beide wild entschlossen waren, mitzukommen, war aber in der Hektik des Aufbruchs nicht dazu gekommen. Der dürre, ausgemergelte Alte hatte nur mit den Achseln gezuckt und sich aus den Waren in Juels Wagen wüstentaugliche Kleidung herausgesucht. Das hatte auch Semira getan, die ihren schmutzigen, nur noch aus Fetzen bestehenden Sarê gegen eine knielange, robuste Hose und ein weites Männerhemd getauscht hatte, die ihr einigermaßen passten.

Und nun schlief sie neben Sirtis an ihren Selin gelehnt auf dem Kutschbock und ein zufriedener und glücklicher Gesichtsausdruck erzählte von den angenehmen Träumen, die sie dabei hatte. Sirtis lächelte und schnalzte mit der Zunge.

Welch seltsame Wege ging doch die Liebe …

[Zum 2. Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einiger­maßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bä­chen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte außer ein paar Kratzern und blauen Flecken bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken und bewegungslos wie ein grauer Erdhügel auf dem Rasen. Seine Arme hingen schlaff herab und er hat­te seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Täto­wierungen fast so schwarz war, als wäre er behaart, auf der massigen, von Sa­hars Waffe durchbohrten, Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Hän­den und zog vergeblich an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, ge­lang es dem Adepten, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte der gewaltige Körper des barbarischen Kriegers zu den sterblichen Überresten von Galves nach vorne ins Gras. Für jeden, der die beiden Leichen nun nebeneinander entdecken würde, musste es aussehen, als hätten sie sich in einem ver­zweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar rei­nigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beu­ge seines Arms und warf dabei einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avríl. Der Tod schien Sahar in dieser Morgendämmerung nicht aus den Augen zu lassen; er war sein Begleiter, wohin er auch ging. Der legendäre Oberste und Geheimdienstchef der Lamargue, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Sterben noch ver­stärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er fühlte sich auch ein wenig schuldig, weil er diese sinnlose Tat, die so überraschend und flink wie ein Blitzschlag erfolgt war, nicht hatte verhindern können. Was für ein jämmerliches Ende für Mann, der über so viele Jahrzehnte hinweg die Politik der Überlebenden Lande mitgestaltet hatte!

Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Nacht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm auf heimtückische Weise ermordet worden waren und so viele Soldaten im Speisesaal ihr Leben gelassen und nicht mehr in die Heimat zurückkehren würden? Würden Raul und Ravik, die Söhne des Bären, um die Nachfolge kämpfen? Oder übernahm die Witwe Kahlja und damit der Clan ihres einflussreichen Vaters die Regentschaft? Mündete diese Nacht in einen Bürgerkrieg oder würde es gar einen Krieg mit den Fünf Städten geben, wenn herauskam, dass deren Botschafterin für das Attentat verantwortlich war? Sahar gab es nur ungern zu: Seiner Heimat Italmar würde diese Schwächung ihrer östlichen Nachbarn Nutzen bringen. Egal, was geschah: Die Lamargue könnte nicht länger das das Protektorat über die Provinz ausüben, die eigentlich altes Kernland des Kir­chenstaats, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren autark war und unter dem Schutz der Regnos von Jasir und seiner Truppen stand. Die Provinz unterhielt keine eigene Armee. Wenn sich die Soldaten der Lamargue und die wenigen Ordensritter der Friedenswacht von dort zurückzogen, um im Osten zu kämpfen, dann konnte Italmar seine alten Ansprüche wieder geltendmachen und in einem Handstreich die Provinz erobern. Da konnte auch das von wirtschaftlichen Krisen gebeutelte Wendland nur tatenlos zusehen. Ein einziger politischer Mord war geschehen und seine Auswirkungen würden die Landkarte der Überlebenden Lande komplett verändern. Sahar konnte es in der Kälte des beginnenden Morgens spüren: Ein gewaltiger Sturm zog auf und er wehte von Norden!

