Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (2)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (2)

»Ja, Adelf, der Pechvogel. Ich hoffe, du kennst mich noch. Es ist lange her, Meister der Heilung …«, begann der befreite Gefangene lächelnd, wurde aber von Juel eilig unterbrochen:

»Ich weiß nicht, was du da sagst, mein Freund. Noch nie hat mich jemand einen solchen Meister genannt. Hat die Gefangenschaft an deinem Geist genagt, du Armer? Du kennst mich, isch bins doch, der ehrlische Juel.« Der Dieb trat eilig auf den etwas voreilig für tot erklärten Botschafter von Italmar zu und umarmte ihn erschüttert, drückte ihn dabei allerdings so fest, dass Adelf die Luft und damit auch die Sprache wegblieben.

»Ihr kennt euch?«, fragte Jalah erstaunt. Der Dicke und Adelf nickten im gemeinsamen Takt.

»Aber wie viel Zeit ist seither vergangen, zehn Jahre?«, fragte Juel mit brüchiger, ergriffener Stimme. Dieses unerwartete und unverhoffte Wiedersehen mit seinem uralten Freund ging ihm so nahe wie schon lange nichts mehr. Er räusperte sich. »Doch wie eure Märchenerzähler sagen: Das ist eine Geschichte vor der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen …« Er flüsterte eilig ein paar Worte in Adelfs Ohr und dieser senk­te so­fort zustimmend den Kopf.

»Du bist fett geworden … Juel«, sagte der Botschafter dann und lös­te sich la­chend aus der Umarmung des angeblichen Kaufmanns, der ihm vor langer Zeit so nah wie ein Bruder gestanden war. Adelf stand nun aufrechter und wirkte nicht mehr ganz so jensei­tig. Es war, als hätte ihm die Berührung seines alten Freundes Kraft und Mut gegeben; ganz so, als wäre Juel in der Lage, Menschen nur durch einen Kontakt Stärke und Gesundheit zu schenken. Der Botschafter aus Italmar, der seine schweren Wunden überlebt und als vermeintlicher Attentäter seit Monaten in den pri­vaten Kerkern von Ómer gelitten hatte, wandte sich an Selin, der noch im­mer seine Semira in den Armen hielt und weiterhin von der Situation überfordert war.

»Juel hat recht. Wir haben später noch zur Genüge Zeit, unsere Geschichten auszutauschen. Wir sollten uns nicht mehr allzu lange hier aufhalten und sobald als möglich aus dem Palast fliehen. Doch habe ich das eben richtig verstanden? Du, junger Mann, suchst ei­nen Schatz, der im Thron der Namenlosen Herrscher versteckt ist? Ich glaube, da kann ich helfen und die ganze Ange­legenheit etwas beschleunigen, wenn ich darf. Ich habe da ein paar … Möglichkeiten, die über eure hinausreichen.«

Selin wollte verwundert Einspruch erheben, aber Juel hob die Hand.

»Lass ihn. Er weiß, was er tut, glaube mir.« Er nickte auffordernd und der Mönch schleppte sich mit der Unterstützung der beiden die Stufen des Absatzes zum Thron em­por. Sie traten vor den gewaltigen, aus einem Stück Baumstamm geschnitzten Sitz, von dem herab die Namenlosen seit zweimal tausend und noch einmal tausend Jahren mit eiserner, kalter Despotenstimme Recht sprachen. Adelf nahm lächelnd auf ihm Platz. Er wirkte dabei wie ein Kind, das sich in den Sessel seines Großvaters geschlichen hat. Juel nahm Selin bei der Hand und gemeinsam traten sie etwas zurück. Der junge Mann fragte sich verwirrt, was Adelf und der Dieb vorhatten. Der Mönch strich zärtlich über die Lehnen, die von den Handflächen der Herrscher von Karukora blank gerie­ben waren und zuckte dann zurück, als hätte ihn ein verborgener Hornissenpfeil gestochen.

»Dieses Holz strahlt Langmut aus«, sagte er mit halb­geschlossenen Augen. »Der Geist in ihm ist lebendig, ich kann es spü­ren. Er ist uralt, älter noch als die Vorgänger. Er stammt aus einer Zeit vor den Menschen; noch bevor die Götter frei auf der Erde wandelten. Und der Geist in dem Holz wartet. Dies ist vielleicht die älteste Seele, die es heute auf die­ser Welt gibt; einer älteren bin ich zumindest noch nie begegnet. Im Holz sind die Erinnerungen des Bau­mes eingeschlossen, von dem es einmal ein Teil war. Dieser Baum hatte seine Wurzeln meilentief in die Erde ge­schlagen und ragte einzeln und mächtig in den Himmel der feuerroten Morgendämmerung der Erde. Auf dem höchsten Punkt eines Hügels stand er, umgeben von ei­nem end­losen, immergrünen Wald, dessen Bäume alle seine Söhne waren, die alle aus seinen Wurzeln sprossen. Ich sehe das durch die Ausstrahlung des Holzes, das noch immer die tröstlichen Erinnerungen an diesen Anblick bewahrt. Dieser Baum trug einst die ganze Welt in seinen Ar­men. Er war die ganze Welt, er war Ygdras, der eine, der vor uns kam und vor den Vorgängern und den drei Reichen war, vor den Go­lemen, vor den Daimonen und selbst vor den Göt­tern. Er hat den Anfang gesehen.« Adelf machte eine Pause und atmete zitternd ein. Der Kontakt schien ihn anzustrengen. Die anderen hingen ihm fasziniert an den Lippen. »Und nun – gefällt, ge­häutet, zersägt und in diese Form geschnitzt, aber noch immer voller Macht, wartet Ygdras voller Geduld auf das Ende aller Dinge, auf Mánis Rückkehr, die die Welt und ihn endlich verbrennen wird. Für ihn sind Jahr­hunderte nur ein Tropfen, der ins Meer der Ewigkeit fällt und die Gründung Karuko­ras war für ihn erst ges­tern. Er glaubt, dass er nicht mehr lange ausharren muss und endlich Ruhe im Vergessen des Todes fin­den kann.«

Adelf schluchzte plötzlich auf und Tränen liefen über seine eingefallen, schmutzigen Wangen. Selin wollte et­was sagen, aber Juel verstärkte den Griff, mit dem er den jungen Mann festhielt. Der Mönch lehnte sich in dem Sitz zurück und es sah so aus, als würde ihn die hin­ter ihm aufragende Rückenlehne, die sich über seinem kahlen Schädel in einen Raubvogel verwandelte, der gerade seine Schwingen zum Flug öffnet, verschlin­gen wollen. Nur noch Adelfs helle Augen funkelten im Schatten des Thronsitzes.

»Doch wie in der harten Schale einer Walnuss ist in dem Holz noch eine weitere Seele eingeschlossen, beinahe so mächtig wie Ygdras selbst, aber lange nicht so alt. Sie wurde dort versiegelt, als der Falkenthron errichtet wurde. Der Schreiner muss ein Künstler und ein Magier gewe­sen sein. Dieser Geist ist im Gegensatz zu dem von Ygdras heimtückisch, abgrundtief böse und er dürstet nach Rache und Blut, nach Vergeltung. Ihm wurde ein himmelschreiendes Unrecht angetan, aber ich kann nicht erkennen, welches. Er schläft und ich werde mich hüten, ihn aus seinen unruhigen Träumen zu wecken. All die Namenlosen müssen die Macht und die Stärke dieses unheimlichen, bösen Geistes gespürt und für ihre Zwecke benutzt haben, wenn sie hier saßen – auch wenn sie wahrscheinlich nicht wussten, aus welcher Quelle sie ihre Wut und bedingungslose Strenge schöpften. Dies ist das Geheimnis der Macht der Herr­scher von Karuko­ra und ich spüre, wie der schlafende Geist mich unbewusst ebenfalls zu überwälti­gen sucht. Es ist kein Märchen, dass die Stadt seit ih­rer Grün­dung durch den ersten Namenlo­sen von einem Einzi­gen, von einer einzigen Macht re­giert wird und die Thronfolger ihre Namen vergaßen, nachdem sie auf diesem Sitz Platz genommen hatten. Denn dieser Ein­zige war immer nur die Seele im Inneren des uralten Bau­mes, derer sie alle teilhaftig geworden sind.«

Adelf zögerte, als suche er nach den passenden Wor­ten. »Doch dieser Thron bewahrt seit Jahrhunderten noch ein weiteres Geheimnis, das ihm selbst und auch seinem bösen Inkubus kaum bewusst ist – denn für den Thron in seiner fast vollkommenen Zeitlosigkeit hat der Prinz Selin aus der Dy­nastie der Bingh seinen Schatz gerade eben erst in ihm versteckt … und hier ist er!«, rief der Mönch wie ein Zauberer, der ein Kunststück­chen präsentiert.

Die suchenden Hände des Mönchs hatten links und rechts an den Seiten der Armlehnen zwei identische, geschnitzte Arabesken gefunden, die wie die starren Augen von Ba­silisken aussahen. Auf deren Mitte, auf die schlitzför­mige Iris, legte er nun entschlossen seine Mittelfinger und drückte sie fest nach innen. Adelf musste sich da­bei anstrengen, denn der Mechanismus war alt und eingerostet, aber dann schnappten ge­räuschvoll zwei Riegel an der Hinterseite des Throns auf. In Rücken­höhe senkte sich dort kleine versteckte Klappe herab, hinter der sich offenbar ein Geheimfach verbarg, das der Mönch mit seinen seltsamen Sinnen erspürt hatte.

