Aber ein Traum …

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Der Oktopus (eine Kurzgeschichte a la Heun)

Heute hat ein guter Freund von mir Geburtstag; ein Freund, den ich in den letzten Jahren leider etwas aus den Augen verlor (oder er mich, wie man es auch betrachten will). Selbst wenn wir uns leider in vielerlei Hinsicht voneinander entfernt haben: HD, ich denke heute an dich und feiere schön dort oben in deinem niederbayerischen Paradies zusammen mit 264 rothaarigen Feen! Den Prosecco habe ich schon auf Eis gelegt.

Du weißt es: Diese Geschichte habe ich dir gewidmet.

*

Es folgt nun ein Capriccio im literarischen Stil meines Freundes Hans-Dieter Heun aus meiner umfang­reichen Texthalde. Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf seine Romane hin, die wirklich humorvoll und lesbar. Und schon lasse ich wie automatisch das Hilfszeitwort am Ende des Satzes weg; eine Auslassung, die den Heun’schen Stil maßgeblich prägt und unverwechselbar macht. Ich kann eben nicht nur Balzac nachmachen.)

Der Oktopus
Ein Capriccio(1) ala Heun

Ein Vorzug meines Rentier-Lebens (das ist jetzt nicht mit Rentier-Fleisch zu verwechseln, das zäh und tranig – ganz anders als der Rentier auf Tabor, wo zu wohnen ich das wohl verdiente Schicksal habe) ist das Glück, für und mit Freunden zu kochen – mit ihnen den besonderen Au­genblick: den einen Schluck, den einen Bissen teilen. Wenn dann mein lieber Freund und Trauzeuge – fast hätte ich Kupferstecher gesagt -, nämlich der bekannte Autor Ni­kolaus M. Klammer, seinen Besuch zu Silvester ankündigt: Dann ist dies des Glückes fast zu viel. Aber ist nicht je­der seines Glückes Koch?

Nichts weniger als ein Silvestermenü sollt’s also sein – und ein besonderes dazu. Der Herr Kupferstecher ist nicht allem Fleischli­chen abhold, kaut es aber nur ungern zwischen den Zäh­nen (wenn es einmal tot), jedoch ist er nicht bayeri­scher als der Papst und neben den Früchten des Ackers auch denen des Meeres zugeneigt – isst also neben Obst und Gemüse immer wieder einmal alles, was schwimmt. Da ich nicht erneut ein Zicklein in den Teich hinterm Haus werfen wollte – die armen Goldfische sind vom letzten noch durcheinan­der – ließ ich mir vom Münchener Großmarkt in aller Herrgottsfrühe einen hundsgemeinen Oktopus besorgen, der sich allerdings als sau-gemein herausstellte.

ERSTES GEDICHT VOM OKTOPUS

Ein Oktopus, ein Oktopus,
acht Arme hat er und kein’ Fuß,
ist die Speise, die man servieren muss.
Denn glücklich wird ein jeder Tisch,
belädt man Teller mit Tintenfisch.

Ein Oktopus, ein Oktopus,
ist ein wahrer Hochgenuss,
wenn er zart wie ein Zungenkuss.
Wird er dir gelingen,
werden deine Freunde Hymnen singen.

oktopusSo, nach dieser lyrischen Einlage tun wir was für die Bil­dung: Die fälschlich als Polypen bezeichneten Kraken – Octopoda vulgaria – italienisch Polpo – gehören zur Fa­milie der Kopffüßer und sind nicht mit Kalmaren oder Tintenfischen zu verwechseln … Sie wissen schon, jenen schlabberigen, fetttriefend frittierten Gummireifen, die Sie gemeinsam mit matschigem Majonäse-Knoblauch-Brei beim Italiener um die Ecke serviert bekommen.

Die lernfähigen Achtfüßer haben bezeichnenderweise 8 (in Worten: Acht) Arme und erreichen eine Gesamtlänge bis über 4 Meter. Für Bodenhaftung auf glatten Flächen sorgen reihenweise Saugnäpfe. Oktopussy ist ein nacht­aktiver Einsiedler und labt sich an Krebsen und Muscheln, der alte Feinschmeck, der … Er kann sich farblich der Umgebung anpassen und, wenn er sich nicht festgesaugt hat, pfeilschnell sein (wir reden noch vom Kraken und nicht von der Erbschaftssteuer). Die äl­testen Vertreter der achtarmigen Tintenfische tauchten vor etwa 264 Millionen Jahren auf. Genug der Bildung. Merken Sie sich die Zahl Acht. Das genügt.

Während am frühen Nachmittag der Besuch nebst mei­ner Gattin im Thermalbad zu Bad Birnbach bei 34° warmem Wasser pochierte, hatte ich Ähnliches mit dem achtarmigen Mittelpunkt der heutigen Tafel im Sinn.

Falls Sie alles nachkochen wollen (aber lesen Sie auf je­den Fall vorher zu Ende): Man nimmt den Kraken, spült ihn und schneidet den Kopf ab, was nicht ganz einfach, denn er sitzt zwischen Armen und Körper. Den Kopf wirft man weg (oder kocht ihn mit und erfreut später mit ihm diese Mistviecher von Kat­zen in der Gegend). Vom Sack zieht man die Haut ab, stülpt ihn um und entfernt die Innereien. Das Kauwerk­zeug zwischen den Fangarmen wird ebenfalls herausge­schnitten.

Fischer schlagen den Kraken nun gegen brandungsumbrauste, salzüberkrustete Felsen. Dem Oktopoden fehlt jedes stützende Skelett, deshalb haben seine Arme (8 Stück!) ein Eiweißgerüst aus elastischen und ver­zweigten Proteinen, die dem Bindegewebe von Landtie­ren ähneln. Durch die Gewalt platzende Zellen setzen Enzyme frei, die die Eiweißfasern zerschneiden und den Kraken zarter machen. Wenn wir das Eiweiß so behan­deln, dann wird eine Delikatesse daraus. Da ich nur we­nige Felsen mein Eigen nenne, klopfte ich meinen Okto­poden über dem Rand der Wanne im Badezim­mer windelweich. Sie können diese Arbeit auch auf Ihrer Küchenplatte, der edlen Travertinstein-Terrasse oder an den Säulen Ihres Vestibüls erledigen; wichtig ist, dass Sie wirklich brutal und rücksichtslos.

Haben Sie auf diese Weise Oktopussy fix und fertig gemacht, schneiden oder zerschnipseln Sie 4 Karotten, 1 Zwiebel, ¼ Sellerie, eine Stange Lauch, ½ Fenchel und bringen alles in ei­nem schweren Topf mit ca. 1 ½ l Wasser, ¾ l trockenem Weißwein, 4 Lorbeerblättern und 4 kleinen scharfen Chilischoten zum Kochen. Manche Köche legen noch alte Wein­korken ins Kochwasser, sie sollen feste Verfilzungen und Gummitextur des Fleisches ver­hindern. Am wichtigsten ist, einen Oktopus sanft zu dünsten oder knapp unter dem Siedepunkt zu pochieren, damit sich die Proteine langsam auffalten, lockere Netze bilden und Wasser binden. Sie können alle Techniken kombinieren, entscheidend ist die sensible Temperatur­steuerung. Und lassen Sie sich drei bis vier Stunden Zeit – mindestens.

Day of the tentacleKommen wir zur Katastrophe: Der Begriff Krake kommt aus dem Norwegischen und bezeichnet ein Seeungeheu­er, das trinkfeste Seeleute im Mittelalter entdeckten. Vieles spricht dafür, dass Homer in der Scylla einen Kraken beschrieb.

Meine Scylla entpuppte sich als wür­diges Monster! Während ich sie vorsichtig köcheln ließ, wurden die acht Arme nicht weicher, sondern kleiner – schrumpelten wie der beste Freund des Mannes nach ei­nem Sprung in eiskaltes Wasser. Ursprünglich über ei­nen Meter groß (der Krake, nicht der Freund), war der saugemeine Oktopus nach einer Stunde im Topf um die Hälfte geschrumpft!

