Aber ein Traum …

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Abenteuerurlaub – Eine SF-Kurzgeschichte

Abenteuerurlaub
Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte

 

Unterlagen nur für den dienstlichen Gebrauch:

I. Auszug aus der Aussage von Chiefinspector Saul Harrow, New Scotland Yard, Sektion Kapitalverbrechen:

»Ich hob die schwarze Plastikplane mit zwei Fingern in die Höhe. Ein kurzer Blick genügte vollkommen. Ich wandte den Kopf voller Ekel beiseite. Obwohl ich auf nahezu dreißig Jahre Berufserfahrung blicken kann und mich der kreidebleiche Gerichtsmediziner Eddie „Carnage“ Ffloyd gewarnt hatte, war ich auf den Anblick, der sich mir bot, nicht vorbereitet. Es stand fest, dass es sich bei dem zerfetzten Leichnam um die sterblichen Überreste des Industriemanagers Paul H. Cowley handelte. Das war gut so, denn nur anhand seiner kleinteiligen Überbleibsel wäre es schwierig, wenn nicht unmöglich gewesen, ihn zu identifizieren. Der Mörder hatte die Leiche nicht in einem Stück zurückgelassen und diese Puzzleteile sahen so aus, als wäre das Innere nach außen gestülpt worden.

Ich ließ die Plane eilig fallen und überließ die zusammengesammelten Reste den Sanitätern, die sie vorsichtig balancierend auf einer Trage wegschafften. Dann sah ich mich ein letztes Mal in dem Büro um. Das Zimmer sah entsetzlich aus: Die Wände, die Fenster, die Möbel, alles war mit Blut beschmiert, überall klebten noch kleinere Knochensplitter, Fleisch- und Gedärmeteile. Ich hatte Mitleid mit dem Personal von der Spurensuche, das sich auch mit sichtlichem Widerwillen an seine Arbeit machten. Wie hatte es der mutmaßliche Täter in einer so kurzen Zeitspanne fertiggebracht, Cowley auf solch eine bestialische Weise zu schlachten? Denn nach der zusammenhanglosen, immer wieder von haltlosen Schluchzernn unterbrochenen Aussage der völlig hysterischen Sekretärin des Ermordeten hatte der Mörder sich höchstens zwei Minuten bei seinem Opfer aufgehalten. Zudem war offenbar noch die Zeit geblieben, die Waffe verschwinden zu lassen; wohin, das war bislang ein Rätsel. Wenn es nicht unmöglich gewesen wäre, hätte ich vermutet, der Täter hätte Cowley gezwungen, eine Bombe zu schlucken, die ihn dann von innen heraus zerrissen hatte. Keine der Spuren wies jedoch auf Sprengstoff hin.

Ich verließ den Raum eilig. Im Vorzimmer rekapitulierte ich. Der absurde Fall stellte sich mir bislang folgendermaßen dar:

Gegen 02:00 Uhr PM betrat ein bislang noch nicht identifizierter und unauffällig gekleideter Mann Ende Vierzig das Vorzimmer, in dem ich gerade stand. Er verlangte von der Sekretärin ohne Angabe von Gründen den Aufsichtsratsvorsitzenden der EPIX-Waschmaschinenwerke, Dr. Paul H. Cowley, zu sprechen. Der Mann hatte keinen Termin. Wie er bis hierher vordringen konnte, war noch nicht geklärt. Der Pförtner schwor Eide auf die Bibel, er habe niemanden durchgelassen und wäre die ganze Zeit auf seinem Posten verblieben.

Jener Mann war auch niemandem in dem Großraumbüro aufgefallen, in dem sich zur Tatzeit annähernd fünfzig Personen aufhielten. Er hätte es durchqueren müssen, wenn er zu Cowley wollte. Die Person, die ihn als erste sah, war die Vorzimmerdame des Managers, die ihm ein weiteres Vordringen untersagen wollte. Der Mann zuckte als einzige Antwort mit den Schultern und betrat – ohne sich weiter um die Sekretärin zu kümmern – an ihrem Schreibtisch vorbei Cowleys Büro. Sie wollte ihm nacheilen, aber der Fremde hatte die Tür hinter sich verschlossen. Ihr war nicht bekannt, woher er einen Schlüssel zum Büro besaß. Beunruhigt versuchte sie zuerst, den Chef über die Gegensprechanlage zu erreichen. Als er auf ihren Anruf nicht reagierte, verständigte sie den Sicherheitsdienst der Firma. Bereits eine Minute später kamen drei Wachleute, die sich nach vergeblichem Klopfen gegen die Tür entschieden, diese aufzubrechen. Sie kamen zu spät: Inmitten der im Raum verstreuten Überreste von Paul Cowley stand lächelnd der Täter, der sich widerstandslos bis zum Eintreffen der Polizei festhalten ließ.

Das war alles und es war nicht viel; jedoch in einem entscheidenden Punkt mehr als bei inzwischen vier ähnlich gelagerten Fällen, die im Großraum London in den letzten Wochen geschehen waren und die Schlagzeilen der Nachrichtenblätter dominierten: Diesmal hatten wir den Täter!

Ich verzichtete auf eine weitere Befragung der Angestellten, von der ich mir weiter nichts erwartete, und entschied mich, zurück zum Yard zu fahren, um den Verdächtigen einem ausgiebigen Verhör zu unterziehen. Ich warf zuerst einen Blick zurück, um meinen Assistenten, Inspektor Jacob Waterstone, zu informieren, als ich auf dem Boden des Vorzimmers ein Stück Papier liegen sah. Warum es mein Interesse erregte, kann ich nicht sagen. Man kann es den Instinkt eines alten Spürhundes nennen. Es war ein Reiseprospekt. Ich konnte mit einem kurzen Blick feststellen, dass das Papier dem Täter gehörte, der es hier offensichtlich zufällig verloren hatte, als er sich an der Sekretärin vorbeidrängte. Meine Hände zitterten. Hier hielt ich den Schlüssel zu all den unaufgeklärten Mordfällen dieses Jahrhunderts in meinen Händen. Ich hatte es plötzlich sehr eilig. Ich musste unverzüglich zurück zum Yard. Aber ich kam zu spät. Der Täter war wenige Minuten vor meiner Ankunft aus einer streng bewachten Zelle im Untersuchungstrakt ausgebrochen. Einer der Wachhabenden sagte später aus, der Verdächtige habe sich buchstäblich in Luft aufgelöst.«

II. Vorgebliche Abschrift des spurlos verschwundenen Beweisstückes B4/2018/Cowley; niedergeschrieben von Chiefinspector S. Harrow.

Großformatiger, einbögiger Glanzpapierprospekt:

Ist Ihnen die Cote d´Azur seit dem Klimawandel zu heiß, sind die Algarve oder das Große Barriereriff zu überlaufen und verschmutzt?
Ist Ihnen ein Tauchurlaub zu den Überresten von Venedig zu anstrengend?
Ist Ihnen ein Ausflug zu den Astereoiden oder ein Sexurlaub in der Renaissance zu langweilig?
Sind Ihnen Pauschalreisen zu den Großen Schlachten der Weltgeschichte mit zuviel Bildung befrachtet?

SEGERTOURS-ZEITREISEN bietet Ihnen als einziges Reiseunternehmen der Welt eine Alternative, die Individualität, Abenteuer und erregendes Nervenkitzel garantiert:

SEGERTOURS-ZEITREISEN macht Sie zum Mörder!

Sie haben richtig gelesen: In Begleitung eines erfahrenen Reiseleiters bietet Ihnen SEGERTOURS-ZEITREISEN einen Trip ins frühe 21. Jahrhundert, in dem Sie, ohne eine Strafe oder gar Verfolgung befürchten zu müssen, einen der geheimnisvollen Morde begehen werden, die nie jemand aufgeklärt hat. Nur Sie und Ihr Reiseleiter, der sich selbstverständlich zu absoluter Diskretion verpflichtet hat, wissen um den Täter: Sie selbst!

Schlagen Sie ein Handbuch der Kriminalistik auf. Das 21. Jahrhundert ist voll von niemals aufgeklärten Morden. Wir laden Sie ein, eine dieser Untaten zu begehen! Das ist selbstverständlich nicht ungesetzlich, da diese Morde auch dann geschehen würden, wenn Sie sie nicht begehen. (Zeitparadox VI. § 2.1)

SEGERTOURS-ZEITREISEN bringt Sie hin! Holen Sie sich noch heute Ihr ausführliches Informationsmaterial in Ihrem Reisebüro.

