»Stromausfall« für 0,99 €

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strom99

Stromausfall
Erzählungen
4 Erzählungen, illustriert
(Die Buchausgabe hat 250 Seiten)


»Ich nenne sie nicht Marga; nur wenn Ich böse auf sie bin, sage Ich: Das hättest du wissen müssen, Marga, oder: Marga, was bist du heute dumm. Sonst sage Ich ›ich‹ zu Marga.« Ein 16jähriges Mädchen wird kritisch von seinem Über-Ich beobachtet, der Kinderwunsch eines Paares nimmt eine groteske Wende, ein alter Mann hat den Weltuntergang überlebt, Schlaflosigkeit und Gerüchte quälen eine fiebernde Stadt. Die vier in diesem Auswahlband versammelten Erzählungen von Nikolaus Klammer sind provokant und literarisch anspruchsvoll. Sie laden zum Nachdenken und Innehalten ein und sind für jeden, der sich auf sie einlässt, eine Bereicherung.

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»Ich habe heute die Erzählung „Stromausfall“ in einem Zug gelesen. Und dies mit Begeisterung. Man ist ja heute ziemlich entwöhnt von Klammers hoher sprachlicher Qualität und seinen längeren Texten, die Aufmerksamkeit erfordern. Die Komposition, die Lakonie, der wirklich neue Erzähler und das Mädchen Marga – alles großartig! Schwangerschaft macht einsam – auch vor der besten Freundin, die während dieser Initiation völlig außen vor bleiben muss in ihrer spielerisch aufregenden, verschwitzten, sexualisierten Jugendwelt. Die ganze Welt ist nicht mehr die gleiche, man sucht neue Gefährten, die der Gefahr standhalten. Man findet sie nicht. Man wird titanisch mit dem erstbesten Ding, das man in die Hand bekommt (Säge), dem Erstbesten aus der neuen Welt (Soldat). Erst wenn man den „Stromausfall“ erreicht hat, die gnadenlose Erwachsenenwelt betreten, sich bewiesen, dass man es kann, erst dann erlaubt man sich auch wieder die Regression ins eigene Kind. Man kann endlich zwischen den beiden Welten hin- und hergehen, je nachdem, wie stark man gerade ist. Und man trägt die Stärke der einen in die andere und umgekehrt. das ist die erwachsene Lebensform. Sehr sensibel hat Nikolaus Klammer hierfür Worte, Bilder und Struktur gefunden. Großartige Literatur und eine unbedingte Leseempfehlung.« (5 Sterne)

16.03.21 – „Stromausfall“ – Eine Reise in alte und neue Welten

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Dienstag, 16.03.21

Liebe Leserin,

hast du schon dein Exemplar von „Stromausfall“ erworben? Das Buch gibt es ja seit letzter Woche überall im Buchhandel als illustriertes Taschenbuch und als E-Book. Und es ist schön geworden. Für das Cover, für das ich ein Ölgemälde meines alten Freundes Bernd Wurzer verwendete, und für die Illustrationen, bei denen ich eigene Fotos am Computer überarbeitet habe, bekam ich viel Anerkennung. Kritiken zu den Texten sind noch nicht erschienen. Vor einigen Jahren hat eine anonyme Internetbekanntschaft über die Titelgeschichte folgendes geschrieben:

»Ich habe heute die Erzählung „Stromausfall“ in einem Zug gelesen. Und dies mit Begeisterung. Man ist ja heute ziemlich entwöhnt von Klammers hoher sprachlicher Qualität und seinen längeren Texten, die Aufmerksamkeit erfordern. Die Komposition, die Lakonie, der wirklich neue Erzähler und das Mädchen Marga – alles großartig! Schwangerschaft macht einsam – auch vor der besten Freundin, die während dieser Initiation völlig außen vor bleiben muss in ihrer spielerisch aufregenden, verschwitzten, sexualisierten Jugendwelt. Die ganze Welt ist nicht mehr die gleiche, man sucht neue Gefährten, die der Gefahr standhalten. Man findet sie nicht. Man wird titanisch mit dem erstbesten Ding, das man in die Hand bekommt (Säge), dem Erstbesten aus der neuen Welt (Soldat). Erst wenn man den „Stromausfall“ erreicht hat, die gnadenlose Erwachsenenwelt betreten, sich bewiesen, dass man es kann, erst dann erlaubt man sich auch wieder die Regression ins eigene Kind. Man kann endlich zwischen den beiden Welten hin- und hergehen, je nachdem, wie stark man gerade ist. Und man trägt die Stärke der einen in die andere und umgekehrt. das ist die erwachsene Lebensform. Sehr sensibel hat Nikolaus Klammer hierfür Worte, Bilder und Struktur gefunden. Großartige Literatur und eine unbedingte Leseempfehlung.«

