Aber ein Traum …

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Das schwarze Urteil (Teil 6) – Kriminalerzählung

Kalvin gehorchte und lächelte flüchtig. Er wusste jetzt sicher, dass der Anrufer vor ihm stand, er hatte ihn nicht an der Stim­me, sondern an seiner Eigenart, wie er „ausgezeichnet“ sagte, erkannt. „Also zwei Entführer“, dachte er.

Dann geschah etwas, mit dem Kalvin nicht gerechnet hatte. Der Mann senkte etwas die Waffe und trat auf ihn zu. Dadurch verließ er den Schatten der Anonymität. Das Licht der Scheinwerfer fiel scharf in sein Gesicht. Kalvin hatte sich anhand der Stimme nicht verschätzt: Der Mann war höchstens drei­ßig, wahrscheinlich jünger. Er war außeror­dentlich mager, das glattrasierte Gesicht unter dem kurzen Stoppelschnitt hager, ausgezehrt, vergeistigt. Die Wangenkno­chen traten hart hervor und gaben ihm ein osteuropäisches Aussehen. Ein Russe? Um die Mundwinkel lag die boshafte Ironie, die seine Stimme verraten hatte. Erschreckend waren die Au­gen: Hell und grau standen sie in eigenarti­gem Gegensatz zum schwarzen Haar; sie waren forschend, kalt und aggressiv, sie verfolgten hartnäckig Kalvins Blick. Seine Angst wuchs wieder, denn der blei­che Entführer hatte etwas nicht fassbar Unheimliches, eine fanatische und men­schenverachtende Überlegenheit. Der Ver­gleich mit einem Raubtier drängte sich auf. Nein, dieser Mann war sicher keiner seiner Studenten, er wäre Kalvin auch im über­füllten Erstsemester aufgefallen.

„Kann ich Elisabeth sprechen? Geht es ihr gut?“, fragte er kraftlos. Seine Augen rutsch­ten zur Seite. Er konnte den Blick des Ent­führers nicht mehr ertragen. Der Mann nickte, als finde er etwas bestätigt.

„Es geht ihr gut“, erwiderte er zögernd. Di­rekt vor Kalvin stehend verließ ihn erstaun­licherweise seine Redegewandtheit.

„Wieviel Geld wollen Sie?“ In Kalvins Rü­cken lachte die Frau kurz auf, doch der Mann verzog keine Miene.

„Wir wollen kein Geld von Ihnen.“

„Aber warum haben Sie dann Eli entführt? Was wollen Sie denn von uns?“

„Wir wollten sicher gehen, dass Sie zur Ur­teilsverkündung erscheinen werden, Dr. Kalvin. Ihre Freundin ist nur unser Faust­pfand.“ Kalvin sah überrascht auf und wurde er­neut von dem Blick des Entführers gefes­selt. Jetzt war er sicher: In diesen Augen war Hass. Woher kam er? Er war dem Mann noch nie begegnet. Eine Erscheinung wie die seine vergaß man nicht.

„Von welchem Urteil reden Sie denn? Was ist das für ein Spiel, das Sie mit mir trei­ben?“ Sein Gegenüber trat einen zornigen und überraschenden Schritt näher, beugte sich nahe zu Kalvin herab. Einer der Mundwin­kel zitterte hektisch.

„Das wissen Sie nicht?“, fuhr er Kalvin an. „Sie behaupten … Sie sind hierher in diese Fa­brik gekommen und wissen …“ Er verstummte plötzlich, sah in das ratlose Gesicht seines Gegenübers und begann, langsam zu nicken. Er richtete sich wieder auf. „Er weiß es tatsächlich nicht“, sagte er über Kalvins Schulter hinweg. Er lachte kurz und freudlos, dann rieb er sich mit seiner freien Hand über die Augen. „Ausgezeichnet, dann hören Sie jetzt gut zu: Ich werde mich kurzfassen.“ Er stellte sich breitbeinig in Position, als wolle er eine bedeutende Rede halten. Was er in ernster, getragener Stimme verkündete, war auch gewichtig genug. Zu Kalvins Füßen tat sich ein Abgrund auf.

„Dr. Werner Kalvin; die Jury hat in Ihrer Abwesenheit zu einem Urteil gefunden und meine Aufgabe als Sprecher und Vollstre­cker des Gerichts ist es, Sie heute vom Ur­teil in Kenntnis zu setzen.“ Er machte eine Kunstpause, während Kalvin verständnis­los den Kopf schüttelte. „Dr. Kalvin, aufgrund jener ungeheuerli­chen Vergehen gegen die Menschlichkeit, für die wir sie verantwortlich machen, hat die Jury nach längerer Debatte einstimmig das Todesurteil gesprochen. Ich werde den Spruch der Jury auf die Stunde genau heu­te in einer Woche vollstrecken. Ich füge hin­zu: Es ist mir eine außerordentliche Genug­tuung.“ Kalvin wollte auffahren, doch die Frau in seinem Rücken drückte ihn zurück in den Stuhl.

„Was ist das für ein unglaublicher Un­sinn?“ keuchte er. „Was wollen Sie denn von mir und Eli?“ Der Entführer hob statt einer Antwort die Pistole und drückte den Lauf auf Kalvins Stirn. Kalvin wich alles Blut aus dem Kopf und er schluckte krampfhaft gegen eine aufsteigende Übelkeit an.

„Sie werden sterben, Dr. Kalvin“, sagte sein Gegenüber ruhig. „Sie haben noch sieben Tage, dann werde ich Sie exekutieren. Keine Macht der Welt kann mich davon abhal­ten.“

„Warum wollen Sie das tun? Was habe ich Ihnen denn je angetan? Ich kenne Sie nicht einmal“, stieß Kalvin atemlos hervor.

„Da Sie den Grund im Moment tatsächlich nicht zu kennen scheinen und die Jury die­sen Fall vorhersah, bleibt Ihnen diese eine Woche Frist. Nutzen Sie die Zeit gut. Kom­men Sie dann am nächsten Donnerstag wieder um neun Uhr hier in diese Halle, da­mit ich das Urteil vollstrecken kann …“ Kalvin lachte auf. Das klang wie ein Arzt­termin.

„Sie sind ja verrückt. Nichts dergleichen werde ich tun! Ich werde zur Polizei gehen und die wird diesem Mummenschanz ein Ende bereiten.“ Sein Gegenüber lächelte kurz und überle­gen und senkte die Waffe. Als er sprach, schwang in seiner Stimme sein unterdrück­ter Hass deutlich mit.

