Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Der Jahrmarkt geht weiter …

Das Korrekturexemplar meines neuen Buchs „Nutzlose Menschen“ ist in der letzten Woche, die ich im Urlaub in Holland (1) verbrachte, angekommen und es sieht schon mal sehr gut aus.

Dieser Roman ist der Dreh- und Mittelpunkt meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe, mit dem ich über Jahre hinweg kaum verschlüsselt die Kultur meiner Heimatstadt Augsburg begleitet habe. Er spielt in der Mitte der 1990er Jahre und gibt am deutlichsten preis, welches unerreichbare Vorbild ich hatte, als ich den Zyklus entwarf:

Selbstverständlich war es die Comédie humaine von Honoré de Balzac. Die Literatur ist ein Monotheismus. Sie kennt Genies, Könige und Kaiser, aber nur einen Gott. Das ist Balzac. Vor ihm habe ich mich in den „Nutzlosen Menschen“ verneigt, darauf weisen nicht nur die den Titeln von Balzac-Romanen übernommenen Kapitelüberschriften hin. Der französische Romancier wird von der Hauptfigur Nikolaus Klammer häufig zitiert und in zwei Kapiteln darf der Leser auch eine Erzählung im Stil von Balzac lesen.

Obwohl die „Nutzlosen Menschen“ mit etwa fünfhundert Buchseiten der längste Text des Zyklus ist, spielt er nur an einem einzigen Sommerabend und schildert die Erlebnisse einer Gruppe von Leuten, die in die Fänge eines überlegenen Mannes geraten, der sich wie ein Regisseur in ihr Leben mischt und sie als die Akteure eines von ihm geschriebenen Drehbuchs handeln lässt. Denn er weiß:

Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden, und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden, aber sie tun und sagen es immer und immer wieder. Diese Menschen mögen zwar nutzlos erscheinen. Aber mit Geschick und Einfühlungsvermögen kann ich sie zu allem bringen: Zur Größe, aber auch zum verabscheuungswürdigsten Verbrechen.

Dieser Mann ist der spöttische, unendlich belesene Beamte Nikolaus Klammer. Er war mir Namenspate für mein Autoren- und mein Internetpseudonym, obwohl unsere einzigen Gemeinsamkeiten die Vorliebe für Balzac und ein gesunder Zynismus sind. Wenn man das eine oder andere Werk des Zyklus bereits gelesen hat, dann ist man Klammer schon ein paar Mal begegnet, z. B. in „Die Wahrheit über Jürgen“ oder in „Ein kleines Licht“. „Nutzlose Menschen“ zeigt ihn jedoch als Hauptperson. Jede meiner Figuren hat das Recht, einmal im Mittelpunkt zu stehen, so wie jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt.

Es ist seltsam mit diesem Buch. Es tut mir weh, es ist ein Schmerzenskind. „Nutzlose Menschen“ gehört zu den besten belletristischen Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich weiß, dass der Roman mit den meisten zeitgenössischen Erzählwerken und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zumindest mithalten kann – meiner bescheidenen Meinung nach manchmal sogar besser ist – aber  er hat nie Leser oder Öffentlichkeit gefunden, weil ich als Schriftsteller gescheitert bin und in der Masse derer schwimme, die es nie geschafft haben.

„Nutzlose Menschen“ ist ein Symbol für das, was hätte sein können und das, was ist. Auch von diesem Scheitern erzählt der Roman.

Wenn jemand nicht die Katze im Sack kaufen möchte und hier auf dem Blog ein wenig reinlesen möchte:

Nikolaus Klammer – Nutzlose Menschen
Roman aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Obwohl ich seit Monaten keine Bücher (auch keine E-Books) mehr verkauft habe, werden ich und meine Lektoren die „Nutzlosen Menschen“ bis Mitte Juli nach Fehlern durchforstet haben und ich werde – trotzig und hartnäckig wie ich bin! – den Roman dennoch in meinem kleinen Selbstverlag veröffentlichen. Auch wenn es wirklich niemanden interessiert, so wächst doch die Nikolaus-Klammer-Abteilung in meinem Bücherregal.

Grüße in den hier im Süden wolkigen, aber bei euch hoffentlich sonnigen Sonntag.

