Aber ein Traum …

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3 (Leseprobe)

Heute ist der Todestag des Weimarer Geheimrats, dessen Haus am Frauenplan auf dem Foto zu sehen ist. Aus diesem Anlass gibt es einen Ausschnitt aus dem 3. Teil meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, in dem E. A. Poe und sein Freund C. Auguste Du­pin versuchen, Goethes Ermordung zu verhindern. Viel Vergnügen!

 


Mit solchem Rätselkram verschone mich!
Und kurz und gut: was solls? Erkläre dich!’
Goethe, Faust II

Die Zufalls-Theorie oder, wie die Mathemati­ker sie exakter benennen, die Wahrschein­lichkeits-Rechnung, hat eine bemerkenswert­e Eigenthümlichkeit an sich: Ihre Richtigkeit im Allgemeinen steht in direkter Proporti­on zu ih­rer Unrichtigkeit im Besonderen. Und was an Ge­heimnisvollem auch den ruhigsten Denker gele­gentlich mit einem vagen, den Schrecken weckenden Halbglauben an das Übernatürliche durchschauert, ist trotz offensichtlichem Wundercharakter oft nicht mehr als ein Zusammenkommen bloszer Zu­fälle, die im Kleinen doch Beweis sind für das vom Herrn Ber­noulli formulierte Theorem der groszen Zahlen. Des­halb muss ein präziser, mit klarem Ver­stande begabter Mann namentlich in den Dingen der Logik immer auch das Unwahrscheinlichste und Absurdeste in Rechnung stellen und den gröszten Teil der Wahrheit wird er aus dem scheinbar Irre­levanten gewinnen.

An einem recht sturmwindigen Abend Anfangs März des Jahres 1832 kehrte ich im Auftrage des New Yor­ker Mercury nach Paris zurück, um dem amerikani­schen Publikum in einer Artikelserie von dem neuen Frankreich unter Louis Philippe Mittei­lung zu ma­chen. Freilich führte mich mein erster Weg nicht zur Dependance der Wochenzeitung in der Rue de Vermi­celle, sondern zu meinem alten Freund C. Auguste Du­pin, den ich, wie ich erwartet hatte, in seiner kleinen, nach hinten hinaus gelege­nen Bibliothek, au troisiè­me, No. 33, Rue Dunôt, Fau­bourg St. Germain antraf. Da ich ihn von meiner Ankunft nicht benachrichtigt hatte, erwartete ich, ihn beim zwiefachen Genusse ei­ner Meditation und einer Meerschaumpfeife zu über­raschen.

Zu meinem nicht geringen Verstaunen traf ich ihn jedoch bei den Vorbereitungen zu einer Reise an, die ihn, nach der Grösze des Schrankkoffers zu urteilen, in dem er seine Bücher verstaute, mindestens bis zur In­sel Sumatra führen musste. „Ah, Edgar, da sind Sie ja endlich! Ich habe Ihre Ankunft schon für heute Nach­mittag erwartet. Die Post wurde wohl aufgrund des Wetters aufgehalten?“, rief Dupin seltsam erregt aus und umarmte mich so flüchtig, als hätten wir uns nicht vor Jahren, sondern erst vor Stunden getrennt.

„Aber Dupin“, erwiderte ich ernstlich verstaunt, „dies geht über mein Begreifen. Ich stehe nicht an zu sagen, dass ich bestürzt bin, und mag meinen Sinnen kaum trauen. Wie war es möglich – wie konnten Sie von meiner Ankunft wissen?“ Hier hielt ich inne und musterte ihn scharf. Erneut war es ihm gelungen, mich mit seiner analytischen Begabung zu überra­schen. Er lächelte mich freundlich an; er schien wie früher ein ausgesprochenes Vergnügen an ihrer Übung – wenn nicht gar ihrer pomphaften Zurschaustellung – zu finden.

„Nicht jetzt“, hob er abwehrend die Hand, „wir wer­den in den nächsten Tagen zur Genüge Gelegenheiten finden, uns auszutauschen. Und ich will nicht zurück­stehen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Aber nun drängt uns Wichtigeres!“ Er griff in seine weinrote Hausjacke. Obgleich Dupin durch die Affaire um den stibitzten königlichen Brief zu einigem Wohlstand gelangt war, hatte er sich noch immer nicht von diesem fadenscheinigen und häszlichen Kleidungsstück trennen können, in dessen unergründ­lichen Taschen er den gröszten Teil seines Hausrates aufbewahrte. Und wirklich beförderte er nach kurzer Suche einen Brief zu Tage, den er mir überreichte. „Es steht mir fern, dramatisch klingen zu wollen, aber es geht für dieses Mal wohl um Leben und Tod. Deshalb finden Sie mich auch in einer aufgelösten und Ihnen noch nicht angemessen erscheinenden Eile. Aber lesen Sie selbst, mein lieber Edgar, lesen und urteilen Sie“, drängte er mich. Ich öffnete den Brief, der nur aus ei­nem einzigen Blatt bestand und erstaunte mich über den Absender:

‚treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Febru­ar 1832 – J. W. v. Goethe’, las ich auf Deutsch am Ende der Seite in einer unruhigen, aber gut leserlichen Handschrift.

„Goethe? Dupin, Sie überraschen mich aufs Neue. Sie befinden sich im Briefwechsel mit dem Deutschen Dichterfürsten!“

„Nun, der alte monsieur conseiller ist ein fleißiger Briefeschreiber“, erwiderte Dupin ruhig, während er erneut das Kofferpacken aufnahm. “Zumalen er seine correspondence schon seit Jahren seinem Sekretär John diktiert. Obgleich meine Wenigkeit ebenfalls eine dichterische Ader pochen fühlt, ist es doch eher die ge­meinsame Liebe zur Wissenschaft, die unseren Gedan­kenaustausch förderte.“ Ich nickte verwirrt. Wie we­nig wusste ich von diesem Menschen, mit dem ich während meines ersten Parisaufenthalts die Wohnung geteilt hatte und der zu den wenigen Freunden zählte, die ich auf der Welt hatte. Umso mehr interessierte mich daher, welcher Natur der Briefwechsel zwischen Dupin und Goethe war. Ich öffnete also erneut das Blatt und las:

‚Nach einer langen unwillkürlichen Pause habe ich auf Ihr sehr wertes Schreiben, mein Teuerster, wahr­haftest zu erwidern, dass ich in unsrer gemeinsamen Sache einige Fortschritte getan.

Wir sind einig, Dupin, es war nicht Schillers Sache, mit einer gewissen Bewusstlosigkeit und gleichsam in­stinktmäßig zu verfahren, vielmehr musste er mit mir über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam, dass er über seine Ideen nicht unterlassen konn­te, sehr viel hin und her zu reden, so dass er alle seine Stücke mit mir durchgesprochen hat. Dies gilt auch für die von Ihnen in Erwähnung gebrachte abge­brochne Erzählung, die in der Tat, wesgleichen Sie in­sistierten, auf einem Zeitungsbericht beruhte, der Schillern in Jena um 1790 begegnete.

Es ist ein eignes Ding mit der Erinnerung, sie erwei­set sich wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblick, wo wir es fassen und zu besitzen glauben, unseren Ar­men doch wieder entschlüpft. Ich teilte Ihnen noch in meinem letzten Briefe mit, ich hätte kein Gedächtnis von der Geschichte und ihrer Fortsetzung, so wenig als ich vom Abschluss der Geisterseher wüsste – habe mich jedoch geirrt. Tatsächlich ist mir bei einer Durchsicht meiner grenzenlosen Papiere der Name der Gräfin wieder eingefallen und ich weiß plötzlich auch erneut ob der Mutmaszungen, die Schiller um den ge­waltsamen Tod ihrer Ehegatten angestellt und wen er dieser ruchlosen Taten verdächtig machte.

Verzeihen Sie, Dupin, einem alten Manne, wenn sei­ne Erinnerungen ein wenig sprunghaft erscheinen; verzeihen Sie ihm abermalen, wenn er einer Grille, die ihm durchs Gehirn lief, nachging und in seinen Akten ein wenig Polizeicommissar spielte; denn der Mensch will immer tätig sein und kann und soll seine Eigen­schaften weder ablegen noch verleugnen. Gar selten tut er sich selbst genug, desto tröstender ist es, andern genug getan zu haben:

Daher darf ich Ihnen die Mitteilung weiterreichen, die verwitwete Gräfin Bianca von Hohenlohe – da steht nun endlich ihr Name –, lebe noch und erfreue sich guter Gesundheit. Sie habe sich nach dem so tragischen wie rätselhaften Tode ihres vierten Gatten nicht mehr verheiratet und lebe von der Welt geschie­den auf dem Gute ihres sel. Vaters, des Grafen Lu­dewig von Metzenstein, im Thüringischen. Bei einem unserer wöchentlichen Treffen gelang es mir nun, die Groszherzogin Maria Pawlowna zu bereden, die Grä­fin zum Frühlingsfest an den Hof zu laden. Ich bin überzeugt, aus dem Munde der Hauptperson Näheres über unseren Fall und darüber zu erfahren, ob denn Schillern mit seiner Verdächtigung betreffs der Morde recht dachte oder ob es ihm an den Kräften fehlte, die eigenthümlichen und wahren Motive zu finden.

Verzeihung diesem verspäteten Blatte! Ohngeachtet meiner Abgeschlossenheit findet sich selten eine Stun­de, wo man sich die Geheimnisse des Lebens vergegen­wärtigen mag.

treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Februar 1832 – J. W. v. Goethe’

Ich legte das wertvolle Papier vorsichtig auf den Bü­chertisch. „Ein interessanter Brief, Dupin, in der Tat! Auch wenn ich nicht behaupten kann, alles verstan­den zu haben. Aber aus welchem Grund meinen Sie denn, es ginge hier um Leben und Tod? Und weshalb packen Sie? Sie fahren doch wohl nicht nach Deutsch­land -“

„- direkten Wegs ins Groszherzogtum von Sachsen-Weimar-Eisenach, an den Frauenplan zu Weimar, zu dem Herrn Geheimen Rat Goethe, um explizit zu sein. Ich habe eine Privatpost abonniert, die uns noch heu­te Nacht gen Frankfurt befördert. Ach, was gäbe ich für eine Personenbahn, wie sie eben zwischen Man­chester und Liverpool eröffnet wurde. Die Zeit läuft uns davon! Wenn ich den Brief nur eher bekommen hätte!“ Mit diesen zornigen Worten warf mein Freund ein letztes Buch in seinen Koffer und schloss ihn mit Nachdruck. Nun erst sah er auf und mein Erstaunen. Er seufzte leise und kramte aus der abgründigen Ja­ckentasche seine Uhr hervor. Dann setzte er sich in seinen Ohrensessel und wies auf meinen Platz ihm ge­genüber, der mir nicht danach aussah, als habe ihn Dupin in den Jahren, in denen ich ihn nicht mehr beansprucht hatte, jemals verrutscht. Und während ich mich ebenfalls setzte, war mir, als wäre ich in der Zeit zurückgegangen zu jenen Abenden, an denen wir hier nur mit der Hilfe der Verstandeskraft – Dupins, versteht sich – die rätselhaftesten Verbrechen aufzu­klären vermochten. „Einige Minuten werden uns noch bleiben, teurer Edgar. Sie haben doch, wie ich vermu­te, Ihr Gepäck noch bei sich“, sagte Dupin und führte mich zurück in die Gegenwart dieses unfreundlichen Märzabends. Wie immer blätterte er in meinen Ge­danken wie in einem geöffneten Buche.

