Aber ein Traum …

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Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 5)

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4.

Klaus Wendlbaur, ein achtundsechzigjähriger, breiter Rentner und Witwer mit einer häßlichen, feuerroten Narbe quer über der Stirn, die er sich im Krieg zugezogen hatte, fühlte sich nur wenig erleichtert, als er die Grottenaupost verließ und sich nach rechts wand. Ob­wohl es ja ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit war, fröstelte ihn und er vergrub sich tiefer in seinen Trenchcoat. Er hatte zwar Oliver Heyses Wunsch erfüllt und dessen brisante Unterlagen per Einschreiben an ihn zurückge­schickt, aber er machte sie ernste Sor­gen um den Vetter seiner vor über zehn Jahren verstorbenen Frau, der sich nach einer längeren Frist so plötz­lich bei ihm gemeldet und ihm eine phantastische Geschichte erzählt hat­te. Es war wahrscheinlich ein Fehler ge­wesen, dieses geheime Grundsatzpa­pier der ASO nicht zu kopieren, jedoch­ wehrte sich jede Faser in ihm, mit der ganzen Angelegenheit etwas zu tun zu haben. Wenn Heyse nicht übertrieben hatte und jene seltsame Vereinigung von Augsburg-Freunden, an die er geraten war, tatsächlich so radikal und extremi­stisch wie in ihrem Manifest war, dann schwebten sie unter Umständen beide in tödlicher Gefahr. Nun, heute Abend würde er sich ja mit Heyse treffen, dann würde er ihm si­cherlich die Andeutungen erklären, die er gestern spät in der Nacht merkwür­dig gehetzt und kurz angebunden am Telefon gemacht hatte. Wendlbaur wusste nur, dass es um die Verleihung des Brechtpreises am Wochendende ging.

An der Kreuzung hielt er sich rechts und betrat die Annastraße, Augsburg Haupteinkaufsmeile. Er är­gerte sich kurz darüber, dass sein altes Postamt an der Kreuzung Frauentor­straße/Pfärrle geschlossen worden war. Dort war jetzt ein übrigens gut ausgestattetes Schreibwarengeschäft. Deshalb musste er jetzt wegen eines Einschreibebriefes bis in die Stadt ge­hen. Er ging beim Attinger vorbei und sein Blick streifte oberflächlich über die Auslagen. Er konnte es nicht genau festmachen, aber irgendein Reflex im Spiegel der Schaufensterscheiben ließ ihn aufmerksam werden. Es war mehr ein Gefühl als eine Gewissheit, aber in diesem Augenblick war er sich plötzlich sicher, verfolgt zu werden. Das ist verrückt, dachte er bei sich, jetzt lasse ich mich schon von Olivers Psychosen anstecken. Terroristen von der Augsburger Separatisten Organisa­tion!, das war wirklich lächerlich. So et­was gab es nur in schlechten amerika­nischen Fernsehserien. Trotzdem ging er sehr unsicher wei­ter, immer versucht, den Kopf blitz­schnell zu drehen und den hinter ihm gehenden Menschen ins Gesicht zu sehen. Er zwang sich jedoch, dieser Versuchung nicht nachzugeben, damit er, falls er tatsächlich einen Verfolger hatte, nicht verriet, dass er ihn bemerkt hatte.

Erst in der Hartmannpassage blieb er vor einem Ssgaufenster des Spielwarengeschäfts stehen und tat so, als würde er sich für die ausgestellten Brettspiele interessieren. Dabei sah er, wie er meinte, unauffällig zurück. Es waren heute viele Leute unterwegs, aber niemand sich um ihn zu küm­mern. Die Menschen, die an ihm vor­beigingen, starrten ihm zwar nahezu ausnahmslos ins Gesicht, aber daran war er wegen seiner auffälligen Narbe ge­wöhnt. Er musste sich also getäuscht haben. Trotzdem blieb ein großer Zweifel in ihm und er spürte, während er anschließen die Passage verließ und den Rat­hausplatz querte, einen bohrenden Blick in seinem Rücken. Für einen Mo­ment wühlte wieder Angst in seinem Magen.

