Aber ein Traum …

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Mánis Fall (Kapitel 1.6)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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»Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen«, fuhr Leon vorsichtig fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin keine Zuträgerin der Moon Corp. war und er befürch­ten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhan­deln. Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden las­sen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte. Doch Misstrauen war in diesem Mo­ment fehl am Platz.

»Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt«, sagte sie, während sie vor die zweck­entfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Resten der Party leerräumte. Sie prüfte die Konso­le mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und an­erkennend.

»Citoyen, ja. Von euch habe ich gehört. Das ist die Gruppe um Professor Rosen­thal; sie nennt sich auch Newlisas, nicht wahr? Ihr kämpft gegen den Bau der Dyson-Sphäre, obwohl sie uns allen den Arsch retten kann.« Er legte den Kopf schief. »So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.«

»Die Kurzfassung, ja? Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein teurer Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der gu­ten alten Erde zu eng wird und die nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damokles­schwert des drohenden Mondsturzes können die Res­sourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transpor­tieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn des­sen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben«, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhänge­tasche griff und ihr Elektronikwerkzeug herausholte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instru­ment in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. »Du behauptest also, es wären nicht die bösen Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch be­nutzen will? Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Ich weiß es auch nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungs­gewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich bitte arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt«, sagte Fabia und schloss ein komplizier­tes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserka­beln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

»Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Sie dürfte für einen Neustart ausreichen«, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer trat zurück und sah furchtsam nach oben. Aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich angeblich über seinem Haupt zusammenbrau­te. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgend­lichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade müh­sam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass von dort oben der Tod auf sie herabfiel. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile revi­dieren, die sie sorgfältig gegen Menschen wie seines­gleichen hegte. Offenbar war der Künstler bei weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie ge­dacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass Leon Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozia­len Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiens­ten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzma­lende, aber harmlose Spinner und Verschwörungstheo­retiker bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düs­teren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

»Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt«, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel ge­starrt. »Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analo­ge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopf­schmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.«

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zuge­hört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Be­triebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

»Omicron!« Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfa­che Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mit Hilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur be­kam von Omicron auf kabellosem, elektromagneti­schem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia be­nutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich be­fand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Na­turgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurz­er Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn ge­macht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Compu­tern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Au­greyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder aus­werteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

Vor ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, sur­reale Welt voller allein durch Blicke beweglicher und beeinflussbarer, vierdimensionaler Symbole, glitzern­der Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Kno­ten ineinander verwickelte Seile aussahen, komplizier­ter Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformter Körper, die quecksilbern glänzten und ihren Robotervorbildern in der echten Welt nachgebildet waren. Es gab kein Him­melsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vor­ne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unver­mutet an einer anderen Stelle wieder auf. Für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstre­bigkeit erkennbar, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cy­berspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen inneren Vor­gänge in dem Rechnerpult, eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farben­pracht ordnete. In diesem künstlichen, dabei vollkom­men lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl; er war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konn­te sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Kö­nigin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schloss­wächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersys­tems zu behindern.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Der Schatten von Pardais (1. Kapitel – Teil DREI)

Teil III. der großen »Der Weg, der in den Tag führt«-Saga:
Der Schatten von Paradais

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Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen. Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen Juel und Selin die Gunst der Stunde. Sie stehlen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora die Landkarte, die den Weg nach Pardais zeigen soll.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes hinein in die Tote Wüste fliehen und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

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Kapitel Eins
Ein Sturm zieht auf
III.

Juel erwachte vom unruhigen Blöcken der Kamele, in das sein eigener armer, durstiger Maulesel klagend einstimmte.

