Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Science Fiction”

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Weiter vorne auf Juels bequemem und mit Kissen ausgepolsterten Kutschbock wurde dagegen laut diskutiert. Hier saßen Adelf, Juel und Tonino, der die Zügel in einer Hand hielt, während er die andere an die Stirn gelegt hatte, um seine Augen zu beschatten. Man stritt sich. Sogar der sonst so schweigsame Diener hatte diesmal ein Wort mitzureden.

»Doofe Sonne, dummer Weg«, murmelte er. »…Dieser Weg führt nicht in den Tag, er führt direkt in die Hölle. Psah!« Er fuhr sich mit der flachen Hand über die schweißnasse Rosentätowierung auf seiner Stirn. Dann verschränkte er die Arme und starrte düster vor sich hin. Juel warf ihm einen überraschten Blick zu. So viele Worte hatte er schon lange nicht mehr von seinem Diener gehört. War Tonino verängstigt, besorgt oder vielleicht auch nur beleidigt? Er konnte es nur vermuten, denn der Mann aus dem Süden war so verschlossen und schweigsam wie ein Vorgängersarkophag. Zwar führte er jeden von Juels Wünschen und Befehlen aus, kaum hatte er sie ausgesprochen, aber offenbar missbilligte er alles, was sein Herr von ihm forderte und ganz entschieden passte ihm die Richtung nicht, in die diese Reise ging.

Adelf musterte den mürrischen Diener von der Seite und schien ihm zuzustimmen. »Nach den Monaten im feuchten und kalten Verlies kann mir die Wüste zwar gar nicht heiß und trocken genug sein und diese von den alten Göttern verfluchte Stadt auf dem kürzesten Weg zu verlassen, erscheint mir geboten«, er zögerte und blinzelte in die Sonne, an deren Helligkeit er sich nach seiner langen fensterlosen Gefangenschaft noch immer nicht gewöhnt hatte, »aber erkläre mir doch, mein Freund, warum wir uns auf unserer Flucht ausgerechnet gen Sonnenaufgang wenden und nicht versuchen, die freien Marschen zu erreichen, wo wir in Sicherheit wären. Glaubst du, die Häscher des Bişra werden uns nicht auf diesem Weg folgen, …«

»… der uns alle in den Tod führt«, wagte Tonino erneut einzuwerfen. Juel überlegte, ob es an der Zeit war, diesen kritischen Diener loszuwerden. Man musste kein Hellseher sein, um vorhersagen zu können, dass Tonino ihm in Zukunft noch Probleme bereiten würde. Er lächelte bissig und zügelte ein wenig den Trab seiner kräftigen Maultiere, damit Sirtis nicht den Anschluss verlor.

»Im Gegenteil«, antwortete er Adelf und ignorierte für dieses Mal die defätistische Anmerkung seines Dieners. »Ich glaube, der Namenlose wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um unser habhaft zu werden. Dafür wird schon das Schreiben sorgen, das ich im Thronsaal auf den Wunsch von Alis hinterlassen habe. Deshalb würde es völlig egal sein, in welche Himmelsrichtung wir flüchten. Man würde uns längst eingeholt haben, längst bevor wir an die Grenzen des Reichs gelangen. Es mag auf den ersten Blick tollkühn erscheinen, ausgerechnet in die Richtung der Ebenen des Ewigen Krieges zu fliehen, aber sie sind beträchtlich näher als alle anderen Ziele und tatsächlich unsere beste Möglichkeit, dem Zugriff der Häscher des Namenlosen zu entkommen. Es sollte uns gelingen, den Rand der Zone in vier oder fünf Tagen zu erreichen, wenn wir die Nächte ausnutzen und in den Nachmittagsstunden, wenn die Hitze über dem Sand am unerträglichsten ist, in den Schatten der Felsen ruhen. Sirtis hat genug Vorräte für uns alle besorgt. Dann müssen wir nur noch eine Transferstation finden und sie mit Hilfe von Selins Passagierkarte aktivieren.«

»Und du bist dir sicher, dass die technischen Anlagen und der Codechip noch funktionieren?«

»Da bin ich sehr zuversichtlich. Diese Techné aus der Zeit der Drei Reiche ist im Gegensatz zu der Vorgängertechné für die Ewigkeit gemacht. Ich würde mal sagen, dass gut neunzig von hundert Anlagen und natürlich auch der Codechip noch funktionieren. Das haben wir doch schon erfahren. Denke nur an die Wunder von Nigra Batur. Und die Maschinen­wesen da vorne in den Ebenen bekriegen sich nun schon seit über dreitausend Jahren, ohne zu ermüden. Ich würde gerne mal einen Golem auseinandernehmen und das Geheimnis dieser schier unerschöpflichen und eisigen Energiequelle erfahren, die diese Geräte antreibt. Ich wäre der reichste Mensch der Überlebenden Lande.« Juel, der Alis Märchen von Lakmi-âs-Sekr nicht gehört hatte, fragte sich kurz, wie diese Karte ausgerechnet in den Falkenthron gelangt war. Er seufzte. »Glaube mir, wir fahren dem Namenlosen einfach in einem URS davon und warten im hoffentlich schönen Paradis einfach gemütlich ab, bis sich die Wogen geglättet haben und Karukora seinen unvermeidlichen Krieg mit der Lamargue verloren hat. Soll „Der Unterwerfer“ doch versuchen, uns zu verfolgen. Die Golem-Armeen werden ihn wie Mühlräder das Getreide zermahlen!«

