Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-3)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Ich sah zweifelnd zum Küchenfenster hinaus. Kein Frühling in Sicht. Es schneite noch immer, aber nur leicht. Kleine muntere Flocken, die wie Waschmittelkrümel aussahen, fielen langsam und tanzten dabei im stürmischen Wind, der in der Nacht gedreht hatte. Ich konnte keinen von den Dreitausender-Gipfeln am nahen Horizont gegenüber sehen. Die wattegrauen, nebligen Wolken, die aus den Waldhängen im Tal emporstiegen, hüllten das ›Elsternnest‹ komplett ein. Auch der höchste Gipfel der Bergkette, das beinahe viertausend Meter hohe Lislihorn mit seinem großen Gletscher verbarg sich. Ich kannte den markanten Berg, der ein wenig ans Matterhorn erinnerte, nur aus sommerlichen Abbildungen. Blauer Himmel, Sonnenschein, im Vordergrund ein paar dicke Schafe auf einer blühenden Alm. Fehlte noch der ›Geissenpeter‹, der träumend in der Wiese lag und die Idylle war perfekt. Gerade nicht vorstellbar. Ich fühlte mich vielmehr wie auf einer Schatzinsel, die in einem wabernden Nebelmeer schwimmt und auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Ohne eine geheime Seekarte, die in den Nebel hinein und durch gefährliche Untiefen und Klippen führt, kann man unmöglich zu ihrer versteckten Hafenbucht gelangen. Sie ist die einzige Stelle, an der man auf dem von Steilküsten umgebenen Stück Felsen anlanden kann. Wer einmal dieses verlorene Eiland betreten hat, das halb in einer jenseitigen, sepiafarbenen Welt liegt, findet nie mehr nach Hause zurück und buddelt für immer nach den vergrabenen Goldschätzen. Der Gedanke gefiel mir ausgesprochen gut. Warum schreibt heutzutage niemand mehr Piratengeschichten?

Zu meinem Erstaunen entdeckte ich bei meinem melancholischen Blick hinaus, dass die Terrasse vor dem Haus bereits geräumt und gekehrt worden war; auch wenn bereits wieder eine dünne Schneedecke die Holzbohlen und die Möbel draußen bedeckte. Von diesem Freisitz führten Fußspuren zum etwa fünfzig Meter entfernten Wetterkreuz hinauf. Es wirkte wie ein verwittertes Mahnmal und hob sich bedrohlich und trotzig vom fast weißen Nebelhintergrund ab. Die schwarze Maserung des Kreuzes schwitzte Feuchtigkeit. Es markiert den höchsten Punkt meines kleinen Plateaus. Es ist das X auf der Landkarte meiner Ultima Thule-Insel. Dahinter führt der Weg wohl leicht abwärts direkt hinein in den Nebel, aber weitere Fußspuren blieben mir vom Küchenfenster aus verborgen. Wann hatte die bienenfleißige Anneli denn den Schnee geräumt, der gestern in der Nacht noch kniehoch auf dem Außenbereich gelegen hatte? Wann war sie denn schon mit der Kabinenbahn hochgekommen? Tatsächlich schon bei Morgengrauen? Ich hatte so fest geschlafen, dass ich die Seilbahn nicht gehört hatte. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass die dünne ältere Frau in der Lage war, solch eine Strafarbeit alleine zu machen. Hatte sie vielleicht Hilfe gehabt? Das würde auch die Fußspuren erklären, die von der Berghütte wegführten. Wohnte ich hier oben nicht allein?

Ich hatte viele Fragen, aber die erste, die mir einfiel, hatte nichts mit Annelis Arbeit zu tun:

»Ihr Mann und Reto hatten es gestern Nacht plötzlich sehr eilig. Sind sie gut wieder nach Stillblüten zurückgekommen?«, fragte ich. Anneli stutzte und sah mich neugierig aus ihren schwarzen Augen an, die wie Kohlestückchen in ihrem Antlitz glommen.

»Aber ja. Es war zwar schon nach Mitternacht, als sie ins Tal herunterkamen. Aber ihnen ist nichts passiert.«

»Was hätte denn passieren können?«, fragte ich neugierig nach. Es war der Frau deutlich anzumerken, dass sie eigentlich nicht mehr darüber reden wollte. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her.

»Draußen in der Nacht ist es hier oben weit über zweitausend Metern Höhe sehr gefährlich – besonders bei solch einem nasskalten Wetter. Es passiert leider immer wieder, dass sich Bergsteiger verschätzen, in der Finsternis vom Weg abkommen und es dann nicht mehr bis zu einer Unterkunft schaffen. Wir haben in jedem Sommer ein oder zwei solcher Fälle. Die Wanderer stürzen ab oder erfrieren. Die ›Lisli‹-Kette ist noch eine echte Wildnis. Man muss Respekt vor ihr haben und darf sie keinesfalls unterschätzen. Das ist kein Freizeitpark, wie manche meinen.« Sie senkte ihre Stimme und beugte sich über den Küchentisch. »Nach dem zwölften Schlag der Glocke bis zum Herangrauen des Morgens sind die Grate und Gipfel Orte, die die Menschen meiden sollten. Die Nacht gehört den Anderen«, wisperte sie fast unhörbar. Hatte ich richtig gehört und verstanden? Die ›Anderen‹? Lief die Angst vor der Mitternacht auf eine Gespensterfurcht hinaus? Annelie war noch etwas eingefallen. In normaler Lautstärke fuhr sie fort:

»Das steht in der Betriebsanleitung der Seilbahn und Reto hält sich penibel genau an die Vorschriften. Von Mitternacht bis Sonnenaufgang sind Betriebsfahrten verboten.« Die unheimliche Stimmung, die sie mit ihren leisen Worten erzeugt hatte, verschwand so schnell, wie sie gerade aufgetaucht war. »Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, Frau Rainer. Das hat auch etwas mit dem Tierschutz an der ›Lisli‹ zu tun. Seit ihre Gipfel vor zwanzig Jahren zum Naturpark erklärt wurden, gibt es hier wieder einige Steinbockherden. Man hat erfolgreich Bartgeier ausgewildert. In den Wäldern unten im ›Sennis‹ sind auch schon Bären gesichtet worden – wahrscheinlich waren das aber nur Männchen, die aus Italien eingewandert sind.«

Ich nickte und schmierte mir mein zweites Honigbrot. Es stimmt schon: Höhenluft macht hungrig. Mein Interesse an der Seilbahn erlosch. Die Flora und Fauna dieses Hochgebirges war mir gleichgültig. Doch etwas blieb zwischen uns unausgesprochen. Ich wollte nachfragen, aber Anneli wechselte das Thema.

