Aber ein Traum …

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Sonntag, 26.01.20 – Ein rotes Haus für alle …

Sonntag, 26.01.20


Ich war fleißig und habe die kleinen Fehler ausgemerzt. Die ersten fertig korrigierten Exemplare meines neuen Buchs „Das rote Haus“ sind heute in einem schweren DHL-Paket bei mir angekommen. Damit ist die, wie ich finde, sehr gelungene Kurzgeschichtensammlung offiziell veröffentlicht und ab heute überall im Buchhandel als Softcover oder als E-Book zum Download erhältlich. Wenn ihr ein persönliches Buch mit Widmung und einer Kunstpostkarte des Titelbilds wollt, dann schreibt mir doch bitte einfach.

Ich freue mich wie ein (vegetarisches) Schnitzel über mein neues Buch. Leider bin ich seit Freitag ein wenig erkältet und huste und schnupfe so vor mich hin. Für heute Abend haben Frau Klammerle ich zwei Karten für ein Mozartkonzert im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg, hoffentlich wirkt der Hustensaft.

*

Übrigens kann man im roten Haus auch die hier auf dem Blog erfolgreichste Geschichte lesen. (1) Es ist eine Ende der 90er geschriebene und leicht aktualisierte, etwas halbgare Satire über Migration und Asyl und wir hier in Deutschland damit umgehen. Warum die Besucher meiner Texte ausgerechnet ihr vor allen anderen Geschichten den Vorzug geben, mag am Titel liegen. Ach, komm, ich veröffentliche sie heute noch einmal als kleine Leseprobe aus meinem neuen Buch „Das rote Haus“. Viel Spaß beim Lesen.

Der Fremde

Tausend Autoren hatten darüber geschrieben, tau­send Filme hatten das Ereignis vorweggenommen. Endlich war es doch geschehen und kein Zweifler konnte die unleugbare Tatsache von sich weisen: Ein Raumschiff tauchte im Orbit unseres Planeten auf. Wobei das Verb auftauchen in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, denn keine Sternwarte hatte das Objekt aus den Tiefen des Alls kommen sehen. Ohne Vorwarnung war es von einer Se­kunde zur anderen erschienen und wurde für einen harmlosen Fernsehsatelliten, der zufällig den Weg des gi­gantischen Schiffes kreuzte, zur Moira: Er explodierte lautlos, verstreute seine metallenen Leichenteile im All und sorgte damit für die Verzweiflungsausbrüche unge­zählter Fernsehzuschauer, die ihre Empfangsschüsseln auf ihn ausgerichtet hatten. Das fremde Raumschiff be­gann davon unbeeindruckt seine Kreise um die Erde zu drehen.

Nun wurde man schnell aufmerksam auf den überra­schenden Besucher in der Umlaufbahn, der seine Gegen­wart ob seiner Größe und Lumineszenz auch nicht ver­heimlichen konnte. In den Nächten der Nordhalbkugel stand das Raumschiff als eine Art kleinerer und dunklerer Bruder des Mondes am Firmament. Bereits mit einem guten Feldstecher war zu erkennen, dass es kein Komet oder sonst irgend ein natürliches Objekt war, das die Schwerkraft der Erde eingefangen hatte, sondern es ein großes, künstliches, einem liegenden Halbmond gleichen­des Schiff, das den Nachthimmel zierte und für scharfe Augen auch am Tage sichtbar war. Es hing geostationär über Mitteleuropa.
Selbstverständlich erregte jenes UFO mehr Aufsehen als ein jedes andere Ereignis in der Geschichte der Mensch­heit. Die Fernsehsender strahlten rund um die Uhr Son­dersendungen aus, das Internet brach unter der Last der Anfragen zusammen. Jede erreichbare, vergrößernde Linse diente den Menschen, hinauf in den Himmel zu dem Objekt ihrer Begierden zu starren und die optische Industrie boomte wie nie zuvor. In vielen Staaten wurde mobil gemacht, die UNO und die NATO tagten pausen­los. Sogar einige Kriege fanden zu einem kurzen, unfrei­willigen Waffenstillstand, weil viele der Soldaten lieber in den Himmel starrten, als auf andere Menschen zu schießen.

Die Meinungen waren schroff in zwei Lager geteilt: Für die einen waren die Besucher aus dem All eine existenti­elle Bedrohung. Die anderen und sie hatten die Mehr­heit, sahen in dem Raumschiff, das uns ganz offen­sichtlich zielgerichtet aus den Tiefen des unendlichen Alls aufgesucht hatte, ein Zeichen der Hoffnung. An Bord mussten weit überlegene, unfassbar intelligente Wesen sein, die gekommen waren, die Menschheit in eine strah­lende interstellare Zukunft zu führen. Sicherlich würden sie uns zuallererst von quälenden Problemen wie Krank­heit, Umweltverseuchung, Überbevölkerung und Krieg befreien. In jenen Tagen, in denen das UFO um die Erde kreiste und auf keinerlei Anruf auf elektronische, digitale, akustische, optische oder sonstige Art reagierte (und was wurde nicht alles von staatlicher oder privater Seite unter­nommen, um Kontakt aufzunehmen), hatten die Kirchen unglaublichen Zulauf, denn nicht wenige mutmaßten, der Stern, der Christi Geburt erleuchtet hatte, sei zurück­gekehrt. Das öffentliche Leben kam für eine Weile fast völlig zum Erliegen und nur wenige gingen in jenen Tagen noch zur Arbeit. Eine angespannte, lauschende Ruhe zog sich über den Erdball; man wartete und es glich dem Warten auf Harmageddon.

Wie bei jedem vermeintlichen Weltuntergang schossen Sekten wie Pilze aus dem Boden, all jene Ufologen, Sterngeborenen oder New-Age-Spintisierer, die es schon immer gewusst hatten, triumphierten: Eilig versammelten sie sich an mystischen Stätten wie Stonehenge oder den Pyramiden von Gizeh, vereinigten sich zu mentalen Krei­sen und suchten auf telepathischem Wege Kontakt. Freu­dig warteten sie auf ihre Verschmelzung mit den Brüdern aus der Unendlichkeit, deren Emanationen sie bereits zu spürten vermeinten. Das Zeitalter des Wassermanns war mit einem wahrhaft strahlenden Zeichen am Himmel her­aufgezogen.

Doch das Warten wurde lang. Eine Woche verging, dann noch eine, nichts geschah. Langsam kam das Leben wieder in Gang, achselzuckend nahmen die Soldaten ihre Kriege auf und eine Ölpest im Golf übernahm den ersten Platz in den Nachrichten. In den USA wurden Überle­gungen angestellt, ob man nicht vielleicht ein Spaceshuttle hinauf zu dem fremden Raumschiff schicken und bei den Besuchern an die Tür klopfen sollte.

Dann, am 26. August, um genau 14.37 Uhr MEZ, wurde in Süddeutschland, genauer gesagt, im Raum Augsburg, auf den UKW-Frequenzen 93,4 und 101,5 die Botschaft der Außerirdischen empfangen. Sie wurde den ganzen Tag über alle acht Minuten wiederholt. Da auf der ersten Frequenz das Programm eines Privatsenders gestört wur­de, hatte die Sendung einiges Publikum, wurde aber an­fangs von den meisten Zuhörern als eine Hörspielein­blendung à la Invasion vom Mars oder für die Werbung eines Autohauses genommen. Die Botschaft wurde von einer metallischen, fremdländisch klingenden, dabei aber kaum akzentuierten Stimme gesprochen. Sie lautete:

… ICH GRÜßE DIE IRDISCHE MENSCHHEIT …
… MEIN NAME IST ASNAM … ICH BIN DER KA­PITÄN DES SIRIANISCHEN RAUMSCHIFFES PFFTAH, DAS SEIT GERAUMER ZEIT IHREN PLANETEN UMKREIST. ICH WERDE MICH AM 30. AUGUST UM 12.00 UHR ORTSZEIT IN DER HAUPTSTADT DES REGIERUNGSBEZIRKES SCHWABEN/AUGSBURG AUF DEM KLEINEN EXERZIERPLATZ MATERIALISIEREN UND MÖCHTE EBENDA KONTAKT ZU DEN VERTRE­TERN IHRES STAATES BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND KNÜPFEN …

Als langsam publik wurde, dass kein Scherz vorlag und diese Botschaft tatsächlich von dem Raumschiff ausge­strahlt wurde, brach über der kleinbürgerlichen Stille der Stadt die Hölle herein. Menschenmassen aus allen Teilen der Welt pilgerten nach Augsburg, das dem Ansturm nicht gewachsen war und in der Not alle Verkehrswege in die Stadt von der Polizei abriegeln ließ. Der Platz, auf dem der Außerirdische sein Erscheinen angekündigt hat­te, wurde sofort von einem Volksfest geräumt und das Viertel drumherum, das aufgrund der unzähligen Som­merbaustellen in Augsburg eh fast vollständig vom Rest der Stadt abgetrennt war, für jeden Verkehr gesperrt.

Schon am nächsten Tag fand sich das gesamte Kabinett mit Bundeskanzlerin und Präsident ein, für den 30. Au­gust selbst hatten sich der UNO-Generalsekretär und die bedeutendsten Staatsoberhäupter der Welt angekündigt. Viel Rätselraten machte die Frage, warum der Außer­irdische ausgerechnet einen Platz in jener provinziellen Ortschaft für seine Materialisation auf der Erde ausge­sucht hatte und er nicht im Central- oder Hydepark, dem Roten oder dem Platz des Himmlischen Friedens erschei­nen würde. Erneut wurden Anstrengungen unter­nommen, mit dem Raumschiff im Orbit in Kontakt zu treten, doch alle Bemühungen waren genauso vergebens wie die gerichtliche Klage des Privatsenders, dessen Pro­gramm durch die Botschaft Asnams gestört worden war. So blieb man auf Spekulationen angewiesen und selbst die Redakteure des SPIEGELs, die doch sonst immer alles wussten, mussten sich dem Mysterium der Platzwahl des Außerirdischen geschlagen geben. Nur die Augs­burger selbst, allen voran ihre Bürgervertretung, die schon immer um die Bedeutung ihrer Stadt für die Welt gewusst hatten und nicht ohne Grund einen Fugger und einen Brecht zu ihren berühmten Söhnen zählten, fühlten sich bestätigt und nahmen ihre gestiegenen Einnahmen durch den überhand nehmenden Fremdenverkehr für ein berechtigtes Geschenk des Himmels, das es indirekt ja auch war. Als schließlich sogar der Papst seinen Besuch ankündigte und Augsburg mit seiner Gegenwart heiligen wollte, wurde der Kleine Exerzierplatz in Platz der Er­scheinung umgetauft.

