Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Montag, 07.10.19 – Pläne und Vergeblichkeiten

Montag, 07.10.19
Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.
Fontane, Brücke am Tay

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Das Tiroler Lechtal, das mit seinen überaus schroffen Bergspitzen und herrlichen Seitentälern von einer wildromantischen Flusslandschaft geprägt ist, die an die Weiten Kanadas erinnert, ist von Augsburg aus ein lohnendes Ziel für Natursüchtige und Wanderer, die auch beim Bergwandern nicht auf Marillenschnaps und Kaiserschmarrn verzichten wollen. Wenn es normal läuft, dann fährt man mit dem Auto von meiner Haustür in knapp zwei Stunden bis zum Eingang des Tals.

Das Lechtal – ein Sehnsuchtsort

Seit einigen Jahren versuchen Frau Klammerle und ich trotz vieler Rückschläge immer wieder unverdrossen – manche würden es naiv nennen – dort ein paar unbeschwerte Urlaubstage zu verbringen, zuletzt über den Brückentag zwischen dem 3. Oktober und dem darauffolgenden Wochenende hinweg. Wir waren auch schon im Frühjahr und zwei-, dreimal im Sommer dort. Doch obwohl wir als Augsburger ebenfalls Lechanrainer(1) sind, mag uns dieses Tal offenbar nicht. Denn es wird uns grundsätzlich jeder unserer Aufenthalte dort massiv verregnet. Schon die Anreise am Donnerstag war ein mittleres Desaster, denn bereits die B17 Richtung Süden war ab Steingaden wegen einer Baustelle gesperrt und ich musste auf einer kurvigen Umleitungsstrecke eine Stunde hinter einem italienischen Laster hinterherzuckeln, der offenbar noch nie etwas vom Feiertagsfahrverbot gehört und es auch nicht gerade eilig hatte, aber so breit war, dass man ihn einfach nicht überholen konnte. Dann, kurz hinter Füssen, noch immer hinter dem Italiener her, begann auf der österreichischen B179 der übliche Stau Richtung Fernpass um die Ortschaft Reutte herum. Da ließen wir dann noch einmal über eine Stunde auf dem grauen Asphalt liegen und kamen deshalb erst in der Abenddämmerung an unserem Ziel in Stanzach(2) an. Lassen wir der Wahrheit Gerechtigkeit erfahren: Es war zwar kalt, aber schön. Doch schon der nächste Tag begann wolkenverhangen und brachte ab Mittag anhaltenden und starken Regen, den wir gestern auch wieder brav mit nach Hause genommen haben und der gerade gegen die Fensterscheibe meines gut eingeheizten Arbeitszimmers prasselt, während ich dies schreibe. Goldener Oktober? Zumindest in diesem Jahr ist das ein ziemlich makaberer Witz.

Beeindruckend, aber nass und arsc*kalt.

Am Samstag ging dann überhaupt nichts mehr. Der stürmische Westwind trieb die Wolken tief ins Tal hinunter, die hinter sich die Berge versteckten; es hatte höchstens 5° C und ergiebigen Land- und Schnürlregen. Die Schneefallgrenze sank auf 1500 m herab. Die Rettung vor der Herbstdepression war die Ehrenberger Therme mit ihrer schönen und ausgedehnten Saunaanlage, die jedoch spätestens ab Mittag vollkommen mit schwitzenden, wohlgenährten Leibern überfüllt war.(3) Nein, dieses Lechtal mag uns nicht. Aber wir sind unverbesserlich und werden in knapp drei Wochen wieder in die Alpen fahren (diesmal ins Martelltal) und auf Sonnenschein und Wärme hoffen. Drückt uns die Daumen!

So war das letzten Herbst in Südtirol.

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Mein nächstes Buch ist fertig und demnächst bestellbar. Es ist auf über 250 Seiten eine weitere Sammlung meiner besten Blogartikel und trägt den Titel „Noch einmal daran gedacht“. Im Gegensatz zum Vorgänger „Noch einmal davon gekommen“ wird der Fokus auf meinen Texten zur Literatur im Allgemeinen und meiner eigenen im Besonderen liegen. Es werden dort also Kritiken, Essays und dazu Gedanken zu meinem literarischen Schaffen und Schöpfen und meinem Leben als Autor, aber auch die eine oder andere Glosse zu finden sein, die im Lauf der letzten 7 Jahre für „Aber ein Traum“ entstanden sind. Ich habe diese Blogartikel erweitert, umgeschrieben, aktualisiert und in Zusammenhänge gebracht und glaube, dass mir dieses Buch ganz gut gelungen und originell ist. Im Moment warte ich auf mein Korrekturexemplar vom Verlag, dann kann ich zusammen mit meiner kleinen Helferlein-Lektorin die üblichen kleinen Tippfehler ausmerzen. Die Chancen stehen gut, dass der Band noch Ende Oktober vor meinem Herbsturlaub in den Regalen der Online-Buchhandlungen stehen wird und von meinen „begeisterten“ Lesern in Massen erworben und genossen werden kann.

