Aber ein Traum …

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Eismanns Wille – Eine Kurzgeschichte

Passend zu Halloween folgt nun die einzige meiner Geschichten, die man mit etwas gutem Willen dem „Horror-Genre“ zuordnen kann.
Ich kann von ihr mit einem gewissen Stolz behaupten, dass sie niemand, der sie je las, wieder vergessen hat.

Eismanns Wille

Dass ich Eismann traf, liegt nicht an dem sonder­baren Zufall, der mich in diese Stadt geführt hat, um in ihr zu arbeiten. Es liegt an Eismann selbst, dessen aufdringliche Art meine Auf­merksamkeit einforderte. Und nicht zuletzt waren die Kinder schuldig.

Weißt du, ich saß an diesem warmen Nach­mittag spät und erschöpft auf einer Bank im Stadtpark, unschlüssig, was ich an mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich und bevor er et­was sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er be­gann sofort ein Gespräch, das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisen­de Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.

Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen damals ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander wehzutun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lach­te, keines weinte. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt her­überklang. Die Kinder waren vollkommen eins mit ihrem Spiel.

Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte: Glaube mir, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbah­nen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Ich weiß, es war eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckte die Kinder et­was. Sie rannten dort hinunter, an den Birken vorbei zu den Büschen. Ich bemerkte, dass Eismann aufgehört hatte, zu reden. Jetzt, als die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.

Ich sah ihn an. Ich weiß nicht, ob ich in die­sem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch. Eismanns Gesicht ist zer­stört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde, ein, ich weiß nicht… Eismann ist eben er selbst und als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich glaube nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.

So sah ich Eismann und es war sehr still, als wir uns begutachteten.

Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Ar­men rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu dre­hen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du ver­stehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein,  ein Taschen­tuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.

Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, aber ob­wohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.

Eismannillu

Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, ich habe es glaube ich schon gesagt, es war eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber nie­mand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden.

Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöff­net, da ich erst mit dem Morgenzug angekom­men war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.

Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich äch­zend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm da­mit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheu­er zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brech­reiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewe­gungen erst, als er den Brief nahm, ihn zer­knüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.

«Nicht jetzt», sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: «Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief ge­schrieben hat.»

«Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns – wie nennt man das? – auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte», sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Stra­ße beim Brunnen und war erschrocken, wie viel ich Eismann erzählte, der einen bemer­kenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der  wahrscheinlich für Gesellschaften ge­dacht war, aber wir wurden schnell und zu­vorkommen bedient und, ich weiß, es klingt unglaubwürdig, der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm.

Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschich­ten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich wei­ter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. Ge­zwungen, das ist genau das richtige Wort.

«Am meisten leidet unsere Tochter an die­sem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festge­fressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augen­blick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müs­sen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist oft hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich.»

Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauli­gen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn ge­stört hatte, besah er sie sich eine Weile auf­merksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriede­nen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich.

«Was soll ich sagen», musste ich antworten, »das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es viel­leicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Be­deutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natür­lich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewe­gungen, die gleichen Worte. Nur… mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören.»

«Sei still», sagte Eismann. Ich schwieg er­leichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete.Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hätte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt und ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war, ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.

Durch die Tür da hinten kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gas­traum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eis­manns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hin­über. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie je­mand mit kaltem Wasser begossen. Sie ver­harrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüt­telnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, wi­derwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezo­gen, sich vorsichtig umsehend.

Diese kurze Störung hatte Eismann geär­gert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen der Wasserspeier in gotischen Kirchen erinnerte. Ich habe auch als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern ge­habt, ich habe sie schon damals als zu über­trieben empfunden. Jetzt erkannte ich, dass es tatsächlich sein wahres Gesicht war.

Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie waren in meinem Kof­fer, die Karte in der Innentasche meines Man­tels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzep­tiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler ge­macht. Aber als ich die Zimmertür fest schlie­ßen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich noch in einer anderen Hose hatte. Eismann hatte mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich gehorchte.

Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und zu einen Weinbrand, ich trank Nicht-Alkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüch­tern blieb. Wir waren in Ausschänken, in de­nen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufiger besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Be­gleitung wunderte. In dem billigen Stehaus­schank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark ge­schminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.

Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war lang­samer, er schwitzte jetzt auch und sein San­delholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Fü­ßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren und ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater ent­schuldigte sich stammelnd. Ich schob Eis­mann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, be­wegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehr­mals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis er zu Boden stürzte, dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich ver­harrte  schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so er­ging wie mir. Als der Mann nur noch wim­merte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir wa­ren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind krei­schen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen.

Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, dort wiederholte ich immer und immer wieder von neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person be­wahrte. Und obwohl alles in mir sich nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Um­armung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?

Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett und ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann ge­hört, dass er mich nie im Ungewissen lässt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper und die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ein un­glaublicher Geschmack machte sich breit, ich würgte und jetzt übergab ich mich, die Reak­tionen des Ekels waren endlich stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim hervor­brachte.

Eismann saß auf dem Bett und wartete ge­duldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer und jetzt war ich gleich­gültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.

«Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott.»

Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzäh­len, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezah­len. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist wie er deiner überdrüssig wurde … Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Ver­steck dich besser, denn da kommt eben Eis­mann zurück, und wir werden jetzt Essen ge­hen.

Vom Leben auf der anderen Seite – Kurzgeschichte

Legion

Legion schrieb, nachdem alles vorbei war. Wenn ihn jemand fragte, wie es geschehen war, dem antwortete er jetzt:

„Ich weiß es nicht. Aber ich werde meine Geschichte erzählen.“

Legion wurde oft gefragt.

Er hatte keinen Zeitmesser im fensterlosen Zimmer, aber er schätzte, dass es zwei Uhr nachts war. Auf seine innere Uhr konnte er sich verlassen. Zwei Uhr, dachte er, die Zeit der einsamen Seelen. Wie eine Antwort surrte eine Fliege um die Lampe.

Legion lächelte. Auf diese Weise musste der Text beginnen, mit einer Fliege, deren Schatten immer wieder das Papier traf, auf dem er schrieb. Leider machte ihn dieses Insekt fast so nervös wie damals. Auch das gehörte zum Beginn seiner Geschichte.

Er kannte viele Gründe, zu schreiben. Es war ihm erstaunlich, wie viele es gab. Wenn ihn jemand fragte, warum er schrieb, antwortete er:

„Ich schreibe aus dem billigsten Grund. Ich schreibe aus Langeweile.“

Er verjagte die Fliege, die sich erschöpft auf seinem Handrücken niedergelassen hatte und strich die Sätze, die er bisher geschrieben hatte. So ging es nicht. Er musste anders beginnen. Die Eindrücke waren zu dicht. Das Leben, dieses Andere, es machte ihm Schwierigkeiten, mehr, als Legion gedacht hatte. Er hatte geglaubt, es würde genügen, ein paar Daten zu sammeln und zu ordnen. Legion seufzte, dann begann er von neuem:

„Was ich tat, war unvorsichtig. Ich kannte diese Geschichten gut, hatte sie aufmerksam studiert und aus ihnen gelernt: Große Männer stolpern nicht über ihre Fehler; der Zufall bringt sie zu Fall.

Eine Weile rang ich mit mir, sah selbstmitleidig auf die in Griffweite stehende Packung Alka-Seltzer, die ich nicht für mich verwenden durfte. Sie warf im grellen Schein der Lötlampe einen plastischen Schatten quer über den alten Schreibtisch. Die blaue Schachtel erschien mir gefährlich und lauernd. Ich warf einen kurzen Blick auf das schlichte Kruzifix an der Wand. Ein unbewusster Reflex zwang mich, ein Kreuz über der Brust zu schlagen.

‚Aber nein’, dachte ich, ‚die Gegenstände betrachten dich nicht. Sie spiegeln nur wider.’ Entschlossen schob ich daher meinen Stuhl vom Tisch und trat mit einem Schritt an die Dachschräge, öffnete das kleine Fenster einen Spalt breit. Als würde im Supermarkt eine weitere Kasse aufgemacht, drängelten sich sofort staubiges, von roten Biberschwänzen erwärmtes Sonnenlicht und eine erstaunliche Vielzahl an Geräuschen eilig durch die schmale Öffnung in den abgedunkelten Raum.