Ein Straßenbahnwagen der Linie Zwei näherte sich gemütlich vom Moritzplatz her der Rathaushaltestelle. Wendlbaur begann zu schnel­ler zu gehen, um sie noch zu errei­chen. Die Bahn hielt mit stotterndem Quietschen vor dem großen Tor des gewaltigen Renaissance-Rathauses und öff­nete zischend ihre Türen. Er lief um den hinteren Teil der Tram herum, dabei warf er wieder einen Blick hinter sich. Niemand hatte wie er seinen Schritt beschleunigt und Wendlbaur war auch der letzte, der hinten in den Wagen stieg. Die Bahn war nicht sehr voll, trotzdem blieb der ältere Mann auf der hinteren Plattform stehen; es lohnte nicht, sich für die drei Stationen, die er fahren wollte, zu setzen. Er streckte sich nach einem Haltegriff, die Türen schlossen sich, die Tram fuhr an, am Perlachturm vorbei, die Karolinenstra­ße hinab. Wendlbaur fühlte sich erleichtert. Ihm war, als wäre ihm ein tonnenschweres Gewicht von der Seele genommen.

Da kreuzte er den scharfen Blick eines ungewöhnlich muskulösen, breitschultrigen Mannes, der ihn schon fixiert hatte, als Wendlbaur eingestiegen war und Panik brannte wie Sodbrennen seinen Schlund empor. Fast hätte er um Hilfe geschrien. Der brutal wirkende Bodybuilder stand bei der nächsten Tür, lässig gegen eine Stange gelehnt, die Arme verschränkt. Wie er es bei der ruckelnden Fahrt um die Domkurve fertigbrachte, scheinbar mühelos im Gleichgewicht zu bleiben, als wäre er mit dem Boden und der Haltestange verwachsen, war dem Wit­wer ein Rätsel. Natürlich, jetzt fiel es ihm ein. Dieser Muskelberg war vorhin in der Passage an ihm vorbeigegangen und er war der einzige gewesen, der ihn nicht beachtet hatte. Das hätte ihn gleich stutzig machen sollen. Er hatte sich also doch nicht geirrt! Sein Verfolger war nur nicht hinter, sondern vor ihm gewesen, hatte wahr­scheinlich auch schon gewusst, dass der Rentner mit der Zweier heimfahren wollte. Und nun starrte er ihm frech in die Augen und grinste breit. Er sah dabei wie ein Affe aus, ein roher, brutaler Gorilla, der das Rückgrat eines alten Mannes wahrscheinlich wie ein Streichholz brechen konnte. Wendlbaur konnte diesem grausa­men Blick nicht standhalten und senkte die Lider.

Was nun, was konnte er tun? Er war ein alter Mann, gegen solch ein Tier hatte er nicht den Hauch einer Chance. Und weshalb verfolgte ihn die­ser Body-Builder? War das vielleicht doch einer dieser Terroristen von der ASO, von denen Heyse gesprochen hatte? War es klug, an seiner Zielhalte­stelle auszusteigen oder nicht vielleicht besser, einfach weiter zu fahren und ir­gendwo zu versuchen, den Verfolger abzuschütteln? Die Entscheidung wurde Wendelbau­er auf überraschende Weise abgenom­men: Die Tram hielt vor dem Englischen Institut und der vermeindliche Verfolger stieg lächelnd aus. Er ging draußen am Wagen entlang; als er an dem Wit­wer vorbeikam, sah er ihn noch einmal kurz an und fletschte dabei wie ein Raubtier die Zähne. Die Bahn setzte sich wieder in Bewe­gung und Wendelbauer sah hinter dem Fleischberg her, der nun über die Straße ging und ihm nun den Rücken zuwandte. Er atmete erleichtert aus und drückte den Halteknopf. Sein Herz pochte noch immer bis zum Hals. Dieses Wechsel­bad der Gefühle war fast zu viel für ein schwaches Herz. Sein Arzt hatte ihm schon vor geraumer Zeit jede Aufre­gung verboten. Innerlich schimpfte er auf Heyse, der ihn mit seinem Verfolgungswahn infi­ziert hatte. Was war heute nur mit ihm los? Überall sah er Verbrecher, die es auf ihn abgesehen hatten.

