Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Diese Sommerlektüren (8) – Faulkner

Das Leben ist an Gut und Böse nicht interessiert…
Das moralische Gewissen des Menschen ist der Fluch,
den er von den Göttern anzunehmen hatte,
damit er von ihnen das Recht bekam, zu träumen.
William Faulkner

Dieser Sommer ist anders.

Er ist alt, ein Anachronismus. Er ist ein Sommer aus dem letzten Jahrhundert. Einer, den ich in „Stromausfall“ beschrieben habe; einer, wie er streng und unnachgiebig in meiner Erinnerung regelmäßig die Augustferien während meiner Schuljahre dominierte: Schwül, drückend, gewitterreich, dann grau, regnerisch und rasch abkühlend in der Nacht. Ein August, der morgens schon nach Oktober schmeckt. In dem bereits Nebel in der Frühe über den Feldern dampft, der sich dann nur zögernd und unwillig wie ein schlecht erzogener Hund vor der stechenden Sonne  in die Wälder flüchtet.

Selbst wenn der Morgen wolkenlos und frisch aus der Nacht tritt und der Tag heiß und trocken wird, sich eitel vom Regen der Nacht sauber gewaschen mit Tautropfen wie mit einer Perlenkette schmückt: Spätestens zur Mittagsstunde quellen wieder hitzige Wolken in den Himmel, erobert wie eine sich rasch ausbreitende Seuche tintenfarbenes Schiefergrau das Blau. Vom Luftdruck verblödete Schmeißfliegen taumeln ziellos und lästig brummend herum. Bremsen und kleine Mücken stürzen wie Kamikazeflieger auf ihre Beute. Träge, endlose Nachmittage, voller unbestimmter Erwartung und nie erfüllbarer Sehnsucht. In ihnen fällt sogar das Nichtstun schwer und jede Bewegung erzeugt Schweißtropfen auf der Stirn.

Dann, am Ende dieser blauen Stunden, folgt ein atemloser Moment der Bewegungslosigkeit, in dem nur die Grillen und von Ferne der ICE zu hören sind. Kein Blatt bewegt sich am Baum, die Natur lauscht und wartet. Bald bläst ein Unwetter den toten Nachmittag davon und der Abend ist so nass und feucht, dass sich das Papier meiner Lektüre wellt, das Hemd juckend auf dem Leib klebt und die Atmosphäre am Weinglas kondensiert.

Nein, der Coronasommer ist hier südlich der Donau kein Sommer des 21. Jahrhunderts. Die großen Ferienthemen wie Kornkreise, Sommerbaustellen und Schnapsideen aus politischer Sommerfrische tauchen in diesem Jahr nur am Rande auf. Kalte und heiße Kriege werden zwar weiterhin erbittert geführt, Ideologien und Religionen stoßen unversöhnlich aufeinander, Machtphantasien oder schlichtweg Irrsinn fordern täglich ungezählte unschuldige Opfer. Die Deutschen sind im Heimaturlaub und stehen im Stau. Wenn ich nicht schon längst den Glauben an die menschliche Vernunft oder an einen Gott verloren hätte, ich würde verzweifeln und ein Ende suchen. Aber so, im Zynismus und im Auge des Sturms, lebt es sich in diesem Sommer gar nicht schlecht. Man kann ja auch unter dem Vordach grillen. Ennui.

Und nun zur Sommerlektüre

Das Licht und die Stimmung dieses Sommers: Genau so muss es in den südlichen Staaten am Mississippi sein und das nicht nur eine Fegefeuer-Saison lang von ein paar Wochen, sondern eine lange Höllenewigkeit. Man denke nur an Elisabeth Taylor, die es sich in einem engen schwarzen Kleid als Katze auf dem heißen Blechdach gemütlich macht, an die frühen Romane von Truman Capote („Die Grasharfe“ und „Andere Stimmen, andere Räume„), an Rhett Butler, Onkel Tom (ja, ja, ich weiß. Die Sommerthemen) und an die Hitze der Nacht. Baumwollplantagen, große Villen mit Säulengängen, gewaltige Eichen. Dampfiges, regenreiches, subtropisches Klima, Sklavenhalter, Louisiana. Ein Schwarzer Diener in Livree reicht Highballs, die mit schwarz gebranntem Whiskey gemixt wurden. An den Gläsern kondensiert die hohe Luftfeuchtigkeit, blaue Stunden. Ennui.