»C’est le noyau du caniche«, murmelte Juel überra­scht. Selin nutzte die Gelegenheit und wand seine Hand aus dem Griff des Meisterdiebs. Er eilte hinter den Falken­thron. Die anderen folgten ihm neugierig. Auch Adelf stand schwankend auf. Er schien sich nur schwer von seinem Sitz lösen zu können, ganz so, als wäre er mit einem zähen Teer dort festgeklebt worden, als wäre dort etwas, das ihn beim Aufstehen behinderte. Selin langte aufgeregt in das kleine Fach im Holz der schwarzen, verkohlten Rückfront und beförderte eine schmale, in ein brüchi­ges Pergament eingeschlagene Platte hervor. Er befreite die Platte eilig von ihrer schützenden Hül­le. Das uralte, von den Jahrhunderten braune und längst brüchige Papier zerfiel ihm unter der Hand in Einzelteile und segelte wie Herbstlaub zum Boden. Selin hob das rechteckige Fundstück etwas enttäuscht ins Licht. Er hatte etwas anderes – etwas viel spektakuläreres und aufregenderes – erwartet, als diesen merkwürdigen Gegenstand, dessen Bedeutung er nicht verstand. Das war für ihn nur eine recht häss­liche, grüne Scheibe, auf der messingfarbene Linien ein seltsames und chaotisches Muster bildeten. Ein Schmuckstück?

»Ist das alles?«, fragte er. »Was soll das denn sein? Das ist doch keine Landkarte!« Juel trat neben ihn und bückte sich, untersuchte die ausgeblichenen, bräunli­chen Tintenspuren auf den Pa­pierstücken, die um Selin herum am Boden lagen. Er hob eines von ihnen vor­sichtig auf, musterte es stirnrunzelnd und zerrieb es dann mit der Schulter zuckend zwischen den Fingern zu Staub. Er klatschte in die Hände.

»Den Plan hast du eben zerstört«, sagte er spöttisch und stand wieder auf. »Das ist nicht so tragisch, denn du hast et­was viel Besseres …« Juel nahm die eigenar­tige Platte ehrfürchtig aus Selins Hand und betrachte­te sie fasziniert von beiden Seiten. »Nein, das ist zwar keine Schatzkarte, aber das ist viel, viel mehr!« Er drehte die einen Handteller große Platte ein paar Mal im Lichtschein der Feuerschalen herum und reichte sie dann ehrfürchtig an Selin zurück.

»Pass gut darauf auf«, flüsterte er, »dies scheint mir ein Relikt von unschätzbarem Wert zu sein und du soll­test es niemandem zeigen. Es ist gut mög­lich, dass du damit sogar den Ewigen Krieg im Osten beenden kannst. Manch­mal genügt es, ein kleines Steinchen an einer bestimm­ten Stelle ins Wasser zu werfen und alles ändert sich. So sind schon Weltreiche gefallen – durch einem klei­nen Stein, der alles ins Rollen brachte. Ceci est parfois le cours du destin. Ich will behaupten, dass diese Plat­te, die die Vorgänger übrigens eine Platine genannt ha­ben, viel wertvoller ist als die funkelnden Brillanten im Auge des Falken, für die sich die Diebesgilde interes­siert. Wenn sie das wüss­te, könnte es sein, dass sie ihr Abkommen mit deinem Großvater ein wenig zu unse­rem Nachteil … modifiziert.« Er warf einen warnenden Blick auf Semiras Dienerin, die jedoch längst wieder das Interesse an dem Fund verloren hatte und gerade auf den Thron geklettert war, wo sie – breitbeinig auf den Arm­lehnen balancierend – mit ihrem Dolch an ei­nem der großen Brillanten in den Augen des Falken herumsto­cherte, um diesen aus seiner Fassung zu he­beln. Das Holz des Stuhls knirschte und ächzte unter ihrem Gewicht. Es klang, als wolle es sich über diese ruchlose Tat beklagen. Auch Adelf, der in der Nähe stand und mit einer Hand weiterhin die glatte, schwar­ze Oberfläche des Throns streichelte, schien nicht ein­verstanden. Er verzog das Gesicht und litt eine Qual, als fühle er den kalten Stahl am eigenen Leib, als wür­de die Diebin ihm selbst ihr Werkzeug in die Augen­höhlen bohren. Doch zog nur stumm seine Hand zurück und ließ sie ge­währen. Die beiden Edelsteine, die erst nachträglich an dem Kopf des Raubvogels angebracht worden waren, waren übrigens nicht vollkommen gleich. Der eine von ihnen funkelte leicht rosafarben, was in dieser Umge­bung kaum auffiel, der andere hingegen, der etwas grö­ßer war, hatte einen bläulichen Schimmer. Kaum jemand in Karukora wusste, woher die Steine stammten, welcher Namenlose sie erworben hatte und dann in den Falkenthron einfü­gen ließ. Zog man allerdings alte Abbildungen zu Rate, musste es bereits während der barbarischen Songh-Dy­nastie geschehen sein. Juel allerdings, der ihre Geschichte kannte, formte seine Augen zu einem schmalen, gierigen Schlitz und leckte sich kurz von der Platte abgelenkt die Lippen ab. Selin versteckte inzwischen die Vorgänger-Platine gerhorsam unter sei­nem Hemd. Sollte sein Großvater entscheiden, was mit dem Fund anzufangen war.

»Aber wie soll uns dieser alte Gegenstand helfen, die Ebenen des Ewigen Krie­ges zu durchqueren?«, fragte er Juel, zu dem er immer mehr Vertrauen fasste. Ob­wohl er wusste, dass der Di­cke ein Dieb war und wahr­scheinlich eine beachtliche Liste von Gaunereien und anderen Gesetzesübertre­tungen auf dem Kerbholz hat­te, hatte er doch das Ge­fühl, jener angebliche Kauf­mann meine es gut mit ihm. Dieser seltsame, dicke Mann verbarg wahrscheinlich einige Geheimnisse und eine interessante Geschichte, die er zu ger­ne einmal gehört hätte.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (1)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (1)

Juel presste sich gegen die Wand und machte sich so dünn, wie es ihm bei seinem beträchtli­chen Leibesum­fang überhaupt möglich war. An­schließend spähten er und sein vorwitziger Bauch vor­sichtig in den ihren Weg kreuzenden Flur hin­ein. Nie­mand war zu sehen. »Das Glück bleibt uns treu«, sagte er zu dem ein paar Schrit­te hinter ihm stehenden Se­lin, der aufmerksam den Lageplan studierte, den ihm Muhar bei ihrer kurz­en Besprechung in der Garderobe überreicht hatte und der den Bereich rund um den Thronsaal abbildete.

»Wir müssen nach rechts«, erwiderte der junge Mann zö­gernd und runzelte dabei die Stirn. Juel nickte und trat in den Korridor. »Nein, halt …«, Selin drehte die Karte, »besser geradeaus …«, er wendete sie ein zweites Mal, »… oder doch eher nach links.« Er kratzte sich un­schlüssig am Kopf und Juel kehrte seufzend zurück. Er riss Selin das Papier aus der Hand und warf einen kurz­en Blick darauf.

»Nach rechts«, kommandierte er dann nüchtern, »und du gehst voran.« Selin gehorchte ergeben und betrat den von dem Dicken erwählten Korridor, der sich leicht bog und wahrscheinlich in einem großen Kreis um den Thron­saal herumführte. »Unser Ziel müsste die fünfte Tür auf der linken Seite sein. Wenn ich dieser Karte glauben darf, führt sie in das Umkleidezimmer des Namenlo­sen, durch das man direkt in den Thronsaal gelangen kann«, erläuterte Juel und schwor bei sich, sich nie mehr in seinem Le­ben auf ein Abenteuer mit einem so unerfahrenen und weltfremden Jüngling einzulassen. Doch bei diesem Gedanken hatte er auch das unbestimme Gefühl, sein Schicksal würde ihn gerade leise auslachen.

»Diese hier?«, flüsterte Selin ohne Not, denn sie waren offensichtlich in diesem Teil des Palastes vollkommen allein. Es waren nicht einmal mehr die aufgeregten Schreie und der Kampflärm zu hören, die seit kurzer Zeit von den Gasträumen und dem Palasthof her ertön­ten und den Beginn von Ómers Aufstand markiert und wie erhofft alle Wachen fortgelockt hatten. Die dicken Teppiche an den Wänden schluckten zudem jedes Geräusch. Der dicke Kaufmann und Dieb in Personal-u­nion schüttelte resignierend den Kopf.

»Non, gegenüber …« Juel trat vor die Tür und klopfte frech. Als ihm nie­mand antwortete, versuchte er die Klinke. Wie er es er­wartet hatte, war der Raum dahin­ter verschlossen. Wäre Selin allein gewesen, wäre an dieser Stelle be­reits die Suche nach dem „Weg, der in den Tag führt“, beendet gewesen. Wenn er überhaupt bis hierher ge­funden hätte. Die Gil­de hatte recht ge­habt: Dies war kein kleiner Raubzug für Laien, hier war ein Meister von Nöten. Während Selin aufgeregte Blicke nach beiden Seiten warf, beugte sich Juel zum Schlüsselloch hinab und fischte aus dem Stehkragen seines Hemds zwei dünne, me­tallene Klingen, mit deren Hilfe er die Verriegelung im Handumdrehen geknackt hatte. Die Tür öffnete sich nach innen und Juel richtete sich zufrieden wieder auf.