„Sollten Sie nicht pünktlich zur Hinrich­tung erscheinen oder die Polizei einbezie­hen, werden wir an Ihrer statt das Liebste töten, das Sie haben. Das gilt als Ersatzur­teil, falls Sie sich dem Vollzug entziehen. Aus diesem Grund ist Ihre Freundin in un­serer Gewalt. Wir hoffen allerdings, dass Sie lieber selbst sterben, bevor Sie sie op­fern. Falls Sie aber tatsächlich noch glau­ben sollten, wir meinten es nicht ernst, werden Sie sich in einer Woche vom Gegen­teil überzeugen müssen.“ Kalvin hatte tausend Dinge, die er erwidern wollte, aber er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Er würgte, aber er fand nicht die Erleichterung, sich zu übergeben. Er konnte nicht fassen, in welch einen Alp­traum er geraten war. Der Entführer drehte sich langsam zur Seite, dann wandte er sich plötzlich herum, trat auf Kalvin zu und gab ihm aus der Drehung heraus mit dem Handrücken eine harte Ohrfeige, die Kalvin fast vom Stuhl warf. Er sah auf, zu dem Mann, der ihn geschlagen hatte. Obwohl seine Backe sofort rot anlief und aus seiner Nase ein dunkler Blutfaden rann, hatte er kaum Schmerzen. Er starrte den Entführer an, sah den Hass und wusste im gleichen Moment, dass er tatsächlich wehrlos vor seinem Henker saß. Aber was hatte er ihm getan? Der Mann trat an Kalvin vorbei, stellte sich hinter ihn, packte einer seiner Schultern und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich werde Sie töten“, flüsterte er, „Sie wer­den für die Verbrechen sühnen; Sie oder eben Ihre Freundin.“ Aufdringlich nah war nun die Stimme und Kalvin rückte angeekelt den Kopf zur Seite. „… eine Woche, ich werde auf Sie warten.“ Die Lichter verloschen, man nahm Kalvin die Handschellen ab. Währenddessen blieb die Hand des Entführers schwer auf seiner Schulter lasten. „Ich rate Ihnen gut, noch sitzen zu bleiben, bis wir gegangen sind. Zählen Sie am Bes­ten bis fünfhundert.“

Der Ratschlag war sinnlos, da Kalvin im Moment unfähig war, sich überhaupt zu bewegen. Wie besinnungslos saß er auf dem Stuhl. Schritte verklangen, dann schabte Metall auf dem Zementfußboden. Kalvin sank langsam in sich zusammen. Ein lichter Moment hatte ihm die Wahrheit gezeigt, er hatte sie in den Augen des Ent­führers gelesen. Dieser Mann würde ihn oder seine Freundin für ein Verbrechen tö­ten, von dem er nicht wusste, welches es war und ob er es überhaupt begangen hat­te. Kalvin hatte die Augen des Mannes ge­sehen, sie waren voller abgrundtiefem Hass und unversöhnlich. Kalvin barg das Gesicht in den Händen. Er brauchte Hilfe, dringend.

Wie ich schon sagte, habe ich noch ein weiteres Kapitel der Geschichte in alten Notizheft gefunden. Ich könnte es übertragen, überarbeiten und in den Blog stellen. Zudem habe ich einen ausführlichen Handlungsabriss geschrieben, der die Erzählung zu einem überraschenden Ende führt, das ich bei mir selbst, bei meinem noch nie veröffentlichten ersten Theaterstück „67“, geklaut habe und auf der Dürrenmattschen These beruht, dass eine Geschichte erst dann zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmste Wendung genommen hat.  Es dürfte inzwischen auch klar sein, dass Werner Kalvin beiweitem nicht so unschuldig ist, wie er am Anfang wirkt.  „Das schwarze Urteil“ spielt übrigens unverkennbar in Augsburg und könnte mit leichten Veränderungen Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus werden. Wenn …, ja, wenn …

Doch ich frage mich, ob sich der Aufwand lohnt. Liest so etwas jemand? Betrachte ich die Zugriffsstatistik auf „Aber ein Traum“ in der letzten Woche, dann wohl doch eher nicht. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Falls es also – die Hoffnung stirbt zuletzt – den einen oder anderen Leser geben sollte, der an einer Fortsetzung der Geschichte interessiert sein sollte, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Das schwarze Urteil (Teil 5) – Kriminalerzählung

Kalvin setzte sich wieder in seinen Sessel. Seine Hand mit dem Foto zitterte; jetzt erst kam der Schock. Während er die unbe­wussten Reflexe seines Körpers beobachte­te, suchte er sich zu beruhigen. Diese Sache allerdings wuchs ihm allerdings bereits jetzt über den Kopf. Kalvin sehnte sich da­nach, jemanden ins Vertrauen zu ziehen, der ihm helfen könnte. So sehr er auch in seiner Erinnerung wühlte: Niemand fiel ihm ein. Schon lange nicht mehr war ihm in den Sinn gekommen, wie einsam es in den letzten Jahren um ihn herum geworden, wie alleine er war. Die Be­ziehung zu Eli hatte ihn davon abgelenkt. Mit dem Unfalltod von Barbara, seiner Frau, hat­ten auch die meisten Freundschaften geen­det, weil er sich in seinem Schmerz in ein Schneckenhaus zurückgezogen und Annäherungsversuche fast panisch von sich gewiesen hatte. Die längste und engste Freundschaft zu seinem ehemaligen Studi­enfreund Klaus Bilde hatte vor drei Jahren ihr Ende gefunden, als Kalvin der Berufung an die Uni gefolgt war und dafür seine Arbeit in der Wirtschaft aufgab und sich von Klaus aus der gemeinsamen Beratungsfirma auszahlen ließ. Er dachte nicht gern daran, es war eine unangenehme Erin­nerung, denn das Ganze hatte mit einem Streit geendet. Zu den Professoren und Dozenten war er von Anfang an auf Abstand gegangen. Ihre Art zu leben entsprach nicht der sei­nen. Nein, er wusste niemanden, der ihm im Moment beistehen konnte. Er hatte die Si­tuation allein zu meistern und jetzt blieb Kalvin nichts anderes übrig, als abzuwar­ten.

Kalvin kam am Pförtnerhaus neben dem breiten, mit eisernen Ketten verschlossenen Osttor der ehemaligen Maschinenfabrik um dreiviertel neun Uhr an. Von der Bushaltestelle einige Parallel­straßen entfernt war es ein Fußweg von nur fünf Minuten gewesen. Er war nicht mit dem Auto gefahren, weil er während der Wartezeit den restlichen Rotwein aus der Flasche, die ihm normalerweise eine ganze Woche reichte, getrunken hatte. Der verfallene Gebäude­komplex lag inmitten eines alten Industrie­gebiets und zu dieser Tageszeit war kaum jemand  unterwegs. Die Rubensstraße lag völlig still vor ihm und sie war eine der am wenigsten vertrauenerwe­ckenden Straßen des Viertels. Auf der Seite, auf der Kalvin stand, zog sich schier endlos eine kahle Ziegelsteinmauer hin, die das alte Wessingsche In­dustrieareal umgrenzte. Nur wenige, trübe flackernde Lampen erhellten sie unzurei­chend. Gegenüber lag ein vollkom­men in Schwärze getauchter, ungepflegter Park. Kalvin spähte angestrengt durch die rosti­gen Gitterstäbe des Tores und versuchte dahinter in der verwaschenen Düsternis zwischen den heruntergekommenen Gebäudeleichen et­was zu erkennen.