Alexander Steven Seger

Ihr Reiseunternehmer

(Unsere Reiseunternehmung ist seit 2045 für Zeitfahrten lizensiert und befindet sich unter ständiger Aufsicht eines vereidigten Achseningenieurs des Touristikbüros der ZK (Zeitkontrolle). Die ZK weist darauf hin, dass SEGERTOURS-ZEITREISEN alle Auflagen beachtet. Ein Eingriff in oder eine Veränderung der Vergangenheit ist nach menschlichem Ermessen auszuschließen.)

[Es folgt eine Seite mit den Allgemeinen Reise- und Geschäftsbedingungen, Informationen über Versicherungsschutz und ein Anmeldeformular.]

III. Auszug aus der Aussage von Chiefinspector Saul Harrow, New Scotland Yard, Sektion Kapitalverbrechen:

»Nachdem dann auch noch der Prospekt aus meiner Tasche verschwunden war, stand ich mit leeren Händen da. Aber ich hatte mir Notizen gemacht. Ich zögerte deshalb nicht länger. Da ich die Mutter telefonisch nicht erreichte, wies ich Inspector Waterstone an, die Kindergärten und Schulen in der Nähe der Wohnung abzuklappern. Er hatte schon nach dem fünften Versuch den gewünschten Erfolg. Der Kindergarten lag in der Bethnal Green Road in einem schmucklosen, niedrigen Ziegelbau direkt gegenüber der Shoreditch High Street-Overgroundstation. Ich fuhr noch an diesem Vormittag hin. Den Haftbefehl hatte ich ohne Schwierigkeiten bekommen. Der Richter war müde und hatte zu meinem Glück nur einen oberflächlichen Blick auf die Personendaten geworfen.

Die Kindergärtnerin führte mich durch das Gebäude auf einen rückwärtigen Spielplatz. Sie deutete auf einen etwa vierjährigen Jungen, der in der Sandkiste ein Loch gegraben hatte und Spielzeugautos hineinfallen ließ. Sie rief ihn. Der Knirps gab sein Spiel auf und kam heran, stellte sich schüchtern von uns auf.

„Alexander Steven Seger?“, fragte ich. Das Kind starrte mich an und ich fühlte mich wie ein Idiot. Dennoch holte ich den Haftbefehl hervor. „Alexander Steven Seger, hiermit verhafte ich Sie wegen der Gründung einer verbrecherischen Organisation zum Zwecke der Förderung und der Anstiftung zu Morden in mehreren Fällen. Folgen Sie mir.“

Die Kindergärtnerin lachte. Das Kind fragte, ob es seine Spielzeugautos mitnehmen könne.«

IV. Anmerkung

Chiefinspector Harrow wurde auf Anraten der psychiatrischen Abteilung der Gerichtsmedizin zur weiteren Untersuchung in die Obhut der Newlay-Klinik verbracht; das Kind auf schnellstem Wege der Mutter zurückgegeben.

Der Fall Dr. Paul H. Cowley bleibt ungeklärt.

Tschingelbells, Tschingelbells … oder: weihnachtliche Ohren- und andere Leiden

You gave it away …

Musik wird oft nicht schön gefunden,
weil sie stets mit Geräusch verbunden.

So. Damit habe ich auch einmal den Herrn Busch (Wilhelm, nicht George W.) zi­tiert. Das wäre auch abgehakt.

Tatsächlich jedoch erfreut mich Musik, sie ist ein wich­tiger, um nicht zu sagen, ein dominanter Teil meines alltäglichen Lebens, ich kann kaum ohne sie. Mein erster Gang am Morgen führt mich nicht ins Badezimmer oder zum geräuschvol­len Kaffeevollautomaten von Frau Klammerle, sondern noch vor dem Füttern meiner sich jeden Tag kurz vor dem Hungertod befindlichen Katze zum Radio. Auf dem Weg zur Arbeit dann und wieder zurück (immerhin eineinhalb Stunden an jedem Werktag) höre ich meine CD’s oder – ich gehe mit der Zeit –  bringe meinen neuen Bluetooth-Lautsprecher mithilfe des Smartphones zum Erklingen. Wenn ich schreibe oder lese, läuft immer im Hintergrund meine Musik (1) und ein Sonntag­morgen ohne Butterbreze, J. S. Bach oder Albert King ist kein gelun­gener für mich. Freilich goutiere ich nicht jede Art von Gesang – oder das, was manche dafür halten. Vieles ist für mich der oben zitierte an mei­nen Nerven zerrende Lärm, dazu gehören zum Beispiel moderner R&B, Hip-Hop, Gangsta-Rap, Volksgetümel, Schlager, Popgeträller, Death Metal und dazu eigentlich alles, was einen deutschen Text hat. Meine Welt sind der erdige Blues, der harte Rock, der schmelzende Soul der 60’er und 70’er, eleganter Jazz, Barock und die frühe, klassi­sche Musik mit ihren klaren, eindeutigen Strukturen. Dort fühle ich mich zuhause, in diese Kuscheldecke aus Klang wickle ich mich wohlig ein und lasse mich von ihr durch den Tag bringen und beim Schreiben begleiten.

Ich bin auch nicht unbedingt ein Feind von Weih­nachtsliedern, das will hier ich einmal deutlich sagen und auf meine weiche, sentimentale Seite hinweisen, die auf diesen Seiten viel zu kurz kommt. Wenn Slade „Merry Xmas“ gröhlen, AC/DC sich eine „Mistress for Christmas“ wünschen, Ian Anderson „Hey! Santa! Pass us that bottle, will you!“ ruft, dann singe ich voller Inbrunst mit. Wenn John Lennon „War is over“ anstimmt oder Mahi­lia Jackson mit ihrer göttlichen Stimme „Stille Nacht“ interpretiert, dann erwärmt sich sogar mein durch und durch kaltes, atheistisches Herz und ich werde ganz still und melancholisch.

Es gibt jedoch einen Popsong, den viele – aus was für Gründen auch immer, die sich mir nicht erschließen -, für ein Weih­nachtslied halten und der so furchtbar schlecht ist, dass er mir körperliches Unbehagen erzeugt, anhaltende Übelkeit und pochende Kopfschmerzen, pfeifende Ohren und einen eklen, langanhaltenden Geschmack auf der Zunge, den ich mit keiner Zahnbürste wegrubbeln, höchstens mit einem doppelten Glas Whiskey hinunterschlucken kann. Er ist noch grusliger als die grausamen Häns­chen-Klein-Melodien von Modern Talking oder das völkische Ge­winsel von Xavier Naidoo; schlimmer noch als alle Hei­no- oder Boygroup-Untaten zusammen. Meine Finger weigern sich gerade, den Titel dieses Verbrechens einzu­tippen, um zu verhindern, dass in einer Schublade mei­nes Gedächtnisses seine „Melodie“ einem Springteufel­chen gleich heraushüpft und mich quält. Obwohl man mir wahrlich kei­ne Homophobie unterstellen kann, werde ich dann für endlose 04:38 Minuten zum Schwulenhasser und suche, obwohl ich Pazifist bin,  in meiner Umgebung nach schweren Gegenständen, mit denen ich mir oder meiner Umgebung Schäden zufügen kann –  in erster Linie dem Lautsprecher, aus dem das vermeintliche Weihnachts-„Lied“ erklingt. Der eine oder andere wird es schon ahnen: Ich rede von „Last Christmas“ von Wham!, der größten musikalischen Katastrophe seit der Erfindung der „Melodica“!