»Deine Worte in Oberones Ohren, … Juel.« Adelf schüttelte lächelnd den Kopf. »Juel. An diesen Namen werde ich mich nicht so schnell gewöhnen. Doch wahrscheinlich hast du mal wieder recht und Paradis kann auch für uns eine Zuflucht werden. Ich glaube zwar nicht, dass es der verzauberte Ort ohne Leid, Kummer und Hunger ist, von dem uns die alten Sagen berichten, aber ich gebe es gerne zu: Ich bin schon sehr gespannt, was uns dort erwarten wird. Paradis mus wie eine vollkommen vom Festland abgeschnittene Insel in einem stürmischen Meer sein und vielleicht haben ihre Bewohner mehr Wissen über die Zeiten hinweg retten können, als wir. Und ich glaube, das ist ein weiterer Grund, der dazu geführt hat, dass du Sirtis und Selin dorthin begleiten willst, oder? Neben deinem guten Herzen natürlich. Du bist in den zehn Jahren, seit usich unsere Wege getrennt haben, nicht viel weiter gekommen, oder? Du suchst noch immer?«

»Ja, aber inzwischen weiß ich, wonach – auch wenn ic noch keine Ahnung habe, wo ich es finden kann. Ich hoffe natürlich, die Antwort auf meine Frage in Paradis zu finden. Wenn sie dort nicht wartet, dann wohl nirgendwo auf dieser Welt. Dann werde ich anderswo suchen müssen.« Juels Blick glitt nachdenklich nach oben und er starrte ein paar Sekunden in den wolkenlosen, bleichen Himmel, als könne er dort oben, wo ein einsamer Raubvogel im Aufwind über den Wüstensand seine Kreise drehte, die Antwort finden. Adelf, der diese Suche für ein Hirngespinst hielt, rüttelte ihn an der Schulter und weckte ihn aus seiner Selbstversunkenheit.

»Im Himmel wirst du keinen Weg finden, sondern nur den unseren verlieren. Aber sage mir, was in der Botschaft stand, die du im Thronsaal hinterlassen hast. Er war von Alis, sagtest du, dem Großvater unseres jugendlichen Helden? Ich kann mich erinnern, wie ich dem Alten einmal auf dem Bazaar zuhörte. Er saß dort mitten in der Menge auf einem fadenscheinigen Teppich, eine von der Wüstensonne und den Lebensjahren ausgemergelte Seele – er war fast noch klappriger als ich in meinem momentanen Zustand. Aber seine Stimme trug. Sie hatte die Kraft, die Zuhörer zu fesseln. Er erzählte und ließ uns in Welten eintreten und vor unserem inneren Auge spielten sich Geschehnisse und Taten ab, als wären wir gemeinsam mit seinen Helden unterwegs. Es war nur ein belangloses Märchen, doch als er endete, war uns, als würden wir aus einem wunderbaren Mohntraum erwachen, in den wir sofort wieder zurückkehren wollten. Meinst du, er hat die Schlacht im Palast überlebt?«

Juel riss sich eher widerwillig von dem Anblick des Wüstenhimmels los und lenkte seinen Wagen, der etwas von der Straße abgekommen war und nun über Felsbrocken rumpelte, zurück in die inzwischen kaum mehr sichtbaren Fahrrillen, die der spärliche Verkehr nach Matorka in den Boden gegraben hatte. »Ich fürchte, nicht. Wenn alles nach Alis‘ Plänen verlaufen wäre, dann wäre er doch wohl an unserem vorher ausgemachten Treffpunkt aufgetaucht. Er muss noch im Speisesaal gewesen sein, als dort nach dem Tod von Raul der Kampf zwischen den Lamargern und der Treuwacht entbrannte und in ein schreckliches Massaker mündete. Soviel habe ich heute Morgen von den Flüchtlingen aus dem Palast erfahren.«

[Wird nächsten Sonntag fortgesetzt …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

4. Kapitel
Der Sonne entgegen

Auch wenn es jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden hatte: Selbst diese längste alle Nächte hatte ein Ende, auch wenn ihre Schwärze ewig zu währen schien. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen östlichen Firmament über der Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte und hob sich dann während ihrer Wanderung gemächlich über den Ufern des Südmeers empor. So, wie sie es treu und zuverlässig an jedem Tag machte, den die Allerbarmende ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte, bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehrte und allen Tagen ein brennendes Ende bereitete, würde die Sonne ihre unbarmherzige Glut weiterhin auf Karukora herabsenden.

Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und selbst dem elfenbeinernen Palast nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur 25 Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel gewechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Süden von Nearoma, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber jemals zu betreten wagten und kaum einer von ihnen wieder lebend verlassen hatte. Die Sonnenstrahlen erhellten auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken, die Gärten und Hinterhöfe der ziegelroten Häuser, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem im Armenviertel Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler teilten. Auch Karukoras Bürger hatten sich wie die Hunde in ihre Behausungen zurückgezogen, hinein in ihre Häuser und Wohnungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann hatte seinen Laden geöffent, die Bazaare waren wie leergefegt und die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab. Kein Wagen rumpelte über das Pflaster, kein Kahn fuhr den Syris hinab. Die Stadt hielt den Atem an.

Die Maratschleusen hinter der Stadt waren mit schweren Ketten gesichert und verhinderten den Schiffsverkehr auf dem Strom. Auch die die fünf großen Karawanentore in der Stadtmauer waren auf Befehl des Namenlosen am Morgen nicht geöffnet worden. Selbst die Wächter der Miliz vernachlässigten ihre Befehle und hielten sich lieber in ihren Kasernen und Türmen versteckt, als die Wehrmauern zu bewachen. Aus diesem Grund gab es trotz der Schließung der Hauptwege viele unbewachte kleine Ausgänge, die aus Karukora hinaus in die umliegenen Wüsten führten. An diesen Stellen war die Stadt wie ein lecker Eimer, aus dessen vielen kleinen Löchern ungehindert das Wasser herausfloss. Hier fand der suchende Blick der hitzigen Sonne endlich Menschen, getriebene, gejagte und verzweifelte Gruppen und Familien, die sich ihrer Wut mit Schweißperlen auf der Stirn aussetzten und nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, das sie in der Eile hatten zusammenraffen können, auf staubigen, schmalen Wegen mit allerlei Fuhrwerken und auf Tieren oder eilig zu Fuß aus der Stadt flohen. Sie alle fürchteten Verfolgung, Krieg, Elend und Hunger. Schließlich waren im Palast in der nicht enden wollenden gestrigen Nacht der Herrscher der Lamargue und seine gesamte Gefolgschaft ermordet worden. Dieses Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Gäste, die Ómers katastrophalen Gastmahl entkommen waren, verbreitet. Niemand der nun im Feuerglast der Sonne Flüchtenden wollte noch in Karukora sein, wenn Rauls Söhne oder seine Witwe Genugtuung einforderten und mit ihren Heeren die Stadt angriffen und belagerten. Die meisten von ihnen wandten sich nach Westen oder Süden, hin zu den vermeintlich sicheren großen Oasenseen und der Küste. Doch es gab auch zwei Wägen, die sich unberirrt der aufgehenden Sonne entgegen bewegten, auf einem Weg, der sich bald in der wasserlosen, steinigen Toten Wüste verlieren würde.