Noch einmal daran gedacht, 260 Seiten, illustriert

Anschließend werde ich in den nächsten Wochen endlich die Arbeit am 2. Teil meiner Fantasy-Saga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, um den Band noch vor Weihnachten zu veröffentlichen. Auf diese Weise bleibe ich 2019 in meinem Edititonsplan. „Die Verliese des elfenbeinernen Palasts“ leisteten mir im Sommer heftigen Widerstand und ich musste den Roman mehrmals komplett umschreiben und umstrukturieren, als mir deutlich wurde, dass ich noch einen 3. Teil benötige, um alles zu einem befriedigenden Ende zu führen und auszuerzählen. Dadurch wird „Der Weg, der in den Tag führt“ zu einer umfangreichen Trilogie anwachsen. Ein längerer Abschnitt, der der Einstieg zum 2. Teil sein sollte, flog raus und wird nun den 3. Teil  eröffnen. „Die Schlacht um Paradis“ wird aber noch eine Weile auf sich warten lassen, weil ich 2020 endlich als erstes die Geltsamer-Reihe beenden (zumindest aber fortsetzen) will und anschließend den zweiten Brautschau-Roman und einen Band Erzählungen aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“ in Angriff nehmen möchte. Zumindest ist das mein Plan, der sich freilich auch noch ändern kann. Da ich kaum Leser habe, muss ich ja keine Erwartungshaltungen erfüllen und kann in meinem eigenen Tempo an den Texten schreiben, an denen ich gerade Interesse habe. Es hat auch durchaus Vorteile, ein unbekannter, selten gelesener Autor ohne Fangemeinde zu sein …

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(1) Der Tiroler würde uns „Anstößer“ nennen …

(2) Dort feierte man an diesem Wochenende übrigens „Oktoberfest“. Deshalb waren die Gaststätten geschlossen und nur ein feuchtklammes Bierzelt, das 9 Euro Eintritt kostete, hatte geöffnet. Dort gab es natürlich nichts für Vegetarier, dafür spielten „Igor und seine Oberkrainer“(!). Nein, wir waren nicht dort, wir blieben in unserem Zimmer in der Pension und hungerten bei einer kargen Brotzeit. Zum Glück hatten wir wenigstens einen Flachmann und eine Flasche Wein dabei, die uns diesen Abend retteten.

(3) Nebenbei: Gibt es eigentlich außer mir noch einen Menschen, der sich kein hässliches Tatoo hat stechen lassen?

 

Samstag, 28.09.19 – Enthülltes

Samstag, 28.09.19
Ich glaube, eines meiner Killkenny gestern im Pub war schlecht.
Es kann aber auch an den 4cl Caol Ila liegen, dass ich heute nicht so ganz auf der Höhe bin.

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Um noch einmal auf meine Gedanken über Künstlernamen zurückzukommen:

Wie auch die Schauspieler benutzen sehr viele Autoren welche; durchaus auch aus dem Grund, weil der eigene, den man Eltern und Vorfahren verdankt, nicht eingängig, hässlich oder einfach lächerlich ist.(1) Jemand wie ich, der sein ganzes Schülerleben den Spitznamen „Knödel“ ertragen musste, kann davon ein trauriges Lied singen. Manche Künstler verwenden auch mehrere Pseudonyme, je nach Lust und Laune – oder besser gesagt -, je nach Werk, das sie veröffentlichen. Dieser Zug ist bereits abgefahren, aber das hätte ich vielleicht auch machen sollen. Denn die stilistische Vielfalt meiner Literatur macht es meinen potentiellen und auch tatsächlichen Lesern schwer, den Nikolaus Klammer, der mit den Brautschau-Romanen unterhaltsame und spannende Fantasy schreibt, mit dem Nikolaus Klammer, dessen Jahrmarkt-Zyklus klassische Belletristik ist, unter einen Hut zu bringen. Dazu kommt noch die Geltsamer-Reihe, die sich irgendwo zwischen historischem Roman, E.T.A. Hoffmann, Kafka und SF ihren ganz eigenen Platz sucht.(2) Eigentlich wäre es besser gewesen, ich hätte für diese Romanprojekte jeweils einen anderen Autor erfunden; für Brautschau vielleicht Erin Athavar(3) und für den Jahrmarkt Rainer Maria Hauser. Kann sein, dass sich die einzelnen Reihen dann besser verkaufen würden.