„Ein geschickt ausgewählter Treffpunkt“, dachte er, „das muss man dem Kerl lassen. Unübersichtlich, abgelegen, ein­sam; geeignet, einen verängstigten Men­schen noch mehr einzuschüchtern.“ Doch darauf würde er nicht reinfallen, mit solch billigen Tricks war er nicht zu fangen. Zudem konnte er die ganze Entführung noch immer nicht ganz ernst nehmen, viel zu surreal erschien ihm diese Situation. Kalvin versuchte die Klinke. Das Tor war versperrt, zusätzlich mit dem Ketten­schloss gesichert. Er pfiff leise durch die Zähne. Stellten sich diese Entführer etwa vor, er würde über die Mauer klettern? Er sah sich um und entdeckte an dem kleinen Pförtnerhaus an der Seite eine hölzerne Tür. Sie ließ sich ohne Probleme öffnen. Kalvin griff in seine große Manteltasche und holte eine Stablampe hervor, die er von Zuhause mit­genommen hatte, weil er nicht wie ein blin­der Hase in den Fabrikhallen umherirren wollte. Dann stieß er mit zwei Fingern seiner behandschuhten Rechten die Tür an, die ohne Geräusch nach innen schwang. Mit dem kalten Lichtkegel der Lampe aufmerksam den Bo­den vor sich prüfend, trat er vorsichtig hinein. Glasscherben knirschten unter seinen Schritten. Er ließ sein Licht wan­dern. Bis auf einen verrosteten und verbo­genen Stahlstuhl in der Ecke und einigem Unrat war das Häuschen leer. Den Ausgang auf das Fabrikgelände bildete eine halb aus den Angel gerissene Glastür, die längst nur noch aus ihrem Holzgerüst und ein paar im Rahmen steckenden Scherben bestand. Dennoch musste Kalvin einige Kraft auf­wenden, um den Durchgang für sich frei zu machen. Hier war vor ihm schon lange nie­mand mehr durchgegangen. Wenn die Ent­führer nicht nach ihm kamen – was er für wenig wahrscheinlich hielt -, bedeutete es, dass es noch einen zweiten Durchgang zu dem abgesperrten Areal geben musste.

Kalvin stand nun auf einem gepflasterten Weg, zwischen dessen Steinen hohe Gras­büschel wuchsen, die im Schein der Lampe karg und winterbleich wirkten. Der Weg führte auf ein hohes Gebäude zu, wohl den ehemaligen Verwaltungstrakt. Links und rechts standen langgezogene Fabrikhallen. Kalvin lauschte. Nur das ferne Summen der Autobahn und sein eigener, unruhiger Atem drangen ihm zu Ohren. Eine taube Stille lag über den alten Industrieanlagen und die Gänsehaut, die sich kurz in seinem Nacken bildete, kam nicht von der Kälte der Februarnacht, die hier draußen viel frostiger als in der Stadt in der Luft hing. Den Anweisungen folgend wandte sich Kalvin nach links zu einem vermutlich nur ebenerdigen Gebäude im Ziehharmonika­stil. Dere Personendurchlass in dem hohen Eingangstor stand offen. Damit war es sicher: Er wurde erwartet. Für einen Moment verharrte Kalvin unsicher. Seine Erregung nahm zu und drückte ihm stark auf die Blase. Er kämpfte mit dem Drang, sich noch Erleichterung zu schaffen und verwarf ihn. Dann überwand er sich und betrat die Halle. Dass Licht in seiner Hand zitterte unruhig. Das Gebäude bestand nur aus einem einzi­gen, großen Saal unter einer hohen, von Säulen getragenen Decke. Kalvins Stablam­pe reichte längst nicht aus, die leere Halle auszuleuchten. In regelmäßigen Abständen waren Rinnen und große Schrauben im Bo­den verankert; die übriggebliebenen Spuren und Ver­ankerungen von längst fortgeschafften Ma­schinen. Er stolperte über eines der aus dem Zement ragenden Eisenstücke. Vor­sichtig ging er weiter zu der Stelle, an der er die Mitte der Halle vermutete, dabei spähte er aufmerksam nach beiden Seiten, ohne eine Person zu Gesicht zu bekommen.

Er blieb stehen und wollte sich durch ei­nen Ruf bemerkbar machen. Da hörte er hinter sich ein Geräusch. Die Tür fiel zu und das Tor dröhnte blechern. Kalvin wandte sich herum um und schloss geblendet die Augen. Zwei helle Scheinwerfer leuchteten ihm direkt ins Gesicht. Sie standen links und rechts der Eingangstür und waren ihm eben in der Dunkelheit entgangen. Nach ihrer extremen Lichtausbeute zu urteilen, muss­ten sie zu einer Foto- oder Filmausrüstung gehören. Kalvin hob schützend eine Hand und konnte blinzelnd eine Gestalt ausma­chen, die sich zwischen den Lichtern nä­herte. Er steckte seine nutzlos gewordene Lampe in die Tasche, hielt sie aber weiter­hin umklammert, um sie im Notfall als Schlagwaffe benutzen zu können. Ungedul­dig wartete er auf das langsame, fast provo­kative Näherschlendern der Gestalt, von der er, obwohl er sich an die Helligkeit gewöhn­te, im grellen Gegenlicht nur den Schatten­riss wahrnehmen konnte. Trotzdem war zu erkennen, dass es ein Mann war und er in seiner Rechten eine Pistole trug. Sie hing zwar mit seinem Arm an seiner Seite herab, aber Kalvins Herz machte bei ihrem Anblick einen erschreckten, zitternden Schlag. Vielleicht zehn Schritte vor ihm blieb der Mann stehen, dann hob er lässig seine Waf­fe und zielte auf Kalvin. Kalvin spürte ein bohrendes Ziehen über der Nasenwurzel und zog den Kopf ein. Instinktiv sah er sich nach einem Versteck um. Es gab keines in seiner Nähe; er war dem Gegenüber ausge­liefert. Zudem war der Kerl wahr­scheinlich nicht allein.

„Nehmen Sie die Hände hoch, Dr. Kalvin“, hörte er die Stimme des Mannes und ge­horchte sofort. Im gleichen Augenblick be­gann jemand, ihn von hinten abzutasten. „Sehen Sie sich nicht um.“ Kalvin ließ die aufmerksame Untersuchung schweigend über sich ergehen, während er versuchte, die Gesichtszüge seines Gegen­übers zu erkennen. Die Person hinter ihm nahm seine Lampe aus der Manteltasche und ließ sie unachtsam zu Boden fallen, dann fuhren die tastenden Hände seine Hose empor unter den Mantel. Kalvin zuckte zusammen: Das war eine Frau, die ihn untersuchte, er war sich ganz sicher. Für einen Moment kam ihm eine schmerzende, weil schreckliche Gedanken­verbindung, doch er wagte nicht, gegen den Befehl den Kopf zu wenden und nachzuse­hen, ob es vielleicht Eli war.

