04.02.21 »Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!«

Alltägliches, Aufreger, Über den Roman, Brautschau, Brautschau, Caféhausgespräche, Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, E-Books, Ebook, Erzählung, Erzählung, Fantasy, Fantasy, Fragen, Gedankensplitter, Gesellschaft, Heimat, Kolumne, Leben, Lesung, Literatur, Literatur, Mánis Fall, Mein Dorf, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Philosophie, Roman, Sprache, Video, Werkstattbericht, Wochenlese

Donnerstag, 04.02.21

Liebe Leserin,

Dante Alighieri (1) hatte offenbar prophetische Fähigkeiten: »Ihr, die ihr durch mich eintretet, lasst alle Hoffnung fahren«, kann man in seiner Commedia als Inschrift über dem Tor zur Hölle lesen. Eigentlich sollten diese Zeilen auch erscheinen, wenn man den Browser öffnet und ins Internet geht, um seine sozialen Netzwerke zu pflegen. Denn das Internet und seine hohlen Versprechungen sind zumindest das Purgatorio, in dem ich gequält werde – ohne zu wissen, wann ich in seinen Feuern genug »geläutert« wurde, um es endlich verlassen zu dürfen. Ja, ich weiß, ich bin selbst schuld. Ich mache es für mich (und vielleicht auch für dich) durch mein Gejammere noch schlimmer, das ist mir klar. Aber es ist gerade in dieser Zeit, in der ich den Eindruck habe, ich hocke von Gott, den Menschen und allen guten Geistern verlassen in einer Zeitschleife und in Einzelhaft gefangen in meinen vier Wänden, kaum erträglich. Wie jemand in diesen Tagen Optimismus ausstrahlen kann, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Ich schleppte mich durch den schier end- und hoffnungslosen Januar, den irgendwie auch der Februar noch nicht beendet hat, funktioniere mehr, als dass ich handle. Meine ohnehin wenigen  Kontakte tendieren gegen 1 (Das ist Frau Klammerle, der ich gerade ein wenig auf die Nerven gehe). Ich esse und trinke viel zu viel und starre gefühlt stundenlang in den Regen hinaus oder in mein Smartphone. Doch weder in meinem Garten, noch im Internet tut sich etwas – überall herrscht nur Leere und Ödnis; es wird früh dunkel und spät hell. Ich werde vom Wetter und vom Internet geghostet. Die Kraft, mich hier aus meinem Fegefeuer herauszuwinden, schwindet mit jedem Tag, den ich gezwungenermaßen im Lockdown verbringen muss.

Und ich bemühe mich wirklich, mich aus diesem Sumpf zu befreien – Zeit habe ich ja. Mein Erzählungsband »Stromausfall« ist beinahe fertig und ich hoffe, ihn nach dem Lektorat im März veröffentlichen zu können. Ich schreibe regelmäßig an meinen neuen Romanen »Die Bücherkeller des Vatikans« und »Mánis Fluch«, die mir beide gut von der Hand gehen. Von ihnen habe ich bereits gut 30.000 Wörter, also fast 150 Seiten geschrieben und wenn ich in diesem Tempo weitermache, beende ich die Romane im Sommer, bzw. im Herbst.

Ich habe für meine Fantasy-Saga »Brautschau« eine WordPress-Site eingerichtet und viel Zeit in ihre Erstellung investiert, Illustrationen und Landkarten gezeichnet, dazu eine Wiki begonnen und Texte und Videos und ein Logo erstellt. Man kann dort Leseproben aus allen Brautschau-Romanen lesen und den kompletten Anfang von »Mánis Fluch«. Ich habe die Site siebenhardt.wordpress.com exzessiv in Facebook, Instagram, Twitter, youtube und bei Freunden und Verwandten beworben. Anzahl der Besucher von siebenhardt.wordpress.com in den letzten zwei Wochen: 0. (2)

Aber ein Traum, den privaten Blog und Schriftsteller-Tagebuch, auf dem du dies gerade liest, führe ich seit Mai 2013 und ich habe in den acht Jahren über 1000 Artikel für ihn geschrieben (und die besten in zwei Bänden als Taschenbuch und als E-Book veröffentlicht). Auch hier habe ich regelmäßig geschrieben und etwa 100 Seiten von dem 4. Geltsamer-Roman »Die Bücherkeller des Vatikans« vorveröffentlicht. Anzahl der Besucher auf dieser Site in den letzten zwei Wochen: 4. (Die Spammer und Suchmaschinenbots sind wieder abgezogen).