Das war kein Hauptgericht mehr, der Oktopus disqua­lifizierte sich zur kleinen Vorspeise. Aber ein Koch, der sich nicht zu helfen weiß, ist keiner. Der Freund und die Gat­tin planschten noch einige Stunden im Lauwarmen – ge­nug Zeit, umzuplanen: Tintenfischrisotto oder ein lecke­rer Salat ließ sich aus dem Tierchen auf jeden Fall noch gewinnen, wenn es nur endlich Mitleid mit mir hätte und sich er­weichen würde. Ich eilte in den Keller, die Vorräte kon­trollieren. Vielleicht musste ich einem im Eisschrank tiefgefrorenen Hasen das Schwimmen beibringen, damit jener den Tag rettete.

Als ich wieder in den Topf sah, zog es mir buchstäblich die Schuhe aus: Erneut war der Krake geschrumpft, hat­te die Größe eines gewöhnlichen Kalmaren – und war noch immer nicht weich. Das Tier machte sich lustig über mich, den Chef de Cuisine, den Maître!

Na warte! Ich schob meine weißen und gelochten Latschen zur Seite, spürte die kühlen Terrakotta-Fließen unter mei­nen ausladenden Fußsohlen. Ich erdete mich. Das war ein Zweikampf: Der größte Koch der Welt gegen den Kraken – da konnte es nur einen Gewinner geben. Zum Amuse-Gueule reichst du noch, dachte ich, das »freut das Maul«. Dich krieg’ ich weich – windelweich!

Wie die meisten Schriftsteller konnte man Nikolaus mit der Witwe Clicquot oder dem Baron Rothschild ab­lenken, bei den Damen war das schon schwieriger! Ich sah bereits den halblächelnden Blick meiner Holden auf mir lasten, mit dem sie mitleidig die Reste des Kraken begutachten würde: Nein, jetzt musste eine zündende Idee her.

ZWEITES GEDICHT VOM OKTOPUS

Oktopus, oh Oktopus,
was ich mit dir erleben muss.

Oktopus, oh Oktopus,
du bereitest nur Verdruss.

Oktopus, oh Oktopus,
jetzt ist aber endlich Schluss.

Ach, Oktopus, nun werd’ schon weich,
landest sonst gleich
als Futter bei den Fischen im Teich.
*

Wieder verging eine Stunde, dann sah ich erneut nach dem Kraken. Es roch verführerisch in der Küche. Ich nahm einen Schaumlöffel, fischte nach dem unbeugsa­men Monster. Sie werden es nicht glauben, aber ich lege meine Hand ins Feuer, denn ich lüge oder übertreibe nie:

Im Topf schwammen Karotten, Zwiebeln, Sellerie, Lauch, Fenchel, Lorbeerblätter, Chi­lischoten und sonst – nichts. Der Krake hatte sich einfach in Luft oder besser gesagt, in Wohlgeschmack aufgelöst … Wobei, das stimmt nicht ganz: Tief un­ten, unter dem Gemüse, auf dem Boden des Topfes, lag eine Kugel aus lila-schwar­zer Materie, hart wie eine Glasmurmel und tonnen­schwer. Es war unmöglich, den Topf anzuheben oder sie mit einer Schöpfkelle herauszufischen. Die acht Arme hatten sich wie die Milchstraße ineinander gedreht und dabei in ein schwarzes, materieschweres Loch verwandelt. Ich fühlte mich, als würde ich hinein­gezogen und hätte mich dort am Liebsten für alle Ewigkeit und noch länger versteckt.

»Was gibt es heute Abend Leckeres?« Meine Frau stand in der Küchentür, schnupperte. Frau Klammerle und mein Freund und Trau­zeuge schoben sich hinter ihr herein.

»Die Sauna macht hungrig«, rief er.

»Suppe«, sagte ich, »leckerste Oktopussuppe, das Beste, was es gibt. Das gibt es auf keiner Speisekarte der Welt. So eine einmalige Köstlichkeit kriegst du nur bei mir. Mein Pota­ge beschert sogar Mumien feuchte Träume.«

Und – glauben Sie’s mir oder nicht – ich hatte recht!

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(1) Bitte nicht mit einem „Carpaccio“ verwechseln, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

Die Reise zum Mittelpunkt meines Zimmers – 1. Stunde

Die Reise zum Mittelpunkt meines Zimmers

1. Stunde

Ich schrecke auf. Ich schmecke Himbeeren. Ich bin wach – warte, noch nicht ganz. Der säuerliche, ein wenig gegorene und alkoholische Geschmack entfaltet sich in diesem Moment so deutlich auf meiner Zunge, als hätte ich tatsächlich eine der köstlichen Beeren auf ihr liegen. Aber ja, ich schmecke nicht nur ihr Aroma. Ich spüre auch die Frucht. Ich schiebe sie mit der Spitze meiner Zunge, mit der ich sie durch ihre Stielöffnung penetriere, wollüstig nach vorne – von innen gegen die Schneidezähne. Die vielen kleinen Blasen zerplatzen dabei. Schlüpfrige, feuchte Kerne werden nun fühlbar, werden in die Zahnzwischenräume gequetscht. Der klebrige Geschmack füllt die ganze Mundhöhle. Ich seufze. Das darf so bleiben. Dann begreift endlich mein Geist, der ganz langsam in der Realität angelangt ist: Die Himbeere war das letzte Überbleibsel eines luziden Traums. Sein gerade noch lebhaft empfundenes und im ganzen Körper nachhallendes Drehbuch habe ich allerdings zu meinem sofortigen Bedauern in seiner Gänze vergessen habe. Nur die Fruchtsaftsüße war ist länger bei mir geblieben. An ihr habe ich mich festgehalten, doch nun entgleitet auch sie meinem Zugriff. Sie ist wie der letzte Gruß eines geliebten Menschen, der aus dem Fenster eines abfahrenden Zuges zu dem auf dem Bahnsteig Verbleibenden zurückwinkt, während er sich der Ferne nähert, immer kleiner wird und dann ganz verschwindet; zuerst aus meinem Blick und gleich darauf aus meinem unsicheren Gedächtnis.

Ich öffne die Augen. Deshalb also habe ich diese Rückenschmerzen und zwei eingeschlafenen Arme. Sie haben, so fällt mir jetzt ein, in meinem Traumgespinst eine gewichtige Rolle gespielt; auch wenn ich nicht mehr weiß, welche. Es ist Morgen und ich liege nicht in meinem Bett im Schlafzimmer. Ich habe es heute Nacht nicht mehr dorthin geschafft. Ich bin stattdessen an Ort und Stelle eingeschlafen, sprich, in meinem Großvater-Ohrensessel. In ihn setze ich mich nur, wenn ich Fernsehen will. Das habe ich offenbar getan. Ich weiß aber nicht mehr, was ich sah. Das Gerät, es steht zwei Mannslängen von mir entfernt in der Mitte meines Zimmers, habe ich nicht mehr ausgeschaltet. Es hat sich inzwischen längst selbst in den Ruhezustand eines elektrischen Apparats versetzt. Nur mehr ein rotes Licht leuchtet noch mitten in der Kunststoff-Leiste unter dem mattschwarzen Bildschirm. Es zeigt beharrlich und auch ein wenig bedrohlich, dass der Fernseher lebendig ist, auf „His Masters Voice“ harrt. Er wirkt geduldig in seinem Dämmerschlaf, aus dem er allerdings jederzeit erwachen kann.

Ich greife mit der rechten Hand hinüber zu dem niedrigen, quadratischen Tischlein treu an der Seite meines Sessels, auf dem ich die Nacht verbrachte. Auf dem Tisch steht ein bauchiges Glas, in dem sich noch ein kümmerlicher Rest einer braunen Flüssigkeit befindet und daneben eine halbleere Flasche. Sie ist der Grund für mein halbberauschtes, halb ermattetes Einschlummern im Sessel. Aber nicht ihr gelten meine Handbewegung und mein seitliches Herunterbeugen. Ich will nach die Fernbedienung greifen. Sie ruht eingeklemmt zwischen Glas und Flasche. Hat das eine Bedeutung? Habe ich sie gestern Nacht absichtsvoll dorthin gelegt? Egal! Das Ergreifen der Fernbedienung soll eine energische Tat werden, bedeutungsvoll, bewusst und ohne das geringste Zögern. Das soll eben die gelungene Tat sein, mit der ich einen weiteren Tag in meiner Isolation beginnen möchte. Es ist der Tag, an dem ich Großes plane und endlich meine Expedition beginnen möchte. Ein erster Schritt … Doch ich habe nicht mit dem sofort anbrandenden Termitenschwarm gerechnet, der mit der nicht mehr unterbrochenen Blutzirkulation rücksichtslos und drängelnd wie durch eine geöffnete Schleuse in meine tauben Finger rast. So fällt meine Geste nach dem Gerät, mit dem ich den Fernseher endgültig vom lauschenden Wachkoma in das stromlose Nirvana befördern wollte, bei weitem nicht so großartig aus, wie ich es mir erhofft hatte. Meine Hand zittert und sie kann kaum den kleinen, unförmigen Kasten greifen, geschweige denn, mit einen Finger auf die Exitustaste drücken. Und dann mache ich zuerst auch noch alles falsch! Ich erwecke ungewollt wie der Messias den Lazarus den Fernsehapparat zum Leben. Ich sehe an meinem weißen Hemdsärmel herab, fokussiere meine schlafverklebten Augen, vor deren Iris allerlei merkwürdige Würmer und Punkte herabtreiben, die allerdings sofort zur Seite weichen, wenn ich versuche, sie genauer zu betrachten. Ich halte die Fernbedienung verkehrt herum.