Die Anfangsseite meines Augsburg-Romans, den ich vor 25 Jahren als Toni Kappnath geschrieben habe.

Ich hatte übrigens schon einmal ein anderes Pseudonym, als ich 1994/95 zusammen mit dem Augsburger Künstler und Architekten Claus M. Scheele (Nein, dieser Name ist weder erfunden noch ein Alias) die Heimatromanreihe „Augsburg-Chronik“ plante, die leider nie verwirklicht wurde, weil der Haupt-Geldgeber überraschend absprang. Das Projekt war da bereits weit fortgeschritten und ausgearbeitet und wir waren schon seit Wochen in Vertragsverhandlungen. Geplant war ein einmal im Monat erscheinender Heftroman, der neben einer interessanten Handlung auch eine ganz spezielle Chronik von Augsburg erzählen und sich über Werbung auch innerhalb des Textes finanzieren sollte. In die Fiktion, die ich alleine übernahm, wollten wir tatsächliche Ereignisse und Personen der Augsburger Gesellschaft einbinden. Für die ersten Hefte war eine Kriminalhandlung geplant, in der eine Gruppe von Terroristen (die Augsburger Separatisten-Organisation ASO) den Bürgermeister entführen will, um für ihre Anliegen (Augsburg wieder freie Reichstadt, Einführung des Fuggertalers „Fuggerle“ als Zahlungsmittel, mehr Parkplätze in der Innenstadt, keine Verkäuferinnen aus Sachsen an der Aldikasse, etc.) Öffentlichkeit zu bekommen. Die Hauptfigur Sebastian Rudler erfährt zufällig von ihren Plänen, versucht sie zu durchkreuzen und verliebt sich in eine der Terroristinnen. Der Autor und Hans-Dampf-in-allen-Gassen Arno Löb übernahm dann später teilweise unsere Idee und schrieb unter dem Namen Peter Garski seine Augsburg-Krimis.

Ein paar Seiten vom Projekt-Konzept.

Damals nannte ich mich Toni Kappnath. In der vom ersten bis zum letzten Satz gelogenen Autorenbeschreibung im Konzept, das dem Vertragsentwurf beilag und das ich heute noch besitze, hieß es über ihn:

Toni Kappnath, geboren am 12.12.1958 in Dießen a. A.; lebt seit seinem 12. Lebensjahr in Augsburg, alleinstehend. Er arbeitet als selbstständiger Übersetzer und Informatikdozent. Seit 1980 ist er unter verschiedenen Pseudonymen (!) literarisch tätig. Er veröffentlichte 1988 im Augsburger Maroverlag den Roman Weißenstein(4), der von Presse und Feuilleton sehr positiv aufgenommen wurde. Seither Mitarbeit an Literaturzeitschriften, Essays (Das Ende der Poesie), Theaterstücke, Kurzgeschichten. Toni Kappnath ist der vielleicht begabteste und gleichzeitig der unbekannteste Augsburger Autor. Das wird sich durch die „Augsburg-Chronik“ ändern.

Daraus wurde nichts, wie gesagt; Toni Kappnath vulgo Nikolaus Klammer ist noch immer der vielleicht begabteste und gleichzeitig der unbekannteste Augsburger Autor. Kappnath hat es immerhin noch in meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ geschafft, heißt dort allerdings mit Vornamen Stefan. Weil mir gerade danach ist, gibt es in den nächsten Tagen hier auf meinem Blog ein paar kleine Ausschnitte aus dem Probekriminalroman, den ich damals für das Augsburg-Chronik-Projekt schrieb, damit die Geldgeber eine Vorstellung hatten, was sie erwartete. Der Augsburgkrimi hieß reißerisch

Terror in Klein-Venedig – Rudler in den Klauen der ASO!