Als er am Fischertor ausstieg, fiel ihm auf, dass er vor lauter Aufregung ver­gessen hatte, seine Streifenkarte abzustempeln. Ein wenig schämte er sich, dass er die VGA betrogen hatte und er ent­schloss sich, bei seiner nächsten Fahrt eben zwei Streifen mehr zu entwerten. Er ging die Frauentorstraße hinunter und dann in die Georgenstaße, in deren Mitte er gegenüber der Kirche wohnte. Niemand verfolgte ihn, da war er ganz sicher.

Sie wartete auf ihn in dem Torbogen, durch den er gehen musste, wenn er in seine Wohnung wollte. Die Eingangstür war auf der Rückseite des Hauses. Er sah sie erst, als er praktisch vor ihr stand. Er erkannte sie sofort, obwohl er ihr nur einmal begegnet war. Eine Frau wie sie vergaß ein Mann nicht. Obwohl Wendlbaur alt war, war nicht unempfindlich für ihre offenherzig zur Schau gestellten Reize. Er muster­te sie und war erstaunt, wie ruhig er plötzlich war. Sie trug ein hautenges, tief ausgeschnittenes Minikleid und schwarze Seidenstrümpfe, die ihren wohlgeformten Körper und das perfekte Rund ihrer Brüste hervorragend zur Geltung brachten. Sie sah trotz ihrer Aufmachung kein bißchen nuttig aus, sie trug diese Kleidung mit nachlässi­ger Eleganz. Auf ihrem engelhaften Gesicht erschien ein bezauberndes Lächeln.

»Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Herr Wendelbauer«, sagte sie ruhig und kam noch näher. Der unauffällige Hauch ihres herben Parfüms gelangte in sein Bewußtsein. Der Mund des Rentners wurde trocken. Wie war es einem so faden und unauf­fälligen Mann wie es Oliver Heyse nur gelungen, eine Liebesbeziehung zu dieser Frau zu beginnen? Dabei war der Vetter seiner Frau auch noch zehn oder mehr Jahre älter als sie.

»Guten Tag, Julia«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Es ist nett, dass sie wieder einmal bei mir vorbei schauen.« Plötzlich begann er zu verstehen. Ihre grünen Augen blitzten schelmisch auf. Wendlbaur fiel auf, daß die dunklen Ringe unter den Augen keine Schminke, sondern ein Zeichen ihrer Übermü­dung waren. Julia legte den Kopf schief und ein Schwall roter Locken schmiegte sich auf ihre rechte Schulter. Ihr feuchter, roter Mund klaffte einen Spalt auseinander und für einen Moment konnte Wendlbaur ihre Zungenspitze sehen. Welches perverse Vergügen hatte sie dabei, ihn zu reizen?

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, Klaus. Es geht um Oliver«, sagte sie und sah an ihm vorbei. Ein kurzer, scharfer Fußtritt war hinter ihm zu hören. Wendlbaur brauchte sich nicht um­zudrehen, er wusste, wer hinter ihm stand und er zuckte nicht einmal zu­sammen, als ihn eine behaare, riesige Hand am Oberarm packte. Er blicktekurz zu dem Body-Builder, der nun ne­ben ihm stand.

»Julia, was hast du getan? Was ist mit Oliver?«, fragte der Rentner matt.

Ihre Stimme wurde noch sanfter. »Lassen Sie uns in Ihre Wohnung ge­hen, dort können wir besser reden. Darf ich ihnen übrigens Erwin vorstel­len; er ist ein guter Freund.«

