Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Diese Sommerlektüren (2) – Cesare Pavese

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabdrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz. (1)

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, da sie nicht für die erhoffte Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geißeln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich auch ein paarmal versucht, wie Pavese zu schreiben. Ein Ergebnis kann im Anschluss bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen und großartigen Landschafts-Traumbilder gerade in der Nähe von Ulm ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

Diese Sommerlektüren (1) – Alice Munro

Alice Munro hat heute Geburtstag. Ich habe vor ein paar Jahren nach der Vergabe des Lite­raturnobelpreises an die kanadische Autorin neugierig in meiner hinteren Wohnzimmerbü­cherwand gesucht und wurde zu meinem Erstaunen an ungünstiger Stelle hinter dem Sofa zwischen weiteren mehr oder weniger prominenten Na­men fündig.

Munro1

Beim Herausziehen des Bandes musste ich erst ein­mal eine ordentliche Staubschicht vom Kopfschnitt blasen. Das verwendete billige Papier war an den Rän­dern gelb nachgedunkelt und daher wirkte das Ta­schenbuch wesentlich älter als die dreißig Jahre, die es trotz vieler Umzüge die meiste Zeit relativ unge­stört und in Frieden in dem Regal ruhte, nur ab und an etwas nach rechts oder nach unten rutschen muss­te, weil ein neuer Band alphabetisch korrekt einge­ordnet sein wollte. (1) Mein leicht ramponiertes Taschenbuch des Werks stammt aus dem Jahre 1983 und ich habe es wohl Mitte der 80er gelesen, was an den gleichmäßigen Knicken im Buchrücken erkennbar ist. Damals pfleg­te ich diese Marotte, ein Buch exakt alle 50 Seiten aufzuknicken und ich will jetzt keine Kommentare über neurotische Zwangshandlungen hören.

Der Band, der zwar 1998 und 2005 noch eine Neuauf­lage bekam, ist heute, wenn überhaupt, nur noch an­tiquarisch erhältlich und wird bei Amazon als zerle­senes Exemplar ernsthaft für 30 €(!) angeboten.(2) Es ist aber zu erwarten, dass es demnächst zu einem Nachdruck kommt. Mit einem Nobelpreisträger ist nur zeitnah Verdienst zu machen; nach zwei Wochen ist er vom Publikum bereits wieder vergessen. Oder wer kauft heute noch Bücher von Mo Yan oder gar Tomas Tranströmer (falls sich überhaupt noch jemand an den Lyriker erinnert)?

Mir geht es ähnlich: Ich hatte jahrzehntelang kein In­teresse an der Munro, obwohl sie mir doch mit ihrem Beharren auf der kurzen Form sympathisch ist, die ja im Gegensatz zum Roman eigentlich eine zeitgemäße, aktuelle ist. Sie hat einen einzigen, lange Zeit ebenfalls nur an­tiquarisch erhältlichen Roman geschrieben: »Kleine Aussichten«(3).

Wäre die Autorin nicht plötzlich durch das schwedi­sche Komitee geadelt worden, hätte ich »Das Bett­lermädchen« aus Platzgründen demnächst im Bü­cherschrank im Augsburger Hofgarten ausgesetzt.

Munro2Alice Muro
Das Bettlermädchen
Ullstein-Taschenbuch, 1983

Auf der Rückseite dieses extrem billig produzierten, broschierten Bandes, der außer der Titelstory noch neun weitere Kurzgeschichten um ihre Protagonisten Rose und Flo versammelt, also auch als Episodenro­man gelesen werden kann, wird die Munro noch als junger, aufstrebender Stern beschrieben. Es werden Joyce Carol Oates (deren Literatur, wenngleich leicht trivialer, der Munro’schen doch recht nahe kommt) und eine Journalistin der Zeit zitiert. Die erste lobt sie mit Worten, als würde sie über sich selbst schrei­ben (was sie vielleicht auch tat), die andere schmeißt mit den üblichen nichtssagenden Worthülsen aus meinem Kritikerhandbuch um sich: »Wie kann man lieben, wie kann man leben, warum handelt man so und nicht anders? Es sind beunruhigende Erzählun­gen voller Zweifel und Melancholie, aber auch voll Selbstironie und Witz.« Darüber zeigt ein Schwarz­weißfoto die inzwischen greise Autorin als energische Vierzigjährige, deren »Frisur« sich seit damals nur farblich verändert und eingegraut hat.