Ich riss mir den Atemschutz herab und schob Nase und Mund ganz nahe an die Öffnung, durch die ich langsam ein- und noch langsamer ausatmete. Ich war sicher: Keinen Augenblick länger hätte ich den beißenden Gestank der Lösungsmittel aushalten können. Ich fühlte mich, als wären die ätzenden Dämpfe durch unsichtbare Öffnungen an meinen Schläfen direkt in mein Hirn gekrochen. Die Kopfschmerzen hämmerten gegen einen stecknadelfeinen Punkt einen Fingerbreit über meinem linken Auge, das ich zusammen kniff. Aber mit jedem Atemzug wurde ich ruhiger und ich konnte in der formlosen Masse an Geräuschen, die zu meinem Dachfenster herauf tönte, einzelne Stimmen und Handlungen unterscheiden.“

Legion freute sich. Ja, so musste er beginnen. Der Stift glitt ihm wie von selbst über das karierte Papier. Doch nun legte er ihn kurz zur Seite, presste Daumen und Zeigefinger fest gegen die Nasenwurzel. Mitten in dieser schlaflosen Nacht beschwor er die Erinnerung an jenen heißen Nachmittag vor wenigen Wochen herauf. Obwohl der Kopfschmerz, den er damals am Fenster empfunden hatte, schon lange verklungen war, wusste er noch, wie er sich angefühlt hatte. Der Schmerz lag in seinem Gedächtnis wie der Schatten eines Gegenstands, den ein flackerndes Licht an die Wand projizierte. Ebenso schmeckte er noch die giftige Gasmischung aus Azeton und Domestos, mit der er experimentiert hatte.

Legion schüttelte den Kopf. Unergründlich, dachte er.

Meiner sind viele.

Doch nun musste er sich beeilen. Diese Nacht log von trügerischer Ruhe, flüsterte ein Märchen von Beständigkeit. Aber das war nur ein Wahngebilde. Die Zimmertür würde sich öffnen, ein hektischer Tag folgen. Und er hatte noch so viel zu erzählen.

„Ein Fahrrad quietschte. Ich konnte nicht hinunter auf den Hof sehen, aber ich benötigte nur wenig Einbildungskraft, um mir vorzustellen, was dort unten vor der langen Garagenreihe geschah. Dort fuhr Ludwig im Kreis herum und Pius sah ihm anerkennend zu. Ludwig wohnt mit seinen Eltern zwei Stockwerke unter mir, ist ein mageres Kind, das immer in Bewegung ist und mich fatal an eine Eidechse erinnert. Ludwig hat den neugierigsten, aufdringlichsten Blick, den ich kenne.

Wenn etwas passiert, ist er nicht weit. Meist hat er dann auch seine Digitalkamera dabei. So wie letztes Wochenende, als in der Nacht zum Samstag vor dem Supermarkt die zur Abholung bereitgestellten Paletten in Brand gerieten. Dabei explodierte auch eine halbleere Spraydose, die zwischen den Hölzern steckte. Es wurde niemand verletzt, ja, es war nicht einmal jemand in der Nähe, aber die Wucht der Detonation ließ ein Schaufenster zersplittern und die fetten Rauchschwaden der brennenden Kunststoff-Folien zogen ungehindert in den Laden und fielen dort als schwarze Schneeflocken zu Boden. Die Funken sprangen nicht über und das Feuer verlöschte von selbst, noch bevor die Freiwillige Feuerwehr eintraf, aber der nicht allzu hohe Schaden sah einigermaßen spektakulär aus und erinnerte an Fernsehbilder aus Bagdad.

Und wen konnte ich von meinem heimlichen Beobachtungsposten aus als zweiten nach der Feuerwehr am Brandherd ausmachen? Natürlich Ludwig, im Morgengrauen schoss er Fotos vom Tatort. Er trug Springerstiefel und seinen geliebten paramilitärischen Tarnanzug, den ihm seine Eltern zum 10. Geburtstag geschenkt hatten. Er hatte sich sogar die Spielzeug-Variante eines Schnellfeuergewehres auf den Rücken geschnallt. Ein Kindersoldat mitten im Dorf und niemand schien davon weiters betroffen. Ich weiß nicht, ob er Detektiv oder Reporter spielte, aber er knipste eifrig und war verschwunden, bevor Polizeistreife und Spurensicherung kamen. Wer übrigens den Brand gelegt hat, ist nicht rausgekommen. Verdächtig waren die Jugendlichen, die sich immer mit ihren Mopeds auf dem Aldiparkplatz treffen, aber ihnen war nichts nachzuweisen. Es ist trotzdem Zeit, dass da mal eingegriffen wird. Diese Jugendlichen leben dort in Sünde und haben längst den Weg verloren.

