Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Selfpublisher”

Mánis Fall (Kapitel 1.7)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

[<- Zum Anfang]

Prompt versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rotglühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn ihr Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall bekam sie einen Stromstoß ab und würde anschließend recht schmerzhaft aus der Si­mulation geworfen werden. Sie hatte aber schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke ernsthafte psychische Beschwerden zurück ge­blieben waren. Es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gege­ben.

Solch eine wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutz­routine wie dieser Omega, der Fabia den Weg verstell­te, waren für eine erfahrene Cybernautin wie sie pro­blemlos zu knacken. Da hatte die Kybernetikstudentin ihr Können schon an ganz anderen Bots erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnä­ckig sein, auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnah­me des Schutzprogramms, ohne den Eindringling so­fort anzugreifen und zu versuchen, ihn aus dem Spei­cher zu löschen, war einer der Programmierfehler die­ser martialischen, aber vollkommen veralteten Fire­wall. Sie gab Fabia dadurch ausreichend Zeit, zu re­agieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und seine Input-Funktionen überforderte, gelang es dem virtuel­len Pendant ihres Omicron problemlos, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon davon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht.

»War das schon alles?«, fragte sich die Cybernautin. »Das kommt mir fast zu einfach vor.«

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Schadcode. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle ver­pufften, die Fabia gebildet hatte. An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Ab­wehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, die sicher ein paar interes­sante Informationen enthielten. Aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte. Deren Passwort war durch einen so simplen Algorith­mus verschlüsselt, dass Fabia fast Omicrons Verach­tung zu spüren glaubte, als er ihn lässig mit einer Brutforce-Attacke knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Sanctuary, das innere Primärsys­tem der Software vor und forderte sofort einen Schwe­ber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr zwar eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche, leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia betete, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht weiter auffiel oder zumindest von I-Net als Ne­bensächlichkeit abgetan wurde.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwen­dete Subfrequenz des weltumspannenden Netzes gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abge­hört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Viel­leicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuel­len Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xa­ver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtrau­rigen Augen trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre dunkelroten Haare trug sie durch einen strengen Mittelscheitel geteilt und verbarg sie größtenteils unter einem Haubenhut, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte. Sie sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den belieb­testen Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayeri­schen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrschein­lich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem muskulös wie ein Ringer. Sah man mal von seinerebenfalls roten Haar­farbe ab, wies er im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber eine solche hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein mit ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn sie ebenso erfolglos mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrach­ten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrasti­nierte als studierte. Die beiden kannten sich über Pro­fessor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und ihr Bruder Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fa­bia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts be­nutzten. Das machten sehr viele Leute im Netz; es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja auch hinter der Maske eines alten Mannes.

»Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirk­lich nicht die beste Gegend«, stellte Sadie etwas mo­kant fest. Ihr gut aussehender, dunkelhäutiger Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippen­kräuseln hervorragend zum Ausdruck. »Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthaf­ter Sorge.«

»Wir haben nur nicht allzu viel Zeit«, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. »Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen ge­sperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwider­handlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!«

»Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss aller­dings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.«

»Auf dem großen Platz vor der Bibliothek ist eine Not­fallstation vom Roten Kreuz. Nimm die, denn die Uniklinik wird bereits evakuiert. Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.« Xaver nickte ihr zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr Heathcliff sah plötz­lich besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüs­tern gesenkt.

»Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung zu uns, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der an­deren Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Sei­ne zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir«, schlug Sadie vor. »Hast du das empfangen?«

»Danke, ja. Ich habe die Route an Omicron weitergelei­tet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.«

»Hoffentlich, denn ich mache mir Sorgen um dich, Chi­ca!«, fügte Sadie nach einem kurzen Zögern hinzu. Dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine ge­lassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Wie immer kostete es Fabia einige Anstrengung und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukeh­ren. Auch diese entstand wie die VR in der Schweberkonsole nur aufgrund von elektrischen Impul­sen in den Nervenbahnen ihres Gehirns und war viel­leicht ebenso falsch und nur ein luzider Traum. Fabia hatte den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwe­rer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden, eine Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Le­ben in imaginären Welten zu verbringen, während sie in der Realität langsam verhungerten und verdurste­ten. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevor­stehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyber­space aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Omicron den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öff­nete die Augen.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.6)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

[<- Zum Anfang]

»Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen«, fuhr Leon vorsichtig fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin keine Zuträgerin der Moon Corp. war und er befürch­ten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhan­deln. Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden las­sen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte. Doch Misstrauen war in diesem Mo­ment fehl am Platz.

»Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt«, sagte sie, während sie vor die zweck­entfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Resten der Party leerräumte. Sie prüfte die Konso­le mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und an­erkennend.

»Citoyen, ja. Von euch habe ich gehört. Das ist die Gruppe um Professor Rosen­thal; sie nennt sich auch Newlisas, nicht wahr? Ihr kämpft gegen den Bau der Dyson-Sphäre, obwohl sie uns allen den Arsch retten kann.« Er legte den Kopf schief. »So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.«

»Die Kurzfassung, ja? Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein teurer Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der gu­ten alten Erde zu eng wird und die nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damokles­schwert des drohenden Mondsturzes können die Res­sourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transpor­tieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn des­sen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben«, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhänge­tasche griff und ihr Elektronikwerkzeug herausholte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instru­ment in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. »Du behauptest also, es wären nicht die bösen Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch be­nutzen will? Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Ich weiß es auch nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungs­gewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich bitte arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt«, sagte Fabia und schloss ein komplizier­tes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserka­beln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

»Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Sie dürfte für einen Neustart ausreichen«, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer trat zurück und sah furchtsam nach oben. Aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich angeblich über seinem Haupt zusammenbrau­te. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgend­lichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade müh­sam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass von dort oben der Tod auf sie herabfiel. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile revi­dieren, die sie sorgfältig gegen Menschen wie seines­gleichen hegte. Offenbar war der Künstler bei weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie ge­dacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass Leon Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozia­len Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiens­ten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzma­lende, aber harmlose Spinner und Verschwörungstheo­retiker bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düs­teren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

»Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt«, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel ge­starrt. »Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analo­ge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopf­schmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.«

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zuge­hört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Be­triebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

»Omicron!« Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfa­che Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mit Hilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur be­kam von Omicron auf kabellosem, elektromagneti­schem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia be­nutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich be­fand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Na­turgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurz­er Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn ge­macht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Compu­tern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Au­greyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder aus­werteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

Vor ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, sur­reale Welt voller allein durch Blicke beweglicher und beeinflussbarer, vierdimensionaler Symbole, glitzern­der Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Kno­ten ineinander verwickelte Seile aussahen, komplizier­ter Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformter Körper, die quecksilbern glänzten und ihren Robotervorbildern in der echten Welt nachgebildet waren. Es gab kein Him­melsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vor­ne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unver­mutet an einer anderen Stelle wieder auf. Für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstre­bigkeit erkennbar, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cy­berspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen inneren Vor­gänge in dem Rechnerpult, eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farben­pracht ordnete. In diesem künstlichen, dabei vollkom­men lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl; er war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konn­te sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Kö­nigin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schloss­wächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersys­tems zu behindern.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Der Schatten von Pardais (1. Kapitel – Teil DREI)

Teil III. der großen »Der Weg, der in den Tag führt«-Saga:
Der Schatten von Paradais

knoten

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen. Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen Juel und Selin die Gunst der Stunde. Sie stehlen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora die Landkarte, die den Weg nach Pardais zeigen soll.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes hinein in die Tote Wüste fliehen und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

knoten

[<- Zum Anfang]

Kapitel Eins
Ein Sturm zieht auf
III.

Juel erwachte vom unruhigen Blöcken der Kamele, in das sein eigener armer, durstiger Maulesel klagend einstimmte.

Er öffnete die verklebten Augen und hob vorsichtig dem Kopf von seinem Schlafsack, den er zu einer Nackenrolle zusammengebunden hatte. Dabei versuchte er, sich so langsam wie möglich zu bewegen, um jede unnötige Anstrengung zu vermeiden. Solch eine mörderische Hitze, wie sie über dieser vollkommen leblosen und menschenfeindlichsten aller Wüsten waberte, hatte er noch nie erlebt. So tot waren nicht einmal die Ruinen der südlich von Nearoma liegenden Gräberstadt Tudas’Tel, wo er vor einigen Monaten vergeblich den wertvollen Gegenstand gesucht hatte, nach dem er seit beinahe zehn Jahren forschte. Hier, am Kraterrand der Ebenen, schien es außer ihrer Gruppe höchstens ein paar giftige Echsen zu geben, die mangels anderer Beute aufeinander Jagd machten. Juel rieb sich den Sand aus den Augen und blinzelte. nachdenklich. Auch Tudas’Tel, der „Ort des Todes“, war eine weitere Enttäuschung gewesen. Jetzt lag seine ganze Hoffnung auf der Traumstadt Pardais, die ihre Geheimnisse viele tausend Jahre bewahrt hatte. Es war noch ein langer Weg zurückzulegen, aber der dicke Mann wartete nun schon so lange, da kam es ihm auf ein paar weitere Wochen nicht mehr an. Und wer weiß: Vielleicht fand er ja in den Ebenen des Ewigen Krieges eine Abkürzung oder einen Zug, der dort unten auf ihn wartete. Das war ihm schließlich schon mehrmals passiert. Sein Glück wies im häufig den Weg. Auf diese Weise würde er nicht nur der Diebesgilde und dem Namenlosen, die hinter ihnen her waren, ein Schnippchen schlagen – sondern auch seinem hartnäckigen Verfolger und ehemaligen Freund Jac Javac Mauvaise. Auch wenn er sein Gefühl nicht begründen konnte, so vermutete er den Meister und seine Helfer schon ganz nah auf seiner Spur.