„Er ist sauber“, sagte nahe an seinem Ohr eine weibliche Stimme. Sie klang nicht nach sei­ner Freundin; er hätte ihre Stimme, obwohl sie verstellt war, mit Sicherheit erkannt.

„Gut“, dachte er, „es sind also zwei Entfüh­rer, möglicherweise auch drei, ein oder zwei Männer, eine Frau, alle, nach den Stimmen zu urtei­len, jung, noch keine dreißig.“ Sein Ver­dacht, es wären Studenten von ihm, erhär­tete sich. Die Frau forderte ihn auf, die Hände auf dem Rücken zu verkreuzen. Kalvin ge­horchte und er spürte das kalte Metall der Handschellen, die sie ihm anlegte. Die bei­den wollten anscheinend keinerlei Risiko eingehen. Warum legten sie so viel Vorsicht an den Tag? Fürchteten sie ihn denn?

„Setzen Sie sich“, sagte der Mann, der noch immer mit der Pistole nach ihm zielte. Kal­vin bemerkt einen Stuhl, der ihm von hin­ten gegen die Kniekehlen geschoben wurde. Er nahm Platz. „Ausgezeichnet. Jetzt schlagen Sie bitte die Bei­ne übereinander.“

[Zum 6. Teil …]

Das schwarze Urteil (Teil 4) – Kriminalerzählung

Kalvin kam erst gegen fünf Uhr nach Hau­se. Es wurde bereits dunkel. Einer der Pro­fessoren ging in Pension und er hatte an diesem Nachmittag mit einem kleinen Fest seinen Abschied gefeiert. Die ganze Angele­genheit war etwas langweilig gewesen, da Kalvin kaum Kontakt zu den Kollegen hat­te, hatte ihn aber von seiner ärgerlichen Auseinandersetzung mit Eli abgelenkt. Sein Kopf war vom Sekt und den Trinksprüchen schwer, aber er fuhr trotzdem mit dem Auto heim. Kalvin wohnte in der Innenstadt in einem gut renovierten Jugendstilhaus. Die Fünf­zimmer-Eigentumswohnung mit den ungewöhnlich ho­hen Decken war zwar für eine Person zu groß – er hatte sie gekauft, als seine Frau noch lebte -, aber er hing an ihr und wollte sich nicht von ihr trennen. Außerdem hatte er sich dadurch seinen Traum von einem großen Billardzimmer erfüllen kön­nen. Er ging die hölzerne, durch viele Füße aus­getretene Treppe hinauf, war müde und jetzt doch froh, den Abend allein verbringen zu können. Er hatte Schwierigkeiten, mit dem Haustürschlüssel in das Schloss zu finden. Offensichtlich hatte er mehr getrunken, als ihm bewusst war. Kalvin war noch mit dem Schloss beschäf­tigt, da hörte er sein Telefon durch die noch ver­schlossene Tür läuten. Da er Elis An­ruf erwartete, beeilte er sich und fand sich dadurch noch weniger zurecht. Zudem ver­losch das Ganglicht. Endlich stürzte er in seine Wohnung und griff nach dem Telefon, war aber zu spät dran. Wütend warf er das Gerät zur Seite. Er überlegte, ob er sie zu­rückrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er hatte mit dem Streit nicht an­gefangen, sollte doch Eli den ersten Schritt machen. Er selbst konnte warten. Er zog sich um und hängte seinen hell­braunen Anzug weit hinten in den Schrank, gewillt, ihn bis zum Beginn des Sommerse­mesters dort zu belassen. Er hasste die stu­pide Kleiderordnung der Uni, die ihn daran hinderte, seine Arbeit in bequemer Klei­dung zu machen. Dann aß er eine Kleinig­keit, setzte sich mit mit einem Glas Rotwein und einem Buch, in dem er nicht las, ins Wohnzimmer und wartete auf Elis Anruf, der auf sich warten ließ.

Als das Telefon schließlich erneut läutete, schreckte Kalvin aus einem Halbschlaf. Er hob die Hand zum Gerät, ließ es aber dreimal klin­geln, bis er abhob. Es sollte nicht so ausse­hen, als würde er auf den Anruf warten. Zu seiner Überraschung meldete sich am anderen Ende der Leitung nicht seine Freundin. Eine etwas verschnupft klingende Männerstimme fragte:

„Werner Kalvin am Apparat?“ Kalvin zog ärgerlich die Mundwinkel nach unten. Das klang nach irgendeinem Werbeanruf.

„Ja. Und mit wem spreche ich?“ Eine Pause entstand. Kalvin fragte nach und wollte schon auflegen, doch da wurde ihm endlich geantwortet.

„Ausgezeichnet. Der Name ist noch nicht wichtig. Hören Sie jetzt gut zu, Dr. Kalvin, ich werde mich nicht wiederholen: Wir ha­ben Ihre Freundin in unserer Gewalt.“ Kalvin schwieg, denn er benötigte eine ge­raume Weile, um seine bleierne Müdigkeit zu überwinden und zu begreifen, was die ihm unbekannte Stimme in fast heiterem Gesprächston gesagt hatte. Aber selbst dann weigerte er sich noch, es wahrzuha­ben. Stotternd fragte er nach, aber der An­rufer machte seine Drohung wahr und sprach unbeirrt weiter: „Im Moment geht es ihr gut, aber das kann sich schnell ändern. Es ist allein von Ihrem Verhalten abhängig. Ich werde Ihnen jetzt einige Anweisungen geben, die Sie nicht zu­letzt im Interesse Ihrer Freundin peinlich genau befolgen sollten.“ Kalvin fasste sich an den Kopf. Warum musste er ausgerechnet heute so einen schweren Schädel haben; weshalb hatte er nur so viel getrunken? Was geschah mit ihm? Niemand konnte im Ernst Eli entführt haben, das war lächerlich. Es konnte sich nur um einen äußerst makaberen Scherz handeln!

„Ist das eine … eine Art von Entführung?,“ fragte er dumm. „Wenn … Kann ich Elisabeth sprechen?“

„Für einen Informatiker denken Sie ungewöhnlich langsam.“ Der süffisante Un­terton in der Stimme des Anrufers verstärk­te sich. „Es ist im Augenblick nicht möglich, dass Sie Ihre Freun­din sprechen. Sie ist nicht hier und das ist auch nicht vorgesehen. Haben Sie Papier und Bleistift bei der Hand? Ich werde auch unsere Anweisungen nicht wie­derholen.“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis.“

„Ausgezeichnet. Sie werden sich heute um genau einundzwanzig Uhr mit uns treffen. Der Ort wird die stillgelegte Fabrikanlage der Wessing-Stahlbau sein. Sie wissen ja si­cher, wo das ist?“ Die Frage klang wie eine Feststellung.