Nikolaus

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(1) Was ich gemacht habe? Nun, in der Hauptsache bin ich mit Frau Klammerle Rad gefahren und habe die Natur bewundert. Die Maasduinen in der Provinz Limburg haben ein übersichtliches, vorbildliches und engmaschiges Radwegenetz, von dem wir hier nur träumen können. Zudem ist es dort so flach, dass ich mir, der ich nur ein normales und noch lange kein E-Bike (so alt fühle ich mich einfach noch nicht) besitze, nicht wie ein Paria vorkam und mit den Rentner-Radl-Kolonnen mithalten konnte.

 

Reflektion – Eine Kurzgeschichte

Karl sieht in den Spiegel. Er sucht sich.

Es fällt ihm schwer, durch die Hülle aus Selbstbewunderung und Eitelkeit hindurchzudringen. Selbst wenn es ihm gelingt, dann doch nur für Augenblicke. Allzu schnell zwinkert er, zieht die Wangen ein. Eine Maske fällt herab.

Doch auch in den Sekunden der Wahrheit blickt er in die Augen eines Unbekannten, sieht fremde Züge. Er fremdet sich an. Nichts, so glaubt Karl, ist ihm unähnlicher als dieses Spiegelbild. Wo findet er sich in dieser Gestalt wieder? Alles ist so anders, als er es für gewöhnlich fühlt. Gut, die Kleidung ist bekannt, der Ausschnitt des Zimmers im Hintergrund, aber er selbst? Wo ist er selbst? Wo ist Karl? Im Spiegel entdeckt er nur eine Hülle, eine Form, etwas Zerfließendes, Amorphes. Es ist etwas, das er nicht greifen, in der Hand halten, schmecken oder riechen kann. Nichts sagt ihm: „He, das bin ich!“

„Bin ich das?“, will Karl rufen. „Ich …“

Er versucht, der Bedeutung seiner Worte nachzuspüren. Dann lächelt er, kneift ein Auge zu. Er hat sich wieder. Karl wendet sich ab. Nein, er versucht es, aber es will ihm nicht gelingen.

Ein plötzlicher Schmerz packt ihn an der Schulter, oben rechts, als würde ihm jemand einen flachen Schlag mit einem Brett verpassen. Der Schreck lässt ihn starr werden. Sein Atem beschleunigt sich. Karls Blick kehrt zurück zum Spiegelbild.

Etwas hat sich verändert, nicht viel: Nur ein Blickwinkel. Vielleicht ist die Couch, die er hinter sich entdecken kann, verrutscht. Er meint sie auch auf eine geheimnisvolle Weise verzerrt, transparenter.

Da sieht Karl: Seine eigene Reflektion im Spiegel ist ebenfalls eine andere. Er steht noch immer vor einem Fremden, das ist es nicht. Es liegt an den Augen, sie sind verschoben, falsch. Sie schielen nicht, haben nicht einmal einen Silberblick, soweit er feststellen kann, trotzdem: Sie sind anders.

Wieder will er sich abwenden, diesmal in wilder Panik. Es misslingt ihm erneut. Der Schmerz an der Schulter wird dumpfer. Es ist nun ein seltsamer Schmerz, einem Unwohlsein ähnlich, wie eine Unregelmäßigkeit, ein Zuspätkommen.

Vorsichtig versucht Karl, die Hand zu heben, sie nur ein wenig nach vorn zu schieben. Seine Rechte rutscht zitternd höher, aber nicht nach vorn. Ihm scheint, sie tauche in zähflüssigen Sirup. Dann wird seine Bewegung plötzlich gebremst, endet. Die gespreizten Finger pressen sich gegen festes Glas.

Erkenntnisse flackern wie Schimären durch Karls Gedanken. Er weiß, aber er versteht nicht. Er kennt alle Tatsachen, aber sie passen nicht zusammen. Es ist eine fremde Sprache, ein unbekannter Code.

Das ist der Grund der Änderung: Was Karl sieht, ist Spiegelbild. Nein, was er sieht, ist richtig. Das heißt, er sieht sich. Er sieht, wie er wirklich ist, direkt, aus dem Spiegelbild heraus sieht er sich.

Er will schreien, doch sein Gegenüber lächelt. Und Karl grinst hilflos aus dem Spiegel zurück.