Dann begann das nägelkauende und ungeduldige Zäh­len der Tage, schließlich der Stunden. Am Morgen des 30. August war Augsburg noch vor Kairo, Mexico City oder Hongkong die volkreichste Stadt des Erdkreises, un­gezähltes Volk drängte auf den Straßen und selbst die Dörfer im Weichbild glichen einem Hexenkessel. Ob­gleich fast jeder Polizist der Republik in Augsburg Dienst tat, gab es Fälle von Massenpanik und nicht wenige Men­schen wurden von der erregten Menge totgetrampelt oder erstickten in ihrer Umarmung. Die Augsburger selbst wagten sich selbstverständlich nicht mehr aus ihren gut verbarrikadierten Wohnungen. Sie verglichen unter­einander die Ereignisse mit der legendären Bombennacht vom 25. Februar des Jahres 1944 und verfolgten die Ge­schehnisse im übrigen fast ausnahmslos an ihren Fern­sehern. Ihnen war auch an normalen Tagen schon zu viel fremdes Volk auf den Straßen.

Die weitere Umgegend des Platzes der Erscheinung glich dem Fegefeuer, in dem es trotz der ungezählten ge­quälten Seelen nicht so drangvoll eng sein konnte wie in den Einfallstraßen, die zum Platz führten. Die Busse der Weltvertreter benötigten für die Strecke zwischen ihrem Übernachtungsort, dem eilig dafür eingerichteten Arbeits­amt der Stadt, und dem Platz, der nur etwa zweihundert Meter entfernt war, drei Stunden.

Bei dieser Gelegenheit wurden übrigens achtzehn Men­schen überfahren, die jedoch mit dem Segen des Papstes ihre Reise ins Jenseits antreten durften. Endlich aber stan­den all die Staatsoberhäupter auf dem geräumten Platz, der durch eine fünffache Polizeikordon und mehrere Rei­hen mit Stacheldraht und Panzerketten geschützt wurde. Militär mit schwerer Bewaffnung sicherte die vier Ecken des Platzes.

In vorderster Reihe standen von ihren Leibwächtern umgeben und in gebührendem Abstand zueinander die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands, die Kanzlerin, der Papst, noch vor diesem die hochauf­ragende Gestalt des Bayerischen Ministerpräsidenten und vor allen der Augsburger Oberbürgermeister, der als Be­grüßungsgeschenk für den Abkömmling der Sterne ein Blech Zwetschgendatschi in den Händen hielt. Aus den Stunden bis Mittag waren inzwischen Minuten geworden, jedermann starrte gebannt auf die Uhren, deren Zeiger ihrem Zenit entgegentickten.

Schließlich verrannen die letzten Sekunden, dann läute­ten alle Glocken der Stadt und das unerträgliche Donner­grollen von millionenfachem Gemurmel verstummte für einige Momente. Die ganze Welt, die das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit über Live-Schaltungen am Fernseher verfolgen konnte, hielt den Atem an. In diesen Sekunden wurden keine Verbrechen begangen, niemand liebte sich, niemand starb und niemand wurde geboren. Ein Kind schrie, bald ein zweites.

Aus dem Nichts begann in der Mitte des Platzes die Luft wie unter großer Hitze zu erzittern, in wirbelnde, torna­doartige Bewegung zu geraten. Eine wimmernde, kreis­chende Lichtkugel erschien, sich immer schneller um sich selbst drehend, pulsierte sie in rasenden Amplituden zwischen dunklem Karmin und blendender Grelle, bis sie zerplatzte und, dem Wunder von Fatima gleichend, Lichtfontänen über den Himmel der Stadt ergoss. Ein plötzlicher, heftiger Windstoß heulte über den Platz und der Landwirtschaftsminister musste sein Toupet festhal­ten, weil er Gefahr lief, es in der heftigen Böe zu verlie­ren. Aus ungezählten Kehlen drang ein angestautes Stöh­nen, das gleich dem Grollen einer Flutwelle anschwoll und einige Trommelfelle platzen ließ. Dann hallte ein scharfer Knall wie ein Schuss über den Platz; mehrere Dutzend Leibwächter sprangen schützend vor die Körper ihrer prominenten Schützlinge. Doch kein Terrorist hatte die Gunst der Stunde genutzt, der Knall hatte nur das Ende der übernatürlichen Lichterscheinungen bedeutet.

Dort, wo sie vor einem Wimperzucken noch gewirbelt hatten, stand nun eine unbekleidete Gestalt. Dieser Wechsel war blitzschnell geschehen. Keines der Milliar­den Augenpaare, die live oder übers Fernsehen die Ereig­nisse auf dem Augsburger Platz der Erscheinung begaff­ten, hatte ihn bemerkt. Schließlich schrien die Menschen. Der Papst stieg von der Tribüne, machte einen unsi­cheren Schritt, dann sank er erschüttert in die Knie. Der Bürgermeister kam um einen Schritt weiter, dann folgte er dem Beispiel des Pontifex, das Backblech mit dem Ku­chen wie eine Götzengabe hoch über sein Haupt haltend.

Nur die Kanzlerin, die nicht einmal der Jüngste Tag be­eindruckt hätte, trat zu dem außerirdischen Wesen heran und öffnete, der historischen Bedeutung ihrer Geste be­wusst, die Arme. Dieses Leben, das grob gerechnet einen Weg von dreiundachzig Billionen und dreihundert­neunundvierzig Milliarden (83.349.000.000.000) Kilo­metern gegangen war, um zur der irdischen Menschheit zu gelangen, zu beschreiben, ist selbst der talentiertesten Feder nicht möglich, es müssten dazu neue Wörter, Far­ben und Eigenschaften erfunden werden. Selbst ein Photo kann nicht wiedergeben, welch göttliche und fremdartige Erscheinung den Schmutz der Erde mit ihrer Gegenwart adelte.

Das Wesen trat zur Kanzlerin entgegen und umarmte sie. Die Vertreterin der Menschheit, trotz ihrer staats­männischen Erscheinung nur ein kleines, hässliches Et­was in den Armen dieses Halbgottes, einer Seuche im Pa­radies vergleichbar, sagte etwas; es wird wohl immer sein Geheimnis bleiben, zu welch bedeutenden Worten sie sich emporschwang, um dem Augenblick gerecht zu wer­den, denn es war in dem tobenden Lärm der Menge nicht zu verstehen. Dann hob der Außerirdische seine drei goldenen Augenpaare und seine Stimme klang in den Ohren eines jeden Menschen und jeder verstand sie:

»Ich, Asnam, Chrool von Bruum, Kapitän des siriani­schen Raumschiffes Pfftah, habe diesen Staat Ihres Plane­ten für meine Erscheinung gewählt, weil sich ihn so viele der Ihren als ihre letzte Zuflucht vor den Übergriffen ih­rer geisteskranken Herrscher aussuchen. Hiermit bitte ich vor den Vertretern ihres Staates um politisches Asyl.«

Nachtrag: (Aus der Augsburger Allgemeinen vom 3. März, Vermischtes aus aller Welt)
– Der Umweltminister hat anlässlich seiner Presse­konferenz vom Montag mit Entschiedenheit dementiert, jemals Zuwendungen aus der Automobilindustrie erhal­ten zu haben.
– Der Antrag des Außerirdischen Asnam C. aus Bruum auf Asyl wurde gestern in letzter Instanz als unbegründet abgewiesen, da es in seiner Heimat unter Maßgabe aller Informationen keine politische Verfolgung gibt. Der Wirtschaftsflüchtling aus dem All wurde abgeschoben. Der Friedberger Ableger der Pegida (FRIGIDA) begrüßte diese Entscheidung mit einer spontanen Demonstration aller vier Mitglieder in der Augsburger Innenstadt.
– Die Augsburger Panter haben gegen die Eisbären Ber­lin nach Penalty-Schießen 6:5 gewonnen.

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(1) „Der Fremde“ wird knapp gefolgt von „Ein Unfall auf Madeira“, einem kleinen Artikel über meine Levadawanderung Ostern 2017, bei der ich zu neugierig war und in einen der Wasserkanäle stürzte. Dass er so häufig – vor allem von Portugal aus – besucht wird, liegt wohl an dem schweren Busunglück im letzten Jahr. Vielleicht sollte ich den Titel des Beitrags ändern …

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (6)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (6)

»Das ging ja außerordentlich schnell«, staunte der Bişra. »Berichte mir!« Ultem räusperte sich missbilligend und warf ei­nen kurzen Blick auf Eóra. Dadurch wurde dem Na­menlosen erst bewusst, wie kompromittierend seine momentane Situation war. Der Herrscher über die reichste und größte Stadt der Überlebenden Lande, der Gott der Wüsten und Oasen, Herr über Leben und Tod, Liebling der Allerbarmerin und unsterblicher Zermal­mer aller Feinde Karukoras, lag weinerlich in den Ar­men eines Weibes! Pasha Ultems Plan, von sich abzulenken, ging auf. Der Namenlose errötete unter seiner Maske und stieß Eóra, die sich gegen seine Seite lehnte, fast grob von sich.

»Du bist entlassen, Frau«, sagte er kalt. Fast sah es so aus, als würde Eóra aufbegehren, aber dann senkte sie nur ihr Haupt.