Was? Du hast „Stromausfall“ noch nicht gekauft? Ganz ehrlich – das habe ich mir schon gedacht.(2) Meine Letztveröffentlichung, der Roman „Aber ein Traum“, wurde in den 5 Monaten seit seinem Erscheinen insgesamt einmal als Taschenbuch und sechsmal als E-Book verkauft – es gab keine Rückmeldungen, keine Rezensionen oder Kritiken. Warum sollte es mir mit „Stromausfall“ oder irgendeinem anderen meiner Bücher anders ergehen? Ich habe es ja in der letzten Woche schon gesagt: Der Hauptgrund, aus dem ich meine Bücher selfpublishe, ist der, dass ich möchte, dass sie in gebundenen Ausgaben in meinem Bücherschrank stehen. Durch meine Einkünfte in meinen Brotberuf kann mich mir inzwischen solche Extravaganzen leisten. Und da steht Stromausfall nun und ich finde, es sieht gut aus – ein weiteres meiner literarischen Kinder, auf das ich stolz bin.
 
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(1) Ich habe vor einigen Jahren die Arbeit an diesem Zyklus eingestellt, da ich inzwischen andere Literatur schreibe. „Jahrmarkt in der Stadt“ ist Teil meiner ersten Schaffensphase im Alter zwischen 20 und 35 und für mich weitgehend abgeschlossen. Das Augsburg und die Menschen, die ich darin beschrieben habe, gibt es nicht mehr. Außer den oben erwähnten Werken, die ich alle in den letzten Jahren im Eigenverlag veröffentlichte und die überall im Buchhandel erhältlich sind, existieren noch der bislang unveröffentlichte, zum Zyklus dazugehörige Kriminalroman Ein goldenes Kalb und etliche längere und kürzere Bruchstücke von Erzählungen und Romanen. Ob auf diese jemals das Auge einer Leserschaft fallen wird oder sie erst in meinem Nachlass auftauchen werden, steht noch in den Sternen.
(2) Falls du „Stromausfall“ doch möchtest: Du kannst das Buch auch über mich beziehen. Schreibe mir einfach über klammer@email.de. Du müsstest dann zwar zusätzlich das Porto bezahlen, aber ich lege dir eine Kunstpostkarte vom Titelbild bei und selbstverständlich schreibe ich dir eine persönliche Widmung hinein. Wobei, es ist ziemlich schwer, diese unbequemen Geschichten jemandem zu widmen. Deshalb habe ich im Buch auf der letzten Seite folgendes geschrieben:

09.03.21 – Stromausfall, Cevennen und Grammatik

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Dienstag, 09.03.21

Liebe Leserin,

ich habe es wieder getan. Erneut habe ich als Selfpublisher mit „Stromausfall“ ein Buch veröffentlicht, das du seit gestern überall im Online-Buchhandel erwerben oder beim Buchhändler deines Vertrauens bestellen kannst. Es ist mittlerweile mein 14. Buch, seit ich im März 2017 damit begonnen habe, meine Werke auf diese Weise unter die Menschheit zu bringen. 

Ich komme dabei fleißiger rüber, als ich bin. In einem Schriftstellerleben wie dem meinen, das ich nun ja schon über 40 Jahre lang führe, sammelt sich doch einiges in der Schublade an. Ich habe zum Beispiel noch zwei komplette Kriminalromane, einen SF-Roman und einiges Halbfertiges im Materiallager herumliegen, dazu kommen Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays – sogar Lyrik. (1) Diese Texte müssen nur überarbeitet, geglättet, ergänzt oder beendet werden. Zusammen mit den neuen Texten, die gerade entstehen, werde ich noch einige Zeit damit weitermachen können, 2 oder sogar 3 Bücher im Jahr zu veröffentlichen.

Die vier Erzählungen in „Stromausfall“, die ich gerade veröffentlicht habe, sind alle aus den frühen 90ern und eine sogar aus den 80ern, also gut abgelagerter und alter Käse, den ich nur ein wenig entstaubt und im Fall von „Eine andere Art der Liebe“ erweitert und umgeschrieben habe.