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Niemand hat diese Welt besser und zugleich komplexer in seinen Büchern bewahrt wie der Nobelpreisträger Willam Faulkner (1897 – 1962), der bei all seinen teilweise kindischen Modernismen[1] ein genialer Erzähler war und nicht zuletzt auch ein kleiner Balzac. Seine vielen Novellen, Kurzgeschichten und die etwa 20 Romane aus der von ihm erfundenen, vom Mississippi durchflossenen Provinz Yoknapatawpha (kein Scherz!) mit ihrer Hauptstadt Jefferson sind eine Art Chronik seiner Zeit mit einem festen Figurenpersonal, die sich im großen und ganzen um die Familien Satoris und Snopes dreht.

Das Gesamtwerk – auch hier ähnelt Faulkner Balzac – ist auf Deutsch nur antiquarisch erhältlich, wichtige Werke wie die Snopes-Trilogie sind nicht in aktuellen Ausgaben erhältlich. Es gibt eine alte Taschenbuchedition von Diogenes, von der allerdings nur ein Teil im Buchhandel erwerbbar ist. Faulkner zu übersetzen ist übrigens immer eine Großtat und erzeugt Rauschen in den Blättern der Feuilletons. Kürzlich  ist bei Rowohlt eine aktuelle Übersetzung von Schall und Wahn erschienen, dem Hauptwerk des Südstaatenromanciers – für Faulkner-Beginner ist das Werk allerdings nahezu unlesbar; egal, in welcher Ausgabe. Auch der wundervolle Roman Licht im August wurde neu übersetzt.

Empfohlen seien für Einsteiger, die sich nicht schwindlig lesen und das Buch wutentbrannt in die Ecke feuern wollen, die Erzählungen und unter diesen die Kriminalgeschichten, für die Faulkner ein Faible hatte. Ich will behaupten, dass „Eine Rose für Emily“ die beste Krimi-Kurzgeschichte ist, die ich je gelesen habe. Wer es nicht ganz so kurzatmig haben will, dem sei in diesem Südstaatensommer der für Faulknerverhältnisse leicht und flüssig lesbare Roman „Griff in den Staub“ empfohlen, in dem dieser mit der Hand des Meisters geradezu lässig eine Stimmung aufbaut, vor der man nur bewundernd in die Knie sinken kann. Es ist eine Detektivgeschichte, die sich zu einem ganz großen Drama entwickelt.

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[1] Im Satz wechselnde Erzähler, Hauptfiguren mit gleichem Vornamen, Stream-of-consciousness, fröhliche Zeitsprünge und andere, ungezählte Manierismen. Faulkner ist Meister im Leserverärgern.

Diese Sommerlektüren (7) – Berg und See

„Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.“
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser; dort würde niemand auf die Idee kommen, „Labskaus“ zu servieren. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (also ich) siegt, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Der erste ernsthafte Romanversuch, den ich im Alter von zarten 14 Jahren schrieb und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meiner Giftschublade holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde, alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite (1) ein gezähmtes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben …

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und verbrachte die letzte Woche gemeinsam mit Frau Klammerle bei extrem hitzigen Wetter im Berchtesgadener Land. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck hatte ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924), den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich ist. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil“, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist. Conrad ist längst gemeinfrei und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist „Herz der Finsternis“ sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann. Ich wünschte mir, dass dies irgendwann einmal jemand über einen Text von mir sagen wird.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, den Obersalzberg, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon Krakauers „In eisige Höhen“, das den Irrsinn des boomenden Mount-Everest-Tourismus beschreibt, der in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben …

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

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(1) Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria“-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell. Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

Montag, 23.09.19 – Rückmeldung

Montag, 23.09.19

So lasst mich denn erneut beginnen …

Dann ist es also nach diesem langen Sommer doch noch Herbst geworden. Am Morgen liegen zähe Nebelschwaden auf den Schmutterwiesen und die frühe abendliche Kälte treibt einen von der Terrasse des Altweibersommergartens ins düstere Haus hinein, in dem auch schon ein-, zweimal der Holzofen seinen Dienst aufgenommen hat. Die Wetteraussichten: Mies, es soll die ganze Woche regnen. Überall hat längst die Sommerpause begonnen: Alle sind längst aus ihrem Urlaub zurück (wenn sie nicht mit Thomas Cook geflogen sind), Lehrer und Schüler sind endlich wieder zumindest wochentagstags in die Klassenzimmer weggegeräumt, die Kühe sind von der Alm und die Politiker haben ihr Alltagsgeschäft, mit viel Geschrei wenig zu tun, wieder aufgenommen und Lebkuchenpakete sprießen wie die Pilze im Wald aus dem Boden der Supermärkte. In den Restaurants erscheinen Kürbissuppen im Tagesangebot, die Shortlist für den deutschen Buchpreis ist online und auch für mich wird es Zeit, meine Blogauszeit zu beenden. Auch wenn es mir diesmal sehr, sehr schwer fällt.

Oh, danke der Nachfrage, es war sehr schön in den letzten zwei Monaten. Frau Klammerle und ich sind auf einige Berge gestiegen und haben Städte besichtigt, genossen la dolce vita in einem Weingut am erstaunlich touristenfreien italienischen Iseosee und haben eine halbe Bibliothek leergelesen, gut gegessen und gekocht und die eine oder andere Flasche Wein geöffnet. Ich habe einen alten Roman (Nutzlose Menschen) überarbeitet, ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit „veröffentlicht“(1) und freilich auch an meinen anderen Projekten gefeilt. Wenn ich ausnahmsweise einmal ehrlich bin: Überanstrengt habe ich mich nicht und eigentlich könnte es so weitergehen, lesend, wandernd, schreibend, faulenzend, genießend. Jedoch ist der Mensch ein soziales Wesen und ich fühle mich schon ein wenig von meinem Umfeld (Frau Klammerle, die schon seit Wochen wieder arbeitet) bedrängt, das die Erwartung hat, dass ich endlich wieder mit meinem Alltag zu beginne, mit meinem Brotberuf zum Lebensunterhalt beitrage, Hausarbeiten erledige und das soziale Leben wieder aufnehme. Sie hat ja recht …

Darum ein seufzender Blick zurück ins Tal und dann sei mir herzlich auf meinen Seiten willkommen, mein lieber unbekannter Leser; egal, ob du zum Inventar gehörst oder mich neu entdeckt hast. Hier beginnt eine neue Staffel mit neuen Gedankensplittern, neuen Texten und neuen Ausszügen aus meinen Büchern. Vielleicht hat ja der/die eine oder andere Lust, mich auf meinem langen, steilen und überaus steinigen Abenteuerpfad hinauf in den Olymp der Literatur ein paar Höhenmeter zu begleiten. Ich würde mich freuen.

Wir lesen uns.

PS. Und keine Sorge, ich überanstrenge mich schon nicht. Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Die nächsten Ausflüge ins Lechtal und vor Allerheiligen nach Südtirol sind schon fest eingeplant, falls es meinem alten Stinker-Diesel noch einmal gelingt, sich durch den TÜV zu mogeln.