Folgerichtig erscheint der Kopf eines Menschen vor dunkelbraunem Arbeitszimmerhintergrund ins polyphemhafte vergrößert auf dem Bildschirm. Der Mann ist riesig, ein Gigant unter uns Zwergen, die wir ihm lauschen. Seine Konturen sind schärfer als die eichenrustikalen Möbel hinter ihm, die er fast vollständig verdeckt. Dieser Eindruck mag vielleicht durch seine Hornbrille mit den dicken Gläsern verursacht sein. Er rückt sie immer wieder mit seiner plötztlich im Bild auftauchenden Hand über den schmalen Nasenrücken von den Flügeln nach oben. Gleich darauf beginnen sie wieder zu rutschen. Der Mann ist nicht sehr sorgfältig rasiert. Unter den Naselöchern und der Oberlippe sind ein paar Bartstoppeln zu erkennen, die er übersehen hat. Ist das ein Rest von eingetrocknetem Rasierschaum, der an seinem linken Ohrläppchen klebt? Ich frage mich, wie lange dieser Mann schon vor einer Kamera sitzt und einem schlafenden Publikum die Welt erklärt. Ich konzentriere mich, aber ich verstehe nicht, wovon er redet. Wahrscheinlich bin ich noch nicht wach genug. Der Mann liest Zahlen vor. Er spricht über Statistiken, Tabellen und Gauß’sche Glockenkurven. Wahrscheinlich ist das Schulfernsehen. Interessiert mich das? Heute, an meinem großen Tag?

Hektisch drehe ich die Fernbedienung, die nicht für die haptischen Fähigkeiten meiner mit blut gefüllten Neandertalerfinger entworfen ist. Deshalb nehme ich die zweite Hand zur Hilfe, in der sofort eine Ameisenarmee beginnt, den „Säbeltanz“ von Chatschaturjan aufzuführen. Fast wäre mir dabei der verfluchte Kasten aus der Hand geglitten! Ich drücke zuerst lässig mit dem Zeigefinger, dann immer wütender mit beiden Daumen auf die rote Taste oben. Doch es gelingt mir nicht, das Fernsehbild und damit den drögen Berichterstatter auszuschalten. Muss denn ausgerechnet heute das Mistding seinen Geist aufgeben? Sindetwa die Batterien leer? An diesem gewaltigen Tag, an dem ich zum Mittelpunkt meines Zimmers vordringen will! Zumindest gelingt es mir nach einigen vergeblichen Versuchen, dem Moderator die Stimme zu rauben. Er bewegt unverdrossen seinen Mund, aber außer dem Rauschen des Autoverkehrs draußen vor dem Fenster und dem zögernden Tropfen des Wasserhahns in der Küche herrscht nun wohltuende Stille. Wenigstens etwas!

Ich lehne mich wieder in meinem Sessel zurück. Ich will es nicht, aber meine Augen fallen zu. Ich schlafe wieder ein.

Ein paar Gedanken zur der Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

brunnen1

Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor fünfunddreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute viel aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

*

Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: Was man aus dem Brunnen ißt lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt und von dem ich erst kürzlich ein paar Ausschnitte bloggte. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

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Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (nach dem Motto: Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als eine Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: laute und, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt, die immer wieder, wie zuletzt in Hanau, in Mord und Terror mündet. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den social media. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von diesen geistigen und realen Brandstiftern aus der rechtsradikalen Ecke wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sich ihre ekelhaften Demagogen erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen, denn es ist Literatur. Die liest niemand. Die Nazis können lauter schreien als ich, ihre WORTe sind einfache und im Zweifelsfalle werden sie mich eben totschlagen. Darin sind sie ja besonders gut.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest mich hier und deshalb kann ich hier auf diesem Blog schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird man vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meiner Roman Aber ein Traum und Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

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Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

*

Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie deren WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd und hilflos von Neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, Instagram-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

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* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

crisis – Eine Erzählung (Teil 3 – Schluss)

[<— zum Anfang]

ein tag ist doch wie der andere, nur ein endloses karussell, erneut kopfschmerz und verfaulendes fleisch auf der zunge. vielleicht fault die zunge selbst. noch eine woche urlaub. nach dem wichsen wartete ich auf das gewitter, das wieder nicht heraufzog. diesmal war es anstrengend, bis es mir kam. keine freude, ich sagte es schon. auch der gedanke an die breiten knie der magd half nicht. für meine aufzeichnungen wollte ich klarheit. deshalb schlug ich im lexikon nach. aber das WORT stand nicht drin, obwohl es ein gutes nachschlagewerk ist. wie hat man ein WORT an die wand schreiben können, das es gar nicht gib? – an diesem tag merkte ich, wie sich alles änderte. noch wusste ich nicht, was es war. es machte mir angst. das war der tag, und ich schrieb vieles auf.

ich ging später in ein gartenlokal, aber es war anders. ich beobachtete meine umgebung genau, das lachen der schüler dort verstärkte meinen kopfschmerz. ich fand nichts ungewöhnlich. trotzdem, es war anders. es lag in der luft, wie ein ungewöhnlicher geruch. ich trank mehr bier, als ich vertrug, aber es half mir nicht. die nadel blieb in meinem hirn stecken, ließ sich nicht entfernen. sie blieb, spaltete mein hirn. ich beschloss, am wehr spazieren zu gehen. dort war es schattig.

vision, ein irritierendes licht fällt von oben herab.

auf die erste leiche stieß ich bald. es war eine frau. sie war nackt, der bauch aufgerissen, zerfleischt, die hände wie in scham über der brust verkrampft. ich blieb stehen und starrte. ich wollte nicht glauben, was ich sah. ein ehepaar kam vorbei, einen kurzbeinigen dackel an einer leine hinter sich her ziehend. der hund hatte etwas helles im maul. es ähnelte einem hingeworfenen handschuh, in den der köter sich verbissen hatte. als das paar näher kam, sah ich, es war eine abgeschlagene hand, die nägel lackiert. ich deutete auf die hand, dann auf die frauenleiche. ich war nicht fähig zu sprechen. das paar sah mich an, es wirkte erstaunt, dann verstört. verzweifelt packte ich den ehemann an der schulter, schüttelte ihn, schrie. ich weiß nicht mehr, was. aber die beiden sahen mich nur an, staunten ängstlich. der hund ließ die hand in den sand fallen, bellte mich wütend aus. ich stieß den mann beiseite. nur weg von hier. die frau schimpfte hinter mir her. ich rannte den kiesweg weiter, stolperte dabei über die nächste tote. es war eine noch ganz junge frau. ihre lider waren weit aufgerissen, doch sie hatte keine augäpfel. fliegen krochen in der blutigen höhlung. auch ihr fehlte keine hand, aber eine war zermatscht, wie von einem lastwagen überfahren. ein würgender geruch kroch in meine nase. ich übergab mich über der leiche, besudelte sie mit meinem erbrochenen. dann kippte ich ohnmächtig zur seite.

eine nadel in meinem hirn, ein lichtstrahl von oben, vom brunnenrand.

das café war voll. nur mit mühe fand ich einen sitzplatz neben ein paar mädchen, die sich über wollwaschmittel unterhielten. es war kein gespräch möglich, sie waren zwar hübsch, aber jung. mir ging es inwischen besser. ich hatte im park beim wehr auf einer bank meinen rausch weggeschlafen, aber schlecht geträumt. trotzdem spürte ich weiterhin, wie sich alles um mich veränderte, anders, neu und fremd wurde. am abend begegnete mir das WORT wieder. ich traf einen arbeitskollegen, der mir den neuesten klatsch aus der firma berichtete. dann wurde unser gespräch persönlicher.