Vision – Eine Kurzgeschichte

Behäbig. Karl schließt die Haustür auf. Es knirscht. Das Schloss wehrt sich. Vorahnung. Etwas Ähnliches. Es streift ihn kalt. Widerwillig. Er öffnet die Tür.

Es fällt schwer. Langsam. Die Unterseite der Tür scharrt über einen dicken Teppich. Drinnen. Dort wartet Finsternis, saugende Schwärze. Verwaschene Gefahr.

Er steht im Gang. Die Tür schließt sich. Samtweich. Für Augenblicke. Er steht. Er lauscht. In die Dunkelheit. Ein Geheimnis vielleicht? Die Wohnung; er weiß: Sie ist leer. Kein Geräusch. Nicht der Schlag seines Herzens, nicht einmal sein Atmen. Nichts.

Dennoch spürt er etwas. Es ist anders, er möchte es sagen: Es ist falsch.

Er sucht mit der Linken. Da ist ein Schalter. Die Lampe soll seine Furcht besiegen. Hell und warm.

Treibe die Furcht aus diesem Raum in den nächsten. Lampe.

Er betätigt den Schalter. Keine Wärme. Kein Licht. Die Nacht fällt von der Decke. Matte Schwärze. Sie geifert.

Die Glühbirne! Freilich, sagt er sich. Alles geht kaputt. Immer, will er sich einreden. Es gelingt ihm nicht.

Er weiß. Dort, im Aschewirbel der Wohnung wartet etwas. Kein Licht. Alles ist verdunkelt. Herrscht wieder Krieg? Zwei Schritte, er ist im Wohnzimmer. Schlägt die Tür hinter sich zu. Lehnt sich gegen sie. Schutz.

Er will laut schreien. Das hilft oft.

Ein Seufzen. Er selbst hört es kaum. Es wispert. Drängend. Das ist alles, was ihm vom Schrei blieb.

Licht? Auch hier: Ein Schalter. Seine Berührung ist Trost. Nun muss es sich entscheiden. Ungestüm. Er schaltet. Ein. War alles Einbildung?

Der Schalter ist ein Potemkinsches Dorf. Nichts geschieht.

Er hat das gewusst.

Es ist vorbei.

Da. Ein helles, rotes Leuchten. Es strahlt von außen durch das Fenster. Eine Gestalt zeichnet sich ab. Scharf, wie ausgeschnitten. Sie badet in dem roten Licht. Und lacht.

Lacht sie? Oder nein. Sie redet zornig. Es klingt nur so in seinen Ohren. Aber ein Mantel umfließt die Gestalt. Er scheint einen eigenen Willen zu haben. Wie ein lebendes Tier.

In diesem Augenblick fühlt er sich empor gehoben, hinauf. Er will noch immer schreien. Alles kreist jetzt. Schneller. Er stürzt. Hinauf? Hinab? Er weiß es nicht.

Doch am Ende des runden Schlundes, dem Malstrom seiner Einbildung:

Da steht sie. Da steht die Gestalt.

Er hat das gewusst. Und jetzt versteht er auch ein Wort, das diese Gestalt flüstert:

„Verräter.“

vision

Dann steht er wieder im Wohnzimmer. Das war ein Fehler. Dieser Kerl. Gefährlich, aber: Dumm. Jetzt entkommt er ihm doch. Er wendet sich um. Läuft los. Kracht gegen die geschlossene Tür. Er selbst. Narr! Er selbst hat sie geschlossen. Reißt sie auf, durch den Korridor, Haustür, zwei Stufen, ins Freie. Nach rechts führt die Flucht. Links, er erinnert sich, links ist eine Sackgasse. Hier im Freien ist es heller. Der Schatten der Bäume zeichnet ein scharfes Muster auf das Kopfsteinpflaster. Auch hier. Rotes Leuchten am Himmel. Er sieht kurz nach oben.  Lichtstreifen kreuzen geronnene Wolken, weben ein Flammennetz. Eine Sirene schreit. Es fallen kreischende Tropfen durch das Netz, erhellen pulsierend den Himmel. Deutlich sieht er den Stadtturm. Er wirkt wie gemeißelt im Schein des Brands.

Es ist Krieg.