Klaus Wendlbaur war kein Held. Nach einer Viertelstunde erzählte er Julia alles, was sie wissen wollte. Erwin brauchte kaum nachdrücklicher zu wer­den. Doch dann hörte das Herz des Witwers plötzlich auf zu schlagen und er kippte vornüber vom Sofa auf den Teppich. Eine Weile ruderte er noch epileptisch mit seinen Armen und Beinen. Dann wurden seine Augen starr. Julia glaubte erst an einen Trick, dann suchte sie vergeblich an seiner Hals­schlagader nach seinem Puls. Sie wechselte einen überraschten Blick mit ihrem treuen Helfer, anschließend zuckte sie mit den Schultern. Sie sah hinunter auf die zusammengesunkene Leiche. Dieser Zufall nahm ihr viel Arbeit ab. Wendlbaur war nur ein weiterer alter Mann, der in seiner Wohnung einem Herzanfall erlag. Für einen Moment regte sich tatsächlich ein wenig Mitleid in ihr, obwohl sie nur ein paar Minuten vorher die feste Absicht gehabt hatte, Wendlbaur zu töten. Schnell schüttelte Julia dieses unerwünschte, ihr fremde Gefühl ab und begann sorgfältig, ihre Spuren zuvernichten und evenuelle Fingerabdrücke abzuwischen. Auch wenn sie zu spät gekommen war, Roman würde mit ihr zufrieden sein. Nun musste sie nur noch morgen in Olivers Wohnung auf den Postboten mit dem Einschreibebrief warten.

*

Die Untertassensektion der U.S.S. Enterprise-D hatte sich gerade vom Rumpf getrennt und war auf volle Im­pulsgeschwindigkeit gegangen, als es zum gefürchteten Warpkernbruch kam, sich Materie und Antimaterie vermischten und der untere Teil des Raumschif­fes explodierte. Die Druckwelle erfaßte die nicht schnell genug fliehende Untertasse und trieb sie wie ein trockenes Blatt vor sich her in die Atmosphäre eines Pla­ neten, wo sie in gebirgiger Landschaft abschmierte. Während die Brückenbesatzung unter dem Konstruktionsfehler aller Enterpri­semodelle, nämlich den fehlenden Sicherheitsgurten, litt und durch die Luft geschleudert wurde, suchte Anna, im­mer wieder von der Zerstörung ihres Lieblingsraumschiffes ergriffen, er­schaudernd nach Sebastians Hand. Sie ergiff sie, ohne den gebannten Blick von dem Geschehen auf der Kinoleinwand zu lassen. Erst als sie spürte, dass seine Hand ihren Druck unerwidert ließ und schlaff blieb, run­zelte sie verwundert die Stirn und warf einen kurzen Blick zu ihm.

Tief in den Sitz gerutscht, den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne ge­sunken, schlief er fest und schnarchte sogar ein wenig. Anna stieß ihn belei­digt mit dem Ellbogen in die Seite. Sebastian zeigte keine Reaktion. Als er dann gegen Ende des Filmes endlich erwachte, war der Platz neben ihm leer; Anna war beleidigt und vor Wut kochend gegangen. James T. Kirk starb gerade feist lächelnd unter einem großen Haufen ro­stigen Alteisens. Obwohl er zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt war, war sein Toupet nicht verrutscht.

»Das war ein Spaß«, waren seine letzten Worte. Sebastian konnte ihm nicht zustimmen. Er hatte extra auswendig gelernt, wie die Eltern von Spock (Sarek und Amanda) hießen und nach wem die Jeffries-Röhre (nach dem Bühnenbildner Matt Jefferies, dem Designer der ersten Enterprise) benannt war. Wehmütig zuckte er mit dem Achseln und verließ fünf Minuten vor Schluss das Kino. Es war an der Zeit, so schnell wie möglich ins Bett zu kommen. Er fragte sich, warum er an diesem Tag über­haupt aufgestanden war.

[Zum 6. und letzten Teil der Leseprobe …]

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 4)

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3.

Aschermittwoch, 01.03.
13.20 Uhr

Der erste Tag der Fastenzeit brachte einen herrlichen und warmen Frühlingstag nach Augsburg, der einem starken Föhnsturm in den Alpen zu verdanken war. Geschäftstüchtig und eilig hatten die Caféhausbesitzer in der Maximilian­straße ihre Tische ins Freie gestellt. Wer hier nach zwölf Uhr seinen winterlichen Vitamin-D-Mangel beheben wollte und noch einen der begehrten Sonnenplätze erhaschen wollte, suchte bereits vergebens. Wer zu spät kam, den bestrafte nicht gerade das Leben, aber er musste drinnen im Schatten sitzen.