Warum ich das erzähle? Nun, ich kann mich absolut nicht mehr an diese zehn Geschichten erinnern. Nicht einmal eine Ahnung oder ein Geschmack sind übrig. Viele Bücher hinterlassen auch nach Jahrzehn­ten einen Stempel im Gedächtnis, »dass man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblasst ist«, um einmal den großen Ja­kob Wassermann zu zitieren. Munros Short-Storys er­reichten das bei mir nicht, sie drückten mir keinen Stempel auf. Ich habe sie gelesen und vergessen, so­gar das Buch verschwand aus meiner Erinnerung, bis ich es in meinem Regal wiederfand. Ich habe probe­weise die erste Geschichte »Eine fürstliche Abrei­bung« gelesen, doch ihr Inhalt war absolut neu für mich: Sie erzählt vom erfolglosen Versuch Flos, erzie­herisch auf ihre Stieftochter Rose einzuwirken und leidet ansonsten darunter, die erste einer Reihe zu sein, also erst einmal eine Vielzahl an Figuren ein­führen zu müssen.

Daher werde ich meinen Essay

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben

abwandeln müssen:

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben,
oder sich absolut nicht mehr erinnern kann,
das Buch jemals gelesen zu haben

Genau das habe ich heute getan.

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(1) Inzwischen scheue ich bereits den Kauf von Autoren, deren Namen mit ‚A‘ oder ‚B‘ beginnen, weil ich sonst zwei Stunden mit Bücherrutschen beschäftigt bin.

(2) Falls jemand diesen Band für 29,99 € + Porto bei mir erwerben will: E-Mail mit Adresse genügt.

(3) Dieser Satz taucht in allen Agenturmeldungen und Kommentaren auf, er hat allerdings immer ein verächtlich machendes, herablassendes Wörtchen mehr, das deutlich macht, dass Kurzgeschichten in Deutschland nicht geschätzt werden, weil das Vorur­teil besteht, der Autor hätte sich keine Mühe gege­ben: »Alice Munro hat nur einen Roman geschrie­ben«. Hierzulande zählen allein Romane; der Deut­sche Le­ser achtet wie immer auf das Preis-Leistungs-Ver­hältnis, das ihm nur bei fetten Erzählungen oder bei einer von einem unfähigen Ghostwriter verfassten Sch***-Autobiografie wie der von Herrn Becker stim­mig scheint. »Man vergisst in Deutschland nichts ge­schwinder als gute, weise und verständige Bücher.«

Sommerliche Leseempfehlungen: F. M. Klinger

Man vergisst in Deutschland nichts geschwinder als gute, weise und verständige Bücher.“

F. M. Klinger

Es passiert mir immer wieder. Manchen Fallen kann ich nicht entgehen und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht: Mit fast Arno-Schmidt’scher Lust stürze ich mich auf einen abseitigen vergessenen Autoren, entdecke ihn für mich persönlich, lese begeistert eines seiner Werke, das ich dem entlegenen Winkel eines Antiquariats dem Staube entriss. Klar, dass ich nun alles von ihm lesen will! Nur um anschließend feststellen zu müssen: An den Rest seines Œuvres ist – wenn überhaupt – allein mit erheblichem zeitlichen oder finanziellem Aufwand heranzukommen.

Klinger1Ein solcher Fall ist Friedrich Maximilian Klinger, von dessen Werk es bei Cotta die letzte einigermaßen vollständige Gesamtausgabe (für normale Leser unbezahlbar) im Jahre 1879 gab, einem Autor immerhin, dessen Theaterstück „Sturm und Drang“ einer ganzen Literaturepoche den Namen gibt.

Klinger (1752 – 1831) gehörte in seinen jungen Jahren zum Frankfurter Kreis Goethes und folgte diesem nach Weimar, dabei seine Universitätsausbildung zum Rechtsgelehrten abbrechend, um als freier Künstler zu arbeiten und dann schnell an diesem Versuch zu scheitern. Im Fürstentum stand er den gesellschaftlichen Ambitionen des späteren Geheimen Legationsrats Goethe nur im Wege und fiel ihm wie Lenz oder Kaufmann oder übrigens am Anfang auch Schiller bald so lästig, dass er ihn still und leise aus seinem Gesichtsfeld entfernen ließ. 1776 kam es deshalb zum endgültigen Bruch mit dem Dichterfürsten. Nach einigen Wirren gelang Klinger ab 1780 eine militärische Karriere in der russischen Armee, in der er immerhin bis zum Generalmajor aufstieg. Durch diesen gesellschaftlichen Aufstieg fand Klinger auch wieder Gnade bei Goethe und führte mit ihm ab 1811 einen regen Briefwechsel. Klinger liegt in St. Petersburg beerdigt.