„Da ich direkten Weges von der Kutsche zu Ihnen eilte – ließ ich die Koffer unten bei der Concierge un­terstellen – hoffte ich doch wieder bei Ihnen Wohnung und Logis zu finden. Aber ist denn der Herr von Goe­the krank? Sein Brief rechtfertigt ein solches Vermu­ten nicht.“

„Nach dem plötzlichen Tode seines Sohnes August vor zwei Jahren in Rom schien es schon mit ihm zu Ende zu gehen, aber nun erfreut sich der Geheimrat – soweit mir bekannt – wieder einer für sein hohes Al­ter ordentlichen Gesundheit; wenngleich mir sein Herz angegriffen erscheint. Er meidet Tod und Leiden jedoch wie der Teufel das Weihwasser. Nach seinem Brief muss ich allerdings besorgen, dass er sich eben jenen ins Haus geholt hat.“

„Sie sprechen von der Witwe, Dupin, jener Gräfin zu Hohenloh“, vermutete ich.

„Oder von ihrem Umfeld – wir wollen da keine vorei­ligen Schlüsse ziehen. Die objektive Tatsache ist nun: Diese wahrhaft ‚schwarze Witwe‘ hat alle ihre Ehe­männer überlebt und jeder von ihnen wurde aufs Grausamste ermordet.“ Dupin legte wie in einem Ge­bet die Finger aneinander und hob sie an seine Lip­pen. Er genoss diese dramatischen Pausen. „Ja, ich fürchte auf das Schlimmste“, folgerte er dann besorgt und schien gewillt, weitere Mitteilungen zu machen. In diesem Moment wurde er jedoch in seinen interes­santen Ausführungen von der Concierge gestört, die an die Tür der Lesestube klopfte und die Ankunft der bestellten Extrapost meldete. Dupin sprang auf.

„Die Gräfin wird zum Frühlingsfest in Weimar er­wartet. Folglich müssen wir unbedingt vor ihr beim alten Goethen sein“, rief er. „Helfen Sie mir mit mei­nem Koffer, Edgar? Was stehen Sie denn da herum? So kommen Sie, jede Minute ist kostbar. Hätten Sie sich nicht verspätet, könnten wir morgen früh schon in Reims sein.“ Gehorsam trat ich vor.

„Aber, Dupin, denken Sie an meine Arbeit. Ich kann doch nicht einfach –“, fiel mir ein. Ich liesz den Koffer wieder fallen. Dupin stolperte mit seinem Gewicht nach vorn.

„Mache Sie sich keine Gedanken, dafür ist längst eine Lösung gefunden. Ich habe kürzlich die Bekannt­schaft eines jungen Deutschen gemacht, der gleich Ih­nen vor Ort ist, für seine Zeitung über die Französi­schen Zustände zu berichten. Er wird Ihnen seinen Artikel für den März überlassen; sie brauchen ihn dann nur mehr ins Amerikanische zu übertragen. Und seien Sie versichert, dieser Herr Henri Heine denkt so republikanisch wie Ihr Publikum in den Staaten.“ Was konnte ich noch sagen, welche Ausflüchte vor­bringen? Bin ich doch immer leicht formbares Wachs in den Händen meines Freundes gewesen und – ich ge­stehs! – nur allzu leicht zu solch einem formidablen Abenteuer zu überreden, das mich zudem der Be­kanntschaft eines bewunderten Dichters nahebrachte –, spielte ich doch nach meiner unglücklichen Militär­zeit ernsthaft mit dem Gedanken, ebenfalls Schrift­steller und berühmt zu werden. So darf es nicht Wun­der machen, dass ich entschlossen Dupins Schrankkof­fer wieder aufnahm und uns der Dämmer eines windigen und regnerischen Märzmorgens bereits etliche Meilen hinter Paris über aufgeweichte und holprige Landstraszen eilend fand, mit dem Ziel, das Leben des Herrn von Goethe zu retten.

Schauerliche Stunden lagen hinter uns, in denen ich keinen Moment Ruhe gefunden hatte. Doch obgleich der mutige Kutscher die Gefahren solch einer Reise in den schwärzesten Farben ausgemalt und allein durch ein beträchtliches Zugeld überredbar war, die Nacht hindurchzufahren, hatte er die Miet-Chaise treulich durch Sturm und düsterste Finsternis gebracht. Allein durch das unsichere Licht der beiden Sturmlaternen beschienen ging die Fahrt über verwirrende Waldwege und Wiesenstrecken. Mehr als einmal näherten sich die Räder gefährlich dem Straßengraben und schlit­terten in Kurven schmatzend zur Seite. Aber die Pfer­de griffen tüchtig aus, angefeuert von den mal schmei­chelnden, mal drohenden Schimpfwörtern des Kut­schers. Dupin schlief bereits, bevor wir die Pariser Vororte hinter uns gelassen, lehnte gegen sein kleines Felleisen, des einzigen Gepäckstücks, das er neben dem Bücherkoffer mit sich führte und sah so geborgen aus wie in seinem Sessel in der Rue Dunôt, wenn ihn der Schlaf über einer Lektüre überrascht hatte. Na­türlich brannte ich auf weitere Informationen, aber ich liesz ihn ruhen. Da wir in Etwa fünf bis acht Tage bis Weimar unterwegs waren, hatte ein klärendes Ge­spräch keine Eile.

Mit dem trüben Licht des Morgens ging dem Sturm die Wut verlustig, aber es regnete nach dem ersten Pferdewechsel noch immer fleiszig und unverdrossen, wie sittsame Mädchen des Nachmittags unaufhaltsam spinnen: Die Räder der engen Chaise schnurrten, die Tropfen klatschten an die Fenster, es war aschgraues, französisches Wetter. In solch schmutzigem Reiter­mantel lagen die brachen Felder der Ile de France auf dem Wege; da tat ich ebenfalls die Augen zu und reka­pitulierte mein ganzes Leben, wie ich das immer ma­che, wenn ich auf Reisen gehe. Erschöpft von meinem Leben und von Frankreich, schlief auch ich und hatte einen gar seltsamen Traum:

Mir war, ich stünde im engen Hof eines brennenden Schlosses. Die Flammen brüllten im ersten Stock, ein heiszer Wind trieb mir glühende Funken ins Gesicht. Voller Angst suchte ich inmitten des wirbelnden Cha­os dieses sturmverworrenen Feuers nach einem Aus­gang, nach dem rettenden Tor. Da war es! – und es barst auseinander. Blutige Flammengarben stoben in alle Richtungen – und in der Mitte erblickte ich ein Ross und auf ihm, barhäuptig und wüst zugerichtet, einen Reiter. Es war Dupin! Er vermochte dem Ga­lopp keinen Einhalt zu gebieten. Seine schmerzver­zerrten Züge, seine ganze, krampfhaft zuckende, kämpfende Gestalt erweckten mein Mitleiden. Er öff­nete die zerrissenen Lippen, welche im Entsetzen durchgebissen waren, rief ein Wort. Es war deutsch, aber ich vermochte ihn nicht zu verstehen. Das Häm­mern der Hufe erscholl scharf auf dem Pflaster. Das Ross bäumte sich auf und sprengte über mich hinweg.

Ich schrie und erwachte – blickte in Dupins lächeln­des Gesicht, das keineswegs ruszverschmiert und ver­brannt war. Die Hufe donnerten noch immer, aber sie gehörten den Pferden, die unsere kleine Post eilig durch Regen und Wind gen Teutschland trugen.
„Das war ja wahrlich ein Teufelspferd, das ich da ritt, Edgar“, sagte Dupin spöttisch und reichte mir ein Glas mit Wein, den er während meines unruhigen Schlafes geöffnet hatte. Ich nahm es noch zitternd in die Hand, verschüttete ein paar Tropfen, als ich es zum Munde führte. Erst dabei wurde mir bewusst, was Dupin gesagt hatte.

„Woher, zum Teufel! – wussten Sie jetzt, was ich träumte? Es reicht mir mit Ihren sybillinischen Offen­barungen, legen Sie endlich die Quellen ihrer Weissa­gungen blosz. Oder können Sie meine Gedanken lesen? Mein Gott, Dupin, ich bin es leid“, redete ich mich in eine Rage, die durch die Tatsache, dass ich meinen Reiserock mit wertvollem süszem Bordeaux ruinierte, noch wuchs.

Mein Freund lachte auf und prostete mir zu. „So ist es recht! Garde! Dabei war es nachgerade die Einfach­heit der Sache, die Ihnen den Blick verstellte, Edgar. Ihre romantische Ader und Ihre Beschäftigung mit Mesmerismus und Magnetismus führt Sie schnur­stracks von dem Pfad der Wahrscheinlichkeit in den Sumpf der Spekulation. Das Wunderbare ist Ihnen überzeugender als das Offensichtliche. Sie erwarten je­derzeit von mir nichts geringeres als den Beweis mei­nes sagenhaften analytischen Vermögens. Ein Mirakel ist Ihnen dabei lieber als eine langweilige und einfache Begründung, die auf schlichter Beobachtung beruht. Sehen Sie, mein lieber amerikanischer Freund, auch deshalb liebe ich Schiller: Er hält nichts von Flüchen, die Adelshäuser vernichten, von teuflischen Mächten und finstren Gestalten in düstrer Nacht, von mesmer­schen Offenbarungen und von Geistererscheinungen, dieser ganzen Seuche, mit der Mr Walpoles ‚Schloß Ortranto’ die Literatur infizierte …“

„Ich erinnere Sie jedoch an Schillers unvollendeten Roman, die ‚Geisterseher’, ein Buch, das ich gerne und oft gelesen habe“, warf ich ein.

„Eben – ich betrachte den Prinzen von …d… als ein Vorbild. Erinnern Sie sich, Edgar: Der Prinz erklärt die geheimnisvolle Seance auf einfachste Weise als das, was sie war – nur ein gerissener Taschenspieler­trick eines Gauners.“

„Und Ihre Weissagungen, sind das auch nur ge­schickte Gaunereien?“ Dupin nickte und lachte er­neut.

„In gewisser Weise … Sie sprachen im Schlaf, Edgar. ‚Oh, was für ein schreckliches Ross. Oh, Dupin! Schnell – steigen Sie herab! Reiten Sie nicht in den Feuerschlund!’ Die letzten Wörter habe ich allerdings nicht verstanden. Sie klangen deutsch, so ähnlich wie ‚Metzger‘ und ‚Stein‘.“ Er tippte sich an die Nase. „Ich frage mich manchmal, was solche Traumgesich­ter zu bedeuten haben, welches Band sie an die Wirk­lichkeit fesselt. Vieles bleibt uns Heutigen in der Psy­che des Menschen verborgen. Es ist an der Zeit, dass auch die Seele ihren Napoleon findet und einen Linné, um sie zu katalogisieren.“

„Das beiseite – weshalb Sie mich gestern des Abends bereits erwarteten –, ist die Erklärung ebenso ein­fach?“

„In der Tat. Mich wundert, dass Sie nicht selbst dar­auf stieszen. Ich lese doch Zeitungen, fürwahr die loh­nendste Lektüre in dieser Zeit. Ich bin auch auf den Mercury abonniert, der es sich nicht nehmen liesz, Ihre Europafahrt in zwei Spalten anzukündigen. Die Zeitung wurde mit dem gleichen Schiff wie Sie über den Atlantik gebracht. Ich hielt das Blatt allerdings bereits am Morgen in Händen, da es nicht gleich Ih­nen über Nacht in Calais verblieb. Also brauchte ich nur mehr einige kleinere Erkundigungen einzuziehen und wusste, wann sie planmäszig eintreffen würden – das Pariser Büro von Lloyd`s ist sehr zuverlässig. Es hat mir schon häufig gute Dienste erwiesen. Ich er­hoffte Sie allerdings schon etwas früher …“