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(1) Es gibt auch noch andere Gründe, seine Identität zu verbergen. Als z. B. Honoré Balzac mit seinen Büchern endlich Erfolg hatte, verwendete er als Autor in der Regel zwar durchaus den eigenen Namen – vom kess hineingeschmuggelten Adelstitel de einmal abgesehen -, wohnte aber als M. de Peugnol in seinem Pariser Haus in der Rue Raynouard, um seinen Gläubigern und seinen hysterischen Fans zu entgehen. Heute, in den Zeiten von Einwohnermeldeamt, Yellow Press und Internet, würde ihm solch eine Mystifikation allerdings wenig bringen.

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich im Stile der Radioessays von Arno Schmidt einen bislang unveröffentlichten Text über Balzac geschrieben habe und ich ihn für den großartigsten Autor aller Zeiten halte?

(2) Die auf fünf Teile ausgelegte Trilogie Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ist übrigens das bei Lesern und Kritikern beliebteste Werk von mir. Im nächsten Jahr werden voraussichtlich die beiden Abschlussbände erscheinen. Ich plane auch noch ein Prequel für die Trilogie, in dem von E. A. Poe der Mord an Goethe und Schiller aufgeklärt wird.

(3) Ein Künstlername, bei dem nicht einmal klar ist, ob eine Frau, ein Mann oder jemand Diverses dahintersteckt, ist gerade für phantastische Literatur ideal.

(4) Weißenstein. Das ist ein toller Titel für ein Buch, fällt mir auf. Dahinter kann sich alles verbergen: vom Berg-, Arzt- und Schicksalsroman über Historienschinken, vom Gesellschaftsdrama bis zum Elfenkrimi. Ich beanspruche hiermit das Copyright.

Freitag, 27.09.19 – Verhülltes

Nom de plume oder nom de guerre?

Es ist ein offenes Geheimnis:

Ich heiße nicht Nikolaus Klammer und ich bin auch nicht Nikolaus Klammer. Ich bin ein anderer. Ich bin weder der verzweifelte Schriftsteller Nikolaus M. Klammer aus den erinnerten Memoiren des Dr. Geltsamer, noch der gelangweilte und zynische Beamte Nikolaus Klammer aus dem Jahrmarkt-in-der-Stadt-Zyklus, der gerade in meinem neuveröffentlichten Roman „Nutzlose Menschen“(1) sein Wesen resp. Unwesen treibt. Und am wenigsten bin ich Miladí da Hivers intriganter Sekretär Niclas Agrafe aus den Brautschaubüchern.(2) Es stimmt schon. Eine Figur mit diesem Namen taucht in jedem Buch von mir auf, sogar in meinen Märchen um Karl-Heinz, den Weihnachtshund. Das ist ein Spiel, an dem ich wahrscheinlich mehr Vergnügen als meine Leser habe, von denen ich einige damit verwirrt habe. Am Ähnlichsten ist mir wahrscheinlich jener Nikolaus Klammer, der für die Autorenschaft meiner Werke Verantwortung übernimmt, diesen Blog führt, z. B. bei Twitter, Facebook oder Lovelybooks ein durchaus rühriges virtuelles Leben führt und mit klammer@email.de ein eigenes Postfach führt.

Ganz schön eifrig, der Nikolaus Klammer. Die Bücher rechts, in denen Kurzgeschichten und Erzählungen von mir zu finden sind, kann man übrigens zum Teil über den Webshop des Wolkenstein-Verlags erwerben, in dessen Verlagsforum Nikolaus Klammer mal recht fleißig publizierte.

Nikolaus Klammer ist also nur ein nom de plume, ein Schriftstellerdeckname, ein Alias. Seit ich mich im Web bewege, habe ich überall konsequent nur dieses Pseudonym benutzt und es ist inzwischen ein Vulgo-Name, den manchmal sogar schon meine Freunde verwenden, wenn sie mich ansprechen.(3) Ich weiß, dass es nicht allzu schwierig ist, meinen Realnamen(4) herauszufinden, aber mir ist es bis jetzt erfolgreich gelungen, ihn aus dem Internet herauszuhalten. Zum Glück sind nur wenige so neugierig. Während eine Google-Suche nach Nikolaus Klammer tausende Einträge und Bilder liefert, kann man den „echten“ Menschen dort eigentlich nicht finden. Allein ein weit entfernter Verwandter von mir(5) mit gleichem Namen taucht an den wenigen Fundstellen auf. Mein Ziel, mein privates Leben hinter einer erfunden Person zu verbergen, ist mir also im Großen und Ganzen gelungen.