»Und? Wie haben Sie in Ihrer ersten Nacht geschlafen? Haben Sie gut geträumt? Es heißt ja, der erste Traum in einer neuen Umgebung würde wahr werden.«

Das wollte ich nicht hoffen. Dachte an meinen luziden Traum von Gerd, die endlosen Kellergänge, die ich in ihm durchwandert und die Gestalt mit den Wölfen, die mich verfolgt hatte. Obwohl diese Erinnerung schnell verloren ging, erschauderte ich nachträglich. »Ich bin leider noch lange wach gelegen. Mich hat das Bellen und Geheule eines großen Hundes gestört. Er hat die ganze Nacht gejault. Ich bin wegen des Lärms erst im Morgengrauen wieder eingenickt. Deshalb habe ich bis weit in den Tag hinein geschlafen. Ich lag vorhin wie im Koma.«

»Ein Hund? Sind sie sicher?« Anneli war sichtlich überrascht. »Das kann eigentlich nicht sein, dass man hier oben die Hofhunde hört. Aber der pfeifende Schneewind von Westen trägt manchmal seltsame Geräusche mit sich. Da kann man durchaus allerlei Wehklagen und Jammern heraushören. Das ist das ›Aroleid‹.«

»Was ist denn das?«

»Ach … Das ist nur eine alte Sage, wie sie die ›Nanis‹ hier im Wallis erzählen. Sie handelt von einer Mutter, die in den ›Flüo‹ bei Zermatt, den ›Bodmen‹, wie man sie dort nennt, lebte. Eines Sonntags ließ sie ihre Kinder allein zu Hause, weil sie mit ihrem Mann zur Messe ging. Die Kinder spielten vor ihrem Heim, als plötzlich ein Adler aus dem Himmelsblau herabstieß und die Kinder ergriff. Er brachte sie hinauf in seinen Horst auf der ›Aroflüh‹. Der Felsen heißt noch heute so, auch wenn es dort keine Adler mehr gibt. Die Kinder jedenfalls wurden nie mehr gesehen. Die Mutter aber weinte und jammerte über deren grausames Schicksal und starb bald in ihrem Kummer. Doch noch immer hört man in den Nächten ihr Leidklagen über den Verlust ihrer kleinen Kinder, das der Wind über die Berge trägt.« Sie lachte in sich hinein und zitierte dann den Anfang eines Gedichts:

»Im Wallis liegt ein stiller Ort,
Geheißen Aroleid;
Es seufzt ein Gram im Namen fort
Seit lang entschwundner Zeit.

Das ist von Gottfried Keller. Ich habe die Verse als Kind auswendig lernen müssen. Alle acht Strophen. Es gibt im Wallis viele solcher schauriger Sagen. Meine Mutter hat mir noch viele von ihnen erzählt. Leider habe ich die meisten vergessen.«

Anneli zuckte die Schultern und deutete zum Bücherschrank des Chalets, in dem in der Hauptsache Wander- und Naturführer standen und ein paar zerlesene Paperbacks, die die Bewohner vor mir zurückgelassen hatten.

»Aber falls sie das interessiert, finden Sie dort einen Band mit Sagen und Märchen aus unserer Gegend.« Sie sah auf die Küchenuhr. »Und da schwatze ich und habe noch so viel zu tun! Da will ich Sie mal in Ruhe frühstücken lassen, Frau Rainer. Reto holt in einer halben Stunde die Kabine runter und ich habe noch einiges aus- und einzuladen.«

Ich kippte den Rest des kalt gewordenen Kaffees. »Ich helfe Ihnen.«

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-2)

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Andrin erklärte mir voller ehrlicher Begeisterung die Luftwärmepumpen, die das Gebäude zusätzlich zum rustikalen Ofen heizten. Er ging so ins Detail, dass ich einfach ausstieg und mich erschöpft auf meinen großen Koffer setzte. Seine Erläuterungen, von denen ich aufgrund seines Walliser Dialekts nicht einmal die Hälfte verstand, verwandelten sich in das Brummen eines gutmütigen Bären. Wäre direkt auf der Stelle eingenickt, wenn nicht Reto eingegriffen hätte. Er legte seine Hand auf die Schulter des alten Berglers und runzelte besorgt die Stirn.

»Ich glaube, es ist gut für heute, oder? Es gibt nichts mehr, was du nicht auch in den nächsten Tagen erzählen kannst. Machen wir Schluss. Es ist bald Mitternacht.«

Andrin beendete sofort sein endloses Gebrabbel. Er wirkte aus einem Grund, der mir nicht klar wurde, betroffen.

»Ja, das …«, stotterte er. Dann fasste er sich. »Freilich. Wir müssen los. Ich habe die Zeit vergessen. Sie müssen doch schrecklich müde sein, Frau Rainer. Wie unhöflich von mir. Da rede ich … Morgen Vormittag kommt meine Anneli zu Ihnen hoch, wegen der Wäsche und der Küchenvorräte. Da kann sie Ihnen ja den Rest des ›Aegäschteä-Nests‹ zeigen. Jetzt tragen wir Ihnen nur noch schnell Ihre Koffer unters Dach. Dann sind Sie uns auch gleich los.«

Ich stand wieder auf und kam dabei ins Schwanken. Kurz war mir schwindlig. Mein Blutdruck, dachte ich, vielleicht sollte ich vor dem Zubettgehen noch einen Piccolo aus der Bar trinken. Reto hatte mich aufmerksam beobachtet und war sofort bei mir. Er stützte mich, damit ich nicht fiel. Er ist ja die Aufmerksamkeit in Person. Ich bekam noch mehr Lust, ihn näher kennenzulernen.

»Es ist nichts.« Dabei lehnte ich mich bewusst fester auf seinen Arm, als es nötig gewesen wäre. Lächerliche kleine Tricks. Ich dachte eigentlich, ich stünde inzwischen über solchen Dingen. »Es geht schon wieder.«

Ich machte mich frei und ärgerte mich über mich selbst.