Der hintere war ein klappriger, mit einer Plane abgedeckter Karren, den ein unwilliger Esel zog und vor ihm mit großem Abstand ein grüngestrichener Kaufmannswagen mit zwei Mauleseln im Geschirr, wie man ihn häufig nordöstlich des Großen Walls antraf, der aber hier in der Wüste völlig fehlplaziert wirkte. Auf dem Kutschbock des zweirädrigen Karrens, einem rohen Querbrett ohne Rückenlehne, saßen nebeneinander Sirtis, Selin und Semira. Die Tochter des Märchenerzählers hielt die Zügel in den Händen und schnalzte regelmäßig mit der Zunge, um den Esel anzutreiben, damit sie mit Juels schnellerem Wagen einigermaßen Schritt halten konnte. Ab und zu sah sie lächelnd zur Seite zu den beiden jungen Leuten, die gegeneinandergelehnt schlummerten. Es war tiefer Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie nicht einmal aufschreckten, wenn die Räder über ein Schlagloch der selten befahrenen und schlechten Straße rumpelten, die eine Tagesetappe entfernt in dem elenden und winzigen Wüstenweiler Matorka endete. Allerdings erklang dann jedesmal ein schmerzvolles Aufstöhnen von hinten, wo der noch immer gefesselte und geknebelte Ómer zwischen ein paar Säcken mit Salz unter der Plane lag. Die meisten Vorräte hatten die Flüchtigen in Juels Wagen umgeladen, damit der Esel nicht zu sehr belastet wurde. Sirtis wusste nicht, warum der dicke Kaufmann und Dieb darauf bestanden hatte, den verräterischen ehemaligen Vezir auf der Flucht mitzunehmen. Sie empfand ihn als einen unnützen Klotz am Bein, dem sie am liebsten mit der scharfen Klinge ihres Küchenmessers die Kehle durchschnitten hätte, um ihn wie ein Lamm, das sie für ein Festmahl schlachtete, ausbluten zu lassen. Aber sie hatte Juel, dem Ludo sorriento, gehorcht. Wenn einer wusste, was er tat, dann wohl der legendäre Meisterdieb.

Mit ihrem Vater Alis, in dessen Rachepläne Sirtis eingeweiht war und die sie, obwohl sie ihr Misslingen befürchtete, billigte, hatte sie ursprünglich vereinbart, auf ihn und Selin vor einem der kleinen Osttore zu warten, um dann mit ihnen gemeinsam nach Paradis zu flüchten. Doch dann sah alles ganz anders aus. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte sie durch eine Nachricht von Muhar, der sie ihr durch einen Küchenjungen des Palasts überbringen ließ, erfahren, sie solle sich in der Alhaşra-Karawanserei mit dem Diener des Ludo sorriento, der auf Wunsch der Diebesgilde am Raubzug teilnahm, treffen. Selbstverständlich hatte Sirtis schon von dem Meisterdieb gehört und wusste sogar ein paar erstaunliche Märchen über ihn und seine abenteuerlichen Unternehmungen zu erzählen. Obwohl diese Geschichten sicherlich maßlos übertrieben waren, hörte man sie gerne auf den Bazaaren und Sirtis schöpfte sofort die Hoffnung, dass es mit seiner Hilfe doch gelingen konnte, zum Falkenthron vorzudringen und den „Weg, der in den Tag führt“ zu stehlen. Als Selin mit seinen vier Begleitern – Jalah hatte die Gruppe verlassen, nachdem sie endlich aus den Katakomben des Palastes herausgefunden hatten -, schließlich bei der Alhaşra-Karawanserei vor dem Ambra-Nordtor aufgetaucht war, in der Sirtis und Tonino ungeduldig auf sie gewartet hatten, hatte Sirtis sofort zu Juel Zutrauen gefasst, obwohl sie ihm noch nie zuvor begegnet war. Es hatte ihn zwar niemand gewählt, aber es stand außer Frage, dass er die Anführerschaft der Gruppe übernommen hatte und jeder auf ihn hörte. Er strahlte Entschlossenheit und Überzeugungskraft wie kein anderer in der Gruppe aus.