Seit Jahren entspinnt sich in der schönen Vorweih­nachtszeit ein Kampf zwischen mir und George Michael. Wird es ihm gelingen, mir seinen Katzenjammer erneut um die Ohren zu blasen oder werde ich diesen Song  vier Wochen lang vermeiden können? Denn es vergeht kein Tag in der Adventszeit, an dem er nicht schleimig und schmalzig aus dem Radio, einem Glühmarkt- oder einem Kaufhauslautsprecher tropft. Auf vielen Top-Ten-Listen der beliebtesten Weihnachtslieder steht er tatsächlich ganz oben! So viel zu der Hoffnung von Immanuel Kant, der Mensch fände doch noch einen Ausweg aus seiner selbstgewählten Dummheit. Was muss in jemandem vorgehen, der dieses Lied mag, das wahrscheinlich ganz allein daran schuld ist, dass jedes Jahr vor dem Hl. Abend der Schnee weg­taut und sich Menschen von Brücken stürzen? Ich will es mir gar nicht vorstellen.

In den letzten drei, vier Jahren ist es mir gelungen, dem „letzten Weihnachten“ aus dem Weg zu gehen, die­ser Heimsuchung, gegen die die apokalyptischen Reiter ein heiterer Ausritt auf einem Pony sind. Diese Weihnachten je­doch sind Wham! die Sieger. Sie haben mich fertigge­macht. Dreimal haben sie bereits gnadenlos und un­barmherzig zugeschlagen, überraschend aus einer De­ckung heraus, ohne dass ich ihnen entfliehen oder meine Ohren abdecken konnte.

Es begann am Donnerstag, am Nikolausabend: Aus altruistischen Motiven heraus half ich meinem Vornamen verpflichtet auf dem Günzburger Altstadt-Weihnachtsmarkt jungen Menschen beim Crêpes- und Glühweinverkauf, als George Michael plötz­lich aus dem Lautsprecher neben dem Stand heraus sein Herz verschenkte. Eilends stellte ich mit Kennerblick fest, dass der Belag für die Crêpes knapp zu werden drohte und hetzte in einen nahegelegenen Supermarkt. Als letzter an der Kassenschlange – Sie wissen ja, ich bin immer der letzte – wurde ich mit sechs gro­ßen Nutellagläsern in den Armen zwischen Einkaufswü­tigen und meinem Nuss- und Mandelkern verteilenden Namensvetter eingezwängt und so zur völligen Bewe­gungslosigkeit verurteilt. Und im Kaufhausradio erklang 04:38 Minuten lang: „Last Christmas“! Die tür­kische Mutter, die vor mir zehn Schoko-Nikoläuse auf das Förderband legte, sang selig mit.

Auf dem langen Heimweg zurück nach Diedorf gelang es mir in der Nacht endlich, mithilfe meines Twitter-Freundes Eric Burdon die Ohrmuscheln zu reinigen und ich hoffte, dass es jetzt auch gut war. Aber George Michael hatte wohl Blut ge­leckt, denn am Wochenende schlug er wieder zu, vollkommen über­raschend und so hinterhältig, dass ich überlege, ob ich ihn über seinen Tod hinaus nicht mit einer Zivilklage überziehen und Schmer­zensgeld verlangen kann. Und das kam so:

Frau Klammerle hat in ihrem unnachahmlichen Sinn für Humor ausgerechnet den letzten Freitag dazu aus­erwählt, für mich einen Termin beim Zahnarzt zu ver­einbaren. Um 09:41 Uhr lag ich wehrlos auf seinem Stuhl. Er hielt mir etliche metallene Gegenstände in den Mund und kratzte hartnäckig und mit zunehmender Begeisterung an irgendwelchen Belä­gen. Und wer  begleitete aus dem Praxisradio heraus be­geistert meine Tortur 04:38 Minuten lang mit seiner un­vergleichlichen Stimme, die schmerzhafter und spitzer in meinen Zähnen bohrte, als das mein Zahnarzt je ver­mag? Begleitet von der Helferin, die begeistert mits­ang und den Absaugschlauch im Takt in meinen Gau­men stieß? Na, wer in der Klasse kann mir das sagen?

You gave it away …

Wann ist endlich diese endlose Vorweihnachtszeit vorbei? (2)

Eine schöne Adventswoche mit der Musik Eures Geschmacks wünscht Euch allen

 

 

 

 

Nikolaus Klammer

 

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(1) Im Augenblick singt sich gerade James Brown die Seele aus dem Leib: I’m A Sex Machine…

(2) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

Noch einmal davon gekommen

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Adventliche Süchte

Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!
Oscar Wilde 

Jetzt naht sie wieder in rasantem Tempo, jene Zeit, die man aus unerfindlichen Gründen in dem südlichen, al­penländischen Raum, den ich bewohne, eine ’staade‘ (für die Nordlichter: ’stille‘) nennt, obwohl sie die mit Ab­stand hektischte im Jahreskreis ist, jedermann von Er­ledigung zu Geschenkeeinkauf, von Adventsfeier zu Famili­enfest, von Glühwein- zu Bratwurststand hetzt und alle Werbefritzen und Marktschreier ihre Warenangebo­te mit allerlei Glitzerzeug und Lametta behängt in die winterlich verschneite und frühe Nacht brüllen. Als würde man sich in einer Zeitschleife befinden, wird gefühlt der Abstand zwischen zwei Hl. Abenden immer kürzer und obzwar die Discounter schon im September mit prallgefüllten Regalen voller Schokoladenweihnachts­männermilitärparaden (so ein Wortwurm geht nur im Deutschen, einfach wundervoll!) vorwarnen, überfällt mich Weihnachten immer wieder überraschend.

„Was, nur noch 3 Wochen?“ – Kurze, stockende, kopf­schüttelnde Fassungslosigkeit. „Eben war doch noch Sommeranfang.“

Alle Jahre wieder versuche ich die Adventstage zu ent­schleunigen und will als zwar durchaus sentimentaler, aber nichts desto weniger ungläubiger – besonders wenn ich die Haare geschnitten habe – eher ‚agnostischer‘ Mensch, meine Familie geduldig dazu überreden, dem diesjähri­gen Weihnachtsstress auszuweichen und das Fest irgendwann im Juli zu feiern, stoße aber für mich vollkommen unbegreiflich auf wenig Verständnis.

„In diesem Jahr brauchen wir doch keinen Baum! Ein Gesteck tut es auch!“, versuche ich es trotz besseren Wis­sens.

„Schnickschnack! Zu Weihnachten gehört ein Baum! Aber auf die Geschenke könnten wir vielleicht verzich­ten.“ (1)

„Genau meine Meinung. Am besten sind wir Weihnach­ten überhaupt nicht zuhause.“

„Weihnachten sind wir immer zuhause. Wie in jedem Jahr. Die Söhne kommen und am Sebastianstag auch deine ganze Sippschaft. Ich weiß noch gar nicht, wie wir die alle im Wohnzimmer unterbringen.“

„Wenn wir auf den Baum verzichten würden, hätten wir mir Platz …“

„Ein Baum muss sein. Punkt. Aber ich werde in diesem Jahr vielleicht ein paar Loibla(2) weniger backen, vielleicht nur die halben Rezepte. Du bist dick genug.“ (3)

Und damit bin ich bei meinem Thema. Und diesmal regt es mich wirklich auf. Ich gestehe es: Ich bin süchtig nach Weihnachtsbackwerk und Süßigkeiten. In jedem Herbst, wenn die ersten Anzeichen für einen nahenden Advent nicht mehr zu übersehen sind, Lebkuchenfirmen mir fürsorglich ihre Prospekte ins Haus schicken, der Teeladen meines Vertrauens sein leicht vergilbtes Schild mit dem einen verheißungsvollen Wort wiederfindet und ins Schaufenster hängt: „Lebkuchenbruch“, ich kompli­zierte Umwege beim Einkaufen mache, um den Süßwa­renauslagen auszuweichen, dann ist es wieder so weit: Dann reift bei mir der Entschluss, auf keinen Fall wie­der in meine seelische und körperliche Abhängigkeit von Spekulatius und den Zimtsternen meiner Frau zu verfal­len. Dich, Gewürzspekulatius, der du so genial mit Tee harmonierst, aber in allen Zahnzwischenräumen kleben bleibst, mit deinen 70 Kalorien pro Stück, der du das rei­ne Fett bist, extrem ungesund und dabei sicher auch noch krebserregend, dich, Teufel, lasse ich in diesem Jahr nicht in meine Nähe! Weiche von mir, du mit schwarzer Scho­kolade überzogener Lebkuchen, saftig, nussig und mit einer Überfülle an Geschmack gesegnet, dass mein Großvater dich sogar in sein Bier eintunkte, du diaboli­sche Erfindung mit deinen 388 Kalorien, zu fast der Hälfte bist du aus Zucker! Nicht mit mir, diesmal nicht! Ich werde stark sein und den Versuchungen widerste­hen.

