Aber ein Traum …

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Neujahrsgrüße 2020

31. Dezember 2019, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel erst am 25. Januar, die Juden ihr Rosch ha-Schana erst am 19. September und die Muslime genau einen Monat eher, am 19. August 2020. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war der Neujahrstag am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren – auch meiner Katze – ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und es ist absolut keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Wenn es nicht gelingt, es an einem anderen Tag zu machen, warum dann ausgerechnet am 1. Januar? Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2020 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und dann mein Dachfenster öffnen, „Ah!“ und „Oh!“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine persönliche, immer kürzer werdende, im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2020 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

Euer Nikolaus!

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(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in einer Intensiv-Frühgeburten-Abteilung, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, heute alleine sein. Übrigens startet das neue Jahrzehnt, die berüchtigten Zwanziger Jahre, erst am 01.01.2021 (Ich weiß, ich bin ein Klugscheißer, aber ich kann halt nicht aus meiner Haut)!

Hinein in 2019! Gedanken zum Jahreswechsel

Nachdem die Verwandschaft beim großen Familientreffen am Stefanstag alle unsere Lebensmittelvorräte verputzt hatte, war letzten Freitag ein Einkauf beim nächsten Discounter fällig. Frau Klammerle wollte Spanakopita und Gemüsequiches machen und benötigte deshalb dringend Gemüse, Zwiebeln, Schafskäse, Spinat und Blätterteig. Außerdem hatte mein Vater eine Einkaufsliste dalassen, die noch im alten Jahr abgearbeitet werden wollte.(1) Nachdem mein wenig zuverlässiges Auto am Vormittag des Hl. Abends den Anlass augenutzt und sein Anlasser auf einem Supermarktparkplatz den Dienst verweigert hatte und sich nun in der kostspieliger Reparatur befindet, fuhr ich mit dem kleinen Flitzer meiner Frau zum Diedorfer Lidl, der in harmonischer Gemeinschaft mit Konkurrent Aldi, Rewe, Kik und Rossmann im überall in der Republik gleich aussehenden und gleich öden Gewerbegebiet liegt. Das stellte sich im Nachhinein als eine gute Entscheidung heraus, denn das ganze Dorf war zum Einkaufen unterwegs und es herrschte auf dem Parkplatz drangvolle Enge. Doch mit Frau Klammerles putzigem Spielzeugauto konnte ich mich gerade noch so zwischen zwei fette SUVs quetschen. Zuerst wunderte ich mich, dass so viele Männer mit ihren Söhnen beim Lidl waren, bis mir dann die Erleuchtung kam, als ich mich mit meinem kleinen Einkauf ans hintere Ende einer quer durch den Laden reichenden und schier endlosen Kassenschlange einreihte: Seit heute wurden Silvesterböller und -raketen verkauft und in den Einkaufswägen der Leute vor mir stapelten sich die Pakete mit Feuerwerkskörpern und Knallern. Einige der Einkäufer (Feuerwerkkauf ist offensichtlich Männersache) schoben gleich zwei der Gitterwägen vor sich her und weiter hinten, bei den Sonderangeboten, wurde bereits erbittert um die Restware gekämpft. Jeder hatte für mehrere hundert Euro Schall und Rauch aufgeladen und schob nach dem Bezahlen seine Beute mit stolzgeschwellter Brust zum Auto. So müssen die Steinzeitjäger ausgesehen haben, die mit einem erlegten Mammut an die Feuer der Herde zurückkehren. (Damit muss ich wohl als Autor leben, dass die Leute lieber einen halben Monatslohn in die Luft jagen, als für 99 Cent ein Buch von mir zu kaufen.)