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(1) Ich weiß, hier habe ich einen Satz veröffentlicht, der zweimal „veröffentlicht“ enthält. Es ist an der Zeit, es hier öffentlich der Öffentlichkeit zu sagen: Ich bin kein Deutschlehrer. Sollte einer dieser strengen Zunft unter meinen Lesern sein (ich will es bezweifeln), so darf er den Satz ruhig mit Rotstift unterstreichen und ein großes „A“ an die Seite seines Bildschirms schreiben – der Korrekturrand meiner Aufsätze waren immer voller „A“, daran bin ich gewöhnt. Ich glaube aber, dass nur Deutschlehrern Wortwiederholungen auffallen.

Freitag, 26.07.19 – Am Ende angelangt

Freitag, 26.07.19

Du bist zwar schneller,
aber wir sind im Urlaub.
Aufkleber auf der rückseitigen Tür eines Wohnmobils

Am Ende angelangt

Das ist ein Gespräch, das ich gerade gefühlt fast täglich führe:

„Ach ja, Frau Klammerle und du, ihr macht doch dauernd Urlaub.“
„Tja, wer kann, der kann. In diesem Sommer fahren wir übrigens nach Italien; an den Iseo-See.“
„Ach, nett, da war ich auch schon.“

Es ist merkwürdig: Egal, wohin ich in den Urlaub fahre – alle waren schon vor mir da, aber mir wird es zum Vorwurf gemacht. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sowohl meinem Brotberuf, als auch meiner Schriftstellerei ein neiderweckendes Maß an Freizeit und Faulheit unterstellt werden. Da kann ich nur sagen: Augen auf bei der Berufswahl und mal ein wenig an der eigenen Nase packen. Viele von denen, die mir Faulheit unterstellen, sind selbst nicht unbedingt fleißig und der hartnäckigste Kritiker meiner Freizeitgestaltung, der immer ein spöttisches Wort über meinen Brotberuf findet, ist seit 25 Jahren Frührentner.

*

Doch leider ist auch ein Tropfen Gallebitternis in die nun kommenden Urlaubswochen verrührt.

Also gut, ich bin es leid. Irgendwann in den letzten Wochen kapierte sogar ich hartnäckiger Träumer, dass es so nicht weitergeht, dass alle Arbeit, alle Anstrengung, aller Fleiß und alle Hoffnung vergeblich waren: Ich bin am Ende; meine Flucht vorwärts führte direkt in eine Sackgasse hinein.*

Am Ende? Nun, es gibt heute zumindest ein Staffelfinale ohne Cliffhanger und ohne die vollkommene Gewissheit, ob es im Herbst eine Fortsetzung geben wird.

Wie in jedem Sommer geht mein Blog „Aber ein Traum“ nun für zwei Monate (oder vielleicht auch für viel länger) in die Sendepause.

Ich ziehe mich vollkommen zurück in mein Schneckenhaus (Gut, ein oder zwei Fühler strecke ich noch aus …) oder, um beim Künsterbild zu bleiben: Ich wohe ab heute in meinem privaten Elfenbeinturm. Ich als Autor, der tausende von Seiten geschrieben, 8 Bücher veröffentlicht und hier fleißig gebloggt hat, fühle mich gerade allzu erschöpft und ausgelaugt, deprimiert – in die Enge getrieben und endlich auch besiegt. Mein digitales Anbiedern, die Internetprostitution, das Freundlichtun gegenüber Gleichgültigen und Überheblichen Selbstdarstellern ekeln mich an.