»Ja, mein liebreizender Gebieter, die Staatsgeschäfte rufen dich. Karukora braucht in dieser Krise deinen Weitblick und deine Stärke«, sagte sie und stand auf­grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft et­was mühsam aus der niedrigen Liege auf. »Hören und Gehorchen sind mir eine Einheit, Sonne meines Lebens. Nutze nur meine Gemächer als deinen vorübergehen­den Thronsaal, bis wieder Ruhe im Palast eingekehrt ist. Ich werde mich nun zurückziehen.« Sie lächelte Ultem an, der durch sie hindurchblickte, als wäre sie nur eine phantomhafte Geistererschei­nung. Noch wusste er nicht so recht, in welchen Wind er seine Fahne zukünftig hängen sollte und hielt sich daher für den Moment zurück, obwohl er, solange ihr Vater der mächtigste Minister im Land gewesen war, immer freundlichen und aufmerksamen Umgang mit der Gattin seines Herrn gepflegt hatte. Eóra trat wür­devoll an dem General vorbei hinter die Vorhänge. Kurz überlegte sie, ob sie lauschen sollte, aber es gab in dieser Nacht noch Wichtigeres für sie zu tun. Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor und vor der Tür zu ihren Gemächern stand bestimmt noch Muhar und wartete ungeduldig auf sie, um sie zu begleiten.

»Also«, fragte der Namenlose, als er mit seinem Gene­ral allein war, und nahm seinen ganzen Mut zusam­men, »ist die Schlacht um mein geliebtes Karukora endlich entschieden?«

»Der Palast ist längst noch nicht zur Ruhe gekommen. Das wird er in dieser Nacht auch nicht mehr. Er gleicht einem aufgeschreckten Wespenbau. Ich stimme deiner Hohen Gattin zu und denke ebenfalls, dass es das Beste sein wird, wenn du vorerst im abgeschiede­nen Neuen Serail verweilst und geschützt von deiner Leibwache draußen die Entwicklungen hier ab­wartest, mein Gebieter. Lass mich zur Sicherheit eine weitere Abteilung der Treuwacht vor den Fenstern abstellen. Zu deiner Frage: Es war eine blutige und verlustreiche Schlacht, aber die Lamarger sind inzwischen fast vollständig besiegt und bis auf wenige Gefangene erschlagen. Zudem gilt es, ein paar Brände zu löschen und nach Ómers Mitver­schwörern zu fahnden. Eines der Murlane des Regno ist übrigens im Kampfgetümmel entkommen und streicht wahrscheinlich durch die Gärten. Ich habe schon nach dem Tierbändiger des „Unterwerfers“ rufen lassen, um das Raubtier einzufangen.« Ultem zögerte. Nun kam der Teil des Ge­sprächs, den er fürchtete.

»Mach ganz so, wie es dir beliebt«, antwortete Der Namenlose. »Du hast mein Vertrauen, Ser’Asker. Ich will am Morgen in aller Frühe als erstes meinen Soldaten und Treuwächtern für ihren Einsatz danken. Bereite eine Zeremonie vor, in der ich ein paar Orden verteilen und den Witwen mein Beileid aussprechen kann. Jetzt möchte ich die wenigen Stun­den, die noch bis zum Sonnenaufgang verbleiben, dazu nutzen, etwas zu ruhen.«

»Da ist noch etwas.« Ultem hob den Zettel in seiner Hand. »Es sieht so aus, als hätten ein paar Diebe die Gelegenheit ausgenutzt und lange Finger gemacht. Sie sind während der Kämpfe in den Thronsaal eingedrun­gen und haben zu allem Überfluss noch frech eine Nachricht hinterlassen. Ein paar meiner Wüstenkrieger haben den Frevel zufällig entdeckt, als sie die Spur von zwei Lamargern verfolgten, die ihnen leider entkommen sind.« Ul­tem verschwieg, dass es sich bei einem der Flüchtigen um Idrichson Galves handelte. Er machte einen Schritt nach vorn und überreichte dem Namenlosen das Blatt in seiner hand, dann wich er sofort zurück. Er machte es kurz, denn er war kein Freund von vielen Worten und Ausflüchten, wie sie Radik Emre so gerne benutzte:

»Diese Diebe haben den Thron geschändet, mein Herr … indem sie die Augen des Falken herausgebrochen und mit sich genommen haben. Noch ist nicht klar, auf welchem Weg sie in den Thronsaal gelangt und wie sie ihn wieder verlassen haben.«

Der Namenlose fuhr auf. »Was? Die zwei Trigonjuwelen wurde ge­stohlen?«, stotterte er. Den Zettel hielt er achtlos in der Hand. Er war viel zu weitsichtig und mit den Rubinen vor seinen Augen noch zusätzlich behindert, um den kleingeschriebenen Text zu entziffern. Aber diese Schwäche wollte er Ultem nicht eingestehen. »Diese Diebe müssen noch in dieser nacht ergriffen und bestraft werden! Weit können sie doch nicht gekommen sein!«

»Leider sind unsere Sbirren und Wächter durch die Vorkommnisse an den Palast gebunden, doch ich habe veranlasst, alle Tore zu schließen und die Flussketten über den Marat zu heben, damit kein Schiff die Stadt verlassen kann. Niemand kommt im Moment aus Karukora heraus. Allerdings wird es wohl eine mühsame Suche nach den Tätern werden, die sich sicher im Hamdala-Viertel verbergen werden.«

»Steckt da die Diebesgilde dahinter? Das sieht mir ganz nach ihrer Handschrift aus. Wollen sie sich rächen? Vielleicht sollten wir bei ihnen ein paar Köpfe rollen lassen. Das macht die Überlebenden redselig. Wie hieß noch einmal ihr Erzmeister? Abu Da‘Ad?«

»Abu Du‘Bur. Aber ich halte dies für keine gute Idee, mein Herr!«, wagte Ultem zu widersprechen. Ihn traf einer der roten Feuerblicke seines Bişras, aber er hielt ihm stand. Äußerlich vollkommen ruhig, verlagerte er nur sein Gewicht auf das linke Bein und schob gleichzeitig die rechte Schulter etwas nach vorn. Der General, der befürchtete, er müsse sich nun zwischen zwei Loyalitäten entscheiden, nämlich der zur Diebesgilde und seinem Vater Abu Du‘Bur auf der einen und seinem Herrscher auf der anderen Seite, wappnete sich, flink seinen Säbel ziehen zu können. Dabei suchte ein unruhiger Blick nach einem Fluchtweg. Der „Unterwerfer“ wusste nicht, wie nah er daran war, selbst den Kopf zu verlieren.

»Ein paar Meister der Gilde hinzurichten, würde nichts bringen, Herr«, fuhr Ultem gelassen fort, während er seine Rechte wie von Ungefähr auf den Knauf seiner Waffe legte. »Das wäre, als würdest du mit einer flachen Hand aufs Wasser klatschen. Ja, es würde Lärm machen und ein paar Wellen geben, aber der Untergrund bliebe ruhig und unbewegt und die Juwelen bekämen wir nicht zurück. Bedenke, mein Herrscher: Auch wenn dich die „Flinken Finger“ ab und an ärgern und das eine oder andere wertvolle Teil aus deinem Palast entwenden, so treu stehen sie doch seit den Gründungsjahren Karukoras beim Namenlosen und diese Treue ist sogar Teil ihres Diebeseides, den jedes neues Mitglied leisten muss …« Ultem zögerte. Er musste wirklich besser auf seine Worte achten, denn er wusste nicht, ob die ganz und gar nicht unberechtigten Gerüchte über seine geheimen Verbindungen zur Diebesgilde bereits an die Ohren des Namenlosen gedrungen waren. Doch so, wie er den Schleimer Radik Emre kannte, musste er davon ausgehen.

»… so weit ich über die Gildenregeln informiert bin, natürlich. Doch eines ist sicher: Die Diebe haben kein Interesse an einem Umsturz und Chaos in der Stadt. Sie sind treuere Anhänger der Dynastien als der Adel und die Kaufleute. Unruhen und eine Umwälzung der Gesellschaft würden ihre Geschäfte ruinieren. Sie verstehen sich als die Laus im Pelz der Reichen und nicht als der Murlan, der sie frisst. Nein, ich glaube nicht, dass die Diebesgilde mit dieser unerfreulichen Sache zu tun hat, das sieht mir doch eher nach der Tat von Eingeweihten aus, die die Verhältnisse im Palast genau kennen. Wir sollte die Diebe nicht mit übereilten Schuldzuweisungen verärgern, sondern uns vielmehr ihrer Unterstützung versichern, denn sie können es überhaupt nicht leiden, wenn Freischaffende in ihrem Jagdgebiet wildern. Wenn wir – selbstverständlich diskret und heimlich -, den Erzmeister Abu Du‘Bur ins Boot holen, werden sie viel zuverlässiger und sicherer verhindern, dass die Trigonsteine die Stadt verlassen oder ihre neuen, unrechtmäßigen Besitzer sie über einen Hehler zu Gold machen. Die Vorarbeiter der Hafengilde und die Betreiber der Karawansereien und Handelsgesellschaften arbeiten Hand in Hand mit der Gilde.«

Der Namenlose nickte.

»Verschone mich mit deinen Räuberspielen und Machenschaften. Das Knäuel an Intrigen hier in diesem Palast erscheint mir inzwischen so verwirrt und verknotet, dass es nicht mehr lösbar oder auch nur durchschaubar ist. Jeder in meiner Umgebung kocht sein eigenes Süppchen und ist dazu eifrig dabei, dem anderen in den Topf zu spucken oder ihm seine eigene Würze beizumischen. Wenn ich nur daran denke, bekomme schon wieder Kopfschmerzen davon. Hauptsache, es kehrt wieder Ruhe ein und wir bekommen die Steine schnell wieder zurück. Welche Wege du beschreitest, um dieses Ziel zu erreichen, ist mir gleichgültig, aber du stehst mir das Gelingen mit deinem Kopf ein. Im Moment wünschte ich fast, der Sud wäre noch mein Vezir. Der hätte mit solchen Gaunern kurzen Prozess gemacht. Oder steckt gar Ómer selbst hinter dem Raub? Schließlich ist er im Besitz des dritten Trigonsteins, der jeden seiner abnormen Turbane ziert.«

»Ómers Verbindungen in die Unterwelt und seine Spitzel, Halsabschneider und Ohren sind wie eine tausendbeinige Giftspinne, die ihr Netz über ganz Karukora gewoben hat. Aber diese Spinne steht uns nicht mehr zur Verfügung, nachdem wir ihr das verräterische Haupt abgetrennt haben«, sagte Ultem und zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich ist der unersättliche Radik Emre gerade dabei, Ómers Informantennetz zu übernehmen und sich den Turban mit dem Smaragd auf den Kopf zu setzen, dachte er bei sich. Schade, nur dass ich hier beim Namenlosen meine Zeit verschwende, die Gilde und ich könnten die Ohren des Vezirs ebenfalls gut gebrauchen.

