Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Samstag, 09.03.19

Samstag, 09.03.19

Habe ich schon einmal erwähnt, wie langweilig ich es finde, wenn mir jemand von seinen Träumen erzählt – egal, ob im wirklichen Leben oder in der Literatur? Bei Gesprächen klappe ich die Ohren zu und bei Büchern überblättere ich diese Stellen. Ich selbst würde nie … oder doch, das muss ich jetzt loswerden:

Heute Nacht habe ich geträumt, ich wäre am Gardasee Bodo Kirchhoff begegnet. Warum es ausgerechnet dieser eher unbedeutende, aber recht gutaussehende, deutsche Autor war, der meinen Schlaf heimsuchte und nicht mein alter Freund Balzac oder vielleicht mal T. C. Boyle, der gerade mit seinem nicht allzu gelungenen neuen Roman durch die Buchhandlungen tingelt, weiß nur mein Unterbewusstes und das ist im Gegensatz zu dem von Marga sehr schweigsam. Auf jeden Fall verstanden wir Autoren uns blendend, nachdem ich Bodo (wir duzen uns seit heute Nacht) erzählt habe, ich hätte begeistert alle seine Bücher gelesen. Das war eine freche Lüge, tatsächlich kenne ich nur zwei seiner Romane und die haben mich so wenig beeindruckt, dass ich ihre Handlung komplett vergessen habe. Dann sprachen wir über Literatur – das heißt, wir sprachen über meine. Denn das ist ja schließlich meine Lieblingsbeschäftigung. Am besten gefiel Bodo übrigens „Noch einmal davon gekommen“, das er als Beilage zu einer großen Tube Handcreme erworben hatte (Autoren benötigen zum Tippen geschmeidige Hände), meine Essaysammlung befand sich in ihrem Inneren wie ein Spielzeug in einer Cornflakes-Packung. Eigentlich eine tolle Geschäftsidee, Literatur mit Pflegeartikeln unters Volk zu bringen. Ich denke, ich werde ein Startup gründen.

Wie man das macht, sich etwas bis zum Morgen zu merken, wenn man mitten in der Nacht mit einem tollen Gedanken oder einem interessanten Traum erwacht? Manche Autoren haben immer einen Stift und Papier auf dem Nachtkästchen liegen, aber wenn ich um 03:00 Uhr nachts das Licht anknipse, würden das Frau Klammerle und Katze Amy, die auf ihren Füßen schlummert, wenig goutieren. Deshalb  habe ich eine andere Methode: Ich stelle dann immer meinen Wecker auf den Kopf und wenn ich mich dann morgens frage, weshalb ich das getan habe, fällt mir meist wieder mein weltbewegender Gedanke aus der Nacht ein – der sich am Tag, siehe oben, selten als sinnvoll und meistens als Quatsch erweist.

Mohnsommer

Mohn

 

Ein Traum, aber…

SchlafIm gestrigen ZEIT-Magazin (21/13) erzählen Leser ihre Träume. Das war eines dieser grässlichen Themenhefte, in denen ich nur Martenstein überfliege und das Sudoku mache – eines wie zum Beispiel diese alle vier Wochen (gefühlter Wert) erscheinenden Mode- oder Designeditionen. Am Schlimmsten sind die Magazine über unbezahlbare Uhren, bei denen mir beim Durchblättern der klebrige Webeschleim der Sponsoren an den Fingern haften bleibt.

Doch zurück zum Thema: Erzählte Träume langweilen mich. In Romanen überblättere ich sie grundsätzlich, denn sie haben eigentlich nie etwas mit der Handlung zu tun, sie sind ein retardierender und, wie ich finde, fader Moment des Zeilenschindens. Man lernt auch die Figur des Träumenden nicht näher kennen, denn Träume sind in der Tat Schäume, sie bedeuten mir – Freud zum Trotz – Nichts.

Nicht nur im Buch, auch im Alltäglichen habe ich einen Horror vor Traumgeschichten. Jemand erzählt mir zu meinem Leidwesen den seinen brühwarm am Frühstückstisch, den, den er beim Erwachen träumte und den er beim Erwachen eigentlich schon wieder fast vergessen hat – meistens liegt ihm nur noch ein Geschmack auf dem Mund – und während er berichtet, geschieht etwas Seltsames: Sein Geist/Verstand/Über-Ich/Was-weiß-Ich greift ordnend ein und gibt dem Traum Folgerichtigkeit, innere Logik, einen Handlungsablauf, der nie existerte – der Traum wird zum Gleichnis, zur Allegorie. Der tatsächliche Traum war nur eine Melange von wirren und surrealen Bildern, Eindrücken, Satzfetzen und Bewegungen, alle ohne Handlung, Logik oder gar Stringenz.

Das ist wie mit den Wolkentieren, den Badezimmerfliesengestalten oder dem Jesusabbild auf dem angebrannten Tost: Eigentlich ist dort nichts zu sehen, die Gegenstände sind zufällig so, sie nehmen keinen Kontakt mit mir auf. Aber verzweifelt schafft mein Verstand Verbindungen (er ist dazu gezwungen) und es gelingt ihm, die Gegenstände zu beleben, etwas zu erkennen, was nicht da ist. Wenn er sein Bild dann gefunden hat, vergisst es es erleichtert nie mehr: Das Mondgesicht ist geboren. Bei Träumen ist das ganz ähnlich: Das Gehirn schmeißt während meines Schlafs wie ein Messie alle möglichen Abfälle des Tages wüst in einen Raum und wühlt sie durcheinander. Wenn ich aufwache, beginne ich aufzuräumen. Ich konstruiere mir meinen Traum – und oft ist er für mich wundervoll. Es gibt Traumbilder, die man nie vergisst. Aber warum muss ich sie unbedingt anderen erzählen? Was bedeuten denn jemandem meine Träume?

Ich kann verstehen, wenn man voll des Erlebten ist und durch Erzählen festhalten will, was in Wahrheit längst verloren, aber ich bin dann der schlechteste Zuhörer der Welt. Bin ich der einzige, dem es so geht?

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself, I am large, I contain multitudes.“

Walt Whitman

Um noch einmal auf den Titel dieser Blogseiten und meines Romanes zurückzukommen, so ist der Widerspruch nur ein scheinbarer:

Im Buch geht es nicht um die Träume einer unruhigen Nacht, auch wenn dort tatsächlich welche erzählt werden. Hier ist das Leben ein Traum, verstanden wie bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der sich zu der existenziellen Frage gezwungen sieht, ob er ein Mensch ist, der träumt, ein Schmetterling zu sein oder ein Schmetterling, der sich in einen Menschen träumt. Die Welten, in denen sich meine Figuren bewegen, in die Waldescher, Binderseil und die anderen wechseln, sind im eigentlichen Sinne Anderswelten, wie sie in den klassischen irischen Sagen auftauchen, auch wenn das nie so deutlich ausgesprochen wird. Es sind Welten mit einer eigenen Physik, ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Zeit – weitere Bläschen im Schaum des Universums.

Ob sie ebensoviel Existenz besitzen, wie die sogenannte Realität und ob sie nicht neben ihr, sondern zwischen ihr Platz gefunden haben: Das ist mein Thema von „Aber ein Traum…“

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