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waf­fe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam von Galves hinun­ter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurz­en Uniformjacke entdeckte er einen in einem Um­schlag steckenden kurzen Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und Sahar schob ihn deshalb in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vor­wurfsvoll. Deshalb schloss er sie mit sanftem Druck, während er ein eili­ges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte. Heute musste der gläubige Baruchsjünger viele Seelen auf den richtigen Weg bringen. Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin inzwischen einen wahrscheinlich unaufholbaren Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch zu erwischen, aber der Fluchtweg der Attentäterin war auch für ihn die beste Mög­lichkeit, sich unbemerkt aus dem Palast zu schlei­chen, ohne von der Treuwacht festgenommen und peinlich befragt zu wer­den. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargi­sche Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die  in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durch­gang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hat­te oder vielleicht auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Der Fluchtweg führte durch ein paar leere Stallungen und eine, hinter einer Efeuwand gut verborgene, Pforte hinaus auf die Flussseite des Elfenbeinernen Palasts, wo dessen schroff aufragende Wehrbefestigung nur durch einen schmalen Kai vom an dieser Stel­le strudelnd und eilig vorbeifließenden Marat getrennt war. Sahar sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin auf­nehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche der beiden Richtungen? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augen­blick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Korus die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmut­ziges Gesicht sandte. Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz in seiner Nase zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruchs im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an ei­ner von ihnen werden wir uns einmal wiedersehen – in diesem oder in unserem nächsten Leben.“ Darauf konnte er warten. Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wieder begegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte, die an einem weiteren Tag erzählt werden soll.(1)

Der Adept setzte sich erschöpft auf die Kaimauer. Er nahm den beim Leichnam von Galves gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern; aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hat­te, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno selbst gerichtet, hatte die­sen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte. Er legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastan­gestellten namens Irta Dabinghi während eines Staatsbesuchs entsprungen war. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno wohl nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hoch­zeit mit Dora Kahlja gezeugt wurde und deshalb in der Thronfolge vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand! Zudem stammte er von der mütterlichen Linie her von den Bingh ab, entsprang also direkt der Dynastie des ersten Namenlosen und hatte damit den Anspruch auf zwei Königsherrschaften. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Se­lin hieß, auch noch der Enkel von Alis! Der Briefschrei­ber warnte am Ende eindringlich vor einem angebli­chen Plan des alten Märchenerzählers, der die beste­hende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger ge­fährden würde. Diese Warnung war sehr unklar und verworren. Der Mönchskrieger las den Brief ein zweites Mal, dann faltete er ihn wieder behutsam und barg ihn in seiner Kleidung. Das Schreiben wog plötzlich schwer auf seiner Brust und seine Gedanken rasten.

Wenn das al­les stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konse­quenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste so­fort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Ho­hen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als die frustrierende Suche nach Botschafter Adelf und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals fin­den würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern und vielleicht ein großer Krieg verhindert werden. Sahar musste den Enkel des alten Märchenerzählers, der in seinen Armen gestorben war, finden! Seine Entscheidung hatte er getroffen. Doch nun musste er erst einmal von hier verschwinden, bevor ihn doch noch die Treuwacht aufgriff.

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(1) Siehe: Faiabas Erwachen, Buch 2 der Brautschau-Trilogie

 

[Anfang des 3. Kapitels nächsten Sonntag …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (9)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Galves warf einen Seitenblick auf Sahar. »Was hast du mir alles verschwiegen, Mönchlein? …«

»Spielt das nach allem noch eine Rolle? Betrachten wir das Ganze. Dass mir das nicht vorher klar geworden ist! Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist, Schwalbe. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt ha­ben. Und sie hat den Gesandten Adelf verschwinden lassen, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlags­plänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Adelf hatte ein ganz besonderes Gespür für Verborgenes, Intrigen und Verschwörungen; da hatte er eine Gabe. Aber ich konnte mir bis vorhin, als mir der sterbende Alis ihren Namen zuflüsterte, nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott stecken könnte. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil vom Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes, der ja nun dem Namenlosen in die Schuhe geschoben worden ist. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karu­kora sind damit wieder einmal gescheitert; wie schon so oft in der Geschichte. Es wird mit ziemlicher Si­cherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächti­gsten Widersachern und Konkurrenten des Städtebundes kommen. Diese Tat kann die Lamargue nicht unbeantwortet lassen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu ma­chen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphä­ren in den Süden und in den Westen ausdehnen können. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort ein­marschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafte­rin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerk­sam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf. »Wenn ich dem Rat des Bundes solch ein Hasardspiel vorgeschla­gen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss die Regierung am Par­lament vorbeientscheiden und eine starke Frau die Drecksarbeit erledigen.« Sie deutete vor den beiden Männern eine spöttische Verbeugung an. »Du hast meinen aufrichtigen Respekt verdient, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler und ich habe deiner Geschichte gerne gelauscht. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Etwas raschelte plötzlich im Gebüsch neben den Männern und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Zu spät erkannten sie, dass sie in eine Falle glaufen waren und Miladís scheinbare Kapitulation nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Ein Wurfmesser flog wie ein Pfeil durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner rasiermesserscharfe Klinge unterhalb seines Kinns in die Kehle von Galves, bevor dieser noch reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund und er öffnete erstaunt den Mund, aber da war es schon vorbei. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben. Er war bereits tot, bevor sein Körper erschlaffte und rückwärts auf den Rasen kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Er hob nicht einmal abwehrend seinen Arm. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat aus dem Unterholz heraus. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie be­reits ein weiteres ihrer kleinen, gefährlichen Messer wurfbereit parat, aber die Botschafterin, auf deren Wangen durch ein schmales Lächeln zwei entzückende Grübchen entstanden, winkte gleichgültig ab. Dann nickte sie ernst und fuhr fort, als wäre nichts gesche­hen: »Du hast übersehen, weißer Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“ Trotz ihres Lächelns war der Blick der schönen Frau so kalt und eisblau wie der Trudgelmir-Gletscher.