Warum ist mir das wichtig? Natürlich ist es auch der Reiz des Sich-Verbergens, des Sich-Verhüllens, der Charade, der mich dazu gebracht hat, mir einen Künstlernamen zuzulegen, der inzwischen sogar auf meinem Briefkasten steht, damit der Herr Klammer seine Post bekommen kann (Nicht, dass das häufig geschieht). Wer mich nicht persönlich kennt, weiß zum Beispiel nie, ob das, was ich hier schreibe (auch dieser Text) „wahr“ ist, „halbwahr“ oder einfach „frech gelogen“. Ich muss mir keine Gedanken machen, wie meine Geschichten und Blogartikel bei meinen Bekannten, Freunden und Verwandten ankommen. Die meisten von ihnen sind übrigens recht froh, dass dadurch mein ganzes Schreiben nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird, denn diese Seite meiner Existenz, die offenbar nur mir so richtig wichtig ist, ist ihnen eher peinlich und sie bemühen sich nach Kräften, sie zu ignorieren. Wenn ich in vertrauter Runde über meine Literatur reden möchte, ist das ein noch bewährterer Stimmungs- und Gesprächskiller als das Auflegen einer Leonard-Cohen-CD. Diesem Unbehagen will ich niemanden aussetzen. Ganz pragmatisch ist das Pseudonym auch ein Schutz davor, dass Nachbarn und Menschen, mit denen ich über meinen Brotberuf zu tun habe, von meinem doch recht anrüchigen „Schriftsteller-Hobby“(6) erfahren, denn es hat schon ein wenig von einem ekligen Hautausschlag oder einer verborgenen Geschlechtskrankheit und stellt mich in die Ecke der Absonderlichen und Wirrköpfe. Würde meine nicht gesellschaftsfähige Beschäftigung publik, würde es meinem Ruf und Ansehen schaden und ich würde nicht mehr ernst genommen. Auch deshalb bin ich janusköpfig. Das ist so traurig, wie es wahr ist. Da ich mich nicht in Künstler- und Literatenkreisen bewege, sondern in einer grundsoliden, bürgerlichen und dazu auch noch bayerischen Umgebung, kann ich nur dann ein Autor sein, wenn ich als Nikolaus Klammer im Netz unterwegs bin und meine Romane veröffentliche. Und unter diesem nom de guerre kann ich dann auch mal – salopp ausgedrückt –  die Sau rauslassen. Klammer darf alles sagen, was ich verschweigen muss. Er kann sich mit Dingen beschäftigen, die außer mir keinen in meinem Umfeld interessieren, kann seine stupende Belesenheit, seinen Witz, Geist und Intelligenz sprühen lassen und dabei so selbstherrlich und arrogant auftreten und reüssieren, wie es mir in meinem realen Leben unter meinem realen Namen niemals möglich ist. Als Nikolaus Klammer bin ich ein Held, so wie der langweilige Clark Kent Superman ist.

Ein so alteingesessenes Alias hat selbstverständlich auch ein paar Nachteile. Es ist wie ein eleganter Anzug, der ab und an overdressed wirkt und nicht passt und manchmal sogar an des Kaisers neue Kleider erinnert. Doch er sollte niemandem vom Leib gerissen werden, wie dies unter anderen Elsa Ferrante geschah. Keiner hat aus Sensationslust oder einfach aus Bosheit das Recht, einem anderen sein „Imago“ zu rauben, das er sich mühsam aufgebaut hat. Trotzdem:

Ich liebe Nikolaus Klammer!


(1) Falle ich euch schon lästig? Egal. Ich mache hier noch einmal Werbung für meinen neuen Roman „Nutzlose Menschen“ aus meinem Jahrmarkt-in-der-Stadt-Zyklus, der im wohlsortierten Buchhandel oder in dessen Online-Shops als Taschenbuch oder als spottbilliges E-Book erworben werden kann; z. B. hier.

(2) Ich bin auch nicht der ausgeprochen arbeitscheue österreichische Künstler und Gemmenschneider Nikolaus Klammer – der sich selbst anglizierend Nicolas Clamer schrieb -, Zeit seines Lebens (1769 bis 1830) an finanziellen Problemen litt und an „Brustwassersucht“ verstarb. Wie es in einem alten Lexikon heißt, war er „zu viel Idealist, weil er an seinen Werken oft monatelang arbeitete und alles um sich vergaß”. Das alles erinnert mich allerdings wieder an mich selbst; auch wenn mir Clamer noch nicht bekannt war, als ich den Namen Anfang der 90er Jahre für den Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ für mich erfand.