Ludwig verteilt auch das Gemeindeblatt und den Kirchenanzeiger, selbstverständlich auch die Reklamezettel des Supermarkts. Er ist immer da. Wo sich zwei oder drei Menschen versammelt haben, ist er mitten unter ihnen. Wenn er erwachsen ist, wird er Hausmeister.“

Legion machte eine Pause, denn er hatte etwas gehört. Jemand ging außen den Gang entlang. Eilig tastete seine Hand zur Schreibtischlampe und er verlöschte das Licht. Stumm saß er in der Dunkelheit und lauschte. Er hatte richtig gehandelt. Die Schritte kamen näher und verharrten dann vor seiner Zimmertür. Legion hörte ein festes, gleichmäßiges Atmen. Das Lauern begann.

Nun, Legion hatte Geduld. Wenn der Herr vierzig Tage in der Wüste ausharren konnte, dann würde Legion auch geräuschlos im Finsteren sitzen und warten können. Endlich hatte der Andere da draußen genug. Er setzte seinen Gang fort und Schritte verklangen.

Legion machte wieder Licht. Er wartete, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, dann las er kopfschüttelnd den letzten Satz, den er geschrieben hatte. Sollte er ihn stehen lassen? Zum Überarbeiten hatte er eigentlich keine Zeit.

„Pius ist fünf Jahre jünger als Ludwig. Er ist gerade in die Schule gekommen und ein hartnäckiger Bewunderer der neugierigen Eidechse. Wo auch immer Ludwig sein Wesen treibt, Pius ist nicht fern.

Obwohl ich von meinem Dachfenster nicht hinuntersehen konnte, wusste ich, dass Ludwig seine Fahrradkunststückchen nicht ohne sein treues Publikum machen würde. Auch wenn er es natürlich nicht zugab, machte er sie im Grunde nur für den kleinen Bewunderer. Wahrscheinlich saß Pius auf dem fast bis zum Boden herunterhängenden Maschenzaun zum verwahrlosten Nachbargrundstück, hatte seinen Roller neben sich geparkt und bestaunte mit glänzenden Augen seinen Helden, der seine Runden drehte und so tat, als würde er nichts bemerken.

Darf man ein Kind eigentlich Pius nennen? Ich meine, das ist doch ein heiliger Name. Haben die Eltern darüber nachgedacht? Seltsame Gedanken hatte ich beim Atemholen an der Fensteröffnung. Sie kamen und gingen so schnell wie Papierfetzen, mit denen der Wind spielt. Lag das an den Chemikalien, trübten sie meinen Verstand?

Ich sah hinaus. Die Kinder und den Hof konnte ich nicht sehen, aber den zertretenen, gelben Rasen des Nachbargrundstückes und selbstverständlich auch das heruntergekommene Haus, in dem die Türken wohnen, diese Drogenhändler und Heiden. Zwei Familien, wenn man das so nennen kann, leben dort. Sie hausen in diesen verwahrlosten Wohnungen wie die Tiere und häufig grillen sie mit ihrem riesigen Gasofen auf dem Rasen. Dann stinkt es rauf zu mir. Wenn wenigstens der Zaun wieder aufgerichtet wäre!“

Legion zögerte. Die Wut hinderte ihn am Schreiben.

Noch immer dieser Zorn, dachte er, ein heiliger Zorn und ein sinnloser, jetzt, nachdem alles vorbei ist. Der Herr will den sanftmütigen Menschen; die Wut ist ohne Gott.

Er seufzte. Wenn er das nur den Fragern begreiflich machen könnte. Er bezweifelte inzwischen, dass es ihm mit diesen Aufzeichnungen gelingen würde. Dennoch würde er weiterschreiben. Legion war nur eine leere Form, eine hohle Posaune, durch die die Töne eines Anderen klangen.

„Ich kann mich gut erinnern. Jetzt hörte ich ein Mädchen weinen. Das war Lena, die kleine Schwester von Pius. Sie wenigstens hat einen normalen Namen; aber sie ist eine Zweitgeburt, ein Weinkind. Wenn sie einmal beginnt und meistens ist Pius daran schuld, hört sie so schnell nicht mehr auf. Es ist ein kreischendes, zorniges Heulen, das sie ausstößt, es ist ein Messer, das in meine Ohren dringt.