Inzwischen war ihr klar, dass Alis‘ kompizierter Racheplan nicht vollständig funktioniert hatte, denn er selbst hatte es ja nicht geschafft, rechtzeitig den Palast zu verlassen und an der Karawanserei zu ihr zu stoßen. Schweren Herzens hatten die beiden Wägen ohne ihn gen Paradis aufbrechen müssen, denn die Zeit lief ihnen davon und mit jedem Augenblick, den sie alten Märchenerzähler warteten, wuchs die Gefahrn von den Treuwächtern des Namenlosen gefunden und festgenommen zu werden. Ob ihr Vater sich nur verspätet hatte und noch nachkommen würde, ob er gefangen, verletzt oder gar bei der blutigen Schlacht im Palast getötet worden war, wusste Sirtis nicht, denn sie hatte keine Nachricht mehr von Muhar erreicht, aber sie befürchtete das Schlimmste. Doch es war gut, dass der Ludo überraschend beschlossen hatte, sie und Selin nach Paradis zu begleiten. Über seine Gründe sprach er nicht, aber er war sicherlich ein Gewinn für die Unternehmung. Sirtis hätte auch gerne Semira oder den Mönch gefragt, wie sie zu der Gruppe gestoßen waren und warum sie beide wild entschlossen waren, mitzukommen, war aber in der Hektik des Aufbruchs nicht dazu gekommen. Der dürre, ausgemergelte Alte hatte nur mit den Achseln gezuckt und sich aus den Waren in Juels Wagen wüstentaugliche Kleidung herausgesucht. Das hatte auch Semira getan, die ihren schmutzigen, nur noch aus Fetzen bestehenden Sarê gegen eine knielange, robuste Hose und ein weites Männerhemd getauscht hatte, die ihr einigermaßen passten.

Und nun schlief sie neben Sirtis an ihren Selin gelehnt auf dem Kutschbock und ein zufriedener und glücklicher Gesichtsausdruck erzählte von den angenehmen Träumen, die sie dabei hatte. Sirtis lächelte und schnalzte mit der Zunge.

Welch seltsame Wege ging doch die Liebe …

[Zum 2. Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Juel, der wie betäubt im Heck gesessen war, fühlte sich, als würde er aus einem Traum erwachen. Er rappelte sich auf und sah zurück. Offenbar wurde ihm erst jetzt bewusst, was er getan hatte. Er hätte jetzt gerne eine Flinte oder noch einen seiner Zaubertricks aus dem Gürtel besessen, aber die einzige Waffe an Bord, jene, wegen der er das Leben aller riskiert hatte, hielt er in der Hand – Turini Suds grotesken Säbel, der ihm vollkommen ungeeignet erschien, um mit ihm die Krokodile zu bekämpfen. Kopfschüttelnd musterte der Dicke die schwere Waffe.

Obwohl er in seinem Kaufmannswagen einige wertvolle Klingen aufbewahrte, die auf die eine oder andere, durchaus auch illegale Weise in seinen Besitz geraten waren – die wertvollste war unter ihnen war der „Blentavíant“, der Feindblender des legendären Abbas Endrich, mit dem dieser in grauer Vorzeit Enver Gront, den heterodoxen vierten Baron der Lamargue, erschlagen hatte -, hätte er gut auf ein weiteres Sammlerstück wie dieses verzichten können. Er konnte sich selbst nicht erklären, was für ein Höllenbit Inets ihn eben geritten hatte, als er den überwältigenden Zwang gefühlt hatte, dieses unförmige Ding an sich zu bringen, aber er hatte mit einem Mal das ganz bestimmte Gefühl gehabt, dass er diese magische Waffe unbedingt brauchte. Ihm war es gewesen, als hätte ihm eine schmeichelnde Stimme zugeflüstert, er könne nicht gehen, ohne den „Blutsänger“ mitzunehmen. Diese Stimme war zu laut und zu hypnotisierend in seinem Kopf erschienen, um sich ihrem Befehl widersetzen zu können. Selbst jetzt sprach diese Stimme noch mit ihm. Sie stachelte ihn auf, den Griff des Säbels, den er bislang noch nicht losgelassen hatte, fester zu fassen, die Klinge über den Kopf zu heben und dann damit den Schädel des nächsten Feinds zu zertrümmern! Dabei hatte Juel durchaus keine Ahnungen wie Adelf; seine Talente lagen auf ganz anderen Gebieten. Kämpfen gehörte eigentlich auch nicht dazu. Gleichzeitig erkannte er, dass es der Säbel selbst war, der zu ihm sprach. Das war keine Magie, auch wenn es sich wie eine anfühlte und Juel hatte das bereits schon einmal erlebt, als er vor zehn Jahren mit Adelf, Myrta und den Adepten Merem und Parin überall in den Überlebenden Landen und über ihre Grenzen hinaus nach den fünf Bruchstücken von Sorems zerstörten Machtstab gesucht hatte. Das war eine Vorgänger-Techné, die dazu in der Lage war. Irgendein Vorbesitzer der Klinge, vielleicht Turini Sud selbst, musste sie vor tausenden von Jahren eingebaut haben – wahrscheinlich in den Handgriff der Waffe.