(3) Sogar meine Frau benutzt ihn inzwischen und ist z. B. beim „Quizduell“-Spielen auf ihrem Smartphone unter „frau klammerle“ zu finden. Sie ist übrigens in der Rangliste ziemlich weit oben und freut sich immer über neue Gegner. Man kann sich selbstverständlich auch mit „Nikolaus Klammer“ messen.

(4) Über meinen realen Vornamen stritten meine Eltern lange. Meine Mutter wollte Bodo oder Lars – sogar Detlev(!) stand auf ihrer Liste – mein Vater war mehr für gut Abgehangenes: Maximilian, Heinrich, Hermann oder Karl. Zu meinem Glück konnten sie sich auf den Namen eines norwegischen Wikingerkönigs aus dem Hause Jelling einigen, der 1963 zu den beliebtesten Jungennamen gehörte. Ich hatte deshalb in jeder Klasse drei Namensvettern. Der echte Nachname kling typisch Bayerisch, auch wenn er nicht so geschrieben wird und zum Glück nicht auf -er endet.

(5) Ich bin meinem Wiedergänger nur ein einziges Mal vor vielen Jahren bei der Beerdigung meines Großvaters begegnet und es gibt buchstäblich nichts außer dem Namen und einer fast identischen E-Mail-Adresse, das wir gemeinsam haben. Daraus lässt sich leider keine romantisch-gespenstische „Elixiere des Teufels“-Geschichte machen.

(6) Der „Hobbyautor“ und wie ich das hasse!

Regen im Gemüt

Nein! Ich glaube nicht, dass es die unter den literarischen Bloggern so oft herbeigeredete „Angst vor dem leeren Papier“ unter Schriftstellern wirklich gibt. Eher das Umgekehrte, den horror vacui, der sie dazu zwingt, jede weiße Fläche mit ihren Worten zu füllen. Denn das ist es, was den Autor von denen unterscheidet, die erst noch einer werden wollen:

Der Autor schreibt.

Denn er ist einer, der sich einbildet, Leser würden ungeduldig auf sein nächstes Buch warten. Gleichgültig, ob ihn nun die Muse geküsst hat oder nicht, er schreibt. An manchen Tagen nur einen Absatz, an anderen zehn Seiten. Wenn er kein Schreibutensil zur Hand hat, dann setzt er seinen Text eben im Kopf auf. Die Regelmäßigkeit ist entscheidend. Der Autor fasst sein Handwerk als einen Beruf auf, den er jeden Tag  fleißig ausübt. Wenn Bücher schreiben nicht sein Brotberuf ist, dann hat er eben zwei Jobs.  Die oft gehörte Frage, wo und wann er denn die Zeit fürs Dichten fände, findet er merkwürdig. Sie stellt sich ihm nicht. „Leben oder Schreiben?“ Der Schriftsteller hat sich längst für zweiteres entschieden.

Aber auch Autoren – und ich will mich jetzt einfach einmal als einen bezeichnen(1) – machen Urlaub, liegen in der Sonne, lesen, wandern, feiern mit Freunden und Familie. Obgleich er niemals versiegt, tröpfelt der Fluss ihrer Literatur dann nur noch. Offiziell befinde ich mich grade in solch einem Urlaub; auch wenn dieser Blog deutlich zeigt, wie schwer es mir fällt, die Finger, die sich meist schneller als meine Gedanken bewegen, vom Stift oder der Tastatur zu lassen. Klar, das miese und kühle Regenwetter, das Süddeutschland und seine Nachbarn seit zwei Wochen fest im Griff hat, und die politischen Ereignisse zwingen mich häufiger an den Schreibtisch, als ich es eigentlich wollte. Obwohl ich eigentlich kein „politischer“ Schriftsteller bin, fühle ich mich doch verpflichtet, an dieser Stelle deutlich mein Entsetzen und meine Abscheu zum Ausdruck zu bringen, dass diese „tumben Toren“ und Brandstifter aus AfD, Pegida und rechtsradikaler Szene im Schulterschluss gerade eifrig damit beschäftigt sind, alle Werte, an die ich glaube, wortwörtlich mit den Füßen zu treten, und meine Heimat und meine Existenzgrundlage als Dichter zu zerstören.  Leider ist meine Stimme kaum zu hören in dem Lärm, den die Nazis machen. Meine Herbstdeprimiertheit begann in diesem Jahr sehr früh – noch bevor die Lebkuchen in den Regalen standen.