Schorre Hauser hockte nun schon seit über einer Stunde in der Sonne vor dem Sommacal, rauchte seine selbstgedreh­ten, stinkenden Zigaretten und nippte vorsichtig an seinem inzwischen abgestandenen Pils. Er hatte nicht genug Geld in der Tasche, um sich ein weiteres Bier leisten zu können. Ab und an verteidigte er mannhaft den Sitzplatz neben sich, auf dem er deutlich sichtbar die Augsburger Allgemeine von heute ausgebreitet hatte. Trotzdem versuchte man immer wieder, ihm den weißen Plastikstuhl abspenstig zu ma­chen und zu entführen. Schorre wartete auf seinen Freund Seba­stian, der jetzt seit fast einer Stunde überfällig war und wie immer zu spät kam. Ihm gegenüber an dem runden Tisch sa­ßen zwei Männer in wie lackiert glänzenden, blauen Anzü­gen und farbenfrohen Krawatten. Schorre schätzte sie zielsicher als Versicherungs­vertreter ein. Obwohl sie mit dem Rücken zur Sonne saßen, trugen sie spiegelnde Zuhälter-Carrera-Sonnenbrillen, in denen sich der junge Maler viermal erkennen konnte. Das Paar zogen über gemeinsame Bekannte und Kunden her, trank Espresso und Prosecco. Ab und an sahen sie wie gehetzt die Maximilianstraße hinab zu ihren in der Nähe parkenden Sportwägen, ob sich viel­leicht eine Politesse näherte. Natürlich hatten sie keinen Parkschein gezogen. Würde eine der städtischen Parkwächterinnen die Maximilianstraße kontrollieren, würden sie eilig aufspringen, in ihre Autos steigen und eine Runde um den Block fahren. Schorre schielte auf ihre Requisiten, die sie zur neidvollen Ansicht vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatten: Forbes-Magazin, die Schlüssel ihrer BMW’s und, unvermeidlich, ihre klobigen Handys. Heute Morgen hatte er in einer Zeit­schrift gelesen, amerikanische Wissenschaftler hätten festgestellt, die elektromagnetischen Felder der Handtelefone würden in einer Frequenz strahlen, die Gehirnströme beeinflusse und Krebszellen und Tumore zum Wuchern bringen. Ihm als Salonrevolutionär gefiel dieser Gedanke, dass diesen Schmarotzern ein kurzes Leben drohte.

Schorre sah auf seine Armbanduhr.

Jetzt war es schon halb zwei Uhr. Er beugte sich vor und sah hinüber zum Café Stadler. Dort hielt Claus Scheele im Freien Hof und diskutierte leidenschaftlich mit fünf oder sechs Leuten. Drei von ihnen kannte Schorre. Es waren der zynische ältere Beamte Nikolaus Klammer, der immerhin vorhin freundlich zu ihm herübergegrüßt hatte, neben ihm Siegfried Sontheimer und dessen enger Freund Horst Favelka, allesamt erfolgreiche Kunst- und Kulturschaffende in Augsburg. Schorre seufzte neidisch und nahm erneut seine Zeitung zur Hand. Zum wiederholten Mal überflog er die Überschriften des Lokalteils. Allzu viel hatte sich gestern nicht ereignet. Einige Zugereiste, ernsthafte Honoratioren des Augsburger Karnevalvereins und zwei oder drei Einheimische hatten in einem abgesperrten Bereich auf dem Rathaus­platz das Ende des Faschings mit der den Augsburgern eigenen Ausgelas­senheit und Geselligkeit in nahezu rhei­nischer Fröhlichkeit gefeiert und kehrten nun zu ihrem Alltag zurück, den der Rest der Bewohner dieser Stadt nie verlassen hatte. Diese Karnevalszone (KZ) hatte man längst wieder abgebaut.Hauptthema auf der letzten Seite der AZ war die Aktion Autofasten, in der die Augsburger überredet werden soll­ten, ihre Autos bis zum 15. April mög­lichst in der Garage zu lassen. Natür­lich waren alle Befragten für solch eine Aktion, an der sie aber zu ihrem Bedauern nicht teilnehmen konnten und die genauso gut gemeint wie erfolglos war.