»Enfin,Voilà! Gelernt ist gelernt«, sagte er und machte eine Handbewegung, als würde er Selin in seine eigene Wohnung einladen. Die beiden traten hintereinander in Garderobe, die durch eine Decke aus Buntglas von oben in ein blasses, geheimnis­voll wirkendes, blaues Licht getaucht wurde und erstaunlich geräumig war. Hier roch es würzig nach Sandelholz und Zimmet. Juel verschloss die Tür hinter ihnen sorgfältig, trat dann neugierig an einen der ausladenden Wandschrän­ke heran, öffnete ihn in aller Seelenruhe und spähte interessiert in ihn hinein. Er stieß dort auf Hunderte von kostbaren Um­hängen und Tuniken; der Namenlose besaß anschei­nend für jeden Tag, vielleicht sogar für jede Stunde des Jahres eine andere Klei­dung. Der Kaufmann prüfte zwischen zwei Fingern die Quali­tät der Stoffe und nickte an­erkennend.

»Davon würde isch gerne etwas in mein Warensorti­ment aufnehmen«, sagte er bedauernd, aber er schloss den Schrank wieder, ohne sich zu bedienen. Dann stell­te er sich neben Selin, der überrascht hinter einer durchbrochenen, faltbaren Wand aus edlem Holz stand und den Badebereich bewunderte, der gut dreimal so groß wie sein eigenes Zimmer im Hause seines Großva­ters war. Der vergoldete Toilettensitz neben dem riesi­gen Waschtisch hatte sogar eine eigene Wasserspü­lung.

»Je ne pense pas! Es sind bestimmt zwanzig Jahre vergangen, seit isch so etwas zuletzt gese’en ‚abe«, stellte Juel fest und wirkte auf Selin ein wenig traurig.

»Und ich habe so etwas noch nie gesehen«, erwiderte er und berührte vorsichtig das Porzellan der Wasch­schüssel, in der  zwei Kinder problemlos hätten baden können. Doch zu diesem Zweck war auch noch eine geräumige Wanne in den Boden eingelassen. Juel nahm ein großes Stück Seife, das an deren Beckenrand lag und roch daran. Dann steckte er es schulterzuckend ein.

»Isch frage misch, wie wohl das Salle de bain in den intimen Räumen des Namenlosen aussieht, wenn in diesem nicht oft benutzen Bad schon solch ein Prunk ‚errscht«, sagte er und ein wenig Neid klang aus seiner Stimme. »Jetzt aber ‚urtig – wir ‚aben nicht die ganze Nacht Zeit.« Er ging mit schnellem Schritt zur dem Eingang ge­genüberliegenden Tür, die ebenfalls ordent­lich verschlossen war, deren Schlüssel allerdings von Innen im Schloss steckte. Se­lin folgte ihm zögernd, denn es fiel ihm schwer, sich von dem Luxus und all dem Glanz loszureißen. Wie sehr unterschied sich diese nie geahnte Pracht von der Ärm­lichkeit in seinem eigenen Zuhause, in dem ihm ein Trog mit brackigem, bereits von seiner Tante be­nutztem Flusswasser zur Körperpflege diente und der Ab­tritt ein Loch in der Erde mit einem Brett zum Sit­zen darüber war. In diesem Bad hier hätte sich dage­gen eine ganze Armee-Abteilung waschen, parfümieren und mit den wertvollsten Stoffen einkleiden können.

Juel öffnete die zweite Tür und winkte ihm zu. Nebeneinander betraten die beiden endlich den Thron­saal. Die tagsüber so geschmacklos rosafarbenen Wände und mit floralen Mustern überzogenen Säulen schimmerten im Licht der wenigen Feuerschalen so dunkelrot, als wären sie mit frischem Blut gestrichen. Selin stockte der Atem. Die Ausmaße und die erhabene Ausstrahlung des Saals, den er noch nie betreten hatte, schüchterte ihn ein. Er verharrte und starrte hinüber zu dem bedrohlich wirkenden Falkenthron, der, auf einem Absatz ruhend, im Zentrum des kreisrunden Raumes stand. Aber Juel, der bereits am Nachmittag zusammen mit Ómer eine Audienz beim Bişra gehabt hatte, zog ihn weiter.

»Komm jetzt! Wir sind nicht auf Besichtigungstour«, zischte er ungeduldig, nun ebenfalls flüsternd. Während sie vorsichtig die Deckung der Säulen verließen und in die Mitte des Rauimes traten, spähten sie links und rechts in die Nischen und in die Schatten, in denen sie versteckte Treuwächter befürchteten. Doch anstatt von gerüsteten Männern mit gezückten Schwertern, wurden sie von einer lauten Frauenstimme begrüßt:

»Da seid ihr ja endlich! Ich warte schon eine halbe Ewigkeit auf euch.« Die beiden heimlichen Eindringlin­ge zuckten ertappt zusammen und Juel tastete sofort nervös nach dem Dolch, den ihm Muhar zugesteckt hatte. Doch Selin machte nach einer kurzen Schreckse­kunde eine beruhi­gende Geste. Er hatte die Frau an ih­rer Stimme er­kannt, die nun wie ein Geist neben einer der Säulen auftauchte, die im Kreis um den Saal liefen und die hohe Kuppel der Rotunde trugen. Auch wenn ihm voll­kommen schleierhaft war, auf welchem Weg Jalah in das Allerheiligste des Palastes eingedrungen war und warum sie die beiden Einbrecher hier erwarte­te, freute er sich zuerst über das plötzliche Erscheinen der Die­nerin seiner geliebten Semira. Dann erst wurde ihm die Bedeutung ihres Auftauchens bewusst:

»Wie viele Leute sind eigentlich eingeweiht?«, fragte er.

»Ihr habt euch ja ganz schön Zeit gelassen«, antworte­te Jalah mehr zu Juel als zu Selin hin und kam so sorg­los näher geschlendert, als ginge sie durch den Bazaar und nicht durch den verbotenen Thronsaal ihres gna­denlosen Herr­schers. Der Dicke nahm die gefiederte Maske, die er noch immer trug, vom Gesicht und ließ sie achtlos auf den Teppich zu seinen Füßen fallen. Er sah sich misstrauisch um.

»Diese geschwätzigen Märchenerzähler fanden ein­fach kein Ende und im Anschluss verlief die Revolution wohl nicht ganz so, wie sisch der Vezir das gedacht ‚atte«, entschuldigte er sich. Jalah nickte wissend:

»Ich habe ein paar Treuwächter belauscht, die vor der Tür zu den Verliesen wachten. Ómers schöner Plan wurde ausgerechnet von seiner eigenen Tochter verra­ten, die mehr zu ihrem Mann als zu ihrem Vater hält.«

Juel lächelte boshaft. »’ast du eine Familie, dann brauchst du keine weiteren Feinde mehr. Aber warum bist du eigentlich ‚ier? Misstraut die Gilde uns?«

»Sei nicht beleidigt, Ludo sorriento. Aber wir trauen dir nicht mehr als einem hungrigen Köter, den man in der Speisekammer alleingelassen hat. Und die Meister meinten, du wür­dest vielleicht etwas Unterstützung benötigen. Nicht beim Raub der Falkenaugen«, sie deu­tete zu dem Thron hinüber, der auf seinem Podest auf­ragte und einen düsteren und bedrohlichen Schatten auf sie warf, »sondern bei der anschließenden Flucht. Es gibt ganz in der Nähe einen geheimen Ausgang aus dem Palast, der nur der Diebesgilde bekannt ist. Durch ihn werden wir so unauffällig verschwinden, wie wir gekommen sind.«

Juel hob ironisch die Augenbrauen. »Und das Ganze ‚at nicht zufällig etwas mit der Be­fürchtung der Meister zu tun, die Brillanten könnten unter gewissen Umständen nicht ihren Weg in les meins der Gilde finden, sondern vielleicht zufällig in meiner Tasche verbleiben? Warum habt ihr mich über’aupt in diese verworrene und gefährliche Ge­schichte verwi­ckelt, wenn ihr mir nicht traut?«

»Du weißt, dass die Gilde nie ihren gesamten Einsatz auf ein einziges Blatt verwettet, sondern immer noch ein weiteres As im Ärmel hat«, erwiderte Jalah achsel­zuckend.

»Und dieser Trumpf bist du, Mädchen? Incroyable!« Der Dicke verbeugte sich spöttisch.

»Was wäre gewesen, wenn du dich nicht vom Fest hät­test entfernen können oder der Thron weiterhin be­wacht gewesen wäre?«, fragte die Diebin. Sie wirkte nicht beleidigt über das Misstrauen des Ludo sorriento. »Es wäre doch wirklich schade um die günstige Gele­genheit gewesen. Du kennst das dritte Gesetz der Gil­de: „Vier Hände stehlen mehr als zwei.“ Außerdem hatte ich noch einen weiteren Auftrag.«

Juel hob erstaunt die Augenbrauen und wollte sich schon erkundigen, wovon die Diebin sprach, aber da räusperte sich Selin unge­duldig.