„Die Post wurde bedauerlicherweise durch den Sturm aufgehalten.“

„Um wieviel mehr freut mich deshalb Ihre rasche Bereitschaft, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten, Edgar. Es ist nun aber wohl an der Zeit, Ihnen ein wenig mehr über den düst­ren Fall mitzuteilen. Lesen Sie zuerst diesen Balla­denentwurf und dann diese Dichtung von Schiller und sagen Sie mir, was Sie davon halten.“ Dupin griff in seine abgründige Weste und reichte mir zwei Bögen, auf die er mit seiner eigenartig nach links geneigten Handschrift einen kurzen deutschen Text und auf das andere ein Gedicht abgeschrieben hatte. Wie ge­wünscht las ich zuerst den abgebrochnen Plan Schil­lers für eine Ballade:

„Bianca, eine reiche und edle Gräfin von …, war dreimal vermählt worden, und allemal hatte man den Bräutigam getötet am anderen Morgen gefunden. Die allgemeine Sage ging, dass ein Geist, der in der Burg hause und dem nicht zu entfliehen sei, dieses getan. Kein Freier wollte sich mehr zeigen, so schön, reich und edel auch die Gräfin war und so geneigt auch ihr Vater gewesen sein würde, seine Einwilligung zu ge­ben. Sie hatte von ihren Männern keinen geliebt und blosz den Willen ihres Vaters vollzogen. Ein junger Edelmann, mutig und verliebt, hörte von dieser Ge­schichte. Er sah die Braut, sie bezauberte ihn, und er beschloss, sein Glück zu versuchen. Man will ihn ab­schrecken, er spottet über den Aberglauben und trägt sich ihrem Vater an. Diesem gefällt er auszerordent­lich, aber eben darum will der Vater die Heirat nicht zugeben. Don Leira wendet sich an die Schöne selbst, die für ihn die erste Liebe empfindet, aber eben darum davor schaudert, ihm ihre Hand zu geben, weil sie ihn für unrettbar verloren hält. Er bringt es aber doch zu­letzt dahin, dass in die Vermählung gewilligt wird, er führt sie zum Altar und fühlt sich als den glücklichs­ten Menschen im Besitz s. schönen Geliebten.

Die Nacht kommt heran …“ Kopfschüttelnd legte ich das erste Blatt zur Seite und beschäftigte mich mit dem Gedicht auf dem zweiten:

„Der Gräfin von H.
W.o du bist und wo dich hingewendet,
wie dein flücht’ger Schatten mir entschwebt?
Hast du nicht beschlossen und geendet,
hast du nicht geliebt, gelebt?
da werd ich dich wiederfinden,
wenn mein Leben unserm Lieben gleicht;
dort ist auch der Vater, frei von allen Sünden,
dorT ihn blut’ger Mord nie mehr erreicht.
ächzend stöhnt, dass ihn ein Wahn betrogen,
stumm er aufwärts zu den Sternen sah,
sieh, wie jeder wiegt, wird ihm gewogen.
Herr! – du glaubst, so ist der Morgen nah.“

Ich legte auch den zweiten Bogen zur Seite und geri­et in starke Versuchung, mit meinen Schultern zu zu­cken. Was war mir entgangen, das Dupin in den bei­den Texten gefunden haben mochte und ihm so aus­zerordendlich erschien? – Auf mich wirkten sie doch höchst gewöhnlich und – frisch und ehrlich gesagt – hielt ich sie auch nicht von allzu hoher dichterischer Qualität. Mein Freund betrachtete mich mit wachsen­der Spannung.

„Und …? Was sagen Sie dazu, Edgar?“, fragte er schließlich, da ihm mein Schweigen nun doch zu lang wurde. Beteiligt beugte er sich zu mir und legte eine Hand auf die Blätter.

„Nun, gut“, entschied ich mich, „ich kann mit Ver­laub nicht erkennen, was daran Ihr professionelles In­teresse und Ihren Verdacht erweckt haben mag, Du­pin. Der Einfall für die Ballade erscheint ein wenig schauerlich und sehr deutsch – ich habe ihm die Ein­wände entgegenzubringen, die Sie gegen mein eigenes Denken aussprachen; zu romantisch sei es – falls ich mich recht erinnere. Zu schade jedoch, dass dieses Bruchstück endete, als es mir spannend zu werden schien. Aber vielleicht mag Schiller die Fehler selbst bemerkt und deshalb abgebrochen haben. Was die Verse betrifft: Zu ihnen möcht ich mich nicht gerne äußern. Mein Deutsch ist doch zu schlecht, mich an ihnen zu delektieren. Jedoch schien mir der Reimfluss ein wenig holpernd – als wäre Schiller beim Schreiben mit uns hier in der Chaise gesessen und dabei ordent­lich durchgeschüttelt worden, da er sie niederschrieb. Darf ich vermuten, beide, die Lyrik und das Balladen­konzept wären eher frühe Werke des Meisters?“

„Weit gefehlt, wenn auch gut bemerkt“, erwiderte Dupin und wirkte enttäuscht. Offenbar hatte er sich eine andere Antwort von mir erhofft. „Beide Blätter sind nicht der ungelenken und unerfahrenen Feder der Jugend entflossen, sondern der zitternden, fiebrigen Hand des Kranken, der weisz, dass seine Tage gezählt sind. Sagen Sie mir! – Ist Ihnen denn auszer den ver­unglückten Alexandrinern nichts weiters mehr aufge­fallen? Ich dachte, Sie sind ein Liebhaber von gehei­men Nachrichten und Codetexten. Versuchen Sie ihr Glück und finden Sie das Verborgene; es ist nicht schwer.“ Bei meinem Stolz ergriffen nahm ich den Bo­gen, auf dem sich das Gedicht befand, erneut zur Hand.

„Beide, das Gedicht und der Entwurf … sie gehören zusammen. Das sehe ich. Sodann fällt mir bei zwei Wörtern in der ersten und in der dritten Strophe die Merkwürdigkeit ihrer Schreibweise ins Auge. – Der Punkt hinter dem „W“ am Anfang und das groszge­schriebene „T“, hingegen ein kleingeschriebendes „d“ zu Beginn der zweiten Strophe. Da ich vermuten will, es handle sich dabei nicht um einen Flüchtigkeitsfeh­ler, der Ihnen beim Kopieren unterlief … was Ihrer sonstigen Art vollkommen entgegenstünde, Dupin …, dann stammen diese Markierungen aus der Hand des Dichters.“

„Sie sind auf der richtigen Spur. Das Geheimnis liegt offen vor Ihnen, Edgar. Sie müssen nur verstehen, es zu lesen und zu deuten“, munterte mich mein kluger Freund auf und da sah ich des Rätsels Lösung deut­lich vor mir! – Es war eine recht simple Geheimschrift, die Schiller sich da ausgedacht hatte und gerade ihre Einfachheit hatte mich für sie blind gemacht. Las man von oben nach unten jeweils den ersten, dann den zweiten, den dritten und schließlich den vierten Buchstaben und dies in jeder der drei Strophen, dann ergab sich folgende Botschaft:

„W. ist der Täter!“

Stromausfall – Erzählung (Leseprobe)

Ende April erscheint mein neues Buch „Stromausfall“, das die drei Erzählungen aus der Marga-Trilogie in einem Band vereint: „Eine andere Art der Liebe“, „Labyrinthe“ und die titelgebende Geschichte „Stromausfall“, deren Anfang ich heute als Leseprobe vorstelle.

 

STROMAUSFALL

A: Ein Geflecht

Marga

Ich nenne sie nicht Marga; nur wenn Ich böse auf sie bin, sage Ich: Das hättest du wissen müssen, Marga, oder: Marga, was bist du heute dumm. Sonst sage Ich ich zu Marga.

Marga und Ich darf man nicht verwechseln. Beide Wörter sind Namen für die gleiche Person. Trotzdem: Marga und Ich sind in konstruktivistischem Sinne Prädikatoren, die die dieselbe Person meinen, aber in Wahrheit nicht bedeuten. Beider Sinnebenen sind sich ähnlich. Sie gleichen sich oft. Aber sie besitzen nur eine Schnittmenge, denn beide tragen einen Bereich in sich, der von dem anderen in absoluter Weise unterschieden und unterscheidbar ist. Im Text wird von Marga die Rede sein. Ich werde nur in den ergänzenden Anmerkungen erscheinen. Daher genügt es, allein Marga zu definieren. Das ist gut so. Denn Ich ist von mir nicht zu erfassen, da Ich ein Teil von Ich bin und Ich dessen Ränder, falls solche existieren, durch die Grenzen meines Horizontes nicht abschätzen kann. Die Person Ich tendiert ge­gen unendlich und ist in einer Definition nicht zu umreißen, denn man kann Unendliches nicht mit endlichen Begriffen umzäunen.

Anders Marga: Sie ist ein fest definierter Teil eines klar erfassbaren Umfeldes. Sie ist, völlig im Gegen­satz zu mir, Element eines Geflechts und kann durch ihre Beziehungen zu anderen Elementen be­schrieben werden. Das soziale Geflecht, in dem sich Marga bewegt, ist in der Beziehungsstruktur ihrer Elemen­te starr determiniert, nach den nur mündlich fixier­ten Gesetzen der Dorfgemeinschaft, welches ihrer Teile was tun darf und was nicht. Die letztent­scheidende Instanz ist die Haushälterin des Pfar­rers, ihr müssen sich sogar der Geistliche selbst und Gott beugen. Die Bestimmung des Geflechts muss im Ungewissen bleiben. Marga ist Tochter und Schwester. Sie besucht das naturwissenschaftliche-technologische Gymnasium im nächstgrößeren Ort. Das ist die Kreisstadt Sonthofen. Ihr Dialekt ist der ihrer Eltern. Es ist eine südliche, gebir­gige Sprachform, schwer und breit; weit vom Hochdeutschen entfernt und voller spezieller Wortschöpfungen, die bereits in Kempten schon nicht mehr verstanden werden. Dieser Dialekt ist längst durch den massiven Angriff des flachdeut­schen Ausflug­tourismus in einem verlustreichen Rü­ckzug begrif­fen. Marga ist sechzehn Jahre alt. Dabei hat sie nie in den Jahren gelebt, nicht einmal in den Tagen. Sie lebt ausschließlich in Augenblicken, in vergänglichen, aber bewussten Momenten. Manchmal denke Ich, es wäre klüger, Alter nach diesen Momenten zu zählen. Dies würde im Vergleich erfahrbar machen, wie viel jemand tatsächlich gelebt hat.

Die Beziehungen (geordnet nach ihrer augenblicklichen Bedeutung)

(1) Eine Freundin, mit der sie sich mehrmals in der Woche in der Schule und auch in ihrer Freizeit trifft, wird von ihr „Hanni“ genannt. Allein der Name genügt fürs Erste.

(2) Margas nächste, also zweitbedeutende Bezie­hung nennt sie „Schorsch“. Er ist im Frühjahr neunzehn geworden. Hier habe ich bereits das Dilemma: Bedeutet diese um den Wert Drei höhere Zahl, dass Schorsch älter, gar erfahrener ist? Mir scheint, wenn Ich Leben nach den oben erwähnten Augenblicken rechne, dann ist Marga älter und erwachsener als ihr Freund. Schorsch lernt beim Dorfschnitzer das edle Handwerk, aus rohen Holzblöcken Devotionalien und weltliche Bildwerke zu schaffen. Das ist durch den boomenden Tourismus in den Hörnerdörfern ein zukunftsicherer und angesehener Beruf. Schorsch betrachtet sich als arm, da ihn sein Lehrherr, wie er denkt, arg kurzhält. Was sind 270 DM im Monat, wenn man ein Motorrad besitzt? Marga und Schorsch sehen sich regelmäßig einmal in der Woche am Samstag.