In diesem Augenblick hört er ein Atmen hinter sich. Er spürt es. Es ist ein Hauch in seinem Nacken. Halb wendet er sich. Sein Haus. Es brennt. Aus dem Keller hört er Hilferufe. Eine Gestalt steht vor dem Haus. Ein Mantel wird vom Feuersturm emporgehoben. Greift nach ihm.

Er beginnt zu rennen. Aber seine Fettleibigkeit behindert ihn. Sofort gerät er außer Atem. Vor ihm taucht eine Mauer auf. Er hat sich geirrt. Nicht links, rechts. Die Sackgasse ist rechts.

Es ist vorbei.

Aber Karl erwacht.

„Was für ein Traum“, denkt er. Seine Hand tastet zur Nachttischlampe. Er schaltet. Keine Wärme. Kein Licht.

„Verräter“, flüstert eine Stimme.

Samstag, 11.05.19 – Was ich noch sagen will

Samstag, 11.05.19

Ein Ding kommt nur als Erscheinung vor. – Kant
Ding dingt. Ding dingt die Welt. – Heidegger
Ding, dong. – DHL-Paketbote

An diesem Wochenende ziehen die Eisheiligen wie die vier apokalyptischen Reiter mit Regenschauern, Kälte, Sturmböen und Gewitter über mein Dorf hinweg und es ist nichts mit den Träumereien vom „Wonnemonat“, mit den süßen, wohlbekannten Düften, den Liebeleien hinter dem Rosenbusch, den lauen Vorsommerabenden, dem gemeinsamen Familiengrillen auf der Gartenterrasse, den Radausflügen in den nächsten Biergarten oder mit den geplanten Wanderungen im Allgäu. Draußen vor dem Fenster herrscht ein zugegebenermaßen merkwürdig grüner und gelber, aber düsterer und harscher Novembertag. Fifty shades of yellow – der Mai zeigt sich wie so oft von seiner SM-Seite: Ein Tag Zuckerbrot, fünf Tage Peitsche. Es gibt daher für mich keinen Grund, meinen kuschligen Platz in Ofennähe aufzugeben(1). Ich könnte endlich einmal ein paar von den Dingen aufarbeiten, die ich seit längerer Zeit vor mir herschiebe oder einfach nur die Wohnung aufräumen. Doch wahrscheinlich wird wieder einmal nichts daraus. Ich kenne mich; früher war mein Weg mit guten guten Vorsätzen gepflastert, nun führt er über die Faulheit in die Hölle. Falls es noch nicht bekannt sein sollte: Meine Lieblingsbeschäftigung neben dem Nichtstun und dem figurativen Herumstehen in schöner Landschaft ist das Prokrastinieren, das ich seit vielen Jahrzehnten ernsthaft betreibe und es – das kann ich ganz bescheiden sagen – in diesem Fach zu einer Meisterschaft gebracht habe, von der viele Philosophie- und Germanistikstudenten nur träumen können. Beschäftigt aussehen und doch nichts tun, das ist eine hohe Kunst, die ich perfektioniert habe. Und dass sich mein Smartphone nun wieder in meinem Besitz befindet, gerade ein paar Computerspiele, die schon immer zocken wollte, bei Steam im Angebot sind und ein paar meiner Lieblingsserien mit neuen Staffeln zum Glotzen(2) verführen, ist auch nicht gerade  dabei hilfreich, meinen Frühjahrsmüdigkeitssumpf, in dem ich bis zu den Knien im Matsch feststecke, zu überwinden.