Neben seiner bürgerlichen Karriere – seinem Brotberuf – war er ein fleißiger, weiterhin ausschließlich in Deutsch schreibender Autor. Neben seinen populären Dramen veröffentlichte Klinger dicke Bände mit Gedanken und Maximen, die recht behäbige und staatstragende Aphorismensammlungen und zu Recht vergessen sind –  und eben neun „philosophische“ Romane, von denen das bekannteste und auch immer wieder neu aufgelegte Werk Faust’s Leben, Thaten und Höllenfahrt ist. Alle Romane sind Werke in spätaufklärerischer Manier, angefüllt mit voltaireschen und rousseauschen Gedanken und Weltanschauungen. Zumindest die ersten, noch ganz vom Feuer des Sturm und Drangs erwärmten Bände lassen sich auch heute noch gut lesen, jedoch werden die neun Bücher von Roman zu Roman kälter, schwerer und langweiliger. Vielleicht hat Klinger dies selbst bemerkt, denn ursprünglich hatte er zwölf Doppel-Romane geplant und den neunten, dessen Titel Das zu frühe Erwachen des Genius der Menschheit allein schon abschreckend wirkt, nie vollendet.

Selbstverständlich wusste jeder, dass Goethe seit Jahrzehnten an seinem opus magnum schrieb, was Klinger jedoch nicht hinderte, als erster 1779 ein Werk über die deutscheste aller mittelalterlichen Sagenfiguren zu veröffentlichen. Vielleicht war dies auch der wahre Grund seines Bruchs mit Goethe.* Klingers äußerst pessimistischer, zutiefst am Charakter des Menschen zweifelnder Faust war das erste Werk, das ich von ihm las. Ich fand den Roman im zerfledderten III. Band einer Werksauswahl, die ich 1987 vom Ramschtisch eines Berliner Antiquariats mitnahm. Faust begegnet in dem Werk, vom Teufel und anderen Höllengestalten (Leviathan) begleitet, nie einem guten Menschen, so sehr er einen solchen finden will, sondern nur Heuchlern, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind: Egal, ob es sich um Eremiten, Äbtissinen, den Papst (Alexander VI.) oder Faust selbst handelt, die schlussendlich alle mit viel Getöse zur Hölle fahren. Hier sorgt nicht Gott, sondern Satan für die Gerechtigkeit:

Der Teufel stund in Riesengestalt vor ihm. Seine Augen glühten wie vollgefüllte Sturmwolken, auf denen sich die untergehende Sonne abspiegelt. Der Gang seines Atems glich dem Schnauben des zornigen Löwens. Der Boden ächzte unter seinem ehernen Fuße, der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren, die um sein Haupt schwebten, wie der Schweif um den drohenden Kometen. Faust lag vor ihm, wie ein Wurm, der fürchterliche Anblick hatte seine Sinne gelähmt, und alle Kraft seines Geistes gebrochen. Dann faßte ihn Leviathan mit einem Hohngelächter, das über die Fläche der Erde hinzischte, zerriß den Bebenden, wie der muthwillige Knabe eine Fliege zerreißt, streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und Unwillen auf das Feld, und fuhr mit seiner Seele zur Hölle.“

Der Antiquariatsband enthielt auch noch den ersten Teil des zugehörigen Zwillingsromans Geschichte Giafars des Barmeciden, der mir persönlich noch besser gefiel. Giafar, der aus den Tausend-und-Eine-Nacht-Erzählungen bekannte Großwesir Hārūn ar-Rašīds (Bitte nicht mit dem bitterbösen Dschafar aus Disneys „Aladdin“ verwechseln!), ist eine Art morgenländischer „Hiob“. Er glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen und in seinem Kalifen Haru;, auch wenn ihm der Teufel beständig das Gegenteil demonstriert.