Meine buntgemischte Bücherreihe im Eigenverlag gebe ich auch zu meinem Privatvergnügen heraus, um meine eigenen Werke in akzeptablen Ausgaben ins Bücherregal stellen zu können. Ich werde dadurch weder als Autor bekannter, noch kann ich mit den Taschenbüchern und E-Books Geld verdienen. Aber ich gebe zu, dass ich manchmal manische Schreibphasen habe, in denen ich gut vorankomme. Bis zum nächsten Buch, dem 4. Geltsamerband, wird jeodoch noch ein halbes Jahr vergehen; da bin ich mittendrin und die Protagonisten bereiten mir gerade ein paar Widerstände. Ich rechne mit seiner nächsten Veröffentlichung frühstens Ende des Sommers. „Mánis Fall“ – der Prolog-Roman zu meiner Fantasy-Reihe „Brautschau“  – wird noch ein paar Monate länger brauchen, bis ich ihn wahrscheinlich um Weihnachten herum freigebe. Die ersten 90 Seiten kannst du auf brautschau.blog lesen. Jede Woche kommen noch einmal 10 Seiten hinzu.

Eine Protagonistin der Erzählung „Eine andere Art der Liebe“, mit der „Stromausfall“ beginnt, ist Clara Szczeszny. Sie ist in der Erzählung, die Anfang der 90er Jahre spielt, eine noch junge Augsburger Autorin, die kurz vor dem Durchbruch steht. Da ich gerade an solchen Spielereien Spaß habe, zeige zeige ich dir mal das Cover ihres Erstlingsroamans, der in der Geschichte mehrmals erwähnt wird. Du siehst mal wieder, dass ich von meinen Figuren wesentlich mehr weiß, als dann in der Geschichte über sie erzählt wird. Wer meine Romane aus der „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe gelesen hat, kennt Clara übrigens auch aus den zeitlich später angesiedelten Romanen „Nutzlose Menschen“ und „Die Wahrheit über Jürgen“ (beide als Paperback oder E-Book erhältlich), in denen sie eine wichtige Figur ist. Inzwischen ist sie eine arrivierte Augsburger Autorin und ihr „Lavendelbett“ wurde gerade verfilmt.

Zugleich ist dieses Cover ein weiterer Beitrag zu meiner neuen „Galerie von „Imaginierten Buchtiteln“. Und noch ein Insider für die Fans meiner Geltsamerreihe: Clara Szczesny veröffentlicht im Welkenbaum-Verlag. Hier noch ein Ausschnitt aus „Eine andere Art der Liebe“:
»Für viele bin ich die Eloise du Bracque aus dem ›Lavendelbett‹. Du glaubst gar nicht, wie oft ich danach gefragt werde, ob der Roman auf eigenen Erfahrungen beruht.« – »Und? Tut er das?«, fragte Gitta und verzog maliziös die Mundwinkel. Sie selbst hätte ihr Lächeln niemals maliziös genannt – sie hatte nicht einmal eine genaue Vorstellung davon, was das Wort eigentlich bedeutete – aber Clara kam dieses Adjektiv sofort in den Sinn. Auch wenn sie sich lieber einen Finger abgeschnitten hätte, bevor sie es in einem ihrer eigenen Texte zu verwendet hätte. Sie gehörte nicht zu den Autorinnen, die angeberisch ein Fremdwort benutzten, wenn es auch passende deutsche Formulierungen dafür gab.
»Du fragst mich allen Ernstes, ob ich meinen schwindsüchtigen Ehegatten mit einem muskulösen, cevennischen Bauernsohn betrogen habe?« – »Und? Tust du das?«

 

Der gestrige Abend fand mich bei meiner Lieblingsbeschäftigung: Ich saß in meinem Lesesessel, begann ein neues Buch und nippte an einem Glas Weißwein. Die Katze hatte es sich auf meinem Schoß gemütlich gemacht. Der Roman, den ich begonnen habe, war „Sprich mit mir“ von T. C. Boyle. Das ist ein Autor, den ich sehr schätze, obwohl seine Bücher in letzter Zeit etwas nachlassen. Aber „Die Frauen“ ist einer der besten Romane, die ich je gelesen habe. Leider kam ich bei „Sprich mit mir“ nur bis zur Seite 33, als mir der Text eine heftige Ohrfeige verpasste, die mich dazu bewog, das Buch wütend in die Ecke zu schmeißen und den Fernseher einzuschalten (2). Nachdem kurz vorher schon „Worte“ und Wörter“ verwechselt worden waren, tauchte eine geballte Ladung an gravierenden Grammatikfehlern auf, die mir den Spaß verdorben haben. Ich weiß, dass Boyle nichts dafür kann und ich kann auch normalerweise gut mit Druckfehlern leben. Die tauchen schließlich in jedem Buch auf – selbstverständlich auch in meinen eigenen. Aber das hier ist nur Schlamperei vom Hanser-Verlag, der offenbar kein Lektorat mehr beschäftigt. Der Übersetzer jedenfalls ist mies oder hat – wahrscheinlich schlecht bezahlt und unter Zeitdruck – extrem schlampig und oberflächlich gearbeitet. Gefühlt taucht zum Beispiel in jedem dritten Satz eine mehr oder weniger missglückte „dass“-Nebensatzkonstruktion auf, die ein typischer Anfängerfehler ist und die ein erfahrener Schriftsteller wie der Teufel das Weihwasser meidet. Ich werde wohl ein anderes Buch lesen müssen – schade.