Ultem machte eine auffordernde Geste: »Auf jeden Fall haben die Diebe diese Nachricht in deinen Händen hinterlassen und wir wissen deshalb, wer der wahrhschliche Hintermann der Tat ist. Es wird dich überraschen: Es sind Alis Dabinghi und seine Familie.«

»Der Märchenerzähler, der uns heute mit seiner Geschichte von Lakmi-âs-Sekr gelangweilt hat? Aber warum sollte er das tun? Hat ihn Ómer nicht bezahlt?«

»Es steht auf diesem Papier, Herr.«

Der Namenlose reichte erstaunt das Blatt Papier an Ultem zurück.

»Lies es mir vor« forderte er. Ultem kniff die Augen zusammen und hielt das Blatt von sich, damit er den mit einer sauberen, aber zittrigen Handschrift geschriebenen Text lesen konnte, denn auch er litt unter einer Augenschwäche. Wie die meisten Karukorer war er daran gewöhnt, laut zu lesen. Zuerst murmelnd und dann immer wütender erklang seine Stimme:

»Die Bingh leben. Die Bingh beschützen ihr Karukora. Sie werden sich den Falkenthron, der ihr rechtmäßiges Erbe ist, von den Ursurpatoren des Bişra-Abschaums zurückholen! Die heutige Nacht war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Wir haben die Steine des Trigons an uns genommen. Sehr bald werden auch die goldene Maske und Karukora selbst den echten Nachkommen des ersten Namenlosen gehören. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern des Elfenbeinpalastes. Die Dynastie der Bişra wird bald enden. Sie sind endlich vorbei, die Jahre der Tyrannenherrschaft, die der Bişra, der elende Vater- und Muttermörder, ausübte. Komm und stelle dich deinem Schicksal, du „Unterwerfer“! Ich bin Selin Dabinghi, der einzige und wahre Erbe über das Reich der Namenlosen. Ich bin zum Herrschen geboren und du lausiger Abfall hast mir meinen Thron gestohlen. Ich erwarte dich jenseits der Felder des Ewigen Krieges vor den Toren von Pardais. Ich werde das Urteil, das die Allerbarmerin über dich gesprochen hat, vollstrecken. Oder bist du gar zu feige, mit deiner lächerlichen Armee und deinen speichelleckerischen Generälen gegen einen Einzelnen zu kämpfen, kleiner Dagor?« Ultem zerknitterte den Zettel zu einer kleinen Kugel und warf ihn durch den Raum.

»Kennt noch jemand außer dir den Inhalt?«, fragte der Namenlose scheinbar gelassen.

»Leider scheinen während der Revolte überall in der Stadt gedruckte Kopien davon verteilt worden zu sein.«

»Jeder, der solch einen Zettel besitzt oder weitergibt, soll den M‘Gaviâ zum Fraß vorgeworfen werden!«, brüllte der Namenlose plötzlich, sprang auf und wütete und schimpfte. Ultem machte sich noch ein wenig kleiner, wartete geduldig das Ende des Tobsuchtsanfalls seines Herrn ab, das tatsächlich nicht allzu lang auf sich warten ließ. Der Bişra presste seine Hand gegen die Stirn.

»Ah, diese Schmerzen …«, sagte er und lehnte sich mit dem Gesäß kraftlos gegen die Brüstung des Fensters, das über ein paar niedrige Dächer des Palastes einen Ausblick auf die Marathäfen und den Leuchtturm zeigte. Dort draußen, kurz vor Sonnenaufgang, herrschte eine gespenstische Stille.

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Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

»Auf diese Weise hätte diese Nacht niemals enden dürfen!«, flüsterte Eóra ib Suda betroffen und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater dich verraten wollte und kaltblütig den „Bären“ vergiften ließ. Welch eine Schmach, wenn es denn tatsächlich wahr wäre!«

Schluch­zend lag der von der Allerbarmerin erwählte Herrscher über das strahlende Juwel der Wüste in den Armen sei­ner Hauptfrau. Die beiden hatten sich gemeinsam mit Hilfe seiner nun draußen vor den Türen patrouillierenden Leibwache vor der grausamen Schlacht im Speisesaal in die Sicherheit von Eóras abgelegenen Gemächern im Neuen Serail  geflüchtet. Die goldene Maske mit den feuerfarbenen Rubinaugen war achtlos neben den Namenlosen auf das Polster der Liege geglitten.

Auch in diesen melancholischen, immer ein wenig dunklen Zimmerfluchten, die während der verspielten Adin-Dynastie als Gerichtsräume gedient hatten und zur gleichen Zeit wie der in einer ganz ähnlichen Farbstimmung gehaltene Thronsaal er­baut worden waren, waren Rosa und watteartige, wahrscheinlich Wolken darstellende Gipsornamente die vorherrschenden Stilelemente. Deshalb wurde der Neue Serail auch trotz seiner ehemaligen, grausamen Bestimmung die „wolkigen Abendsonnengemächer der Frühlingsdämmerung“ genannt. Nur wenige Licht­flecken fielen durch die Fensterlöcher aus hauchdün­nem Alabasterstein, die oben in der von schlanken Säulen getragenen Rotunde angebracht waren und den mit Vorhängen und Teppichen in mehrere Boudouirs unterteilten großen Saal auch in der finstersten Nacht in den lächelnden Rosentraum einer alten Jungfer ver­wandelten und alle Besucher mit Geschmack innerlich erseufzen ließ. Doch hieß es auch, die Farbe der Fliesen und der Wände rühre vom Blut der Unschuldigen her, die hier von den strengen Adin-Richtern Karukoras für kleinste Vergehen zum Tode verurteilt und auf der Stelle hingerichtet wor­den waren. Wie dem auch immer war, in den „wolkigen Abendsonnenge­mächern“ war es auch an Hochsommertagen angenehm kühl und dämmrig, dafür sorgte auch ein raffiniertes Belüftungssystem. Die vie­len Stoffbahnen und Gobelins, die Eóra zwischen die Säulen hatte hän­gen lassen, um das Neue Serail ein wenig wohnlicher und heimeliger zu gestalten, trugen nicht gerade dazu bei, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen. Zu­dem hatte der Namenlose, den seit seiner Ankunft eine heftige Migräne quälte, befohlen, fast alle Lichter und Feuerschalen zu löschen, die für gewöhnlich in der Nacht und auch am Tag den Saal ausleuchteten. Ab und an huschte auf Zehenspitzen flink eine der Dienerinnen Eóras durch die Schatten, die die Raumteiler warfen und jedes Mal, wenn der Namenlose eine Bewegung im Dunkel wahrnahm, zuckte er erschrocken und mit von Schmerz verzogenem Gesicht zusammen.

»Glaubst du, es war die Druşba, die hinter dem Anschlag steckt? Ich hielt diese Assassinengilde immer für eine Legende. Ist sie eigentlich hinter mir her und war der Tod des „Bären“ vielleicht nur ein Irrtum, eine Verwechslung? Wollen diese Meuchelmörder uns etwa alle vergiften? Und steckte wirklich Ómer dahinter? Hat er die Druşba beauftragt? Ist auch die Botschafterin der 5 Städte bedroht? Ach, was soll nur werden?«, sprudelten Fragen aus seinem Mund, die ihm Eóra nicht beantworten konnte. Obwohl der „Unterwerfer“ nun seit fast zwanzig Jahren die Geschicke der Wüstenperle lenkte, war er doch ohne die Empfehlungen seiner engsten Ratgeber hilflos und wusste nicht weiter. Seine Stütze Ómer, der ihm im Laufe der Jahre Stück für Stück fast alle Entscheidungen und Staatsgeschäfte abgenommen hatte, schmorte irgendwo tief unter ihm in seinen eigenen Verliesen in den Eingeweiden des Palastes. Radik hatte sich bestimmt zitternd und voller Angst in irgendeinem Loch verkrochen und Pasha Ultem, der oberste General des Namenlosen, focht wohl noch in der Schlacht gegen die Lamarger. Blieb ihm nur noch Eóra über, an der er sich verzweifelt festklammerte und die alles in ihrer Macht stehende unternahm, ihren schwachen und kopfschmerzgeplagten Gatten zu stützen.

Seit Eóra schwanger war und – so hatten es zumindest die Priesterinnen der Allerbarmerin prophezeit – den Thronfolger unter ihrem Herzen trug, hatte der Namenlose seine Hauptfrau herablassend und abweisend behandelt. Offenbar herzlos und gefühlskalt hatte er sie, soweit es die Pflichten und öffentlichen Auftritte der beiden zuließen, aus sei­nem persönlichen Umfeld entfernen lassen und in den Neuen Serail verbannt. Seit dem Frühjahr hatte er sich nur noch bei unvermeidbaren Terminen an ihrer Seite gezeigt und war sogar für einige Wochen ohne sie in die Sommerresidenz der Namenlosen verzogen. Aber auch wenn er sich von dem Unbekannten, das in ihr heranwuchs, fürchtete, war dies nicht geschehen, weil seine Zunei­gung zu ihr erloschen war. Auch wenn sie nicht sehr tief ging, brachte er ihr in Wirklichkeit auch weiterhin alle Liebe entgegen, die dieser kalte und selbstsüchtige Mann aufbringen konnte. Er hielt vielmehr Abstand, weil ihm das sein Seneschall Radik Emre dringend empfohlen hatte. Dem Vezir Ómer Sud sollte deutlich gemacht werden, dass er zwar bald der Großvater des Nachkommens des „Unterwerfers“ würde, aber dadurch keine neuen Rechte oder Bevorzugungen erwarten konnte. Der un­sichere Namenlose, der unter den Empfehlungen sei­nes Diwans wie ein Grashalm im Wind hin- und her­schwankte, hatte sich bislang an Radiks Ratschlag ge­halten, auch wenn es ihm schwergefallen war. Doch nun war er entsetzt von der Katastrophe im Speisesaal in die Arme der einzigen Person geflüchtet, der er voll­ständig vertraute: Das war seine unscheinbare „Erste“, die ihn nun mit nicht geringer Befriedigung, um nicht zu sagen, Triumph, in den Armen hielt.