– wie geht es dir?, fragte er, du siehst schlecht aus.

– das erstaunt mich nicht.

– ja, wie der lebende tod. hast du schlafstörungen?

– die habe ich.

– du hast sie also auch, das dachte ich mir schon.

– warum?

– es geht gerade den meisten so. die halbe firma schläft morgens in den büros. mich hat es gottseidank noch nicht erwischt.

– meinst du etwa, das ist ansteckend? ein schlaflosigkeitsvirus? kann es das geben?

– klar. das liegt doch auf der hand. da geht etwas vor. sogar in der zeitung stand es schon. aber sie wiegeln noch ab. angeblich gibt es kein mittel dagegen. zumindest…, er zögerte. mir fiel etwas ein, aber ich wusste nicht, woher diese erinnerung kam.

– aber es gibt doch etwas, oder? – das war ein schuss ins blaue. er saß.

– du hast etwas gehört, stellte er fest. ich nickte, wollte wissend aussehen. er verfolgte meine bewegungen aufmerksam.- du hast etwas gehört!

auch er nickte, sah sich um. – das bleibt unter uns, klar?

er wartete auf eine reaktion von mir, als keine kam, sah er sich wieder um. dann flüsterte er das WORT. ich zuckte zusammen, wie ertappt. ich wusste nicht, was ich sagen sollte. er lächelte.

– was ist das?, fragte ich und beging meinen ersten fehler. sein lächeln verschwand.

– willst du mich verarschen?

– nein. ich bin nur schwer von begriff. ich meine, ich weiß einfach nicht, stotterte ich. er schien mir nicht zu glauben.

– du bist von den anderen, du sauhund!

red doch keinen unsinn. von welchen anderen redest du überhaupt? geht das wieder los! verteidigte ich mich schwach. – mir fiel das seltsame gespräch mit dem alten ein, auch er hatte von den anderen gesprochen. mein freund nahm eine drohende haltung ein. er ballte die fäuste. ein paar mädchen schlenderten in der nähe vorbei und warfen uns bedeutsame blicke zu, das lenkte ihn ab. als ich wieder seine aufmerksamkeit hatte, war er etwas sanfter.

– so dumm kann doch keiner sein, sagte er, du wirst doch wenigstens wissen, wer die anderen sind, wenn du noch nicht einmal das WORT kennst. macht das keinen sinn für dich? mensch, alles ist in bewegung. durch das land geht ein ruck. noch wissen wir nicht, wann ER rettend eingreift, der mann. aber dass ER kommt, fühlen millionen. das musst auch du bemerkt haben.

– nein. mir ist, als hätte ich ein jahr verschlafen. diese welt ist nicht mehr die meine. ich verstehe sie nicht.

– so schlimm ist das ja nicht. vergiss nicht, niemand weiß genaues! im moment warten alle. und wenn es tatsächlich jemand ahnen sollte, dann schweigt er aus angst.

– wovor?

– angst? ist doch klar! überall sind die anderen. für uns gibt es zwei teile: einen, der sich bekennt, einen anderen teil, der zersetzen und zerstören will. er versucht, uns zu sabotieren, zu verhindern, dass wir wieder schlafen können. aber der tag wird kommen.

– ich verstehe nicht. nochmal, ich fühle mich, als wäre ich in einen brunnen gefallen und komme nun nicht mehr raus. meine eigene welt ist nur noch ein kleines, kreisrundes loch weit über mir. das atmen fällt mir schwer, meine lungen füllen sich mit wasser. ich höre stimmen, aber sie sind fern. ich ertrinke und weiß nicht warum. sag mir, warum sabotieren uns die anderen? was haben sie für einen grund?

– mensch! – er flatterte mit seiner hand vor meinem gesicht. das gespräch schien sich nicht so zu entwickeln, wie er es wollte.- ich habe dir vorhin gesagt …

– ja, genaues weiß man nicht. aber es muss doch gerüchte geben.

– es gibt sie. – er musterte mich scharf. – und du bist sicher keiner von den anderen?

ich schwieg vorwurfsvoll.

– gut, ich glaube dir. es passt auch nicht zu dir. du bist so unschuldig. also, du musst wissen, dass ER kommt, hier in unsere stadt.

– leskoff?, platzte ich heraus. mein freund packte mich wütend am kragen.

– höre gut zu. nenne diesen namen nie mehr in meinem beisein, verstanden? der ist tabu, ja?

– ja, ich entschuldige mich. – ich versuchte, mich loszumachen, aber er hielt mich mit festem griff.

– das alles hat nichts mit IHM zu tun. du musst irre sein, die beiden in einem atemzug zu nennen.

– ich dachte …

– du dachtest. wenn du so weiter machst, bist du bald tot.

einen augenblick war ich stumm. dann spürte ich, wie etwas versank. nein, das ist nicht richtig erzählt. es war anders. es war jetzt verschoben, der boden begann sich zu wölben. ich sah mich um.

vision. wo war mein freund? was war mit mir? und ein splitter spaltete mein hirn. ich blickte herab. meine kleidung funkelte. sie funkelte aus sich heraus, als wäre sie mit goldflitter bestreut, wie die reflektion eines tanzenden lichtes, das durch ein weinglas scheint. und gleichzeitig, sagte ich schon, verschob sich die umgebung nach oben, ich begriff, ich war am versinken. unglaublich, dachte ich, unglaublich, das ist nicht möglich, wenn je etwas unmöglich war, dann das: ich versinke, mich in einen funkenregen verwandelnd, im teer. ich löse mich auf, verschmelze mit der erde, werde eins mit dem wissen. endlich.

jemand tappte mir mit zwei fingern auf die schulter. ich bemerkte die berührung erst nach einer ganzen weile. meine abwärtsbewegung stoppte. das ist ER, dachte ich grundlos, das ist ER.

– hinter mir stand ein kleiner mann. seine augen funkelten spöttisch.

– kennen sie napoleon?, fragte er.

– ja, das ist einer der großen schlächter der menschheit, erwiderte ich, denn ich wollte streiten.

– was reden sie da? wissen sie, was sie da reden?

– sie werden mir das sagen. sie scheinen ja alles zu wissen.

– sie reden scheißdreck. sie sind ahnungslos. so ein mist. fragen sie doch die franzosen, die haben ihn im invalidendom begraben. er war ein gott.

– das ist lächerlich. napoleon war ein mensch und einen menschen muss man begraben. er war ein schlächter.

– ein schlächter. wissen sie überhaupt, was die geschichte ist?

– die geschichte ist eine aneinanderreihung von metzeleien.

– sie haben vollkommen recht. die geschichte ist kriegsgeschichte.

– es an der zeit, das zu ändern.

– guter mann, es ist zeit, ja, wir wollen mal sagen, dass das lämmchen beim löwen weidet.

– amen!

– sie sagen es. sie haben eine interessante art, zu diskutieren.

– gut. ich mag zwar als träumer gelten, wenn ich hier ‚scheißdreck’ erzähle, aber ich bin nicht blind. die menschheit hat immer versucht, ihre probleme mit gewalt zu lösen. das hat ihr nichts gebracht. jetzt ist es an der zeit.

– wenn sie christentum predigen, landen sie am kreuz. wenn sie aber politisch etwas erreichen wollen, müssten sie gewalt anwendenn. sie können nur mit dem schwert macht ausüben. wenn es die not gebietet, scheuen wir auch nicht davor zurück, blut zu vergießen. große fragen werden immer durch blut und eisen entschieden.

– es gibt auch einen anderen weg. macht auf möglichst viele menschen verteilen, damit keiner zu viel in den arsch bekommt.

– demokratie? dazu ist es doch längst zu spät. die macht ist seit jahrhunderten verteilt, das kind in den brunnen gefallen. wenn sie die geschichte überblicken, alle perioden, wann, glauben sie, war sie erfolgreich? die demokratie, wissen sie, war es nie. demos heißt nicht volk, sondern pöbel.