Sie pfiff ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch hervor. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der vor dem Fest bei ihrem Stahlelefanten geblieben war und sich nun gelassen zwi­schen die beiden Frauen stellte. Er flüsterte seiner Herrin et­was in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr. Der berghohe Hühne musste sich dazu herabbeugen, aber den sprachlosen Mönchskrieger, der sich nun fiebrig nach Fluchtmöglichkeiten umsah, ließ er dabei für keinen Au­genblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die altwendischen Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in seine enge Hosentasche griff.

»Kadi os’tud’AsQ? – Soll ich diesen töten?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Augenaufschlag auf Sahar, dann zuckte sie mit den Schultern. »Diese schwarzen Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wo Kot stinkt, fliegen sie herum – zuerst der allzu neugierige Aldeph und nun dieses geschmeidige Bürschlein. Erledige das, Wer‘Quer. Mit dem wirst du wohl alleine fer­tig werden. Wir treffen uns dann am vereinbarten Platz. Esnata kommt mit mir.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände böse lächelnd aneinander rieb, wandte sich Miladí ab und rannte mit ihrer Meu­chelmörderin davon. Die beiden tauchten in den Schatten der Bäume und waren verschwunden. Sahar atmete tief ein und machte sich bereit. Aber er hatte nur wenig Hoffnungen, dass sein Plan funktionieren könnte. Gegen diesen Koloss von einem Krieger hätte in einer direkten Auseinandersetzung wahrscheinlich nicht einmal der bullige Regno eine Chance gehabt. Die einzigen Vorteile, den Sahar nun noch ausspielen konnte, waren sein Einfallsreichtum und seine Geschicklichkeit. Denn der junge Mönch kämpfte nicht zum ersten Mal gegen ei­nen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Graben­bruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufi­gen Hungersnöte in ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und un­tereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, da sie voller Todesverachtung in die Schlachten zogen und jedermann sie für ein paar billige Glasperlen anheuern konnte.

»Das tu al‘Q ide bahastik! – Ich werde dich wie ein In­sekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte dann wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den klei­nen, dünnen Mönch zu, der seine Muskeln anspannte, sich aber nicht von seinem Platz bewegte.

»Vorsicht, Großer«, murmelte Sahar. »Manche Insekten können stechen!« Er wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und warf sie blitzschnell seinem übermächtigen Gegner entgegen, der nur noch zwei Schritte von ihm entfernt war. Er schleuderte dem Krieger eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchen­vortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinan­dersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegensetzen. Das hatte er in seiner Ausbildung ge­lernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft sei­ne Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar glitt in einer geschmeidigen Drehungzur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende, aber sorgfältig geschliffene und diamantharte Klinge bis zum Heft in die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an dessen Rücken wieder aus seinem Leib. Der Zusam­menstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr vollständig auswei­chen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf Sahar krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

[Zum Ende des 2. Kapitels …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (8)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Die Pupillen von Alis weiteten sich. Er blickte durch den Mönch hindurch in eine unbestimmte Ferne. Was er dort sah, blieb sein letztes Geheimnis, das er mit sich nahm. Aber ein Lächeln spielte auf seinen dünnen Lippen. Dann entspannten sich seine Gesichtszüge, Die Falten verschwanden auf der Stirn, denn der Tod hatte zwar sein Leben mit sich fortgetragen, aber seinem Antlitz die Unschuld der Jugend zurückgegeben. Sahar legte den Leichnam vorsichtig neben sich und sagte ein paar Worte in der hohen Kirchensprache von Italmar, bevor er sich aufrichtete. Er atmete seufzend ein und wandte sich mitleidig zu Muhar, der sein Gesicht in seinen Händen barg.