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Sie gehen durch das Ost­tor in der Rubensstraße und betreten dann die erste Halle zu Ihrer Linken. Dort werden Sie erwartet und neue Anweisungen erhal­ten. Sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen, wäre dumm. Wir haben Sie unter genauer Beobachtung und halten Ihre Freundin selbstverständlich an einem an­deren Ort in Gewahrsam.“

„Wollen Sie Geld? Ich kann bis neun Uhr nichts flüssig machen.“

„Sie haben Ihre Anweisungen, richten Sie sich nach ihnen. Am Treffpunkt erfahren Sie alles weitere, Dr. Kalvin.“

„Wird dann Elisabeth dort sein?“, fragte Kalvin eilig, doch der Entführer hatte be­reits aufgelegt. Er war für eine geraume Weile unfähig, das Telefon aus der Hand zu legen. Krampfhaft umklammerte er das harte Plastik und starrte ins Leere. Seine Gedanken rasten, aber er konnte keinen fassen. Er war unfä­hig, zu entscheiden, was er als nächstes tun sollte.

„Es kann nur ein Scherz sein, ein Studen­tenulk“, dachte er, als er Elis Nummer wählte. „Ein paar von den Erstsemestern haben irgendwie von unserem Verhältnis erfahren. Sicher wollen sie auf diese Art an die Prüfungsaufgaben.“ Das war nur eine Theorie,  aber die beste für den Moment. Für sie sprach die junge Stimme des Anru­fers, der sich gewählt und fast spöttisch ausgedrückt und eine Vorliebe für das Wort „ausgezeichnet“ hatte. Es läutete dreimal bei Eli, dann hörte er ihre Stimme, die sich allerdings nach der ersten Erleichterung als die Tonbandkon­serve ihres Anrufbeantworters erwies. Nach dem Piepsen sprach er die Mitteilung auf Band, dass er sie dringend zu sprechen wünsche. Noch immer konnte Kalvin sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich entführt worden war. Noch war er Meinung, sie hatte nur kurz die Wohnung verlassen oder war aus einem anderen Grund nicht ans Telefon ge­gangen. Was sollte er als nächstes tun? Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. Sollte er vielleicht Elis Eltern anrufen? Dieser Schritt schien ihm übereilt, denn Eli hatte ihnen noch nichts von ihrer Beziehung zu Kalvin erzählt. Er wollte die älteren Leu­te, falls seine Freundin nicht bei ihnen war, nicht vorschnell beunruhigen. Also doch die Polizei? Wenn das Ganze, wie er noch ver­mutete, nur ein Scherz war – wenn auch ein ausgesprochen geschmackloser -, so hatte es keinen Sinn, sie zu alarmieren. Falls die Entführung tatsächlich ernst gemeint war, brachte er damit Eli nur in Gefahr; man hatte ihn ja gewarnt. Und hatte man ihm nicht auch gesagt, er würde beobachtet? Nein, die Polizei ließ er vorerst besser außen vor. Im Moment blieb Kalvin nichts anderes üb­rig, als abzuwarten und später zu dem Tref­fen zu gehen. Dann würde er sehen, wie sich die Sache entwickelte.

Es klingelte an der Haustür. Kalvin stürzte gedanken­schnell in den Gang und riss sie auf. Doch er war zu langsam. Niemand stand im Hausgang, er lag im Dunkel des Nacht. Dennoch war der weiße Briefumschlag auf dem Fußabstreifer nicht zu übersehen. Vorsichtig hob Kalvin den Brief auf und trug ihn zurück ins Wohn­zimmer, wo er ihn im Licht einer Stehlampe untersuchte. Es gab nicht viel zu entdecken; vielleicht hätte ein Kriminologe die Sache mit ande­ren Augen gesehen, aber für Kalvin war es nur ein ganz einfacher, weißer und unbe­schriebener Umschlag, den man in jedem Schreibwarengeschäft erwerben konnte. Sein Inhalt war nur um weniges schwerer als ein normaler Brief. Er enthielt ein Po­laroidfoto und eine etwa fünf Zentimeter lange Haarlocke. Kalvin war sich zwar nicht endgültig sicher, aber höchstwahrschein­lich war sie von Elis Haar. Er legte sie acht­sam auf den Tisch und besah sich auf­merksam das Foto. Er hatte dabei ein Gefühl von Déjà-vu und die Erinnerung an unzählige Fernsehkrimis. Er hielt den Beweis in Händen, dass die Entführung tatsächlich stattgefunden hatte. Das unscharfe, verwaschene Bild zeigte seine Freundin auf einem Stuhl sitzend, auf den sie mit einer dünnen Paketschnur gefesselt war. Die Hände waren frei und sie hielt die Tageszeitung von heute in die Kamera. Elis Gesicht war besorgt und ernst, aber nicht ängstlich. Kalvin sah ihr an, dass sie die Si­tuation noch nicht völlig realisiert hatte. Soweit er es erkennen konnte, hatte sie din lockeren Yoga-Dress an, den sie normalerweise zuhause trug. In ihrem Hintergrund war nichts zu sehen, sie saß vor einer weißge­strichenen, stockfleckigen Wand. Trotzdem kramte Kalvin ein Vergrößerungsglas heraus und suchte das Bild aufmerksam ab. Er erhielt keinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Da die Wand im Hintergrund nicht sehr sauber war, konnte der Entführer gelogen haben und sie doch in der Wesselschen Fabrik festhalten, ebenso gut konnte sie auch ganz wo­anders sein.

[Zum 5. Teil …]

Das schwarze Urteil (Teil 3) – Kriminalerzählung

Mit dem nicht vollendeten „schwarzen Urteil“ habe ich ein drittes Mal das Genre des Kriminalromans bedient. Mein erster Versuch war der Roman „Die Verbrechen meiner Schwester“, das – fast noch ein Jugendwerk und damit sehr, sehr unausgegoren -, wahrscheinlich niemals meinen schwarzen Aktenschrank verlassen wird. Anfang der 90er habe ich dann „Das goldene Kalb“ geschrieben, das heute Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus ist und das ich als Buch wahrscheinlich in ein oder zwei Jahren herausbringen werde. Wer jetzt schon in den „Regionalkrimi“ reinlesen will: „Das goldene Kalb“ ist auch auf meinem Blog zu finden. 

Insgesamt bin ich der Auffassung, dass ich nicht zum Krimiautor tauge; auch wenn ich im 3.  und auch im 2019 erscheinenden 4. Teil meiner Geltsamer-Reihe erneut mit diesem Genre kokettiere und ich finde, dass mir zumindest der folgende Abschnitt des „schwarzen Urteils“ ordentlich gelungen ist. Ich hatte Spaß, diesen mir so fremden Text zu lesen, der mir so vollkommen aus dem Gedächtnis gefallen war, als hätte ihn ein anderer geschrieben.