Aber … uff, was für eine Hitze! Obwohl Juel im Schatten unter einer eilig aufgeschlagenen Zeltplane lag, die er und Selin am Abend vorher seitlich an einer zerplitterten B‘Ton-Säule befestigt hatten, drang sie ihm in alle Poren. Er wunderte sich, dass davon nicht sein Fett schmolz und er eines Morgens spindeldürr erwachte. Er richtete sich weiter auf und stützte sich auf seine Unterarme. Er sah zu den anderen hinüber, die in seiner Nähe ebenfalls auf Schattenplätzen unter aufgespannten Planen lagen. Allein Adelph schlief nicht. Er hockte mit nacktem Oberkörper auf seiner dünnen Decke und schien zu meditieren; starrte mit leerem Blick ins Nichts. Seine äußere Erscheinung glich von Tag zu Tag mehr der eines irren Hindersohn-Asketen. Juel zuckte mit den Schultern und kroch zu ihm hinüber. Er konnte sowieso nicht wieder einschlafen. Er setzte sich neben den Mönch, der der größte Pechvogel war, dem er je begegnet war. Im Großen und Ganzen war Adelf – nicht zuletzt wegen Juels heilenden Händen –  von seinen schweren Verletzungen genesen. Adelf war noch immer erschreckend mager und ausgezehrt, denn niemand in der Gruppe hatte bei der hektischen Flucht unter der brütenden Sonne dieses kargen Landstrichs östlich von Karukora Speck ansetzen können.  Er ermüdete schnell, aber wenigstens war er inzwischen gesund und kräftig genug, die Strapazen der Flucht zu ertragen. Juel fragte sich mal wieder, was die wahren Gründe waren, aus denen der Mönch  dem Trupp in die Wüste gefolgt war. Bei allen anderen war ihm ihr Antrieb klar. Selin und Sirtis hatten ihren Traum vor Augen. Semira folgte ihrem Verlobten und Jalah reizten die Schätze von Pardais und nicht zuletzt auch die Juwelen, die Juel in der Tasche verbarg. Aber warum sich Adelf nicht nach Norden in Richtung Italmar abgesetzt hatte, wusste Juel nicht. Konnte es wie bei ihm selbst nur die Neugierde auf Paradis sein oder hatte er andere, undurchsichtigere Gründe? Bislang hatten die beiden alten Bekannten noch nicht die Gelegenheit gehabt, ausführlich darüber zu reden. Vielleicht war jetzt die Stunde der Aussprache, während die Frauen schliefen und die beiden jungen Leute, die gute Ohren hatten, auf Erkundung unterwegs waren.

Juel wartete eine Weile auf eine Reaktion des in sich verschlossenen Adelf. Als keine kam, räusperte er sich respektvoll. Damit weckte er den Mönch endlich aus seiner Trance. Adelfs Blick wurde klar. Etwas unwillig sah er zu Juel, aber er lächelte.

»Soll ich dir etwas Wasser bringen?«, fragte der Dicke. »Allzu viel haben wir ja nicht mehr, aber …«

»Nein, danke. Es geht mir gut«, erwiderte der Mönch abgelenkt und sah sich prüfend um, als müsse er sich erst einmal vergewissern, unter welchen Umständen er nach seiner Geistesreise erwacht war. »Ich war eben weit, weit weg. Es ist gut, dass du mich zurückgeholt hast. Ich werde wohl ein wenig vorsichtiger sein müssen, wenn ich mich nicht irgendwann einmal endgültig verlaufen will und dann nicht mehr in meinen Körper zurückkehren finden kann, weil ich mich zu weit entfernt habe.«