»Das war ein langer Tag.« Reto sah mich skeptisch von der Seite an, aber er sagte nichts. Zusammen mit Andrin brachte er eilig mein großes Gepäck über die Treppe neben dem Kamin unter das Dach. Hier verläuft eine hölzerne Galerie mit niedriger Brüstung um drei Seiten des Chalets. Es gehen mehrere Türen ab. Eine von ihnen führt in mein gemütliches, in alpenländischem Stil eingerichtetes Schlafzimmer, dessen sehr kurzes Doppelbett unter der Dachschräge steht. Es war mit klein karierter, rot-weißer Wäsche bezogen. In dem Raum roch es fast betäubend nach dem Bergzedernholz der Möbel. Inzwischen habe ich an den Geruch gewöhnt und nehme ihn kaum noch wahr. Es gibt hier noch zwei Türen, die in ein schmales Bad und einen begehbaren Kleiderschrank führen.

Die beiden Männer wuchteten die Koffer auf eine Ablage. Andrin schnaufte kurz aus, dann legte er einen Schlüsselbund auf das Nachtkästchen.

»Ich werde mit meinem Zweitschlüssel unten alles absperren, wenn wir jetzt gehen«, bemerkte er dabei und wollte noch etwas ergänzen, aber Reto tippte nachdringlich auf seine Armbanduhr. »Nun, schlafen Sie gut.«

Er verließ eilig das Zimmer. Auch Reto wollte sich verabschieden, aber ich hielt ihn noch einmal auf.

»Wenn du möchtest, dann komm doch bald mal wieder rauf zu mir«, sagte ich und kam mir dabei schon ein wenig dämlich vor. »Wir können ja ein wenig über meine Bücher plaudern. Ich bin gespannt, was du von ihnen hältst.« War ich zu schnell? Was dachte er jetzt von mir. Ihm musste klar sein, dass dies ein beinahe unverblümter Flirtversuch war. Er zögerte. Dann lächelte er.

»Das … das wäre wirklich nett. Danke für die Einladung, Bernadette!« Er sah erneut auf seine Uhr. Er war wirklich nur halb bei der Sache und schien nun ernsthaft besorgt zu sein. Er bemerkte meinen fragenden Blick. »Wir müssen jetzt wirklich runter nach Stillblüten. Bei diesem Schitterwetter wird die Talfahrt kein Vergnügen. Grüezi, und erhole dich gut. Bis bald.« Und dann beugte er sich einfach vor und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich errötete, aber das sah er nicht mehr, denn er ging mit schnellen Schritten aus dem Schlafraum. Seine schweren Schuhe polterten die Treppe hinunter und ich hörte ihn im Wohnzimmer aufgeregt mit Andrin flüstern. Ich verstand kein Wort. Danach fiel gleich die Kellertür ins Schloss und wurde abgesperrt. Kurze Zeit später hörte ich das Quietschen der Seilbahn. Ich war allein im Elsternnest.

*

Das Verhalten der beiden war schon sehr seltsam gewesen. Je später es geworden war, desto unruhiger waren sie geworden. Wäre ich nicht so schläfrig gewesen, hätte mir ihr Verhalten wahrscheinlich noch mehr zu denken gegeben. Doch zu irgendwelchen Grübeleien war ich nicht mehr fähig. Ich packte nicht einmal mehr meine Koffer aus, sondern zog meinen Kulturbeutel und den Pyjama von gestern aus der Reisetasche, machte eine rasche Katzenwäsche. Dann vergrub ich mich eilig unter meinem gewaltigen und voluminösen Federbett. Aber ich konnte nicht einschlafen. Eine Weile wälzte ich mich hin und her, dann gab ich es vorerst auf. Es war inzwischen schon nach eins. Doch meine bewährteste Einschlafhilfe zeigte Wirkung. Ich begann im Schein der Nachttischlampe für dich meine Ankunft in Stillblüten aufzuschreiben. Darüber schlief ich endlich doch ein. Ein paar Stunden später weckte mich dann das Heulen dieses Hundes, von dem ich dir vorhin schon berichtet habe. Es hielt mich fast bis zum Morgengrauen wach – das heißt, ich lag die meiste Zeit in einem unruhigen Halbschlaf. Träumte viel Unsinniges von dir und Gerd. Es war auch wieder einiges Erschreckendes dabei. Mit der Dämmerung schlief ich aber noch einmal fest ein und erwachte erst wieder gegen zehn Uhr durch das Geräusch eines Staubsaugers.

Schlaftrunken tappte ich hinaus auf die Galerie. Unter mir war Anneli Brändli mit Saubermachen beschäftigt. Das über Nacht in sich zusammengefallene Feuer brannte wieder im Kamin. Ich weiß nicht, wie lange sie schon bei der Arbeit war, aber sie war so beschäftigt, dass sie mich nicht wahrnahm, als ich ihr von oben eine Weile beim Staubwischen zusah. Ich zog mich zurück und ging ins Bad. Meine Güte. Ich sah wie eine Megäre aus. Ich war unausgeschlafen und hatte dunkle Ringe um die Augen. Mein Haar wirkte, als hätte ein Vogel in ihm genistet. Mein Teint war so grau wie der Himmel, der durch das halb verschneite Dachfenster zu mir hereinschien. Ich fühlte mich unendlich alt und jenseits meines Verfallsdatums. Die Alte vom Berg …

Die heiße Dusche half, aber ich benötigte anschließend trotzdem eine gute halbe Stunde, um mich wieder einigermaßen wie ich selbst zu fühlen. Mein Bett war bereits aufgeschüttelt und gemacht und der Schlafraum gelüftet, als ich fertig angezogen aus dem Bad kam. Die Herzogin von Bernadette hat unsichtbares, flinkes Personal. Das gefiel mir, obwohl ich freilich wusste, dass dies nicht zur Gewohnheit werden würde. Ich genoss auf jeden Fall das Gefühl, umsorgt zu werden.