Er öffnete die verklebten Augen und hob vorsichtig dem Kopf von seinem Schlafsack, den er zu einer Nackenrolle zusammengebunden hatte. Dabei versuchte er, sich so langsam wie möglich zu bewegen, um jede unnötige Anstrengung zu vermeiden. Solch eine mörderische Hitze, wie sie über dieser vollkommen leblosen und menschenfeindlichsten aller Wüsten waberte, hatte er noch nie erlebt. So tot waren nicht einmal die Ruinen der südlich von Nearoma liegenden Gräberstadt Tudas’Tel, wo er vor einigen Monaten vergeblich den wertvollen Gegenstand gesucht hatte, nach dem er seit beinahe zehn Jahren forschte. Hier, am Kraterrand der Ebenen, schien es außer ihrer Gruppe höchstens ein paar giftige Echsen zu geben, die mangels anderer Beute aufeinander Jagd machten. Juel rieb sich den Sand aus den Augen und blinzelte. nachdenklich. Auch Tudas’Tel, der „Ort des Todes“, war eine weitere Enttäuschung gewesen. Jetzt lag seine ganze Hoffnung auf der Traumstadt Pardais, die ihre Geheimnisse viele tausend Jahre bewahrt hatte. Es war noch ein langer Weg zurückzulegen, aber der dicke Mann wartete nun schon so lange, da kam es ihm auf ein paar weitere Wochen nicht mehr an. Und wer weiß: Vielleicht fand er ja in den Ebenen des Ewigen Krieges eine Abkürzung oder einen Zug, der dort unten auf ihn wartete. Das war ihm schließlich schon mehrmals passiert. Sein Glück wies im häufig den Weg. Auf diese Weise würde er nicht nur der Diebesgilde und dem Namenlosen, die hinter ihnen her waren, ein Schnippchen schlagen – sondern auch seinem hartnäckigen Verfolger und ehemaligen Freund Jac Javac Mauvaise. Auch wenn er sein Gefühl nicht begründen konnte, so vermutete er den Meister und seine Helfer schon ganz nah auf seiner Spur.

Aber … uff, was für eine Hitze! Obwohl Juel im Schatten unter einer eilig aufgeschlagenen Zeltplane lag, die er und Selin am Abend vorher seitlich an einer zerplitterten B‘Ton-Säule befestigt hatten, drang sie ihm in alle Poren. Er wunderte sich, dass davon nicht sein Fett schmolz und er eines Morgens spindeldürr erwachte. Er richtete sich weiter auf und stützte sich auf seine Unterarme. Er sah zu den anderen hinüber, die in seiner Nähe ebenfalls auf Schattenplätzen unter aufgespannten Planen lagen. Allein Adelph schlief nicht. Er hockte mit nacktem Oberkörper auf seiner dünnen Decke und schien zu meditieren; starrte mit leerem Blick ins Nichts. Seine äußere Erscheinung glich von Tag zu Tag mehr der eines irren Hindersohn-Asketen. Juel zuckte mit den Schultern und kroch zu ihm hinüber. Er konnte sowieso nicht wieder einschlafen. Er setzte sich neben den Mönch, der der größte Pechvogel war, dem er je begegnet war. Im Großen und Ganzen war Adelf – nicht zuletzt wegen Juels heilenden Händen –  von seinen schweren Verletzungen genesen. Adelf war noch immer erschreckend mager und ausgezehrt, denn niemand in der Gruppe hatte bei der hektischen Flucht unter der brütenden Sonne dieses kargen Landstrichs östlich von Karukora Speck ansetzen können.  Er ermüdete schnell, aber wenigstens war er inzwischen gesund und kräftig genug, die Strapazen der Flucht zu ertragen. Juel fragte sich mal wieder, was die wahren Gründe waren, aus denen der Mönch  dem Trupp in die Wüste gefolgt war. Bei allen anderen war ihm ihr Antrieb klar. Selin und Sirtis hatten ihren Traum vor Augen. Semira folgte ihrem Verlobten und Jalah reizten die Schätze von Pardais und nicht zuletzt auch die Juwelen, die Juel in der Tasche verbarg. Aber warum sich Adelf nicht nach Norden in Richtung Italmar abgesetzt hatte, wusste Juel nicht. Konnte es wie bei ihm selbst nur die Neugierde auf Paradis sein oder hatte er andere, undurchsichtigere Gründe? Bislang hatten die beiden alten Bekannten noch nicht die Gelegenheit gehabt, ausführlich darüber zu reden. Vielleicht war jetzt die Stunde der Aussprache, während die Frauen schliefen und die beiden jungen Leute, die gute Ohren hatten, auf Erkundung unterwegs waren.

Juel wartete eine Weile auf eine Reaktion des in sich verschlossenen Adelf. Als keine kam, räusperte er sich respektvoll. Damit weckte er den Mönch endlich aus seiner Trance. Adelfs Blick wurde klar. Etwas unwillig sah er zu Juel, aber er lächelte.