Geht dir das auch so? Oder bin ich der einzige, dessen innerer Monk solche Grammatikfehler nicht ertragen kann und sie – obwohl ich kein Deutschlehrer bin – am liebsten im Buch rot markieren würde?

Grüße, Nikolaus

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(1) Keine Sorge, die werde ich schön brav für mich behalten.

(2) „Magnus“ in der ARD-Mediathek. Unbedingt anschauen! Skurriler geht es kaum mehr.

Stromausfall – kurz vorgestellt

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Mitte März wird mein neues Buch „Stromausfall“ erscheinen.

In dem neuen Band habe ich vier meiner Erzählungen versammelt, von denen die ersten zwei, nämlich die Titelgeschichte „Stromausfall“ und „Eine anderere Art der Liebe“, zu meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus gehören. Auch die beiden anderen, „Tradition“ und „crisis“, die wahrscheinlich die schwerste literarische Kost sind, die ich je meinen Lesern zugemutet habe, gehören ebenfalls zu meiner ersten ernsthaften Schaffensperiode, die ungefähr die Zeit zwischen meinem 20. und meinem 35. Lebensjahr umfasste. Damals habe ich auch vergeblich versucht, mit meiner Literatur einen Verlag oder ein Publikum zu finden.

Anfang der 90er Jahre legte ich dann für fünfzehn lange Jahre meinen Stift zur Seite. Ich kümmerte mich um den Broterwerb und um meine Familie. Erst nachdem die Söhne Nr. 1 und Nr. 2 aus dem Haus und unser Lebensunterhalt gesichert waren, habe ich wieder intensiv mit dem Schreiben begonnen. Der Beginn fällt in etwa mit meinem 50. Lebensjahr und der Eröffnung dieses Blogs zusammen. Das erste Werk, an dem ich arbeitete, war der Roman „Aber ein Traum“.

Wie auch bei meiner Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“, an dessen Design sich „Stromausfall“ orientiert, habe ich ein paar selbstgestaltete Illustrationen erstellt, die im Buch aus Kostengründen leider nur in schwarzweiß abgebildet sein werden. Es sind eigene Fotos, die ich am PC überarbeitet habe. Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden, auch wenn sie mir farbig besser gefallen.

Und nun hoffe ich natürlich, dass dieses Buch nicht das Schicksal der anderen ereilt und bei euch nur wenig Interesse weckt. Das haben diese Geschichten, die zum Besten gehören, was ich je geschrieben habe, nicht verdient.

Stromausfall – Erzählung (Leseprobe)

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STROMAUSFALL

A: Ein Geflecht

Marga

Ich nenne sie nicht Marga; nur wenn Ich böse auf sie bin, sage Ich: Das hättest du wissen müssen, Marga, oder: Marga, was bist du heute dumm. Sonst sage Ich ich zu Marga.

Marga und Ich darf man nicht verwechseln. Beide Wörter sind Namen für die gleiche Person. Trotzdem: Marga und Ich sind in konstruktivistischem Sinne Prädikatoren, die die dieselbe Person meinen, aber in Wahrheit nicht bedeuten. Beider Sinnebenen sind sich ähnlich. Sie gleichen sich oft. Aber sie besitzen nur eine Schnittmenge, denn beide tragen einen Bereich in sich, der von dem anderen in absoluter Weise unterschieden und unterscheidbar ist. Im Text wird von Marga die Rede sein. Ich werde nur in den ergänzenden Anmerkungen erscheinen. Daher genügt es, allein Marga zu definieren. Das ist gut so. Denn Ich ist von mir nicht zu erfassen, da Ich ein Teil von Ich bin und Ich dessen Ränder, falls solche existieren, durch die Grenzen meines Horizontes nicht abschätzen kann. Die Person Ich tendiert ge­gen unendlich und ist in einer Definition nicht zu umreißen, denn man kann Unendliches nicht mit endlichen Begriffen umzäunen.