Erster Tag:
Das Urteil

Die Studenten klopften ausdauernd mit den Knöcheln auf die Tischreihen vor ihnen. Kalvin nickte und wandte sich zur Seite, um seine Unterlagen einzusammeln. Er hoffte, damit die ungeliebte Beifallsbe­kundung verkürzen zu können. Der Hagel­schauer verebbte und sofort brandete oh­renbetäubender Lärm in dem Hörsaal auf, Stuhlklappen, Gesprächsfetzen, Lachen, Fußtritte. Er sah abgelenkt hinauf zu den hundert Studenten des Erstsemesters, die eilig zu den Ausgängen drängten. Es war heute sei­ne letzte Vorlesung gewesen, in der übernächs­ten Woche begannen die Klausuren. Er blickte in die Rücken der jungen Leute und bedauerte sie ein wenig. Im Sommersemes­ter musste ihre Zahl um die Hälfte dezi­miert sein, das war eine inoffizielle Vorgabe des Dekans. Dementsprechend schwer wa­ren Kalvins Prüfungsfragen für die Prüfung in seinem Fach; er würde wie in den letzten Jahren ohne Schwierigkeiten eine Durch­fallquote von annähernd sechzig Prozent in den Grundlagen der Informatik er­reichen. Diesmal würde er als Schwerpunkt­aufgabe einen rekursiven Al­gorithmus verlangen und er wusste, höchs­tens ein Zehntel der Studenten würde das richtige Ergebnis finden; die Mehrzahl käme nicht einmal auf einen Lösungsan­satz. Kalvins Fach würde den Studenten den Fangschuss versetzen, andere Klausu­ren wie Mathematik oder Physik gaben ih­nen dann den Rest. Natürlich war er deshalb bei den Erstsemestern ge­fürchtet wie die Nemesis unter den antiken Grie­chen. Der hartnäckige, schmeichelnde Ap­plaus eben war der hilflose Versuch gewe­sen, die grollende Gottheit etwas gnädiger zu stimmen. Kalvin fühlte sich in der Rolle des Scharfrichters nicht wohl. Seine Klau­suren in den höheren Semestern waren we­sentlich fairer und dort war er auch belieb­ter.

Kalvin legte die Unterlagen in seinen Ak­tenkoffer und schloss ihn mit einem zufrie­denen Gefühl der Endgültigkeit. Dann lä­chelte er befreit. Das Semester war zuende, nur mehr ein paar Prüfungsaufsichten in den nächsten Wochen, die lästigen Korrek­turen, bei denen ihm der Computer und seine Assistenten allerdings die Hauptarbeit abnehmen konnten; dann standen beinahe zwei Monate Urlaub ins Haus. Er würde die Zeit nutzen, um sein Ferienhaus auf Rhodos für den Sommer auf Vordermann zu brin­gen und freute sich auf die ruhigen Wochen außerhalb der Saison. Im Februar und März hatten sogar Touristenhochburgen wie Lindos oder Rhodos-Stadt einen ganz eigenen, unterkühlten Charme. Er würde lange Wanderungen machen und vielleicht endlich sein Buch über Die emotionale Intelligenz von EDV-Anlagen zuende schreiben. Schon lange schob er diese Arbeit vor sich her und der Wissenschaftsverlag, bei dem er seine selte­nen, aber in Fachkreisen geschätzten Arbei­ten publizierte, mahnte das Manuskript schonseit  geraumer Zeit an. Kalvin schob seine Aktentasche unter den Arm und verließ den Hörsaal nach einem letzten prüfenden Blick. Hinter der Tür wurde er von einer jungen Frau erwartet. Sein erster Impuls war, zu flüchten, sie un­verbindlich zu grüßen und weiter zu eilen. Doch dann stellte er fest, wie lächerlich er sich damit machte. Er blieb mit einem halb­en Lächeln vor ihr stehen, sah sich aber, als er sie mit seinem freien Arm um­fasste und flüchtig auf die Lippen küss­te, vorsichtig um. Er wagte diese Intimität nur, weil der kurze Gang, in dem sie stan­den, leer war. Dennoch löste er die Umar­mung schnell wieder. Es konnte in jedem Augenblick jemand um die Ecke kommen, Studenten oder der Dozent der nächsten Vorlesung, beide Begegnungen wären ihm gleich unangenehm gewesen.

„Was willst Du denn, Eli?“, fragte er. „Wir hatten ausgemacht, uns hier nicht zu tref­fen.“ Die Frau senkte den Kopf, ein wenig trotzig, wie ihm schien. Eli war Anfang zwanzig, ein großes, attrak­tives und dunkelhaariges Mädchen, dessen Selbstbewusstsein und Intelligenz in der Hauptsache dafür verantwortlich waren, dass Kalvin sich vor einem halben Jahr in sie verliebt hatte. Sie war Informatikstuden­tin im siebten Semester und er ihr Betreuer bei ihrer Diplomarbeit. Ausgerechnet ihm musste diese alte Lehrer-Schüler-Gesichte passieren, bei der er alle Mühe hatte, sie vor Kollegen und Studenten geheim zu hal­ten. Dabei erwartete Eli keinerlei Vergünsti­gungen in ihrem Studium von ihm und er war auch nicht gewillt, ihr welche zu ge­währen. Zu seinem Glück war sie eine aus­gezeichnete Studentin. Kalvin hatte sie anlässlich eines Studen­tenballs persönlich kennengelernt, obwohl sie ihm natürlich schon früher in den Vor­lesungen angenehm aufgefallen war. Nicht nur war sie die einzige seiner wenigen Stu­dentinnen, die sich wie eine Frau kleidete und benahm, sondern auch ihre Zwischen­fragen waren gewitzt, offenbarten einen leb­haft interessierten, dabei divergierenden Geist. Als er sich dann an jenem Fest, zu dem er nur aus Pflichtgefühl erschienen war, wegen der lauten Musik nah zu ihr ge­beugt, angeregt mit ihr unterhielt, nahm ihn ihre Fröhlichkeit und kompromisslose Lebensbejahung gefangen.

Der Dozent war jetzt 42 Jahre alt und hatte seit einiger Zeit das Gefühl, langsam zum alten Eisen zu gehören. Seit dem Tod seiner Frau vor nun sechs Jahren hatte er nur einmal eine flüchtige Bezie­hung gehabt und sich immer tiefer in seine Arbeit eingegraben. Dann begegnete ihm die­ses Mädchen und nichts war wie früher. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass ihm noch so etwas passieren konnte; aber ihre Art zu leben hatte ihn in den ersten Monaten der Beziehung mitgerissen und er war Eli, wenn er nun zurücksah, dankbar: Sie hatte ihm ein Glück geschenkt, das er vermisst hatte. Inzwischen war allerdings etwas Ruhe ein­gekehrt und, zwangsläufig, der Alltag. Er brachte Probleme und Ernüchterung, zu­mindest auf seiner Seite. Wenn sein Ver­hältnis zu der Studentin bekannt wurde, konnte es ihn seinen Job kosten; die tägli­che Geheimniskrämerei hatte längst begon­nen, ihn zu zermürben. Nüchtern betrachtet, hatte diese Liebe hatte keine Zukunft mehr. Auch deshalb war er entschlossen, seinen Urlaub in den Semesterferien allein zu ver­bringen. Er hoffte, er hatte auf Rhodos die Möglichkeit, alles zu überdenken. ‚Die Ent­fernung ist der großen Liebe Nahrung, der kleinen Liebe Tod‘, fiel ihm ein. Er hatte vergessen, wer das gesagt hatte, aber es war ein schlauer Spruch. Er sah Eli zärtlich an. Sie wich weiterhin seinem Blick aus und kaute an der Unter­lippe. Er fühlte sich stark und überle­gen, weil er sich einbildete, er könne sie mit einem Abstand betrachten, zu dem sie nicht fähig war.