Anneli wartete in der Küche mit einem kleinen Frühstück auf mich. Sie hatte frischen Kaffee aufgebrüht, ein Glas Orangensaft, Schwarzbrot, Fassbutter, Honig und Marmelade hergerichtet. Dabei standen noch Obstsalat, Joghurt und Müsli. Erst mein Magenknurren machte mir bewusst, wie ausgehungert ich war. Ich hatte ja seit gestern Morgen im Hotel nichts mehr zu mir genommen. Die Frau von Andrin saß auf der Bank, hatte die Hände gefaltet und wartete geduldig auf mein Erscheinen.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich und setzte mich zu ihr. »Normalerweise stehe ich viel früher auf.« Griff dann begeistert zu. Der Milchkaffee, in dem kleine Fettaugen schwammen, war ausgezeichnet. Anneli sah mir eine Weile gut gelaunt zu. Offenbar bereitete ihr mein gesunder Appetit Freude.

»Ich wollte Sie noch einmal herzlich in Stillblüten willkommen heißen. Gestern Abend lief ja nicht alles so glatt ab und es war auch ein wenig hektisch«, sagte sie schließlich. Sie spricht ein wesentlich verständlicheres Deutsch als ihr Mann und lässt keine Dialektwörter einfließen. Die kleine, zähe Person machte auf mich insgesamt einen gebildeteren Eindruck als Andrin und auch Reto. »Wir möchten, dass sie sich hier bei uns in den Bergen wohlfühlen. Das Wetter wird in den nächsten Tagen auch noch besser, glauben Sie mir. Der Frühling lässt sich zwar oft ausbremsen. Aber er kommt immer. Vertrauen Sie mir. Er wird kommen.«

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-1)

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Der Schlaf hat mir gestern Nacht den Stift aus der Hand genommen. Ich habe die letzte Mail erst gegen Mittag fertiggestellt und abgeschickt. Inzwischen ist es wieder Abend geworden. Es so viel passiert, von dem ich dir berichten möchte. Ich befürchte, diese Mail wird erneut den Rahmen sprengen, denn ich habe unendlich viel zu erzählen. Hätte nicht gedacht, dass ich in dieser düsteren Zeit noch einmal zu einer fleißigen Briefschreiberin würde. Zumal ich die literarische Gattung des Briefromans so wie das Versepos für mich persönlich in die Gruft der ausgestorbenen Literaturformen getragen habe und ihnen bislang keine Träne nachweinte. Ich habe niemals gerne Briefe geschrieben und sie auch nicht gerne gelesen. Das war eine Qual von Kindheit an. Die Weihnachtskarte für die Oma, die Korrespondenz mit meiner schottischen Brieffreundin, die Post an meine Mutter, wenn sie wieder einmal aufgrund ihrer Fettleibigkeit auf Kur war. Der ›Werther‹, was für ein langweiliger Quark! Hasste das. So etwas wollte ich niemals selbst fabrizieren.

Und jetzt? Sieht es so aus, als würde ich dir einen Briefroman schreiben. Ausgerechnet. Diese sind übrigens immer an jemanden gerichtet, aber sie wirken wie Monologe. Denn es finden sich nur selten die Antworten der Empfänger darin. Es ist, als wären diese Briefbotschaften nicht an eine bestimmte Person, sondern an die Welt gerichtet: ›An meine imaginierte Leserin‹, die ich eigentlich bei jedem Satz, den ich aufs Papier bringe, im Hinterkopf behalte. Mir geht es bisher mit meinen Nachrichten an dich genauso. Vier endlose E-Mails habe ich bislang abgeschickt, aber bisher noch keine einzige von dir zurückbekommen. In meinem Postfach landen nur Spam und der übliche Werbekram. Hattest du noch keine Zeit für eine Antwort? Oder bist du mir noch böse wegen meines überstürzten Aufbruchs? Eine Empfangsbestätigung hätte mir schon genügt. Ich weiß ja, wie langweilig es ist, mit seiner Mutter zu korrespondieren. Doch dieses Schweigen – das habe ich nicht verdient. Geht es dir denn gut? Wie kommst du zurecht ohne mich? Vermisst du mich auch so sehr?

Weißt du, ohne eine Antwort von dir fühle ich mich tatsächlich so, als würde ich an einem fantasievollen Briefroman arbeiten und nicht einen genauen Bericht für dich über meine Erlebnisse während meiner kleinen Auszeit anfertigen. Tja. Wahrscheinlich sind es genau diese Einträge in mein blaues Notizbuch, die der Weg aus meiner Schreibkrise heraus sind. Ich habe zwar meinen Roman noch nicht fortgesetzt, aber ich schreibe! Zum ersten Mal seit Monaten. Das verstopfte Ventil ist wieder frei. Ich glaube, ich räume mein schwarzes Notizbuch in eine Schublade. Ich lasse meinen angefangenen Levin Lionheart dort einfach ruhen und schreibe mein Frühjahr in Stillblüten. Das wäre der Titel der Geschichte. Frühjahr, ja. Auch wenn ich bei einem Blick aus dem Fenster nur Schneeflächen, graue Wolkenfetzen und ein schwarzes Wetterkreuz sehe. Genau weiß ich noch nicht, wohin das Ganze mich führt. Erzählung, Roman, Memoiren, irgendwas. Ich schreibe einfach mal drauflos. Ich muss nur aufpassen, dass mir nicht meine Fantasie mit mir durchgeht und ich etwas dazuerfinde. Doch das werde ich wohl nicht nötig haben. Den Titel habe ich mir heute Nacht ausgedacht, als mich gegen halb vier Uhr ein lang gezogenes Jaulen weckte und ich danach lange nicht wieder einschlafen konnte. Doch, ich bin mir sicher, dass es Hundegebell war. Von einem großen Tier; einem Hofhund wahrscheinlich. Es klang ganz nah. Merkwürdig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in meiner näheren Umgebung eine Alm gibt, in der einer zuhause sein könnte. Wahrscheinlich war es nur ein Echo aus dem Tal.