Ich habe in den letzten Jahren 13 Bücher von mir im Eigenverlag veröffentlicht und biete sie in allen Buchhandlungen und Onlineshops im deutschsprachigen Raum an. Sie gibt es als Taschenbuch und als E-Book. Die Preise sind so gestaltet, dass sie gerade so meine Unkosten decken. Ich bewerbe sie täglich auf allen Kanälen, die mir zur Verfügung stehen und mache regelmäßig Online-Lesungen und stelle sie auf youtube. Anzahl der Käufer meiner Bücher im Januar: 0. Ich lese, rezensiere und bewerte immer wieder auch die Bücher anderer Autoren und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anzahl der Rezensionen oder Sternchen meiner Bücher im Januar: 0. (3)

Ja, ich weiß, ich jammere zu viel in dem Feuerloch, in dem ich gebrutzelt werde. Aber ich finde, ich habe wirklich allen Grund dazu. Ich kann mich abstrampeln, wie ich will – ich bin und bleibe vollkommen erfolglos. Als Schriftsteller habe ich vollkommen versagt.

Dein Nikolaus.

PS. Wenigstens hat heute das Wetter ein Einsehen und ist fast frühlingshaft schön. Sollte die Zeitschleife doch noch ein Ende finden und sich die Türen meines Purgatoriums öffnen? Mein lieber Kollege und Freund Jean Paul hat mal gesagt, dass es der Vorteil des Frühlings sei, genau dann zu kommen, wenn man ihn am nötigsten hat. Vielleicht sollte ich hinaustreten und dabei nicht alle Hoffnung fahren lassen. Und ich verspreche hiermit feierlich: Mein nächster Blogartikel wird wieder ein lustiger. Versprochen!

_____________

(1) Ein paar Bücher gibt es, die sind in aller Munde und jeder behauptet, sie zu kennen. Doch mir bleiben sie einfach verschlossen und ich bringe weder die Kraft noch den Mut oder gar die Freizeit auf, sie zu lesen. Die »Göttliche Komödie« habe ich im Gegensatz zur »Menschlichen« von Balzac niemals gelesen, obwohl ich sie inzwischen sogar in zwei verschiedenen Ausgaben im Bücherschrank habe – als reich illustrierte Prosaübersetzung und in den originalen Terzinen. Beides ist für mich fast unlesbar, obwohl ich auch harten Stoff gewöhnt bin und ich wirklich den Wunsch habe, absolut jedes Buch zu lesen. Ähnliche Hürden sind z. B. Proust, Musil oder Joyce, obwohl diese, wenn ich sie mit Dante vergleiche, beinahe Zeitgenossen sind. Oh, Boccaccio, Ariost, Machiavelli und viele andere Renaissanceautoren habe ich mit Vergnügen und Gewinn studiert, ich habe auch Dantes Vorbilder (Homer, Vergil etc.) gelesen, aber Dante selbst … nein, der geht gar nicht. Im Gegensatz zu meinen Söhnen habe ich nicht einmal das Computerspiel gezockt, das auf der Divina Commedia beruht.

(2) Ausnahme sind natürlich die Drecks-Spammer. Diese Pest überschwemmt mich überall im Netz. Jeden Tag beginne ich damit, den Mist zu löschen, Pornobots und Betrüger zu blockieren. Auf Instagram z. B. werden 3 % aller Zugriffe auf mein Konto von heiratswilligen Frauen von der Elfenbeinküste aus getätigt. Gerade wurde ich beim Schreiben unterbrochen, weil die Meldung aufploppte, dass mir auf Facebook ein Mädel folgen will, das mir irgendwelche »pics« von sich schicken will. Ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie mich das nervt!