Man merkt schon, dass ich diesem Phänomen ziemlich ratlos gegenüberstehe, da für mich 31. Dezember nur der Tag vor dem 1. Januar ist. Je älter ich werde, um so bedeutungsloser und lästiger wird mir dieses Silvesterfest; es macht mir nur meine sonst gut verdrängte Sterblichkeit bewusst, der ich wieder ein Jahr näher gerückt bin. Wer nicht an die Zukunft denkt, lebt ewig … Deshalb ist mir dies heut nur ein weiterer Montag, an dem ich nicht nur ein Blatt, sondern eben mal den ganzen Kalender auswechsle, aber ansonsten wie bisher weitermache – Schritt für Schritt in eine ungewisse Zukunft, von der nicht behaupten kann, dass ich mich auf sie freue. Und diese doofe Erkältung, die mich seit über einer Woche quält, habe ich noch immer nicht auskuriert! Das Wetter scheint meiner Meinung zu sein. Wir leben hier gerade unter einer kalten, nieselnden Wolke, die keine Sonnenstrahlen durchlässt und den tristen Tag in eine lange, graue Dämmerung verwandelt.

Silvester wird bei mir auch keine Party gemacht, denn Frau Klammerle hat wie immer Nachtwache und ich bin in der Regel so gegen 11 Uhr Abends eigentlich so müde, dass ich meinen Lesesessel der Katze überlassen und mich ins Bett schleppen könnte. Aber da ich weiß, dass mich der Lärm der Böller und Raketen wecken wird, werde ich geduldig bis Mitternacht warten, brav einen Piccolo öffnen – nicht mein Ding, dieser saure Sprudel, aber es gibt halt doch ein paar Traditionen, denen ich mich nicht entziehe -, dann stelle ich mich kurz ans Fenster und mache zweimal „Ahh“ und „Oohh!“, wenn die Leuchtspur einer Silvesterrakete den Nachthimmel zerkratzt und die feuchte Luft anschließend mit 5000 Tonnen krebserregendem Feinstaub geschwängert ist.(2) Vielleicht hängt das mit meinem fortschreitenden Alter zusammen – es gibt für mich immer weniger Gründe, den Beginn eines Neuen Jahres zu feiern. Denn die Erfahrung zeigt: Es kommt einfach nichts besseres nach. Was kann ich schon von 2019 erwarten, wenn bereits 2018 ziemlich mies war?

2019 liegt vor mir wie ein schroffer, schier unüberwindlicher Bergrücken.

Obwohl es mir eigentlich nicht zusagt, will ich jetzt aber doch einen letzten Kerzenrest, der von Weihnachten übriggeblieben ist, anzünden, Frau Klammerles neues Spielzeug, einen Aromadiffuser, der „Gute-Laune-Duft“(3) verbreitet, starten und ein wenig über gestern und morgen als Schriftsteller nachdenken. Während es 2018 im privaten und familären Kreis kaum Veränderungen gab, uns keine Krankheiten oder Schicksalsschläge trafen und damit alles so weit gut war – denn das Paradies muss man sich als einen Ort vorstellen, an dem sich nie etwas ändert -, war 2018 erneut ein schlechtes Jahr für mich als Autor; eine weitere einer langen Reihe von Niederlagen. Oh, ich habe meine Pläne verwirklicht und vier (!) Bücher veröffentlicht, darunter die ersten Bände meines „Jahrmarkt“-Zyklus‘ und den 3. Teil der Geltsamer-Trilogie – aber ich habe mir wieder kein Publikum aufbauen können und bleibe der unbekannteste Autor der Welt. Denn gelesen wurde nur, wenn ich meine Literatur verschenkte. Dafür kann ich mir zwei Gründe vorstellen: Entweder bin ich tatsächlich als Autor eine Pfeife und einfach schlecht oder ich habe einfach noch nicht meinen Leserkreis gefunden und er nicht mich. Selbstverständlich tendiere ich zu zweiterem, den mit ersterem kann ich nicht leben und werde deshalb weitermachen: Für 2019 habe ich selbstverständlich den vorletzten Geltsamer-Roman geplant, es werden ein weiterer Band mit Glossen aus meinem Blog und ein Erzählungsband aus dem „Jahrmarkt“ erscheinen und endlich der 2. Teil vom „Weg, der in den Tag führt“.

Meine Bücher 2019

Man kann mir nun vielleicht vorwerfen, dass dies zuviel Papiermüll ist, den ich da produziere, wenn schon die anderen 8 Bücher aus den Vorjahren selten gekauft und wenig gelesen werden. Aber diese Ankündigung dient zum einen meiner eigenen Schreibmotivation, die ich ja mangels Leser nur aus mir selbst fischen kann, und zum anderen glaube ich, dass ein großer back catalogue(4) mir mehr Publikum und Öffentlichkeit beschert. Vielleicht wecke ich aber auch bei dem einen oder anderen Vorfreude auf meine neuen Bücher, denn ein paar Leser habe ich freilich doch. Ich jedenfalls bin schon ganz aufgeregt, wie es weitergeht.