– ich bin utopist. demokratie ist möglich, allein schon deshalb, weil sie die einzige staatsform ist, die sich kein bild vom menschen macht.

– nett auswendig gelernt. sie argumentieren schneller als ich denken kann. und ich glaube, sie reden nicht von der demokratie, sondern vom kapitalismus. schauen sie: man kann die geschichte nicht aus der sicht eines kriminalkommisars sehen, immer schuldige suchen. napoleon war ein mann, die die welt verändert hat. ihre schlächter haben uns weit gebracht. wo wären wir ohne sie?

– weiter entfernt vom abgrund.

– aber wir fallen doch längst. bald schlagen wir auf. wärend sie mit mir reden, wird wieder geschichte gemacht. es war an der zeit. ein mann kommt, nur er kann uns retten. die demokratie endet in einem blutigen chaos. je größer dieses chaos, desto sicherer ist ihr untergang und der erfolg von IHM.

– sie verstärken das chaos?

– ja. die masse braucht in ihrer schwerfälligkeit immer eine bestimmte zeit, ehe sie auch nur von einer sache kenntnis zu nehmen bereit ist. und nur einer tausendfachen wiederholung einfachster begriffe wird sie endlich ihr gedächtnis schenken. zu kommunisten spreche ich faschistisch, wenn ich nazis treffe, lobe ich marx, bei ihnen bin ich polemisch. es wirkt. schau dich doch um, sieh die verwirrung.

und ich versank. der blick des kleinen mannes war mitleidig. das hatte mir gerade noch gefehlt. – mit mir nicht, rief ich ihm zu, ich weiß, was ich weiß.

ein milchweißer splitter.

daran hatte ich zu schlucken. ich starrte meinen freund an, der mir langsam die luft abdrückte. ich wäre am liebsten vor ihm im boden versunken.

– tot? ist das dein ernst?, keuchte ich.

– bin ich ein lügner?, fragte mein kollege. – schau mich an! ich würde dich nicht anlügen. ich will dich nur warnen. glaube mir, ich will ehrlich sein. es ist gefährlich, zu viele fragen zu stellen. versuche doch weiter so zu leben, wie bisher. mach dir nicht so viele gedanken.

– alles um mich herum verändert sich und da soll ich weiter einfach so vor mich hin leben? das kann ich nicht.

– bis jetzt habe ich dich eigentlich wegen deiner sorglosigkeit bewundert, stellte er fest und ließ endlich meinen kragen los. ich stolperte einen schritt zurück, rang nach atem. er senkte den kopf.- lass gut sein, sagte er, das leben ist mehr.

er lud mich auf ein bier ein, begierig nahm ich an. aber es war nichts mehr aus ihm herauszubekommen. wir redeten über alltägliches. in dieser nacht war ich bei einem mädchen, einer bekannten meines freundes, die er zufällig in der pilsbar traf. sie machte es mir ganz einfach, ihr ging es wie mir. sie war ein ordentlicher fick, aber es war heiß. ich verschwitzte mich dabei und mein körper dünstete faulig aus. selbst nach einer dusche fühlte ich mich noch schmutzig. den rest der nacht lagen wir beide schlaflos nebeneinander. die hitze ließ auch in den morgenstunden trotz weit geöffneter fenster nicht nach.

WORTgeklingel.

so kann man sich irren. keine nation wird sich die finger zweimal verbrennen. der trick des rattenfängers von hameln verfängt nur einmal.

ich atme. noch atme ich sieh mich atmen! die luft schmeckt bitter, sie ist endlich kälter geworden. ich bin müde, mein kopf wendet sich zuckend von selbst halb zur seite, auch nach oben, ich beherrsche ihn nicht mehr.

ich atme. noch atme ich. höre mich atmen! meine finger vergraben sich in meinen handflächen zur faust, reißen blutig: ahab. mit dem WORT tropft hass in mein hirn. er erscheint als schweiß auf meiner zerfurchten stirn. ich habe kein morgen mehr. das gestern ist vergessen. das ewige heute bedeutet schaumige qual, die mir den blick für das wahre verklebt.

ich atme. noch atme ich. fühle mich atmen! mein schweiß tränt auf das papier, erbricht sich als sprachlosigkeit, formt sich zu worten, die nichtig sind.

sinnloses WORTgeklingel. das schreibe ich. es wird zeit zu schweigen. ich möchte endlich schlafen lernen.

nach wochen ist es mir wieder in die hände gefallen: mein schwarzes heft. ich sollte doch noch etwas hineinschreiben, zu einem ende kommen. denn ich weiß etwas wichtiges, das ich vergessen hatte. ich bitte einen, der das liest, die folgenden zeilen nicht auszulassen. ein paar wenige wird es geben, die lesen. einer wird in diese wohnung ziehen, in ein paar monaten vielleicht, wenn der herbst kommt und alles vorbei ist. dann wird er dieses schwarze heft neben meinen kleinen cassetten auf dem wohnzimmertisch liegen sehen. vielleicht liest er alles, bevor er es aus angst vernichtet.

inzwischen ist nichts geschehen. in der wirklichkeit passiert nie etwas. die veränderungen merken wir erst, wenn es zu spät ist. ich habe die arbeit nicht wieder aufgenommen und genau so weitergelebt, wie ich es oben beschrieben habe. nun ist mein konto erschöpft. ich bin noch immer nicht hinter die geheimnisse gekommen, aber ich habe sie inzwischen durchschaut. das WORT ist laut auf den straßen zu hören, man schreit es mir hinterher. doch bedeutung des WORTES ist mir inzwischen gleichgültig geworden. mir ist das egal, ehrlich. auch mein telefon läutet nicht mehr. vielleicht ist ganz kaputt, aber das glaube ich nicht. mein verfolger hat es einfach nicht mehr nötig. inzwischen geht er wie ein freund neben mir her, erzählt mir seine geschichten und lässt mich an seinen lebensweisheiten teilnehmen. wenigstens brauche ich nun keine angst mehr vor ihm zu haben. man hat nur angst vor dingen, die man nicht kennt. ich weiß nicht, wie lange ich schon nicht mehr geschlafen habe. der schlaf ist mittlerweile in den bereich der legende gerückt. manchmal gaukelt mir mein fiebriges hirn visionen von der zukunft und träume vor. vielen geht es wie mir, ich sehe es an den schweißiggrauen gesichtern, denen ich begegne. sie leben in der nacht und verdämmern in ihren wohnungen hinter herabgelassenen jalosien den hitzewallenden tag. alle arbeit liegt darnieder, die stadt ist tagsüber wie ausgestorben. es ist sinnlos, dass die ampeln noch funktionieren. die lebensmittelläden sind ausgeplündert, die anderen werden immer frecher, es wird zeit, dass einer kommt, ihnen das maul zu stopfen.

aber ich wollte von dem wichtigen schreiben. mir ist etwas eingefallen. das ist der sinn meiner täglichen selbstbefriedigung: ich war einmal bei meinen großeltern im dorf zu besuch. ich war vielleicht zehn, oder jünger, älter bestimmt nicht. ich frage mich, warum ich mich noch so gut daran erinnern kann, ich habe wenige eindrücke von meiner kindheit behalten und habe alles, was vor meinem, sagen wir mal, vierzehnten lebensjahr lag, vergessen. ich habe mit dem kind, das ich einmal war, nichts mehr gemein. es war ein dummes, fettes und eingebildetes kind. ich habe, bevor die kopfschmerzen zu stark wurden, in einem buch gelesen, jeder würde sich nach seiner kindheit sehnen. das ist grotesk falsch. ich war froh, älter zu werden, nie mehr möchte ich ein kind sein.

warum erinnere ich mich also, wenn ich wichse und mich über kurz lebendig fühle?

ich war bei meinen großeltern im dorf. ich sah einer magd beim melken zu. ich erinnere mich genau an ihre hände, sie waren fett und knubblig. sie ähnelten den zitzen, an denen sie mit festem griff zogen. der helle milchstrahl spritzte in regelmäßigen intervallen in den blechernen eimer, manchmal, wenn ich nicht genau hinsah, hatte ich den irritierenden eindruck, die milch käme aus den fingern dieser frau. der gedanke gefiel mir, das weiß ich noch ganz genau. die magd hatte eine schürze an. sie saß breitbeinig auf dem melkschemel. ihre fleischigen knie waren sehenswert und imposant, mit ihnen konnten die knie, die ich bisher kennengelernt hatte, nicht konkurrieren. ich stand, aus einem spiel gerissen, nahe bei der kuh und starrte auf die mächtigen schenkel dieser frau. ich hätte ihre haut dort gerne betatscht, nicht aus frühreifen gefühlen, sondern weil mich ihre beschaffenheit interessierte. die schenkel schienen wie ein mit milch gefüllter beutel, dessen hülle mit einem dünnen geäst bläulicher linien verkrakelt war.