»Ruhig, Dagor«, flüsterte sie. Sie war die ein­zige, die es noch immer wagen durfte, ihn mit seinem echten Namen anzusprechen, wenn die beiden unter sich waren. »In dieser Nacht müssen wir keine Entscheidungen mehr treffen. Wir sind am Leben und haben uns, das muss genügen. Die Last der Regierung wird zurückkehren und die Zeit wird kommen, wieder Entscheidungen zu treffen, die Toten zu betrauern und die Mörder zu bestrafen. Vielleicht«, sie erschauderte, »werden wir bald in einen Krieg gegen die Lamargue ziehen müssen, den uns jemand aus Motiven, die wir noch nicht kennen, aufzwingen will. Doch du bist der geliebte Sohn der Allerbarmenden Mutter und der Einzige unter der Sonne. Du wirst weise, entschlossen und siegreich sein. Dein Weg mag gerade in ein dunkles Tal führen, doch er wird dich anschließend auf einen strahlenden Gipfel leiten. Doch jetzt wollen wir diesen Weg noch nicht beschreiten. Lass uns erst noch ruhen und dankbar sein, dass wir einander haben. Es ist dieser Moment, der zählt – nicht die vergangenen und besonders nicht die zukünftigen. „Die Vergangenheit ist die Lüge, der wir kopfschüttelnd lauschen. Das Morgen liegt in undurchdringlichem Nebel verborgen. Nur das Jetzt ist wahr und liegt klar vor unseren Augen“, zitierte sie den Blinden Cazalb von Saint Cobillôtte, in dessen Sprücheschatz sich immer etwas Passendes finden ließ, woran der Weise wahrscheinlich selbst nicht geglaubt hatte. Doch es war vollkommen egal, was Eóra sagte. Sie hätte auch ein Rezept für scharfe Mirak-Selleriesuppe aufsagen können. Es war nicht der Inhalt ihrer Worte, sondern der beruhigende Klang ihrer Stimme, der in diesem Moment zählte. Denn der Namenlose, ihr geliebter Gatte, war in einen unruhigen Halbschlaf gefallen. Als die Schwangere es bemerkte, summte sie leise einen altwendischen Singsang, mit dem man in Karukora kleine Kinder beruhigte, die sich ein Knie wund geschlagen hatten und pustete dabei warm auf seinen glatten Schädel, den sie vorsichtig streichelte.

»Such, Deşda mi salem, such da‘ Weh …«, summte sie. »Alles wird gut, such da‘Weh madiş, Dagor …« Eóra barg das Gesicht ihres Gatten in der Armbeuge und machte dann, wegen eines leisen Geräusches aufschauend, eilig über sein Haupt hinweg ein abweisendes Handzeichen hinüber zu Muhar, der plötzlich neben ei­nem der Teppiche aufgetaucht war und sie offenbar zu sprechen wünschte. Er war von dem Speisesaal zurückgekehrt, in den sie ihn geschickt hatte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Noch waren die Tränen auf seinen Wangen nicht getrocknet, aber das konnte Eóra nicht sehen. Der Stumme verstand sofort, dass er sich gedulden sollte und trat lautlos einen Schritt zurück in den Schatten, wo er glaubte, für den Namenlosen unsichtbar zu sein. Endlich hatte Eóra den „Unterwerfer“ dort, wo sie ihn haben wollte, reumütig war er schließlich doch zu ihr zurückgekehrt. Der Verrat an ihrem Vater hatte sich für sie gelohnt und diesen Moment wollte sie genießen, so lange es ging.

Oh, ja, sie war eine echte Sud und sie hatte viel vom Charakter des intriganten Ómer geerbt. Sie war es gewesen, die Putschpläne ihres Vater an Ultem weitergegeben hatte, nachdem ihr Muhar von ihnen berichtet hatte. Es war ihr zu wenig, nur die schmückende Begleitung ihres Mannes zu sein, der Edelstein, mit dem sich der Namenlose ausstaffier­te, schön und dekorativ, aber stumm und gehorsam. Ihr Ehrgeiz reichte weiter, über die verräterischen Pläne ihres Vaters hinaus. Sie woll­te durchaus nicht nur die Austrägerin des nächsten der endlosen Reihe der Namenlosen sein, der nach dem Willen von Ómer endlich eine Sud-Dynastie in Karukora begründen würde. Oh, nein, sie würde nicht züchtig und gehorsam in den Frauengemächern sitzen und mit ihren Zofen Tiban spielen und häkeln, während ihr Vater für seinen unmündigen Enkel die Regentschaft übernahm. Denn es gab noch etwas, das der ehrgeizige und intrigante Vezir nicht auf seiner Rechnung hatte, als er seine Palastrevolte plante: Eóra liebte ihren Da­gor genauso wie e sie und sie schmiedete zusammen mit dem ihr ergebenen Muhar ihre eigenen Pläne. Deshalb hatte sie Ómers Plan an den Namenlosen verraten. Sie bemerkte dabei nicht, dass auch sie nur eine Schachfigur in Alis‘ kompliziertem Rachefeldzug war.

Ihre Zuwendungen schienen dem Namenlosen zu hel­fen, denn er richtete sich plötzlich auf, schreckte aus seinem kurzen Schlummer, der seine Migräne etwas besänftigt hatte. Ganz offensicht­lich war er zu einem Entschluss gekommen. Er sah sich um und suchte nach einem Bediensteten, dem er befehlen konnte. Doch Eóra hatte ihre Kammermäd­chen weggeschickt. Sein Blick fiel aber auf Muhar, dem es nicht mehr rechtzeitig gelang, sich völlig hinter einem der Vorhänge zu verbergen. Während er seine goldene Herrschermaske wieder aufsetzte, die er vorhin ver­zweifelt von sich geworfen hatte und die nun wieder sein aufgeschwemmtes und weiches Gesicht verbarg, winkte der Namenlose den Stummen herrisch zu sich heran. Falls es ihn wunderte, dass ein männlicher Diener in den Gemächern seiner Frau aufwartete, ließ er sich dies nicht anmerken. »Du, Beschnittener, dort hinter dem Vorhang. Tritt näher«, rief er streng, »ich habe einen Auftrag für dich!« Offensichtlich erkannte er in dem schummrigen Licht des Raums in dem zerlumpten Mann weder den Diener Ómers noch den Märchenerzähler, der ihn in seiner Ju­gend mit allerlei Sagen und heiteren Geschichten un­terhalten hatte. Muhar verneigte sich augenblicklich tief und trat mit weit herabgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt näher. Den Blick hielt er dabei fest auf den Boden und auf seine nackten Füße gerichtet. Hätte Muhar aufgesehen und die Besorgnis in Eóras Gesicht bemerkt, hätte er wahr­scheinlich so wie sie unkontrolliert zu zittern begon­nen. Falls dem Namenlosen auffiel, dass ein Unterge­bener des Renegaten Ómer mit seiner Frau in Verbin­dung stand, dann hatten die beiden ihr Leben verwirkt. Muhar grunzte einen kehligen Laut, zu dem er trotz des Fehlens seiner Zunge noch fähig war und der nach einer Frage klang. Dem Namenlosen, der sich wie immer nur mit sich selbst beschäftigte, fiel es nicht weiter auf.

»Lass sofort meinen Ser‘Asker herholen«, befahl er, »ich brauche Paşha Ultem an meiner Seite, denn ich muss befehlen und erfahren, was im Palast vor sich geht. Karukora bracht in dieser schweren Stunde seinen „Unterwerfer“.« Muhars gesenkter Kopf fiel noch tiefer hinab, bis sein Kinn seine Brust berührte. Es sah nun so aus, als würde er in jedem Augenblick nach vor­ne kippen und dem Namenlosen in den Schoß fallen, doch er brachte das Kunststück fertig, sich in dieser Lage zu halten und dazu auch noch, leise Zustimmung brummend, langsam rückwärts zum Vorhang zurück zu tappen. Hinter ihm verborgen, konnte er sich endlich erleichtert aufrichten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber es war noch einmal gutgegangen. Muhar spuckte verächtlich aus und dreh­te sich herum.