(3) Anderen geht es noch schlimmer: Eine Autorin, die ich über Instagram kennenlernte, hat 350 Exemplare ihres Romans „Liliensommer“ verschenkt und sich dadurch in erhebliche Unkosten gestürzt. Sie hat eine einzige 3-Sterne-Rezension bei Amazon bekommen. Es ist manchmal unglaublich, wie arrogant Leser mit Autoren umgehen. Sie wollen unsere Werke – wenn es geht, kostenlos – aber mit den Schriftstellern wollen sie nichts zu tun haben. Der Autor ist dem Leser unsympathisch, denn er adoptiert das Werk und argwöhnt, dass dessen Schöpfer ein Konkurrent ist, der den Besitz wieder zurückverlangt. Manchmal habe ich auch das Gefühl, die Leser denken, wir existieren nicht in Wirklichkeit und sind nur Ausgeburten unserer eigenen Fantasie.

Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod – Lesung (1)

Alltägliches, Aufreger, Caféhausgespräche, Das rote Haus, Der Autor, Ebook, Experimente, Gedankensplitter, Gesellschaft, Glosse, Humor, Kolumne, Kurzgeschichte, Leben, Leseprobe, Lesung, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Satire, Sprache, Video, Werkstattbericht

Willkommen zum 1. Teil meiner Live-Lesung von meiner Kurzgeschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Ich hoffe, die 15 Minuten, die mein kleiner Vortrag dauert, sind nicht dir zu lang. Diese und andere Kurzgeschichten findest du übrigens in meinem Buch „Das Rote Haus“.

 

Ich wünsche viel Vergnügen und würde mich übrigens wirklich über einen Kommentar freuen, ob dir so etwas gefällt und ob ich häufiger auf meinem Blog Lesungen einbinden soll.

Liebe Grüße, Nikolaus

Ist sie unsterblich?

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, E-Books, Leben, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik

Das sind Fotos von Verena Salva, der meine Leser in meinen geheimnisvollen Geltsamer-Romanen begegnen können. Zwischen den beiden Aufnahmen der jungen Dame liegen über 80 Jahre (!). Merkwürdig … wie kann es sein, dass diese Frau schon 100 Jahre alt ist? Hat sie im Amazonasdschungel die Quelle der ewigen Jugend gefunden, nach der Konquistador Juan Ponce de León vergeblich forschte?

Verena Salva hat übrigens auch einen Blog, in dem sie Fotos, Interviews und Gedichte veröffentlicht. Vielleicht gibt sie ja dort die Antwort preis:

rosmarinkatze.wordpress.com

Oder du liest einfach meine spannenden 3 Romane

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren

Band 1: Die Frau, die der Dschungel verschluckte
Band 2: Die Hyänen von Berlin
Band 3: Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow,

die du preiswert in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch in den Internetbookstores in der gebundenen Ausgabe oder als E-Book erwerben kannst.

Band 4: In den Bücherkellern des Vatikans

ist bereits in Arbeit.

Die dicken Bücher und ich

Alltägliches, Über den Tellerrand, Blog-Rewind, Caféhausgespräche, Der Autor, Essen, Fragen, Gedankensplitter, Glosse, Kunst, Leben, Literatur, Literatur, Sprache, Werkstattbericht

Obwohl ich mich selbst als eher langsamen Schreiber bezeichnen würde, heißt es ja immer wieder, ich sei ein „Vielschreiber“. Staple ich meine bislang veröffentlichten Bücher übereinander, ergibt das einen doch recht beachtlichen Turm, den ich in diesem Jahr um noch mindestens zwei geräumige Stockwerke erhöhen will.