(3) Margas als streng aber gerecht bekannte und von vielen gefürchtete Deutschlehrerin, von ihren Schülerinnen Frau Hinrich, oder, nach ihrer Art, sie anzuspre­chen, weniger respektvoll „Mädeles“ genannt, ist die Beziehung von ihr, die aus dem Rahmen des zu Er­wartenden fällt. (Was man eben landläufig „erwar­tet“ oder unter „Erwartung“ zu verstehen hat. Ich weiß, ich mache es mir hier etwas zu einfach. Wür­de Ich aber an dieser Stelle näher auf den Begriff einge­hen, würde meine Anmerkung zu gewichtig ausfal­len.) Regelmäßig zweimal im Monat, an dafür festgeleg­ten Tagen, besucht Marga mit Hanna und anderen Mädchen Frau Hinrich in deren Wohnung, man trinkt Tee und redet angeregt über Literatur und deren ge­sellschaftliche Aspekte.

Die Beziehungen (1), (2) und (3) sind

(4) den Eltern von Marga kein Dorn im Auge. Sie werden jedoch von ihnen mit einiger Skepsis beobachtet. Die Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe ernst. Doch bleibt ihnen kaum Zeit übrig, ihre Tochter tatsächlich zu erziehen. Schließlich sollte sie inzwischen alt genug sein, auf sich selbst zu achten. Das ist eine Auffassung, der sich Marga anschließt und die sie ernst nimmt – ganz im Gegensatz zu den Eltern, für die dieser Satz ein Lippenbekenntnis ist, das sie immer dann im Munde führen, wenn ihre Tochter ungeliebte Arbeiten übernehmen soll. Die Beziehung zu den Eltern ist problematisch, da sie keine freiwillig aufgebaute, sondern, beiderseitig, eine gezwungene ist, die hauptsächlich formelle und pubertäre Schwierigkeiten belasten.

Die Beziehungen (5), (6) und (7) sind momentan eher unbedeutend, die Bedeutung ist entweder bereits vergangen oder sie wird sich erst in der Zukunft entfalten.

(5.) Bettina, Margas um drei Jahre jüngere Schwester, fällt ihr in erster Linie durch ihre aufdringliche Gegenwart lästig. Sie wird von ihr allerdings benützt, um sich von Aggressionen, die durch andere Beziehungen entstehen, zu befreien. Deshalb quält sie Bettina auf vielerlei Arten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

(6.) Marga hat Jens Wetzlar vor etwa vier Monaten zu Ostern zum letzten Mal gesehen. Sie hofft, ihm nicht noch einmal zu begegnen. Er ist ihr nicht unsympathisch. Sie erachtet die Beziehung nur für beendet. Es wäre Marga peinlich, wenn sie noch einmal aufleben würde und sie sich in Zukunft erneut mit Wetzlar auseinandersetzen müsste.

(7.) Ein Soldat, den Marga bisher noch nicht ken­nengelernt hat und dessen Namen sie nicht erfahren wird, wird zu einem kritischen Moment ihrer Ent­wicklung eine nicht gering zu bewertende Rolle spie­len. (Da Ich absolutes Erinnerungsvermögen besitze und dies vom Augenblick der Geburt Margas an, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Ich auch in gewissen Gren­zen Zukünftiges von ihr weiß und Tendenzen ihres Schicksals mit nahezu absoluter Gewissheit ab­schätzen kann. Wenn man an die Konstruktion Zufall glaubt, miss­achtet man das Prinzip von Ursache und Wirkung. Bei vollkommener Kenntnis des Vergangenen lässt es sich exakt auf jedes zukünftige Ereignis schließen. Der freie Wille ist folglich nur eine Illusion. Dagegen kann man sich gefühlsmäßig verwehren, anzuzwei­feln ist diese Tatsache nicht.)

(8.) Es bleiben noch Marga und das Namenlose: Marga ist schwanger. Etwas noch nicht Fassbares hat vor vier Monaten in Unserem Inneren zu leben begonnen.

Anmerkungen

zu (1): Hanna Apler, Margas „Hanni“, hat seit geraumer Zeit erhebliche Verständnisschwierigkeiten im Unterrichtsfach Ma­thematik. Das liegt weniger an ihrem Fleiß und ih­rer Lernbereitschaft, als an ihrer Art zu denken. So kann ihr Marga, die zwar weniger fleißig ist, dafür aber einen deduktiven Verstand besitzt, kaum hel­fen, obwohl die beiden oft gemeinsam lernen. Da sie jedoch in der Schule nebeneinander sitzen, lässt Marga ihre Freundin bei Arbeiten abschreiben. Nur aus diesem Grund hat Hanna akzeptable schriftliche Mathematiknoten, denn ihr ist bereits vor zwei Schuljahren der Faden gerissen. Das war an dem Tag, an dem die Algebra das Rechnen mit Zahlen ersetzte. Fassungslos steht sie inzwischen vor mit geometrischen Funktionen und Gleichungen beschrifteten Tafeln, die ihr so geheimnisvoll und absonderlich wie ägypti­sche Hieroglyphen scheinen.

Doch Hanna ist keine Schmarotzerin, ide die enge Freundschaft mit Marga ausnutzt, um sich durch die Schulzeit zu mogeln. Häufig ist es Marga, die von Hannas Fleiß im Auswendiglernen profitieren kann, zum Beispiel in Fächern wie Sozialkunde, Biologie oder Erdkun­de, denen Marga vollkommene Interesselosigkeit entgegenbringt. Die Abschreibmethoden der beiden sind im inzwi­schen vierten gemeinsamen Schuljahr perfektioniert. Deshalb werden sie, trotz verstärkter Bemühungen der Lehrkräfte, nur selten des Unterschleifs überführt. Die wenigen „ungenügend“ oder „mangelhaft“ in den Notenlisten fallen daher nicht wei­ter ins Gewicht. Man kann von einer Symbiose spre­chen, einer für beide gewinnbringenden Überein­kunft, die durch die starke Sympathie, die sie für einander empfinden, funktioniert.

Ein Unterrichtsfach gibt es, in dem sie beide glei­chermaßen begabt sind und deshalb kaum Grund zum „Spicken“ haben: Deutsch. Hier sind sie mit­einander wetteifernd die Elite der Klasse und die Musterzöglinge von Frau Hinrich, die, so behauptet sie zumindest anderen Lehrkräften gegenüber, nur wegen den beiden Mädchen diese schwierige Klasse behält. Doch auch in Deutsch ist das Talent der Mädchen eindeutig unterschieden: Hanna ist dem Schönen, Wahren und Guten zuge­tan. Sie hat sich in ihrer frühen Jugend entschieden, Dichterin zu werden und schreibt in ihrer Kammer Bleistiftenden zerkauend Gedichtzeilen voller Tren­nungsschmerzen und Sonnenuntergängen, die sie aber nie­mandem außer Marga zeigt. Hanna ist für ihr Alter belesen. Sie hat sich einen antiquierten, aber leicht bekömmlichen Schreib- und Ausdrucksstil angeeig­net, der ihre inhaltlich uninteressanten Aufsätze flüssig lesbar macht und die Hauptursache für ihre gute Deutschnote ist. Marga hingegen erachtet diese amateurhafte Form von schöngeistiger Betätigung für verlogen und weltfremd. Hannas Gedichte nennt sie einen „Honigschmarrn“. Diese Wortschöpfung stützt meine Er­kenntnis. Marga ist nicht, wie sie selbst glaubt, grausam realitätsgläubig, sondern hat für unbe­dachte Momente eine gewisse Weiche bewahrt, die sie allerdings niemandem, nicht einmal Hanna oder gar sich selbst, eingestehen würde. Marga leidet stumm, wenn ihr Hanna mit über­schwänglichem Zittern in der Stimme ihre klangvol­len Kopfgeburten vorträgt. Nur die Freundschaft, die sie aus diesem Grund nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will und das Wissen, wie wichtig Hanna ihre literarischen Ergüsse sind, hindern Marga dar­an, sie mit Verrissen zu konfrontieren. Statt des­sen lobt sie freundlich, wenn auch zögernd und uninspi­riert. Doch Hanna, die nur hört, was sie hören will, ist‘s zufrieden.

Margas Aufsätze sind besser als die ihrer Freundin. Sie sind nicht so literarisch ausgefeilt, ihre Gedankengänge sind jedoch originell, pointiert und klar strukturiert. Die Höchstnote bleibt ihr meist nur deshalb versagt, weil ihre Texte aufdringlich von ihrer persönlichen Auffassung durchtränkt sind, sie durch ihren Essaycharakter meist am vorgegebenen Ziel einer sachlichen Erörterung vorbeigehen. Margas Literaturinterpretationen sind jedoch brillant und erfassen sezierend klar die Ideen, die in den Texten stecken. Hanna zäumt das Pferd von der anderen Seite auf, indem sie mit Einfühlungsvermögen für Autoren und ihre Worte in den Text wie in ein religiöses Mysterium einzudringen versucht und doch meist zu den gleichen Folgerungen wie die nüchterne Marga gelangt.

zu (2): Schorsch, der mit der gleichen Hingabe und Zärtlichkeit Gewänderfalten von Nothelfern schnitzt, wie er Marga streichelt, sieht die Frage nach seiner Zukunft auf eine Auseinandersetzung mit einem einzigen Problem reduziert. Sie hat ihn zerfahren, jähzornig und nervös gemacht und ihm eine steile, senkrechte Falte in die Stirn gegraben, die sein ansonsten glattes Gesicht für Marga so in­teressant gemacht hat, dass sie sich in ihn verliebte. Schorsch will auf keinen Fall Soldat werden. Er hat vergebens über zwei Instanzen hinweg den Kriegsdienst verweigert. Wenn er seine Lehre in ei­nem Jahr abgeschlossen hat, kann ihn nur noch eine Krankheit oder weitere Abrüstung vor einer Einbe­rufung retten. Schorsch ist ein zerrissener Mensch und ein tragischer dazu. Nur wenn er schnitzt oder mit Marga zusammen ist, ist er mit sich eins. Die restliche Zeit sorgt er sich, leidet unter Selbstvor­würfen und Schlaflosigkeit.
Schorsch ist religiös und mit Leib und Seele Katho­lik. Es gibt keinen Sonntag, an dem ihn der Pfarrer in der Frühmesse vermisst. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist er durch seine Familie vorbelastet, in der Glaube Tradition hat. Ein Bruder seiner Mutter, den Schorsch seit seiner Kindheit bewundert, ist als Geistlicher am Bischöflichen Ordinariat in Augsburg für das Seelenheil derjenigen zuständig, die der arrogante Bischof selbst nicht empfangen will. Und eine Cousi­ne von Schorsch muss seit Jahren ohne sichtbaren Erfolg wegen religiösen Wahnvorstellungen statio­när in einer Geistesheilanstalt behandelt werden. Der zweite Grund für seine Gläubigkeit ist in sei­nem täglichen, intimen Umgang mit geheiligten Symbolen und Figuren zu suchen. Er hat ihm ein persönliches und freundschaftliches Verhältnis zu den Nothelfern, dem Jesuskind und der Mutter Ma­ria beschert. Dieser Glaube ist neben einer Unfähig­keit, sich zu artikulieren, der Grund, aus dem er in seinen Kriegsdienstverhandlungen vollkommen versagt hat. Es fällt niemandem schwerer als gerade einem religiö­sen Menschen, seine Gewissensnot glaubhaft zu ma­chen, da die Beisitzer, die sich in ihrem engbegrenz­ten Horizont einen solchen Glauben nicht vorstellen können, in ihrem Selbstverständnis davon ausge­hen, sie würden von den Verweigerern angelogen. Durch diese Ablehnungen hat sich in Schorsch eine für einen Katholiken seltene Skepsis und unter­drückte Wut gegen die Organe des Staates und de­ren Vertreter entwickelt. Diese Radikalisierung hat ihn dazu gebracht, in einer schier revolutionären Tat als einer von fünf Abtrünnigen im Dorf bei der Kom­munalwahl statt für die CSU für die Grünen zu stimmen.