»Das ist ja alles schön und gut«, mischte er sich in das Geplänkel der beiden ein. Er war bis jetzt stumm im Schlagschatten des archaischen Herrschersitzes ge­standen und hatte ihn interessiert betrachtet. Seine merkwürdige, düstere Ausstrahlung schien ihn unwi­derstehlich anzuziehen, als würde ihm eine leise Stim­me schmeichlerisch zuflüstern, auf ihm Platz zu nehmen. »Wäre es jetzt aber nicht an der Zeit, den „Weg, der in den Tag führt“ zu suchen? Ich meine, deswegen sind wir doch da, oder?«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, erklang ein kaum unterdrückter Aufschrei aus dem Hintergrund des Raums und die drei drehten sich ertappt herum. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich sowohl in Jalahs wie auch Juels Hand Dolche auf.

»Zeig dich!«, zischte der Meisterdieb drohend und aus der Deckung einer weiteren Säule trat schüchtern eine schlanke Frau ins Licht.

»Semira!« – »Herrin!«, riefen Selin und Jalah gleichzei­tig. Semira eilte nach vorne und fiel in die Arme ihres überraschten Freun­des, der dabei nicht wusste, wie ihm geschah. Juel sah zuerst zu der Dienerin, dann zu dem Paar und ent­schied sich, dass im Moment keine Gefahr drohte. Er senkte kopfschüttelnd seine Waffe und brummte missvergnügt:

»Na, prima. Ceҫec Binsas verwöhntes Töchterchen darf auch mitspielen. Warum haben wir nicht gleich Einladungen zu dieser Schatzsuche verschickt? Wer hat sich sonst noch in die­sem Thronsaal versteckt – Hierion Éderwerfh viel­leicht? Es heißt ja, dieser Erzschurken-Abbas habe überall seine schmutzigen Finger im Spiel.«

»Du bist nahe dran, mein alter Freund. Aber du warst ja schon immer der Weitsichtigere von uns beiden.«

Eine weitere Gestalt trat aus ihrer Deckung hervor und kam nähergehumpelt. Sie war in schmutzige, zer­rissene Lumpen gehüllt und bewegte sich schleppend und vorsichtig, als habe sie große Schmerzen. Der halb­nackte Mann wirkte unglaublich mager – er war nur noch ein Knochengerüst, über dem sich wie ein viel zu en­ger Handschuh eine dünne, lederartige Haut spann­te. Es sah tatsächlich so aus, als habe sich eine lebende Lei­che aus ihrem Wüstengrab erhoben, in dem sie jahr­hundertelang ausgetrocknet worden war. Juel erschauderte, doch dann erkannte er sein Gegen­über und verstand:

»War dies dein anderer Auftrag, Jalah? Hast du den verschollenen Meister aus dem Kerker des Namenlosen befreit? Adelf von Süderbal, ich kann es kaum glau­ben!«, stieß er fassungslos her­vor, während die Diebin eifrig nickte.

»Die Damen und Herren der „Flinken Finger“ haben von einem an­onymen Auftraggeber diesen äußerst lu­krativen Auf­trag angenommen, den Botschafter von Italmar aus dem Kerker des Palastes zu befreien, falls er dort aus irgend­einem Grund hineingelangen sollte. Ómers Palastrevolte war der beste Zeit­punkt für die Ausführung dieses Ge­schäfts«, erklärte sie, aber Juel hörte ihr kaum zu.

»Der Pechvogel! Ich hielt dich für tot und verscharrt«, stotterte er; noch immer wie vor den Kopf geschlagen. Er hätte eher mit dem Auftau­chen seiner eigenen Großmutter gerechnet, als mit dem Mönch, mit dem ihn in der Vergangenheit so viel ver­bunden hatte und der, hörte man auf die Gerüchte in der Stadt, bei einem Attentatsversuch auf den Namen­losen ums Leben gekommen war. War dies tatsächlich sein rächender Geist?

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (Ende)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (Ende)

Es war also eine sehr kluge Entscheidung meiner Schwester, sich nicht in den Hallen des Palastes zu zei­gen, sondern zuerst in ihrem Versteck zu Kräften zu kommen. Nach ein paar Tagen ging es ihrem Fuß wie­der besser und die Aufmerksamkeit der Wächter in den Gängen ließ nach. Aus einer festen Wache wurde eine Streife, die in regelmäßigen Abständen durch die Gän­ge patrouillierte. Trotzdem schlich sich Irta nur mit al­ler Vorsicht und immer tief in den Schatten verborgen hinaus und dies auch erst nach Mitternacht, wenn au­ßer den wenigen Nachtwächtern scheinbar alle schlie­fen. Doch sie wusste, wie trügerisch diese Ruhe war. Der Elfenbein-Palast hatte tausend Augen und sie spähten auch in der Finsternis in alle Räume und Win­kel. Für Irta war es gleichgültig, ob diese heimlichen Beobachter vom Namenlosen selbst, von Radik Emre, vom neuen strengen Vezir Ómer oder von einem ande­ren der zahllosen Ehrgeizigen bezahlt wurden. Wenn sie sie zufällig bei ihren Streifzügen entdeckten, hatte sie ihr Leben verspielt. Deshalb waren ihre nächtlichen Ausflüge nur kurz und sie wagte sich nicht allzu tief ins Gebäude hinein. Beim ersten besorgte sie sich fri­sche Wäsche in der Gesindekammer der Nişaski, deren Amtsstuben unweit ihres Verstecks lagen; während ih­rer zweiten Erkundigungstour durchforschte sie die leeren Zimmerfluchten der lamargischen Delegation, wo sie vergebens nach einem Erinnerungsstück an ihren Raul suchte.

Viel interessanter als die leeren Komptore des Diwans und die verwaisten Räumlichkeiten des seit des Ab­zugs der lamargischen Delegation praktisch ausgestor­benen Flügels des Palastes war jedoch eine Entde­ckung, die Irta ungefähr eine Woche nach dem Beginn ihres Exils machte. Bereits nach dieser kurzen Zeit war sie sich nicht mehr sicher, wie viele Tage und Nächte sie bereits in ihrem lichtlosen Versteck zugebracht hat­te, aber eine Flucht mit ihrem verstauchten Fuß durch die weiterhin bewachten Gänge erschien ihm noch im­mer zu gefährlich. Nach wie vor waren ja tagsüber und auch in der Nacht viel mehr Wachen und Treuwächter auf Patrouille als üblicherweise und sie kontrollierten gerade die dunklen Ecken, in denen Irta sich bei ihren Streifzügen verbarg. Radik Emire hatte noch lange nicht aufgegeben, nach ihr zu fanden. Er wusste, dass der Elfenbein-Palast ein gewaltiges Trojaspiel war, in dem es tausendundeine Möglichkeit gab, sich zu ver­stecken. Irta glaubte sich zwar in ihrer kleinen Kam­mer hinter der Mauer vor seinen Nachstellungen eini­germaßen sicher, es gab jedoch einen Gedanken, der sie immer wieder aufschreckte und ängstigte: Nachdem sie dem Verschnittenen so knapp entkommen war, wusste er doch, wo der Einstieg in den verborgenen Gang lag, der sie hierhergeführt und den ihr verlorener Geliebter so oft benutzt hatte: Es war diese hässliche Statue des „Prächtigen“ in dem kleinen Garten hinter dem Serail. Irgendwann würde es ihm gelingen, den geheimen Öff­nungsmechanismus im Sockel zu enträtseln und die verriegelte Falltür doch noch zu öffnen – wenn er nicht gleich Gewalt anwendete und sie aufbrach oder gleich das ganze Denkmal abtragen ließ. War dies erst einmal geschehen, würde Radik auch sehr bald auf Irtas Ver­steck stoßen. Es war nur eine Frage der Zeit und es verwunderte meine Schwester, dass es nicht schon längst geschehen war.

Doch Irta hätte beruhigt sein können: Selbstverständ­lich war sich auch Radik bewusst, wo der Eingang zu ihrem Versteck lag, aber er hätte für ihn genausogut im Allerheiligsten des Titania-Tempels von Italmar lie­gen können, so unerreichbar war er für ihn. Denn der junge Namenlose hatte in einer seiner ersten Amts­handlungen das Serail und seine Außenanalgen für ausnahmslos jeden sperren und die Eingänge versie­geln lassen, um zu verhindern, dass irgendjemand von den schrecklichen Vorfällen in den Frauengemächern erfuhr. Für den „Unterwerfer“ war dies ein Ort, an dem die Geister seines schlimmsten Verbrechens umgingen. Es war seine Art, damit umzugehen, indem er einfach alles wegsperrte und verbot, was die Erinnerung wie­der lebendig werden lassen konnte. Weil sie dies nicht wusste, machte es sich Irta, nachdem ihr Fuß soweit ausgeheilt war, dass er sie wieder kürzere Strecken tragen konnte, zur Gewohnheit, über die Säulengalerie nach oben zu steigen und dort nach dem Rechten zu se­hen. Stundenlang verharrte sie auf dem ersten Absatz vor dem Gang, der zu der Leiter hinführte, und lausch­te. Sie wartete auf Geräusche, die von dort zu ihr dran­gen und sie warnen würden. Doch alles blieb still, was sie jedoch kaum beruhigte. Die ständige Ungewissheit fraß wie eine heimtückische Krankheit an ihr und ließ sie immer wieder dem ihrem unruhigen Schlaf hoch­schrecken, der sie häufig und ohne Vorankündigung überfiel.