Anders Marga: Sie ist ein fest definierter Teil eines klar erfassbaren Umfeldes. Sie ist, völlig im Gegen­satz zu mir, Element eines Geflechts und kann durch ihre Beziehungen zu anderen Elementen be­schrieben werden. Das soziale Geflecht, in dem sich Marga bewegt, ist in der Beziehungsstruktur ihrer Elemen­te starr determiniert, nach den nur mündlich fixier­ten Gesetzen der Dorfgemeinschaft, welches ihrer Teile was tun darf und was nicht. Die letztent­scheidende Instanz ist die Haushälterin des Pfar­rers, ihr müssen sich sogar der Geistliche selbst und Gott beugen. Die Bestimmung des Geflechts muss im Ungewissen bleiben. Marga ist Tochter und Schwester. Sie besucht das naturwissenschaftliche-technologische Gymnasium im nächstgrößeren Ort. Das ist die Kreisstadt Sonthofen. Ihr Dialekt ist der ihrer Eltern. Es ist eine südliche, gebir­gige Sprachform, schwer und breit; weit vom Hochdeutschen entfernt und voller spezieller Wortschöpfungen, die bereits in Kempten schon nicht mehr verstanden werden. Dieser Dialekt ist längst durch den massiven Angriff des flachdeut­schen Ausflug­tourismus in einem verlustreichen Rü­ckzug begrif­fen. Marga ist sechzehn Jahre alt. Dabei hat sie nie in den Jahren gelebt, nicht einmal in den Tagen. Sie lebt ausschließlich in Augenblicken, in vergänglichen, aber bewussten Momenten. Manchmal denke Ich, es wäre klüger, Alter nach diesen Momenten zu zählen. Dies würde im Vergleich erfahrbar machen, wie viel jemand tatsächlich gelebt hat.

Die Beziehungen (geordnet nach ihrer augenblicklichen Bedeutung)

(1) Eine Freundin, mit der sie sich mehrmals in der Woche in der Schule und auch in ihrer Freizeit trifft, wird von ihr „Hanni“ genannt. Allein der Name genügt fürs Erste.

(2) Margas nächste, also zweitbedeutende Bezie­hung nennt sie „Schorsch“. Er ist im Frühjahr neunzehn geworden. Hier habe ich bereits das Dilemma: Bedeutet diese um den Wert Drei höhere Zahl, dass Schorsch älter, gar erfahrener ist? Mir scheint, wenn Ich Leben nach den oben erwähnten Augenblicken rechne, dann ist Marga älter und erwachsener als ihr Freund. Schorsch lernt beim Dorfschnitzer das edle Handwerk, aus rohen Holzblöcken Devotionalien und weltliche Bildwerke zu schaffen. Das ist durch den boomenden Tourismus in den Hörnerdörfern ein zukunftsicherer und angesehener Beruf. Schorsch betrachtet sich als arm, da ihn sein Lehrherr, wie er denkt, arg kurzhält. Was sind 270 DM im Monat, wenn man ein Motorrad besitzt? Marga und Schorsch sehen sich regelmäßig einmal in der Woche am Samstag.

(3) Margas als streng aber gerecht bekannte und von vielen gefürchtete Deutschlehrerin, von ihren Schülerinnen Frau Hinrich, oder, nach ihrer Art, sie anzuspre­chen, weniger respektvoll „Mädeles“ genannt, ist die Beziehung von ihr, die aus dem Rahmen des zu Er­wartenden fällt. (Was man eben landläufig „erwar­tet“ oder unter „Erwartung“ zu verstehen hat. Ich weiß, ich mache es mir hier etwas zu einfach. Wür­de Ich aber an dieser Stelle näher auf den Begriff einge­hen, würde meine Anmerkung zu gewichtig ausfal­len.) Regelmäßig zweimal im Monat, an dafür festgeleg­ten Tagen, besucht Marga mit Hanna und anderen Mädchen Frau Hinrich in deren Wohnung, man trinkt Tee und redet angeregt über Literatur und deren ge­sellschaftliche Aspekte.

Die Beziehungen (1), (2) und (3) sind

(4) den Eltern von Marga kein Dorn im Auge. Sie werden jedoch von ihnen mit einiger Skepsis beobachtet. Die Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe ernst. Doch bleibt ihnen kaum Zeit übrig, ihre Tochter tatsächlich zu erziehen. Schließlich sollte sie inzwischen alt genug sein, auf sich selbst zu achten. Das ist eine Auffassung, der sich Marga anschließt und die sie ernst nimmt – ganz im Gegensatz zu den Eltern, für die dieser Satz ein Lippenbekenntnis ist, das sie immer dann im Munde führen, wenn ihre Tochter ungeliebte Arbeiten übernehmen soll. Die Beziehung zu den Eltern ist problematisch, da sie keine freiwillig aufgebaute, sondern, beiderseitig, eine gezwungene ist, die hauptsächlich formelle und pubertäre Schwierigkeiten belasten.