Also, gut. Zurück in die Chronologie. Kehren wir dorthin zurück, wo ich gestern aufgehört habe. Die Kabine der Seilbahn, die uns hinauf zum Elsternnest brachte, ist eine eisigkalte Kühltruhe und hat keinerlei Sitzplätze. Sie ist eng und für höchstens vier Personen ausgelegt. Da Reto bei diesem Schneegestöber nur eine einzige Fahrt wagte, war außer uns beiden und Andrin auch noch mein ganzes Gepäck an Bord. Wir standen wie die Ölsardinen aneinandergepresst in der Kabine und redeten während der Fahrt kein Wort miteinander. So viel zu den Abstandsregeln. Es ging über zwei Stützpfeiler sehr steil jene Bergflanke empor, die direkt hinter Stillblüten beginnt. Durch die beschlagenen und zerkratzten Fensterscheiben gab es in dieser finsteren Nacht nicht viel zu sehen. Schnell blieben die wenigen Lichter des Dorfs unter uns zurück und wurden von der von großen Schneeflocken durchwirbelten Schwärze draußen verschluckt. Wenn es nicht aufwärtsgegangen wäre, hätte dies auch meine Fahrt direkt in den 9. Kreis der Hölle sein können. Allein an den beiden beleuchteten Masten wich die Dunkelheit kurzzeitig einem grellen Schlaglicht, das den feuchten, kahlen Felsen schräg vor uns glitzern ließ.

Aber ich sah kaum hinaus. Das war mir zu gruslig. Es reichte schon, dass die Kabine mit den Windstößen hin und her schwankte und an den Masten durchsackte. Ich musste immer wieder Halt an meinem jungen Vergil finden, der mich in die Hölle begleitete. Er starrte zwar konzentriert nach draußen und schwieg. Aber die Berührung unserer Körper schien ihm nicht unangenehm zu sein. Bei besonders heftigen Schwankungen drückte sich dann auch noch Andrin gegen meinen Rücken. Ich wurde dabei so eng an Reto gepresst, als wären wir ein Liebespaar. Auch er wirkte unter seinem weiten Blaumann dünn, aber sehr muskulös. Er stand trotz der Stöße und Schwankungen breitbeinig und sicher vor seinem Steuerungskasten. Wirkte dabei so unerschütterlich wie der Kapitän eines Viermasters bei Juel Verne. Was soll ich noch sagen? Es fühlte sich einfach gut an. Ich war geborgen, hatte meine Panik im Griff und die zehn Minuten Fahrt hinauf zum Elsternnest ging überraschend schnell vorbei. Fast bedauerte ich es, als wir ankamen.

Die kleine Bergstation ist direkt in das Chalet integriert und man gelangt von ihr durch einen kurzen Gang in den Keller des Gebäudes hinein. Meine beiden Begleiter gingen mit dem Gepäck voran und brachten es zur metallenen Eingangstür. Andrin schloss sie auf und spielte den Cicerone, während sich Reto die ganze Zeit schüchtern im Hintergrund hielt und immer wieder nervös auf seine Armbanduhr sah. Wahrscheinlich wäre er am Liebsten gleich wieder aufgebrochen. Doch der Alte ließ es sich nicht nehmen, mir alles genau zu erklären.

»Also: Hier unten sind der Heizungsraum eine Waschküche und ein Lager. Durch den hinteren Eingang geht es in den Fitnessraum. Dort befindet sich auch eine finnische Sauna, die Sie eine halbe Stunde vor der Benutzung einschalten müssten, oder? Und hier geht es hinauf in das Chalet selbst«, plapperte er munter vor sich hin, als hätte ihn die Höhenluft auf fast zweitausend Metern aus seiner Schweigsamkeit geweckt. Ich bekenne mich schuldig. Ich habe ihm kaum zugehört. Meine Müdigkeit und die Schwere in meinen Beinen nahm mit jedem Schritt zu und ich bewegte mich nur noch schlafwandlerisch. Durch eine steile Jakobsleiter stiegen wir zur Wohnung hinauf. Reto und Andrin mussten ziemlich schnaufen, als sie mein Gepäck endlich oben hatten.

Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie das Elsternnest von außen aussieht, aber die Inneneinrichtung wirkte, als würde ich die geheime Villa eines James-Bond-Bösewichts betreten. Zwar sind die Wände aus nachgedunkelten Holzbalken und graubraunen Granitblöcken gefertigt und riechen betäubend nach Zedern und Harz, aber das Interieur wirkt wie aus einem Möbelkatalog der späten Sechzigerjahre. Sogar eine gutgefüllte Bar gibt es hier. Hat Welkenbaum diese Wohnsünde verbrochen oder hat sein Verlag das Chalet mitsamt den Möbeln gekauft? Du wirst es nicht glauben, aber es liegen sogar weiße Schafsfelle vor dem offenen, ausladenden Kamin, in dem gestern Abend ein fröhliches Holzfeuer brannte. Es wärmte angenehm den Wohnbereich, der fast das gesamte Erdgeschoss umfasste. Wahrscheinlich war Andrin am späten Nachmittag schon einmal hier gewesen und hatte vorsorglich eingeheizt. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde mir warm und ich warf eilig meinen Mantel über das orangefarbene Sofa, auf dem zwei Fellkissen liegen. Über eine Stufe gelangt man von dem Wohnzimmer zu einer Küche mit einer gemütlichen alpenländischen Essecke. An ihr sitze ich übrigens gerade und setze diese E-Mail auf. Hier ist es viel bequemer als unten vor dem Kamin, wo es außer der Couch und zwei Lounge-Sesseln nur noch einen niedrigen Nierentisch in grüner Schockfarbe gibt. Ein Stilbruch ist der große LED-Fernseher, der wie ein Gemälde an der Wand hängt. Ich werde mich nicht allzu oft dort aufhalten, glaube ich. Da ist mir dieser kleine Küchenbereich mit Aussicht auf den Bereich vor dem Chalet schon sympathischer.

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Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 6)

Aber ein Traum, Fortsetzungsroman, Geschichte, Literatur, Philosophie, Roman

Ich habe es dir schon einmal gesagt, Abakoum: Wenn du die ganze Wahrheit erfahren willst, musst du deinen Zweifel ablegen. Ich weiß schon, ich klinge wie einer dieser durchgeknallten Sektenführer. Manchmal fühle ich mich schon selbst wie einer dieser Verkünder ihrer verschrobenen Weisheiten, aber eines musst du mir glauben: Solange du Zweifel hast, wird es dir nicht gelingen, die Mauern zu sehen, gegen die du tagtäglich anstürmst.