Die Kripo hatte in der Nacht zum Faschingsdienstag ein illegales Glückspiel in einer Spielhalle am Schmiedberg ausgehoben, dabei Unterlagen der – wie es hieß – Wettmafia konfisziert und einige Verdächtige Serben festgenommen. Die schwarze Nachricht des Tages war die übrigens die kleine, versteckte Mitteilung, dass die Augsburger Brauereien mit dem heutigen Tag ihre Bierpreise an­hoben. Schorre schielte traurig auf sein Pils, dessen Preis das Sommacal be­reits im letzten Monat vorsorglich er­höht hatte. Eigentlich konnte er sich so einen Nachmittag im Café nicht mehr leisten, seit er sich von seiner Freundin getrennt hatte. Wenn es ihm nur gelingen würde, sich endlich das Rauchen abzugewöhnen!

Da sah er endlich Sebastian, er rann­te vom Moritzplatz kommend mitten auf der Straße. Das war eine symbolische Tat. Er setzte sich dieser Gefahr nur aus, weil er demon­strierten wollte, dass seine Verspätung nicht seine Schuld war und er sich wirklich anstrengte, noch rechtzeitig zu kommen. Schorre war ihm nicht böse, obwohl er diesen Trick kannte und wusste, dass es Sebastians hart­näckigste Eigenart war, unpünktlich zu sein So war sein Freund eben, er hatte sich in den Jahren, in denen er ihn kannte, längst daran gewöhnt.

Sebastian warf seine Jacke nachlässig über die Stuhllehne und ließ sich abge­hetzt auf den freien Platz neben Schorre fallen. Noch bevor er zu Atem und zu einer Begrüßung gekommen hatte, stand schon der quirlige Kellner am Tisch.

»Kaffee. Viel Kaffee«, sagte Seba­stian keuchend. »Eine Portion«, erwiderte der Kellner und trat ab.

»Ist das heute ein Wetterchen! Meine Jacke habe ich umsonst mitgenommen.« Sebastian bemerkte die hocherhobenen Augenbrauen und hob die Hand. »Ich bin spät, ich weiß. Und es tut mir leid.« Schorre lehnte sich zurück. Jetzt kamen die Ausreden. Sebastian fuhr zweigleisig. Zum einen machte er sei­nen Vater verantwortlich, der ihn den ganzen Vormittag beschäftigt hatte, zum anderen gab er, und das war neu, sich selbst die Schuld. Auch wenn sein Argument merkwürdig klang:

»Seit die Einser verlängert wurde und die Endhaltestelle nur noch zweihundert Meter von meiner Wohnung ent­fernt ist, komm ich regelmäßig zu spät. Ich muss jetzt nicht mehr umsteigen und habe ständig das Gefühl, ich woh­ne näher an der Stadt.« Der Kellner brachte den Kaffee und zwang Sebastian zu einer Pause, die Schorre dazu nutzte, zu Wort zu kommen.

»Was macht dein Roman?«, fragte er wie jedes Mal und eröffnete damit ihr übliches, nicht ernst gemeintes Geplänkel. Während andere Leute sich zur Eröffnung über das Wetter unterhielten, waren die beiden daran gewöhnt, sich gegen­seitig zu ärgern.

»Es geht voran«, antwortete Sebastian vage.

»Ach komm! Seit du vor acht Jahren vor Publikum aus ihm gelesen hast und Alfons Andernaj ihn in der AZ positiv rezensierte, hast du doch vor Stolz – oder sollte ich Faulheit sagen? – kaum mehr eine Zeile hinzugefügt.«

»Und du? Seit Harry Meyer dir alle Kunstpreise vor der Nase weg­schnappt, ärgerst du dich nur noch neidisch, aber du malst nicht mehr, sondern wilderst in meinem Metier«, retournierte Sebastian.

