»Die Frau, die der Dschungel verschluckte« für 0,99 €

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Geltsamer199

Die Frau, die der Dschungel verschluckte
»Ein phantastischer Roman«
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren
Band 1 der Trilogie in 5 Bänden
(Die Buchausgabe hat 200 Seiten)

Der Schriftsteller Nikolaus Klammer (!) entdeckt zufällig in einer geheimnisvollen Buchhandlung den Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, dessen Autor zu seiner Überraschung er selbst sein soll. Er kauft das Buch und beginnt neugierig darin zu lesen. In dem Buch ist das spannende Expeditions-Tagebuch der brasilianischen Ärztin Elena Kuiper abgedruckt, einer in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Amazonas-Dschungel verschollenen Forscherin. Die mutige Ärztin ist fern aller Zivilisation einem gefährlichen und wohl gehüteten Geheimnis auf die Spur gekommen. Das bruchstückhafte Werk, das diese ungeheuerliche Geschichte erzählt, hat angeblich ein Geistlicher des Vatikanischen Geheimarchivs der Inquisition herausgegeben.

Aber das Tagebuch der Ärztin ist erst der Anfang des Leseabenteuers, das bald in ein echtes mündet. Denn das seltsame Buch verwandelt sich jedes Mal, wenn es Klammer öffnet, in ein vollkommen anderes. Der Text darin verändert sich auf mysteriöse Weise und erzählt eine neue Geschichte.

Klammer wird in eine finstere Verschwörung von uralten und grausamen Mächten verwickelt, die sein eigenes und auch das Leben seiner Tochter Isa bedrohen. Kann ihm das seltsame Buch helfen, das Geheimnis seiner Familie zu lüften?

Der Roman ist ein wirklich spannendes, manchmal auch surreales und oft humorvolles Abenteuer (Der Alltag des Autors!) voller unvergesslicher Charaktere und erstaunlicher Ereignisse, das den Leser in die Geschichte hineinzieht und nicht mehr loslässt.

ALS EBOOK FÜR KURZE ZEIT ÜBERALL IM HANDEL FÜR NUR 99 CENT ERHÄLTLICH!

Wie angekündigt, sind im August alle E-Bookausgaben meiner Bücher im Preis reduziert.

Ich muss natürlich darauf verlinken, denn diese Rezension ist so ausführlich, schmeichelhaft und lobend, dass ich mich wie ein kleines Kind an Weihnachten freue.

Danke, Luna

Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Teil 1

Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Teil 1

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil I: Karukora – Leseprobe (2)

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In der nächsten Woche erscheint im Buchhandel der 1. Teil meines umfangreichen Romans Der Weg, der in den Tag führt. Deshalb gibt es heute noch einmal eine Leseprobe aus dem Buch, in dem der Märchenerzähler Alis alle Register zieht.

Ab dem nächsten Freitag geht es dann hier mit der Vorveröffentlichung des 2. Teils los.

Viel Vergnügen …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Prequel zur Brautschau-Saga:
Der Weg, der in den Tag führt
Teil Eins – Karukora

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer Schlacht, der nicht enden will.

Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt und gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

Und was verbirgt sich wirklich hinter dem Weg, der in den Tag führt?

 


8. Kapitel
Alis‘ Märchen von der tapferen Lakmi

»Gestern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voranzuschreiten. Dabei begegnen wir anderen Orten und anderen Menschen, die uns wichtig werden. Gestern wird eines von vielen, es ist nur ein weiteres, vom Wind verblasenes Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern, bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand unserer Tage unseren müden Leib bedeckt.

Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wun­dervolles Fest und an die Geschichten der beiden Mär­chenerzähler, die es zu etwas ganz besonderem machen, wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern. Die Füße von Waqt al’ab, dem Vater der Zeit, werden auch uns in diesem Saal unter sich zu dem feinem Staub zermahlen haben, zu dem wir alle einmal werden, wir Men­schen und auch unsere Städte und unsere Staaten, die wir so großherzig gegründet haben.

Doch manchmal tritt der Vater der Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dich­ter zusammen. Je mehr er sich anstrengt, umso stärker wird er. Manchmal, ja, manch­mal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora, das Wun­der in der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt pflanzte und in seinen Wiederge­burten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Waqt al’ab endlich seiner Wanderung müde wird. Dies wird aber erst geschehen, wenn ein gewaltiger Stern vom Himmel fällt und die Menschen in den Tränen der heiligen Mutter ertrinken.