»Wo warst du?«

»Es ist merkwürdig. Seit meinem Kontakt mit dem alten Baum hat sich meine Gabe verändert, ich möchte sagen, erweitert, ausgedehnt. Früher konnte ich nur durch Dinge sehen, die in meiner nächsten Nähe waren und die ich berühren konnte. Inzwischen fliegt mein Geist wie ein Falke hoch empor und meilenweit im Rund. Wenig bleibt mir noch verborgen. Doch ich beherrsche diese neue Fähigkeit noch nicht vollständig und ich verstehe sie auch nicht ganz. Ich muss mich anstrengen und meinen inneren Blick auf einen bestimmten Punkt richten, sonst überwältigen mich die Eindrücke, die auf mich einströmen. Sie sind wie eine große Hafenwelle, der ich ungeschützt ausgesetzt bin. Hier in der Wüste kann ich jedoch gut üben, denn sie ist leer, nirgendwo ist etwas, das mich mehr einschränkt oder begrenzt. Wahrscheinlich könnte ich mit meinem Geist über die Ebenen des Ewigen Krieges hinaus bis zum östlichen Rand der Welt sehen, aber der Gedanke erschreckt mich und ich fürchte mich davor, so weit von meinem Körper davonzuwandern. Mir war vor meiner Begegnung mit dem Falkenthron nicht bewusst, wie stark der Sinn ist, den mir der grüne Strahl noch im Mutterleib geschenkt hat. Ich glaube es inzwischen wirklich: Wenn ich die Kraft finde und es versuchen möchte, dann werde ich nicht nur durch Wände sehen, sondern auch vorwärts und rückwärts durch die Zeit. Doch dorthin will ich nicht, denn ich glaube, das ist Sünde. Ich fühle es. Mich erwartet in der Zeit eine glutrote Feuerwand, die mich verbrennt.«

Juel zuckte mit den Schultern. Dies waren viele Worte, die wenig erklärten und ihn nur verwirrten. Sie enthielten keine Antwort. Deshalb wiederholte er seine Frage:

»Und wo warst du eben, als ich dich weckte?«

Trotz der Hitze erschauderte er plötzlich. Mit Schrecken erkannte er: Dieser Mann, der da neben ihm auf der dünnen Decke saß, der war ein Fremder. Der war nicht mehr der freundliche, tollpatschige Mönch, den er vor zehn Jahren auf der Burg Nordergal kennengelernt hatte. Wenn Juel diese Veränderung hätte benennen müssen, hätte er gesagt, Adelf habe seine Unschuld verloren. In Situationen, in denen der Mönch früher nur gelacht oder eines seiner Lieder gesummt hatte, wurde er nun schnell zornig oder versank stundenlang in dumpfem Brüten. Der Dicke fragte sich nicht zum ersten Mal, was seit seiner langen Abwesenheit alles im Kirchenstaat vorgefallen war. Es konnte doch nicht alleine daran liegen, dass mit Hierion Ederwerfh ein ewig Gestriger oberster Abbas und Ratsvorsitzender geworden war; ein böser, grausamer Mann, der von der Wiederherstellung der alten Größe träumte und von der Ausrottung aller Andersgläubigen und Heiden. Ob Adelfs Entscheidung, mit nach Pardais zu kommen, etwas mit dieser dunklen Gewitterwolke zu tun hatte, die über Italmar schwebte?

Adelf atmete tief ein und bedachte Juel mit einem merkwürdigen, fast mitleidigen Blick, als er sich endlich dazu herabließ, die Frage zu beantworten. »Mein Geist flog mit unseren beiden jungen Freunden Semira und Selin, denn irgend etwas ließ mich besorgt um sie sein. Das fühlte sich so an, als würde ein Wurm an meinem Herzen nagt. Sie haben inzwischen die Kuppel erreicht, die sie untersuchen und in die sie womöglich sogar einen Eingang hinein finden werden«, erklärte er so umständlich, als wolle er ein Buch diktieren. Er spitzte die Lippen. »Du hast gesagt, du hättest solche Bauwerke schon einmal früher gesehen und betreten und die Kuppel wäre wahrscheinlich ein altes Bahnhofsgebäude aus der Vorgängerzeit, noch älter als das Schlachtfeld, an dessen Rand er steht.«

»Genau. Die Ruinen um uns waren mal die Stadt, die man über den Bahnhof erreichen konnte. Und soweit ich die Schlüsselkarte – den Weg, der in den Tag führt – begriffen habe, ist der Bahnhof auch der Ort, von dem aus wir – unbeschadet von den Kämpfen – Pardais erreichen können.«, warf Juel ein.