»Soll ich dir etwas Wasser bringen?«, fragte der Dicke. »Allzu viel haben wir ja nicht mehr, aber …«

»Nein, danke. Es geht mir gut«, erwiderte der Mönch abgelenkt und sah sich prüfend um, als müsse er sich erst einmal vergewissern, unter welchen Umständen er nach seiner Geistesreise erwacht war. »Ich war eben weit, weit weg. Es ist gut, dass du mich zurückgeholt hast. Ich werde wohl ein wenig vorsichtiger sein müssen, wenn ich mich nicht irgendwann einmal endgültig verlaufen will und dann nicht mehr in meinen Körper zurückkehren finden kann, weil ich mich zu weit entfernt habe.«

»Wo warst du?«

»Es ist merkwürdig. Seit meinem Kontakt mit dem alten Baum hat sich meine Gabe verändert, ich möchte sagen, erweitert, ausgedehnt. Früher konnte ich nur durch Dinge sehen, die in meiner nächsten Nähe waren und die ich berühren konnte. Inzwischen fliegt mein Geist wie ein Falke hoch empor und meilenweit im Rund. Wenig bleibt mir noch verborgen. Doch ich beherrsche diese neue Fähigkeit noch nicht vollständig und ich verstehe sie auch nicht ganz. Ich muss mich anstrengen und meinen inneren Blick auf einen bestimmten Punkt richten, sonst überwältigen mich die Eindrücke, die auf mich einströmen. Sie sind wie eine große Hafenwelle, der ich ungeschützt ausgesetzt bin. Hier in der Wüste kann ich jedoch gut üben, denn sie ist leer, nirgendwo ist etwas, das mich mehr einschränkt oder begrenzt. Wahrscheinlich könnte ich mit meinem Geist über die Ebenen des Ewigen Krieges hinaus bis zum östlichen Rand der Welt sehen, aber der Gedanke erschreckt mich und ich fürchte mich davor, so weit von meinem Körper davonzuwandern. Mir war vor meiner Begegnung mit dem Falkenthron nicht bewusst, wie stark der Sinn ist, den mir der grüne Strahl noch im Mutterleib geschenkt hat. Ich glaube es inzwischen wirklich: Wenn ich die Kraft finde und es versuchen möchte, dann werde ich nicht nur durch Wände sehen, sondern auch vorwärts und rückwärts durch die Zeit. Doch dorthin will ich nicht, denn ich glaube, das ist Sünde. Ich fühle es. Mich erwartet in der Zeit eine glutrote Feuerwand, die mich verbrennt.«

Juel zuckte mit den Schultern. Dies waren viele Worte, die wenig erklärten und ihn nur verwirrten. Sie enthielten keine Antwort. Deshalb wiederholte er seine Frage:

»Und wo warst du eben, als ich dich weckte?«

Trotz der Hitze erschauderte er plötzlich. Mit Schrecken erkannte er: Dieser Mann, der da neben ihm auf der dünnen Decke saß, der war ein Fremder. Der war nicht mehr der freundliche, tollpatschige Mönch, den er vor zehn Jahren auf der Burg Nordergal kennengelernt hatte. Wenn Juel diese Veränderung hätte benennen müssen, hätte er gesagt, Adelf habe seine Unschuld verloren. In Situationen, in denen der Mönch früher nur gelacht oder eines seiner Lieder gesummt hatte, wurde er nun schnell zornig oder versank stundenlang in dumpfem Brüten. Der Dicke fragte sich nicht zum ersten Mal, was seit seiner langen Abwesenheit alles im Kirchenstaat vorgefallen war. Es konnte doch nicht alleine daran liegen, dass mit Hierion Ederwerfh ein ewig Gestriger oberster Abbas und Ratsvorsitzender geworden war; ein böser, grausamer Mann, der von der Wiederherstellung der alten Größe träumte und von der Ausrottung aller Andersgläubigen und Heiden. Ob Adelfs Entscheidung, mit nach Pardais zu kommen, etwas mit dieser dunklen Gewitterwolke zu tun hatte, die über Italmar schwebte?

Adelf atmete tief ein und bedachte Juel mit einem merkwürdigen, fast mitleidigen Blick, als er sich endlich dazu herabließ, die Frage zu beantworten. »Mein Geist flog mit unseren beiden jungen Freunden Semira und Selin, denn irgend etwas ließ mich besorgt um sie sein. Das fühlte sich so an, als würde ein Wurm an meinem Herzen nagt. Sie haben inzwischen die Kuppel erreicht, die sie untersuchen und in die sie womöglich sogar einen Eingang hinein finden werden«, erklärte er so umständlich, als wolle er ein Buch diktieren. Er spitzte die Lippen. »Du hast gesagt, du hättest solche Bauwerke schon einmal früher gesehen und betreten und die Kuppel wäre wahrscheinlich ein altes Bahnhofsgebäude aus der Vorgängerzeit, noch älter als das Schlachtfeld, an dessen Rand er steht.«

»Genau. Die Ruinen um uns waren mal die Stadt, die man über den Bahnhof erreichen konnte. Und soweit ich die Schlüsselkarte – den Weg, der in den Tag führt – begriffen habe, ist der Bahnhof auch der Ort, von dem aus wir – unbeschadet von den Kämpfen – Pardais erreichen können.«, warf Juel ein.