„Also, was gibt es?“, wiederholte er freund­lich und unterdrückte seinen Wunsch, sie erneut zu umarmen. Er erwartete, dass sie von ihrer Liebe zu ihm reden würde und von ihrem Drang, in seiner Nähe zu sein, der sie sogar manchmal veranlasste, sich in seine Erstsemestervorlesungen zu setzen, was ihn verunsicherte und nicht selten aus dem Konzept brachte. Doch Eli überraschte ihn und sagte zögernd, sie könne die Verab­redung für den Abend nicht einhalten. Kal­vin runzelte ärgerlich die Stirn. Sein Mäd­chen hatte ihm noch nie einen Korb gege­ben.

„Und warum?“, fragte er beleidigt.

„Ich muss in der nächsten Woche zwei Wahlpflichtfächer nachholen und heute ist schon Donnerstag. Ich brauche unbedingt etwas Vorbereitungszeit.“

„Die schreiben sich doch von allein“, ent­gegnete Kalvin trotzig. Eli sog hörbar Luft durch die Nase ein.

„Wir waren uns einig: mein Studium darf nicht unter unserer Beziehung leiden. Ich habe einen Männerberuf gewählt und muss folglich deutlich besser als die Jungs sein, wenn ich einen guten Job kriegen will. Ich wünsche deshalb, dass wir uns bis zu mei­ner letzten Prüfung nicht mehr sehen“, sagte sie und die Schärfe ihrer Replik schüchterte Kalvin ein wenig ein.

„Und wie lange wird das dauern?“

„Bis zum 18. Februar, da habe ich theo­retische Physik; also zweieinhalb Wo­chen.“

„Aber am Sonntag darauf fahre ich nach Rhodos!“, warf er entsetzt ein. Eli zuckte mit den Schultern.

„Nimm mich doch mit.“ Daher wehte also der Wind.

„Aber wir haben darüber gesprochen … Ich brauche die Ruhe, um mein Buch zu been­den, erinnerst Du Dich?“

„… und ich brauche eben diese zwei Wo­chen zum Lernen“, sagte sie, hatte aber et­was von ihrer Sicherheit verloren. „Wir kön­nen ja telefonieren und uns vielleicht am Samstagabend treffen“, schränkte sie des­halb ein. Jetzt war es an ihm, hart zu sein. So konnte sie nicht mit ihm umspringen.

„Besser nicht, du brauchst die Zeit zum Lernen.“ Eli sah auf, zum ersten Mal in seine Au­gen. Eine Pause entstand.

„Dann nicht“, sagte sie und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Backe, wandte sich ei­lig ab.

„Ich rufe dich an“, rief Kalvin ihr hinterher. Eli achtete nicht auf ihn, sie benahm sich, als hätte sie ihn nicht gehört. „Ich rufe Dich an“, wiederholte er und war­tete, bis sie aus seinem Blickfeld bog. Es war der zweite Streit in ihrer Beziehung ge­wesen, der erste hatte vor etwa vier Wochen stattgefunden. War es diesmal das Ende? Wenn ja, dann war es erstaunlich schnell gegangen. Obwohl ein schwerer Druck auf seinen Li­dern lag, empfand Kalvin bei diesem Ge­danken keine Trauer, sondern nur Leere in sich. Die Trauer würde vielleicht später kommen, nahm er an, am Abend, den er mit Eli hatte verbringen wollen.

[Zum 4. Teil …]

Das schwarze Urteil (Teil 2) – Kriminalerzählung

Ist das schon ein Vorzeichen einer beginnenden Demenz, dass ich mich an diesen Text von mir nicht mehr erinnern konnte, bis ihn Robert Knorr für sein Knorr von Wolkenstein-Verlagsforum wieder ausgegraben hat? Jedenfalls hatte ich gestern nachmittags eine dunkle Ahnung und öffnete die unterste Schublade meines schwarzen Archivschranks und förderte tatsächlich nach geduldiger Suche zwischen bereits vergilbten und längst abgelegten Blättern einen recht ausführlichen handschriftlichen Entwurf für das 2. Kapitel von „Das schwarze Urteil“ und auch tatsächlich auch eine Seite zutage, auf der ich damals die Hauptfiguren und den Plot der Erzählung (wohl eher des Romans) skizziert hatte. Ich wäre also jederzeit in der Lage, die Geschichte wie vor 20 Jahren geplant, fortzusetzen und zu einem Ende zu bringen. Die Frage ist nur, ob es sich auch lohnt. Und meine Lust ist keine sehr große. Und da die literarischen Texte meines Blogs nicht gelesen werden, kann ich auch niemanden um Rat fragen …

Kalvin schüttelte den Kopf. Offensichtlich nahm sein Verfolgungswahn pathologische Züge an. Er zwang sich, das Lokal zu betreten. Es war im Hochparterre, er hatte ein paar Stufen zu steigen. Dabei spürte er weiter die Blicke aus den Fensterhöhlen in seinem Rücken. Er schloss die Glastür zwischen sich und der Kälte, tauchte durch einen schweren Vorhang, der sie vom Gastraum abtrennte. Dieser war klein und schmal, ein langgezogener Tresen gegenüber nahm den größten Platz ein. Einige wenige Tische drängten sich in einer Ecke, in der tatsächlich ein Wurlizer stand, der jedoch ohne Strom war. Der Besitzer hatte bei der Einrichtung sicher eine amerikanische Bar als Vorbild gehabt, doch längst war das Lokal zu einer schmuddligen und unsauberen Stehkneipe verkommen. Außer zwei Alkoholikern, die aussahen, als würden sie in dem Ausschank übernachten und der Bedienung – einem älteren, dünnen Mann, der hinter der Theke in einem Buch las -, war die Bar leer. Der Kellner legte seinen Band zur Seite und sah gleichgültig auf den neuen Gast, der unsicher im geöffneten Vorhang stand und sich dann entschied, sich weit entfernt von den Säufern an die Theke zu setzen.

„Kalt heute“, sagte der Kellner und beäugte misstrauisch die Jacke des neuen Gastes.