Es war wie eben gesagt nach ungefähr einer Woche, als Irta mal wieder von ihrem Horchposten über die Wendelgalerie herabstieg, da bemerkte sie auf halber Höhe eine Tür im Mauerwerk, an der sie bislang im­mer achtlos vorbeigegangen war. Meine Schwester füll­te zwar sorgfältig jedesmal die Lampen in dem Gang mit dem Ölvorrat aus ihrer Kammer nach, doch dieses Teilstück lag im Schatten und dazu war die Tür auch noch getarnt, indem man eine dünne Schicht Mörtel auf ihr verteilt hatte, die sich kaum von der umgeben­den Wand unterschied. Irta hätte die Öffnung in der Mauer wahrscheinlich nie bemerkt, wenn sie sich nicht zufällig mit der Hand gegen sie gelehnt hätte, um ihr wehes Bein kurz zu entlasten und der Putz dabei nicht großflächig abgeplatzt wäre. Es fehlt mir die Zeit, euch davon zu berichten, was für ein Wunder sich hinter die­ser so sorgfältig verborgenen Tür, verbarg,die seit Jahrhunderten niemand mehr geöffnet hatte. Denn die Nacht ist schon weit fortgeschritten und uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Schade, aber dies ist eine der Ge­schichten, die ich an einem anderen Tag erzählen wer­de.«

Sirtis seufzte und befeuchtete die Lippen. Dann fuhr sie fort. Was sie nun erzählte, schien ihr sehr schwer zu fallen.

»Auch wenn sich Irtas Seele niemals von dem Schlag erholen würde, der sie im Inneren so tief verletzt hatte, waren nach etwa vierzehn Tagen ihre körperlichen Wunden nahezu verheilt. Doch nun wurde ihr morgens regelmäßig speiübel. Sie wollte dieses erste Anzeichen ihrer Schwangerschaft nicht wahrhaben und schob es auf die eingemachten Lebensmittel in ihrer Kammer, die dort ja schon seit Ewigkeiten lagerten und viel­leicht nicht mehr ganz in Ordnung waren. Doch sie traute sich nicht, sich frisches Essen zu besorgen, denn der Weg zu den Küchen war weit und dort hätte sie je­der wiedererkannt, dem sie zufällig begegnet wäre. Bei einem neuerlichen Ausflug in die Wäschekammer fiel ihr ein großes Plakat in die Hände, auf der die Daguer­reotypie abgebildet war, die der Hof-Fotograf von ihr ge­macht hatte, als sie in das Serail eingetreten war. Sie fand sich auf der Aufnahme gut getroffen. Mit diesem Steckbrief, der gerade überall in Karukora verteilt wurde, fahndeten die Gerichtsdiener des Vezirs nach ihr. Irta wurde gesucht, weil sie heimtückisch die Mut­ter des Namenlosen ermordet habe. Es war eine hohe Belohnung auf ihren Kopf ausgesetzt.

Natürlich steckte Radik hinter dieser Verleumdung, aber Irta war trotzdem wie vor den Kopf geschlagen, als sie las, was ihr vorgeworfen wurde. Diese verlogene, stinkende Dreckskröte hatte es tatsächlich fertigge­bracht, seine eigene Untat auf meine arme, unschuldi­ge Schwester abzuwälzen! Sie konnte keine Sekunde länger im Palast ausharren. Auch wenn ihr Versteck in der Wand noch so sicher war; irgendwann würde sie doch ertappt werden. Es gab für sie nur einen einzigen Ort, zu dem sie sich noch flüchten konnte und das war das Haus ihres Vaters Alis, durch dessen Verbindung mit den „Falken der Rache“ es ihr vielleicht gelingen konnte, ins Ausland, sprich, in die Arme ihres lamargi­schen Prinzen zu fliehen, den sie noch immer verzwei­felt liebte. Allerdings war der Geheimbund längst zer­schlagen und als es Irta schließlich doch noch gelang, als Wäscherin verkleidet aus dem Elfenbein-Palast zu entkommen, um sich auf tausendundeinem Umweg zu ihrer Familie zu schleichen, konnte sie sich selbst nicht mehr über ihren Zustand täuschen: Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst und ich hatte Mühe, meine früher so lebenslustige und immer heitere Schwester wiederzuerkennen. Nach der Geburt ihres Kindes, des Sohnes und wahren Thronfolgers des Regnos der La­margue, verstarb sie vor Erschöpfung in meinen Ar­men. Doch auch dies ist eine Geschichte nach der Ge­schichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.«

Sirtis schwieg und niemand unterbrach die plötzliche Ruhe. Sie warf einen verstohlenen Blick hinauf zu dem im Schein der Lichter so fahl erscheinenden Elfenbein-Palast, der von der Ferne so wirkte, als wäre er aus den bleichen Knochen unzähliger Erschlagener errich­tet. Und tatsächlich: Wie viele Opfer mochte dieses Ge­bäude in den Jahren seit seiner Errichtung schon ge­fordert haben? War seine Schönheit nicht wie die grin­sende Fratze eines von der hitzigen Wüstensonne aus­geblichenen Totenschädels, hinter dessen leeren Au­genhöhlen sich Maden in Tod und Verwesung suhlten?
Nachdem Sirtis verstummt war, lag lange betretene Stille über der Versammlung am erloschenen großen Feuer der Karawanserei. Sie wurde nicht einmal von einem Räuspern oder Husten unterbrochen, so erschüt­tert waren alle von der Geschichte der Märchenerzäh­lerin.
»Inzwischen sind bald zwanzig Jahre vergangen und die Täter von damals feiern ein gewaltiges Fest, als wä­ren ihre Untaten niemals geschehen«, hob sie noch ein­mal an und rief dann plötzlich laut und anklagend: »Sechs Männer waren es, die meine Irta vernichteten: Wehe, Raul von Jasir, wehe, Idrichson Galves, wehe, Ómer Sud, wehe, Radik Emre, wehe, Paşha Ultem und wehe dir, du infamer Namenloser! Der Moment der Re­vanche ist schließlich doch noch gekommen! Heute Nacht werdet ihr alle sechs endlich für die Untaten bü­ßen, die ihr vor zwanzig Jahren meiner geliebten Schwester angetan habt; jeder einzelne von euch Nie­mand wird seinem Schicksal entkommen!«

Sirtis deutete hinauf zum Palast, aus dem mit einem Mal Stimmen und Schreie erklangen und von dem lau­ter Kampfeslärm herübertönte. Feuerzungen schlugen aus den Fenstern im Erdgeschoss.

»Seht nur, meine Freunde, die Rache hat endlich be­gonnen!«, rief Sirtis, während alle von ihren Plätzen aufsprangen und hilflos gestikulierten. Von einem Augenblick zum anderen war sie vergessen. Die Aufregung und Panik in der Karawanserei tobte um sie und die niedergebrannte, qualmende Feuerstelle wie ein Sturm um sein Auge. Die Tochter des Märchenerzählers ließ ihre Blicke wandern und lächelte müde. Leise flüsterte sie ein Gebet:

»Herrin der Welt, Du Allessehende und Allerbarmende und Du, Tränenreiche, trauernde Zwillingschwester! Ihr, die Ihr zwei und doch nur eine Einzige seid: Beschützt meinen Vater und meinen Neffen in dieser furchtbaren Nacht …«

Ende des Kapitels

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (12)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (12. Teil)

Auch wenn sich ihr weher Fuß taub anfühlte und pochte, als sie langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse die Leiter hinabstieg, nahm Irta die Verstau­chung kaum wahr, denn die Ärmste war wieder in die golemhafte Gedankenstarre verfallen, die sie sich wie eine himmelhohe, unüberwindliche Mauer um ihre Seele herum errichtet hatte. Durch sie allein war sie nach den furchtbaren Erlebnissen dieses Tages, der noch nicht einmal bis zum Mittagsläuten der großen Glocke des Astris-Tempels fortgeschritten war, in der Lage, weiterzumachen. Hätte sie all den Kummer, das Entsetzen und das Grauen an sich herangelassen, wäre sie unter diesem Gewicht zerdrückt worden. Sie hätte ihre Finger einfach von den Sprossen gelöst und sich in den Tod gestürzt. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine geliebte Schwester schon in ihrem Innersten erahnte, dass sie nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für eine neues Leben verantwortlich war, das in ihr vor kurzer Zeit zu reifen begonnen hatte.

Auf jeden Fall gelangte sie nach nicht allzu langer Zeit zum Fuß der Leiter, wo ein schnurgerader Tunnel begann, der von ein paar wenigen Öllampen beleuchtet wurde, deren Licht nur noch blakte und bald erlöschen würde. Diesen Schein hatte Irta schon von oben gese­hen. Sie folgte humpelnd dem etwa eine Viertelmeile langen, schimmligen Gang, der auf seinem Weg an­scheinend mehrere Grundmauern des Palastes durch­schnitt und vielleicht einmal ein Versorgungstunnel für die Arbeiter gewesen war, die diesen Palastteil wäh­rend der kurzen Curha-Dynastie vor über eintausend Jahren erbaut hatten. Auf diesem primitiven, aber ko­lossalen und während des Interregnums teilweise zer­störten Vorgängerbau hatte der „Prächtige“ 300 Jahre später den Elfenbeinpalast errichten lassen, der sich wie ein weißer Berg über Karukora in den Himmel er­hob. Der Tunnel führte Irta durch einen Torbogen auf einen Absatz hinaus, der in einen gewaltigen kreisrun­den Schacht hineinragte. In dessen Mitte war gerade noch eine schmucklose, gewaltige Säule zu erkennen, die wohl sechs Männer zusammen nicht umfassen konnten. Dies musste einer der großen Stützpfeiler des Opalturms sein, der den Palast jenseits des Serails überragte. Weder dessen Anfang, noch dessen Ende konnte sie von hier aus erkennen; beide verschwanden in der Finsternis des gemauerten Schachts. Es roch hier dumpf und abgestanden wie in einer alten Gruft und das Atmen fiel Irta schwer. Wahrscheinlich war die Luft hier drin so alt wie das Gebäude selbst.