Mir ist das schon klar. Es ist schwer zu schlucken, denn du hast noch nie von einem europäischen Krieg in den späten 60ern gehört, noch dazu von einem, in den die Schweiz verwickelt war. Aber dies ist auch nicht hier in deiner Welt passiert, sondern in der pervertierten, aus dem Takt geratenen Spiegelwelt meines Bruders Ruben, einer Welt, die sich schließlich selbst zerstörte und implodierte. Sie war nur eines der geplatzten Bläschen im Schaum, aus dem das Universum besteht, das seinem inneren Druck und seinen Widersprüchen nicht mehr standhielt. Aber das geschah erst zwanzig Jahre später und ist eine Geschichte, die dir unser gemeinsamer Freund Linus in der nächsten Woche erzählen wird. Von einem anderen Standpunkt aus hat er dir schon davon berichtet. Aber vergiss das. Ich will das Ganze für dich nicht noch komplizierter machen, indem ich noch eine oder zwei Spiegelebenen einführe. Lassen wir den Erzähler und den Leser beiseite.

Sagen wir einfach, dort drüben bei Ruben war aus dem kalten Krieg ein heißer geworden. Die Armeen des Warschauer Pakts und der NATO hatten sich wie die Mächte des 1. Weltkriegs in Mitteleuropa ineinander verbissen und verkeilt und verwüsteten die eben aus dem Trümmern des 2. Weltkriegs wieder auferstandenen Länder aufs Neue. Berlin war längst gefallen, weite Teile Skandinaviens und der beiden deutschen Staaten ein Schlachtfeld mit einer vollkommen unübersichtlichen Frontlinie, auf dem Kapitalismus und Kommunismus sich ihre Vorrangstellung zerfleischten. Hier auf dem Boden des alten Europas war das Vietnam dieser Welt. Noch fand der Krieg konventionell statt – was immer dieser Euphemismus bedeuten mag – und hatte niemand gewagt, die Atombombe einzusetzen. Gerade auf sowjetischer Seite scheute man noch davor zurück. Aber das war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Beraterstäbe der lokalen Ausgaben von Breschnew und Lyndon B. Johnson sich gezwungen sehen würden, auf diese ultima ratio zurückzugreifen. Gewaltige Flüchtlingsströme wälzten sich heimatlos und verzweifelt durch die zerstörten Länder, in denen jede Staatsmacht oder Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen war. Überall herrschten Anarchie, Diktatur oder die blanke Willkür lokaler Despoten, marodierender Milizionäre, Söldnertruppen, einfacher Räuberbanden oder verwilderter Armeen. Ziel der Flüchtigen waren der Süden und der Westen Europas, doch dort strandeten sie in menschenunwürdigsten Verhältnissen in provisorisch errichteten Auffanglagern an den Ufern der Meere. Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal wurden der Menschenmassen, die ihre Länder überschwemmten, nicht mehr Herr und auch dort brachen unter dem Ansturm sämtliche staatlichen Ordnungen zusammen.

Die humanitäre Katastrophe in Europa kann mit Worten kaum beschrieben werden. Zusätzlich zu dem Massensterben durch die kriegerischen Handlungen gab es an allen Orten Plünderungen und Vergewaltigungen, es wurde gebrandschatzt und gemordet. Überall fanden entsetzliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung statt. Ernten wurden vernichtet, wohin man auch sah, es gab nur Hunger, Folter, Leid und Tod. Krankheiten und Seuchen, die das moderne Europa längst vergessen und überwunden glaubte, brachen aus und Epidemien rafften Hunderttausende dahin. Schlepper verdienten Unsummen damit, zahlungskräftige Flüchtlingen Überfahrten auf Seelenverkäufern ins vermeintlich sichere Nordafrika und nach Vorderasien zu verkaufen. Allein die Schweiz hatte sich in Mitteleuropa mühsam ihre staatliche Souveränität bewahren können. Sie fuhr ihre seit Jahrhunderten bewährte Strategie, sich als neutraler Geldmarkt für die kriegsführenden Parteien zu öffnen und zugleich ihre Grenzen gegen alle zu verschließen, die Zuflucht auf dem vollen Rettungsboot in den Alpen suchten.

René und ich waren also im Auge des Sturms gelandet, als wir von der Bergflanke in die Welt von Ruben gestürzt waren.

„Krieg?“, staunte ich den Hüttenwirt fassungslos an und begriff kaum, was er da sagte. Der Bergbauer wandte sich zu mir.

„Ihr wisst, Jungen, ich muss euch bei der Gendarmerie melden.“ Er warf einen seltsamen Blick auf meine vom Ausheben von Hernis Grab verschmutzte Kleidung.

„Ihr seid keine Schweizer und nach normalen Wanderern seht ihr mir auch nicht aus. Wo sind denn eure Eltern? Wisst ihr das überhaupt?“

Ich wich etwas zurück, während René einen Schritt zur Seite trat. Er hielt den Kopf gesenkt. Der Mann hob beschwichtigend die Arme.

„Ihr müsst euch nicht vor mir fürchten, Buben. Euch wird nichts geschehen. Für euch ist der Krieg erst einmal vorbei. Es gibt Lager, in die wir die versprengten Jugendlichen ohne Begleitung bringen, die über die Grenze kommen. Dort werden sie euch gut behandeln und ihr werdet etwas …“

Der Gastwirt stockte mitten in seinem Satz und seine Augen wurden groß. Plötzlich lief ihm ein Blutfaden aus der Nase. Er röchelte, dann stolperte er nach vorn und fiel in meine Arme. Ich hielt den schlaffen, erstaunlich schweren Körper fest und starrte verblüfft auf das große Fahrtenmesser, das auf seiner linken Seite bis zum Griff in seinem Rücken steckte.

„Was hast du getan, René? Hast du den Verstand verloren?“, stammelte ich fassungslos und hielt den Mann aufrecht, denn ich hatte das Gefühl, dass er noch zu retten war, solange ich ihn nur stützte. René zuckte mitleidlos mit den Schultern. Obwohl er alles andere als schuldbewusst wirkte, war seine Stimme doch unsicher:

„Du hast doch gesagt, dies hier wären keine echten Menschen, sondern nur Marionetten, die allein in der Fantasie deines durchgeknallten Bruders existieren. Habe ich eben einer dieser Puppen die Fäden durchgeschnitten – Na und? Kannst ihn ja wieder zum Leben erwecken, wenn du willst. Aber möchtest du wirklich, dass er uns bei den Bullen verpfeift und wir in ein Lager kommen?”