Auf jeden Fall wünsche ich einen schönen Silvesterabend und ein erfolgreiches, glückliches und gesundes 2019 und plaudere morgen Vormittag gut ausgeschlafen und weniger deprimiert weiter. [Hier geht es weiter …]

Nikolaus

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(1) Wenn ich für meinen bald 92jährigen alten Herrn einkaufen gehe, der noch immer in seiner Wohnung lebt und seit der Erkrankung meiner Mutter für sich selbst kocht, würde ich mir am liebsten ein Schild um den Hals hängen, auf dem „Dieser Einkauf ist nicht für mich“ steht. Neben Speisen, die ich als Vegetarier nur mit zwei Fingern vorsichtig und angeekelt aus dem Regal nehme („Schweinskopf in Aspik“, „Saures Lüngerl“, „Labskaus“, „Negerbeutel“ (1a), etc.), stehen auch immer zwei Flaschen Schnaps auf seinem Zettel. Diesmal sind es Calvados und „Kümmel“ – wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob bei zweiterem der Klare gemeint ist oder tatsächlich das Gewürz.

(1a) Fragt mich nicht …

(2) Ich werde mich jetzt mal bei den Silvesterfeuerwerks-Kritikern einreihen; das ist gerade Mode. Außerdem macht es mich wirklich krank, wenn ich überlege, was mit den 150 Millionen Euro alles gemacht werden könnte, die der Deutsche innerhalb von ein paar Minuten in die Luft jagt, dabei die Luft verschmutzt, seine verängstigten Haustiere mit dem Lärm terrorisiert (2a) und es in jedem Jahr Schwerverletzte und Tote gibt. Was für ein Schwachsinn!

(2a) Katze Amy wird sich zwei Tage nicht aus dem Keller trauen.

(3) Wie gute Laune riecht? Nach Zitrusfrüchten, eher scharf und aufdringlich. Ob es auch „Schlechte-Laune-Duft“ gibt? Den stelle ich mir eher erdig und salzig vor, mit Tabak- und Torfnoten im Abgang. Hmm, vielleicht sollte ich heute Abend statt einem Sekt ein Glas schottischen Whiskey trinken …

(4) Ursprünglich sollte hier „Backkatalog“ stehen, aber ich gönnte Hans-Dieter Heun den vorhersehbaren Scherz nicht.

 

Das bringt mein neues Jahr – voraussichtlich …

Ob ich gute Vorsätze für das Neue Jahr habe? Außer den Weihnachtsspeck loswerden, Frau Klammerle jeden Wunsch von den Augen ablesen und endlich ein berühmter Autor zu werden*? Eigentlich nicht, denn Silvester ist nicht mein Fest. Warum soll ich etwas enden lassen und etwas neu beginnen, weil der Zufall der Kalendereinteilung es mir vorschreiben will? Die Hälfte der Welt hat einen anderen Kalender. Für die Menschen im Mittelalter zum Beispiel begann das Neue Jahr schon am 25. Dezember, an einem Tag also, an dem heutzutage noch alle im Weihnachts-Fress-und-Sauf-Koma – siehe Bild unten – unterm Christbaum liegen und sich keine Gedanken über ihre Zukunft machen. (Am 1. Januar wurde übrigens Christi‘ Beschneidung gefeiert – ein Fest, das die Kirche heute eher schamhaft verschweigt.)

Nein, in der Nacht vom 31.12. zum 01.01. wird nichts Aufregendes geschehen, es wird in ihr nichts besser und auch nichts schlechter, Veränderungen gehen langsam und nicht über Nacht – selbst wenn man in ihr noch so viel Sekt trinkt und sie lautstark und farbenfroh in die Luft jagt.