Aber das ist Jammern auf allerhöchstem Niveau, zumal ich ja nur vor mir selbst Rechenschaft ablegen muss, wenn ich mit meinen Büchern einfach nicht weiterkomme. Offengesagt geht es mir prima. Mir selbst verzeihen und mich selbst mit Ausreden und kleinen Lügen um den Finger wickeln – das kann ich wirklich gut, auch darin bin ich Meister. Gäbe es den Blog nicht, würde ich mich wahrscheinlich für die nächste Zeit wie ein Bühnenmagier mit einem kleinen „Puff!“ und einem Rauchwölkchen einfach in Luft auflösen. Ich kann wie Lord Mellifont in der Erzählung The Privat Life von Henry James sein, der einfach aufhört zu existieren, wenn er allein gelassen wird oder sich niemand auf ihn konzentriert. (3) Aber auch hier in meinem Onlineleben stapeln sich inzwischen langsam die Artikel, die ich schreiben möchte, mich jedoch nicht überwinden kann, es auch zu machen: Zum Beispiel wollte ich schon immer in einem bissigen Text über die unseligen E-Bikes schimpfen und die Rentner, die mit ihnen schmale Wanderwege emporbrausen. Ich wollte hier ein Loblied auf den Spargel singen, der momentan alle zwei Tage in irgendeiner Form auf dem Speiseplan der Familie Klammer steht und das ultimative Gemüse ist, wenn man es richtig, d. h. bissfest, zubereitet.(4) Ich würde auch gerne über mein Europa schreiben, in dem ich gerne leben möchte; einem freien Land der Regionen ohne Grenzen und Abgrenzungen, in dem die unterschiedlichsten Kulturen sich fruchtbar und friedlich austauschen, sich aneinander bereichern und einander nichts wegnehmen.(5) Ich will darüber nachdenken, dass jeder achte Deutsche nicht schreiben und lesen kann und dass diese 12,5 % offenbar in der Wählerschaft der AfD wiederzufinden sind. Und dass gerade das Lesen die wichtigste Kulturtechnik überhaupt ist und gerade in der jüngeren Generation, die nur noch ein Rudimentär-Deutsch(6) spricht, vollkommen verloren geht. Niemand liest mehr und die Klassiker der Literatur sind nur noch aus den schlechten Verfilmungen bekannt. Doch zu all diesen Texten bin ich viel zu träge. Und dann gibt es da ja noch die Geschichte von „Erwin Erhardt, dem depressiven Erdbeerschnüffler“, an die ich heute mal wieder denken musste. Dessen Job ist es, in einem Lebensmittelkonzern die wässrigen, genmanipulierten Pseudo-Früchte, die gerade wieder überall verkauft werden, zu parfümieren, damit sie zumindest nach Erdbeeren riechen, wenn sie schon nach überhaupt nichts schmecken. Erwin ist der einzige, der diesen Geruch im Labor perfekt künstlich erzeugen kann, aber über seiner stumpfsinnigen Arbeit verliert seinen Geruchssinn – bis er einer Frau begegnet, die für ihn nach – Überraschung! – nach echter Erde und Erdbeeren riecht. Diese Erzählung trage ich schon seit Jahren im Kopf spazieren, ohne sie zu aufzuschreiben. „Erwin Erhard, der depressive Erdbeerschnüffler“, ist nur eine von vielen von mir ersonnenen Figuren, die ich wohl niemals außerhalb meiner Fantasie zum Leben erwecken werde.(7) All diese für mich so lebendigen Personen und Geschichten, die nur mit mir existieren und mit mir sterben werden; ich hoffe, sie können mir verzeihen, dass ich jetzt aufhöre zu schreiben. Denn ich muss noch Spargel einkaufen …

Zum Abschluss will ich meinen alten Kumpel und Wegbegleiter Gotthold Lessing zitieren, denn ich bin zu faul, mir selbst etwas auszudenken:

Lob der Faulheit

Faulheit, endlich muß ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen!
O! … Wie … sauer … wird es mir
Dich nach Würde zu besingen!
Doch ich will mein Bestes tun:
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut, wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben …
Ach! … ich gähn! … ich … werde matt.
Nun, so magst du mir’s vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann:
Du verhinderst mich ja dran. 

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(1) … den würde sich eh nur meine Katze wegschnappen, die wie ich von diesem Wetter wenig erfreut ist und es als einen gegen sie gerichteteten Affront betrachtet.

(2) Ich weiß, das heißt auf neudeutsch binge watching, also bingen. Aber bei manchen Wörtern bekomme ich einen juckenden Hautausschlag, wenn ich sie benutze.

(3) Unbedingte Leseempfehlung! Eine der besten Gespenstergeschichten, die ich kenne; fast noch besser als The Turn of the screw. In diesem Zusammenhang: Kann man sich in letzter Konsequenz sicher sein, dass diesen Gedankensplitter wirklich Nikolaus Klammer geschrieben hat und es diesen erfolglosen Autor wirklich gibt? Es gibt doch berechtigte Zweifel. Denn schließlich existieren auch diese Texte nur in dem Augenblick, in dem man sie liest. Sonst sind sie Nullen und Einsen auf einer Festplatte.