dann die folgende situation: sie nahm mich wahr. mit einer lässigen handbewegung spritzte sie scherzhaft mit einer zitze in meine richtung. sie lachte hell, als mich der warme milchschaum ins gesicht traf. ich fand nichts witzig. feuerrote scham brannte auf meinen backen. tränen der wut füllten meine augen. ungerechtigkeit. hilflos, machtlos. kind. sie bemerkte alles. dann sagte sie ernst, und diesen satz kann ich nicht vergessen, ich flüchte zurück zu ihm, wenn ich onaniere. sie sagte:

– so ist das, kleiner. beschissen nicht? sie klatschen es dir ins gesicht und du kannst nichts machen. vergiss es einfach, kleiner.

genau so sagte sie es, mit diesen worten. ich wiederhole, sie sagte es wortwörtlich. es ist seltsam, aber ich habe es wirklich nie vergessen.

ich habe eben zum fenster hinausgesehen, es ist noch immer leer dort unten. bald geht die sonne unter. dann werde ich gehen, den neuen mann hören. IHN.

nein, noch bin ich nicht fertig, noch habe ich nicht alles gesagt.ein paar sätze weiß ich noch, zum beispiel diesen: ich werde sterben.

ich muss ihn erklären. ich werde sterben, weil ich es will. allein das ist entscheidend. wenn ich nicht sterben wollte, würde ich es nicht tun. es gibt alternativen. ich kann die leichen übersehen. so einfach ist das, das habe ich erkannt. man stirbt nicht einfach so. man kann einfach so leben, das geht, das mache ich bisher ja jeden tag, aber es macht mir keinen spaß mehr. gibt es überhaupt etwas langweiligeres.

das ist die reihenfolge, die mir am anfang fehlte, nun kann ich beenden, womit ich begann. erst war langeweile, dann unwohlsein, dann angst, gewöhnung an die angst und wieder nur langeweile, ein teufelskreis. nur einen ausweg gibt es, einen letzten. er löst alle fragen und rätsel und als einziger macht er sinn. es ist der tod. ich werde sterben. was interessiert mich noch das WORT? es ist auch nur wieder etwas neues, das eigentlich etwas altes ist. es hat bereits meinen vater zerstört, und den vater vor ihm. nur klang es damals anders. sie waren selbst schuld. ich werde ihre fehler nicht wiederholen. ich habe lang gebraucht, bis ich erkannt habe, wie alt das WORT ist. es hat mich nicht wirklich überrascht. es war zwangsläufig. damit ging die angst und die langeweile kehrte wieder.

ich werde wohl aus langeweile sterben. ich werde gehen, IHN hören, aufbegehren und sterben, bevor sich das alte wiederholt. ich will das nicht erleben, das nicht. ich werde gehen, diese tür hinter mir schließen, nicht absperren, das macht keinen sinn. aber ordnung muss sein. das sagt auch ER.

der krug wurde lange genug zum brunnen geschleppt.

crisis – Eine Erzählung (Teil 2)

[<– zum Anfang]

der nächste tag traf mich. müde von der endlosen nacht, vom wirren lesen und schreiben, war ich wehrlos gegen seine spitze. zu beginn war er wie die anderen tage, der telefonanruf, die selbstbefriedigung, der geschmack. die milch meiner tage. nur der kopfschmerz war stärker. am abend hatte ich wieder eine verabredung mit einem mädchen, wie immer.

die straßen waren voll, es war sonntag und die leute hatten kein ziel. ich irrte zwischen ihnen, mein diktaphon griffbereit. doch niemand sprach mich an. endlich fiel mir auf, dass ich verfolgt wurde. ich war natürlich daran gewöhnt –  schließlich ist in der stadt jeder hinter jedem her. die komplizierten muster der wege kreuzen sich. es gibt öffentliche gesichter, denen ich jeden tag begegnete. doch dies war nicht mehr die laune eines zufalls. ich war mir sicher: ich spürte einen verfolger. wenn ich mich halb wendete, um einen schnellen blick nach hinten zu werfen, verbarg sich mein schatten zwar, tauchte vorsichtig in einen hauseingang, aber er war immer den kurzen moment zu langsam, zu halbherzig, als wolle er gesehen, jeder zweifel ausgeräumt werden. langsam bekam ich einen eindruck von meinem verfolger. er war groß. ich meinte, ihn lächeln zu sehen, wenn er sich verbarg. ich beschleunigte meinen schritt etwas, erreichte eine haltestelle der u-bahn, ging vorsichtig die wenigen stufen hinab und vorsichtig an den besudelten fliesen vorbei. ich erschrak wie jedesmal, als sich die rolltreppe unter meinen füßen rumpelnd in bewegung setzte. es war ein leiser moment, ein zusammenzucken des unterleibs, ein kurzes gefühl der unsicherheit. meine linke sackte voll genugtuung auf das gummiband, das mit den stufen hinabglitt. jetzt krallten böen in mein haar, blähten mein hemd, kühlten den schweiß meiner haut. gleichzeitig wurden die fahrgeräusche einer bahn laut. der bahnsteig flackerte in der neonstimmung. ich ging ein paar schritte weiter, verharrte unschlüssig, sah mich skeptisch um. wenn ich schnell war und auf der anderen seite wieder herausrannte, konnte ich den verfolger vielleicht abhängen. dennoch blieb ich stehen, denn ich fühlte mich geborgen unter den riesigen zigarettenrauchern. das geräusch eines kurzen, wohlüberlegten fußtritts hallte an mein ohr. eine leere bierflasche.  mein verfolger war nicht so leicht abzuschütteln. ich sah hinüber zum anderen bahnsteig. dort stand im schatten die hohe, zynische gestalt. sie bewegte sich nicht, wartete. ich floh, rannte atemlos hinaus aus dem haltestellenschlauch, hinein in die hitze, die wie eine wand in der straße stand, lief im dauerlauf den weg, den ich eigentlich hatte fahren wollen. ich flüchtete mich in die normalität des cafés, in dem ich mit meinem mädchen verabredet war.

immer und immer wieder trafen wir uns in einem café. unser leben spielte sich in einem café ab, nur dort waren wir eins. in diesem zumindest war die einrichtung teuer.

ich erzählte ihr hastig von meiner begegnung mit dem alten, ohne auf meine mutmaßungen wegen des WORTES oder meinen verfolger einzugehen. sie schien mir nicht dafür geeignet.

– was wollte er?

– wenn ich das wüsste! ich nehme mal an, er hatte zuviel getrunken. sein freund hermann hat probleme und die musste er einfach beim nächstbesten loswerden. mich wundert, dass er keinen betrunkenen eindruck machte.

– vielleicht hatte er einen schaden. – das mädchen tippte mit dem zeigefinger gegen die stirn. in diesem augenblick sah sie roh aus, primitiv. sie war niemand, dem ich erzählen konnte. sie war nur ein fick. das war allerdings genug, ihre dummheit zu übersehen und am ball zu bleiben.

– ich setz‘ mich mal. hallo!

der mann wirkte auf den ersten blick reich, auf den zweiten wie ein zuhälter. bevor ich abwinken konnte, nickte das mädchen. ich sah mich schnell um. nicht alle tische waren besetzt, an einigen saßen frauen, die auf einen märchenprinzen warteten. der mann ließ sich seufzend zwischen uns beiden auf der bank nieder, rückte aber, erstaunlich genug, näher an mich. das gespräch versiegte, aufmerksam musterte ich ihn. er war klein, stämmig, hatte nichts mit meinem verfolger gemein. doch ich hatte noch eine weitere idee, heimlich schaltete ich deshalb mein diktafon ein.

– leskoff. sie sind leskoff. – der mann starrte mich erstaunt an.

– ich heiße karl heller. kennen wir uns? sie müssen mich verwechseln.