Obwohl Juel sich verzweifelt gegen die weitere Einflussnahme des Säbels wehrte, musste er doch zugeben, dass die Vorschläge der Stimme einiges für sich hatten. Doch dann hob neben ihm das erste Krokodil seinen Schädel mit aufgerissenem Maul über die niedrige Reling des Bootes, im Begriff, es zu entern, und nahm ihm die Entscheidung ab. Der Kahn bekam eine gefährliche Seitenlage und alle schrien auf. Juel atmete scharf ein, riss den „Blutsänger“ in die Höhe über sein Haupt, was ihm mit einem Mal nicht besonders anstrengen erschien. Dann ließ er die Waffe mit aller Kraft, zu der er fähig war, auf dem warzigen Kopf des Ungeheuers fallen. Fast hätte Juel dabei das Gleichgewicht verloren und wäre nach vorne in den See gefallen. Der Säbel juchzte und der Schlag war ein voller Erfolg. Etwas knirschte widerlich, dann rutschte der Schädel des M‘Gaviâ ab, klatschte ins Wasser, ging unter und tauchte nicht mehr auf. Das schwankende Boot war schon einige verzweifelte Ruderzüge weiter, als an der Stelle ein Schwall Luftblasen und dann Blut emporquollen.
»Bravo, Juel!«, rief Adelf. »Das war ja wie in alten Zeiten. Doch vielleicht solltest du dich mal ums Ruder kümmern.« Juel achtete nicht auf ihn, denn die Gefahr war noch nicht vorbei. Der nächste baumstammgroße Leib bewegte sich pfeilschnell und vom Schicksal seines Vorgängers unberührt durch die Heckwelle heran. Weil er gerade fast ins Wasser gefallen wäre, entschied sich Juel für keinen weiteren Schlag, sondern stach mit seiner Waffe zu, als das Krokodil nahe genug war. Die Spitze der Klinge war nicht scharf genug, das Tier zu verletzen, aber sie drückte die dünne Schnauze hinunter und als ihr Stahl Kontakt mit dem See hatte, erklang aus ihm heraus im gleichen Augenblick ein schmerzhafter, extrem hoher Ton, den allerdings nur die drei jungen Leute an Bord hörten. Es fühlte sich für sie an, als würde ihnen mit einem glühenden Messer die Schädeldecke geöffnet. Semira, Jalah und Selin ließen sofort die Ruder fallen und hoben ihre Hände zum Kopf, pressten sie in dem vergeblichen Bemühen auf die Ohrmuscheln, um sich vor dem schier unerträglichen, pfeifenden Geräusch zu schützen, das sie außer Gefecht setzte. Adelf und Juel, die von dem Pfeifen nicht viel mitbekommen hatten, das für sie nur nach dem feinen Sirren einer Mücke klang – lästig zwar, aber nicht weiter störend -, starrten verwundert auf die drei, die ihre Köpfe wie in Agonie hin und her warfen.

»Eh bien. qu’est-ce-que c’est que ça?«, sagte Juel kopfschüttelnd und hob den „Blutsänger“ aus dem Wasser, der sie ein weiteres Mal vor den Krokodilen gerettet hatte. Das Pfeifen verschwand so schnell, wie es gekommen war und stattdessen war ein hämisches Kichern zu hören. Juel war sich nicht sicher, ob er der einzige war, der es hörte. Seufzend sanken die drei Gequälten auf der Ruderbank in sich zusammen.

»Was bei Inets brennendem Schwanz war denn das?«, frage Selin, nachdem er sich ein wenig erholt hatte.

»Egal, was es war, es hat uns le cul gerettet«, erwiderte und stützte sich auf den Säbel, den er so schnell nicht mehr hergeben wollte. Er fühlte sich gerade so mächtig wie die drei Herrscher des goldenen Zeitalters zusammen. Als hätter er in den Gedanken seines Freunds gelesen, murmelte Adelf:

»Dann könntest du Held jetzt vielleicht endlich an die Steuerpinne setzen, damit wir endlich aus diesem Palast herauskommen?«

Juel spürte in sich eine plötzliche Wut auf den Mönch emporkochen und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich auf den Wehrlosen gestürzt. Adelf erbleichte, als der den Zorn in Juels Augen aufblitzen sah.

»Alter Freund, was ist mit dir?«, stammelte er.

Ja, was ging nur in ihm vor? Das war doch nicht er. Hilfesuchend wanderte sein Blick von dem zitternden Mönch zu dem geknebelten Ómer, der ihn finster musterte und langsam und anerkennend nickte. Juel verstand. Es war dieser verfluchte Säbel, der ihn noch immer so beeinflusste, dass er sich kaum unter Kontrolle hatte. Das war die gefährlichste Waffe, die Juel je in Händen gehalten hatte. Und das musste ein Ende haben – jetzt. Er sammelte sich und versuchte, seine verkrampfte Hand vom Griff zu lösen. Es fiel ihm unendlich schwer, es war ein härter Kampf als alles was er heute erlebt hatte. Die schmerzende Faust schien ihm nicht mehr gehorchen zu wollen, doch schließlich gelang es ihm, indem er seine andere Hand zu Hilfe nahm und mit ihr seine Finger nach außen bog. Er musste sie dabei beinahe brechen, aber schließlich öffnete sich seine Faust. Der Säbel kippte zur Seite auf das Deck und sein Gelächter endete abrupt. Auch die drängene Stimme verschwand aus Juels Gehirn. Er fühlte sich, als wäre eine Tonnenlast von ihm genommen. Er keuchte und hatte mit einem Mal heftige Kopfschmerzen. Das war ein Gefühl, das er kaum kannte. Doch gleichzeitig hätte er glücklich aufjuchzen können. Der Bann war gebrochen.

»Und?«, fragte Jalah ungeduldig. »Geht es doch noch weiter oder warten wir, bis die Krokodile zurückkehren?«

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (8)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Gut, dann lass uns endlich von hier verschwinden, denn ich glaube, die Krokodile haben ihren Schreck überwunden und kommen zurück.«

Tatsächlich krochen die ersten der M‘Gaviâ wieder zögernd ans Ufer. Juel wusste, dass sie den Echsen nicht entkommen konnten, wenn sie sich ein Wettrennen mit ihnen lieferten, aber die Kaimauer, an der Ómers Boot lag, war hoch genug, um für die Krokodile eine unüberwindliche Hürde zu sein. Die beiden setzten sich deshalb so schnell es ging in Bewegung. Doch Jalah war noch wacklig auf den Beinen und musste von ihm gestützt werden. Adelf hatte inzwischen den benommenen Vezir an Selin übergeben, der ihn unsanft ins Heck des Boots hiefte und ihn mit einem Tauende, das dort lag, verschnürte. Währenddessen eilte der Mönch zurück und unterstützte Juel. Gemeinsam kehrten sie mit der langsam wieder zu sich kommenden Diebin in ihrer Mitte zurück zu der Anlegestelle. Alles ging gut, denn die Krokodile zögerten noch, ihren Käfig zu verlassen. Sie drängten sich zwar an dem offenen Türrahmen im Gitter und spähten unruhig mit ihren trüben, kurzsichtigen Augen nach ihrer Beute, aber noch misstrauten sie der Einladung, ihr Gefängnis zu verlassen. Auch Jalah wurde an Bord gebracht und in Semiras Obhut übergeben. Adelf kletterte zu ihnen ins Boot, auf dem es nun eng wurde. Es geriet dabei gefährlich ins Schwanken und dümpelte mit einem Mal sehr tief im Wasser des Kavernensees. Juel schätzte mit zusammengekniffenen Augen die Situation ab. Da er in der Lagunenstadt Garda aufgewachsen war, war er der einzige, der sich mit Booten auskannte und in seinem Leben schon ein paar geführt hatte. Alle außer ihm selbst waren mager und leicht, aber das würde nicht genügen. Sollte er sich opfern und selbst zurückbleiben? Juel scheute vor solch dramatischen Entscheidungen zurück und er war nicht zuletzt deshalb so alt geworden, weil ihm immer noch ein anderer Ausweg einfiel.