Marga ist nach Jahren gezählt nicht alt genug, um wählen zu dürfen. Sie hat auch nicht vor, diese vor ihr als lächerlich empfundene, für sie paradoxerwei­se von mangelndem Demokratieverständnis zeugen­de Pflichtübung auszuführen. Sie hält es für gro­tesk, jemandem „ihre Stimme zu geben“. Sie hat sich entschlossen, ihre zu behalten und nur für sich selbst zu gebrauchen. Marga betrachtet übrigens den lieben Gott als eine besonders geschickte Konstruktion, Menschen in Dummheit und Armut zu belassen. Für Jesus Chris­tus hat sie ein dünnes, mitleidiges Lächeln übrig. Erst kürzlich hat sie das weite Feld der Philosophie und dort die seltsame Pflanze Baruch de Spinoza entdeckt. Sie fühlt sich, obwohl sie bei weitem nicht alles und das meiste falsch versteht, in den mathe­matisch ordentlichen Texten dieses Denkers gebor­gen. Marga behält ihre Auffassungen jedoch für sich und hat keinerlei Missionsbedürfnis, ganz im Ge­gensatz zu Schorsch, der jedermann an seiner Lie­besbeziehung zu Christus und der Mutter Maria teilhaben lassen will. Mit Gottvater allerdings hat er seine Probleme. Er hat das verunsichernde Gefühl, er habe sich weit von Gott entfernt. Auch aus diesem Grund hat er eine Ministranten­gruppe als Leiter übernommen. Er trifft sich einmal in der Woche mit den Zwölf- bis Vierzehnjährigen und diskutiert über Glauben und Ich-Findung oder er versüßt diese bittere Pille mit Spielen und Zeltla­gern.

Die Beziehung zwischen Schorsch und Marga ist eine, die man aus schwer fassbaren Gründen „plato­nisch“ nennt. Für Marga ist sie passend und ange­nehm. Schorsch hingegen sieht sich in einem schwe­ren Dilemma zwischen den Bedürfnissen seines Kör­pers, der nach Berührungen lechzt und seinen ver­wurzelten religiösen Moralvorstellungen, die sexuellen Verkehr vor der Ehe ausschließen. Würde ihn Marga nicht bis auf ein paar gelegentlich gewährte Küsse und Umarmungen auf Distanz halten, hätte er das amorphe Gefühl, das er für sein Gewissen hält, längst als etwas Überflüssiges und Lästiges zur Seite gelegt. Es stellt sich freilich die Frage, was die beiden aneinander kettet; was sie reden und fühlen, wenn sie gemein­sam sind. Falls es nicht eben ihre Grundverschie­denheit ist, die sie bindet, dann ist es mutmaßlich der gemeinsa­me Versuch, die Einsamkeit und Leere zu überwin­den, die sie in sich fühlen, ist es ein Drang nach Ge­borgenheit und Schutz, die sie nur beim je­weils an­deren finden können.

Schorsch weiß nichts von Margas Schwangerschaft.

 

So, das war jetzt eine lange Lesestrecke. Ich würde mich freuen, wenn jemand, der sich der Mühe unterwarf, den zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Text zu lesen, mir eine Rückmeldung gibt. Soll ich noch einen weiteren Ausschnitt bloggen oder genügt es für einen Eindruck?

Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 2)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

Beachtlich sind die zahlreichen Tierarten im Na­turschutzgebiet, wobei besonders zu erwähnen sind: das Damwild, Reh- und Schwarzwild, Hase, Fasan und Rebhuhn, aber auch die weniger auf­fälligen Tierarten wie Marder, Iltis, Fledermaus, Igel, Eich­hörnchen, Fuchs und Dachs sind im Natur­parkgebiet beheimatet. Neben zahl- und artenrei­chen Sing­vögeln sind noch eine Reihe von Greif­vögeln zu beob­achten, so insbesondere Mäuse­bussard, Sperber, Ro­ter Milan, Baum- und Turmfalke, Waldohreule, Waldkauz, Steinkauz und Schleiereule. Immer häu­figer konnen nun auch der Graureiher und der Weißstorch beobachtet werden.

Daniel ging die Wellenburger Straße hinunter zum Anhauser Weiher, dem ersten einer ganzen Kette, die das Anhauser Tal löchrig und sumpfig macht. Er nahm den Weg westlich um den Tümpel herum, bis er sich nach rechts wandte, um spontan einer Forststraße zu folgen. Die bisher reine Fichtenschonung wandelte sich in einen schönen Mischwald, in dem Buchen das lichtfleckige Grün saftig dunkelten. Nach etwa zehn Minuten verließ er diesen Hohlweg nach halb­links und gelangte schließlich zu einer Weggabel, an der er stehen blieb.

Die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten im Natur­park wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf die Zeugnisse vor- und frühgeschichtlicher Besied­lung.

Und Elegorn war des Weges und der Kriege müde. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, wandte sein Ge­sicht hinauf zu der hitzigen Sonne des späten Wid­dar. Dann betrachtete er nach­denklich den vor ihm liegenden Scheideweg. Wo­hin er sich auch wen­den würde, keiner der in den Wald geschlagenen Pfade würde ihn in die Heimat führen. Denn er hat­te keine, sie war längst verlo­ren. Und schau, da senkte sich eine verirrte Tau­be auf seine Schulter. Er schmiegte seinen Kopf gegen das gurrende Tier und weinte. Elegorn, der große Kämpfer der Inseln, der Bezwinger von Asha, der Grünen und Held von Fafnersaat, war einsam.

ich muss mal dumme wurzel hängengeblieben der hosenfall immer klemmt das gleiche mit wenn jetzt den neuen jeans jemand kommt aber außer mir ist wohl und latscht niemand so blöd bei der hitze im wald rum

„Ich werde ein Tagebuch in Gedichtform schrei­ben.“

gut das ist ein beim pinkeln guter gedanke habe ich immer die besten das erste gedicht einfälle wird die stille des waldes die blätter beschreiben erdrü­cken den laut so wird es was reimt sich auf laut be­ginnen scheiße auf die turnschuhe was gibt es ekli­geres ge­schifft als warme pisse zwischen den da ist eine ameisenstraße zehen die erreiche ich noch im urin mit dem strahl der strahl gotttes ersaufen auch eine art in meinem urin zu sterben es gibt sicher schlech­tere

„Wo habe ich meine Schultasche hingestellt?“

ach neben dem stift und papier baumstamm bevor ich den vers kein hauch an meinem ohr die haut ich fror vergesse ja klasse wollte ich mir nicht noch et­was was ist denn das aufschreiben zeugnis der kriti­sche schüler das zeugnis verfolgte bla bla bla den unterricht religion eins mathe fünf im fach sport konnte der schüler nicht idioten warum benotet wer­den habt ihr nicht geschieben der ziegler dass er sich den verstand weggesoffen hat während wir ein jahr lang aber nein fußball spielten der schüler konnte nicht der baum benotet werden da ist ideal ich hänge es dran wie einen vielleicht steckbrief fin­det ihn eine kopfgeldjäger und setzt sich was bedeu­ten auf meine spur eigentlich die geschmierten blau­en kreuze an alle fünfzig meter den bäumen ist ei­ner sollen die gefällt werden oder ist das ein wan­derweg für kurzsichtige

27. Juli, gegen Abend

die blätter erdrücken jeden laut, kein hauch kommt an mein ohr.
Streichelt sanft meine haut, so ich trotz der hitze fror.
ich wandte mich um und war allein, nur die tannen neig­ten sich
trunken von harz‘gem wein und ich fürchtete mich.
die sonne sandte ihre letzten Strahlen runter zu der erde,
lichtschwerter die verletzten, ich spüre, dass es nacht wer­de.

und scheiße oh die letzte strophe ist scheiße aber mir ist ich werde wohl heiß in der nähe übernachten da ist irgendwo die da habe ich schon buchkopfquel­le einmal einen wandertag gemacht hab mich verlaufen und damals da kann ich pennen die polizei gesucht

*

„Schau mal, der Zettel da.“

„Wo?“

„Na, dort, an der Tanne, nein, wo siehst du denn schon wieder hin?“

„Ach, ja, das sieht aus wie — Hast du meine Brille?“

„In der Tasche. Warte, ich suche sie.“

„Einmal möchte ich wissen, was du alles in deiner Tasche hast.“

„Hier.“

„Wirklich ein Wunder, dass du sie gefunden hast. Das ist tatsächlich ein Schulzeugnis. Ist heute nicht der erste Ferientag?“

„Nein, morgen. Heute war der letzte Schultag.“

„Mein ich ja. Zeugnis der Fachoberschule in Augs­burg. Für Daniel Sonnenberg.“

„Den kenne ich nicht.“

„Ja. Geboren ist er am neunzehnten März 19.., dann ist er jetzt auch neunzehn und in der 11. Klas­se. Folglich müsste er, ja, er müsste einmal durchge­fallen sein.“

„Ob er sein Zeugnis verloren hat?“

„Ruhe, ich lese.“

„Nehmen wir es mit oder lassen wir es hängen? Der arme Junge wird bestimmt danach suchen.“

„Was? Ach, das glaube ich nicht. Das Zeugnis hängt bestimmt nicht zufällig da. Aber hör doch mal: Der kritische Schüler folgte dem Unterricht meist auf­merksam und interessiert. Allgemein und im beson­deren im Fach Mathematik ließ jedoch seine Arbeits­moral zu wünschen übrig. Das Amt des Klassenspre­chers versah er mit Umsicht und Fleiß. Das ist eine wirklich schlechte Zeugnisbemerkung. Und erst die Noten! Hauptsächlich Vierer. In Religion hat er eine Eins, ausgerechnet. Und in Deutsch einen Zweier. Nicht gerade überragend. Dem Thomas hätte ich was erzählt, wenn damit nach Hause gekommen wäre. Ich hätte das Ding an seiner Stelle auch an ei­nen Baum gehängt. Und mich selbst dazu.“

„Das ist ein Dokument.“

„Und ein wichtiges auch noch.“

„Ja, ja, mach dich nur lustig.“

„Nimm meine Brille und stecke sie zurück, aber so, dass du sie gleich wiederfindest, wenn ich sie brau­che.“

„Nehmen wir das Zeugnis nicht mit? Wie könnten es doch mit der Post schicken.“

*

Daniel wachte sehr früh auf. Es fiel ihm schwer, in die Wirklichkeit zu finden. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Seine dünne Kleidung war voller Tau und feuchten Grasflecken, aber die Sonne, die durch die Stämme der Tannen zu seinem Schlafplatz her­über spähte, trug bereits die Wärme eines heißen Tages mit sich. Daniel riss zwei Seiten Gauss’schen Algorithmus aus seinem Mathematikordner und trat ins Ge­büsch, um sich zu erleichtern. Hier schreckte er ein kleines Tier auf, das pfeifend ins Unterholz flüchte­te. Er konnte nicht erkennen, was es war – ein Marder vielleicht? An der Buchkopfquelle wusch er sich und stillte trotz eines Warnschildes seinen Durst. Dann hockte er sich wieder in das feuchte, hohe Gras, das er in der Nacht niedergelegen hatte und genoss den jun­gen Morgen. Er schrieb ein Gedicht. Eine gute Stunde später schlenderte er den Weg weiter nach Burgwalden hinein, um im dortigen Gasthaus zu frühstücken.