Ein Teil der diesjährigen Auswahl. Dass das Bild etwas unscharf ist, liegt an den Tränen der Rührung, die ich beim Fotografieren in den Augen hatte.

Und tatsächlich gelingt es mir, mich im November noch zurückzuhalten, ich bin ja ein erwachsener, mitten im Leben stehender Mann, der sich und seine unterirdi­schen Gelüste im Griff hat. Ich bin rein, esse Salat, Obst und jetzt gerade in der dunklen Jahreszeit viel Gemüse. Ich bin ein Mönch, ein Gesundheitsapostel. Dann – pünktlich zum ersten Advent – hat Frau Klammerle gebacken. Zimtsterne, Florentiner, Vanillekipferl, Gewürz- und Stollenbollen, Schokoladenbrot, Betmännchen, Ausstecherle, Maronen, und, und, und … aber weniger dieses Jahr, nur die Hälf­te. Behauptet sie zumindest. Aber sie macht Fotos von ihren Werken und verschickt sie über „WhatsApp“ an nei­dische Freundinnen. Plötzlich liegen da auch Spekulati­us und wagenradgroße Lebkuchen beim Vorrat, Schoko-Klammer-Nikoläuse (ja, der Scherz ist alt …) und andere weihnachtliche Leckereien. Habe ich die gekauft? Ich kann mich nicht erinnern, ich war wohl nicht bei Sin­nen, schlafwandelte wahrscheinlich durch den Supermarkt.

Also, eine Sünde kann ja nicht schaden, nur ein „Loib­le“, frisch vom Blech. Ich bin wie ein trockener Alkoholi­ker: Ein einziger Zimtstern stürzt mich zurück in die Sucht. Und ich esse und esse und esse. Und esse. Und nehme die Batterien aus der Personen­waage im Bad. Denn auch meine winterlichen sportli­chen Aktivitäten wie extreme-christkindlemarket-going helfen nur bedingt, das Gewicht zu wahren. Ich werde mir ein paar weitere Hosen kaufen müssen und im Frühjahr, versprochen: Da werde ich wieder fasten. Bis Ostern.

Ach, wie schwach ist doch der Mensch, wenn er Nikolaus M. Klammer heißt. (4)

Einen schönen Niklausabend (und mir einen schönen Namenstag) wünscht Euch allen

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) Achtung, eine Warnung an die Männer, die diese Glosse lesen. Frau Klammerle sagt zwar wie jedes Jahr, dass sie keine Geschenke will, aber sie meint es nicht so.  Mein Rat: Glaube niemals deiner Frau, wenn sie an ihrem Geburtstag oder eben zu Weihnachten ver­kündet, in diesem Jahr brauche sie keine Geschenke! Das ist eine ganz gemeine Falle. Kaufe daher das größte, teuerste und wundervollste Geschenk, das du finden kannst. Überrasche sie, denn sie hat sicher ebenfalls et­was ganz Tolles für dich, wenn es wahrscheinlich auch nicht die neue Playstation ist, die du dir eigentlich wünscht, sondern vielleicht ein Wellness-Gutschein für zwei, da­mit du wieder etwas in Form kommst nach der Weih­nachtsvöllerei.

(2) Loibla, auf Augschburgerisch auch Blätzle genannt. Mein westbayerisch-hochdeutsches Wörterbuch übersetzt unzureichend mit „kleines Weihnachtsgebäck, Plätzchen“. Jedes Jahr ver­fällt Frau Klammerle in der Woche vor dem ersten Ad­vent der Blätzle-Backwahn-Sekte. Das ist ihre Sucht.  Wer tolle Rezepte kennt, darf sie gerne schicken; Frau Klammerle ist stets dem Neuen aufgeschlossen und ich bin gerne bereit, dieses Neue zu probieren.

(3) Diese Drohung machte sie tatsächlich im letzten Jahr wahr: Sie hat keine Loibla gebacken und meine Söhne und ich saßen 3 entsetzliche Adventswochen auf dem Trockenen. Die Herren Söhne verfielen in eine Schockstarre und ich in eine solch entsetzliche Depression, dass wir das traurigste Weihnachten ever erlebten. Horror, der in diesem Jahr nicht stattfindet, da Frau Klammerle unser Flehen erhört hat.

(4) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

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Sweet Glowwine to go und some other adventliche Sorgen

Von allem viel zu viel

Die Deutschen sterben aus!

Immer weniger Kinder werden geboren, ganze Dörfer veröden zu Geisterstäd­ten. Kirchen und Gasthäuser müssen schließen; es lohnt nicht mehr, Postboten von Tür zu Tür zu schicken, man schickt Drohnen und Roboter auf Rädern. Die wenigen, die überhaupt noch Brie­fe bekommen, sollen sie gefälligst selbst bei den seltenen Post-Service-Schaltern abholen, die sich in den staubi­gen Ecken irgendwelcher  Zeitschriftenläden in der fer­nen Stadt verstecken. In der Lausitz ist wieder Wolfsge­heul über den vereinsamten, aber durch meinen Soli blühen­den, Landschaften zu hören und die Rudel lauern den vereinzelten Rentnern auf, die sich aufgrund ihrer Al­tersarmut nur noch eine Billigbusreise mit Wärmede­ckenverkaufsvorführung in der Provinz leisten können.

Jeder kennt diese Nachrichten. Immer, wenn den Re­dakteuren dieser Tage nichts mehr einfällt, Trump sei­nen Mund hält – schließlich muss er ja auch mal schla­fen oder Golf spielen -,  irgendein Model einmal nicht mit halb- oder vollkom­men nacktem Hintern in eine Kamera winkt oder uns ausnahmsweise kein Großer Koalitionär die Welt und die Migration erklärt, dann wird die Titelseite der Zeitung mit der Horrormeldung von der gefährdeten Tierart „Deutscher“ befüllt und uns ein großes, textsparendes Diagramm gezeigt, das einem Pilz ähnelt. Das aber ei­gentlich eine Pyramide sein sollte – oder so ähnlich. Die Renten, die Sorgen … Diese Meldung erscheint seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit und wird ebenso erregt debattiert und kommentiert wie die gerade heutzutage so bedeutende Frage, ob man weiterhin dulden sollte, dass der Hl. Nikolaus zum Weihnachtsmann amerikani­siert wird und immer häufiger keine Mitra, sondern eine rote Mütze trägt.(1) Auch das Aussterben der Deutschen ist nur eine dieser absonderlichen Weltverschwörungs­theorien wie Chemtrails und die Illuminaten. Warum fällt nur mir allein das auf?

Diese Lüge ist schnell entlarvt. Jeder kann selbst das Ex­periment machen und morgen Nachmittag versuchen, mit einem übervollen öffentlichen Verkehrsmittel in die vorweihnachtlich geschmückte Innenstadt zu fahren –  falls er sich überhaupt in die enge, von Körperdünsten dampfende Straßenbahn hineinquetschen kann – um sich an­schließend durch verstopfte Fußgängerzonen zu schie­ben, damit man im Kaufhaus seiner Wahl endlich einmal frühzeitig ein Geschenk für die Liebsten zu erwerben. In der qualvollen Enge allerorten, dem Gestoße, dem Gerempel und Gedränge, dem Gequetsche und Gequängel, den endlosen Schlangen an den Kassen, wird der Gedanke, der Deutsche sei in seiner Existenz bedroht, zur Groteske. Denn all die agoraphoben Bürger haben sich demons­trierend versammelt und genießen es, ohne Ängste über den übervollen mit Buden und Glühweinständen vollge­stopften Rathausplatz zu wandeln, wenn sie sich zwi­schen den zermalmenden Menschentrauben überhaupt willentlich vorwärtsbewegen können und nicht einfach von der Flut aus schwitzenden Leibern, Einkaufsta­schen und Kinderwägen mitgerissen und an Orte und Örtchen abgetrieben werden, an die sie niemals gelan­gen wollten.