Uns Sterbli­chen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir ge­hen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos vor­an, den Vater der Zeit als Gefährten an seiner Seite, während Karukora blüht und gedeiht und die großartigste Stadt der Überlebenden Lande ist. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gemeinsam an diesem gesegneten Ort gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!

Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Le­bensspanne im Lichte der Namenlosen zu son­nen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte ihm neben einer Tochter auch drei präch­tige Söh­ne geboren, die er durch seiner Hände Arbeit mehr schlecht als recht zu ernähren vermochte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ih­nen das weni­ge Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fin­gern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brot­suppe – die einzi­ge Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich an­schließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen müh­sam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den ver­gilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächti­gen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Au­gen glänzen ließ, die starken Arme, die ihre immer schwä­cher werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens bei­nahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zu­kunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitz­tümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle durchweg Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er fühlte, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich vielleicht nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von seiner Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete je­den von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die eine Frage beantworten kann, deren Antwort ich in keinem meiner Bücher gefunden habe. Ich möchte wissen, was das wahre Glück ist.“ Anschließend reichte er je­dem der Söhne eine der Bürsten, umarmte einen nach dem anderen und sag­te:

„Ein jeder achte gut auf seine Bürste. Wenn ihr sie am richti­gen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“
Danach schwieg Lafar und schloss die Augen. Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte denn das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und ihrer Schwester und voneinander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich durch das Tor der frohen Händler nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh-Dynastie, jener ersten und wahren Dynastie, unter deren Herr­schaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte, bis die „Bluthand“ Sefredo Sud die Stadt mit seinen Barbaren überfiel und sich selbst zum Namenlosen krönte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Frem­de, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Ge­schichte und ich will sie euch an einem anderen Tag er­zählen. Doch die Allerbarmerin war mit ihnen und nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Nor­den kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademi­en von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapel­ten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und be­staunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Fei­er des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen, wo er, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden un­terwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager auf­schlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlie­ferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die ein­zigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiö­se, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater.

Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wun­derbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem sei­ner Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon im­mer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen und ihre Herden mit mir. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde be­sitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken ei­nes edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reiten.“

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen, barbarischen Wäldern der Lamargue trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewalti­ge Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Per­gamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen ge­segneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las.

Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, le­sen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde er­füllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Le­senden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benö­tige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seiner Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Ge­schichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, bis in die zerstörten und zerklüf­teten Jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reiß­zahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lä­cheln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefah­ren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben über­fallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklim­men, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaus­sprechliche Dinge, schreckliche und schöne. Und ich be­gegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten.

Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Mo­ment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier Mutter, Schwester, meine Brüder und dich, mei­nen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“

Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor einem Jahr und einem Tag gege­ben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“

Dann umarmte er zuerst seine Mutter und dann sei­nen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und so erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, her­stellte, waren die schönsten und besten in ganz Karu­kora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald dar­auf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brü­der aus dem Süden geritten und aus dem Norden ge­laufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüsten­sonne.

Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reich­tum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen fin­det, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung in Liebe mit ihm gehen.

Auf diese Weise lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Zerstö­rer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen zwischen sie trat. Ver­herrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

[…]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil I: Karukora – Leseprobe (1)

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Das Prequel zur Brautschau-Saga:
Der Weg, der in den Tag führt
Teil Eins – Karukora

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer Schlacht, der nicht enden will.

Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt und gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

Und was verbirgt sich wirklich hinter dem Weg, der in den Tag führt?

Nachdem ich mich nun dazu entschieden habe, Mitte bis Ende Februar (der genaue Termin ist von der Dauer des Endlektorates und der Druckerei abhängig) den 1. Teil meines umfangreichen Romans Der Weg, der in den Tag führt zu veröffentlichen, macht es im Moment keinen Sinn, jetzt an dieser Stelle das 10. Kapitel, das nun das 3. Kapitel des zweiten Teiles und erst im Winter 2018 erscheinen wird, weiter zu posten. Ich werde deshalb ein wenig Werbung für das in ein paar Wochen bei allen Buchhändlern auch als günstiges E-Book erhältliche 1. Buch machen.