– ja. ich dachte nur, sie könnten leskoff sein.

das mädchen kniff ein auge zusammen, legte den kopf schief. sie schien an meinem geisteszustand zu zweifeln.es folgte ein munteres gespräch.

(ich lege die cassette dem heft bei. sie zeigt, wie belanglos, wie naiv unsere gespräche noch waren. wir sprachen über fahrschulen. ich war eifrig dabei.)

vision. – es war mein erster blick in die zukunft und er dauerte nur ein paar sekunden, länger nicht. da bin ich mir sicher, denn in meiner tonbandaufzeichnung ist meine geistige abwesenheit nicht zu bemerken. es war kein traum. war eine vision.

durch hellers sonnenbrille fällt ein lichtstrahl. er ist von dunklen flecken gemasert und schwimmt wie eine hitzeschliere über heißem beton. ich betrachte ihn und höre sein sinken, das regen von leben weit dort unten. der milchige strahl war eben gebündelt, jetzt zerfasert er. er erhellt kaum das dunkel um mich. ich warte. etwas wird geschehen, jetzt, oder doch später, es dehnt sich.

da: die bewegung ist unterbrochen, eine tastende hand gleitet in meinen blick. das könnte meine hand sein, aber sie ist so bleich.von der decke löst sich ein tropfen, quälend langsam stürzt er herab, wie öl in wasser kämpft er sich durch das licht, sich in sich drehend, wendend. dann trifft er die hand. gleichzeitig zerplatzt sie aus sich heraus. alles wird besudelt. ich ekle mich, schließe die augen. das licht verwandelt sich in einen glassplitter, er bohrt sich in meinen kopf, spaltet mein hirn.

– also, die fahrschule ziegler ist billiger und der service ansprechend, sagte heller.

– dafür habe ich beim streng meinen führerschein in einem monat, sagte das mädchen.

– ach? sagte ich.

ich erschrak und sah mich um. dieser tag war anders. es war früh am morgen. ich spürte es, draußen war es bewölkt und kühl. ich lag in einem fremden zimmer in einem fremden bett. die einrichtung war karg, gefängnishaft, aber nicht abweisend. vielleicht war das ein zimmer in einer billigen pension. noch etwas hatte sich verändert. erst nach einer weile wusste ich, was. ich hatte keine kopfschmerzen. ich stand auf, sah zurück. das bett war leer. das passte nicht ins bild. das mädchen hätte drin liegen sollen. ich horchte, vielleicht machte sie frühstück. ich war hungrig und hatte keinen schlechten geschmack im mund. stille lag vor mir, zum greifen nah. ich blickte an mir herab. ich war nackt, meine kleidung lag auf dem boden verstreut. es war nur meine kleidung, glaube ich. ich öffnete einen schrank. muffiger, abgestandener geruch trat aus den leeren fächern. das ist wohl ein hotel, dachte ich, ich hatte recht. wenn ich mich nur erinnern könnte, wie ich hier her gekommen bin. ich zog mich eilig an, trat aus dem schlafzimmer un  erwartete, in einen hotelflur zu gelangen. stattdessen stand ich in einer küche. auch sie war leer, ausgeräumt wie eine musterwohnung, ein unbewohntes appartement. der blick aus dem fenster zeigte die fassade eines miethauses. auf der straße fuhr kein auto, es waren auch keine fußgänger zu entdecken. nervös werdend begann ich zu suchen. es gab noch ein bad und ein wohnzimmer, dazwischen einen kurzen gang. auch hier fand ich keine anzeichen von bewohnung. auf dem wohnzimmertisch lagen zwei briefe. ihre umschläge waren hastig geöffnet, aufgerissen, die absender nicht leserlich. die adresse auf beiden briefen lautete: andreas wert, haffnerweg 12.

wie kam ich in den haffnerweg? der war am anderen ende der stadt. war der eigentümer ausgezogen? hatte er die briefe zufällig vergessen? ich sah mich schuldbewusst um, blöde. natürlich las ich die briefe. der erste war maschinengeschrieben, fehlerlos und fast amtlich.

– wenn du glaubst, ich würde darauf hereinfallen, dann hast du dich geirrt. ich kenne dich und ich weiß, du lässt keinen trick aus, mich zu betrügen. und weil ich dich kenne, würde ich auch nie auf dich hereinfallen. wenn helga dir vertraut, ist das ihre sache. aber mit mir geht das nicht. helga kannst du übrigens wieder haben, wenn du sie noch willst. sie interessiert mich nicht mehr. weißt du, sie ist so ein simples gemüt. meinst du, sie kann mich auf dauer interessieren? unsinn. ich habe gleich gemerkt, wie angelernt ihr geschwätz ist. sie war bei dir in der lehre, nicht wahr? hast sie gleich ins theater geschleppt. gleich am ersten tag war mir das klar. so dumm bin ich nicht. selten habe ich so starr auswendig gelernte meinungen gehört. du kannst dich sicher erinnern, denn es sind deine worte: es war eben wieder der versuch, romantisch, aber noch unfertig, da kann was draus werden, aber es braucht noch zeit. der ganze quatsch. sie hatte die volle palette. es war nur nicht ihre eigene. auch im bett war sie einfallslos. da musst du mir schon mehr bieten. sobald ich etwas gebracht habe, hieß es: du, ich mag das nicht. du, ich bin heute müde. du bist nicht zärtlich genug.

nimm sie wieder, ich gebe sie dir gern zurück.

ich habe dich überschätzt. aus ärger ziehst du diese nummer mit mir durch. ich kann es nicht glauben. bin ich denn ein narr?

die unterschrift war sehr schwungvoll, aber unleserlich. unter p.s. stand:

– wir sehen uns am wochenende. bring monica mit. stefan.

den zweiten brief hatte eine frau geschrieben. ihre schrift war zierlich und übertrieben rund, manchmal war die tinte von einem flüchtigen handrücken verschmiert.

– lieber andreas,

es mit hermann aus. egal, das war nichts. ich habe nur länger als du gebraucht, um es zu bemerken. deshalb schreibe dir ich nicht. ich könnte dich anrufen, aber ich sende dir lieber einen brief, der ist irgendwie anonymer und ich traue mich. weißt du, wie viele wochen es her ist? du wirst es kaum glauben: acht! ich bin gut, nicht wahr? ich glaube, wenn alle meine willensstärke hätten, gäbe es keine probleme mehr. acht wochen, das ist eine kleine ewigkeit. vollziehe das einmal nach: jeden tag in die arbeit gehen, abends ein bisschen spaß haben und in der nacht an die decke starren. irgendwann ist dann der punkt erreicht, an dem du deine augenringe nicht mehr mit makeup verdecken kannst. ich habe ihn längst überschritten. ich bin am ende. acht wochen ohne schlaf, liegen und warten. das kannst du nicht verstehen. du hast es gut, denn dich hat es noch nicht so erwischt. bei männern dauert es länger. außerdem: du hast ES ja. ich weiß deine einwände, du hast auch recht. niemand darf es erfahren und ich habe bis jetzt auch geschwiegen. glaube mir, ich habe niemandem etwas erzählt. aber, versteh mich doch, wenn ich nicht bald wieder schlafen kann, bin ich vielleicht zu nervös und verplappere mich. glaube mir, ich will es nicht und das ist auch keine erpressung, ehrlich, das ist eine bitte. ich bin verzweifelt. besorge mir ES zum schlafen. sonst weiß ich nicht, wozu ich fähig bin.

keine unterschrift, das war alles. ich lehnte mich in dem sessel zurück, in den ich mich zum lesen gesetzt hatte, überlegte.

besorge mir ES zum schlafen.

rauschgift.

erpressung.

mir fiel das WORT wieder ein. hier hatte ich nichts mehr verloren. ich warf die briefe auf den tisch. es war zeit, zu gehen. die wohnungstür war nur angelehnt. ich stieg die treppe hinab, trat ins freie. die straße war noch immer leer. niemand außer mir lief den bürgersteig hinab. es fuhren keine autos. eine ampelanlage schaltete sinnloserweise auf rot. hatten sich denn alle in luft aufgelöst? ich ging die straße hinunter. eine uhr schlug, ich zählte mit. es war neun uhr morgens. aber welcher tag war heute? ich gelangte zur hauptstraße, den hohenzollerndamm. hier erwartete mich das gleiche bild. leere, aber aufgeräumt und sauber. die autos waren ordentlich geparkt. das einzige lebewesen schien ich zu sein, nicht einmal insekten gab es. auch keinen wind, keine gerüche, kein geräusch. nur meine schritte hallten. mein atem keuchte. die stille war tief, erschreckend. ich begann zu laufen, zum markt, in die richard-wagner-straße, leer, leer, leer. – endlich, völlig außer atem, erreichte ich mein haus. ich stürzte hinein, ließ die tür hinter mir zuschnappen, schloss fürsorglich zweimal ab. lange lehnte ich gegen das holz der tür, rang um luft und starrte in den hausflur. dann stieg ich hinauf in meine wohnung. ich war müde. nur mit mühe schaffte ich es in mein bett, meine kleidung ließ ich an. ich schlief sofort ein.

und ein splitter spaltet mein hirn. ein tropfen missachtet die schwerkraft und klatscht zurück gegen die decke.