Oder er sollte in diesen Tagen auf einen Christkindels­markt gehen, um dort einen übersüßten, Sodbrennen er­zeugenden Glühwein, eine verkohlte Bratwurst in einer staubtrockenen Semmel oder als Vegetarier eine undefi­nierbare, fetttriefende Masse – die sich aus welchem Grund auch immer „Kartoffelpuffer“ nennt – zu genießen und sich dazu vom Band überlaut schmalzige Weihnachtslieder interpretiert von Wham!, Heino, den Regensburger Domspatzen und Freddy Quinn in die Ohren blasen lassen. „Oh, du fröliche“ (sic!), um den Herrn Friederbusch aus meinem Weihnachtsmärchen „Karl-Heinz, der Weihnachts­hund“ zu zitieren.

Es ist ein Gelüst, das mich – ich gebe es unumwunden zu – zur Adventszeit ebenso suchtartig packt wie das ge­neralstabsmäßige Vernichten aller Plätzchen von Frau Klammerle, die diese gerade in mühe- und liebevoller Kleinarbeit zubereitet hat. Dies ist übrigens eine ab- und suchtartige Ab­hängigkeit, die mich längst nicht mehr glücklich macht (der Glühmarkt, nicht das Vertilgen der „Loibla“), son­dern wie die Qual einer unerwiderten, manischen Liebe in mein Herz sticht. Ich bin in dem Alter, in dem man erkennt, dass früher tatsächlich mehr „Lametta“ war und weniger Menschen, die sich gegenseitig zwischen den Buden zerquetschten, es war noch keine abendfül­lende Beschäftigung, einen Glühpunsch zu ergattern und anschließend einen klebrigen, wackligen Bistrotisch zu finden, auf dem man das dampfende Getränk abstel­len kann.

Es beginnt schon mit dem Problem, dass mein Dorf kei­nen Weihnachtsmarkt hat. Da man in Diedorf nicht ar­beitet oder lebt, sondern nur zum Schlafen aus der Stadt herausfährt, ist das wahrscheinlich auch überflüssig, verlangt aber von mir – der ich ja ein bekennender und begeisterter Anhänger der Sportart Extreme-christkind­lesmarket-going bin – dass ich den Witterungsverhält­nissen zum Trotz ins Auto steigen und fahren muss, wenn ich nicht Frau Klammerle überreden kann, dies zu tun. Wenn ich dann doch einen Parkplatz gefunden habe – meist so weit vom Geschehen entfernt, dass ich gleich hätte laufen können – und mich tatsächlich wie ein Dschungelforscher durch den dampfenden Urwald zum Glühweinstand durchgekämpft habe und bei der Gelegenheit meinen armen studenti­schen Namensvetter St. Nikolaus über den Haufen ge­rannt habe, der dort für einen Hungerlohn von einer gie­rigen Kindertraube umgeben Nuss und Mandelkern ver­teilen muss, kommt das nächste Problem.

„Ich hätte gerne einen Glühwein.“

Verständnislos sieht mich der Verkäufer an, deutet stumm auf das Schild über seinem Haupt und ich merke: Es gibt keinen Glühwein mehr … Es gibt heißes Bier mit „Stich“, kochenden Amaro im Weinglas, Marillen-, Mira­bellen-, Heidelbeer-, Holunder-, Brombeer-, Kirschwein, drei Sorten Kinderpunsch, Eierpunsch, „Eggnog“, war­men Weißwein mit und ohne Zucker, vegan, aus biologi­schem Anbau, fair gehandelt oder einfach aus dem Te­trapack, Jägertee, Tee mit Schuss, mit Rum, mit Whis­ky, mit Absinth, mit Kandis und mit Rahm. Es gibt Grog. Von hinten werde ich gegen die Theke und schmerzhaft an den Topf gepresst, in dem ein Glüh­punsch seit Stunden vor sich hin köchelt und inzwischen außer Alkohol so ziemlich alles enthält, was ungesund ist. Ich deute kurzentschlossen auf das Heizgerät:

„Zweimal“, rufe ich kurzentschlossen, ohne zu ahnen, was dort drinnen vor sich hin blubbert – eh egal, das kos­tet alles dasselbe und es schmeckt auch gleich widerlich. Ich zah­le den Punsch und einen ungeheuerlichen Pfand, den ich nie einlösen werde, da die Schlange vor der Rückgabe, an der ich mich als letzter anstellen würde, länger ist als die vor der Getränkeausgabe, verschütte die Hälfte über einer von einer Rentnerin gezogenen Einkaufstasche auf Rädern und als ich endlich Frau Klammerle im Gewühl wiederentdecke, ist das pappige Gesöff kalt und ungenießbar.

Die Deutschen sterben aus? Ha! Jedenfalls nicht in der Vorweih­nachtszeit. (3)

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) Ich – Nikolaus M. Klammer – trage im Winter übrigens meistens eine schwarze Baskenmütze. Das wollte ich nur mal bemerken.

(2) Ich erinnere an das wundervolle Weihnachtsmärchen, das man im Advent gratis auf meinem Blog lesen kann. Aber ich will dafür eigentlich über­haupt keine Werbung machen, denn die Qualität spricht für sich. Doch jetzt mal ehrlich: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ ist wirklich eine tolle Geschichte; wer sie nicht liest, wird sich noch in Jahren Vorwürfe wegen dieses Versäumnis­ses machen!

(3) Diese Glosse und viele, viele weitere findet sich in meinem wunderbaren Buch:

Noch einmal davon gekommen

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Blicke ins Jenseits

Ein weiterer Gasttext von Hans-Dieter Heun, zu dem er mir geschrieben hat: „Bitte sehr, mein Niklas, die besagte tote Geschichte. Du kennst sie möglicherweise bereits, aber Deine Leser nicht. Diese Story gehört zu meinen Lieblingen, immer wieder verbessert, und manchmal denke ich, sie hat tatsächlich etwas zu sagen.“ Die Geschichte hat einen ordentlichen Umfang, aber ich habe mich trotzdem entschieden, sie nicht in mundgerechte Stückchen zu teilen. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der die Geduld hat, auch mal etwas längeres am Bildschirm zu lesen.

Blicke ins Jenseits

Eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Der unwichtige Mann stieg durch einen hellen Tunnel. Hinauf. Okay, am Ende eines Lebens gibt es immer einen Tunnel. Oder nur die Möglichkeit eines Tunnels? Oder nur den Traum von einem Tunnel?

Jedenfalls stieg er – oder schwebte er, wurde magisch hochgehoben? –, bis der Unwichtige sich urplötzlich in einer riesigen Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen, unterschiedlich beleuchteten Fenstern ohne Gardinen befand. Es ärgerte ihn, dass die Fenster keine Gardinen hatten, denn Gardinen kann man vor hängen, zu ziehen. Mit Gardinen kann man verhüllen, verbergen: ein Fenster, ein Zimmer und auch ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Fenster ohne Gardinen nicht. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben jedoch unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Dennoch, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte er noch nie gesehen, im Leben wie im Traum. Der unnütze Mann dachte bei sich: Von einer solch riesigen Kugel mit so vielen Türen und so wenigen, verschieden beleuchteten Fenstern habe ich noch nie geträumt.

„Falsch, du träumst nicht. Du bist tot! Das ist leider so.“

„Wer spricht? Gott, bist du das?“

„Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, nicht ganz tot. Ein Teil lebt, etwa einundzwanzig Gramm. Nein, ich bin es, deine innere Stimme. Wenn du – oder was von dir noch übrig geblieben ist – dich noch an mich erinnerst. Also, du hast in deinem letzten Leben für viele Menschen gekocht und somit ein wahrhaft gutes Werk getan. Folglich darfst du dich auch als erlöst betrachten. Das bedeutet, du hast nun fast alles Körperliche zurückgelassen und bist für eine neue Ewigkeit von allem Ballast befreit. Und ich ebenfalls, dem Himmel sei dafür erneut mein tief empfundener Dank! Lange genug war ich wieder in dir eingesperrt, und lange genug hast du wieder nicht auf mich gehört. Ich sage dir was, von dieser Stunde an wirst du mich nicht mehr übergehen können, wirst du dein weiteres Vorgehen mit mir abstimmen müssen.“

Der Unnütze war verwirrt. Wohin hatte es ihn verschlagen? „Bin ich … Ist diese Kugel nicht der Himmel, die jenseitige, den männlichen Sinnen unzugängliche Welt des lieben Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?“

„Quatsch. Du weilst höchstens in dem so genannten blauen Himmel, einem scheinbaren Gewölbe über den Männern, das in Wahrheit  jedoch eine Kugel ist, die durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare zerlegt wird.“

„Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel.“

„Wach endlich auf, du bist tot! Das hier ist der Raum, der einzige, unendliche Raum! Und deine Zukunft.“

„Und wo steckt meine Vergangenheit, ist meine Gegenwart?“

„Gegenwart gibt es nicht. Und deine Vergangenheit liegt hinter diesen Fenstern. Die sind jedoch schalldicht. Also, selbst wenn du besserwisserisch noch etwas ändern willst oder sogar schreien aus verständlichem Ärger, es würde nichts nützen. Die Körper, die mit dir deine Vergangenheit spielen, können dich absolut nicht verstehen.“

„Darf ich trotzdem einmal durch diese Fenster sehen?“

„Später, erst musst du Rechenschaft ablegen.“

 

„Beichte!“ Das Stimmchen wurde gebieterisch.