28. Juli, sehr früh.

Wald
natürlich wäre hier nur
mein ekel.
aber die morgensonne
malt streifen
zwischen die fichten.
der tag erwacht.
vögel begrüßen den tag.
der necropole entkommen
fängt mich die romantik.

sitzen liegen das ist gehen nicht mein fall ich muss um nicht wieder gehen hereinfallen auf den alltag brüder grüßt mir die sonne brüder grüßt mir den burgwalder golfplatz im lichterschein

Der Weiler Burgwalden ist ein beliebtes Ausflugs­ziel inmitten der reizvollen Landschaft der Westli­chen Wälder. Hier am Ausgang des Anhauser Ta­les bilden Wälder, Wiesen und Weiher ein reizvolles Bild. Die Siedlung Burgwalden entstand vermutlich im elften Jahrhundert durch Brandrodung und hieß bis 1513 Ettenhofen. Besitzer war das Augsbur­ger Benedikti­nerkloster St. Ulrich und Afra, das die Herrschaft an verschiedene Augsburger Handels­familien verlieh. An den Kirchenbau von 1513 durch Ambrosius Höchstätter erinnert eine Inschrif­tentafel an der In­nenwand des hübschen Kirch­leins, das nach dem Übergang des Besitzes an das Haus Fugger eine Er­neuerung und im 18. Jahrhun­dert eine üppige spät­barocke Ausgestaltung er­lebte. Reizvoller Stuck und bemerkenswerte Holzfi­guren zeichnen den freundli­chen und gutgepfleg­ten Kirchenraum aus.

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 1)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

 

„Wer versteht die Welt?“
„Nur, wer sich selbst versteht.“
Goethe, Märchen

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder umfasst eintausendeinhundertfünfundsieb­zig Quadratkilometer Fläche. Er wird im Osten durch den Lauf der Wertach und der Schmut­ter, im Westen duch die Mindel begrenzt. Die Nord-Süd-Ausdehung reicht vom Donauried bis Türk­heim. Die sehr abwechslungsreiche Landschaft wird von zahlreichen Tälern durch zogen. Der hohe Waldanteil von vierzig Prozent setzt sich zu 80 Pro­zent aus Nadelbäumen und zu zwanzig Prozent aus Laubbäumen zusammen.

ob man magengeschwüre vom ehrgeiz bekom­men stillstehen kann heißt ich rückschritt stehe still aber ich gehe nicht sprichwörter zurück sind nicht sondern logisch eine emotion wer rastet irgendetwas der egal ausgerechnet heute hat der bus ausgerechnet heute hat er verspätung warten auf den sie bus sieht wieder hallo her

„Ich bin auch geil.“

ich fürchte wenn ich schuhfetischist ehrlich bin bin ich rote schuhfetischist pumps mit centabsätzen ihr körper ja tänzelt toll ja komm schon lass mich le­cken ja schon zehn nach wo bleibt eins der bus

„Ja. Stefan. Mir geht es gut. Klar, muss es ja.“

ja stef doch doch hast ja stehst recht aber in meiner blickfeld schuhe gesehen ich lecke sie siehst du mit den augen

„Ja. Stefan. Der Brunner ist ein Arsch. Am letzten Tag Mathe.“

rote lackpumps in seinem stecken arschloch span­nen hämorrhoiden

„Ja. Stefan. Ich warte auf den Bus. Ach, so, weiß ich nicht, vielleicht nach Spanien.“

hau zisch doch ich seh sie nicht stehst im weg komm

„Nein. Stefan. Ich weiß nicht, was bei der ersten Aufgabe rauskam. Ist mir auch egal jetzt. Wird eh nicht benotet. Ich bin beim Integral hängen geblie­ben.“

das ist jetzt nicht du dein ernst fragst die mathenull mich da bist du bist doch noch besser

„Nein. Stefan. x – i, ja, sicher.“

also als ob ich der stefan hat ferien und kommt mir mit mathe das ist sowas von tot

„Also, bis dann. Stefan. Klar, wünsche ich dir auch.“

endlich du als ob ich schwätzer also wenn sie das nächste mal werde ich lächeln herschaut das kann ich wenn ich gut mich traue ich habe heute früh die fische vergessen das schulhaus füttern sechs wochen zweiundvierzig tage kotze ich du bist grau auf dich schülerschreie in beton der satz gemauert ist gut schrei zu beton gemauert ich muss ihn bis daheim aufschreiben habe ich ihn sonst vergessen

„Wie die Fische.“

ach der bus drängle mann nicht kriegst schon so ei­nen hock dich endlich sitzplatz wo ist sie ah die schuhe los lächeln jetzt

„Nichts war‘s.“

Als Organisationsform haben die Initiatoren des Na­turparks am 30. Mai 1974 einen Verein gegründet. Die Gründungsmitglieder sind der Freistaat Bayern (Staatsforstverwaltung), der Regierungsbezirk Schwaben, die Stadt Augsburg, der Landkreise Augsburg, Unterallgäu, Günzburg, Dillingen-Donau. Als weitere Mitglieder gehören demVerein an: Der Landkreis Donau-Ries, die Gemeinden bzw. Märkte Bonstetten, Dinkel-scherben, Horgau, Markt Wald, Welden, Zusmars-hausen und Fischach, der Bayeri­sche Wald-besitzerverband, der Bayerische Bauern­verband sowie zahlreiche Einzelpersonen als för­dernde Mitglieder.

Die zwei heruntergeklappten Stufen auf einmal neh­mend sprang Daniel in den Bus. Einen Sitzplatz er­haschte er nicht mehr. Er blieb beim Einstieg ste­hen, stemmte sich gegen die rempelnde Masse, die ihm nachfolgte und sich an ihm vorbei ins Innere schob. Im Gewühl verlor er den Kontakt zu dem Mädchen, das immer so vielversprechend zu ihm herüber sah. Zischend schloss sich die Tür und die Haltestelle glitt nach einem scharfen Ruck nach hinten davon. Daniel ließ die abgewetzte, braune Schultasche zwi­schen seine Beine fallen. Er bemühte sich, dabei ein lautes, endgültiges Geräusch zu machen.

Zu den vordringlichsten Aufgaben des Naturpark­vereins zählt, das großräumige Gebiet als Erho­lungsgebiet zu erschließen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Heute ist ein umfangrei­ches Wanderweg- und Radnetz von rund zweit­ausendfünfhundert Kilometer Länge markiert und mit zahlreichen Brunnenanlagen und etwa fünf­hundert Ruhebänken versehen. Außerdem sind zwanzig Kilo­meter Reitwege, fünf Naturlehrpfade und Liegewie­sen angelegt. Eine ständige Sorge beitete dabei vor allem die laufende Sauberhal­tung des Waldes und der Landschaft, wobe der Naturpark auf die bereit­willige Mitarbeit von Ge­meinden und Waldarbeitern bauen kann.

„Was für ein Gesicht der machen würde. Er kommt rein und alle haben den gleichen Bart wie er.“

„Auch die Mädchen.“

„Alle schauen aus wie er. Oder er kommt rein und hinter ihm kommt einer rein, der schaut aus wie er.“

„Und der sagt: Guten Tag, mein Name ist Paul Schludi.“ (Gelächter)

„Der hochanständige Schüler….“ (Lachen)

„Hochanständig! Das einzige, was an dir hoch …“

„Nächste: Rotes Tor.“ (Lachen)

„Oder es kommt einer rein und hat einen Schlafan­zug an und eine Zahnbürste in der Hand und sagt: Was machen Sie in meinem Hotelzimmer?“

„Weißt du noch, der Langer?“

„Ja, ja, im U-Bahnhof. „Waaß, ßo weiid??“ (Geläch­ter)

„Oder, wie er sein Blatt umdreht und gesagt hat: „Ich muuß doch mal schaun, oob daß Käätche da beii Ihne auf den Bläddern au auff der lingen Seide ißt?“

„He, Daniel, weißt du:Deutschör Dualißmuß!?“

„Ja, ja.“

„Wenn ich es dir sage: Obergrenze minus Untergren­ze. Nicht umgekehrt. x – i war doch fünf.“

„Schau, mal. Die Blaue, jetzt steigt sie ein. Oh, Mann.“

„Die würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“

„Oder es kommt einer rein …“

„Ich muss hier raus. Schöne Ferien, Jungs.“

„Schöne Ferien.“

„Schöne Ferien, Daniel.“

„Mach’s gut.“

Daneben ist das Augenmerk vor allem auf die Pflege und Erhaltung der Schönheit, Vielfalt und Ei­genart der Landschaft gerichtet, wobei die zahl­reichen Feldgehölze, Einzelbäume und Bachein­grünungen dem Besucher besonders angenehm auffallen. Aber auch die Waldbesitzer leisten ei­nen beachtlichen Beitrag bei ihren waldbaulichen Maßnahmen zu ei­ner abwechslungsreichen Ge­staltung der Waldbilder, insbesondere durch einen stufigen Waldaufbau, ent­sprechende Baumarten­mischung, Belassung von Altbäumen als soge­nannte Überhälter und harmoni­sche Gestaltung der Waldränder. Auf die diesbezüg­lichen beson­deren Anstrengungen sowohl der Oberforstdirektio­n Augsburg als auch der Kommu­nen und Großwaldbesitzer sollte in diesem Zusam­menhang dankbar verwiesen werden.

Daniel stieg langsam aus dem Bus. Er war nicht an der Endhaltestelle ausgestiegen und auch nicht in der Nähe der Wohnung seiner Eltern, bei denen er noch wohnte. Er verließ den Bus und ging willkür­lich die Straße hinab. Sie führte aus der Stadt her­aus. Zu seiner Rechten standen alte Fabrikbauten.

*

Es ist 17.23 Uhr Ortszeit an diesem Mittwoch, dem 27. Juli. Der Tag liegt staubig über der waidwunden Stadt. Eine angespannte Stille herrscht in den zer­narbten Straßen. Wenige verspätete Menschen eilen gehetzt zu ihren Wohnungen. Hinter hohlen Fens­terlöchern starren unruhige Augen.

Man erwartet die Nachmittagsflugzeuge mit ihrer Bombenfracht. Doch da wird in der Ferne das Wum­mern von Hubschrauberrotoren hörbar. Es gleitet näher. Ein junger Mann mit staubigem und fettig schwarzem Haar bleibt zögernd stehen, beschattet sein bärtiges Gesicht mit zitternder Hand. Sieben drohende Punkte sind über dem von der feindlichen Miliz beherrschten Stadtteil aufgetaucht. Sie vergrö­ßern sich rasch. Ihr Ziel ist ganz offensichtlich die­ses ehemals bessere Wohnviertel, auf dessen Haupt­straße sich der junge Mann nun besorgt umsieht. In seiner Nähe, aus einem Loch Schutt, das einmal ein Hotel ge­wesen ist, dringt Hundegebell. Notfalls kann er dort Deckung suchen, obwohl ihn, wie er weiß, nichts vor den Bomben schützen kann. Aber er wür­de sich geborgener fühlen und er müsste dem Tod nicht in die Augen sehen, wenn er kommt.

Jetzt schwärmen die Hubschrauber aus, einer hält direkt auf die Straße zu. Er kommt in niede­rem Flug heran, berührt fast die Dächer. Ein Auf­klärungsflug, will sich der junge Mann beruhigen, noch kommen nicht die Bomber. Da öffnet sich an der Seite der schweren Flugmaschine eine Tür, deutlich ist ein Soldat zu erkennen, der eine Last herabschüttet. Der junge Mann will fliehen, macht einen unsi­cheren Schritt, bleibt dann überrascht stehen. In seiner unmittelbaren Umgebung klatschen Gegenstände in den Sand. Es sind kleine Blech­autos, Puppen und Teddybären. Die Luftwaffe des Feindes wirft Spiel­zeug über dem zu Tode ver­wundeten Stadtteil ab.

