Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Aber da gab es noch einen Traum – Postkarte ZWEI

All that we see or seem
is but a dream within a dream.
E. A. Poe

Liebe unbekannte Leserin, lieber unbekannter Leser und alle anderen dazwischen und daneben und was es sonst noch so gibt, (ab jetzt der Einfachheit halber „Lieber Leser“ genannt),

das Schreiben ist eine Form des Lesens; man liest sich selbst. Da ist immer eine Stimme, die mir den Text ins Ohr flüstert, während ich hektisch und manchmal vergeblich versuche, mitzuschreiben. (1) Oft jedoch erzählt dieser innere Vorleser mir seine Geschichte, während ich keinen Stift in der Hand halte. Vielleicht ist das der Grund, aus dem viele Autoren (auch ich selbst) Schwierigkeiten haben, ihre Romane und Romanserien zu Ende zu bringen. Sie kennen den Plot schon und langweilen sich, wenn sie ihn auch noch für andere niederschreiben müssen. Für sie ist die Geschichte längst abgeschlossen, sie haben sie bereits gelesen und in ihrem Bücherschrank einsortiert. Sie wenden sich lieber Neuem zu.

Ein Text von mir, der 2013 zur Gründung dieses Blogs führte, heißt „Aber ein Traum“. Der Titel nimmt Bezug auf die oben zitierte Gedichtzeile von Poe, die ich zugegebenermaßen sehr eigenwillig übersetzt habe. In den Katakomben des Blogarchivs finden sich viele hundert Seiten des Romans. Viele der Ideen aus dem, von meiner inneren Stimme schon längst zuende erzählten aber nie zuende geschriebenen, Buch landeten später bei meiner „Geltsamer“-Trilogie. Obwohl „Aber ein Traum“ im Gegensatz zum „Geltsamer“ gehobene Literatur ist und über weite Strecken recht retardierend (um nicht zu sagen, langweilig), hat der Roman wirklich besseres verdient, als hier in den Kellern meines kaum gelesenen Blogs zu verschimmeln. Vor allem ist zwischen die Zeilen sehr viel von meinem Herzblut getropft und manche Passagen darin gehören zu dem Besten, das ich je geschrieben habe. Es ist an der Zeit, „Aber ein Traum“ einem größeren Publikum vorzustellen und es selbst urteilen zu lassen.

Ich habe deshalb in der letzten Woche begonnen, den vorhandenen Text vorsichtig umzugestalten und umzustellen. Ich will das Romanfragment, das momentan ungefähr 400 Seiten lang ist (das ist etwa die Hälfte des ganzen Buchs) so organisieren, dass ich aus ihm eine Trilogie machen kann. Ich habe vor, den 1. Teil, der „Das Geheimnis der Eulenvilla“ heißen soll, noch in diesem Jahr im Eigenverlag zu veröffentlichen. Ich habe in der letzten Woche bereits am Cover gebastelt. Dies ist mein erster Entwurf, mit dem ich schon recht zufrieden bin:

Wie gefällt es dir, mein lieber Leser? Was glaubst du, erwartet dich, wenn du den Roman aufschlägst? Wohin wird er dich geleiten? Und, die wichtigste Frage: Willst du mit mir diesen Weg gehen?

Grüße von deinem Nikolaus.

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(1) Habe ich hier eigentlich schon einmal eingestanden, dass ich vor 25 Jahren die Deutsche Einheitskurzschrift (Stenografie) erlernt und tatsächlich eine deutschlandweit gültige Lehrbefugnis für dieses Fach erworben und in der Schublade verstauben lasse – ein Fach, das ich gottseidank niemals unterrichten musste? Als ich erkannte, dass das Schreiben eine brotlose Kunst ist, habe ich alles Mögliche und auch Unmögliche aus der Furcht heraus unternommen, dass meine Familie und ich bald verhungern werden, wenn ich nicht für ein geregeltes Einkommen sorge. Ich habe z. B. auch jahrelang als Briefzusteller bei der Bundespost gejobbt, Fliesen verlegt und Computerkurse gegeben.

Irgendwann einmal werde ich ausgestopft mit einem Notizblock und einem Stenobleistift ausgerüstet im Ichenhausener Schulmuseum stehen und unter mir wird ein Schild angebracht sein, auf dem „Der letzte Stenolehrer (20. Jhd.)“ steht. Das Erlernen der Kurzschrift ist in etwa so schwer wie das Erlernen einer Fremdsprache. Es benötigt ständige Übung und Pauken. Das sind Dinge, die mir nicht so liegen. Als Schüler hatte ich Stenografie und das Zehn-Finger-Tastschreiben 3 lange Jahre als Unterrichtsfach. Da man darin nicht durchfallen konnte, ignorierte ich es vollkommen und las währenddessen unter der Bank Perry-Rhodan-Hefte. Ich konnte nach den 3 Jahren nicht einmal meinen Namen in Kurzschrift kritzeln und tippte weiterhin im 2-Finger-Adlersuchsystem (einkreisen und zuschlagen!). Heute schreibe ich längst mit allen zehn Fingern und schaffe 300 Anschläge/min. Um hier mal mein Lieblingszitat von Goethe aus dem Torquato Tasso anzubringen:

„So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein,
wie jene, die wir blind und kühn verachten konnten.“

Flink in Steno schreiben ist nicht so schwer, wenn man mal die höheren Weihen, also Schnell- und Eilschrift, beherrscht. Aber eine Herausforderung ist es allerdings, das Aufnotierte anschließend wieder entziffern zu können. Da verliert man mehr Zeit als man vorher gewonnen hat. Heutzutage, im Zeitalter der Diktiersysteme und der modernen Textverarbeitung, ist diese Kunst zudem so überflüssig wie ein Bootsverleih in der Sahara. Selbstverständlich hat die Kurzschrift ihre Meriten. Ohne ihre Erfindung würden sich die Lateinschüler nicht mit Ciceros Anklagereden herumquälen müssen (Tironische Noten) und wir besäßen kaum ein Theaterstück von Shakespeare, der zwar seine Stücke nie zu Papier brachte, deren Aufführungen im Globe Theatre jedoch eifrig von Fans und Raubkopierern mitstenografiert wurden.

Im Gegensatz zum Tastschreiben, das ich mir selbst beibrachte, benutze ich die Kurzschrift übrigens überhaupt nicht mehr. Die Herren Gabelsberger, Stolze-Schrey und Co. mögen es mir verzeihen, aber ich bin noch immer der Meinung, die ich schon als Schüler hatte, der sich mit Kürzeln und seinem Geschmiere herumschlug: „Steno ist doof.“

Montag, 11.03.19

Montag, 11.03.19

Ich will nicht in den Chor des allgemeinen Montag-Bashings einstimmen, aber dieser Morgen ist wie ein Schlag ins Gesicht.

*

Allerdings besteht Hoffnung: In der letzten Woche quartierten sich in Diedorf die Storchenpärchen ein. Ein Nest ist auf dem Dach der alten Dorfkirche, das zweite direkt an einer Kreuzung der B300 auf einem Strommast. Am selben Tag begannen Arbeiter die Fangzäune für Kröten zu errichten, damit diese nicht im Paarungsrausch (die Kröten, nicht die Arbeiter) „Frogger“ auf der Landstraße spielen.

Haben nun die Störche auf die Arbeiter gewartet oder die Arbeiter auf die Frösche? Oder die Frösche auf die Störche?

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Für mich als bayerisch-rustikalen, ausufernd geschwätzigen Erzähler mit Adjektivsucht, der wie Proust nichts Kurzes schreiben kann oder will und dem jeder Satz und jede Geschichte und jeder Text ins Epische entgleiten, sogar eine Urlaubspostkarte, für mich ist Twitter ein Alptraum. Warum bilde ich mir dann trotzdem ein, dort meinen Senf im Telegrammstil beitragen zu müssen und quäle mich selbstzerstörerisch mit Stenografie ab? (twitter.com/NikolausKlammer) Apropos: Auch wenn ich es nie unterrichtete und das meiste längst vergessen habe: Ich bin übrigens bundesweit anerkannter und zertifizierter Lehrer für die Deutsche Einheitskurzschrift nach Franz Xaver Gabelsberger. Non vitae sed scholae discimus

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Dieser Tag endet, wie er begonnen hat: Grausam. Ich stand zwei Stunden auf der A8 zwischen Burgau und Zusmarshausen und anschließend auf der Umgehung im Stau und sah dem Tag zu, wie er sich langsam hinter der Nacht verbarg. Obwohl die Autobahn dreispurig ausgebaut ist, passiert das in schöner Regelmäßigkeit. Nie wird mir die sinnlose Verschwendung, an die ich meine langsam knapp werdende Lebenzeit vergeude, deutlicher als in solchen Momenten, in denen ich Zentimeter für Zentimeter vorwärts rolle, die ganze Zeit mit dem lahm werdenen Fuß auf der Kupplung stehe und in die leeren Gesichter der Autofahrer in meiner Umgebung starre. Kann man sich solche Stunden auf die Zeit im Fegefeuer anrechnen lassen? Und die gefühlten Jahre, in denen ich auf meinem Monitor auf einen Balken sah, der sich langsam von 0 auf 100 % füllte und bei 98 % einfror? Die Zeiten, in denen ich putze, die Toilette benutze, auf einen verspäteten Zug oder Bus warte, mich an einer Schlange anstellte, aufs Christkind warte?

Ich meine, ich frage ja nur …

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