Adelf nickte. »Ich habe versucht, meine Sinne zu erweitern und durch die Wände der Kuppel in ihr Inneres zu sehen. Es gelang mir, den Schleier der ewigen Finsternis zu lüften und für einen kurzen Moment hineinzuspähen. Ich sah nur einen winzigen Moment und wenig und Undeutliches. Doch ich bin mir sicher: Dort drinnen lauert in der Finsternis ein Monstrum, das lebendig ist und abgrundtief böse ist. Und es ist uralt. Ich sah zwei glühende Augen, die mich direkt anzublicken schienen. Oder waren es vier? Egal. Sie brannten jedenfalls wie Kohle in der ewigen Schwärze. Was immer dort unten ist, in den Gängen unter den Ebenen – ob Mensch, Daimon oder Inet selbst -, es will uns nichts Gutes und wir sollten uns davor hüten.«

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Was vorher geschah:

Karukora
Buch Eins der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
Buch Zwei der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer noch nicht genug von den Überlebenden Landen hat:

Die Brautschau-Trilogie

Meister Siebenhardts Geheimnis
Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.5)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir viel­leicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppe versuchen?

In diesem Moment öffnete sich weiter hinten auf der rechten Seite überraschend eine Tür. Zwei junge Män­ner, die in neonfarbenen Pyja­mas steckten, tappten zö­gernd in den Flur. Sie machten einen unausgeschlafe­nen und verwirrten Eindruck. Fabia kannte die bei­den vom Sehen und von einer Einladung zu einer Stock­werksparty in ihrer weitläufigen Woh­nung, die mit abstrakten Skulpturen vollgestopft war. Die ganze Sa­che war damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen und hatte auch etwas peinlich für sie geendet. Sie dachte nicht gerne daran zurück. Die zwei Männer waren kei­ne Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das dieses ziemlich teure Appar­tement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit ei­nem eigenen, privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fa­bia kannte von den beiden nur ihre Vornamen und ver­wechselte sie immer wieder, ob­wohl sie sich äußerlich absolut voneinander unterschie­den. Der ältere von ihnen – ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit ei­nem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nass­zelle war -, hieß Leon, der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zu­gleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Ra­phaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

»Was ist denn los? Ein Erdbeben?«, fragte Raphaël – zumindest nahm Fabia an, dass er der Dichter war. Er rieb sich die Augen. Sie rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich gemeinsam den Weltuntergang ver­schlafen?

»Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?«, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

»Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir aus­schlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden«, erläuterte Leon entschuldi­gend und auch ein wenig verlegen. Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so ein­fach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu un­terbrechen. Denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklä­rung war im Au­genblick keine Zeit.

»Dann würde ich an eurer Stelle meine Reyes schnell wieder einschalten!«, rief sie. »EDY hat Katastrophen­alarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Im Ernst! Wir sind in Lebens­gefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlas­sen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die letzten, die noch hier oben dumm herum­stehen. Aller­dings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.«

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Dro­gen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewe­gung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, hasel­nussbraunen Haaren.

»Merde!«, fluchte er wenig poetenhaft. »Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.«

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurückzu­gehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neues­ten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

»Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß noch eine andere Möglichkeit, wie wir schell hier wegkommen.« Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Pavia­ne eine Orgie gefeiert. Omicron folgte ihr vor­wurfsvoll piep­send auf dem Fuß, hatte aber Schwierig­keiten, auf dem vermüllten Teppich voranzukommen. Offenbar hatten die beiden auch ihre Putz-goLEMs ausgeschaltet. Die Skulpturen von Leon, die jeden frei­en Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgebe­blähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatz­köpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohl­ich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Ido­le eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser reno­vierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadt­viertel stand. Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Män­nern mit Glat­ze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bild­hauer von Na­tur her kahlköpfig war oder es erst durch eine geneti­sche Optimierung geworden war, deren Ne­beneffekt beim ‚starken‘ Geschlecht in der Regel ein vollkomme­ner Haarausfall bildete. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwändigen Behand­lung durch den volks­tümlich als „Grüner Strahl“ be­kannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unter­warfen, um weiter sehen zu können, schneller zu lau­fen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und wie eine ketzerische Anma­ßung. Auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen, konnte nicht richtig sein. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuch­sen keine Engels- oder Fledermausflügel, wie es gerade bei der Jeunesse dorée en vogue war. Auf den ersten Blick war es nicht erkennbar, ob er sich körperlich mo­difiziert hatte. Er trug nicht einmal eine Leuchttäto­wierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schul­terlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen. Sie trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld hinaus auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in dreieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie, hier oben bereits recht dünne Luft ragte. Der Sommermorgen war in dieser Höhe empfindlich kalt. Fabia war froh, dass sie sich vor­hin den Hoodie ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte und schob sich die Kapuze des Pullis über das blonde Haar. Der Ausblick war um einiges bes­ser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halb­blinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung, das man nicht öffnen konnte. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, da­mit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, weil die Mehr­zahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohn­türmen leben musste, nachdem der Platz in der Hori­zontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Verti­kalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gou­raud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderste­hender Wolkenkratzer, die alle unterein­ander durch Brücken und Plattformen verbunden wa­ren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deuten­den Gebäudeinseln von Paris darstell­ten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebe­nen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dich­ter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtau­sende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metal­lenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konn­te Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht ge­nau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Me­teoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Ge­bäude durch die Erdbeben eingestürzt?

»Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Ein­weihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat«, stellte Leon fest. »Was willst du tun? Willst du dich etwa hinabstürzen?«

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. »Oder kannst du viel­leicht fliegen?«

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine eine Hand­breit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Da­neben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Geträn­ketischchen missbrauchten, denn es standen einige be­nutzte Gläser und halbleere Flaschen auf ihr.

»Weder – noch. Aber eure Vormieterin Alexandrine hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen las­sen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbei­tete für die Di­rektion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfü­gung ste­hen.«

»Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz ge­trennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt«, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er zu ihr sagen durfte.

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Mánis Fall (Kapitel 1.4)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Omicron – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus ei­nem der vielen Okulare des langsam heran­rollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Or­gan den Schmerz ausgelöst hatte. Omicron beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Ku­gelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfin­ger entnahm er vom ihm entge­gengestreckten Oberarm der Stu­dentin flink ein wenig Blut. Über seinem Haupt tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin ge­zaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der soge­nannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunder­werke schwebten durch energetische Gravitationsfel­der frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia we­gen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärm­chen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Dia­gnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu kompli­zierten Operationen und aufgrund ihrer beeindrucken­den künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufga­ben übernehmen. Der Omicron der Studentin war al­lerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor al­lem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rech­nern der Universitätsklinik die fragile Ge­sundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Omicron, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blut­druck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln ver­abreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringen daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Ju­gend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Ver­schlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt wor­den. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterzie­hen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stun­den und beeinträchtig­te ihren Alltag kaum. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergif­tung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch ei­nen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

In Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortge­schrittenen Jahrhundert, in dem die Menschen den Mars und die Jupitermonde besiedelt hatten, zentral gesteuerte Roboter alle niederen Arbeiten erledigten und die 2MC einen neuen Erdtrabanten im Orbit kon­struierte – eine gewaltige Dyson-Späre wurde dort oben gebaut, eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner –, schien alles möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hun­gern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und ei­ner Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumin­dest für die wenigen Unsterblichkeit verprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moder­ne Kryotechnik als eine Möglich­keit, ihn lange hinaus­zuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krank­heiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem sel­tenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die re­gelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtund­dreißig Milliarden Menschen auf der Erde si­cherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Stu­dentin stand weit unten auf der Empfän­gerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nach­dem ihre finanziellen Quellen durch den Unfall­tod ihrer Eltern vor drei Jahren nahe­zu ver­siegt waren. Die Gelder von der Pflichtkranken­kasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Me­dikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge wa­ren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeu­tendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studie­ren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übri­gens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerich­tet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmer­zen nachließen. Die Injektionen von Omicron zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu in­formieren, auch einen Stimmungsaufheller verab­reicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterun­gen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hat­ten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch et­was in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fo­tografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Strai­fer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetz­liche Unglück überlebt hatte, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hat­te, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Pri­vatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studen­tenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie Omicron an ihre Seite und trat kurzentschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im langgezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flü­gel des Stockwerk, aber sie war mit ihrem goLEM völ­lig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutz­räumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Omicron hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhl­türen blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Ge­bäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu ei­nem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT emp­fiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussi­cherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Omicron! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdge­schoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemer­ken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch ge­meint war. Brav machte er sich an die Beantwortung:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit bei­behältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekun­den benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Au­ßerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiter­kommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Omicron – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funkti­on.«