Die Motorengeräusche verhallen hinter verkohl­ten Häuserleichen. Viele Menschen kommen aus ihren Verstecken, treten zaghaft ins ungeschützte Freie, als hätten sie Angst vor dem Sonnenlicht. Da bricht sich ein Kinderruf an den geschwärzten Wänden. Der junge Mann sieht sich um. Ein viel­leicht vier­jähriges Kind reißt sich von seiner tief verschleierten Mut­ter los. Sie versucht vergeblich, es zurückzuhal­ten. Das Kind trägt nur ein schmutziges Hemd, das ihm bis zum Knie reicht. Seine kleinen, kräf­tigen Füße stampfen zu dem jungen Mann, es patscht an ihm vorbei. Er erhascht ei­nen Blick auf leuchten­de Augen, die ein mageres, verhärmtes und schmutziges Gesicht überstrahlen. Das Kind stolpert auf einen größe­ren rosafarbenen Plüschbären zu, hebt das Ge­schenk der Luft vorsichtig und zärtlich in die Höhe und umarmt es. Jetzt treffen sich die Blicke der beiden. Sie lächeln.

Der Plüschbär explodiert. Das Kind wird in blu­tiges Fleisch zerfetzt. Durch den Sprengdruck de­toniert ein Spielzeugauto neben dem jungen Mann, dessen beide Beine abgerissen werden. Er fällt schwer zurück in den Staub. Dann ist es wieder still. Ruhe liegt auf dem Platz wie eine dicke Wolldecke. Spä­ter schreit eine Frau. Von der Ferne nähern sich Bomber mit ihrer Nachmittagsfracht.

[Zum 2. Teil …]

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (3. Teil)

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Der Engel im Spiegel

„Gott ist doch nie ein Teil der Lösung. Er ist immer nur ein Teil des Problems – oft auch seine Ursache. Deshalb, ich bin mir sicher, wird man schon bald das Theologische abschaffen, Religion unter Strafe stellen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit im neuen Jahrtausend überleben. Mit dieser Großtat wird endlich das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt verschwinden. Wir werden glücklich sein. Und wir werden wieder Römer sein.“

ψ

klärungsversuch fünf: sammlung

an diesem morgen konnte ich nicht weiterleben nicht auf diese weise verloren weiterhin dahinschreiten auf meiner endlosen verschlungenen und in sich selbst verknoteten kette aus grün leuchtenden möbiusbändern blind im gestern nach dem morgen tasten und mich ewig im kreis der paradoxe drehen erwachend ich blickte auf den warmen sanft atmenden körper neben mir und wusste das alles musste ein ende haben nach gestern durfte es endlich nur mehr ein ewiges heute geben nie mehr ein schritt zurück mit dem erwachen trug ich bereits diesen gedanken ihn hatte mir ein traum eingeflüstert in dem ich auf einem hohen turm stand zwischen schnell dahintreibenden weinroten wolken ein halber schritt nach vorn war noch zu tun ein beinahe zufälliges verlagern des gewichts nur ja den rest machte die schwerkraft halb zog sie mich halb sank ich hin stürzte vornüber rasend schnell in den grünen abgrund über dem ich meinen turm aus lügen und vorurteilen errichtet erschütterte mich ein klarer gedanke erkannte ich die lüge die mich mein leben lang getrieben hatte zur seite kippend breitete ich nun meine arme wie adlerschwingen aus krallte mich mit den fingern in die Wolken klammerte mich an ihren gespinsten fest und schwang mich empor hinauf umkreiste den turm gleich einem ewigen gesang dann fasste ich mit dem blick den horizont er leuchtete über den nebeln des abgrunds schau da flog ich tatsächlich in den jungen morgen da hinten das morgen erwartete mich und neben mir waren plötzlich viele andere gedankenschnell waren wir alle unterwegs gemeinsam auf dem weg in die zukunft der ich mich so lange verweigert hatte der schwere schwarze schatten des turms konnte uns nicht mehr erreichen wir badeten in einer zärtlichen sonne wir waren glücklich:

Ich erwachte neben der Frau, die ich liebte und wusste, dies war der erste, dies war der letzte Tag.

ψ

… erschöpfend: Noch war ich nicht am Ziel. Trotz der Enge des Aufstiegs, die so verführerisch eine einzige Richtung vorgaukelte, nämlich die hinauf zur Plattform, galt es doch weiterhin, mit jedem Schritt Entscheidungen zu treffen. Bei unserem kurzen Treppensteigen den Turm empor lagen unendlich viele Kreuzungen versteckt, Scheidewege trennten sich, Irrpfade täuschten uns und Abzweigungen fanden sich zur Genüge. Sie alle führten in eine andere Zukunft, als in die, dich ich formen wollte. Lenkten von dem Weg ab, den ich so hoffnungsvoll wieder und wieder mit ihm begonnen hatte.

Ich wusste von unseren vorherigen Besteigungen, dass die hier in den unteren Stockwerken noch bequem zu begehende Treppe weiter oben in einem schmalen Turmzimmer an einer fast senkrechten Leiter endete. Sie war die letzte Anstrengung, die es zu überwinden galt, um gemeinsam hinauf auf die Aussichtsplattform zu gelangen. Das war die heikle Stelle, an der er schon mehrmals abgebrochen hatte. Ihn erneut zu überzeugen, würde schwierig werden. Zudem rutschten kurz vor der Luke ins Freie die Seitenwände so nah an die unzureichend beleuchtete Leiter heran, dass sich jeder, der sie zum ersten Mal empor stieg, heftig den Kopf an einem großen Holzbalken stieß. Einmal hatte sich der ältere Mann dabei eine stark blutende Platzwunde an der Stirn zugezogen, einmal war er sogar rückwärts hinabgestürzt. Ich hatte gerade noch rechtzeitig abbrechen können, bevor er auf mich fiel und mich mit sich in die Tiefe riss. Diesmal würde ich ihn rechtzeitig warnen können, auch wenn dadurch nicht alles vollkommen perfekt würde. Manchmal müssen aber neunundneunzig Prozent genügen.

… ein wenig Geduld: Noch war es nicht so weit. Noch befanden wir uns in den unteren Stockwerken. Mein Begleiter ließ mir bald den Vortritt beim Aufstieg. Bereits nach zwei Kehren kam der große, schwere Mann außer Atem, nur mühsam Anschluss haltend, stapfte er hinter mir die knarrenden Stufen empor. Obwohl er sich für sein Alter fit hielt, Tennis spielte und jeden Morgen auf seinem Rennrad zwei Stunden durch die Hügel fuhr, musste er dem Brunello und dem eben genossenen Abendessen seinen Tribut zollen. Auch mir standen schnell Schweißperlen auf der Stirn. Die großen Quader, aus denen einst das Kaufmannsgeschlecht seinen angeberisch hohen Turm errichtet hatte, waren durch einen langen umbrischen Sommer aufgeheizt und gaben ihre schwüle Wärme großzügig in die stickigen Innenräume ab.

… ausruhen: „Das ist ja interessant“, keuchte mein Begleiter und trat näher an einen halbblinden Kunststoffkasten heran, in dem sich ein undurchschaubares Gewirr aus Gewindestangen, Zahnrädern und Federwerken bewegte und einen erstaunlichen Lärm erzeugte. Wir hatten die Ebene erreicht, auf der das sorglose und technikbegeisterte 19. Jahrhundert eine große hässliche Uhr in den Turm eingebaut und seine ursprüngliche Symmetrie zerstört hatte. Freilich interessierten ihn das mühsam tickende, wie unter Schmerzen stöhnende Uhrwerk und die in die Mauer gebrochene Wunde nicht. Er nutzte die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, ohne vor dem jungen Wolf das Gesicht zu verlieren.

… Geduld ist am Ende die einzige Tugend, die die Zeit lehrt: Ich blieb direkt neben ihm stehen und ließ ihm die Illusion, dass er mich täuschen konnte.

„Diese Kaufherren wollten allen ihre Größe und ihre Macht zeigen“, gab ich meinem Begleiter die Zeit, die er benötigte, um tief ein- und schnell wieder ausatmend seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ihr Geschlechterturm überragt seit nun bald siebenhundert Jahren den schlanken Glockenturm der Dorfkirche fast um das Doppelte. Als sie ihn errichteten, war das Christentum eben bedeutungslos geworden. Es war ein hübscher Verlierer, aber tot. Nichts weiter als ein anachronistischer Wiedergänger, der mit mahnendem Blick in die Zukunft schaut und dort nur den Friedhof seiner Ambitionen sieht. Ein neues Zeitalter dämmert am Horizont, es ist die Zeit der Bürger, der Krämer und Geldleute. Dieser wehrhafte Turm ist ihr Denkmal. Er deutet wie ein Finger hinauf zu den Sternen und fordert Unsterblichkeit, will vom ewigen Ruhm seiner Erbauer künden. Doch bald schon kamen Soldaten aus Florenz, danach die Venezianer, Spanier, Franzosen, Österreicher und noch viele weitere Eroberer. Immer wieder brannte der Turm. Zuletzt zündeten ihn die Nazis an. Der letzte Nachfahr dieses Geschlechts aus Kaufherren starb bei der Schlacht von Goito im ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Und nun ist der Turm nur noch ein weiteres Beispiel der menschlichen Hybris und zeigt den Dörflern, wann sie mittags die Gitter vor ihren Läden schließen dürfen.“

„… und die Uhr geht ein paar Minuten vor“, ergänzte mein Begleiter lächelnd. Er atmete wieder ruhig und gleichmäßig. Aus seiner Tasche holte er ein Stofftuch, mit dem der sich sorgfältig über die Stirn und dann über den Nacken wischte.

… diesmal fand ich die rechten Worte: Nun musste ich ihn vorbereiten. Wieder einmal überraschte er mich. Er sprach die Gedanken aus, die ich noch im Geist formuliere.

„Der Moment vor der Erkenntnis ist ein schmerzhafter“, sagte er und wagte sich noch näher an mich heran. Unsere Oberarme berührten sich. Ich machte ihm Mut und lege meine Hand auf seine Schulter. Ganz nah an sein Ohr ging nun mein Mund. Er hatte diese kleine Belohnung verdient. Wenn ich es wollte, konnte ich nun mit meiner Zunge, ach, der weinroten, wortmächtigen, die durchsichtigen, feinen Haare kitzeln, die wie ein Flaum die Haut seiner Ohrmuschel bedeckten und sich unter meinem Atem zitternd aufrichteten.

„Ja. Er fordert vollkommene Klarheit und Entschlossenheit. Aber immer tut er weh. Sein Licht blendet und brennt deine Seele aus wie ein Feuersturm“, flüsterte ich ihm zärtlich zu und sah gleichzeitig durch eine schmale, wie eine Schießscharte geformte Fensteröffnung in der Wand neben der Uhr, Hinter ihr sank der aufgeblähte Sonnenball allzu eilig herab. Bald würde er die Spitzen der nachtschwarzen Zypressen auf den Hügeln im Westen berühren, von denen bereits wie feines Gewebe durchsichtiger Dunst emporstieg. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Aber diesmal, ich wusste es, würde es nur den einen Weg, den Weg nach vorne, den Weg nach oben geben. Keine Kreuzungen mehr, keine Zweifel.

… drängend: „Komm, eine letzte Anstrengung noch. Dann stehen wir auf dem Turm, den man nur einmal empor steigen kann.“

Er wand mir seinen Kopf zu, sah mir in die Augen. Zuversicht konnte ich dort lesen, Erwartung, auch Erregung. Und Furcht. Für einen kurzen Moment war sein Blick der eines Kindes, das hofft, aber schon zu oft enttäuscht wurde. Ich hatte erst gestern diesen Blick gesehen, bei den beiden Engeln, die die schwangere Madonna begleiteten, dort in dem alten Schulhaus. Gestern, als ich noch in einem ewigen Heute lebte, in einem anderen, mir selbst fremd gewordenen Leben, das ich beenden musste.