Rechts von ihr ging ihr Weg weiter: Es war ein gale­rieartiger Umlauf, der leicht abschüssig und ohne die Sicherung eines Geländers in einem großen Bogen um den Schacht hinabführte. Auch hier brannten in die Wand eingelassen in regelmäßigen Abständen flackern­de kleine Öllichter, die wahrscheinlich von Raul entzündet worden waren, als er Irta in dieser Nacht besucht hatte. Obwohl dieser Geheimgang hinter den Palastmauern – einer von vie­len, denn der Elfenbein-Palast ist durchlöchert wie ein getrockneter Käse aus Brisano von den Fressgängen der Milchmaden – so schmal war, dass keine zwei Per­sonen nebeneinander auf ihm gehen konnten, ohne dass der eine Gefahr lief, über die Innenseite in die bo­denlose Schwärze zu stürzen, konnte Irta bequem und aufrecht stehen.

Ihr Blick fiel auf den Boden des gemauerten Absatzes, in dessen fingerdickem Staub deutlich die vielen ver­wischten Fußabdrücke zu sehen waren, die Raul in den Nächten der letzten Wochen dort hinterlassen hatte, als er eilig und liebestrunken seine Irta aufgesucht hatte. Plötzlich wurde es ihr zu eng in dem stickigen Halbdunkel und sie schüttelte ein unvermittelter Frost, obwohl es nicht gerade kalt in dem Schacht war. Sie schleppte sich frierend weiter. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann wäre sie nun die Spirale der Ram­pe hinabgerannt, um nur möglichst bald einen Ausgang aus diesem unwirklichen und bedrückenden Ort zu fin­den. Sie wusste ja, dass dieser Weg sie irgendwo in die Nähe der Diplomatenunterkünfte führen musste. Mit einem Mal keimte in ihr die Hoffnung, die Delegation des lamargischen Regnos wäre noch dort und sie könn­te sich doch noch deren Aufbruch anschließen. Alles würde sich als ein Missverständnis herausstellen und sie ihren geliebten Prinzen in eine wundervolle, ge­meinsame Zukunft begleiten dürfen. Aber je länger sich der Gang an der kreisrunden Außenwand um die freis­tehende Granitsäule hinabschraubte, um so deutlicher erkannte Irta: Sie belog sich nur selbst.

Schließlich gelangte sie dann doch überraschend schnell an den Fuß der Rampe, wo sie nach einem wei­teren Absatz in einem Raum mündete, an dessen ge­genüberliegender Wand eine von innen mit einem schweren Riegel verschlossene Tür zu sehen war, durch die sie offenbar den Geheimgang verlassen konnte. Irta lief aber nicht sofort hinaus, sondern verharrte nach­denklich. Das fensterlose, kleine Zimmer, in das sie die Wendelgalerie schließlich geführt hatte, diente offen­sichtlich nicht nur als Eingang, sondern stellte sich zu ihrer Überraschung als ein Schutzraum heraus und er war von Raul oder einem anderen Eingeweihten aus ihr unbekannten Gründen für einen längeren Aufent­halt vorbereitet worden: Ein Tisch und Stühle standen hier, eine mit sauberen Laken frisch bezogene Stroh­pritsche und ein deckenhohes Regal, das mit Lebens­mittelkonserven, eingelegtem Obst und Gemüse, ge­trocknetem Fleisch und Wasserflaschen, Ölkanistern und Holzscheiten gefüllt war. In der Ecke befand sich sogar ein Ofen zur Speisenzubereitung, dessen Abzug­rohr in der Wand verschwand, und daneben stand ein Spülbecken, über dem ein Wasserhahn tropfte. Für ausreichend Licht sorgte eine große Lampe, die von der Decke hing. Hier konnte man sich zur Not mehrere Wo­chen oder gar Monate vor den neugierigen Augen des Elfenbein-Palastes verbergen. Irta hatte das nicht vor, denn sie wollte so schnell wie möglich zu ihrem Vater und ihrer Schwester, aber sie war auch nicht so dumm, dieses Refugium, das das Schicksal ihr geschenkt hat­te, einfach so zu verlassen.

Sie hatte neben der Tür, die hinaus in den Palast führte, in Augenhöhe eine unscheinbare Klappe ent­deckt, die sie zur Seite schieben und durch die sie hin­aussehen konnte. Von außen war dieses kleine Guck­loch durch ein Gitter verborgen. Vorsichtig öffnete sie die Klappe und spähte durch sie hindurch, schnupperte gierig die frische Luft, die sofort durch sie hindurch in das Zimmer strömte. Irta war tatsächlich an das Ende des geheimen Ganges angelangt: Dort draußen erkann­te sie einen Abschnitt eines im hellen Tageslicht baden­den Ganges, dessen Wände mit einem farbenfrohen Mosaik bedeckt waren, das eine Gruppe junger Karu­korer auf einer blühenden Wiese beim Ballspiel zeigte. Etwas seitlich war eine kunstvoll geschmiedete Gitter­tür zu erkennen. Vor ihr stand eine Palastwache, zwei grimmige Soldaten, im traditionellen leuchtenden Grün der Treuwacht gekleidet und mit ihren scharfen Piken in den Händen. Irta hatte sich richtig entschie­den, nicht sofort ins Freie und damit in die Arme dieser Wachen zu rennen. Plötzlich drang ein übler Geruch in ihre Nase, den sie schon fast vergessen hatte. Von der Seite näherten sich Schritte und dann trat ein Mann in ihr Sichtfeld, der direkt vor dem Gitter stehenblieb, durch das meine Schwester hinaussah. Er blickte sich schnüffelnd und misstrauisch um, als würde er ahnen, dass er beobachtet wurde.

Irta prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zu­rück: Es war kein anderer als Radik Emre, der ver­fluchte Beschnittene, der wie aus dem Nichts aufge­taucht war und nun zwar durch eine Mauer getrennt, aber kaum eine Armlänge von ihr entfernt in dem Flur stand!

„Sind diese Hunde aus dem Norden endlich abge­reist?“, hörte Irta Radiks verhasste Stimme fragen und von der körperlichen Nähe und dem ekelen Geruch, den er verströmte, wurde ihr übel.

„Ja, Aufseher“, erwiderte einer der Treuwächter mit verschnupfter Stimme. Wahrscheinlich atmete er nicht mehr durch die Nase, sondern durch den Mund. „Die Allbarmherzige möge sie alle mit juckender Krätze quälen …“

„Ja, Seneschall“, unterbrach ihn Radik zornig.

„Ja, Seneschall. Verzeih mir meine Achtlosigkeit, Ra­dik, mein Herr!“, wurde ihm sofort aus zwei Kehlen ge­antwortet. Dann fuhr der erste eingeschüchtert fort: „Wir bewachen nur noch leere Zimmerfluchten. Aber wir haben noch keine Order bekommen, zur Kaserne zurückzukehren.“

„Ihr werdet euch auch nicht vom Fleck rühren, bis ich es euch befehle! Habt ihr das verstanden?“ Radik zö­gerte kurz, während die beiden Treuwächter aufgeregt nickten. „Sagt mir, habt ihr eine Dienerin des Serails gesehen? Ist sie hier vorbeigekommen? Ihr Sarê ist zer­rissen, schmutzig und blutbefleckt.“

Irta sah erschrocken an sich herab. Radik hatte recht: Ihre dünne Seidenkleidung unter dem dunklen Um­hang von Raul, den sie ihn ihrem Kämmerlein mitge­nommen hatte, hing nur noch in Fetzen an ihr herab, sie war verdreckt und tatsächlich voller dunkler Fle­cken, die nur getrocknetes Blut sein konnten. Sie sah schrecklich aus, das wurde ihr erst jetzt bewusst. In diesem Aufzug würde sie nicht weit kommen – beson­ders, nachdem die Palastrevolte offenbar schon wieder Geschichte und Ordnung eingekehrt war.

„Nein, Herr Auf … Seneschall! Hier ist seit der Abrei­se der lamargischen Delegation vor einigen Stunden niemand vorbeigekommen. Auch in den Räumlichkei­ten der Untervezire des Auswärtigen Diwans weiter hinten im Gang ist heute niemand anwesend. Bedenke …“

Der neue Seneschall winkte ab und sofort verstummte der Wächter. „Gut. Seid aber trotzdem wachsam und habt ein Auge auf alles. Ich werde dafür sorgen, dass ihr am Abend abgelöst werdet. Solltet ihr doch noch diesem Mädchen begegnen, haltet sie fest und bringt sie zu mir persönlich. Ich werde mich in meinen neuen Gemächern, die früher Aismek gehörten, aufhalten. Gebt nur mir Bescheid, ja? Habt ihr das verstanden?“

„Ja, oberster Hofmeister! Möge das Licht des Namen­losen immer über unseren Häuptern und besonders über deiner Glatze leuchten.“
„So … sei es“, erwiderte Radik und verließ murmelnd den Gang.