Deshalb gibt es am angestammten Freitagsplatz in der nächsten Zeit als Leseprobe das 1. Kapitel des Romans zu lesen, der in tausendundeiner Nacht im fernen, fernen Karukora weit, weit südlich in der Wüste spielt.

Viel Vergnügen …


1. Kapitel
Ein Morgen auf dem Bazaar

Nenne mir deinen Preis«, sagte eine spöttische Stimme. Der alte Geschichtenerzähler öffnete vorsichtig die gesenkten Lider, durch die er in sein Inneres gesehen hatte.

Ihm schien, er hätte er kurz einen Blick in das ferne, unwirkliche Land gewor­fen, das er einmal seine Heimat in der Fremde genannt hatte. Und dabei war ihm, als hätte er sogar für einen Moment den lange vermissten harzigen Duft der dunklen Wälder seiner Jugend riechen dürfen und den Geschmack ihrer würzigen Erde auf den Lippen gekostet. Doch dieses Land lag tief in den Nebeln der Vergangenheit verborgen. Keinen Pfad gab es dorthin zurück; eine Wüste und ein Leben lagen zwischen Alis und dem Ort, in dem er mit seinem Bruder und dessen Sohn für kurze Zeit Frieden und Liebe gefunden hatte, bis die Häscher des „Milde in der Sonne funkelnden Bernsteins“, des Vorvorgängers des jetzigen Namenlosen, die Flüchtigen gefunden hatten. Es war eine langweilige, längst vergessene Geschichte …

Gleißendes Licht vertrieb die Düsternis und die platzenden, pulsierenden Farbringe, die der Halbschlaf auf die Augenseite seiner Lider gemalt hatte. Der Alte bedauerte seufzend den Verlust und hob seinen Blick, der zuerst auf seine eigenen, nach oben geöffneten Hände fiel, die wie nutzlose, welke Blätter auf seine Oberschenkel gesunken waren. Dann gelangten nack­te, schmutzige Füße in sein Blickfeld. Sie standen im staubigen Kehricht direkt vor dem schäbigen, von Mot­ten zerfressenen Teppich, auf dem der Geschichtener­zähler im Schneidersitz seinen Träumen nachgegangen war.

»Nun. Nenne mir deinen Preis«, wiederholte die Stim­me. Sie klang näselnd und weit von oben herab und war jetzt eine deutliche Nuance drängender, fordern­der. Geduld schien keine der Eigenschaften des Mannes zu sein, der die Künste des Erzählers einforderte und ihn mit befehlsgewohnter Stimme aus den Traumgesicht­ern zerrte, in denen er, wenn auch nur für einen Moment, seiner Jugend wiederbegegnet war. Eben noch hatten die Ermattung und die Schwüle den Alten in einen weichen, alle Sinne dämpfenden Kokon gehüllt, doch nun erreichte ihn erneut der ohrenbetäu­bende Lärm des Wochenmarkts um ihn herum, das Geschrei der Tiere, die schmeichelnden Worte und die Streitereien der Stand­betreiber; er roch Gesottenes und Gebratenes, Fäkali­en, scharfe Gewürze und die Ausdünstungen der Ver­käufer und ihrer Kunden. All das schwängerte die be­reits am frühen Morgen in der staubigen Hitze wie ge­lierte Luft, in der nicht einmal die wenigen Schatten­plätze unter den löchrigen Sonnenbaldachinen vor den ziegelroten Häusern Erleichterung versprachen.

»Dein Preis ist meiner«, antwortete der im Dreck auf seinem Teppich sitzende alte Mann und sah auf, wischte sich mit beiden Händen den Schweiß vom Gesicht und der Glatze.

Die ei­gene, allzu heisere Stimme schien ihm fremd, als hätte er sie seit Jahren und nicht nur eine kurze Sommer­nacht nicht benutzt. Vor ihm stand ein in schäbige Lumpen gekleideter Diener, der ihm auffordernd einen Beutel mit Geldstücken entgegenstreckte. Die Worte waren nicht die seinen gewesen, wie der Erzähler so­fort bemerkte. Der Diener hatte nichts gesagt, denn er besaß keine Zunge mehr. Die Rosentätowierung auf seiner linken Wange und sein gehetztes Augenrollen sprachen jedoch für ihn. Dieser Knecht hatte einmal zu oft frech gelästert oder in Ohren geflüstert, für die die Geheimnisse seines mächtigen Herrn nicht bestimmt waren und dafür seine Strafe erhalten. Gnädig war sein Herr, wenn er nur die Zunge und nicht den Kopf nahm. Barmherzig und grausam zugleich. Ein Gott unter den Menschen; ein Raubtier unter den Lämmern.