„Wir sind gleich oben. Aber gib acht“, mahnte ich, „stoß dir auf der Leiter nicht den Kopf an den Balken an.“ Falls mein Begleiter überrascht war, weil ich das Innere des Turms bereits zu kennen schien, verriet er das mit keiner Geste und mit keinem Wort. Er zögerte nur kurz, dann nickte er und wand sich wieder der Treppe zu. Diesmal blieb ich hinter ihm.

…schließlich: Wir standen auf der Plattform. Vielleicht hatte der Wind die Samen emporgetragen oder ein Vogel in seinem Schnabel. Zu unserem Erstaunen wuchsen dort oben auf magerem Erdreich und zwischen bröckelnden Bodenplatten mehrere alte, verkrüppelte Steineichen, die man von unten nicht sehen konnte. Es war, als würden wir in einen einen kleinen, heidnischen Hain eintreten. Ich hatte diese Umgebung nicht erwartet, da es mir diesmal zum ersten Mal gelungen war, bis hinauf auf die Spitze des Turm zu gelangen, aber sie war perfekt, wie für eine Theaterinszenierung vorbereitet. Ich fragte mich, wie die knorrigen, windschiefen Bäume bewässert wurden, denn ihr Grün war üppig und kräftig.

Diesmal hatte sich mein Begleiter nicht verletzt oder war erschöpft und enttäuscht wieder abgestiegen. Mein Plan hatte endlich funktioniert. Ich trat zur Seite und warf einen neugierigen Blick über die lächerlich niedrige Brüstung hinunter auf die Piazza gut sechzig Meter unter mir. Für mich schienen Jahre vergangen zu sein, seit wir dort unten auf der Terrasse des Ristorantes zu Abend gegessen hatten, aber es war tatsächlich höchsten eine Viertelstunde vergangen. Die Schatten erreichten bereits die Dächer des hoch über die umliegenden Hügel hinausragenden Dorfs und färbten die ihre Ziegel dunkelrot. Der riesige orangerote Glutball der Sonne, dessen Strahlen noch immer stechend im Gesicht brannten, stand nur noch eine Handbreit über einem Band aus geschmacklos rosafarbenen Wolken. In den Lücken, die sie ließen, war der Horizont durchsichtig türkis, fast grün. Sogar die Natur arbeitete eifrig mit, diesem Moment Feierlichkeit und Erhabenheit zu schenken.

… spähend: Die Bustouristen folgten ihrer Reiseführerin erleichtert und von der Kultur überfordert in eine billige Pizzeria am Ortseingang. Der Platz zu meinen Füßen leerte sich flink. Ich fand die Gesuchte endlich auf den Stufen der Säulenhalle vor dem Rathaus sitzend. Wenn ich es recht erkennen konnte, hielt sie ein cono gelato in der Hand und sah aufmerksam zu mir empor. Ja, jetzt winkte sie sogar. Sie hatte mich bemerkt. Eine plötzliche Wärme pochte in meiner Brust und machte sie eng. Da saß der Engel, wegen dem ich auf den Geschlechterturm gestiegen war und leckte abgelenkt an seinem Eis. Geduldig wartete sie am vereinbarten Treffpunkt.

Mein Begleiter, der noch immer genau in der Mitte der kleinen Aussichtsplattform zwischen den Eichen gestanden war, trat zögernd zu mir. Dabei kramte er in der Innentasche seiner dünnen Leinenjacke und zog eine schmale Brille heraus, die er umständlich auseinanderklappte und dann aufsetzte. Ihren Bügel ließ er dabei allerdings nicht los. Er gab ihm offensichtlich den Halt, um seine Höhenangst zu überwinden. Nur kurz warf er ebenfalls einen schaudernden Blick hinab. Dann trat er sofort wieder zurück vom Rand und verstaute wieder seine Brille.

Bevor er sich bewusst werden konnte, dass hier oben außer einem durchaus beeindruckenden Sonnenuntergang, den er allerdings so oder ähnlich auch von der Westterrasse seines Feriendomizils aus hoch über dem Silberrauschen eines Olivenhanges genießen konnte, nichts Bemerkenswertes zu entdecken war, musste ich handeln. Entschlossen schwang ich mich auf die nur zwei Hände breite Brüstung, drehte mich nach innen und balancierte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Mein Traum der vergangen Nacht kam mir wieder in den Sinn.

Der ältere Mann riss erschrocken die Augen auf und seine aufkommenden Zweifel verschwanden schlagartig aus ihnen. Auch von unten hörte ich Rufe. Sah Chiara, was ich tat? Egal, sie würde es gleich wieder vergessen haben.

… entsetzt: „Mein Junge“, rief der Mann, „mach dich nicht unglücklich!“

Ich musste lachen. Hatte er das wirklich gesagt? Mach dich nicht unglücklich? So eine banale Reaktion hätte ich ihm nicht zugetraut. Da hatte ich mehr von ihm erwartet. Ich wollte einen gebildeten Zeugen, der meine Tat wie einen Schluck edlen Rotwein oder wie eine Messerspitze überreifen Käse genießen konnte. Doch nun war es zu spät, zurückzugehen, einen anderen zu suchen. Ich war am Ende meiner Reise angelangt.

„Ich stehe am Scheideweg zwischen zwei wunderschönen Frauen“, sagte ich und tänzelte einen Schritt zur Seite. „Wie Engel sehen sie aus. Sie locken zu sich und flüstern mir ihre süßen Lügen zu, werfen verheißungsvolle, alles versprechende Blicke auf mich, zeigen mir ihre Reize. Sie heißen Aretē und Kakia. Sie sind die Tugend und die Schlechtigkeit. Die Umarmung der einen führt in die Freiheit, die der anderen in meinen Untergang. Doch beide Mädchen, die grün gekleidete und die rot gekleidete: Sie sehen genau gleich aus, ihre Stimmen sind die selben, die Haut von beiden ist weich und zart. Sie spiegeln einander in einer endlosen Vexierspiel. Ich kann nicht erkennen, welche die Gute ist und welche von ihnen mir schaden will. Ich stehe und schaue und wage es nicht, mich für eine Seite zu entscheiden.“

Mein Begleiter schnalzte mit den Lippen. Er wurde etwas ruhiger, wollte wieder an die Übereinkunft glauben, die wir getroffen hatten. Er war hier, um zu genießen, deshalb war er mir gefolgt. Unser Spiel der Worte war ihm nichts mehr als ein exquisites Dessert nach einem gelungenen Gastmahl an einem weiteren perfekten Tag in seinem umbrischen Paradies.

„Diese Parabel erzählt uns Prodikos von Keos. Sogar Jesus muss von dieser Geschichte gehört haben. Doch bist du Herkules?“, fragte der Besserwisser, der mit einem Mal begann, mir lästig zu werden. Ich ging nicht auf ihn ein. Das musste ich nicht mehr o knapp vor dem Ziel.

„Ich habe mein Leben damit verbracht, den richtigen Weg zu finden. Ich tastete mich vorsichtig in die eine Richtung, kehrte um. Versuchte die andere und lief feige mit eingezogenem Schwanz zurück zur Kreuzung. Doch nie fand ich heraus, welches der Mädchen Aretē und welche Kakia war, welcher ich trauen und welche mich verraten würde.“ Ich machte eine Pause, genoss den atemlosen Moment in der Zeit. Wie der Gekreuzigte stand ich mit weit auseinander gestreckten Armen auf der Ziegelsteinmauer hoch über der Piazza. In meinem Rücken ging die Sonne unter.

„Doch nun endet das Spiel“, fuhr ich fort. „Ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist ganz einfach zu betreten. Es ist seltsam, dass ich ihn immer übersehen habe, wo er doch so deutlich vor mir lag.“ Ich verlagerte mein Gewicht etwas zurück und schloss die Augen. Ich begann zu zählen: Von ‚Zehn‘ rückwärts auf ‚Null‘.

Bei ‚Drei‘ kippte ich nach hinten und fiel. Jemand schrie – über mir, unter mir. Ich weiß es nicht.

Meine Hände griffen in die Gespinste der Wolken.

ψ

„Zeit ist Leben und Leben ist Verantwortung und Verantwortung bestimme deine Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo. Denn Zeit wohnt in deiner Seele.“

ψ

klärungsversuch sechs: wahrheit.

glaube mir ich habe es auch nie verstanden aber von anfang an war ich anders ob ich die gabe bereits im mutterleib und in den ersten jahren meiner kindheit besaß ich weiß es nicht aber ich vermute es schließlich sind die frühen jahre endlos sie kennen keine zeit kein heute kein morgen dass ich in einem ewigen heute lebte und jederzeit zurück gehen konnte von heute nach gestern und vorgestern und gestern und vorgestern wieder ein heute waren erkannte ich erst spät fast zu spät in den jahren meiner pubertät für mich war die zeit nie eine einbahnstraße ich konnte immer wieder zurückkehren zurücktreten noch einmal versuchen und wenn es wieder nicht gelang noch einmal und wieder und wieder und wieder von innen sieht das hamsterrad wie eine leiter aus die mich hinaufführt doch tatsächlich brachte es mich nie vom fleck:

Bis ich zwischen zwei Engeln meiner Liebe begegnete.

ψ

…wieder: „Ich habe satt!“, und legt beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er dreht sie langsam nach oben, mustert mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

„Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fährt er mit gespielter Verzweiflung fort, „einen dritten Weg!“ Ich sehe, seine Hände wollen zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzt. Ich kann seine Weinerlichkeit nicht länger ertragen. Sein Selbstmitleid ekelt mich an.

„Ja, den gibt es“, erwidere ich und stehe entschlossen von dem Terrassenstuhl auf. „Ich bin ihn gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort wende ich ihm den Rücken zu und trete hinaus auf die hitzestarre braune Piazza, die in der abendlichen Sonne brät. Eine Taube flattert müde auf. Ich spüre den überraschten Blick des älteren Mannes in meinem Rücken, aber er lässt mich ohne einen Kommentar ziehen. Wahrscheinlich fragt er sich, wie er sich so in mir täuschen konnte.

Mein Ziel ist ist das alte Renaissance-Rathaus am anderen Ende des Platzes, weit weg von dem arrogant hohen Geschlechterturm, den ich mit keinem Blick würdige. Ich habe Zeit; schlendere gemütlich über das holprige Pflaster. Ich setze mich auf die Stufen vor der großen Säulenhalle, in der am mercoledì der Wochenmarkt stattfindet. Ich warte geduldig. Bald wird sich hinten durch das Stadttor eine Wagenladung Touristen quetschen. Der ältere Mann, den ich so schnöde an dem Tisch vor dem Ristorante sitzen ließ, diskutiert eifrig mit dem Kellner. Er scheint mich schon vergessen zu haben.

„Ciao,“ sagt eine helle, frohe Stimme und Chiara setzt sich neben mich. Sie hält in jeder Hand eine Tüte gelato. Umständlich schiebt sie mit dem Oberarm ihre langen Haare zurück und gibt mir dann einen zärtlichen kalten Kuss auf den Mund. Er schmeckt klebrig nach dem Wachs ihres weinroten Lippenstifts und nach Himbeereis. Ich verliere mich in olivengrünen Augen und lache glücklich.

Mein dritter Weg wird keine Kreuzungen kennen. Er wird mich geradeaus in die Morgen führen, die nun vor mir liegen.

An der Seite der Frau, die ich liebe.

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