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Der Schatten von Pardais (1. Kapitel – Teil ZWEI)

Teil III. der großen »Der Weg, der in den Tag führt«-Saga:
Der Schatten von Paradais

knoten

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen. Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen Juel und Selin die Gunst der Stunde. Sie stehlen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora die Landkarte, die den Weg nach Pardais zeigen soll.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes hinein in die Tote Wüste fliehen und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

knoten

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Kapitel Eins
Ein Sturm zieht auf
II.

Selin hob den Kopf. Die geschützte Stelle unter einem zusammengestürzten Gebäude, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelf, Juel und Jalah auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, auf denen ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus –, würde er früher oder später unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks und Jalahs Erfahrung im Umgang mit Dolchen würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, in Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin würde ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen können. Auch wenn sie nach den Maßstäben der Überlebenden Lande hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem–Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Würde sich der „Unterwerfer“ in seiner Wut trotzdem auf eine Auseinandersetzung einlassen, auch wenn sie noch so selbstmörderisch war?

Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dessen höchstem Punkt er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger–Untergrundbahn identifiziert, einer URS, wie er es nannte. Aber wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit natürlich keinerlei Wirkung. Diese Decke hielt seit tausenden von Jahren, da brauchte es schon mehr als die Kraft eines jungen Manns, um die zu zerstören. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte die Sandkörner sorgfältig auch von den Rändern der Fliese weg, bis er ihre vier Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund mit den anderen zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits wie die Zinnen von Begrad vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt.

Er seufzte frustriert. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und TYCHO, den er nur selten und mit äußerster Konzentration überhaupt erreichen konnte, würde ihm hier kaum helfen. Deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste des Meisterdiebs Ludo sorriento zugreifen, aus der ihm der pfiffige Juel für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie anschließend sorgfältig feststampfte. Dann löste er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem merkwürdig metallisch schmeckenden, aber wertvollen Wasser, das sie in einer kleinen Pfütze in einer Kaverne in den Ruinen der Vorgängerstadt gefunden hatten.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte Selin fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen nicht mehr auf eine andere Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Das war eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Soldaten des „Unterwerfers“ entkam – falls sie nicht bald auf eine weitere Quelle stieß, würden sie alle bald verdurstet sein. Nun hing ihr Leben von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche auf den Kopf und schüttete das restliche Wasser sorgfältig auf die Paste, genau so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sogleich mit dem Wasser reagierte, begann zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige, giftige Blasen zu schlagen. Der Glasquader selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Ungeduldig sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter die Dünen im Westen tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde dann im Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das verborgene Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn seine Semira sich beeilte – und davon ging er aus –, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken.

Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf den Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte? Welche Worte konnten den Namenlosen so wütend machten, dass er in so prekären Zeiten, während ein Krieg mit der Lamargue drohte, seine Stadt einfach entblößte und mit einer ganzen Armee hinter ein paar Dieben herjagte?
Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen. Die schwere Glasfliese, die plötzlich ihren Halt verlor, stürzte einfach und lautlos nach innen. Nach einer ganzen Weile schlug sie schwer und mit einem lauten Knall tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorne, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, aber überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Das war sein Fehler.

Alles ging viel zu schnell für ihn, um noch reagieren zu können. Der Grund unter seinen Füßen war nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war mit dem Fehlen ihres Schlusssteins dahin. Das zusätzliche Gewicht von Selin genügte. Mit einem hässlichen Knacken brachen weitere Fliesen ein und stürzten hinab. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch sein Zurückschrecken kam zu spät. Mit einem Mal hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Er schrie.

Dann fiel er durch den entstehenden Einsturz in die bodenlose Tiefe …

[Zur Fortsetzung …]

Was vorher geschah:

Karukora
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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
Buch Zwei der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

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Und wer noch nicht genug von den Überlebenden Landen hat:

Die Brautschau-Trilogie

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