„Geben Sie mir ein Bier“, erwiderte der kurz angebunden. Der Kellner nickte und wandte sich zum Zapfhahn. „… und einen Weinbrand“, fuhr Kalvin nach kurzem Zögern fort, „es ist wirklich kalt heute.“ Vielleicht half ein Schnaps gegen das Zittern in seinen Händen. Er lehnte sich in dem Rückenteil des Barhockers zurück. Dabei wechselte er über den großen Spiegel, der hinter der Bar hing, einen Blick mit sich selbst. Er wunderte sich, dass seine Frucht nicht deutlicher in seinem Gesicht geschrieben stand. Ihm sah nur ein etwas übernächtigter, unauffälliger Mann entgegen, dessen grauen Gesichtsausdruck man auch als verkatert deuten konnte. Er versuchte den Ansatz eines Lächelns, doch es misslang ihm völlig. Voller Scham rutschte sein Blick zur Seite, fiel auf eine Uhr, die über einem Regal mit Whiskeyflaschen hing. Sie stand auf halb neun Uhr. Der Schock traf ihn wie ein Schlag in den Magen.

„Geht die Uhr richtig?“, gelang es ihm erst auf den zweiten Anlauf, den Kellner, der den Schaum von seinem Bier in ein anderes Glas abgoss, zu fragen. Seine Stimme war so heiser, als hätte er eine Erkältung. Der Mann hinter der Theke sah auf und folgte dem Blick seines Gastes.

„Nein, natürlich nicht, die ist schon lange kaputt. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, wie spät …“ Er schob den Ärmel am linken Handgelenk in die Höhe.

„Aber nein, das ist nicht nötig“, warf der Gast eilig, fast panisch ein. Er klang so nervös und schuldbewusst, dass der Kellner seinen Gast misstrauisch abschätzte. „Ich wunderte mich nur…“, setzte er zu einer hilflosen Erklärung an. Eine Pause entstand. Die beiden sahen sich an.Kalvin kippte eilig den Weinbrand, dessen billige Schärfe in seiner Kehle kratzte. Der Schnaps gab ihm nicht die erwünschte Wärme, sondern erzeugte nur Sodbrennen. Er nahm sein Bier in die Hand und deutete in die abgedunkelte Ecke.

„Kann ich dort hinten sitzen?“ Der Kellner unterbrach seine wiederaufgenommene Lektüre nickend.

„Ich mache Ihnen Licht.“ Der Gast ging hinüber zu den Tischen; er machte dabei einen Bogen um die Penner. Ein Deckenlicht warf nun einen trüben Schein auf die drei Tische, an deren hinterem er sich mit dem Rücken zur Wand setzte. Hier saß Kalvin bequemer als an der Theke und fühlte sich sicherer. Er war in diesem Moment so erschöpft wie noch nie in seinem Leben. Er hatte den Drang, die Augen zu schließen und Ruhe im Schlaf zu finden. Mit den Knöcheln rieb er die Augen, bis sich auf den Pupillen der Schein von platzenden Ringen bildete. Dann beobachtete er mit schwerem Kopf die Reflex, die die eingetrockneten Alkoholränder auf der wackligen Tischplatte erzeugten. Sie tanzten bei jeder seiner Bewegungen für ihn. Ein scharf geschnittener Schatten schreckte ihn auf und für einen kurzen Moment wählte namenlose Panik in ihm. Hektisch versuchte er, seine Hand in die Tasche mit der Waffe zu schieben, doch er griff in der Aufregung vorbei.

„Wollen Sie noch ein Bier?“ Es war der Kellner, er stand gelangweilt vor ihm, ein leeres Glas in der Hand. Verblüfft hielt der Gast mit seinem Versuchen, die Pistole zu erreichen, inne und erkannte, dass es sein Glas war, in dem nur noch ein wenig Schaum stand. Wieviel Zeit war vergangen? Er konnte sich nicht erinnern, es leergetrunken zu haben. Sein Herzklopfen ließ nach, nur eine Kälte der Hände blieb von seinem Schreck. Er sah dem Kellner ins Gesicht und versuchte, sich zu sammeln. Der Kellner lächelte unverbindlich und hob fragend das Glas. Der Gast nickte.

„… und noch einen kleinen Weinbrand.“ Später fragte Kalvin sich, weshalb er nochmal einen Schnaps bestellt hatte; seine Zunge musste schneller als sein Verstand gewesen sein. Daher schob er das kleine Glas Alkohol, das ihm mit seinem Bier gebracht wurde, mit einer entschiedenen Geste von sich. Die Versuchung, sich zu betrinken, war groß, aber er durfte ihr nicht verfallen. Er nahm einen Schluck von dem Bier, dabei wurde ihm endlich wärmer, nur seine Hände blieben klamm. Sie fühlten sich wie etwas Fremdes an, wie etwas, das nicht zu ihm gehörte und nur widerstrebend seinen Befehlen gehorchte. Er wagte, für einen Moment die Augen zu schließen. Er hoffte, dabei nicht wieder einzuschlafen. Es tat ihm wohl und als er sie zitternd wieder öffnete, fühlte er sich zum ersten Mal seit Tagen sicher, viel sicherer als in seiner Wohnung, die sie kannten und wahrscheinlich abhörten. Hier hatte er den Rücken zur Wand, das Lokal vor sich. Niemand konnte ihm gefolgt sein, er hatte einen Schatten sicher abgeschüttelt, als er in der Straße plötzlich zu rennen anfing. Wahrscheinlich hatte ihn aber überhaupt niemand verfolgt, das hatten sie nicht nötig, denn sie waren seiner sicher, da sie ein Faustpfand hatten. Er würde pünktlich zur Urteilsvollstreckung erscheinen, das wussten.

Aber noch war Zeit, es blieben ihm noch einige Stunden, in denen er versuchen musste, Ruhe zu finden. Hier im Lokal hatte er die Gelegenheit dazu. Die letzten Tage waren ihm wie ein Alptraum erschienen, ein Strudel, der ihn immer schneller mit sich gerissen hatte, je näher er diesem Abend kam. Jetzt hatte er die Gelegenheit, sich diese Woche Tag für Tag in Erinnerung zu rufen, konnte nachprüfen, ob seine Entscheidung richtig oder ob er in seinem Verfolgungswahn einem Hirngespinst aufgesessen war. Er musste seine Handlungen und Gedanken sezieren und überprüfen, schließlich wusste keiner so gut wie er, wie man zu einem Problem die passende Lösung fand. Falls es eine gab. Er konzentrierte sich und erinnerte sich an einen Mann, der ihm mit sich selbst kaum ähnlich schien, einen Mann, der seine verbleibende Lebenszeit nach Jahrzehnten und nicht nach Stunden zählte. Er war wie alle einem billigen Betrug aufgesessen. Denn es gab keine Sicherheit, in keinem Moment des Lebens. Er erinnerte sich an Werner Kalvin. Wie fremd nun dieser Name klang. Eine Woche hatte genügt, ihn von sich selbst zu entfremden, alles zu zerstören, von dem er geglaubt hatte, dass es sein Leben war, sieben Tage nur.

[Zum 3. Teil …]

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