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* genau, das ist mein Vorsatz: Ich werde mich eisern an die 10 goldenen Gebote für Schriftsteller halten und endlich ernstgenommen und erfolgreich sein (Außerdem wollte ich schon immer mal eine Fußnote länger als den Text werden lassen). Thomas Mann hatte schon recht, als er forderte, dass ein Schriftsteller seriöser als ein Banker aussehen solle. Einfacher wäre es, seriöser zu sein, aber Mann hat es uns nie einfach gemacht. – Nikolaus M. Klammer.

Die 10 Gebote für den erfolgreichen Schriftsteller

1. Du sollst nur von dir schreiben, aber keiner darf es merken.
Dies ist die erste und damit die wichtigste Regel: Schreibe nur von den Dingen, von denen du etwas verstehst, also von dir selbst. „Wer versteht die Welt?“ fragt Novalis und gibt als Antwort: „Nur, wer sich selbst versteht.“ Moderner ausgedrückt klingt das dann so:
Moderator: „Sie schreiben, so scheint es, am liebsten über sich selbst.“
Stuckrad-Barre: „Entschuldigung, aber über wen denn bitte sonst?“

2. Gib niemals zu, dass du nur von dir schreibst.
Wir beide wissen es: es gibt nichts Interessanteres als dich und dein Wohlbefinden; wenn du aber willst, dass du auch gelesen wirst, rede dem Leser ein, dass du über ihn geschrieben hast. Ein erfolgreiches Beispiel ist der Steppenwolf von Hesse: Ein uninteressanter Mensch berichtet larmoyant uninteressante Dinge aus seinem uninteressanten Leben, doch jeder picklige 16-jährige identifiziert sich mit Harry und sucht vergeblich den roten Faden in seinem Leben.

3. Du sollst ein Wohlstandsleben führen.
Um einen Satz von Charles Ives abzuwandeln: „Ich liebe die Literatur viel zu sehr, um sie zu meinem Lebensunterhalt zu machen.“ Das Zeitalter des Hungerkünstlers ist vorbei. Tu dir und den anderen den Gefallen und richte dich bequem in deinem Leben ein. Dass ein leidender Autor besser schreibt als ein satter, ist ein böswilliges Gerücht, das der Pfahlbürger ausgestreut hat, um billig an Literatur zu gelangen. Glaube es nicht!
Natürlich impliziert diese Regel, dass du neben dem Schreiben noch einem Brotberuf nachgehen musst. Dieser sollte nach Möglichkeit überhaupt nichts mit deiner Leidenschaft für das Wort zu tun haben, denn nur so kannst du dich rein halten. Mach es wie Kafka und all die anderen verkrachten Künstlernaturen: Werde Angestellter oder am besten Lehrer: Du hast viel Freizeit und kein Beruf stellt dich sicherer, zugleich macht er dich ebenso zynisch wie ein leerer Magen.

4. Du sollst regelmäßig Caféhäuser besuchen.
Natürlich fragst du dich jetzt, wo du denn dann deine Anregungen finden sollst, wenn deine Verdauung, dein Berufs- und dein Geschlechtsleben dem 3. Gebot gehorchend in Ordnung gebracht sind. Ganz einfach: Klemme dir deine randlose, runde Brille mit dem Fensterglas auf die Nase, setze dich in eine gesicherte Ecke des Cafés deines Vertrauens, lasse dich vom Kellner so fürsorglich bedienen, als wäre er Krankenpfleger und du Patient. Und dann tu so, als würdest du lesen. Nimm aber nichts Literarisches in die Hand, sondern etwas verstiegen Philosophisches. Hegel vielleicht, aber besser die zweite Reihe –  Fries oder Nelson wären zu empfehlen, da kommt keiner auf die Idee, mitreden zu wollen und zudem geben dir die beiden nebenher genug Argumente und wirre Floskeln in die Hand, um das 9. Gebot zu erfüllen. In Wirklichkeit aber höre und beobachte. In den Cafés findet heute das Welttheater statt. Alles beginnt und alles endet in einem Café. Außerdem ist es dort warm.