»Ist doch wahr!« Schorre schlug mit der flachen Hand auf den Plastiktisch, dass die Gläser schepperten und Seba­stians Kaffee überschwappte. Er be­kam von den anderen am Tisch böse Blicke und sprach merklich kleinlauter weiter:

»Harrys Karriere beweist doch nur, dass in diesem kulturellen schwarzen Loch nicht die Qualität, sondern nur Beharrlichkeit und Beziehungen zäh­len. Wenn dein Zug einmal durch Zufall doch ins Rollen kommt, dann springen natürlich alle auf und haben es immer schon gewusst. Und Harry trägt jetzt die Nase zehn Zentimeter höher. Er grüßt mich kaum mehr.« führte Schorre aus. Obwohl er ein paar Jahre älter als sein Freund war, stand ihm die Rolle des zornigen, jungen Mannes.

Es ist Zeit, das Thema zu wechseln, fand Sebastian. Ihn langweil­ten die Intrigen des Berufsverbandes bildender Künstler. Er sah einem wohlgefüllten, kurzen Rock hinterher, der auf hohen Pumps an ihm vorbeiflanierte. Es wird Frühling, dachte er.

»Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die Frauen im Frühjahr regelrecht exhibitionistisch sind? Kaum wird es etwas wärmer, holen sie zur allgemeinen Bewunderung ihre Miniröcke raus«, fragte er. Scharre winkte gelassen ab und kämmte seine langen, fettigen Haare zurück, die jedoch sofort wieder zurück in sein Gesicht fielen.

»Wenn du mich fragst, bist du diesen Anblick nur nicht mehr gewöhnt. Des­halb kommt dein Hormonhaushalt durcheinander. Im Frühjahr sind Kleidungsstücke Sensation, nach denen im Sommer kein Hahn kräht. Aber ich wollte eigentlich mit dir nicht über Mode reden.«

»Richtig. Worum geht es?«

»Wenn wir es geschickt anfangen, um sehr viel Geld«, erwiderte Schorre be­deutungsvoll. Die zwei Männer am Tisch hoben aufmerksam geworden die Köpfe und der Maler beugte sich vertrau­lich zu Sebastian.

»Pass auf«, erläuterte er. »Du hast doch sicher auch schon von der großen, gemeinsamen Aktion der Augs­burger Kirchen gehört?«

»Zwangsläufig. Sie wollen alle Bürger anrufen und bekehren.«

»Genau! Sie starten damit in der nächsten Woche. Die Kirchen schrei­ben gerade die Eigenwerbung so groß, weil ihnen die Mitglieder weglaufen. Man ruft dich an und fragt dich, ob man dir kostenlos ein Heft zuschicken kann. Das Werk heißt Von Wegen und am Rande bemerkt outen sich darin einige Augsburger als Christen, von denen ich so etwas Grusliges nicht einmal im Traum vermutet hätte.«

»Worauf willst du hinaus?«

»Pass auf«, wiederholte er. »Es ist so simpel, dass es zum Lachen ist. Ich habe mir folgendes gedacht: Im Moment erwarten alle Leu­te in der Stadt, dass sie zwecks Bekehrung angerufen werden. Wie wä­re es, wenn wir sie vor den Kirchenleu­ten anrufen würden? Wir geben uns salbungsvoll und schicken ihnen ein Heft religiösen Inhalts, aber nicht ko­stenlos, sondern gegen Nachnahme. Du kannst dir sicher sein: Zwei Drittel nehmen unser Heft. Ich habe das schon durchkalkuliert: Die Herstellung von so einem Erbauungsbändlein kostet uns vielleicht zwei Mark; zwanzig Seiten kopierter und mit Klammern gehefteter Text. Verkaufen werden wir es für acht Mark. Wenn wir 20.000 herstellen und so lange herumtelefonieren, bis wir sie los sind, haben wir Unkosten von 40.000 Mark und, vorsichtig gerechnet, zusätz­lich Telefonkosten von acht- oder neun­tausend Mark. Dagegen stehen Ein­nahmen von 160.000 Mark. Genieße das: 160.000 Eier! Das sind fast 60.000 Mark Cash für dich und mich! Jeder von uns versechsfacht sein ein­gesetztes Kapital innerhalb eines Monats. Nicht schlecht, was?«

Schorre war von seiner Idee so hingerissen, dass er nicht bemerkte, wie schwer es Sebastian fiel, ernst zu bleiben. »Ist das nicht Betrug?« fragte er.