Der Verstümmelte trat einen Schritt zur Seite und der Erzähler konnte endlich sehen, in wessen Auftrag er verlockend mit der prall gefüllten ledernen Börse wedelte. Im Rü­cken des Dieners entdeckte der Alte eine Sänfte, die von stämmigen Trägern im Gleichgewicht gehalten wurde. Ihre nackten Oberkörper glänzten vom Schweiß. Zwei Wächter folgten mit gezogenen, scharfen Schwertern der Sänfte und sahen sich misstrauisch und absichernd um. Sie trugen die grellgrünen Unifor­men der Palastsoldaten von der Treuwacht. Die mit Silber- und Goldfäden durchwirkten Vorhänge, die den Insassen vor dem Staub der Straßen und neugierigen Augen schützen sollten, waren hochgeschlagen und ge­währten einen Blick ins Innere der kostbaren Trage, deren Schatz sich aus weichen Kissen nach vorne lehn­te und den Alten scharf musterte.

»Nun. Wie darf ich das verstehen: Mein Preis sei dei­ner?«, fragte der reiche, in edle Gewänder gehüllte Mann, dessen schmaler, hohlwangiger Schädel von ei­nem grotesk großen Turban gekrönt war, auf dessen Mitte ein einzelner, grüner Edelstein funkelte, der wertvoller war als alles Geld, das der Alte je besessen hatte.

Der kleine, magere Mann schüttelte dabei leicht seinen Kopf und es sah aus, als würde gleich der vom Gewicht der Kopfbedeckung überlastete dünne Hals brechen. Der alte Geschichtenerzähler erschrak, aber er ließ sich seine Angst nicht anmerken. Selbst als ein verirrter Sonnenstrahl den großen Jade-Brillanten traf, ihn grell aufglitzern ließ und den Alten kurz blen­dete, zwinkerte er nicht einmal. Er hatte den rei­chen Herrn in der Sänfte an seinem Juwel und seiner Rede­weise erkannt: Er war niemand anderer als der zweit­mächtigste – manche sagten auch: mächtigste – Mann Karukoras, der gewaltigen alten Stadt in der Wüste. Es war der Vezir Ómer Sud in Person! Trotz seiner lächerlic­hen Erscheinung stand die Aura seiner Macht wie eine Armee um ihn herum und verschaffte ihm in dem mor­gendlichen Gedränge des Bazaars Platz. Die allerbar­mende, tränenreiche Mutter Maraia halte ihre schüt­zenden Hände über ihn und vor allem über jene, die sein Missfallen erregen sollten! Der edle Herr Ómer Sud war in Personalunion der Vezir, der General der Treuwacht und dazu der Schwiegervater des Bişra von Karukora, des die Sonne blendenden Sterns des Südens, des Zermalmers der Barbaren, der sich selbst der „Unterwerfer“ nannte. Er war Auge, Hand und Stimme des Namenlosen Herrschers in der mächtigs­ten Stadt der Überlebenden Lande. Er war sein schar­fes Richtschwert und sein Prophet; seine Rachsucht, sein Ehrgeiz und auch sein Reichtum waren legendär. Selten verließ Ómer den weißen Elfenbeinpalast auf der sanften Hügelkuppe am Strom Marat, noch seltener besuchte er die engen, von Hitzeschlieren und schlechten Gerüchen durchwebten Gassen der Alt­stadt von Karus, nie ihre Marktplätze und die stinkenden Winkel der Armenviertel.

Und doch hatte er sich von seinen Trägern an diesem Morgen hierher bringen lassen, mitten in das zerfallen­de und übel beleumdete Viertel Hamdala, wo Krätze, Aussatz, Hunger und Elend zu Hause waren, wo der übelste Abschaum von Karukora seine dunklen Ge­schäfte machte, die Meister der Diebesgilde mächtiger als Ómers Geheimpolizei und der Raubvogel des Todes in jeder Nacht seine üppige Beute riss. Was hatte ihn nur bewogen, ausgerechnet hier seine Sänfte absetzen zu lassen und ein Gespräch mit einem verlausten, al­ten Märchenerzähler zu beginnen? Bereute er bereits seine Entscheidung? Die Miene des Vezirs wurde düs­terer und ungeduldiger, während er auf eine Antwort des Alten wartete. Dieser neigte seinen Oberkörper tief hinab und berührte mit dem Kopf seine Hände, die noch immer auf den mageren Oberschenkeln ruhten.