Endlich legte ich meine Last sanft und vorsichtig zu Boden. Ich schüttelte den Kopf. Nein, das wollte ich nicht. René sprach sich mit seinen Worten selbst Mut zu, das hörte ich. Er wollte von mir eine Bestätigung, dass er richtig gehandelt und keinen brutalen Mord begangen hatte. Doch die erwartete er von mir vergebens. Zu erschüttert war ich von dem Geschehenen. Der Mann war in meinen Armen gestorben und obwohl er nur ein Spiegelbild des echten Hüttenwirts in meiner Welt war, hatte es sich echt angefühlt. Ich bekam Zweifel, ob die Menschen hier tatsächlich nichts empfanden, sondern nur die Echos von Gefühlen waren, die aus der Wirklichkeit herüber tönten. Dr. Hernis erster Tod – sein plötzliches Verschwinden letztes Jahr im Speisesaal – war viel zu abstrakt gewesen, um es ernst zu nehmen und wirklich Schuldgefühle zu entwickeln. Er war einfach weg. Erst sein zweiter Tod vor ein paar Stunden war auch sein tatsächlicher gewesen, doch das war nur ein Unfall. Selbst wenn der Hüttenwirt in meiner Welt munter und lebendig sein mochte: Mir die Hände blutig gemacht, das hatte ich erst jetzt. René mochte Ähnliches empfinden, aber er würde lieber durch die Hölle gehen, als das zuzugeben.

„Wie haben heute eine gute Quote“, sagte er und seine Stimme überschlug sich dabei beinahe. „Das war schon der zweite; wer weiß, ob er der letzte bleibt.“

In diesem Moment bekam ich zum ersten Mal Angst vor ihm und mir wurde klar, dass ich ihn loswerden musste – und zwar bald. Ich hatte den Eindruck,hilflos dabei zuzusehen, wie er sich mit schnellen Schritten dem Wahnsinn näherte.

René beugte sich herab zu der Leiche und zog mit einem Ruck das Messer aus dem Körper. Als hätte es die Wunde verschlossen gehalten, sprudelte sofort ein Schwall Blut heraus, der das blaue Leinenhemd dunkel einfärbte. René funkelte mich von unten an, das tropfende Messer zielte auf mich. Ihm war ein neuer Gedanke gekommen.

„Das kannst du doch rückgängig machen? Ich meine, du wirst ihn jetzt einfach verschwinden lassen?“, bettelte er.

Mir schien, er fürchtete sich vor meiner Antwort. Wahrscheinlich konnte ich das, aber nicht im Moment. Ich war noch viel zu durcheinander, um mich auf etwas anderes konzentrieren zu können, als auf meinen Fluchtinstinkt. In diesem Augenblick sandte die Sonne rote Strahlen auf den gegenüberliegenden Berghang. Es war ein letztes, schmerzhaftes Aufblitzen, bevor sie endgültig verschwand und uns in der Dunkelheit und Finsternis dieser trostlosen Welt zurück ließ. Die Klinge in Renés Faust funkelte noch einmal. Unsere Blicke trafen sich.

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 5)

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Na, gut. Und was machen wir jetzt? Übernachten wir hier oder steigen wir ab? Oder zauberst du uns wie die Bezaubernde Jeannie mit einen Augenzwinkern zurück?“

Das würde ich wirklich gern, aber ich weiß nicht, wie das geht. Ich habe es noch nie geschafft, aus eigenem Entschluss nach Hause zurückzukehren. Das ist immer alles nur mit mir geschehen. Ich wurde zu diesen Wechseln der Welten immer von Ruben gezwungen. Er ist dazu offenbar in der Lage, warum auch immer. Und ich will eigentlich die Macht, die ich hier besitze, so wenig wie möglich anwenden.“

Aus großer Macht entsteht große Verantwortung“, warf der comicbegeisterte René ein und nickte dabei wissend.

Du hast Recht“, stimmte ich zu, „ich verstehe sie nicht und ich glaube, meine Kräfte können wirklich gefährlich sein. Ich kann gefährlich sein. Ich habe Angst, dass ich etwas kaputt mache, das ich anschließend nicht mehr reparieren kann. Und dass es Kreise zieht, sich ausdehnt. Weißt du, wie bei einem Stein, den man in einen See wirft. Diese Welt könnte dabei wie eine Seifenblase platzen.“

Okay. Ich verstehe. Was also dann?“

Ich deutete auf den Werkzeugschuppen neben der Hütte, dessen Tür zwar geschlossen, aber nicht versperrt war. „Als erstes sollten wir den Lehrer begraben.“

Das war eine harte und undankbare Knochenarbeit, zu der wir uns zwangen. Ich kann dir heute nicht mehr erklären, weshalb wir sie überhaupt unternahmen; warum wir nicht einfach unsere Sachen packten und das Weite suchten. Wir glaubten wohl, wir wären es dem Lehrer schuldig, ihn nicht wie ein totes Tier einfach in der Wiese liegen zu lassen. Obwohl Dr. Herni zu Lebzeiten ein Sadist und Leuteschinder gewesen war, den bestimmt niemand in meiner Welt vermisste, waren wir doch beide der Meinung, dass wir ihn beerdigen sollten. Wir waren schließlich zivilisierte Christen.