Adelf nickte. »Ich habe versucht, meine Sinne zu erweitern und durch die Wände der Kuppel in ihr Inneres zu sehen. Es gelang mir, den Schleier der ewigen Finsternis zu lüften und für einen kurzen Moment hineinzuspähen. Ich sah nur einen winzigen Moment und wenig und Undeutliches. Doch ich bin mir sicher: Dort drinnen lauert in der Finsternis ein Monstrum, das lebendig ist und abgrundtief böse ist. Und es ist uralt. Ich sah zwei glühende Augen, die mich direkt anzublicken schienen. Oder waren es vier? Egal. Sie brannten jedenfalls wie Kohle in der ewigen Schwärze. Was immer dort unten ist, in den Gängen unter den Ebenen – ob Mensch, Daimon oder Inet selbst -, es will uns nichts Gutes und wir sollten uns davor hüten.«

[Zur Fortsetzung …]

Was vorher geschah:

Karukora
Buch Eins der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
Buch Zwei der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer noch nicht genug von den Überlebenden Landen hat:

Die Brautschau-Trilogie

Meister Siebenhardts Geheimnis
Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.5)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

[<- Zum Anfang]

»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir viel­leicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppe versuchen?

In diesem Moment öffnete sich weiter hinten auf der rechten Seite überraschend eine Tür. Zwei junge Män­ner, die in neonfarbenen Pyja­mas steckten, tappten zö­gernd in den Flur. Sie machten einen unausgeschlafe­nen und verwirrten Eindruck. Fabia kannte die bei­den vom Sehen und von einer Einladung zu einer Stock­werksparty in ihrer weitläufigen Woh­nung, die mit abstrakten Skulpturen vollgestopft war. Die ganze Sa­che war damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen und hatte auch etwas peinlich für sie geendet. Sie dachte nicht gerne daran zurück. Die zwei Männer waren kei­ne Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das dieses ziemlich teure Appar­tement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit ei­nem eigenen, privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fa­bia kannte von den beiden nur ihre Vornamen und ver­wechselte sie immer wieder, ob­wohl sie sich äußerlich absolut voneinander unterschie­den. Der ältere von ihnen – ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit ei­nem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nass­zelle war -, hieß Leon, der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zu­gleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Ra­phaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

»Was ist denn los? Ein Erdbeben?«, fragte Raphaël – zumindest nahm Fabia an, dass er der Dichter war. Er rieb sich die Augen. Sie rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich gemeinsam den Weltuntergang ver­schlafen?

»Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?«, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

»Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir aus­schlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden«, erläuterte Leon entschuldi­gend und auch ein wenig verlegen. Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so ein­fach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu un­terbrechen. Denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklä­rung war im Au­genblick keine Zeit.

»Dann würde ich an eurer Stelle meine Reyes schnell wieder einschalten!«, rief sie. »EDY hat Katastrophen­alarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Im Ernst! Wir sind in Lebens­gefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlas­sen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die letzten, die noch hier oben dumm herum­stehen. Aller­dings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.«

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Dro­gen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewe­gung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, hasel­nussbraunen Haaren.

»Merde!«, fluchte er wenig poetenhaft. »Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.«

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurückzu­gehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neues­ten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

»Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß noch eine andere Möglichkeit, wie wir schell hier wegkommen.« Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Pavia­ne eine Orgie gefeiert. Omicron folgte ihr vor­wurfsvoll piep­send auf dem Fuß, hatte aber Schwierig­keiten, auf dem vermüllten Teppich voranzukommen. Offenbar hatten die beiden auch ihre Putz-goLEMs ausgeschaltet. Die Skulpturen von Leon, die jeden frei­en Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgebe­blähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatz­köpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohl­ich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Ido­le eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser reno­vierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadt­viertel stand. Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Män­nern mit Glat­ze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bild­hauer von Na­tur her kahlköpfig war oder es erst durch eine geneti­sche Optimierung geworden war, deren Ne­beneffekt beim ‚starken‘ Geschlecht in der Regel ein vollkomme­ner Haarausfall bildete. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwändigen Behand­lung durch den volks­tümlich als „Grüner Strahl“ be­kannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unter­warfen, um weiter sehen zu können, schneller zu lau­fen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und wie eine ketzerische Anma­ßung. Auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen, konnte nicht richtig sein. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuch­sen keine Engels- oder Fledermausflügel, wie es gerade bei der Jeunesse dorée en vogue war. Auf den ersten Blick war es nicht erkennbar, ob er sich körperlich mo­difiziert hatte. Er trug nicht einmal eine Leuchttäto­wierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schul­terlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen. Sie trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld hinaus auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in dreieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie, hier oben bereits recht dünne Luft ragte. Der Sommermorgen war in dieser Höhe empfindlich kalt. Fabia war froh, dass sie sich vor­hin den Hoodie ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte und schob sich die Kapuze des Pullis über das blonde Haar. Der Ausblick war um einiges bes­ser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halb­blinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung, das man nicht öffnen konnte. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, da­mit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, weil die Mehr­zahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohn­türmen leben musste, nachdem der Platz in der Hori­zontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Verti­kalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gou­raud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderste­hender Wolkenkratzer, die alle unterein­ander durch Brücken und Plattformen verbunden wa­ren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deuten­den Gebäudeinseln von Paris darstell­ten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebe­nen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dich­ter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtau­sende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metal­lenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konn­te Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht ge­nau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Me­teoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Ge­bäude durch die Erdbeben eingestürzt?

»Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Ein­weihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat«, stellte Leon fest. »Was willst du tun? Willst du dich etwa hinabstürzen?«

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. »Oder kannst du viel­leicht fliegen?«

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine eine Hand­breit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Da­neben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Geträn­ketischchen missbrauchten, denn es standen einige be­nutzte Gläser und halbleere Flaschen auf ihr.

»Weder – noch. Aber eure Vormieterin Alexandrine hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen las­sen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbei­tete für die Di­rektion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfü­gung ste­hen.«

»Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz ge­trennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt«, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er zu ihr sagen durfte.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.4)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

[<- Zum Anfang]

Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Omicron – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus ei­nem der vielen Okulare des langsam heran­rollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Or­gan den Schmerz ausgelöst hatte. Omicron beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Ku­gelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfin­ger entnahm er vom ihm entge­gengestreckten Oberarm der Stu­dentin flink ein wenig Blut. Über seinem Haupt tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin ge­zaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der soge­nannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunder­werke schwebten durch energetische Gravitationsfel­der frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia we­gen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärm­chen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Dia­gnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu kompli­zierten Operationen und aufgrund ihrer beeindrucken­den künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufga­ben übernehmen. Der Omicron der Studentin war al­lerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor al­lem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rech­nern der Universitätsklinik die fragile Ge­sundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Omicron, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blut­druck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln ver­abreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringen daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Ju­gend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Ver­schlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt wor­den. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterzie­hen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stun­den und beeinträchtig­te ihren Alltag kaum. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergif­tung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch ei­nen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

In Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortge­schrittenen Jahrhundert, in dem die Menschen den Mars und die Jupitermonde besiedelt hatten, zentral gesteuerte Roboter alle niederen Arbeiten erledigten und die 2MC einen neuen Erdtrabanten im Orbit kon­struierte – eine gewaltige Dyson-Späre wurde dort oben gebaut, eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner –, schien alles möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hun­gern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und ei­ner Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumin­dest für die wenigen Unsterblichkeit verprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moder­ne Kryotechnik als eine Möglich­keit, ihn lange hinaus­zuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krank­heiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem sel­tenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die re­gelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtund­dreißig Milliarden Menschen auf der Erde si­cherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Stu­dentin stand weit unten auf der Empfän­gerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nach­dem ihre finanziellen Quellen durch den Unfall­tod ihrer Eltern vor drei Jahren nahe­zu ver­siegt waren. Die Gelder von der Pflichtkranken­kasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Me­dikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge wa­ren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeu­tendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studie­ren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übri­gens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerich­tet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmer­zen nachließen. Die Injektionen von Omicron zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu in­formieren, auch einen Stimmungsaufheller verab­reicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterun­gen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hat­ten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch et­was in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fo­tografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Strai­fer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetz­liche Unglück überlebt hatte, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hat­te, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Pri­vatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studen­tenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie Omicron an ihre Seite und trat kurzentschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im langgezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flü­gel des Stockwerk, aber sie war mit ihrem goLEM völ­lig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutz­räumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Omicron hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhl­türen blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Ge­bäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu ei­nem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT emp­fiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussi­cherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Omicron! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdge­schoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemer­ken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch ge­meint war. Brav machte er sich an die Beantwortung:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit bei­behältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekun­den benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Au­ßerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiter­kommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Omicron – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funkti­on.«

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Beitragsnavigation