»Ich kenne die Art eurer Beziehung nicht und ich habe auch nicht alles verstanden, was er da erzählte, aber Alis hat dir und mir einen Auftrag erteilt, stummer Mann. Wir sollten ihn ehren, indem wir ihn ausführen.«

Muhar nickte schluchzend und kritzelte angelegentlich auf seinen Block, während seine Tränen wie ein unversiegbares Rinnsal auf das Papier tropften. Sahar nahm sein Blatt, das er abriss und ihm entgegenstreckte jedoch nicht an. Er lehnte sich über die Brüstung und suchte unten im Kampfgetümmel nach Galves, der „Schwalbe von Avríl“, dem er dringend den wahren Schuldigen am Mord am Regno mitteilen musste, dessen Namen er gerade durch den greisen Märchenerzähler erfahren hatte. Vielleicht gelang es ihnen gemeinsam, diese sinnlose, blutige Schlacht zu beenden. Denn nachdem Sahar jetzt den Namen der Assassinin kannte, war es hoffentlich noch nicht zu spät, sie einzufangen, bevor sie aus dem Palast flüchten konnte, und sie den Kämpfenden als die wahre Täterin zu präsentieren. Er entdeckte Galves unweit von der Galerie auf einem der langen Tische zwischen den exquisiten Speisen stehend, wo er in arger Bedrängnis war. Mit einem Säbel in der Hand, den er einem seiner Gegner entrissen hatte, kämpfte er mit gleichmütiger Todesverachtung und seinem berühmten Lächeln im Gesicht gegen ein halbes Dutzend Treuwächter gleichzeitig. Sie versuchten vergebens, mit ihren Piken zu ihm durchzudringen und liefen dabei ständig Gefahr, dass ihnen bei einem zu leichtsinnigen Vorstoß von ihm der Schädel gespalten wurde. Sahar nickte Muhar noch einmal zu und rannte dann die Galerie hinab, um Galves zu Hilfe zu eilen.

Der Stumme rutschte näher an den toten Alis heran; nahm seinen kahlen, kleinen und überraschend leichten Kopf in die Hände und barg ihn vorsichtig in seinem Schoß, als würde er einen Säugling hüten und ihn beschützen. Dann bewegte er seinen Oberkörper leicht nach vorne und zurück und summte rau die Melodie eines Wiegenlieds, mit dem man nicht nur in Karukora, sondern in allen Überlebenden Landen kleine Kinder zum Einschlafen brachte, auch wenn kaum mehr jemand die uralte Vorgänger-Sprache verstand, in der es verfasst war:

Philomel, with melody,
Sing in our sweet lullaby;
Lulla, lulla, lullaby; lulla, lulla, lullaby:
Never harm,
Nor spell nor charm,
Come our lovely lady nigh;
So, good-night, with lullaby.

Auf dem Zettel, den Sahar achtlos und ungelesen zu Boden hatte fallen lassen, stand:

»Alis‘ Flucht ist gelungen. Um alles weitere werde ich mich nun kümmern. Die Rache ist nicht ganz vollbracht, denn noch sind Radik und der Namenlose am Leben.«

»Wohin so eilig, Miladí da Hiver? Wolltest du wirklich schon vor dem Nachtisch aufbrechen?«

Die schöne Frau, die es sehr eilig gehabt hatte, eine hinter Geißblatt und Efeu verborgene alte Assassinen-Pforte in der Mauer des rückwärtigen Palastgartens zu erreichen, blieb stehen. Sie senkte resignierend den Kopf und ihre langen Haare verbargen kurz ihr bleiches, auf eine herrische Weise atemberaubend schönes Antlitz. Dann drehte sich die Botschafterin der Fünf Städte langsam zu Idrichson Galves und Sahar um und ein eisiger Blick aus ihren großen Augen traf die beiden wie ein Schwerthieb. Sie hatten Miladí ge­rade noch rechtzeitig eingeholt, nachdem sie glücklich dem verzweifelten Kampf der lamargischen Soldaten mit den Treuwächtern im Speisesaal entkom­men waren, der sich langsam zugunsten der karakorischen Armee entschieden hatte. Miladís Bewegungen glichen denen eines Murlons, das sich bereit macht, sich im nächsten Au­genblick auf seine Opfer zu stürzen. Hier, unter den ho­hen Weiden und zwischen den in geometrische Formen geschnittenen Büschen, war die Nacht noch dunkel und schattig. Dem Licht der großen Fa­ckeln auf den Haupt­wegen gelang es kaum, die schwarze, wie ein Netz verwobene Düster­nis kurz vor der morgendlichen Dämmerung aufzuhellen. Trotzdem sah Sahar, wie die grünen Augen der Diplomatin zornig auffunkelten. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn vor Sonnenauf­gang war die Nacht empfindlich kalt, wenn man wie sie nur einen tief ausgeschnittenen, seidenen Sarê trug. Ihren unhandlichen, langen Schal hatte sie längst auf ihrer Flucht verloren.

»Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt!«, keuchte sie und rang um Atem. Galves kam ihr einen Schritt entgegen und köpfte dabei lässig mit einer spieleri­schen Be­wegung seines eroberten Säbels eine langstielige Rose, die er auf­hob und sich unter die Nase hielt.

»Ein wenig spät für einen Spaziergang allein im Gar­ten, Gnädigste, findest du nicht? Wir würden uns gerne als deine Begleitung anbieten«, sagte er und sein von seiner Narbe in seine Gesichtszüge geschnittenes Lä­cheln verstärkte sich. Wer ihn kannte, wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste. »Wir stehen zu deiner Verfügung, Miladí Clarick da Hiver. Oder sollte ich dich besser Druşba es Sakr nennen?«

»Ich hätte gut darauf verzichten können, euch zwei Hampelmännern noch einmal zu begegnen«, gab die schöne Frau wütend zur Antwort. Auf die Anschuldigung von Galves ging sie mit keinem Wort ein. Sie hob nicht einmal eine Augenbraue, als der Name der Anführerin der Kalten Hand erwähnt wurde.

»Kein Grund, so unhöflich zu sein, Miladí. Fahre dei­ne Krallen ein. Ich hatte von dir mehr Klasse erwartet. Aber so ist das manchmal: Da blüht eine wunderschöne Rose an meinem Weg, aber sie duftet leider nicht und ihre Dornen sind spitz und giftig. Sie stinkt nach dem kotigen Untergrund, dem sie ent­sprungen ist.«

»Wenn ich dein Niveau nicht erreiche, Schwalbe von Avríl, warum gibst du dich dann weiter mit mir ab?«, erwiderte Miladí spöttisch. Die Beleidigung perlte an ihr ab wie ein Wassertropfen an einem Lotosblatt. »Gehe deines Weges, solange du es noch kannst. Für dich habe ich keinen Auftrag.«

»Dazu ist es längst zu spät.« Galves ließ die Rose acht­los fallen und nahm seine Kampfposition ein. Sahar stellte sich neben ihn und berührte ihn beschwichti­gend an der Schulter.

»Sie scheint nicht bewaffnet zu sein und wir sollten wirklich in Erfahrung bringen, welchen Grund sie hat­te, einen Anschlag auf den Regno zu verüben«, sagte er. Er wandte sich an Miladí, die die beiden nun nachdenklich von der Seite mus­terte. »Ich meine den wahren Grund, nicht diese Fehde von Alis. Ich nehme an, deine vermummte Dienerin hat den Bären vergiftet? Sie stand während des Banketts die ganze Zeit hinter dir.«

»Wen stellst du eigentlich dar, Jüngelchen?«, erwider­te die Botschafterin grob, ohne auf die Anschuldigungen einzugehen. Sie war das Gespräch nun endgültig leid. »Ein einfa­cher Märchenerzähler bist du doch nicht, oder? Bist du vielleicht der Lustknabe von Galves?«

Nun zog auch Sahar seinen schmalen, kurzen Degen, der zwar wie ein Spielzeug aussah, aber in seiner Hand eine tödliche Waffe war. Er schwang den Degen über sei­nem glatten Schädel nach vorne und deutete mit seiner gut geschliffenen Spitze auf die Frau.

»Ich stelle mich dir gerne vor. Ich heiße Sahar Roda Seliman von Italmar, weißer Adept und Eingeweihter der Gemeinschaft der leidenden Gene. Merke dir diesen Na­men gut. Er wird ab heute immer genannt, wenn der deine fällt. Ich suche im Auftrag meines Abbas nach Adelf von Südermar, dem Gesand­ten des Kirchen­staats. Er ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Ich will meinen, dass du auch an seinem Verschwinden nicht ganz unschuldig bist, Druşba

[Zum 9. Teil …]

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