Das erzählt sich alles heute ganz einfach. Aber es zu tun, Abakoum, war eine Knochenarbeit. Wir schufteten mehrere Stunden und mussten dauernd gegen Tränen und Übelkeit ankämpfen. Jeder von uns tat einmal zur Seite, um sich zu übergeben. Das Ausheben des Grabes im vor Blicken geschützten Schatten eines großen Felsen machte uns erhebliche Schwierigkeiten. Wir fanden zwar in der kleinen Scheune eine Picke und eine Schaufel und der Boden war weich und lehmig. Jedoch stießen wir schnell auf Steine und etwas tiefer auf den blanken Felsen unterhalb der Wiese. Schnell gerieten wir ins Schwitzen und mussten immer wieder pausieren, um uns der neugierig heran trottenden Kühe und deren bissiger Fliegenbegleitung zu erwehren. Wir waren zwar jung und strotzten vor Kraft, aber wir laugten uns bei der Arbeit völlig aus. Wir hätten es nie geschafft, Hernies letzte Ruhestätte auszuheben, wenn ich nicht doch ein paar Mal meine Zauberkräfte eingesetzt und ein paar der Steine in Luft aufgelöst hätte. Kürzlich hatte ich einer „Raumschiff-Enterprise“-Folge gesehen, wie ein von kosmischer Macht besessenes Crewmitglied ein solches Grab mit einem Augenaufschlag ausgehoben hatte – mitsamt Grabstein und Inschrift. Aber ich hatte auch nicht vergessen, dass dieser Steuermann durch seine Kräfte verrückt geworden war. Und davor fürchtete ich mich. Auf den starren und sich unseren Anstrengungen wie unwillig und trotzig widerstrebenden Leichnam hatte ich übrigens überhaupt keinen Einfluss. Schließlich stammte der tote Lehrer ja aus meiner eigenen Welt und unterlag deshalb nicht meinen Zauberfähigkeiten. René und mir blieb daher nichts anderes übrig, als ihn gemeinsam zu der notdürftig ausgehobenen Grube zu schleppen und ihn dann mehr schlecht als recht mit Erde und Steinen zu bedecken. Kurz standen wir dann vor dem Grab und überlegten still, ob wir ein paar Worte sagen sollten; ein Gebet vielleicht.

René wandte sich als Erster achselzuckend ab und ging zurück zur Hütte. Ich senkte die Augen, um den Toten zumindest mit Schweigen zu ehren, ab da fiel mein Blick auf meine schmutzigen Hände. Weil ich Hernis Leiche bei der Schulter gepackt hatte, seinen pendelnden Kopf zwischen meinen Armen, hatte ich von dem kurzen Transport vom Unglücksort hinüber zum Grab viel Blut an ihnen. Von mir selbst angeekelt trat ich ebenfalls zurück. Ich wusch meine Hände wohl eine halbe Stunde lang am Brunnen vor der Hütte, hartnäckig scheuerte sie immer und immer wieder mit einem rauen Stück Schotter ab, befreite sie von der Erde und dem rostig geronnenen Blut, bis sie selbst ganz wund und rot waren. Ich hatte längst keine Spuren von Hernies Blut mehr an den Fingern. Aber ich konnte wie Lady Macbeth einfach nicht mehr aufhören, sie zu reinigen. René saß in der Zwischenzeit mit starrem und nach innen gekehrtem Blick in meiner Nähe, summte vor sich hin und bekam wahrscheinlich überhaupt nichts von meinem neurotischen Waschzwang mit.

Das stotternde Tuckern eines Zweitaktmotors beendete unser Selbstmitleid. Es knatterte aus dem Tal zu uns herauf. Wir lauschten den häufigen, wie Schüsse knallenden Fehlzündungen, die langsam lauter wurden. Über den gekiesten Fahrweg zur Alm hinauf näherte sich schnell ein Motorrad; aber noch befand es sich im dichten Nadelwald und wir konnten es von der Hütte nicht ausmachen. Nur sein wütender Hornissenton brummte wie eine Anklage in unseren Ohren. Wir sahen uns ertappt an. Mein vager Plan, die Tür zur Alm aufzubrechen und in ihr zu übernachten, wurde hinfällig, wenn uns tatsächlich jemand hier fand.

Das ist der Almwirt. Er muss nach seinen Tieren sehen“, stellte René fest. Er hatte sicher recht. Wer sonst sollte auch um diese Zeit aus dem Tal herauf fahren? Denn inzwischen war es ziemlich dämmrig geworden. Längst war die Sonne hinter den Berg getaucht und hatte dessen kalten Schatten auf die Wiese und die Gebäude geworfen. Noch glänzte der Himmel wie ein blauer Lack, auch wenn bereits der Abendstern zu sehen war und es von Minute zu Minute kälter wurde. Über die Wiese und das aufgeschüttete Grab des Lehrers zogen bereits ein paar Nebelfetzen. Von der Hütte aus verbarg der große Felsen den verräterischen Erdhügel, aber spätestens, wenn der Hirte seine Kühe zusammen trieb, würde er unsere Tat entdecken. Wie sollten wir das nur erklären? Ob wir noch die Zeit hatten, uns zu verstecken?

Gehen wir ihm entgegen“, schlug ich vor. Aber dazu war es bereits zu spät. Plötzlich war in unmittelbarer Nähe ein Lichtkegel auf dem Weg zu sehen und kurz darauf stoppte eine alte Zündapp mit Seitenwagen mit dem Hüttenwirt auf dem Sattel neben dem Brunnen. Ich kannte ihn vom letzten Jahr, auch wenn er sich sicher nicht mehr an mich erinnerte. Der kräftige Mann stellte den Motor ab und bockte seine Maschine auf. Er stieg ab und wand sich neugierig an uns:

Ja, Buben. Was macht denn ihr hier oben noch um diese Zeit?“, fragte er in nahezu unverständlichem Schwyzerdütsch. Ich erklärte ihm umständlich und verworren, das wir uns bei einer Bergwanderung verlaufen hatten und nun auf eine Unterkunft in seiner Hütte hofften, damit wir morgen ins Tal absteigen konnten. René nickte bekräftigend. Der Einheimische antwortete erst nach dem für die Menschen in Rubens Welt so typischen Zögern, das allerdings auch sehr gut zu einem Schweizer Bergbewohner passte.

Ja aber, meine Wirtsstube ist schon den ganzen Sommer geschlossen, das könnt ihr euch doch denken, oder? In diesen Zeiten kommt keiner hier rauf. Wo kommt’s denn her, Buben?“

Aus dem St.-Ottilien …“, wollte René bereits mit der Wahrheit herausrücken, aber ich unterbrach ihm mit einem lauten Einwurf.

Was meinen Sie mit: ‚In diesen Zeiten‘?“, fragte ich und wartete mit einem mulmigen Gefühl auf die sich erheblich verzögernde Antwort, die dann wie eine Bombe einschlug. Der Hüttenwirt runzelte die Stirn und sah mich verwundert an.

Ja, aber … Buben. Es ist doch Krieg, oder?“