Die Beziehungen (5), (6) und (7) sind momentan eher unbedeutend, die Bedeutung ist entweder bereits vergangen oder sie wird sich erst in der Zukunft entfalten.

(5.) Bettina, Margas um drei Jahre jüngere Schwester, fällt ihr in erster Linie durch ihre aufdringliche Gegenwart lästig. Sie wird von ihr allerdings benützt, um sich von Aggressionen, die durch andere Beziehungen entstehen, zu befreien. Deshalb quält sie Bettina auf vielerlei Arten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

(6.) Marga hat Jens Wetzlar vor etwa vier Monaten zu Ostern zum letzten Mal gesehen. Sie hofft, ihm nicht noch einmal zu begegnen. Er ist ihr nicht unsympathisch. Sie erachtet die Beziehung nur für beendet. Es wäre Marga peinlich, wenn sie noch einmal aufleben würde und sie sich in Zukunft erneut mit Wetzlar auseinandersetzen müsste.

(7.) Ein Soldat, den Marga bisher noch nicht ken­nengelernt hat und dessen Namen sie nicht erfahren wird, wird zu einem kritischen Moment ihrer Ent­wicklung eine nicht gering zu bewertende Rolle spie­len. (Da Ich absolutes Erinnerungsvermögen besitze und dies vom Augenblick der Geburt Margas an, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Ich auch in gewissen Gren­zen Zukünftiges von ihr weiß und Tendenzen ihres Schicksals mit nahezu absoluter Gewissheit ab­schätzen kann. Wenn man an die Konstruktion Zufall glaubt, miss­achtet man das Prinzip von Ursache und Wirkung. Bei vollkommener Kenntnis des Vergangenen lässt es sich exakt auf jedes zukünftige Ereignis schließen. Der freie Wille ist folglich nur eine Illusion. Dagegen kann man sich gefühlsmäßig verwehren, anzuzwei­feln ist diese Tatsache nicht.)

(8.) Es bleiben noch Marga und das Namenlose: Marga ist schwanger. Etwas noch nicht Fassbares hat vor vier Monaten in Unserem Inneren zu leben begonnen.

Anmerkungen

zu (1): Hanna Apler, Margas „Hanni“, hat seit geraumer Zeit erhebliche Verständnisschwierigkeiten im Unterrichtsfach Ma­thematik. Das liegt weniger an ihrem Fleiß und ih­rer Lernbereitschaft, als an ihrer Art zu denken. So kann ihr Marga, die zwar weniger fleißig ist, dafür aber einen deduktiven Verstand besitzt, kaum hel­fen, obwohl die beiden oft gemeinsam lernen. Da sie jedoch in der Schule nebeneinander sitzen, lässt Marga ihre Freundin bei Arbeiten abschreiben. Nur aus diesem Grund hat Hanna akzeptable schriftliche Mathematiknoten, denn ihr ist bereits vor zwei Schuljahren der Faden gerissen. Das war an dem Tag, an dem die Algebra das Rechnen mit Zahlen ersetzte. Fassungslos steht sie inzwischen vor mit geometrischen Funktionen und Gleichungen beschrifteten Tafeln, die ihr so geheimnisvoll und absonderlich wie ägypti­sche Hieroglyphen scheinen.

Doch Hanna ist keine Schmarotzerin, ide die enge Freundschaft mit Marga ausnutzt, um sich durch die Schulzeit zu mogeln. Häufig ist es Marga, die von Hannas Fleiß im Auswendiglernen profitieren kann, zum Beispiel in Fächern wie Sozialkunde, Biologie oder Erdkun­de, denen Marga vollkommene Interesselosigkeit entgegenbringt. Die Abschreibmethoden der beiden sind im inzwi­schen vierten gemeinsamen Schuljahr perfektioniert. Deshalb werden sie, trotz verstärkter Bemühungen der Lehrkräfte, nur selten des Unterschleifs überführt. Die wenigen „ungenügend“ oder „mangelhaft“ in den Notenlisten fallen daher nicht wei­ter ins Gewicht. Man kann von einer Symbiose spre­chen, einer für beide gewinnbringenden Überein­kunft, die durch die starke Sympathie, die sie für einander empfinden, funktioniert.