(4) Nein, ich verkneife mir die Rezepte. Ich will nur anmerken, dass eine Todsünde ist, den Spargel zu zerkochen.

(5) Ist es da nicht geradezu obzön, dass der CSU-Kandidat Weber für die Europawahl damit Werbung macht, dass er mehr Grenzen in Europa will?

(6) Kürzlich hörte ich einen Jugendlichen zum anderen sagen: „Gemmasomäckö?“ Das heißt übersetzt: „Wollen wir gemeinsam zum McDonald’s am Königsplatz gehen?“

(7) Immerhin ist Erwin nun in der Welt. Vielleicht erbarmt sich ja seiner ein Autor, der dies hier liest. Erwin hätte es verdient.

Donnerstag, 09.05.19 – Schauspieler und andere Fremde

Donnerstag, 09.05.19

Das nun folgende sind nur ein paar kurze und auch ein wenig zusammenhanglose Notizen für einen längeren Text, den ich gerade für mein Buch „Noch einmal daran gedacht“ entwerfe, der voraussichtlich im Herbst im Buchhandel erscheinen soll und in dem ich einige meiner „Wahrlügen“-Texte veröffentlichen werde.

Freunde, Familie und andere Fremde. Oder anders gesagt: Also gut … Ich weiß genau, es wird jetzt jemand amüsiert auflachen und den Kopf schütteln, weil er ein vollkommen anderes Bild von mir hat. Aber ich bin unendlich zurückhaltend und bis zur Blödigkeit schüchtern. Das ist kein Understatement, sondern die reine Wahrheit. Mir ist es nicht nur kaum möglich, zu telefonieren, wie ich letzte Woche erzählte, ich scheue auch sonst vor jeder direkten Begegnung mit anderen zurück und fühle mich am wohlsten, wenn ich sie vermeiden kann. Selbstverständlich ist das nicht vollständig möglich, denn ich lebe ja nicht in einem Elfenbein-Palast oder auf einer einsamen, von der Zeit vergessenen Insel, sondern unter Menschen und gehe neben der mir so affinen Schriftstellerei ja auch noch einem Brotberuf nach, der von mir viele und teilweise enge soziale Kontakte erfordert. Diese Kontakte sind für mich belastend. Die Jahre haben mich zwar abgehärtet, um nicht zu sagen: abgestumpft. Aber ich ziehe mich noch immer bei jeder Gelegenheit in mein Schneckenhaus zurück und gelte als maulfaul und schwierig. Jedesmal, wenn mich jemand bei einer Begrüßung umarmt und mir einen Kuss auf die Wange drückt, versteinere ich und würde doch am liebsten schreiend davonlaufen und mich irgendwo in einem Kellerloch verstecken. Allein Frau Klammerle ist es gelungen, diesen dicken Panzer aufzubrechen, der mich auch vor den vielen, vielen Rückschlägen, Kränkungen und Angriffen schützt, denen ich als Autor ausgesetzt bin. Oh, ich habe früher durchaus versucht, mich gegen diese „Menschen-Allergie“ zu immunisieren, indem ich früher Öffentlichkeit suchte und viele Lesungen aus meinen Büchern machte und mir kontaktfreudige und offene Freunde suchte. Da war ich zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Der extrovertierteste, selbstbewussteste und auch schamloseste unter ihnen war übrigens Rudi.