„Habe nichts zu beichten.“ Der unbedeutende Mann war patzig.

„Sei nicht so bockig. Jeder Mann ist von Natur aus sündig, dafür wurde gesorgt. Also beichte.“

„Na gut, meinetwegen, ich habe Vater und Mutter geschlagen!“ Ein Lichtjahr Pause. „Was ist, wächst mir jetzt die rechte Hand aus dem Grab?“

Die Stimme schwankte: „Mag sein, deine Eltern hatten es verdient. Die schwache Möglichkeit besteht, schwache Möglichkeiten existieren immer. Augenblick, ich schau mal nach … Wo ist denn nur wieder dieses verdammte Buch?“ Wenn eine innere Stimme in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte sie nun in einem sehr dicken Buch. „Ja richtig, hier steht es, sie haben es verdient. Weiter, was sonst noch?“

Etwa Schamröte auf dem Gesicht des Unwichtigen? Nicht genau zu bestimmen, aber beinahe hätte er – oder was von ihm noch übrig war – geschluchzt, bittere Tränen der Reue geweint. „Ich habe dringend Geld gebraucht für Sex, Drogen und Rock´n´Roll. Du verstehst schon, ich war abhängig und da habe ich mein angetrautes Weib auf den Strich geschickt.“

„Ehrliche Frauenarbeit schändet nicht, vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient. Also weiter.“ Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.

„Ich betrog mein Weib mit einer Unzahl von anderen Weibern … Mir war halt danach.“

„Nun, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muss er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken.“

Der unbedeutende Mann – oder das, was von ihm noch übrig war – hegte den Verdacht, dass diese innere Stimme ein ziemlicher Macho sein könnte. Und dieser Verdacht wurde von seiner Inneren auch prompt bestätigt: „Frauen sind ebenfalls Möglichkeiten, unterschiedliche Wannen sexueller Erfüllung, in denen die kreativen Wünsche eines wahren Mannes allemal baden dürfen.“

Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon mehr als verwunderlich. „Und das soll eine Wahrheit des Himmels sein?“

„Des Raumes, einzig und allein eine Meinung des unendlichen Raumes. Du weißt doch, es gibt keine Wahrheit, sondern stets nur eine Meinung. Du magst alles transponsiv oder auch interprekativ betrachten und danach auszuwerten versuchen, letztendlich kommst du stes nur zu einer Meinung. Schau dir hier die unzähligen Türen an, alle verbergen Spielarten von drei dir verbleibenden Möglichkeiten in diesem besonderen Raum. Glaubst du da tatsächlich, dass es bei dem gewaltigen Angebot nur eine Wahrheit gibt?“

Der unerhebliche Mann – oder was von ihm noch übrig war – zweifelte. Spielarten seiner drei Möglichkeiten? „Wenn das so ist, was …“

Stimmchen unterbrach auf der Stelle: „So ist das keineswegs! Selbst das war eine Meinung. Du solltest schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu dir passen.“

Der Bedeutungslose wurde langsam sauer: „Moment einmal, ab jetzt reden wir bitte Tacheles …“

„Das ist mein wahrer Name.“

„Wirklich? In voller Wahrheit? Das ist ja geil, die Stimme in mir mit jüdischer Offenheit? Macht aber nichts, ich hegte längst den Verdacht, ein entfernter Abkömmling des gelobten Volkes zu sein. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für gar nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?“

„Du meinst, deiner Meinung nach? Doch meine Meinung ist, und die, nebenbei gemeint, gilt, steht auch in dem großen Buch, aus dem Er, Gott, Sich gleichfalls Seine Meinung bildet, dass sehr wohl noch etwas zu besprechen wäre. Du hast getötet!“

„Um Himmels Willen, habe ich nicht!“ Der Unwichtige war baff.

„Hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du jede Menge tierisches und pflanzliches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits neuntausendsiebenundzwanzig Pfund Fisch und Fleisch verzehrt, die vielen Wachteln, Tauben und Enten, die du dein Leben lang so gerne geschmatzt, gar nicht erst mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Berge von Obst und die vielen Kräuter. Alles Leben, von dir zerkaut, danach tot und stinkend in deinem Gedärm.“

„Und was war gestern?“ Der Belanglose vermochte sich nicht mehr zu erinnern.

„Da gab es Pfannkuchen.“

„Ach ja richtig und fast schon vergessen, obwohl sie mich dermaßen gebläht. Aber gestatte mir doch die Frage, wovon hätte ich mich deiner maßgeblichen Meinung nach stattdessen ernähren sollen? Wachsen, gedeihen, mein Leben erhalten?“

„Das weiß der Geier. Vielleicht von den radices dulces cognitii.“

„Halt, was ist das schon wieder?“

„Die süßen Wurzeln der Erkenntnis, Meinungen. Doch leider wachsen jene hinter den Türen.“

„Na dann guten Appetit! In diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, mich wie in meiner Vergangenheit zu verköstigen. Und, wenn du nichts dagegen hast, ich schaue jetzt durch diese Fenster.“

 Der farblose Mann war mehr als neugierig und wurde enttäuscht. Vorerst. „Was ist denn das? Ich kann kaum etwas sehen, das Licht ist zu schwach. Einzig und allen entfernte Schemen, möglicherweise ein altes Segelschiff aus Holz vor einer ziemlich dunklen Insel. Das ist doch niemals meine Vergangenheit?“

Tacheles verkündete in aller Ruhe: „Du entdeckst gerade Amerika.“

„Kolumbus, spinnst du? Ich und Kolumbus? Das muss wohl eine Verwechslung sein.“

„Im unendlichen Raum existieren keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen – oder das, was von ihm noch übrig ist –, ich kann ja mal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Es stimmt, du warst einer der Entdecker, allerdings nur der Koch. Wie immer halt, gleicher Beruf, aber in einem anderen Körper.“

„Das ist ja geil!“

„Nicht besonders originell, deine Antwort.“

Der unbedeutende Farblose ging zum nächsten Fenster. „Wenigstens ein bisschen heller. Und ein ziemlich wackeliges Gerüst. Da kniet einer, wartet der etwa auf seine Enthauptung? Ah, ich hab´s, die Französische Revolution! Vielleicht Robespierre und seine Guillotine?“

„Bockmist“, die Stimme wurde grob, „wie oft soll ich dir das noch sagen, du warst Koch in wechselnden Körpern. Der da ist Escoffier, ein großer Küchenkünstler, schaut gerade von einem Baugerüst der berühmten Opernsängerin Melba beim Baden zu und benennt später eine Nachspeise nach ihrem Pfirsichhintern. Pass auf, gleich fällt er von der Leiter.“

„Ja leck mich doch am Arsch, also gibt es sie wirklich, die Seelenwanderung.“ Es war schon erstaunlich, was ein Mann nach seinem Tode alles erfährt, und dieses Erstaunen brauchte Ausdruck.