Der Himmel weint und ich mit ihm.


(1) Ich habe heute keine Lust, erneut durchzudiskutieren, ob ich mich Schriftsteller nennen darf oder nicht. Ich habe das hier bereits getan: Der „Hobbyautor“ und wie ich das hasse …

Ein Dichter versucht sich als Denker (Zweiter Teil)

„Do I contradict myself?
Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“
Walt Whitman

 

büchermensch

Nikolas Klammer, Büchermensch – Kaltnadelradierung, 1996

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Was ich Gerade tue

ich schreibe ein buch/
in dem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
schreibe/
indem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
beschreibe/
wie ich das buch/
das ich beschreibe/
schreibe/
schreibe/
beschreibe/
kurz gesagt : nichts neues/
und das nicht einmal gut.

Ich denke, ich habe mit dem ersten Teil meiner Theorieüberlegungen  den einen oder anderen verschreckt. Gar zu düster war das Bild, das ich da zeichnete vom Leben als einem langsamen Sterben und dem Schreiben als opfernde und ausblutende Sisyphos-Arbeit. Und vielleicht mag es auch nicht zu den lockeren Alltäglichkeiten passen, die ich sonst so blogge. Nun, das alles ist wahr, weil es gleichzeitig nicht wahr ist. Die Auslage ist eben bunt.

Ich finde, Autoren sollten mehr schreiben und weniger übers Schreiben schreiben. Um das komplexe und auch ein wenig langweilige Thema „Theorie des Schreibens“ vorläufig halbwegs versöhnlich abzuschließen, lege ich hier das Ende meines Kurzromans „Ein kleines Licht“(1) bei, in dem der Schriftsteller Klammer, der ein Faible für die klassische Antike hat und der Dichter Andernaj, der ein Faible für Hochprozentiges hat, in einem sentimentalen Moment festgehalten sind. Hier spielen zwei Dichter Denker:

Mein Frühling, setzte er seinen Brief an seine Frau fort,

während ich mit Nikolaus sprach, wurde es schnell dunkel. Er machte keine Lampe an, sondern holte nach einer Weile ein paar Kerzen & stellte sie angezündet auf den niederen Tisch. Seine Wohnung wurde da­durch heimeliger. Wie die meisten Deut­schen habe ich eine Vorliebe für den warmen Schein von Kerzenlicht. Ich weiß nicht, welche archetypi­sche Erinnerung dabei eine Rolle spielt. Die kalte Replik eines griechischen Athleten, der sich gerade einen Dorn aus der Ferse ent­fernt, vielleicht ist es auch ein Original oder zumindest eine römische Ko­pie, man kann das bei Nikki nie sagen, diese Statue, will ich sagen, wirkte plötzlich sehr leben­dig & im flackernden Licht schien sie sich zu bewegen. Niko­laus sah meinen Blick.