»Oh, Ómer Sud, mögen dich die Engel der Allbarm­herzigen salben und dein Wein aus den Trauben von Pardais gekeltert sein«, begann der Erzähler mit ruhi­ger Stimme, »wenn du zufrieden mit meiner Geschichte sein wirst, so wirst du mich mit einem Preis belohnen, der deiner würdig ist, du Erster unter den Ersten des „Unterwerfers“, vor dem die Welt erzittert. Sollte ich jedoch dein Missfallen erregen, dann schicke mich ohne Entlohnung fort. Dein edles Antlitz nicht mehr sehen zu können und keine Freude aus dem süßen Nektar deiner Nähe atmen zu dürfen, wäre eine Strafe, die schrecklicher nicht sein könnte. Der kurze Rest meines unbedeutenden Lebens wäre nur noch ein sonnenloses Tal der Tränen und des Jammers.«

»Nun. So wirst du also reich entlohnt oder mich los, du Gauner.«

Ómer lächelte. Doch es war nur sein schmaler, wie von einer Rasierklinge in sein Gesicht geschnittener Mund, dessen Winkel sich um ein Gran emporschoben. Seine Augen blieben eisig und streng, funkelten im Wettstreit mit dem Brillanten in seinem Turban. Es war die Freude eines Daimons, die Fratze eines Unge­heuers, das Schnurren eines Murlans, bevor sie ihre Opfer schlagen. Dem Alten, der mit einem Augenauf­schlag verstohlen die Wirkung seiner Worte kontrol­lierte, war, als würde dieser Blick sein Herz pa­cken, es aus dem eingefallenen Brustkorb reißen und begierig beschnüffeln. Er fror trotz der stickigen Hitze, die wie ein dickes Wolltuch über dem Marktplatz lag und ver­suchte, sich noch kleiner in seiner unbequemen Lage zu machen.

»Wie ist dein Name?«, fragte der Vezir, während seine Gesichtszüge wieder starr und maskenhaft wurden. Der Alte richtete sich ein wenig auf.

»Nenne mich Alis, den Geschichtenerzähler, mein Herr. Deine Gnade ist der Honigbalsam, der mein Alter versüßt«, erwiderte er vorsichtig und sah sich um, als würde er nach einem Fluchtweg suchen. »So heißen mich alle. Großväterchen Alis.«

»Nun, Alis Dabinghi, der du bei anderer Gelegenheit kühn be­hauptet hast, dem längst ausgetrockneten Fluss der Bingh zu entspringen: Das war nicht die vollständige Antwort auf meine Frage, aber sie soll mir für heute genügen.« Ómers Blick war wie ein scharfes Messer, das er auf den vor ihm im Staub kauernden Alten warf.

»Auch wenn du, der du doch von deinen Wor­ten lebst, auf mich einen recht einsilbigen Eindruck machst, wenn es um dich selbst geht, so scheint mir dies nicht die schlechteste Eigen­schaft zu sein, die ein Mann besitzen kann. Wie dir si­cherlich bekannt ist, war mein eigener Märchenerzäh­ler Muhar nicht ganz so klug wie du … nun, sagen wir einmal, er ist seit längerer Zeit ein wenig unpässlich.«

Ómer warf einen Blick auf seinen stummen Diener und zwinkerte Alis verschwörerisch zu. Er ließ seine Worte wirken, bevor er fortfuhr:

»Nun. Ich richte heute Nacht ein intimes Abendmahl aus und benötige dazu einen Geschichtenerzähler, der meine Gäste zwischen den Gängen unterhält. Die Zun­gen meiner Nachtigallen zwitscherten, ich würde aus­gerechnet in diesem Dreckloch Hamdala fündig werden, in dem ich eigentlich nur Pestilenz und Lues zu finden glaub­te. Sie berichteten mir, du, Alis Dabinghi, wärest der beste Märchenwirker des Südens. Seit du an dieser Stelle deinen Erzählerteppich ausgebreitet hast, würde sich dieser Marktplatz an jedem Abend der Woche mit Bürgern und Bediensteten aus allen Vierteln der Stadt und den Reisenden aus den Karawansereien füllen. Atemlos und aneinander gedrängt würden alle deinen Geschichten lauschen und wünschen, sie möchten nie ein Ende finden. Ihr Schweiß fiele wie Regen zwischen ihnen zu Boden, so dicht stünden sie, während sie wie Fische auf dem Trockenen nach deinen Worten schnappen. Ich wollte nicht glauben, hier im Kehricht eine Perle zu finden und bin gekommen, mich von dir überzeugen zu lassen. Nun. Es ist dir noch nicht gelungen. Doch ich will es mit dir wagen. Dein Glück ist, dass ich keine Wahl habe, denn deine Kunst ist eine aussterbende. Nun. Vielleicht ist das aber auch dein Pech. Manchmal ist es eine Strafe, der Beste zu sein, Großväterchen. Komme in der Stunde der Dämmerung zum Dienstboteneinlass des elfenbeinernen Palastes. Mein Muhar wird dich einlas­sen und zu mir geleiten. Dort wirst du meine Wünsche erfahren.«

»Edler Vezir, dein Name erschallt bei den Glückseligen in den Bergen, den Wüsten und auf dem Meer. Es gibt keinen, der Ómer nicht lob­preist, nicht Ómer beim Einschlafen auf den Lippen führt und beim Erwachen nicht Ómer bejubelt. Mein Herr, deine Gnade ist ein sprudelnder Quell in der Dürre, ein Labsal für mich Verdurstenden.«

Der Vezir nickte ungeduldig und wieder sah es so aus, als würde in jedem Moment sein kahler Kopf mitsamt dem Turban abknicken und wie ein Ball über die Stra­ße rollen. Zwar wusste er die altväterlichen Lobeshym­nen von Alis zu schätzen, die ein unverzichtbarer Be­standteil der guten Sitten und der Hofriten waren, je­doch warteten auf ihn dringende Termine in seiner Be­hörde. Er hob die Hand, aber Alis war noch nicht fer­tig:

»Herr, es liegt mir fern, dich zu belästigen …«

»Nun. Was ist denn noch?«, unterbrach ihn Ómer. Er war der Vezir, es war sein Privileg, unhöflich zu sein.

»Meine Beine sind alt und schwach, mein gnadenrei­cher Herr«, sagte der Geschichtenerzähler und wollte erneut einen längeren Sermon auf Ómer Sud und sei­nen Charakter anstimmen. Doch er bemerkte noch rechtzeitig, wie dessen Augen wieder schmaler wur­den.

»Deshalb habe ich eine geringe und unbedeutende Bitte, die du mir in deiner grenzenlosen Güte nicht abschlagen wirst, denn du bist ja ein Quell der Barmherzigkeit, an dessen Feuer sich ganz Karukora erwärmt. Darf mich mein guter Enkel Selin heute Abend begleiten? Er ist ein braver, fleißiger Junge und nimmt im Herbst an den großen Prüfungen teil. Sein Arm ist die Stütze meines Alters; er ist mein Augenlicht und mein Gedächtnis. Er wird mich zum Palast und wieder zurück in die Gosse brin­gen.«

»Nun. So soll es sein.«

Ómer Sud klatschte einmal in die Hände und schloss die Vorhänge. Die Träger hoben die Sänfte an und setz­ten sich gehorsam in Bewegung. Die Palastwachen bahnten ihnen grob ein Weg zwischen den Marktstän­den hindurch, an denen sich die Menschen drängten. Doch jedermann erkannte die Sänfte des mächtigen Mannes und wich eilig zur Seite oder kauer­te sich ängstlich in den Schmutz. Es dauerte lange, bis sich der Staub gelegt hatte und der Alltag auf den Platz zurückkehren konnte.

Der Erzähler runzelte die Stirn. Dann begegnete er dem Blick des schäbig bekleideten Dieners von Ómer, der noch immer neben seinem Teppich stand und die Börse wog. Die beiden lächelten sich verschwörerisch zu.

»Das hat geklappt, wie wir es wollten, Muhar«, stellte Großväterchen Alis zufrieden fest.

»Der erste Schritt auf unserem Weg wurde getan.«

[In der nächsten Woche folgt noch eine Leseprobe]