– aber der ziegler ist doch der bessere lehrer. er ist nicht arrogant. er weiß, worauf es ankommt. ich kann von seinem service nur schwärmen, sagte heller neben mir.

ich nickte, stimmte ihm begeistert zu:- da haben sie recht. ich habe schon viel gutes gehört. und er kennt alle prüfer. – die hitze überfiel mich hinterrücks. hatte ich nicht eben noch gefroren, deshalb eine decke über mich gezogen? ich spürte den schweiß, der meinen rücken nässte. heller drehte sich halb sich zu mir, etwas überrascht, wie mir schien. er hatte bislang mit dem mädchen gesprochen.

– nicht wahr? und was meinst du, claudia?

er wusste schon ihren namen. wann hatte sie ihm den verraten? oder kannte er sie schon länger? war, was ich für zufall hielt, eine absichtliche verabredung? ich beschloss, vorsichtig zu sein. – aufmerksam widmete sich heller dem mädchen. er war auf dem besten weg, sie mir auszuspannen. jetzt kümmerte es mich nicht mehr. es war mir gleichgültig. fast hätte ich ihm das gesagt.

– ich schenke sie dir, hätte ich gesagt und fühlte ein dejavu. gelangweilt sah ich mich um. neben uns saßen zwei junge männer, einer der beiden hatte eine glatze und war geschminkt. sie unterhielten sich lautstark. sie machten ein wenig den eindruck, als würden sie ein absurdes theaterstück proben. ich konnte mich zu ihnen lehnen und lauschen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. leider sind nur ein paar fetzen ihres gespräches auf meiner cassette. hellers stimme war zu laut.

– wir haben keine legenden und keine helden. das ist alles mist. was interessieren uns goethe oder dostojewskij, was stuckkard-barre oder hollebeqc, die sind längst tot. wir sind die jungen. wir sind am anfang, punkt null. wir erfinden uns die welt neu. sie ist unser. wie sie früher war, interessiert uns nicht. das haben wir vergessen, ganz und gar. wir sind der sturm, der den gestank vor sich herjagt, jubelte der geschminkte.

– red nicht so geschwollen.

– wir sind die jugend. wir machen schluss mit allem. wir stehen nicht am ende unserer tage, sondern erst am anfang. und ein neues leben verlangt auch eine neue sprache.

– das ist aber eine alte.

 -du verstehst nicht. in mir ist nichts altes. wir haben keine vorbilder in der sprache, ich spreche so, wie ich als neuer mensch sprechen muss. klar? so soll die jugend sein, stark und schön, es darf nichts schwaches und zärtliches an ihr sein, das freie, herrliche raubtier muss wieder aus ihren augen blitzen. so können wir das neue schaffen. das sage wir alle tage. für uns ist alles religion. was wir tun, das leisten wir nicht nur mit unseren händen und hirnen, sondern mit unseren herzen und unserer seele.

– willst du eine ehrliche antwort?

– ja, natürlich. bist du politiker?

– gut. ich kapier‘ nichts. und ich will das auch nicht verstehen. mir graut vor deinen worten.

– du bist der depp. ich glaube manchmal, dein blut ist nicht gesund. sprache ist auch, vor allem, klang, ein sauberes empfinden, der ausdruck der seele eines volkes, wie musik, weißt du. sie berührt dich. kennst du denn ordinäre musik?

– ja.

– lenk jetzt nicht ab! ich lasse mir von dir nicht meine beweisführung kaputtmachen. ich bin die zukunft. ein wille muss uns beherrschen, eine einheit müssen wir bilden, eine disziplin muss uns zusammenschließen; ein gehorsam, eine unterordnung muss uns alle erfüllen.

– wir gehen. du wirst uns ja wohl nicht vermissen.

das kam von meinem tisch. heller und das mädchen standen bereits. sie hatten sich an den händen gefasst, heller grinste anzüglich.

– ich habe für sie bezahlt, sagte er.

– für das mädchen?, fragte ich erstaunt.

– für das bier, erwiderte er und wusste nicht, ob er wütend werden sollte.

– ich wünsch euch einen schönen abend. – ich winkte abgelenkt und drehte mich wieder zu den beiden männern. aber ihr gespräch hatte inzwischen ein völlig anderes thema. plötzlich unterhielten sich die beiden über eine frau und darüber, ob sie einen bh trug. hier gab es nichts mehr für mich zu hören. ich stellte mein diktafon aus.

ich hielt die tür des cafés scharf im auge, nahm die bewegungen im gastraum kaum mehr wahr. deshalb war ich erstaunt, als sich jemand zu mir an den tisch setzte, genau auf den platz, den eben heller besetzt gehalten hatte, direkt neben mir, eng an mich gedrückt. der mann war nicht groß und er betrachtete mich aufmerksam und freundlich. nichts an ihm war zynisch, sein lächeln durchaus interessiert, sein neugieriger blick allerdings nicht zurückhaltend. er nickte mir zu, suchte einen unverfänglichen gesprächsbeginn.

– bist du oft hier?, fragte er, sich noch näher zu mir lehnend.

– oft. manchmal regelmäßig, antwortete ich zögernd, aber ich habe mir die regel nicht zur regel gemacht.

er senkte den blick: – macht es dir spaß? ich meine, leute zu beobachten.

– ja, sicher, erwiderte ich und sah zu den beiden männern am nebentisch, dadurch ist vieles einfacher.

ich machte eine bedeutungsschwangere pause.

– warum rufst du mich immer an?, fragte ich. ich wollte ihn überraschen, für einen kurzen moment schien ihn die frage auch zu verblüffen. hatte ich wirklich ins schwarze getroffen?

– weißt du das denn nicht? -er spitzte vorwurfsvoll die lippen. – ich hatte geglaubt, du würdest es wissen. ich hätte mich doch nicht zu dir gesetzt, wenn… seltsam, so ein fehler ist mir noch nie unterlaufen. du bist so anders. egal, jetzt sitze ich hier. was willst du wissen?

– sie haben meine frage noch nicht beantwortet, beharrte ich.

nicht? ich dachte, doch. du solltest besser zuhören. ach, ich weiß auch nicht. lass dir mal eine geschichte erzählen, wenn ich mehr zeit habe. erinnere mich daran. das wirst du tun, ja? – ich wusste keine entgegnung, blieb stumm. – sei vorsichtig!, flüsterte er mir zu, stand auf, sah noch einmal aufmerksam zu mir herab. er war doch großgewachsen. dann nahm er sein pils und ging, als wäre es das selbstverständlichste auf der welt, mit seinem glas in die toilette.

als sich mein erstaunen gelegt hatte, ging ich dem mann nach. eine tür führte vom klo über eine schmale treppe ins freie, in einen schmutzigen hinterhof. den anrufer, wenn er es tatsächlich gewesen war, vermochte ich nicht mehr zu finden. der himmel war wolkenlos. die hitze stand hier wie eine wand. was sollte ich tun, wohin gehen? wo sollte ich mir später die schlaflose nacht vertreiben? mir war, als müsse ich mich an etwas erinnern, aber es war so fern und verschwommen wie ein traum.- mein blick fiel auf ein garagentor vor mir. dort las ich das WORT, es war mit roter farbe auf die mauer gesprüht, in großen, deutlichen lettern. das WORT klang banal und obszön zugleich. das WORT gab es. hier stand es.

[Zum Schluss —>]

 

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