»Dieser Kahn ist nicht für sechs Personen ausgelegt und wird kentern, wenn ich jetzt auch noch zusteige«, überlegte er laut. Sein Blick fiel auf die Ladung, die Ómer rund um die Segelstange in der Mitte des Boots aufgestapelt hatte. Es war ein Teil seiner üppigen Schatzkammer, mit dem er hatte fliehen und irgendwo im Süden ein neues, aber bequemes Leben hatte beginnen wollen.

»Wir werden uns wohl oder übel von den Reichtümern des Vezirs trennen müssen und sie über Bord gehen lassen«, entschied Juel. Der Vezir heulte auf und zerrte verzweifelt an seiner Fessel. Es tat dem Dicken zwar in seiner Kaufmanns- und Diebesseele weh, aber er fand keine andere Möglichkeit, Gewicht einzusparen. Zum Kappen des nicht benötigten Segelmasts blieb keine Zeit. Seine Gefährten hatten weniger Skrupel als er. Während Juel die Leinen losmachte, kümmerten sich Selin und Adelf gehorsam um die schweren Kisten voller Gold und Edelsteinen, die mit Wein und Öl gefüllten Amphoren, edle Teppiche, große Vasen und Kunstgegenstände, die Ómer während seiner langen Karriere auf die Seite gebracht hatte. Gleichgültig warfen sie alles auf der Seeseite ins Wasser. Mit jedem wertvollen Gegenstand, der über Bord ging, wurde Ómers Verzweiflung größer. Er schrie, zeterte und schimpfte so lange, bis Adelf der Geduldsfaden riss und ihn mit einem goldfädendurchwirkten Seidentuch aus einer der Kisten knebelte. »Wir könnten statt deinen Schätzen auch dich selbst über Bord werfen«, zischte er und brachte Ómer damit endlich zur Ruhe. Der Vezir schloss entkräftet die Augen, um dem Unglück nicht weiter zusehen zu müssen. Semira und die wieder zu Kräften gekommene Jalah befestigten inzwischen die schweren Riemen an den Dollen links und rechts der Ruderbank und halfen dann beim Ausräumen des Bootes. Dabei gelangten freilich die eine oder andere Münze und Schmuckkette nicht in den See, sondern in die tiefen Taschen der Diebin. Während sie arbeiteten, warfen alle immer wieder ängstliche Blicke zurück zu den Krokodilen, die der ganzen Sache zum Glück noch immer nicht trauten und außer den beiden mutigsten Tieren zögerten, ihren vertrauten Käfigbereich zu verlassen. Auch diese hielten sich aber noch nahe des Gitters auf.

Juel hob den Kopf. Ihm war, als hätte ihn jemand gerufen. Er sah sich erschrocken um. Doch die anderen waren mit ihren Arbeiten beschäftigt und es war auch niemand sonst am See aufgetaucht. Allein Ómer öffnete plötzlich wieder seine Augen und starrte ihn mit einem unergründlichen Blick an. Juel zuckte mit den Achseln. Langsam setzten ihm doch Müdigkeit und das Erlebte zu. Es war wirklich Zeit, den von Inet verfluchten Elfenbein-Palast hinter sich zu lassen.

»Das muss reichen«, rief er den anderen zu, »wir müssen ja nur heil über den See auf die andere Seite gelangen und nicht über den Abfluss auf den Marat hinaus. Besetzt die Riemen, ich werde das das Ruder übernehmen.« Während sich Jalah und Adelf auf die Steuerbord- und Semira und Selin auf die Backbordseite setzten und das grobe Holz der Riemen in die Hände nahmen, machte er noch die letzte Leine los und stemmte das Boot ein wenig von der Kaimauer weg. Er wollte gerade zusteigen, als er erneut stutzte.

»Was zum Eishauch der Hölle …« Wieder irrte sein Blick herum. Juel trat zögernd zurück. Er wirkte in diesem Augenblick wie eine Marionette, die von einem Puppenspieler gezogen wurde.

Adelf war der erste, der bemerkte, dass etwas nicht stimmte. »Bruder! Komm an Bord! Hier stinkt es plötzlich nach der Magie der Vorgänger«, flüsterte er mit erstickender Stimme, überwältigt von einer Vorahnung.