Ich bin jedoch nur ein kleines Licht gegen andere und ich frage mich ernsthaft, wie es jemandem gelingen kann, tausendseitige Romanmonster zu schreiben; wie er seinen Alltag und sein privates Leben organisiert und vielleicht nebenzu noch einen Brotberuf ausübt und trotzdem fette Bücher schreiben kann. Ein paar Beispiele:

Die Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen (!) Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl benötigte, ihn ohne Laptop oder Schreibmaschine niederzuschreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden so viele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade aktuell verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac verzichtete auf Schlaf, hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete täglich 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckereien. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenzund eine schier unüberschaubare Anzahl an Kurzgeschichten hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllen. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen oder Netflix; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

Manuskript2

Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

______________________

(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, deren Kreative sich nicht entblödeten, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, den Namen der „Autorin“ zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Ausgerechnet! Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

Montag, 07.10.19 – Pläne und Vergeblichkeiten

Alltägliches, Blog-Rewind, Brautschau, Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, E-Books, Essay, Gedankensplitter, Glosse, Heimat, Jahrmarkt in der Stadt, Kolumne, Leben, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Noch einmal daran gedacht, Urlaub, Wandern, Werkstattbericht

Montag, 07.10.19
Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.
Fontane, Brücke am Tay

*

Das Tiroler Lechtal, das mit seinen überaus schroffen Bergspitzen und herrlichen Seitentälern von einer wildromantischen Flusslandschaft geprägt ist, die an die Weiten Kanadas erinnert, ist von Augsburg aus ein lohnendes Ziel für Natursüchtige und Wanderer, die auch beim Bergwandern nicht auf Marillenschnaps und Kaiserschmarrn verzichten wollen. Wenn es normal läuft, dann fährt man mit dem Auto von meiner Haustür in knapp zwei Stunden bis zum Eingang des Tals.

Das Lechtal – ein Sehnsuchtsort

Seit einigen Jahren versuchen Frau Klammerle und ich trotz vieler Rückschläge immer wieder unverdrossen – manche würden es naiv nennen – dort ein paar unbeschwerte Urlaubstage zu verbringen, zuletzt über den Brückentag zwischen dem 3. Oktober und dem darauffolgenden Wochenende hinweg. Wir waren auch schon im Frühjahr und zwei-, dreimal im Sommer dort. Doch obwohl wir als Augsburger ebenfalls Lechanrainer(1) sind, mag uns dieses Tal offenbar nicht. Denn es wird uns grundsätzlich jeder unserer Aufenthalte dort massiv verregnet. Schon die Anreise am Donnerstag war ein mittleres Desaster, denn bereits die B17 Richtung Süden war ab Steingaden wegen einer Baustelle gesperrt und ich musste auf einer kurvigen Umleitungsstrecke eine Stunde hinter einem italienischen Laster hinterherzuckeln, der offenbar noch nie etwas vom Feiertagsfahrverbot gehört und es auch nicht gerade eilig hatte, aber so breit war, dass man ihn einfach nicht überholen konnte. Dann, kurz hinter Füssen, noch immer hinter dem Italiener her, begann auf der österreichischen B179 der übliche Stau Richtung Fernpass um die Ortschaft Reutte herum. Da ließen wir dann noch einmal über eine Stunde auf dem grauen Asphalt liegen und kamen deshalb erst in der Abenddämmerung an unserem Ziel in Stanzach(2) an. Lassen wir der Wahrheit Gerechtigkeit erfahren: Es war zwar kalt, aber schön. Doch schon der nächste Tag begann wolkenverhangen und brachte ab Mittag anhaltenden und starken Regen, den wir gestern auch wieder brav mit nach Hause genommen haben und der gerade gegen die Fensterscheibe meines gut eingeheizten Arbeitszimmers prasselt, während ich dies schreibe. Goldener Oktober? Zumindest in diesem Jahr ist das ein ziemlich makaberer Witz.

Beeindruckend, aber nass und arsc*kalt.

Am Samstag ging dann überhaupt nichts mehr. Der stürmische Westwind trieb die Wolken tief ins Tal hinunter, die hinter sich die Berge versteckten; es hatte höchstens 5° C und ergiebigen Land- und Schnürlregen. Die Schneefallgrenze sank auf 1500 m herab. Die Rettung vor der Herbstdepression war die Ehrenberger Therme mit ihrer schönen und ausgedehnten Saunaanlage, die jedoch spätestens ab Mittag vollkommen mit schwitzenden, wohlgenährten Leibern überfüllt war.(3) Nein, dieses Lechtal mag uns nicht. Aber wir sind unverbesserlich und werden in knapp drei Wochen wieder in die Alpen fahren (diesmal ins Martelltal) und auf Sonnenschein und Wärme hoffen. Drückt uns die Daumen!