„Ich wollte, ich wäre irgende­ine Beethovensche Sinfonie oder irgendetwas, was fertig geschrieben ist. Das Geschrieben-Werden tut weh“, sagte er plötzlich aus dem Zusammenhang ge­rissen & stellte eine nur ihm selbst verständliche Gedan­kenverbindung zu der Statue her. Wahr­scheinlich zi­tierte er wieder seinen Lieblingsschrift­steller. Trotzdem hatte ich die Empfindung, dass ich einen seiner seltenen ehrlichen Momente erwischt hatte, er wirklich an sei­nem Leben litt. Was sind wir doch für ein Haufen Ver­lierer. Er wandte sich müde an mich; ein neuer, durchaus symphatischer Klammer, gar nicht zy­nisch, gar nicht arrogant: „Wir sind uns doch einig: Da ist kein Gott im Him­mel, kein Schöpfer aller Dinge, auch kein Demiurg, da war nie einer, keine Theodizee, keine Ontologie, keine Erlösung, kein Lebenswerk, natürlich auch kein Volk, keine ewige Wiederkehr. Da ist nicht ein­mal dieses halbtröstliche, halbverrückte „authen­tische” Ich, das „Geworfensein in diese Welt”. Da ist kein „Cogito”, kein „sum” & schon gar kein „ergo”, vor allem kein „ergo”. Nichts ist logisch. Wohin wir uns auch wenden – keine Antworten.  Nur eben – Nichts. & es wäre pa­radox zu sagen, dass doch zu­mindest dieses Nichts „ist”. Auch die sophistischste und positivste Philosophie muss am Ende schwei­gen. Legen wir das alles zur Sei­te, es ist unnützer Ballast.
Was uns jetzt noch bleibt, nachdem wir allen Wahn hinter uns gelassen haben, ist der zerrinnende, nicht fassbare Augenblick des Jetzt, dieser schimärische Hauch, der, wenn er gedacht wird, schon wie­der vorbei ist; der allein uns Existenz verspricht, weil wir uns in ihm als existent erinnern. Deshalb klammern wir uns an ihn, „harmonisieren” ihn, in­dem wir alles unterneh­men, um von ihm nicht über­rascht zu werden, denn nur der überraschende Mo­ment verwirrt, verwundet & tö­tet. Aus diesem Grund versuchen wir das Jetzt zu wie­derholen, im­mer wieder, auf ganz auf die gleiche Weise, in der es uns die Natur in ihrer ermüdenden Kette von Wie­derholungen vormacht. Denk nach: War­um hat der Mensch die Uhr erfunden? Weil er mit ihr dem Schrecken der Unsicherheit entgehen will & er kommt ausgerechnet in dem Zeitpunkt auf die Idee der Uhr, als die Gewissheit des Gottesstaates für ihn zer­bricht. Die Uhr ist ein Ersatz für Gott. Wir brauchen nichts dringender als die Uhr, sie macht es uns vor: Je­der Atemzug ist wie der andere, jeder Pulsschlag, Lid­bewegung, Schritt, Ernährung, Or­gasmus, Tag, Nacht, endlich auch der Tod. Alles wiederholt sich in jedem Augenblick. Nein, es gibt nichts Neues unter der Sonne, denn es gibt auch nichts Altes.“

Klammer holte Atem & er schien über sich selbst & seine Worte zu lächeln. Dann zuckte er resigniert mit den Achseln. „Ich will es dir nicht schwerer machen, als es ist, Al­fons. Du kennst doch die Binsenweisheit, dass es immer zu spät & gleichzeitig immer zu früh ist.“

Ich war versucht, mit ihm ein synchrones Achselzu­cken zu bewerkstelligen. „Weißt du, Nikolaus, du hast sicher recht“, sagte ich & starrte in die Flamme der vor mir stehenden Kerze, die an einem zu lan­gen Docht unruhig blakte. „Aber ich kann dir nicht ganz folgen & ich will es auch nicht. Deine Konse­quenzen erschrecken mich … Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Dass ich nicht sein wer­de, begreife ich nicht. Dass die Welt nicht sein wird, be­fürchte ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Es ver­lischt.“

Klammer schüttelte den Kopf. „Alfons, du bist ein Dichter“, sagte er lächelnd & wohlwollend.

Mein Leben, ich musste darüber so lange lachen, bis ich mich übergeben musste.“

Ein kleines Licht, Schluss

todfriedeNun gibt es aber nichts, was sich mehr ähnelte als das Nichts und die Unendlichkeit; das Nichts ist die Dummheit, die Unendlichkeit das Genie. Kneipengespräche haben nie ein befriedigendes Ende, eine erzählte Geschichte hat dort nie einen endgültigen Schluss. Vorher schwadroniert das Gepräch immer in eine andere, bedeutungsleere Richtung oder es wird rüde unterbrochen. Das Gemälde bleibt unvollendet, die Musik bricht ab mit einer Disharmonie. Leben mischt sich rücksichtslos zwischen das Fabulieren, verdrängt es und setzt die Erzählung tätig handelnd fort. Leben ist immer die Fortsetzung einer Geschichte mit anderen Mitteln.

Im übrigen gilt wohl die Bemerkung Goethes, wie vergeblich alle Anmerkungen zu den eigenen Werken seien, „denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlass. Ferner mag ein Autor bevorworten, so viel er will, das Publikum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte.”

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(1) Der Kurzroman „Ein kleines Licht“ ist in meinem kaum gelesenen Erzählungsband „Kleine Lichter“ erhalten, der als Softcover oder als günstiges E-Book überall im Buchhandel erhältlich ist.

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