»Aber es wäre doch schade …«, entgegnete Juel unsicher. Dann drehte er sich unter den überraschten Ausrufen der anderen um und rannte zurück zu der Stelle am Zaun, an der er vorhin mit dem Vezir gekämpft hatte. Sein Ziel war der gewaltige Säbel, der dort nur wenige Schritte von den beiden Krokodilen entfernt, die bereits ihr Gefängnis verlassen hatten, auf dem Boden lag. Er hatte leider keines seiner explosiven Glasröhrchen mehr in seinen Gürteltaschen und hoffte, dass sein tollkühnes Auftreten genügte, die Tiere von ihm fernzuhalten. Mit den Armen wedelnd und schreiend stürzte er auf die Ungeheuer zu, die sofort ihre riesigen Mäuler aufrissen, aber tatsächlich mehr überrascht als verängstigt zurückwichen. Juel ergriff die Gelegenheit. Ohne die M‘Gaviâ aus den Augen zu lassen, tastete er nach dem Griff des Säbels und nahm ihn fest in die Hand, drehte sich dann eilig um und rannte zurück, dabei die wie glücklich auflachende Klinge, die Funken aus den Steinplatten schlug, hinter sich herziehend. Er hatte bereits die Hälfte der Strecke zum Boot zurückgelegt, als sich die Krokodile endlich in Bewegung setzten und ihn verfolgten. Das war ein Signal für die anderen Krokodile. Auch sie schlängelten sich durch die Öffnung in ihrem Käfig und kamen hinterher. Nachdem sie einmal im Laufen waren, wurden die gewaltigen Tiere immer schneller und Juels Vorsprung schmolz mit jedem Schritt, den er machte, zusammen. Doch im wortwörtlich letzten Augenblick hüpfte er mit einem verzweifelten Sprung an Bord und die beiden M‘Gaviâ schnappten vergeblich mit ihren riesigen langgezogenen Mäulern nach ihm. Der Kahn schwankte bedenklich auf und nieder und fasste sogar am Bug einen Schwall Wasser. Selin stieß das Boot gedankenschnell mit dem Ruderblatt von der Mauer ab und es trieb schnell hinaus ins tiefere Wasser des Sees. Es blieb keine Zeit, den Dicken wegen seines Leichtsinns, der alle in Gefahr brachte, auszuschimpfen, denn schon tauchten die zwei Krokodile hinter ins Wasser. Die anderen M‘Gaviâ folgten ihnen mit etwas Abstand. Würde es ihnen gelingen, mit ihren schweren Leibern unter den Rumpf zu gelangen, dann konnten sie den kiellosen kleinen Segler ohne Probleme zum Kentern bringen und alle an Bord waren nur noch ein Leckerbissen für die ausgehungerten Tiere. Selin und Semira auf der einen, Jalah und Adelf auf der anderen Seite der Ruderbank begannen verzweifelt zu pullen. Sie nahmen Fahrt auf, doch es sah nicht so aus, als würden sie den Krokodilen entkommen, von denen immer mehr elegant ins Wasser glitten und die Verfolgung aufnahmen. Da das Liebespaar kräftiger war als die anderen beiden, kam das Boot schnell vom geraden Weg ab und zog in einem weiten Halbkreis nach links.

[Zum Schluss des 3. Kapitels]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Ómer, der weder wusste, wer Sorem, noch was ein „As‘Teorfan“ war, zuckte nach einem kurzen Stutzen mit den Schultern. Eilig mischte sich Juel ein, der unauffällig an seinem Gürtel hantierte:

»Was Adelf sagen wollte: Glaubst du ernsthaft, du kannst uns mit deinem riesigen Säbel, den du kaum mit zwei Händen halten kannst, Angst einjagen? Wir zittern wegen der Kälte hier unten, nicht, weil wir deine lächerliche Klinge fürchten, kleiner Angeber.«

»Nun. Das solltet ihr aber! Lächerlich! Du hast ja keine Ahnung. Denn seht: Dieser Säbel gehörte einst, vor dreitausend Jahren, meinem gewaltigen Vorfahren, den man den Zermalmer der Völker nannte, dem Gründer von Nearoma und Unterjocher des Südens – niemand geringerem als dem größten Herrscher, den die Überlebenden Lande je gesehen haben: Es ist der Säbel von Turini Sud! Und diese Klinge jauchzt laut auf, wenn sie im Blut ihrer Feinde badet. Man kennt sie deshalb überall unter dem Namen Trisbaard. Erzittert, denn dies ist der „Blutsänger“! Einst führte Turini mit dieser Waffe …«

»Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erzählt habe, aber es gibt für mich nichts langweiligeres als Geschichten, in denen Schwerter mit Namen vorkommen«, unterbrach Adelf nüchtern den begeisterten Redefluss von Ómer. »Soll uns das beeindrucken? Nun gib endlich den Weg frei, kleiner Mann mit einem viel zu großem Schwert, damit wir unsere Freunde vor den Krokodilen retten können.«

»Ach so ist das! Ihr gehört zusammen; das erklärt einiges. Aber das ist nach dieser Nacht nicht mehr mein Problem. Ich warne euch ein letztes Mal. Mischt euch nicht ein, denn ich bin in der geheimen Kampfkunst der Sud bewandert, durch die aus der scheinbaren Plumpheit des „Blutsängers“ eine unbesiegbare, tödliche Waffe macht! Lauscht!« Tatsächlich wirbelte Òmer den gewaltigen Säbel seines Vorfahren in einem komplizierten Muster über seinem Kopf und entlockte ihm dabei ein leises Summen, das zuerst wie eine Windharfe, dann – lauter werdend -, wie ein boshaftes Kichern klang. Adelf und Juel traten beeindruckt wie auf einen Befehl einen Schritt zurück.

»Hört ihr das, ihr Ignoranten?«, jauchzte Òmer, der nun wie eine von einem Ifrit besessene Flamme umhersprang. Es war, als würde von dem Säbel eine geheime Kraft ausgehen, die den kleinen Renegaten stärker machte und über sich selbst hinauswachsen ließ.

»Es heißt, das Lachen von Turini wurde durch einen Bann in den Stahl der Klinge gebunden, als es von den Dienern Baaldems auf der verlorenen Insel Madrat jenseits des Südmeers geschmiedet wurde«, jauchzte er, von seiner eigenen Macht berauscht. Juel wurde das alles langsam zu viel. Er zuckte mit den Schultern.