Erschrocken zuckte er zusammen. Vor ihm stand der vom Bişra angeforderte General. Er war so plötzlich wie ein Zauberer aus dem Erdboden gewach­sen. Tatsächlich hatte sich Ultem schon eine ganze Weile hinter den Teppichen verborgen gehalten, gelauscht und versucht, die Situation einzuschätzen. Er ging mit keiner Bemerkung oder auch nur mit einem Stirnrunzeln auf Muhars Beleidigung des Namenlosen ein, aber sein scharfer Blick unter den buschigen Au­genbrauen glich einem geworfenen Dolch, der sich in die Brust des Stummen bohrte. Ultem hielt unent­schlossen einen kleinen Zettel in der Hand. Muhar er­schrak erneut, denn das Papier sah genauso aus wie ein Blatt von seinem eigenen Notizblock, den er ja an ei­nem Band jederzeit griffbereit um den Hals trug. Dies war die Stelle, an der ihn Ultems messerscharfer Blick traf. Er beeilte sich, das geheime Erkennungszeichen der Diebesgilde zu machen und Ring- und Zeigefinger seiner erhobenen rechten Hand zu überkreuzen. Dann machte er eine weitere Verbeugung, drehte er ei­lig ab und flüchtete an dem General vorbei aus den Ge­mächern Eóras. Der Ser‘Asker der Wüstenfüchse des „Unterwerfers“, der im Geheimen auch einer der drei Großmeister der „Flinken Finger“ war und mit dem Muhar über ihre Mithilfe bei dem von ihm und Alis geplanten Raubzug verhandelt hatte, blies nachdenklich seine Wangen auf und sah dem heruntergekommenen Diener zu, bis die Tür hinter dem Stum­men ins Schloss fiel. Dann lies er die Luft mit einem leisen Piff aus seinem Mund entweichen. Es waren die schlechten Nachrichten, die er bei sich trug, die ihn im Antichambre hatten zögern lassen. Der Namenlose pflegte gerne einmal im ersten aufbrausenden Zorn statt den Verursacher den unschuldigen Über­bringer einer Botschaft zu bestrafen und Ultem war klar, wie wütend sein Herr werden würde, wenn er erfuhr, was der General ihm berichten musste. Doch dann er­mannte er sich und trat forsch aus dem Versteck, stellte sich vor den Namenlosen und seine Gemahlin. Seine Ehrbezeugung war nur ein kurzes Nicken mit dem Kopf.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

»Sicher nicht. Pardais ist so wirklich wie der Sand der Wüste. Glaubt mir, „Der Weg, der in den Tag führt“ ist der größte Schatz, der in Karukora verborgen liegt, und er ist die besondere Würze, mit der ich meine Rache servieren wollte. Ich hatte nie vor, reich werden, son­dern wollte Vergeltung für das einfordern, was meiner unschuldigen Irta einst angetan wurde. Sechs Mörder waren es, die meine Rache spüren sollten: Der machtgierige Ómer Sud, der bösartige Radik Emre, der intrigante Paşha Ultem, der verschlagene Idrichson Galves und verräterische Raul aus der Lamargue und schließlich auch noch der Namenlose selbst, das schlimmste Ungeheuer von allen. Ich habe einen Fluch über diesen Verbrechern ausgesprochen, der sie alle ins Verderben lenken wird – einen nach dem anderen.«

Alis spuckte die Namen aus, als wären sie eine Verwünschung, dann stockte er und sah zärtlich zu dem um Fassung ringenden Stummen auf. »Mein alter, weicher Freund Muhar! Ich wusste, du würdest meinen Plänen niemals zustimmen, wenn ich dir von ihnen erzählt hätte. Deshalb habe ich vor dir davon geschwiegen und dich nur in einen kleinen Teil eingeweiht. Sirtis allein weiß über al­les Bescheid und sie wird mein Werk jetzt fortsetzen müssen. Sie wird hoffentlich been­den, was ich begonnen habe. Fast zwanzig Jahre haben wir gemeinsam gewartet und wie Spinnen in ihren Netzen geduldig unsere Fäden geknüpft, auf unseren Mo­ment gewartet. Und dann hatten wir tatsächlich alle unsere Widersacher bei­sammen, schließlich an einem einzigen Ort beieinander: Jene sechs nieder­trächtigen, bösen Männer, die den Tod meines Augen­sterns verursacht haben, als wäre sie ein Spielzeug, das man wegwirft, nachdem man es mutwillig kaputt gemacht hat. Sie würden sich nach fast zwanzig Jahren wieder in diesem Saal begegnen, zurückkehren zum Ort ihrer Schuld. Mir war klar, dass sich mir in der Lebens­spanne, die mir noch verbleiben wird, solch eine Möglichkeit nicht ein zweites Mal bieten würde. Doch wie konnte ich mich an allen zusammen rächen? Denn schließlich durfte ja keiner von ihnen seinem Schicksal entgehen. Da fiel mir die Sage vom „Weg, der in den Tag führt“ ein und es dauer­te nicht lange, bis ich mei­nen Plan entwickelt hatte. Der Zufall, dass Ómer aus­gerechnet diese Nacht für seinen kleinen, kindischen Putsch erwählt hat, machte alles perfekt.« Alis nickte zufrieden in sich hin­ein.

»Ich begreife langsam.« In Sahars Stimme schwang eine leise Wut mit. »Du hast die Meuchelmörder der „Kalten Hand“ be­zahlt, damit sie den „Bären“ ermor­den und diese Untat an­schließend dem Namenlosen und seinem Vezir in die Schuhe geschoben wird. Der geheimnisvolle Verschwörer, dem Adelf auf die Spur ge­kommen ist, das warst also du?“, fragte Sahar erschüttert. »Jede Untat gebiert ein Ungeheuer, sagt Baruch. Mögen uns die Göt­ter vor den Einflüste­rungen Inets bewahren!«

Sahar traf ein fast mitleidiger Blick von Alis. »Es gibt keine Götter und auch keinen Scheitan. Sie werden nicht gebraucht. Ihre Arbeit erledigen wir Menschen besser, als die Daimonen der eisigen Finsternis dies jemals könnten. Das Gute und das Böse, es ist in uns selbst und wir entscheiden jeden Tag aufs Neue, auf welche von den Stimmen wir hören wol­len, die da da in uns flüstern. Die Liste der Verbrechen dieser sechs Männer ist schier endlos, in ihnen ist längst nur noch Böses. Nur mit ihrem Tod können sie sühnen und ihr Urteil habe ich schon vor langer Zeit gesprochen. Du fragst dich sicherlich, woher das Geld kam, mit dem ich die Assassinenkönigin der „Kalten Hand“ entlohnte, so arm, wie ich bin? Es waren lamar­gische Écu d‘or, die ich von kei­nem anderen als vom späteren Regno selbst erhielt, der sie mir von Idrichson Galves überbringen ließ. Ihn plagte wohl sein schlechtes Gewissen, weil er meine Irta verführt und entehrt hatte. Dass er einen Sohn mit ihr gezeugt hatte, hat er nie erfahren. Ich habe von diesem Blutgeld nie auch nur eine einzige Münze angerührt, sondern es verwahrt, bis ich schließ­lich den passenden Verwendungszweck fand. Der Re­gno hat für seine eigene Ermordung be­zahlt. Ist das nicht ironisch? Die Druşba Es Sakr wollte übrigens nur einen symbolischen Lohn; es lag ihr nichts an dem Geld. Mir scheint, als hätte sie ohnehin vorge­habt, diese Tat auch ohne meinen Auftrag zu begehen. Welch eine Iro­nie …«, wiederholte Alis und lächelte in sich hinein, bis ein plötzlicher Schmerz seine Gesichts­züge verzerrte. Der Sterbende atmete pfeifend ein und aus und wurde dabei immer schwächer. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen:

»Und abgesehen davon, dass nun auch unschuldiges Blut vergossen wird und mich diese dumme Pistolen­kugel mitten in die Brust traf, geht alles den von mir vorausbestimmten und vorhergesehenen Gang. Leider konnten Radik, Ultem und der Namenlose dem Kampf im Saal entfliehen, aber sie kleben längst an den Fäden, die ich gesponnen habe. Ich hoffe nur, der fette Dieb hält sein Wort, das er mir vorhin gegeben hat.« Er hus­tete erneut und war dann offenbar der Meinung, er hätte zu diesem Thema genug gesagt.

»Mich friert, Muhar. So kalt war mir zu­letzt vor dreißig Jahren in den bleigrauen Wäldern des Nordens, als ich unter den ewig weißen Gipfeln des Newtongebirges mitten im tiefsten Winter Bäume für den Landbaron Egelharm schlagen musste und mir dabei drei Zehen abfaulten. Ach, da fällt mir ein: Dort be­gegnete mir eines Tages der Nachtalb Lorin Sigdat. Er kam von Litna über den Eisensteinpass und war auf der Suche nach Hygmir, dem Dolch der fünf Welten, und seiner geliebten Frau Süfsa, die ihm Hasud Loderbend geraubt hatte …, ach, das ist eine uralte Geschichte, die ich nun leider niemandem mehr erzählen werde –, heute nicht und auch an kei­nem anderen Tag.« Er überlegte, sammelte seine Ge­danken, die dabei waren, sich endgültig in sei­nen Erinnerungen zu verlieren. »Aber nun fühle ich mich, als würde ich in diese Wälder zurückkehren. Ich kann die wirbelnden Eiskristalle in meinem Ge­sicht spüren, den gelben Staub der blühenden Kiefern rie­chen und das bittere, metallische Aroma ihres Harzes auf meiner Zunge schme­cken. Sage Selin …« Er stockte und ein dünner Blutfa­den rann aus einem seiner Mundwinkel. Alis Au­gen rutsch­ten nach oben. Sahar rüttelte ihn an der Schulter.

»Bis zum Schluss ein Märchenerzähler, hm? Aber so einfach stiehlst du dich mir nicht davon, Alis Dabinghi. Du hast eine andere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, mein Freund. Wenn du, wie du behauptest, die Schuld an diesem Massaker trägst, dann sage mir, wie du das eingefä­delt hast. Wer verbirgt sich hinter der Maske der Druşba Es Sakr?«

Der alte Mann war schon weit fort und immer tiefer in die rauschenden Wälder geschritten, wo sein Bruder und seine Familie, die sanfte Irta und seine geliebte Frau Jade schon so lange geduldig auf seine Heimkehr warteten, aber er machte noch einmal kehrt und richtete sich in Sahars Armen etwas auf. Er musterte den jungen Mann, als würde er ihn zum ers­ten Mal erblicken. Alis sah durch grüne, mitleidige Augen tief hinein in die Seele des Adep­ten. Die Vergangenheit Sahars und auch seine Zukunft lagen in diesem Augenblick wie zwei geöffnete Bücher vor ihm.