Klinger2Mit dem Giafar begann allerdings mein Leiden. Obwohl Klinger interessanterweise in der damals noch existierenden DDR häufiger als im Westen gedruckt wurde und ich in Ostberlin eine günstige Werkauswahl besorgen konnte, war ausgerechnet der Giafar nirgendwo aufzutreiben. Ich musste 25 Jahre warten, bis ich das Buch zuende lesen konnte. Heute findet der Giafar sich als digitale Ausgabe im Internet und kann – wie auch die meisten der anderen Romane Klingers – auf jedem E-Book-Reader gelesen werden. Und genau das sollte man tun: Gerade die beiden ersten „philosophischen“ Romane von F. M. Klinger muss man einfach gelesen haben.

Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt bei Mobileread

Geschichte Giafars des Barmeciden bei Projekt Gutenberg-DE

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* Auch von Lessing und Lenz gibt es Entwürfe für Faustdramen. Heinrich Heine erhielt einmal eine Audienz bei Goethe. Als dieser ihn fragte, an was er arbeite, antwortete Heine, er schreibe einen Faust. Heutzutage hätte Heine ihm wahrscheinlich den Peer’schen Stinkefinger gezeigt. Der Dichterfürst überlegte kurz, dann ließ ihn rausschmeißen.

Heines letztes Werk ist übrigens in der Tat eine Faustadaption, aber da war Goethe schon lange tot…

Wochenlese 18. – 24. August 2014

»Schaust du verträumt vom Turme nieder,
Du hochlandwilde scheue Maid
Im knappgeschnürten Purpurmieder,
In keuscher Herzensherrlichkeit,
So denk‘ ich einer Alpenrose,
Die einsam auf der Klippe steht,
Unsorgsam, ob bei Stein und Moose
Ein Menschenauge sie erspäht.«

Scheffel

Sehe ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers und träume den schnell ziehenden, grauen Wolken hinterher, die ihre Regenlast eben verschwenderisch über Haus und Garten entleerten und nun hier und da gönnerhaft einem Quadratzentimeter Himmel Platz gewähren, dann erkenne ich, wie  eitel meine Versuche der letzten Wochen waren, ein paar Sommerlektüre-Empfehlungen unter die Leute zu bringen. Denn dieser Sommer ist ein Oxymoron, ein August, der ein Oktober ist; ein Sommer unseres Missvergnügens. Es wäre also sinnvoller, bereits jetzt auf die sanften melancholischen Herbstautoren hinzuweisen, auf Thomas Hardy, dessen Werk geradezu von feuchten Laub durchtränkt und von Kartoffelfeuern erwärmt ist, oder auf Leonhard Frank [1] oder Kazuo Ishiguro, dessen „Was vom Tage übrigblieb“ der wahrscheinlich perfekteste Roman für die Jahreszeit der dampfenden Nebelbänke und frühen Fröste ist, für eine Jahreszeit, in der man die Versäumnisse des jäh vergangenen Sommers bedauert: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ (Rilke)

Vor zwei Wochen schrieb ich in meiner Wochenlese über die See und ihre vielen, vielen Autoren, beginnend bei Homer und der weinroten See, auf der sich sein sympatischer Nichtsnutz Odysseus jahrzehntelang von der Laune Poseidons umhertreiben lässt. [2] Zu diesem Genre, das einen ganzen Verlag ernähren kann (der mare-Verlag, der eigentlich kein einziges schlechtes Buch veröffentlicht hat), fehlt noch die große literaturtheoretische Abhandlung eines eifrigen Germanisten, was Schriftsteller an großen Wasserflächen und weißen Segeln im Wind so fasziniert.

Berg1

Inzwischen war ich aber für ein paar leicht verregnete Tage und kühle, nasse Nächte mit Frau Klammerle („Nächstes Mal fahren wir ans Meer, versprochen, ja?“) im verschlafenen österreichischen Lechtal [3], wo sich auf steilen, hochaufragenden Gebirgsketten Murmeltiere [4] und Steinböcke heimlich Gute-Nacht-Geschichten zuflüstern. Ich bin begeisterter Bergwanderer, der ganze Tage in der Einsamkeit und der dünnen Luft des Hochgebirges verbringen kann, wenn er am Ende des schlammigen und steinigen Weges eine bewirtschaftete Hütte findet, in der er vom Wirt wie von einem Krankenpfleger umsorgt wird. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, auf den ich erst verzichten werde, wenn mich die Artrose in den Knien oder Ähnliches dazu zwingen werden. Ich bin tatsächlich schon seit beinahe 50 Jahren Mitglied beim Deutschen Alpenverein, weil mich mein Vater (begeisterter Extrembergsteiger, der auf den höchsten Gipfeln der Welt war), mich bereits dort anmeldete, als ich noch ein Kleinkind war.