„Setet! – Puh! Dieses fette Schwein stinkt wie die Kloake hinter dem Haus des Gerbers Zithar“, sagte ei­ner der Wächter leise, nachdem er sicher war, dass Ra­dik außer Hörweite war. „Mögen ihm die Zähne verfau­len und unter Schmerzen ausfallen!“

Irta setzte sich auf die Pritsche. Hier war ihre Flucht erst einmal zu Ende. An den Wachen würde sie sich nicht vorbeistehlen können und es sah nicht so aus, als würde Radik, der genau wusste, dass sie sich hier ir­gendwo verbarg, die Treuwächter so schnell von den Gemächern für die ausländischen Delegationen abzie­hen. Zudem war sie barfuß und ihr geschwollener Knö­chel schmerzte immer stärker; sie hatte sich am Ende nur noch mühsam den großen Wendelgang hinunter in dieses Refugium schleppen können. Reine Willenskraft und die Hoffnung, sich doch noch in die Arme ihres Prinzen retten zu können, hatten sie noch aufrechtge­halten. Doch nun war sie hier erst einmal auf nicht ab­sehbare Zeit gefangen. Irta warf sich schluchzend auf das Lager und wickelte sich in den Umhang ein. Eine Weile hörte sie noch den Gesprächen der Wachen zu, die dem neuen Seneschall mit unermüdlichem Eifer al­les Mögliche und Unmögliche an den Hals wünschten, dann forderte ihre Erschöpfung ihren Preis und ein barmherziger Schlaf senkte sich auf ihre Lider. Die trä­nenreiche Barmherzige schenkte der Leidenden einen mitleidigen, wundervollen Traum von der vergangenen Nacht, die sie in den Armen ihres Geliebten begonnen hatte. Welch einen Unterschied hatte eine einzige, ent­setzliche Morgendämmerung bedeutet!

Doch nun lasst mich langsam zum Ende meiner Ge­sichte kommen, ihr überaus geduldigen Zuhörer! Aller­dings gibt es noch ein paar Dinge zu berichten. Irta verbrachte ein Dutzend Tage und Nächte in ihrem recht komfortabel ausgestatteten Versteck. Ihre weite­re Flucht wollte sorgfältig geplant sein, denn der Sene­schall Radik Emre, der sich sicher war, dass sie sich noch in den Mauern des Palastes befand, ließ weiterhin überall nach ihr suchen. Er musste Irta unbedingt aus­findig machen, denn er wusste, er würde auf dem Platz der Allbarmherzigen Eintracht gevierteilt und Kroko­dilfutter werden, wenn dem Namenlosen hinterbracht wurde, dass ausgerechnet sein neuer Seneschall es ge­wesen war, der dessen Mutter Adalante ermordet hat­te. Radik wusste, diese spontane Tat würde ihm der „Unterwerfer“ niemals verzeihen können, auch wenn er sie nicht nur ausgeführt hatte, weil Adalante eine un­versöhnliche Feindin gewesen war, die ihn nur mit Ver­achtung behandelt hatte, sondern weil er meinte, dass es für den neuen Herrscher ein viel besserer Anfang war, wenn er seine ersten unsicheren Schritte als Na­menloser von Karukora ohne die Lasten der Vergan­genheit beschreiten konnte. Der frischgebackene Sene­schall, der heimlich schon lange in den jungen Dagor verliebt gewesen war, setzt nicht nur wegen seiner ei­genen Karriere seine Hoffnungen auf ihn.

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Band 1

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (11)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (11. Teil)

Doch Irta wusste es besser, sie hatte einen Plan. Ihr Ziel war der kleine, rückwärtige Garten, in dem die Statue des „Prächtigen“ stand, von der sie wusste, dass ihr Sockel einen Geheimgang enthielt, der in die Räumlichkeiten der Diplomaten an der Westmauer des Palastes führte. Raul hatte sie ja seit Wochen in jeder Nacht auf diesem Weg heimlich besucht und wieder verlassen. Er hatte ihr auch erzählt, wie man den Ein­gang in den unterirdischen Tunnel öffnete. Es musste ihr nur gelingen, durch das Fenster in ihrer winzigen Kammer in den Garten hinabzusteigen, dann konnte sie sich vor dem Beschnittenen in Sicherheit bringen. Radik wäre nicht so siegessicher und langsam ihren Fußspuren gefolgt, wenn ihm diese Fluchtmöglichkeit bekannt gewesen wäre.

Er schüttelte überheblich seinen kahlen Kopf über die Dummheit dieses Mädchens, das sich wie ein Mäuslein vor der Katze im nächstbesten Loch verkriechen wollte und erreichte eine Weile nach ihr pfeifend die Unter­künfte der Dienerinnen, als Irta am hinteren Ende des Flurs bereits ihre Kammertür zuschlug und diese von innen verriegelte. Meine Schwester wusste natürlich, dass das Schloss der aus halbierten Bambusrohren ge­fertigten Tür für ihren Verfolger kein größeres Hinder­nis darstellte und kaum einem festen Fußtritt stand­halten würde. Sie hatte sich also zu beeilen. Trotzdem verharrte ihr Blick viel zu lange auf dem ungemachten Lager zu ihren Füßen, das sie noch vor wenigen Stun­den mit ihrem Geliebten geteilt hatte. Eine einzelne, bereits verwelkende gelbe Rose, ein Brautgeschenk Rauls in dieser Nacht, lag neben dem Kopfkissen, in das noch immer die Kopfform des Prinzen eingedrückt war. Ach, es erschien Irta, als wäre dies alles in einem anderen Leben geschehen – so viel war inzwischen pas­siert!

Radik klatschte mit der flachen Hand dreimal von au­ßen gegen die Kammertür, die unter seinen Schlägen erzitterte. „Eins-zwei-drei. Hab ich dich!“, lachte er. „Als nächstes darf ich mich verstecken und du musst mich suchen.“

Irtas Herzschlag setzte einmal aus, aber der Schreck riss sie aus ihrer Selbstvergessenheit, durch die ihr wertvoller Vorsprung zusammengeschmolzen war. Eilig er­griff sie einen herumliegenden weiten Umhang, den sie sich überwarf, dann schwang sie sich auch schon mit den Beinen voraus seitlich auf die Fensterbank. Der Boden des Gartens lag erschreckend tief unter ihr. Was für Raul nur ein kleiner Sprung gewesen war, er­schien ihr wie ein Fall in einen Abgrund. Sie sammelte ihren Mut und schob auch den Rest ihres Körpers durch das enge Fenster. Dabei hielt sie sich mit den Händen ver­zweifelt am Rahmen fest.

Hinter ihr wurde die Tür ihrer Kammer mit grober Gewalt aus den Angel gerissen und flog zerbrechend gemeinsam mit Radik in den Raum. Der feiste Be­schnittene hatte sich mit seiner ganzen Körperfülle ge­gen die Tür geworfen. Mit einem Blick war er auf den Beinen und erfasste die Situation. Seine Hand mit dem Messer zuckte nach vorn, berührte aber Irtas Rücken kaum, denn im gleichen Augenblick stieß sie sich los und sprang hinab. Sie landete in der Blumenrabatte unter ihrem Fenster, die ihren Sturz ein wenig milder­te. Trotzdem knickte ihr linker Fuß um und sie fiel mit einem Schrei der Länge nach zu Boden, rollte in den Rasen. Radik zwängte seinen Kopf und seinen Ober­körper durch die Fensteröffnung, um ihr auf diesem Weg zu folgen, doch weiter kam er nicht, denn er war viel zu fett, um es ihr gleichzutun. Der Eunuch spuckte und geiferte zornige Verwünschungen. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn und zog sich zurück, rannte eilig aus der Kammer. Wenn er zu Irta in den Garten hinabwollte, dann führte ihn der kürzeste Weg rund um das Gebäude und dann durch die Waschküche. Irta hatte sich durch ihren mutigen Sprung ein wenig Zeit erkauft, doch sie musste sich beeilen. Es würde nicht sehr lange dauern, dann würde der vor Wut schnau­bende Radik bei ihr sein und ihrer Flucht ein Ende ma­chen.

Sie versuchte aufzustehen, doch ein stechender Schmerz in ihrem Knöchel trieb ihr Tränen in die Au­gen und vereitelte diesen Versuch. Frustriert schimpfte sie sich selbst für ihr Ungeschick und mit einer neuen Kraftanstrengung gelang es ihr doch, aufzustehen. Die Schmerzen waren dabei kaum auszuhalten, aber es gab keine Alternative, wenn sie nicht in die Hände des Tob­süchtigen fallen wollte. Auf einem Bein hüpfend und humpelnd näherte sie sich der als kleines Labyrinth angelegten Drillingsblumen-Hecke, in deren Mitte das Haupt der Statue des „Prächtigen“ emporragte und sie mit sehr abschätzigen und arroganten Blicken zu be­trachten schien. Als Radik vom Waschhaus kommend suchend den hinteren Win­kel des Gartens erreichte, war Irta schon hinter die mannshohen Büsche getaucht und für seine Blicke un­sichtbar. Es würde aber sicher­lich nicht sehr lange dauern, bis er ihr Versteck entdecken würde, denn es gab nicht viele Möglichkei­ten, sich in dem kleinen Park zu verbergen. Doch wäh­rend der Beschnittene sich aufmerk­sam und noch ver­geblich nach ihr umsah, hatte Irta trotz ihres ver­stauchten Beins genug Zeit, bis zum Zentrum des Tro­jaspiels vorzudringen, wo das steinerne Abbild des Na­menlosen von ein paar Marmorbänken umringt auf ei­nem etwa fünf Fuß hohen, achteckigen Sockel stand, auf dessen Seiten ab­wechselnd Steintafeln mit Arabes­ken und mit Szenen aus seinem Leben zu sehen waren. Das Kunstwerk war insgesamt von minderer Qualität und nicht ohne Grund an diesem ab­seits gelegenen Ort hinter hohen Hecken versteckt.