Ein Unterrichtsfach gibt es, in dem sie beide glei­chermaßen begabt sind und deshalb kaum Grund zum „Spicken“ haben: Deutsch. Hier sind sie mit­einander wetteifernd die Elite der Klasse und die Musterzöglinge von Frau Hinrich, die, so behauptet sie zumindest anderen Lehrkräften gegenüber, nur wegen den beiden Mädchen diese schwierige Klasse behält. Doch auch in Deutsch ist das Talent der Mädchen eindeutig unterschieden: Hanna ist dem Schönen, Wahren und Guten zuge­tan. Sie hat sich in ihrer frühen Jugend entschieden, Dichterin zu werden und schreibt in ihrer Kammer Bleistiftenden zerkauend Gedichtzeilen voller Tren­nungsschmerzen und Sonnenuntergängen, die sie aber nie­mandem außer Marga zeigt. Hanna ist für ihr Alter belesen. Sie hat sich einen antiquierten, aber leicht bekömmlichen Schreib- und Ausdrucksstil angeeig­net, der ihre inhaltlich uninteressanten Aufsätze flüssig lesbar macht und die Hauptursache für ihre gute Deutschnote ist. Marga hingegen erachtet diese amateurhafte Form von schöngeistiger Betätigung für verlogen und weltfremd. Hannas Gedichte nennt sie einen „Honigschmarrn“. Diese Wortschöpfung stützt meine Er­kenntnis. Marga ist nicht, wie sie selbst glaubt, grausam realitätsgläubig, sondern hat für unbe­dachte Momente eine gewisse Weiche bewahrt, die sie allerdings niemandem, nicht einmal Hanna oder gar sich selbst, eingestehen würde. Marga leidet stumm, wenn ihr Hanna mit über­schwänglichem Zittern in der Stimme ihre klangvol­len Kopfgeburten vorträgt. Nur die Freundschaft, die sie aus diesem Grund nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will und das Wissen, wie wichtig Hanna ihre literarischen Ergüsse sind, hindern Marga dar­an, sie mit Verrissen zu konfrontieren. Statt des­sen lobt sie freundlich, wenn auch zögernd und uninspi­riert. Doch Hanna, die nur hört, was sie hören will, ist‘s zufrieden.

Margas Aufsätze sind besser als die ihrer Freundin. Sie sind nicht so literarisch ausgefeilt, ihre Gedankengänge sind jedoch originell, pointiert und klar strukturiert. Die Höchstnote bleibt ihr meist nur deshalb versagt, weil ihre Texte aufdringlich von ihrer persönlichen Auffassung durchtränkt sind, sie durch ihren Essaycharakter meist am vorgegebenen Ziel einer sachlichen Erörterung vorbeigehen. Margas Literaturinterpretationen sind jedoch brillant und erfassen sezierend klar die Ideen, die in den Texten stecken. Hanna zäumt das Pferd von der anderen Seite auf, indem sie mit Einfühlungsvermögen für Autoren und ihre Worte in den Text wie in ein religiöses Mysterium einzudringen versucht und doch meist zu den gleichen Folgerungen wie die nüchterne Marga gelangt.