»Für solch einen Säbel könnte ich auf dem Märkten im Westen einen ordentlichen Preis erzielen«, sagte er. »Aber jetzt muss auch mal wieder gut sein, du Angeber! Die Zeit läuft uns davon.« Dann warf er dem wütend auf ihn zutänzelnden Ómer eine der zwei kleinen Ampullen entgegen, die er aus seinem unergründlichen Gürtel geholt und für den richtigen Moment in den Händen verborgen gehalten hatte. Jetzt geschahen mehrere Dinge gleichzeitig und der dicke Kaufmann und Adelf, die jahrelang ein eigespieltes Team gebildet hatten, waren die einzigen, die in dem Chaos nicht die Übersicht verloren. Die kleine, dünne Glasröhre zersplitterte auf dem Boden direkt vor den Füßen des Angreifers und die freigesetzte Flüssigkeit, die sich in ihr befunden hatte, verwandelte sich augenblicklich in eine gewaltige, grauschwarze Rauchwolke, die Ómer die Sicht nahm und in seinen Augen brannte. Er schrie auf und ließ den lachenden Bihänder-Säbel seines legendären Vorfahren blind in dem fetten Qualm kreisen. Aber da war Juel schon einen Haken schlagend ungefährdet an ihm vorbeigestürmt und rannte zur Tür des Krokodilkäfigs, dabei warf er die zweite Ampulle nach vorne. Ihr Inhalt war ein anderer, aber seine Wirkung war noch viel beeindruckender.

Die Ampulle platzte an der Gittertür. Eine gewaltige Explosion erschütterte das Ufer des Kavernensees, ein Feuerball von der Größe eines Mahmuts blähte sich auf und stürzte mit einem markerschütternden Knall in sich zusammen, riss die Tür aus dem Schloss und ihren Angeln und erschütterte den Zaun. Die drei jungen Leute, die sich bisher an ihm festgeklammert hatten, konnten sich nicht mehr länger halten und fielen herunter, als wären sie tatsächlich das Fallobst, das durch das Schütteln an einem Baum geerntet wird. Sie fielen zwischen den M‘Gaviâ zu Boden. Doch sie mussten die Krokodile nicht mehr fürchten, denn diese waren nicht mehr an ihnen interessiert und flüchteten sich, so schnell sie ihre kleinen Stummelbeine tragen konnten, ins Wasser des Sees, das durch ihre Bewegungen zu brodeln begann. Alleine Jalah, die den tiefsten Sturz machte, sich jedoch wie ein Murlan abrollte und beinahe unverletzt geblieben wäre, bekam zufällig den schmerzhaften Hieb eines herumschleudernden Krokodilschwanzes ab und wurde zehn Fuß weit durch den Raum geschleudert. Dort blieb sie ohnmächtig auf den besudelten Fliesen liegen.

»Merde!«, fluchte Juel und zwängte sich durch den verbogenen Rahmen der geborstenen Käfigtür. »Schnell, zum Boot«, rief er Semira und Selin zu, als an ihnen vorbeirannte, um Jalah zu helfen. Die beiden rappelten sich gerade gemeinsam auf und hielten sich verwirrt aneinander fest. Sie hatten die plötzliche Änderung ihrer Situation noch nicht ganz begriffen und konnten es noch nicht fassen, dass sie gerettet waren. »He, ihr zwei Turteltauben! Zum Boot, aber flott! Die Krokodile können es sich jederzeit anders überlegen. Gut, dass die Viecher so schreckhaft wie wilde Pferde sind«, brüllte Juel wütendend, aber er musste seine Worte zweimal wiederholen, bis sie ihn endlich verstanden hatten und losrannten. Juel kniete sich zu Jalah hinab und sah dabei zurück zu Adelf und Ómer. Er stellte zufrieden fest, dass sich inzwischen auch dort gewendet das Blatt hatte:

Der in seiner Rauchwolke gefangene Vezir war von der Explosion aus dem Gleichgewicht gebracht worden und hatte verwirrt seinen Säbel gesenkt, sich nach dem ohrenbetäubenden Krach umgesehen – und war dabei direkt in einen donnernden Faustschlag von Adelf gelaufen, der ihn mitten ins Gesicht traf, seine Nase brach und ihn von den Füßen warf. Er war wie ein gefällter Baum rücklings zu Boden gegangen und der „Blutsänger“ über die Fliesen davongeschlittert.

»Pah«, sagte der Mönch verächtlich zu dem halb unter ihm Liegenden, der sein wundes Kinn hielt und dem Tränen und Blut über das schmale Raubvogelgesicht rannen. »Das also ist die Kampfkunst der Diener Baaldems! Wen interessiert‘s? Meine Faust auf jeden Fall nicht.« Er packte Ómer am Kragen von dessen Hemd und zog den Wehrlosen anschließend wie einen Sack Kartoffeln hinter sich her zum Boot.

Juel lachte und beschäftigte sich wieder mit der ohnmächtigen Diebin. Er rieb seine Handflächen aneinander und presste sie fest gegen Jalahs Schläfen. Dabei konzentrierte er sich und spannte seine Muskeln an. Eine pochende Ader trat deutlich auf seiner Stirn hervor. Was das für ein Zauberkunststückchen es war, das er an Jalah erprobte, wusste nur er selbst, aber es wirkte. Die Diebin schreckte hoch, als hätte sie ein Wüstenskorpion gestochen und hielt plötzlich ihr Messer in der Hand, das ihr Juel allerdings sofort mit einer wieselflinken Bewegung aus den Fingern wand und verärgert zur Seite warf.

»Du sollst niemals eine Waffe gegen den Ludo sorriento richten, wenn du den nächsten Morgen erleben willst, Mädchen«, sagte er beleidigt und half ihr dann beim Aufstehen. »Geht es wieder?“

Jalah, die dröhnende Kopfschmerzen am klaren Denken hinderten und sich fragte, was Juel mit ihr gemacht hatte, musterte ihn misstrauisch und fasste dann eilig an ihre Brust, doch der Beutel mit den Brillanten befand sich noch immer an ihrem Hals. Sie nickte.

[Zum 8. Teil …]

Beitragsnavigation