Hier war der Ausgang des geheimen Weges verborgen, der nahe der Gemächer der Diplomaten hinter einer versteckten Tür begann. Es war einer der Nachfolger des „Prächtigen“ aus der Adin-Dynastie gewesen, der ihn vor 600 Jahren hatte errichten lassen, um dezent und auf dem kürzesten Wege seine wilde Favoritin be­suchen zu können, die jedoch nicht im Serail bei den anderen Frauen lebte, sondern sich in diesem Garten in einer hölzernen Hütte vor den Augen der Welt ver­barg; einer Hütte, die es im Gegensatz zu der Statue heute längst nicht mehr gibt. Doch auch die Geschichte von Fanime, der Zuckerwölfin ist eine Geschichte, die ich in einer anderen Nacht erzählen will. Auf jeden Fall war der unterirdische Gang nach dem Bürgerkrieg, der die Bişra an die Macht schwemmte, vollkommen ver­gessen worden, bis ihn Raul zufällig wieder entdeckt und für seine Pläne benutzt hatte. Nun schien der Gang, der bisher nur Prinzen auf ihrem Weg von und zum Stelldichein mit ihren Geliebten gesehen hatte, Ir­tas Leben retten zu können.

Und welch ein Glück, dass Raul Irta erklärt hatte, wie man den Zugang zum Tunnel durch eine Geheimtür im Sockel von außen öffnen konnte! Er hatte es in einer Nacht getan, in der sie gemeinsam in dem Garten, der nur für die Liebenden zu existieren schien, lustgewan­delt waren und sich auf einem duftenden Lager zwi­schen den Hecken unter einem blauschwarzen Himmel geliebt hatten, der nirgendwo auf der Welt tiefer hängt als in der Wüste. Es hatte für Irta den Anschein ge­habt, die Sterne würden nur eine Handbreite über den Palmen und den Zinnen des elfenbeinernen Palastes im grundlosen Ozean der Nacht schwimmen.

Zum Öffnen des Sockels musste auf jeder der vier Sei­ten, die ein sehr einfach ausgeführtes Relief verzierte, das die Heldentaten des „Prächtigen“ verherrlichte, ein bestimmtes Symbol niedergedrückt werden. Dadurch wurde der Mechanismus ausgelöst, der das raffinierte Schloss entriegelte. Leider mussten diese steinernen Symbole, die nichts anderes als verborgene Schalter waren, in einer bestimmten Reihenfolge gedrückt wer­den, damit das Öffnen klappte. Es waren die Herr­schaftszeichen und Wappenelemente des berühmten Namenlosen, also Sonne, Taube, Maske und Goldmün­ze. Irta wusste noch, dass sie die Taube zuerst nieder­drücken musste, die auf dem ersten der vier Reliefwän­de aller Welt die Geburt des neuen Namenlosen ver­kündete, aber wie sie weitermachen musste, hatte mei­ne Schwester in ihrer Aufregung vergessen. Kam da­nach schon die Maske oder doch zuerst die Münze? Ein Fehlversuch würde das Schloss komplett verriegeln, bis es jemand von innen wieder aufsperren würde. Das hatte ihr Raul erklärt und es würde ihre Flucht verei­teln. Sie wäre dem irren Radik wehrlos ausgeliefert, nachdem sie mit ihrem verstauchten Fuß nicht mehr in der Lage war, ihm davonzurennen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Beschnittenen, die so laut und deutlich zu verstehen war – ganz als ob er er be­reits hinter ihr stünde.

„Na, mein glutäugiges Häslein, in welchem Loch hast du dich denn verkrochen? Versteck dich nur gut, dann macht dem Fuchs die Suche mehr Spaß!“ Irta sah nach allen Seiten, aber Radik hatte den inneren Ring des Hecken-Labyrinths um die Statue herum noch nicht er­reicht. Jedoch war er nah – sehr nah! Sie konnte schon seine Ausdünstungen riechen und vermeinte bei seinen Worten seine feuchte Hand auf ihrer Schulter zu spü­ren.

Kurz entschlossen drückte Irta die leicht hervorste­hende Taube in das Relief hinein, die auch mit einem leisen Klicken einrastete. Der erste der vier Sperrbol­zen war gelöst. Sie kroch auf die andere Seite und ihr Finger verharrte zögernd über der Maske, die auf die­sem Relief über der Hand des Prinzen schwebte. Doch dann fiel es ihr siedend heiß ein: Als sie noch im Haus ihres Vaters gelebt hatte, hatte sie auf Wunsch eines ihrer Hauslehrer die schier endlose und langweilige Geschichte des Namenlosen in der Historia Derer Adini und ihrer An­verwandten Geschlechter lesen müssen. Darin hatte sich ein recht grausames Gedicht befunden, das über den „Prächtigen“ berichtet hatte:

Willst du die Zahl jener nennen,
die ich unter meinen Füßen zermahlte?
Willst du die Zahl der Münzen kennen,
die in meinen Besitz gelangten?
Dann sage mir die Zahl der Tränen,
die aus den Augen der Allerbarmerin rinnen.

Willst du die Zahl jener nennen,
die mich unter meinem Thron huldigen?
Willst du die Zahl der Jahre nennen,
die ich Karukora beherrsche werde?
Dann sage mir die Zahl der Tropfen,
die das Südmeer füllen.

Der „Prächtige“ hatte als junger Kronprinz zuerst ein märchenhaftes Vermögen bei seinen Feldzügen gegen die westlichen Barbaren errungen, bevor er sich die goldene Herrschaftsmaske der Namenlosen aufgesetzt hatte! Hektisch rollte Irta sich herum, hin zu der Seite, auf der der Namenlose dargestellt war, wie er in der ei­nen Hand eine Münze und in der anderen einen Sadji-Säbel jonglierte, mit dem er eben einige Feindesköpfe von ihrem Rumpf getrennt hatte. Irta hatte die zweite und die dritte Strophe des Gedichts verwechselt, wie ihr noch rechtzeitig in den Sinn gekommen war.

Nun machte sie alles richtig: Zuerst die Münze, dann die Maske. Nachdem sie zuletzt auch noch auf das Son­nensymbol gedrückt hatte, das der Namenlose auf der letzten Bildtafel mitten auf seiner göttlichen Stirn trug, klappte ihr die Wand des letzten Reliefs entgegen und gab einen tiefen Schacht frei, an dessen Rückseite eine angelaufene, metallene Leiter angebracht war. Sie führte senkrecht hinab in eine undurchdringliche Fins­ternis und Irta konnte nicht ausmachen, wo sie endete. Auf einem kleinen Sims an der Seite stand eine Later­ne, doch meiner Schwester blieb nicht die Zeit, diese anzuzünden und mit ihrer Hilfe ihren Abstieg zu be­leuchten, denn gerade, als sie sich mit dem Oberkörper hineinbeugte, um die erste Sprosse der Leiter ergreifen zu können, damit sie sich vollständig in den Schacht hineinziehen konnte, wurde sie grob am Fuß gefasst.

„Hab dich!“, rief Radik triumphierend. Irta trat zu Tode erschrocken mit dem heilen Bein nach hinten aus – und traf den Eunuchen durch einen rettenden Zufall mitten auf der Brust. Ihr Tritt war nicht allzu fest ge­wesen, aber er genügte, den Verfolger, der sich halb zu ihr heruntergebeugt hatte, nach hinten straucheln zu lassen. Dabei lockerte sich sein Griff und Irta kam wie­der frei. Bevor sich Radik wieder sammeln konnte, hat­te sich Irta ganz in den Schacht gezogen und die kleine Tür im Sockel der Statue fiel sofort hinter ihr ins Schloss, denn ihr innerer Öffnungs- und Verschlussme­chanismus war mit der obersten Sprosse der Leiter ver­knüpft, die unter Irtas Gewicht eine Handbreite nach unten kippte.

Für einen kurzen Moment, der sich für Irta wie eine Ewigkeit anfühlte, hing sie in absoluter Finsternis mit beiden Händen an dieser unzuverlässigen Sprosse über einer – wie sie sich einbildete – bodenlosen Tiefe. Dann fanden ihre Füße endlich ebenfalls auf der Leiter Halt. Bevor sie sich an den Abstieg machte, verharrte sie eine Weile und klammerte sich an das rostige, klebrige Metall, während sie darauf wartete, dass sich ihr ja­gender Puls wieder etwas beruhigte. Sie lauschte: Er­staunlicherweise war nichts von Radik zu hören. Es war fast so, als habe er nie existiert. Diese Stille mach­te sie jedoch nervöser, als wenn sie ihn fluchen und schreien gehört hätte. Hatte er wirklich so schnell auf­gegeben oder verschloss der Deckel diesen Schacht so fest, dass nichts von seinem Zorn darüber, dass ihm sein bereits gefangen geglaubtes Opfer in letzter Se­kunde entwischt war, an ihr Ohr drang? Während Irta lauschte und doch langsam ruhiger wurde, bemerkte sie, dass die Dunkelheit ums sie herum doch nicht komplett und absolut war. Von tief unter ihr drang ein wenig Licht durch den Schacht nach oben.

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