„Einen Arsch besitzt du zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das in Ordnung. Du bist nun wieder Seele, und du Seele warst immer die selbe Seele, und du Seele bleibst auch ewig die selbe Seele. Der Rest waren und sind nur Körper, Modelle, die gewechselt werden.“

„So ist das also. Nun gut, doch wie steht es dann um meine jüngste Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen.“

Tacheles winkte ab. „Deine jüngere Vergangenheit wirf wohl nicht wichtig für die Weltgeschichte gewesen sein, deswegen bleibt dieses Fenster auch unbeleuchtet. Gehen wir zu den Türen.“

Sie gingen, der Unwichtige warf noch einen kurzen Blick zurück. „Halt, Stimmchen, jetzt flackert was! Ein Licht … wird heller … scheint doch etwas los gewesen zu sein.“

„Lass mal sehen! Ja, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal.“

„Wer errichtet mir ein Denkmal? Warum, wieso, was sind das für Leute?“ Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.

„Bewohner der Stadt D, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: IN MEMORIAM COQUUS MAGNUS.“

Die arme Seele war verwirrt: „Die überaus ehrenwerte Stadt D? Wieso kommen die Bewohner der berühmt berüchtigten Stadt D dazu, ausgerechnet mir ein Monument zu widmen? Die haben mich zu meinen Lebzeiten doch völlig übergangen, sogar in den Ruin getrieben, mir das Geschäft und mein Zuhause genommen. Mich letztendlich auch noch vor ihre Tore  geworfen. So war das und nicht anders.“

„Ist das ein Wunder? Du hast schließlich die meisten ihrer Frauen gevögelt, was deren wichtigen Männer selbstverständlich niemals öffentlich eingestehen konnten. Logisch, dass sie ärgerlich auf dich waren.“

„Tacheles, sagtest du nicht: Was ein Mann braucht, das braucht ein Mann? Aber warum dann trotzdem ein Denkmal für mich? Ich meine, wenn sie schon sauer waren.“

„Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat ganz den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem einen bestimmten Gebiet.“

„Ein Mann ist, was ein Mann ist, und mein Ich-Trieb bleibt hoffentlich auch mein Ich-Trieb!“

„Larifari, gehen wir lieber zu den Türen und suchen deine Möglichkeiten.“ Stimmchen erneut sehr bestimmt.

„Also, dir stehen nun drei Möglichkeiten zur Verfügung, oder, wenn dir das lieber ist, drei Bilder: Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Der bedeutungslose Mann war erstaunt: „Warum nur so wenig, mein Stimmchen? Der Raum besitzt doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müsste sicherlich mehr angeboten werden als nur der alte kirchliche Sermon. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“

„Satans Werk, igittigittigitt! Wie kannst du nur? Außerdem ist in Glaube, Hoffnung und Liebe ja schon alles erdenkliche Bedenkliche erhalten. Da braucht es nicht mehr. Weiterhin gehören die unendlich vielen Türen gleichfalls zu unendlich vielen erlösten Seelen, für die ebenso die gleichen Spielarten der drei himmlischen Wunschvorstellungen gelten. Selbst für erlöste Kommunisten oder ähnlich mindere Lebewesen. Gerade erst habe ich mich mit einer gelben Tulpe unterhalten, sie wählte die Liebe, wollte einzig allein mit ihrem Stängel in Marylins zarten Händen liegen. Brave Tulpe, und ihr Wunsch wurde erhört.“

„Und was meinte die Monroe dazu?“

„Auch ihr gehörten selbstverständlich drei Möglichkeiten, und sie entschied sich ebenfalls für die Liebe. Nun ruhen Marylin und der Stängel in ihren Händen friedlich vereint.“ Stimmchen schwoll an: „Es reicht jetzt, dein erstes Bild, aber dalli!“!

„Ich wähle, ja was wähle ich denn? An sich möchte ich erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit einer Rücktrittsgarantie eine kleine Tür des Glaubens.“

„Selbstverständlich, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Art oder Abart von Glauben wünscht der gnädige Herr?“

„Ich dachte bisher, es gibt allein den wahren Glauben, den mit Lobpreisen zum guten Schluss, Halleluja- und Hosianna-Singen. Glaube an die rundherum strahlende himmlische Seligkeit.“

„Guter Mann – oder was von dir noch übrig ist –, du denkst zu viel. Und das meine ich absolut ernst. In diesem von dir angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, hier ist die Tür. Halt, nur bis zum Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so.“

Farben und Töne begannen sich untereinander zu mischen. Aus den Fellen von Trommeln, geschlagen von schwarzen Riesen im lila Ornat – Taktmeister, Zuchtmeister – stiegen blaugraue Wirbel kirchlichen Staubes. Von Kränzen aus blutroten Rosen in Demut umschlungen, von Kanzelgetöse in Gehorsam durchdrungen, duckten sich weiße Seelen wie katholisch erwünscht, schrien das Preisen aus heiseren Kehlen. Und unerbittlich dröhnten die Trommeln. Zwingender Rhythmus, in dem Seelchen mit muss:

Miteinander Hosianna,
Jubilate der Oblate.
Halleluja,
Heiliger Stuhl da.
Urbi et orbi!

Niemals mehr schweigen,
Jauchzen im Reigen
Vom Takt wild gepackt.
Der Pax sei vobiscum
Trotz Knacken im Bistum.

Ein Seelchen ist nackt!

 Der fahlblasse Mann wunderte sich: „Stimmchen, wieso ist eine Seele nackt?“

„Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich denn auch. Normalerweise frisst dir dieser Glaube bereits kurz nach deiner Geburt das erste Hemd vom Leib, vom letzten nach dem Tode ganz zu schweigen.“

„Tacheles, mir gefällt es hier nicht. All diese weißen Seelen haben so einen belämmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern. Verstehst du, so etwa wie Opferlamm Gottes.“

„Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du – oder was von dir noch übrig ist – musst hier nicht bleiben, besitzt immer noch zwei andere Möglichkeiten.“

Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein riesiger Trommler um und brüllte ein paar heilige Sprüche: „Ora et labora! Weiche, du Heide! Und mach die Tür zu, hier zieht´s!“ Farben verblassten, Töne verstummten, die erste Tür schloss sich ernsthaft beleidigt.

 „Das war wohl eher nicht mein Fall, gute Stimme. Als nächstes wähle ich die Liebe, und bitte ebenfalls mit Rückfahrschein.“

Stimmchen nickte: „Also wie gehabt. Es sei, doch möchtest du die rein körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht eine in der Art, von der Brentano einst schrieb: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes.“

„So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständiges Maß an sinnlichen Körpern dürfte durchaus sein. Nun guck nicht wie ein Auto, war nur ein Scherz. Nein, in der Liebe habe ich meine Illusionen: Sie sollte ruhig und aufbrausend zugleich, erst glatt und kühl, dann wärmer, leichtgekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wellen sein. Sie müsste mich durchdringen, durchströmen, mich erfüllen, ein unverzichtbarer Teil meines Wesens werden. Sie muss mein Dasein begleiten, ja, diese Liebe müsste mein Dasein sogar erhalten. Sie selbst sollte jedoch uneigennützig sein, niemals besitzergreifend auf mich fixiert. Weiterhin müsste sie meinen Körper – oder, meinetwegen, was von ihm noch übrig ist – pflegen, ihn erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, dass mir Verzicht nicht mitttels böser Säfte Pickel auf den Hintern zaubert. Und auch wenn ich sie im Übermaß genieße, sogar in blinder Leidenschaft durchschwimme, dürfte eine wahre Liebe nicht zerstören, mich niemals ersticken. Ja, sie sollte großmütig sein, zwar immer in Bewegung und dennoch überaus nahe.“

„Brav gebrüllt, mein Freund! Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt. Besonders das mit den Pickeln am Arsch, den du ja nicht mehr hast. Na gut, dann werde ich dir mal deine Liebe im unendlichen Raum zeigen. Da ist die Tür, doch denke erneut an den Fußabstreifer.“

 Türflügel schwangen auf, still ruhte ein See, und ein wenig lud er auch zum Bade. „Ein See, Wasser, einzig und allein Wasser? Ist das alles?“