Ich konnte es ja leider nicht sehen, aber sie stand dort unten auf dem Platz und schrie. Ludwig war zu hören:

„Heuli, heuli, heuli…“, wiederholte er immer wieder. Wahrscheinlich fuhr er mit seinem Rad im Kreis um sie herum. Kinder können doch so grausam sein. Und doch will der Herr sie bei sich haben.

Ich lauschte aufmerksam, von Pius war nichts zu vernehmen, nur ein leichtes Quietschen kam mir zu Ohren, als würde jemand auf dem kaputten Zaun wippen. Pius spielten den Unbeteiligten, er war rein, konnte kein Wässerchen trüben.

Und natürlich hörte ich jetzt auch die laute Musik: Von unten neumodische Negerrhythmen aus der Wohnung der Eltern von Pius und Lena – wahrscheinlich reagierte die Mutter deshalb nicht auf das Weinen ihrer Tochter. Von gegenüber, aus den geöffneten Fenstern der türkischen Bruchbude mischte sich ein seltsames Gefiedel dazu und jemand sang, als hätte er Bauchschmerzen.

So laut, so laut…

Ich sah in das Halbdunkel meines Zimmers, suchte mit den Augen das tröstende Kreuz. „Wie lange noch, Herr?“, fragte ich laut und war mir des Sakrilegs bewusst. „Habe ich den Kelch des Leidens nicht ausgeschöpft?“ Trotz der Vermessenheit meiner Frage, der überheblichen Anmaßung hatte der Herr Erbarmen, denn er schwimmt in einem See von Mitleid. Das Telefon läutete.

Ich trat zurück vom Fenster, schloss es mit einer bewussten, endgültigen Geste. Das war das letzte Mal, dass ich dieses Außen zu mir herein ließ. Auf so etwas durfte ich mich nicht einlassen. Und gefährlich war es auch: War nicht vor ein paar Jahren der Attentatsplan von einem dieser Terroristenschweine nur deshalb geplatzt, weil seine Klimaanlage kaputt war?

Das Telefon war mein Retter. Ich trat zu dem Apparat und hob den Hörer ans Ohr. Ich meldete mich nicht. Am anderen Ende atmete jemand.

„Hallo… ist dort Wiegand?“, fragte endlich eine leise, verzerrt wirkende Stimme. Im Hintergrund knisterten elektrische Geräusche. Das war der lange erwartete Code, die Antwort des Herrn.

„Nein. Da haben Sie sich verwählt“, sagte ich, jedes einzelne Wort fiel so schwer, als müsste ich es erst aus meiner Erinnerung fischen. Eine kurze Pause entstand.

„Entschuldigen Sie bitte.“ Der andere legte auf.

„Ich bin bereit“, erwiderte ich.“

Legion nickte und lächelte.

Er war nicht allein. Seiner waren viele. So geschickt waren sie! Niemand, der das Gespräch vielleicht abhörte, konnte einen Verdacht haben.

„Zwei Tage darauf brannte es früh am Morgen im Hausgang der Türkenbude. Die Feuerwehr kam, Polizei und viele Schaulustige. Die Bewohner des Hauses standen verzweifelt auf dem Rasen vor ihrem brennenden Haus. Ludwig rannte mit seiner Kamera umher. Pius hatte seine kleine Schwester an der Hand. Ich konnte das alles gut von meinem Dachfenster aus sehen. Dann zündete ich meine Bombe, die ich unter den Gasflaschen des massiven Grillwagens der Türken versteckt hatte. Sogar beim mir platzten die Fensterscheiben. Ich betete.“

Legion war versucht, „Ende“ unter den Text zu schreiben. Aber das erschien ihm dann hoffärtig, denn er war nur ein kleines Sprachrohr. Stattdessen riss er die zwei eng beschriebenen Blätter in kleine Fetzen und begann, sie zu verspeisen. Wenn später der Wärter mit dem Frühstück kam, mussten alle Spuren vernichtet sein.

Legion schrieb in jeder Nacht, erzählte immer wieder seine Geschichte und vernichtete sie im Morgengrauen.

Legion schrieb, nachdem alles vorbei war. Wenn ihn jemand fragte, warum es geschehen war, dann antwortete er:

Weil Gott es so wollte.

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