»Ich kenne dein Geheimnis und deine Macht«, sagte er klarsichtig und Sahar errötete unter der Larve aus schwarzer Spitze, die sein weiches Knabengesicht und seine Regungen verbarg. »Oh, das ist der Stoff für ein wundervolles Märchen und ich hätte es gerne aus dei­nem Mund ge­hört und auf dem Bazaar weitererzählt.« Er winkte Sa­har mit einer schwachen Handbewegung näher zu sich heran und flüsterte ihm etwas zu, das der weinende Muhar nicht verstehen konnte. Lauter sagte er und deutete auf den Stummen:

»Jetzt lass mich endlich gehen, Mönch! Lass mich. Fliehe diesen Ort. Trage weiterhin die uralten Ge­schichten hinaus in die Welt, schenke ihr Träume und Hoffnun­gen. Sie braucht es, denn das Ende der Welt ist nah. Vergiss das nicht: Du gehörst zu den wenigen, die es aufhalten kön­nen … Und du, mein treuer Muhar, erzähle meinem Enkel nicht, wie viel Schuld ich mir auf die Seele geladen habe. Richte ihm nur von mir aus, wie sehr ich ihn liebe und passe weiterhin gut auf ihn auf. Denn all diese Taten habe ich für ihn getan, für seine Zukunft. Schließlich muss er eines Tages … eines Tages …«

Die Pupillen von Alis weiteten sich. Er blickte durch den Mönch hindurch in eine unbestimmte Ferne. Was er dort sah, blieb sein letztes Geheimnis, das er mit sich nahm. Aber ein Lächeln erschien auf seinen dün­nen Lippen. Dann entspannten sich seine Gesichtszü­ge, die Falten verschwanden auf der Stirn, denn der Tod hatte zwar sein Leben mit sich fortgetragen, aber als Gegengabe seinem Antlitz die Unschuld der Jugend zurückgegeben. Sahar schloss die Augen des Leichnams, legte ihn vorsichtig neben sich.

»Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
noch des grimmen Winters Drohn;
jetzt dein irdisch Treiben ruht,
heim nun gehst, nahmst deinen Lohn«

,sprach er die ersten Zeilen eines kurzen Gebets. Dann richtete er sich vorsichtig auf und wendete sich ab. Er atmete seufzend ein und wandte sich mitleidig zu Mu­har, der sein Gesicht in seinen Händen barg. »Ich kenne die Art eurer Beziehung nicht und ich habe auch nicht alles verstanden, was Alis uns erzählte, aber er hat dir und mir einen Auftrag erteilt, stummer Mann. Wir sollten ihn ehren, indem wir ihn schnell ausführen.«

Muhar nickte schluchzend und kritzelte angelegent­lich auf seinen Block, während seine Tränen wie ein unversiegbares Rinnsal auf das Papier tropften. Sahar nahm jedoch sein Blatt, das er abriss und dem Adepten entgegenstreck­te, nicht an. Er lehnte sich über die Brüstung und spähte nach unten ins Kampfgetümmel. Er suchte nach Galves, der „Schwalbe von Avríl“, dem er dringend die wahre Schuldige am Mord am Regno mitteilen musste. Er hatte des­sen Namen gerade durch den greisen Märchenerzäh­ler erfahren. Vielleicht gelang es ihnen gemein­sam, diese sinnlose, blutige Schlacht zu beenden, so lange noch ein paar Lamarger am Leben waren. Denn nachdem Sahar jetzt den Namen der Assassinin kann­te, war es hoffentlich noch nicht zu spät, sie einzufan­gen, bevor sie aus dem Palast flüchten konnte, und sie den Kämpfenden als die Mörderin ihres Herrschers zu präsentie­ren. Er entdeckte Galves unweit von der Galerie auf ei­nem der langen Tische zwischen den exquisiten Spei­sen ste­hend, wo er in arger Bedrängnis war. Mit einem Säbel in der Hand, den er einem seiner Gegner entris­sen hat­te, kämpfte er mit gleichmütiger Todesverach­tung und seinem berühmten Lächeln im Gesicht gegen ein halb­es Dutzend Treuwächter gleichzeitig. Sie versucht­en vergebens, mit ihren Piken zu ihm durchzu­dringen und liefen dabei ständig Gefahr, dass ihnen bei einem zu leichtsinnigen Vorstoß der Schädel gespal­ten wurde. Sahar nickte Muhar noch einmal zu und rannte dann die Galerie hinab, um Galves zu Hilfe zu eilen.

Der Stumme rutschte näher an den toten Alis heran; nahm seinen kahlen, kleinen und überraschend leich­ten Kopf in die Hände und barg ihn vorsichtig in sei­nem Schoß, als würde er einen Säugling hüten und ihn beschützen. Dann bewegte er seinen Oberkörper leicht nach vorne und zurück und summte rau die einfache Melodie ei­nes Wiegenlieds aus den Büchern des Baruch, mit dem man nicht nur in Karukora, sondern in allen Überle­benden Landen kleine Kinder zum Einschlafen brach­te, auch wenn kaum mehr je­mand die uralte Vorgän­ger-Sprache verstand, in der es verfasst war:

Philomel, with melody,
Sing in our sweet lullaby;
Lulla, lulla, lullaby; lulla, lulla, lullaby:
Never harm,
Nor spell nor charm,
Come our lovely lady nigh;
So, good-night, with lullaby.

Auf dem Zettel, den Sahar achtlos und ungelesen zu Boden hatte fallen lassen, stand:

»Um alles weitere an diesem Ort werde ich mich nun kümmern, denn Alis hat seine Rache nicht beenden können. Zwar ist der Regno tot und über Ómer und der „Schwalbe“ schwebt schon das Richtschwert, aber noch sind Radik, Ultem und der Namenlo­se am Leben. Ich werde vollenden, was mein alter Meister begonnen hat. Das ist sein Auftrag an mich.«

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (3)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (3)

»Du hast doch vorhin der Geschichte vom Ur-Meister Straif und seinem Schlüsseldolch gelauscht, die dieser junge Märche­nerzähler aus Italmar so spannend vorgetragen hat«, erwiderte Juel und wirkte plötzlich sehr aufgeregt, »deine Platine, die man in den alten Schriften auch eine „Leiterkarte“ nennt, ist et­was ganz Ähnliches. Sie ist eine Art „künstliches Gedächtnis“, in dem die Vorgänger wie in einem Buch ihre Gedanken und Texte aufbewahrten. Doch in ihr sind nicht die wir­ren, unsortierten und teilweise unverständlichen und leider auch bruchstückhaften Schriften des heiligen Baruch verborgen wie in dem Schlüssel von Straif. Deine Platine ist wahrscheinlich der echte „Weg, der in den Tag führt“, den Lakmi-âs-Sekr der Sage nach aus dem „Worum“ unter den Ebenen des Ewigen Krieges geborgen hat und nicht diese Papierfetzen, in die sie zum Schutz einge­wickelt war. Auf denen stand wohl nur zu lesen, wo man die Platine einsetzen kann. Deine Leiterkarte ist meiner Meinung nach wie die von Meister Straif eine Art Schlüssel, mit dem man ein Schloss aufsperren kann. Ich bin solchen Vorgänger-Gegenständen schon häufi­ger auf meinen Reisen begegnet. Im Moment ist deine Platine allerdings so nutz­los wie ein versiegeltes Buch in einer Sprache, die nie­mand versteht. Du wirst ein altes Gerät brauchen, das den In­halt auslesen kann, damit du weißt, wo du mit deiner Suche beginnen musst. Ich habe zum Glück ein funktionierendes in meinem Kaufmannswagen.«

»Schau hin, auch Adelf trägt solch eine Platte an einer Kette um den Hals. Es ist das Symbol der „Kirche der Gemeinschaft der lei­denden Gene“, das die wahrhaft Gläubigen bei ihrer In­itiation zur Erinnerung an den Gründerabbas Straif verliehen bekommen. Damit er­kennen wir einander. Doch unsere Platinen sind nur ein Abzeichen, ein wert­loser Tand, von dem niemand mehr weiß, in welcher alten Vorgänger-Maschine er einmal steckte und wozu er vor Jahrtausenden gedient hat. Das ist nur Schrott, wie er zuhauf in den Ruinen, bei Kelleraus­schachtungen oder in alten Bergwerksschächten gefun­den wird. Die irren Hindersöhne schmücken da­mit die Wände ihrer Häuser und man kann sie auf den Märk­ten von Hossberg billig als Glücksbringer kau­fen.« Juel zögerte und nahm den jungen Mann zur Seite. Er senk­te seine Stimme noch weiter. Selin fiel auf, dass inzwi­schen merkwürdigerweise je­der Ost-Akzent aus ihr verschwunden war; wahrscheinlich gehörte er nur zu seiner Tarnung als Kaufmann. Er musste sich anstrengen, den Meisterdieb noch zu verstehen, so leise sprach er jetzt. Übrigens schien sich niemand für ihr Gespräch zu interessieren, denn Semira und Adelf waren abgelenkt. Sie sahen Ja­lah, die inzwischen das erste Auge des Falken an sich gebracht hatte, interessiert dabei zu, wie sie sich mit dem Heraus­lösen des zweiten abmühte.

»Auch wenn ich nicht weiß, wie, haben doch manche dieser Platinen auch nach Jahrtausenden noch ihre Kraft behalten«, fuhr Juel hinter vorgehaltener Hand verschwörerisch fort. »Einige Leiterplatten können nicht nur Texte beinhalten, sondern sogar Goleme besänftigen, jahrtausende­lang verschlossene Türen öffnen, Geister erwecken und Vorgängergeräten Befehle geben. Wenn ich mich nicht irre, macht „Der Weg“, den du da in deinen Händen hältst, deinen Großvater und dich zu sehr mächtigen Männern, wenn du ihn an der richtigen Stelle einsetzt. Ich hatte meine Zweifel, doch ich bin mir nun sicher, dass uns diese Platine direkt hinein nach Pardais führen kann und es doch keine Märchenstadt ist. Und ich möchte, wenn ich darf, mit euch gemeinsam an diesen legendären Ort gehen. Vielleicht finde ich dort, was ich seit fast zwanzig Jahren suche.« Den letzten Satz sagte Juel mehr zu sich als zu Selin.