Ich will nun mal wieder analog leben, Kraft schöpfen, meine Ehe und meine Beziehungen pflegen, die Welt (zumindest einen kleinen Teil von ihr) sehen, ohne Verpflichtungen und äußere Zwänge sein. Das habe ich allzulange vermisst. Ich möchte dicke und noch dickere Bücher lesen, unbeeinflusst von Verpflichtungen oder Erwartungen an meinen eigenen Werken schreiben und das eine oder andere Neue auf neue Weise beginnen. Ich will morgens ohne Last und Termine erwachen und den Tag mit Mozart, Vivaldi, Albert King und einer Butterbreze beginnen. Ich will tagsüber Schönheit, Kultur und Kunst in mich aufnehmen, damit sie mich noch im Winter von innen wärmen. Ich will abends mit einem Glas Weißwein (Unser Ferienhaus liegt in einem Weingut) in der Hand auf einer Terrasse an einem See sitzen und zu den noch glühenden nahen Bergen, die mein morgiges Ziel sind, hinübersehen, während die Stille nach Sonnenuntergang etwas Kühle heranwehen lässt und die letzten Schwalben in der hohen Luft pfeifen. Ich will endlich die erschöpfte Melancholie dieses Sommers, in dem so viele Dinge enden, genießen können. Der Blog ruht in der Zeit als Versprechen wie ein schon von weitem sichtbares Storchennest, dessen Jungtiere flügge geworden und dessen Storchenpärchen in den Süden geflogen ist. Das alles will ich – und noch einiges mehr. Wird es mir zumindest im Ansatz auch gelingen? Ich will es versuchen und diese Hoffnung kann mir niemand nehmen. Bis zur Ziehung der Lottozahlen im Herbst bin ich ein Millionär.

Ja, ich bin ein von Selbstzweifeln und Lebensängsten zerfressener Autor und ein unsicherer, überaus schüchterner Mensch. Daher brauche ich Jahr für Jahr diese Ausruhphasen, um weitermachen zu können, mich vom Tonnengewicht meines Scheiterns befreien zu können. Nun, das hat auch sein Gutes: Niemand wird meine Stimme über den Sommer vermissen, denn ich finde ja keine Leser – auch nicht mit diesem Text. Da gibt es seit Wochen keinen, der sich auf meinen Blog verirrt und etwas liest, niemanden, der meine Bücher kauft, keine Kritiker, keine Anhänger, noch nicht einmal Feinde. Das Internet ist mein Totes Meer. Meine Texte dümpeln unbemerkt im Salzwassersee der Gleichgültigen und Uninteressierten. In den letzten Wochen habe ich viele lange Abschnitte meiner Werken überarbeitet und hier gebloggt, teilweise gehören diese Texte zum Besten, was ich als Schriftsteller schaffen kann – sie sind die Früchte harter und intensiver Arbeit. Es war als Werbung für mich selbst gedacht. Doch nichts fand Aufmerksamkeit oder auch nur Gnade, da war kein Publikum. Was bedeuten 150 Follower, wenn sich niemals einer von ihnen auf meine Seite verirrt oder gar einen Dialog mit mir beginnen will? Damit aus meinen Schriften Literatur wird, brauchen sie nur ein, zwei Leser, das Auge des Betrachters. Wenn dieser jedoch fehlt, dann ist alles, was ich mache, eitel und unnütz und der Blog nur ein Papierkorb. Die Mona Lisa ist ein buntes Bildchen, wenn sie im Keller hängt und niemand sie ansieht. Ein Kunstwerk wird nur eines, wenn es sich von seinem Schöpfer löst und betrachtet wird. Meine Texte sind jedoch Angebote, die nicht angenommen werden – aus welchen Gründen auch immer. Deshalb werde ich nicht nur den Blog auf unbestimmte Zeit schließen, sondern auch meine Buchveröffentlichungen zumindest für die nächste Zeit stoppen.

Meine Stimme war nicht laut, doch sie ist heiser geworden und ich muss sie jetzt verstummen lassen. Aber außer mir bedauert das eh niemand.

*

Ich wünsche trotzdem jederfrau (und -mann) eine schöne Sommer- und Ferienzeit, Erholung und Glück im Großen und – wertvoller oft – im Kleinen.

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* Ich weiß, dass es paradox ist, aber ich will in diesem Zusammenhang auf meine Erzählung „crisis“ hinweisen, in der ich schon vor fast vierzig Jahren sehr gut zusammengefasst habe, wie ich mich im Moment in Deutschland und in meinem Leben fühle.

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