zu (2): Schorsch, der mit der gleichen Hingabe und Zärtlichkeit Gewänderfalten von Nothelfern schnitzt, wie er Marga streichelt, sieht die Frage nach seiner Zukunft auf eine Auseinandersetzung mit einem einzigen Problem reduziert. Sie hat ihn zerfahren, jähzornig und nervös gemacht und ihm eine steile, senkrechte Falte in die Stirn gegraben, die sein ansonsten glattes Gesicht für Marga so in­teressant gemacht hat, dass sie sich in ihn verliebte. Schorsch will auf keinen Fall Soldat werden. Er hat vergebens über zwei Instanzen hinweg den Kriegsdienst verweigert. Wenn er seine Lehre in ei­nem Jahr abgeschlossen hat, kann ihn nur noch eine Krankheit oder weitere Abrüstung vor einer Einbe­rufung retten. Schorsch ist ein zerrissener Mensch und ein tragischer dazu. Nur wenn er schnitzt oder mit Marga zusammen ist, ist er mit sich eins. Die restliche Zeit sorgt er sich, leidet unter Selbstvor­würfen und Schlaflosigkeit.
Schorsch ist religiös und mit Leib und Seele Katho­lik. Es gibt keinen Sonntag, an dem ihn der Pfarrer in der Frühmesse vermisst. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist er durch seine Familie vorbelastet, in der Glaube Tradition hat. Ein Bruder seiner Mutter, den Schorsch seit seiner Kindheit bewundert, ist als Geistlicher am Bischöflichen Ordinariat in Augsburg für das Seelenheil derjenigen zuständig, die der arrogante Bischof selbst nicht empfangen will. Und eine Cousi­ne von Schorsch muss seit Jahren ohne sichtbaren Erfolg wegen religiösen Wahnvorstellungen statio­när in einer Geistesheilanstalt behandelt werden. Der zweite Grund für seine Gläubigkeit ist in sei­nem täglichen, intimen Umgang mit geheiligten Symbolen und Figuren zu suchen. Er hat ihm ein persönliches und freundschaftliches Verhältnis zu den Nothelfern, dem Jesuskind und der Mutter Ma­ria beschert. Dieser Glaube ist neben einer Unfähig­keit, sich zu artikulieren, der Grund, aus dem er in seinen Kriegsdienstverhandlungen vollkommen versagt hat. Es fällt niemandem schwerer als gerade einem religiö­sen Menschen, seine Gewissensnot glaubhaft zu ma­chen, da die Beisitzer, die sich in ihrem engbegrenz­ten Horizont einen solchen Glauben nicht vorstellen können, in ihrem Selbstverständnis davon ausge­hen, sie würden von den Verweigerern angelogen. Durch diese Ablehnungen hat sich in Schorsch eine für einen Katholiken seltene Skepsis und unter­drückte Wut gegen die Organe des Staates und de­ren Vertreter entwickelt. Diese Radikalisierung hat ihn dazu gebracht, in einer schier revolutionären Tat als einer von fünf Abtrünnigen im Dorf bei der Kom­munalwahl statt für die CSU für die Grünen zu stimmen.

Marga ist nach Jahren gezählt nicht alt genug, um wählen zu dürfen. Sie hat auch nicht vor, diese vor ihr als lächerlich empfundene, für sie paradoxerwei­se von mangelndem Demokratieverständnis zeugen­de Pflichtübung auszuführen. Sie hält es für gro­tesk, jemandem „ihre Stimme zu geben“. Sie hat sich entschlossen, ihre zu behalten und nur für sich selbst zu gebrauchen. Marga betrachtet übrigens den lieben Gott als eine besonders geschickte Konstruktion, Menschen in Dummheit und Armut zu belassen. Für Jesus Chris­tus hat sie ein dünnes, mitleidiges Lächeln übrig. Erst kürzlich hat sie das weite Feld der Philosophie und dort die seltsame Pflanze Baruch de Spinoza entdeckt. Sie fühlt sich, obwohl sie bei weitem nicht alles und das meiste falsch versteht, in den mathe­matisch ordentlichen Texten dieses Denkers gebor­gen. Marga behält ihre Auffassungen jedoch für sich und hat keinerlei Missionsbedürfnis, ganz im Ge­gensatz zu Schorsch, der jedermann an seiner Lie­besbeziehung zu Christus und der Mutter Maria teilhaben lassen will. Mit Gottvater allerdings hat er seine Probleme. Er hat das verunsichernde Gefühl, er habe sich weit von Gott entfernt. Auch aus diesem Grund hat er eine Ministranten­gruppe als Leiter übernommen. Er trifft sich einmal in der Woche mit den Zwölf- bis Vierzehnjährigen und diskutiert über Glauben und Ich-Findung oder er versüßt diese bittere Pille mit Spielen und Zeltla­gern.

Die Beziehung zwischen Schorsch und Marga ist eine, die man aus schwer fassbaren Gründen „plato­nisch“ nennt. Für Marga ist sie passend und ange­nehm. Schorsch hingegen sieht sich in einem schwe­ren Dilemma zwischen den Bedürfnissen seines Kör­pers, der nach Berührungen lechzt und seinen ver­wurzelten religiösen Moralvorstellungen, die sexuellen Verkehr vor der Ehe ausschließen. Würde ihn Marga nicht bis auf ein paar gelegentlich gewährte Küsse und Umarmungen auf Distanz halten, hätte er das amorphe Gefühl, das er für sein Gewissen hält, längst als etwas Überflüssiges und Lästiges zur Seite gelegt. Es stellt sich freilich die Frage, was die beiden aneinander kettet; was sie reden und fühlen, wenn sie gemein­sam sind. Falls es nicht eben ihre Grundverschie­denheit ist, die sie bindet, dann ist es mutmaßlich der gemeinsa­me Versuch, die Einsamkeit und Leere zu überwin­den, die sie in sich fühlen, ist es ein Drang nach Ge­borgenheit und Schutz, die sie nur beim je­weils an­deren finden können.

Schorsch weiß nichts von Margas Schwangerschaft.