Es knackte hässlich und dann hielt Jalah triumphie­rend auch den zweiten Schmuckstein in der Hand. Ei­lig kletterte sie von dem entweihten Thron, der durch den Verlust der funkelnden Falkenaugen viel von sei­ner einschüchternden Wirkung verloren hatte.

»Jeder hat, was er wollte. Es ist an der Zeit, dass wir verschwinden! Ein Wunder, dass wir noch nicht entdeckt wurden …« Juel legte kurz seine Hand auf die von Selin. »Wir reden später weiter, wenn wir in Sicherheit sind.«

Laut sagte er: »Einen Moment noch, da ‚abe isch doch beinahe etwas verges­sen. Alis ‚at mir noch eine weitere ordre gegeben, die ich erledigen muss …« Juel kramte in seiner Tasche und trat an den Thron. Dort legte sorgfältig einen handgeschriebenen Zettel, der wie einer aus dem Notizbuch von Muhar aussah, auf den Sitz. Er zögerte, dann be­festigte er das kleine Blatt nach kurzem Nachdenken mit seinem Dolch, den er tief durch das Papier in das Holz der Sitzfläche trieb.

»Isch denke mal, das ‚ier wird der „Unterwerfer“ wohl kaum überse’en können«, stellte er dann mit einem iro­nischen Lächeln und einem fachmännischen Blick auf sein Werk fest. »Le cube est tombé!«

Selin wollte schon hinter den anderen hergehen, die Jalah zu ihrem geheimen, hinter einem Wandrelief verborgenen Ausgang aus dem Thronsaal führte. Doch dann drehte er sich noch einmal neugierig um. »Was ist das denn?«, fragte er und deutete auf den Thron.

»Dies ist eine Nachricht für den Namenlosen. Alis hat sie mir gegeben. Ich sollte sie hier zurücklassen. Ich weiß nicht, was auf ihr steht.« Juel zuckte mit den Schultern und Selin tat es ihm nach, obwohl er seinen ganzen Besitz verwettet hätte, dass ihn der Dieb gerade belogen hatte. Juel hatte mit Sicherheit gelesen, was auf dem Zettel stand. Aber er fragte nicht nach. Der junge Mann hatte schon lange aufgegeben, sich Gedanken über die Beweggründe sei­nes Großva­ters zu machen. Er vertraute ihm ein­fach, denn bisher hatten alle seine Pläne funktioniert. Sogar seine Semi­ra würde ihn bei der Flucht nach Par­dais begleiten; auch wenn er noch immer nicht ganz fassen konnte, dass sie so einfach im Thronsaal aufge­taucht war. Welch ein Glück hatte er doch! Als hätte sie seine Gedanken gelesen, dreh­te das Mädchen sich zu ihm und winkte ihn weiter. Sie lächel­te ihm zu und dem jungen Mann wurde es warm in der Brust.

Was konnte denn jetzt noch schiefgehen?

Zu seiner Erleichterung fand Muhar seinen alten Meister Alis am vorher vereinbarten Platz auf der Ga­lerie vor. Aber der Märchenerzähler war nicht allein. Dem Stummen war, als würde ihm eine kalte Hand ans Herz fassen und er stöhnte auf. Alis saß dort in sich zu­sammengesunken neben seinem Konkurrenten Sahar, der ihn vorsichtig in den Armen hielt und ihn behut­sam wiegend gegen seinen Oberkörper drückte, als würden zwei Freunde ein lange vermisstes Wieder­sehen feiern. Of­fenbar hatte der merkwürdige junge Mann aus Italmar Alis bei seinem Entkommen aus der Schlacht ge­holfen, die unter ihnen mit aller Grausamkeit und Mordlust tobte. Die beiden Männer kauer­ten halb hinter einem Wand­teppich, dessen dicker Stoff den Kampfeslärm dämpfte.

BBeide starrten fassungslos und fasziniert zugleich in den Speisesaal hinunter, der sich in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt hatte, auf dem die lamargi­schen Soldaten und Diplomaten einen verzweifelten Kampf gegen Paşha Ultems Wüstenkrieger und die Pa­lastwache ausfochten. In dem mit Bänken und Tischen vollgestellten Raum, die die Kämpfer zu ihrer Deckung umgeworfen hatten, gelang es den Männern des Na­menlosen nicht, eine ordentliche Schlachtlinie aufzu­bauen und so hatten sich überall verbissene Zweikämp­fe entwickelt, die von Seiten der Nordmänner mit der Gnadenlosigkeit von Kriegern geführt wurden, die nichts mehr zu verlieren hatten. Es stand dennoch schlecht um die barbarischen Nordländer, denn sie wa­ren kaum und schlecht bewaffnet und zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, machten aber vieles durch ihren Zorn, ihre Wildheit und ihren Wunsch, ihrem Re­gno in die Stätten der Krieger zu folgen, wett. Sie hat­ten hilflos den heimtückischen Mord an ihrem gelieb­ten Herren mitansehen müssen und es gab nun nichts mehr, auf das sie in ihrem Leben hoffen durften. Lieber starben sie hier in der Fremde den Tod des Helden, als scham­voll und ohne Ehre mit dem Körper Rauls heim­zukehren und ihn seiner Frau Dora Kahlja und seinen zwei Söhnen vor die Füße zu legen. Kein Krieger moch­te diese Schande auf sich nehmen. Sie konnten nur noch Rache zu nehmen oder bei dem Versuch sterben. Sie kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Ihre mäch­tigste und furchtbarste Waffe waren dabei die bei­den Murlane des „Bären“, die sich wie tobsüchtig in die Rei­hen der Gegner stürzten und mit ihren gewaltigen Reißzähnen und Krallen eine grausame Ernte einfuh­ren. Deshalb war im Augenblick noch nicht abzusehen, wer am Ende der Nacht die Oberhand gewinnen wür­de.

Den meisten Zivilisten, Regierungsbeamten und Wür­denträgern war es inzwischen gelungen, durch die Tore des Saales zu fliehen und nur wenige Unglückliche un­ter ihnen waren zwischen die Fronten geraten und la­gen nun erschlagen oder verletzt zu den Füßen der Kämpfenden auf den vom Blut glitschigen Fliesen des Bodens. Der Namenlose und seine Entourage, seine Frau Eóra und Miladí da Hiver, die Botschafterin der Östlichen Republik, waren von ihren Leibwächtern längst in Sicherheit gebracht worden. Auch Alis war es in dem heillosen Durcheinander gelungen, sich mit Hil­fe von Sahar, der der Meinung war, es sei nicht sein Krieg, der dort unten ausgefochten wurde, heim­lich hinauf auf die Galerie zu schleichen. Doch die Blut­spur, die die beiden auf ihrem Weg hinterlassen hatten, sprach eine deutliche Sprache.

Muhar erkannte mit plötzlichem Schrecken, dass sein alter Lehrer schwer verletzt war. Er beugte sich zu dem Liegenden herab, der sich zit­ternd in Sahars Armen zusammenkauerte und offen­bar unter großen Schmerzen litt. Sahar trug noch immer seine Maske, die er auch während seines Märchenvortrags nicht abge­legt hatte. Deshalb fiel es dem Stummen schwer, des­sen Blick zu deuten. Der Adept aus Italmar drehte kurz die Hand, die er gegen den Oberleib von Alis presste. Sie war blutig und hatte auf einer schweren, großen Schusswunde gelegen, aus der bei jedem ras­selnden Atemzug des Alten sein schaumiger, heller Le­benssaft rann. Dann drückte Sahar sie wieder fest auf die klaffende Verletzung, doch Muhar hatte gesehen, wie aussichts­los dieses Unterfangen war. Die Verwun­dung war so tief, dass die Lunge in Mitleidenschaft ge­zogen war. Der alte Märchenerzähler lag im Sterben. Sahar schüt­telte wie zur Bestätigung langsam den Kopf.

»Ich war nicht mehr rechtzeitig bei ihm. Ich konnte ihn nicht beschützen«, rechtfertigte er sich traurig. »Ich habe nicht einmal gesehen, wer auf ihn geschossen hat. Wahr­scheinlich war es nur ein Querschläger, der Alis zufäl­lig traf. Es sind immer die Unschuldigen, die ein Krieg zuerst tötet.«

»Unschuldig… nein, das bin ich nicht!«, Alis richtete sich ein wenig auf. »Aber solch ein Massaker wollte ich nicht!«, jammerte der Alte plötzlich. »Nein, das wollte ich nicht … niemals! Ich bin doch kein Monster! Es sollte niemand außer meinen sechs Feinden sterben. Und nun ist nur einer von ihnen tot und so viele Unbeteiligte müssen leiden. Das war ein schlechter Tausch. Die Schach­partie lag offen doch vor mir. Warum habe ich diese Ent­wicklung denn nicht vorausgesehen?«

Muhar fuhr erschrocken zurück. Hatte er sich verhört? Auch Sa­har öffnete erstaunt den Mund. Hektisch kritzelte Mu­har ein paar Worte auf seinen Zettelblock und hielt ihn anschließend dem Alten vor die Augen. »Was hast du mir verschwie­gen?«, las Alis, nachdem er sich die Trä­nen aus den Au­gen gewischt hatte. Er lachte grimmig, was einen quä­lenden Husten auslöste.

»Sehr viel«, antwortete er, nachdem er wieder zu Atem gekommen war, »es ging mir nie nur um die Karte al­leine, die uns den Weg nach Pardais weisen wird. Ob­wohl wir sie natürlich brauchen, um uns alle am einzi­gen Ort in Sicherheit zu bringen, bis zu dem der Arm des Namenlosen nicht reicht – direkt hinein in jene sagenhafte En­klave des Friedens inmit­ten der Ebenen des Ewigen Krieges.«

»Beten wir zur edlen Titania, dass Pardais nicht nur der alberne Traum von berauschten „Drafta“-Süchtigen ist«, flüsterte Sahar, aber Alis ließ sich von seiner Skepsis nicht irritieren.

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