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich noch nie über Rudi geschrieben habe. Viel über ihn geredet und geschimpft und ihn verflucht habe ich, aber geschrieben – geschrieben habe ich von ihm noch nie. Von Rudi stammt ein Satz, den er nebenzu beim Schachspielen in einer Kneipe sprach, um mich, der ich wieder einmal am Gewinnen war, abzulenken: „Ich schreibe zwar keine Bücher, aber wenn ich das täte, wären sie viel besser als deine, Nikolaus.“ Als Antwort habe ich ihm zuerst mein Bier ins Gesicht geschüttet und dann das Schachbrett folgen lassen. Damit ist, denke ich, unsere kurzlebige und recht turbulente Freundschaft definiert, die mir über kurze Zeit so wohltat, weil der recht gutaussehende Womenizer in nahezu jeder Angelegenheit das exakte Gegenteil von mir war. Rudi wollte anfänglich Schauspieler(1) werden und bewarb sich mehrmals vergeblich an der Münchener Falkenbergschule, aber  schaffte es nur bis in die Rolle meines Trauzeugens. Später, lange nach unserer Freundschaft, war er, wie ich recherchiert habe, Kameramann und kandidierte vor über 10 Jahren in München für die „Linken“. Neueres ist nicht über ihn zu finden. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Im Internet ist er nicht zu ergooglen und in den sozialen Medien scheint er auch nicht zu existieren, was für einen publikumssüchtigen Menschen wie Rudi merkwürdig ist. Es würde mich nicht wundern, wenn ihn sein Alkoholkonsum und seine Kettenraucherei oder ein eifersüchtiger Ehemann schon ins Grab gebracht hätten. Rudi gestaltete sein Leben so dramatisch, wie das nur geborene Schauspieler können und solch ein frühes Ende würde gut zu ihm passen. Er war immer der Meinung, dass ein James Dean an ihm verlorengegangen ist. Für eine Zeitlang tat mir unsere Beziehung und seine Lässigkeit im Umgang mit anderen Menschen gut. Wir drehten sogar gemeinsam einen Film nach meiner Kurzgeschichte Die Rache, in dem er Regie führte und ich den bösen Opa spielte. Leider besitze ich keine Kopie dieses Meisterwerks. Man sieht, Rudi begann tausend Dinge, ohne irgendeines zuende zubringen. Trotzdem war er absolut von seinem künstlerischen Genie überzeugt.

Doch Rudi war ein Vampir; er fraß die Gefühle seiner Freunde, ohne irgendetwas zurückzugeben, streute Zwietracht zwischen ihnen und mit ihm gab es immer nur emotionale Achterbahnfahrten und Dramen. Er besaß eigentlich keine Persönlichkeit, sondern nur eine glänzende Oberfläche und enttäuschte und verletzte jeden irgendwann. Auch ich musste ihn fallenlassen, um mich selbst zu beschützen und zog mich nach meinem missglückten Versuch, Öffentlichkeit zu finden, frustriert zurück. Zwanzig Jahre kümmerte ich mich nur um meine Familie, zog mit Frau Klammerle meine Kinder groß und schrieb keine einzige Zeile.

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(1) Meine Schauspielerfahrungen beschränken sich übrigens auf zwei recht unterschiedliche Theaterstücke. In dem ersten war ich ungefähr 12 Jahre alt. Es war ein Ritterdrama, das meine katholische Jugendgruppe für die Eltern auswendiglernte und dann auch vor recht großem Publikum vorführte. Dort musste ich als der kleine Dicke ausgerechnet die schöne Prinzessin spielen, die den Prinzen nicht kriegt und sich aus Verzweiflung selbst tötet. Zwei Sätze kann ich noch: „So sage denn mein Monolog, was mich bewegte und bewog, als ich ihn sah zum ersten Mal: Ach, Liebe wars, die ich empfand, als er so plötzlich vor mir stand.“ – „Komm, Dolch aus zwiegeschliffnem Stahl, durchbohre meines Busens Qual.“ Sagte es und bohrte ein spitzes Obstmesser in meine Brust, respektive in den Apfel, den ich mir in den von meiner Schwester ausgeliehenen BH geschoben hatte. Wenn ich mich recht entsinne, waren am Ende dieses Dramas von Shakespeareschen Ausmaßen alle tot.

In dem zweiten Stück, das ich selbst geschrieben hatte, spielte ich den Arzt einer Geistesheilanstalt in einem diktatorischen Land und Rudi gab die Hauptrolle, den Patienten „67“.  Leider konnte er seinen Text nicht, weil er wie immer zu faul gewesen war, ihn zu lernen. Ich wies den Schauspieler, der ihn am Ende erwürgen sollte, an, es so echt wie möglich wirken zu lassen und ich glaube, Rudi kam nur knapp mit dem Leben davon. Wenn ich mich recht entsinne, waren am Ende dieses Dramas von Dürrenmattschen Ausmaßen, mit dem wir einen großen Gemeindesaal füllten und die Zuseher einigermaßen ratlos zurückließen, alle tot. Und nein, ich werde dieses Stück niemals wieder aufführen oder hier veröffentlichen. Manches sollte im Giftschrank bleiben.

Das Plakat zum Stück.

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