Tacheles grinste wässrig: „Wie, ist das alles? Du hast sie doch wie Wasser beschrieben, deine Liebe. Und hier ist es, das Ruhige, die Kühle, das Kräuseln und manchmal selbst ein wildes Wogen. Hör mir zu, du wurdest nun mal dafür geschaffen, Weiber wie das Wasser zu lieben, so wie der Wind dazu erkoren ward, Wellen zu kräuseln, Wogen zu werfen … Mann, das war jetzt geradezu genial, diesmal von mir mit Worten gemalt. Manchmal wundere ich mich fast über mich selbst, echt geil. Trotzdem, weiter im Text. Und das Wasser liebt dich auch. Schau nur in diesen See, ein Spiegel der Wahrheit, er wird dir – oder dem Rest, der von dir noch übrig ist – seine Liebe beweisen, dir sagen, wer und was du wirklich bist. Also sieh hinein und sage mir, was du erblickst.“

Hatte er das nicht sein ganzes Leben gemacht, in den Spiegel geblickt und sich gefragt, wer er eigentlich ist? Und nun erneut eine Bestandsaufnahme? Irgendein Jemand, irgendein Etwas, der oder das ihn vielleicht sogar liebte, wollte schon wieder wissen, wer er in Wirklichkeit war. Scheiße, er wusste es doch selbst nicht. Warum also erneut ein Spiegel? Und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, aus diesem Trauma zu erwachen, an den See zu gehen und mal kurz hinein zu pinkeln. Er musste immer pinkeln, wenn er zu viel Wasser sah. Genauso wie nach Liebe. Aber er war in keinem Trauma, er war tot. Kein gnädiges Erwachen, nie mehr, und das drückte auf seine Stimmung. Missmutig trat er auf den Fußabstreifer der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur nichts. Kein Bild, keine Identifikation, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah allein Wasser. „Ich sehe nur Wasser.“

„Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir.“ Die Stimme lachte sich einen Ast, auf dem sie fröhlich turnte. „Logisch, fünfundsechzig Prozent von dir sind Wasser. Aqua vitae, das Feuchte liegt in deiner Natur. Und wenn du ehrlich bist, ist Wasser ebenso der Urstoff jeder Liebe.“

„Wie bitte? Ich bin normalerweise durchaus für Rätsel zu haben, doch das ist mir jetzt zu hoch und zu blöd. Ich kann auf das Wasser gut verzichten, und auf die Liebe, so wie ich sie mag, werde ich es wohl müssen. Nein, mein Stimmchen, schließen wir diese Tür, ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün.“

Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem frühlingsgrünen Haferfeld. Unzählige Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden tanzten vor seiner Nase, an allen hingen hellgrüne Zettel.

Der fahlblasse Unwichtige wich unwillkürlich zurück. „Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?“

„Seidene Fäden! Hoffnungen hängen immer an seidenen Fäden.“

„Und das Gewackel?“

„Schwankende Hoffnung, die müsstest du doch kennen.“

Stimmchen wusste Bescheid, und wie er die kannte. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, ob endlich einmal die Richtige käme. Derart oft gehofft und doch nie erfüllt. Dafür meistens Blondinen, ausnahmsweise glatte Schönheit und geistlose Körper, die im Alter von Fettheit gebläht. Ähnlich die Schwarzen, glühende Kohlen von knisternder Geilheit, welche sich im eigenen Feuer verzehrt. Selbstgefällige, nichts übrig für einen Partner, allerdings stolz vor einem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer anwesend und immer um einen klebrig herum. Stets gute Laune – oftmals bis zum Kotzen –, streichelnd, schmeichelnd, schnurrend, gurrend, nie auch nur ein bisschen murrend. Bäääääh, am Halse hängend, zum selben heraus hängend!

Leider niemals gekannt die Roten – heißes Bedauern –, die Töchter des Mondes. Möchtegern-Gespielinnen in schlaflosen Nächten, schwüle Gedanken, nie erfahren Salomes Charme. Kupferrote Haare, Fahnen der Wollust, wehend getragen von Lilith, dem Weib, das lange selbst vor Eva war. Sie hatten seine Hoffnung gebildet, rothaarige Weiber, die das Wort Weib als Ehre begriffen. Grüne Augen und Sommersprossen auf heller Haut, schlanke Körper, leicht umflossen von hellgrauer Seide. Anbetungswürdige Geschöpfe, allein diese Hoffnung blieb unerfüllt.

Neben den wackelnden Aussichten auf die eine Richtige, das einzig zu ihm passende Weib, hatte es noch Hoffnung auf die Zukunft aller Kinder gegeben. Ebenfalls Zuversicht in die Macht ihrer alle Grenzen überfliegenden Musik. Gleiches Gefühl bei ihren Protesten, berechtigt aus Sorge um eine kranke Welt. Resultierend daraus sein Verständnis für die Bedürfnisse aller Heranwachsenden, gefolgt von Vertrauen, Einigkeit, Gemeinschaftsgeist und dem Willen zu gemeinsamen Lösungen selbst schwierigster Probleme.

Blah, Blah, Blähungen! Weiterhin die gleiche Scheiße, erst die Hoffnung, dann folgte bei gründlicher Sichtung die Resignation. Das alte Lied, immer und ewig der gleiche Mist: Habsucht, Neid und Missgunst. Warum hat er, was ich nicht habe? In voller Wahrheit war und ist Nehmen stets seliger denn Geben.

Auf den Feldern dieser Fehler gedieh jedoch eine andere Hoffnung, eine auf die Kunst. Provokation, Anregung zum Insichgehen in Stein gemeißelt, Monumente, die Jahrtausende lang mahnen. Oder Schönheit und Versprechen mit Öl auf Leinwand gebannt. Ebenso lyrische Worte, starke Sprüche, Herzen bewegende, schwarz auf weißem Papier. Aber was hat diese Kunst letztendlich gebracht? Wenigen Künstlern gebührendes Lob und für ihr kurzes Leben ausreichende Anerkennung. Ach ja, Denkmäler für sie, viele Denkmäler an wichtigen Plätzen: Denk mal nach! – Das ist doch schon etwas.

„Tacheles, ich weiß, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will.“

„Na hör mal, wer bist du denn, dass du – oder was von dir noch übrig ist –, keinerlei Hoffnung möchtest? Oder wer warst du eigentlich, dass du hier einfach Glaube, Liebe und Hoffnung verleugnest?“

„Wenn ich darauf antworten soll? Nun, nachdem ich durch viele Fenster und Türen gesehen habe, war ich nur ein Mann, der mit allen erdenklichen Fehlern und wenig Tugenden ausgestattet war. Manchmal wurde ich in meinen verschiedenen Leben sogar fast vom Glück gestreift. Und es schien mir immer so, als wäre ich kurz davor, bedeutend zu werden.“

„Ach, du kommst zur Erkenntnis? Trotzdem darfst du nicht ohne jegliche Hoffnung sein, nicht hier im Raum der einzigen drei Möglichkeiten. Nachdem du Glaube und Liebe abgelehnt hast, wie willst du nackt im Totenreich bestehen? Also zier dich nicht und greif nach einem Zettel. Nun mach schon!“ Tacheles schien es auf einmal eilig zu haben, Stimmchen drängte.

„Okay, weil du es bist, und weil wir stets so inniglich verbunden waren. Hier habe ich einen. Holla, da hängt ja ein Würfelbecher dran? Papier und Würfel, Donnerwetter Stimmchen, damit kann ich locker im Totenreich leben, wenn vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu kommt.“

„Kein Sarkasmus mehr, bitte, lies lieber vor. Ach Quatsch, gib mir den Zettel, bevor ich noch vor Neugier platze. Also da steht … Monopoly! Würfle und setze alles auf die Hoffnung, dass deine Gedanken für Jedermann lesbar in dicken Büchern abgedruckt werden. Wenn du jemals aus diesem Gefängnis zur schönen Aussicht frei kommst, gehe erneut über das Los des Lebens. Dann erhältst du unter Umständen auch eine Rote.“

Der fahlblasse, unwichtige, bedeutungslose arme Mann breitete die Arme aus: „Ich danke! Tausendmal Dank! Ein wahrer Segen des unendlichen Raumes. Ich – oder was von mir noch übrig ist – darf hoffen auf die Einzige, die zu mir passt, auf eine wunderschöne rote Blüte. Ich liebe sie schon jetzt. Aber weil wir gerade beim Thema sind, Tacheles, und in aller Offenheit, was ist denn eigentlich noch von mir übrig?“

„Einundzwanzig Gramm, die sich morgen bei Gott im Himmel vorstellen werden.“

 

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

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