Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Selbstmitleid”

Sommerliche Leseempfehlungen: Pavese und dieser Sommer

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz. (1)

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, da sie nicht für die erhoffte Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geißeln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich auch ein paarmal versucht, wie Pavese zu schreiben. Ein Ergebnis kann im Anschluss bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen und großartigen Landschafts-Traumbilder gerade in der Nähe von Ulm ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

_____________

(1) Dies ist übrigens auch ein kurzgefasster Antwortversuch auf die Frage, die Luna gerade auf ihrem Blog gestellt hat: Wie man lebt, wenn man schreibt.

 

Gartenimpressionen (8)

Nach so viel Nebel und Nässe im Oktober betreibt die Natur Wiedergutmachung. Ich habe mich kürzlich über den Satz: „Der Herbst ist der Frühling des Winters“ lustig gemacht, aber auf diesen November trifft er zu. Es fühlt sich hier in Bayerns Süden an, als hätten März und November die Plätze getauscht und seit dem Wochenende kratzt das Thermometer beharrlich an der 20°-Marke. Von mir aus kann es so weiter gehen, zumindest bis Weihnachten, das ich mir sentimental, bitterkalt und schneereich wünsche. Ab dem 6. Januar darf dann wieder der Frühling zurückkehren.

Aber bis dahin ist es noch eine kleine Wegstrecke. Genießen wir sie!

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Noch strahlen die letzten Blätter an den Bäumen,

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die späte Rose brennt wie eine glühende Fackel…

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… und die Katze kennt die Orte, an denen die Sonne am Wärmsten scheint. Und ich bin so  frühjahrsmüde …

Nutzen wir diese Tage. Sie sind kurz und allzu schnell vorbei.

Allen anderen, die im verregneten und strmischen Norden wohnen und sich gerne im Novemberleid wälzen, empfehle ich an diesem Martinstag einen Artikel aus dem letzten Jahr, den ich meinem Freund Hans-Dieter Heun gewidmet habe:

blatt

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!

Donald Duck

Alles ist nur eine Zeitlang schön.
Vorerst.
Nikolaus Klammer

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme in Italien, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktregalen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maronenrezepte auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat, ist ab Mitte Oktober in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollen – oder meinen, es zu sein -, ein Phänomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Man erinnert sich plötzlich wieder an den November mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchlerische Pseudotrauer, ich will sie mal Die Große Herbstdepression nennen. Sie wird im Advent von der Weihnachts-Weinerlichkeit und der Feiertagsbetroffenheit abgelöst.

HerbstEs ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Sommer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betroffenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzufrüh von uns Gegangenen nachdrucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen großen Autoren, der mitten im Sommer starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.*

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Monaten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Abschied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depression, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namenloses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn seine Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furchtbar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jammern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen… Und in zwei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät anfangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mitteilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich kenne viele traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfindet niemand so tief und ehrlich wie ich.

Vielleicht kriege ich ja von allen ein „like“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Habe ich bei Alfons Andernaj geklaut. Ich bin selbst ganz betroffen. Ich werde mir jetzt eine gute Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

—-

* Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Internetgerücht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Wochenlese 21. Juli – 27. Juli 2014

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn die andere Konsequenz erschreckt mich. Ich beginne ungeschickt, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir wie ein Naturmensch Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen. Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine Frau. Der Sommer des Jahres 2014 ist eine strenge Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Die ein, zwei Sonnentage zwischen den Gewittern, die die Luft sofort mit schwüler, klebriger Hitze schwängern,  fallen dabei kaum ins Gewicht.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint? Dann folgt jetzt eine

I. Weitere Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder auf’s Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weitereren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriachischen Regeln unterworfenden Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise [1] auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“.

In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Soviel für heute zu den Lektüre-Empfehlungen. Das Folgende ist nur eine private Notiz; wer sie nicht liest, versäumt nichts.

II. Die Zukunft des Blogs

Wenn ich schon beim Jammern über die Kälte der Welt bin: Wenn ich von Herrn Heun – der mich in einer privaten Nachricht mal wieder als Mimöschen katalogisierte – absehe, hatte ich in der letzten Monaten kaum mehr Zugriffe auf diesen Blog, an vielen Tagen verirrte sich niemand auf meine Seiten. Entweder sind alle meine Leser im wohlverdienten Sommerurlaub oder meine Texte locken keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Wahrscheinlicher ist leider die zweite Möglichkeit, die mir eine ungeschminkte Wahrheit vor Augen hält: Wahrscheinlich bin ich als Autor gescheitert; vielleicht auch als Mensch.

Noch will ich mich den Konsequenzen nicht stellen und schreibe hier weiter, aber Sinn hat die viele Arbeit, die ich mir mit diesem Blog mache, ganz offensichtlich nicht. Das wird mir Woche für Woche deutlicher. Für mich hatte der Blog den Erfolg, dass ich nach einer längeren Schreibblockade wieder zur Literatur gefunden habe. Die andere Hoffnung, als krankhaft schüchterne Person Leser oder gar Freunde zu finden, mich mit Menschen austauschen zu können, die wie ich in und mit der Literatur leben, hat sich zerschlagen. Inzwischen nimmt mir der Blog, mein fettiger Fingerabdruck auf der Oberfläche der Dinge, viel zu viel Zeit, die ich besser für das Schreiben meiner Bücher verwenden sollte.

Um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

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[1] Freilich habe ich es dennoch versucht. Das Ergebnis kann hier gelesen werden: Kleine Veränderungen.

 

 

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