Warum – außer wegen meiner überbordenen Freude am ausführlichen, ausschmückenden Erzählen – berichte ich davon? Weil mir aufgefallen ist, dass es für solch einen Wanderurlaub eigentlich keine geeignete Sommerlektüre gibt. Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss, wenn man sich das obige Bild ansieht (Rosa Wolken – Gott hat einen furchtbaren Geschmack…)? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon KrakauersIn eisige Höhen„, das den Irrsinn des boomenden Mout-Everest-Tourismus beschreibt, der wie erst kürzlich in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben…[5]

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

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[1] Der heute kaum gelesene Sozialist und Pazifist Leonhard Frank (1882 – 1962), der die Nazizeit als Emigrant in höchst prekärer Lage überlebte und – obwohl er dann in Westdeutschland wohnte – nach dem Krieg in der DDR berühmter war als in der BRD, war ein fleißiger Autor. Als Herbstlektüre eignen sich hervorragend seine zusammengehörigen Romane „Die Räuberbande“ und „Das Ochsenfurter Männerquartett„. Bitte nicht mit Bruno Frank (1887 – 1945) verwechseln, der teilweise ein ähnliches Schicksal zu erleiden hatte und ebenso selten gelesen wird, aber im Gegensatz zu Leonhard ein Meister des kurzen, prägnanten Sprache ohne Ausschmückung war. An Brunos glänzenden, meist historischen Romanen („Cervantes„) und Erzählungen ist nichts Herbstliches.

[2] Ein lesenswertes modernes Beispiel: David Foster Wallace und seine brilliante Kreuzfahrt-PassionSchrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“, in der der allzu früh verstorbene Graphomane die Decks der Luxusliner  mit Dantes Höllenkreisen vergleicht. So alt und dement kann ich gar nicht werden, dass mir irgendwann der neuzeitliche Unfug der Luxuskreuzfahrten Spaß machen wird. Es wäre für mich als autistischen Misantrophen ein Graus, auf einem dieser „Loveboats“ die Donau hinunterzufahren oder auf einem Weltmeer mit Spiel, Spaß, Animation und fünf Inclusive-Mahlzeiten herumzukreuzen.

[3] Dort, wo Tal und Stirnen am engsten sind, der in Augsburg müde und alt gewordene Herr Lech sich noch als ein ungezügelt pubertäres Wildwasser in seinem Bett wälzt und die „Geierwally“ in der Wand hing. Wo es keine fleischlosen Gerichte gibt und der Polizist bei der Geschwindigkeitskontrolle versteckt am Straßenrand noch die Gelegenheit findet, mit seiner Freundin zu schnackseln. Felix austria… Kurz: Wo die Welt noch in Ordnung ist.

[4] Murmeltier

[5] Wen wundert’s? Ich selbst habe mich freilich auch schon bemüht, gute Bergliteratur zu schreiben. Siehe hier und insbesondere hier – selbstredend auch meine augenblickliche Montagserzählung „Stromausfall„.

Wochenlese 04. – 10. August 2014

Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (vulgo: ich) siegen, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Den ersten Roman, den ich im Alter von zarten 14 Jahren begann und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meinem Giftschrank holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite[1] ein gezähmes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben…

lamer

Sommerlektüren

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und werde in der nächsten Woche gemeinsam mit meiner Frau ein paar Resturlaubstage bei wohl eher durchwachsenem Wetter auf einer internetlosen Berghütte im österreichischen Lechtal verbringen. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck werde ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924) haben, den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich war. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil„, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist.

Conrad ist längst gemeinfrei ist und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist  „Herz der Finsternis“ [2] sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

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[1] Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria„-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell.

Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

[2] „Herz der Finsternis“ wurde übrigens von Francis F. Coppola unter dem Titel „Apocalypse Now“ verfilmt, der die Handlung aus dem afrikanischen Busch in den Vietnamkrieg verlegte.

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