5. Du sollst keine Gedichte schreiben!
Diese Regel gilt selbstverständlich nicht für Poeten, obgleich ich Lichtenberg zustimme, dass bei den meisten Menschen das Versemachen eine Entwicklungskrankheit ist und die Welt um einiges schöner wäre, wenn nicht jeder Amateurdichter den Bodensatz seiner Liebesqualen vor dem Publikum auskotzen würde. Der Versuch eines Prosaautors jedoch, zu diesem überflüssigen und anachronistischen Wortgeklingel etwas beizutragen, muss zwangsläufig in die Hose gehen und zu Peinlichkeiten führen (siehe z. B.: Brecht, Grass oder Härtling, im 19. Jhd.  Storm oder Keller). Das gilt auch umgekehrt für die Dichter (Kunert, Fried, Gernhardt), die die Prosa vergewaltigen. Also bleibe bei deinen Leisten und schreibe nur Gedichte, wenn du kleine Mädchen um den Finger wickeln willst.

6. Lies niemals aus deinen eigenen Werken vor.
Glaube mir, du bist nicht Jandl. Du hörst dich zwar gerne reden, aber da du bist auch der Einzige. Die beste Methode, seine Literatur zu töten, ist es, sie selbst laut vorzutragen. Eigentlich müsste man dem Publikum für diese Zumutungen Geld bezahlen. Wenn du eine Lesung veranstalten willst, schicke einen Strohmann; es gibt genug verkrachte und billig zu habende Schauspieler, die deine Texte tausendmal besser vorlesen können als du.

7. Sei neidisch!
Der Neid ist mithin die ehrlichste und älteste Gefühlsregung des Menschen. Er allein schuf die Kultur. Muss ich hier wirklich noch etwas erläutern? Das Licht eines Autors strahlt um so heller, je stärker das Licht der Konkurrenz abgedunkelt wird. Ein Autor ist des anderen Wolf.

8. Lies nicht deine Zeitgenossen.
Nichts verdirbt mehr den guten Stil, als ihn mit dem der Konkurrenz zu vergleichen. Es heißt, man solle tausend Bücher gelesen haben, bevor man selbst eines schreiben könne. Fall darauf nicht herein, denn glaube mir, je mehr du liest, um so schwerer wird es dir fallen, selbst noch eine Zeile aufs Papier zu bringen. Jeder Buchstabe wird dir dann wie Umweltverschmutzung erscheinen. Wenn du also schon unbedingt lesen musst, dann gehe mindestens einhundert Jahre zurück.

9. Benutze kein deutsches Wort, wenn es dafür ein schönes Fremdwort gibt.
Die besten Wörter sind die, die sich vom Griechischen ableiten. Als Autor (oder Lehrer, Politiker, Journalist; die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen) sollte man zu jedem Thema etwas sagen können, das zumindest intelligent klingt. Beispiel gefällig? „Durch unsachgemäße Effination des opromatischen Flip-Flops ergibt sich auf Grund der desutativen Fluxation des elementar-hypostatischen Taxio-Feldes während des Inputs beim Übergang in das Higgs-Teilchenfeld ein lethales psantylo-septisches Redundanzquariantum in der Interdependenz der approximativen Ferrumbasis des DDR-RAM-Bereichs ihres PC’s. Hierfür kann keine Garantie übernommen werden.“ Wenn du solche Sätze noch nicht aus dem Handgelenk schütteln kannst, dann gehe bei den SF-Autoren oder bei mir in die Schule.

10. Zweifle an allem.
Wenn du mir schon nicht glaubst, so höre auf Decartes: „Da wir als Kinder geboren werden und von den sinnlichen Dingen mancherlei geurtheilt, noch ehe wir den vollen Gebrauch unserer Vernunft hatten, so werden wir durch viele Vorurtheile von der Erkenntniß des Wahren abgewendet. Diese Vorurtheile können wir, so scheint es, nur los werden, wenn wir einmal im Leben geflissentlich an Allem zweifeln, worin sich auch nur der kleinste Verdacht der Unsicherheit findet.“ Dies gilt auch für diese Gebote und natürlich für den Zweifel selbst. Wenn du mir nachfolgen willst, so folge mir nicht nach. Amen.

…wird fortgesetzt mit den 10 Regeln, wie man ein Buch nicht schreibt, es aber gut verkaufen kann (siehe auch: Helmut Kohl, Dieter Bohlen, Justin Biber, etc.).

amy22

Wieder einmal an Weihnachten überfressen …

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