So war das letzten Herbst in Südtirol.

*

Mein nächstes Buch ist fertig und demnächst bestellbar. Es ist auf über 250 Seiten eine weitere Sammlung meiner besten Blogartikel und trägt den Titel „Noch einmal daran gedacht“. Im Gegensatz zum Vorgänger „Noch einmal davon gekommen“ wird der Fokus auf meinen Texten zur Literatur im Allgemeinen und meiner eigenen im Besonderen liegen. Es werden dort also Kritiken, Essays und dazu Gedanken zu meinem literarischen Schaffen und Schöpfen und meinem Leben als Autor, aber auch die eine oder andere Glosse zu finden sein, die im Lauf der letzten 7 Jahre für „Aber ein Traum“ entstanden sind. Ich habe diese Blogartikel erweitert, umgeschrieben, aktualisiert und in Zusammenhänge gebracht und glaube, dass mir dieses Buch ganz gut gelungen und originell ist. Im Moment warte ich auf mein Korrekturexemplar vom Verlag, dann kann ich zusammen mit meiner kleinen Helferlein-Lektorin die üblichen kleinen Tippfehler ausmerzen. Die Chancen stehen gut, dass der Band noch Ende Oktober vor meinem Herbsturlaub in den Regalen der Online-Buchhandlungen stehen wird und von meinen „begeisterten“ Lesern in Massen erworben und genossen werden kann.

Noch einmal daran gedacht, 260 Seiten, illustriert

Anschließend werde ich in den nächsten Wochen endlich die Arbeit am 2. Teil meiner Fantasy-Saga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, um den Band noch vor Weihnachten zu veröffentlichen. Auf diese Weise bleibe ich 2019 in meinem Edititonsplan. „Die Verliese des elfenbeinernen Palasts“ leisteten mir im Sommer heftigen Widerstand und ich musste den Roman mehrmals komplett umschreiben und umstrukturieren, als mir deutlich wurde, dass ich noch einen 3. Teil benötige, um alles zu einem befriedigenden Ende zu führen und auszuerzählen. Dadurch wird „Der Weg, der in den Tag führt“ zu einer umfangreichen Trilogie anwachsen. Ein längerer Abschnitt, der der Einstieg zum 2. Teil sein sollte, flog raus und wird nun den 3. Teil  eröffnen. „Die Schlacht um Paradis“ wird aber noch eine Weile auf sich warten lassen, weil ich 2020 endlich als erstes die Geltsamer-Reihe beenden (zumindest aber fortsetzen) will und anschließend den zweiten Brautschau-Roman und einen Band Erzählungen aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“ in Angriff nehmen möchte. Zumindest ist das mein Plan, der sich freilich auch noch ändern kann. Da ich kaum Leser habe, muss ich ja keine Erwartungshaltungen erfüllen und kann in meinem eigenen Tempo an den Texten schreiben, an denen ich gerade Interesse habe. Es hat auch durchaus Vorteile, ein unbekannter, selten gelesener Autor ohne Fangemeinde zu sein …

_____________

(1) Der Tiroler würde uns „Anstößer“ nennen …

(2) Dort feierte man an diesem Wochenende übrigens „Oktoberfest“. Deshalb waren die Gaststätten geschlossen und nur ein feuchtklammes Bierzelt, das 9 Euro Eintritt kostete, hatte geöffnet. Dort gab es natürlich nichts für Vegetarier, dafür spielten „Igor und seine Oberkrainer“(!). Nein, wir waren nicht dort, wir blieben in unserem Zimmer in der Pension und hungerten bei einer kargen Brotzeit. Zum Glück hatten wir wenigstens einen Flachmann und eine Flasche Wein dabei, die uns diesen Abend retteten.

(3) Nebenbei: Gibt es eigentlich außer mir noch einen Menschen, der sich kein hässliches Tatoo hat stechen lassen?