»Ach, was! Wir geben uns am Telefon ja nicht direkt als Vertreter der Kirche zu erkennen und wir verheimlichen natürlich auch nicht, dass unsere Broschüre ein wenig Geld kostet, das guten Zwecken zugeführt wird. Und unser Wohlleben ist doch ein guter Zweck, hehe.«
»Und ich soll das Heft schreiben? Da­für brauchst du mich?«

»Genau. lch habe viele gute Eigen­schaften, aber solch eine Schreiberei gehört wirklich nicht dazu. Das kannst du doch dafür umso besser: Ein bisschen religiöse Erbauung, ein paar Gebete, ein paar salbungsvolle Worte, du weißt schon, das kriegst du doch in drei Tagen hin. Na, was sagst du?«

Sebastian schüttelte den Kopf und gähnte. »Heute Früh war einer vor meiner Wohnungstür und wollte von mir wis­sen, wo das Grab von Roy Black ist«, lenkte er ab. Er hielt Schorres Idee, zu Reichtum zu kommen, für vollkommenen Unsinn.

»Verrückt!«, kicherte Schorre.

»Ja. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich heute noch jemandem begegnen würde, der noch verrückter ist. Aber du, Schorre, bist es«, sagte er ruhig. Die beiden Vertreter am Tisch, die natürlich gelauscht hatten, begannen laut­hals zu lachen. »Glaube mir, das war mit Abstand die blödsinnigste Idee von dir, seit du vor­hattest, während der Dult heimlich deine privaten Parkuhren in der Jakober­straße aufzustellen und wahrscheinlich ist sie ebenso kriminell«, fügte er hin­zu. Schorre schnaubte beleidigt und senkte den Blick. Für einen Moment wirkte er wie ein angeschlagener Boxer.

»Das ist das Ende unserer Freund­schaft«, sagte er mit dramatischer Grabesstimme, sprang auf und murmelte ein »Lebewohl«, das aus seinem Mund wie eine Beschimpfung erklang. Dann ging er in Richtung Café Max, wo er in zwanzig Minuten ein weiteres Treffen mit einem erfolglosen Autor hatte. Zu seinem Glück gab es von ih­nen in Augsburg zur Genüge. Vielleicht würde dieser seiner Idee mehr Begei­sterung entgegenbringen. Sebastian ließ ihn gehen und sah ihm ruhig hinterher, denn Schorre war höchstens eine Woche beleidigt, dann hatte er ein neues, phantastisches Ge­schäft ausgebrütet, ebenso gewinnbringend und unausführbar. Dann würde er sich ganz selbstverständlich wieder bei ihm melden, als wäre nichts geschehen. Sebastian hob gleichgültig die Schul­tern. Mit Verrückten reden und Bäume schneiden; das waren also die Dinge, mit denen er seinen freien Tag verplemperte. Sicher hatte Schorre sein Pils noch nicht bezahlt und es blieb typi­scherweise an seinem schmalen Geld­beutel hängen. Es gab Leute, die Schorre aus gutem Grund Schnorre nannten.

Sebastian schloss die Augen und ließ die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht ruhen. Hier vor dem Sommacal konnte man es aushalten und er würde diesen Platz erst aufgeben, wenn er sich kurz vor 16 Uhr vorne am City-Kino mit Anna treffen würde. Eine Weile genoss er den Moment. Dann kramte er umständlich aus seiner Jackentasche sein Startrek­-Lexikon und begann, sich für den Abend mit seiner Vulkaniern zu präparieren. Er wäre sicher nicht so ruhig gesessen, wenn er gewusst hätte, dass gar nicht weit von ihm entfernt ein Mann etwas tat, das sein Leben ändern und ihn in Lebensgefahr bringen würde.

Der Mann hieß Klaus Wendlbaur und er gab gerade ein Einschreiben mit Rückschein an Oliver Heyse auf.

[Zum 5. Teil …]

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