Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Rewind)

Alltägliches, Blog-Rewind, Der Autor, Erinnerungen, Essen, Leben, Literatur, Wandern

Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne und den Mücken aussetzen gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

Andechs

Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske Bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

*

andechs2

Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen.

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen gut markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden (7,5 km) an Bächen entlang, durch lichte Wälder und Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert.

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt…

Platon und das Ungeziefer (Rewind)

Alltägliches, Aufreger, Blog-Rewind, Katzen, Kurzkritik, Leben, Literatur, Philosophie, Wandern

Bekanntlich stammt vom schlauen Herrn Hegel der Satz: „Wahrheit ist das, was der Fall ist und zwar unabhängig von dem, was behauptet wird.“ Und der nicht weniger schlauer Ludwig Wittgenstein ergänzte 150 Jahre später: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Damit war die, sagen wir mal: schöngeistige Philosophie in ihre Sackgasse gerutscht, aus der sie nie mehr herausfand.

Warum erwähne ich das? Nun, ich halte es für Unfug. Ich bin zwar nicht mit Markus Gabriel einer Meinung, dass die Welt allein schon aus rein sophistischen Erwägungen heraus nicht existieren könne(1), aber habe die Erkenntnis gewonnen, dass in der Welt vieles wahr ist und existiert, das eben nicht der Fall, sondern nur ein Un-Fall der Gedanken ist. Die Menschen glauben plötzlich an Dinge und sie beginnen deshalb zu existieren (Die Dinge, nicht die Menschen).

Zu kompliziert? Der Beispiele gibt es viele. Nehmen wir mal die sogenannte Lactose-Intoleranz: Die gibt es nicht wirklich; die hat sich ein findiger Lebensmittelproduzent ausgedacht, um seinem Käse ein Etikett zu verpassen, mit dem er ihn teurer verkaufen kann. Als ich jünger war, hatte jemand vielleicht nach zuviel Essen Blähungen oder Durchfall; heute muss es immer eine Intoleranz oder eine Allergie sein. Oder denken wir an die „Blow ups“ auf den Autobahnen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es sie vor dem heißen Sommer 2013 gab; heuer tauchten sie trotz des eher gemäßigten Wetters schon wieder auf und sind lebensbedrohlich. Und was soll eigentlich der Unfug mit dem „windchill“, der „gefühlten Temperatur“, die sich um ein, zwei Grad von der tatsächlichen unterscheiden soll? Das sind alles Dinge, die irgendwann mal jemand erfunden hat und die erst seit diesem Moment in unserer Welt existieren.

Im folgenden Freitagsaufreger vom 31. Mai 2013 habe ich mich näher mit diesem philosophischen Problem beschäftigt und eine genial einfache Lösung vorgeschlagen. Leider hat niemand auf mich gehört und in diesem Jahr gibt es so viele Zecken wie schon lange nicht mehr…

 *

Platon und das Ungeziefer

Das 21. Jahrhundert hat einige Dinge hervorgebracht, die es in meiner Jugend nicht gab. Niemand konnte sich damals vorstellen, ihm würde einmal eine durchgedrehte Konsumindustrie künstliche Sachen wie Smartphones, Fahrradhelme, „tunnels“ für die Ohren oder Daniela Katzenberger als überlebensnotwendig vorgaukeln.

Doch ich will nicht von aus Geldgier erzeugten Gelüsten nach unnötigen Objekten reden, denn das würde den Rahmen eines Freitagsaufregers sprengen, sondern von einem unscheinbaren Tierchen, das es früher offenbar ebenfalls nicht gab. Zumindest kann ich mich nicht erinnern:

Ich rede von der Zecke, einer – dies für den Biologen in der Familie – Parasitiforma der Acari mit dem Gattungsnamen Ixodida. Das klingt nicht nur nach billiger SF: Ich habe meine Kindheit durch Gebüsche und Sträucher kriechend, auf Bäume kletternd und durch Wiesen rollend verbracht, musste hinter meinem wanderbegeisterten Vater hertrottend Wälder und Moore durchqueren und Berge erklimmen und fand anschließend nie solch ein Insekt in meinen Hautfalten – man hatte vielleicht mal davon gehört, dass es so etwas gab, aber im Großen und Ganzen war die Zecke ein Fabelwesen wie das Einhorn.

Plötzlich, vor ungefähr zehn Jahren, änderte sich alles: Den Frühlingsbeginn markierte nicht mehr die Kirschblüte oder der Osterplärrer, sondern Warnartikel über nie gehörte Krankheiten wie Borreliose oder FSME in den Zeitungen, aufwändige Karten über sich immer weiter ausbreitende Risikogebiete und eine Vielzahl widersprüchlicher Anleitungen, wie man die Blutsauger entfernt, ohne sie zu köpfen. Dann ging es Schlag auf Schlag. Mit einem Mal kamen die Söhne mit Zecken vom Spielplatz und die Schwiegermutter aus ihrem Garten, Autan wurde noch giftiger und stinkender, die Apotheker verkauften Zeckenzangen und es wurde empfohlen, nicht mit kurzen Hosen zu wandern und keinen Urlaub mehr östlich von München zu machen.

Und jetzt bringt Amy (meine Katze, man erinnert sich) von ihren Ausflügen in die Natur in schöner Regelmäßigkeit dieses possierliche Ungeziefer mit ins Haus. Meist hängt die eklige Ixodida wie ein Vampir an ihrer Kehle, genau an der Stelle, wo sie am liebsten gekrault wird. Frau Klammerle bekommt in ebenso schöner Regelmäßigkeit hysterische Anfälle, bis ich Held die nur mäßig begeisterte Katze von ihrem Quälgeist mit Hilfe einer Zange befreit habe und das Insekt zerquetscht und als blutige Masse in der Toilette entsorgt wurde. Gegen Flöhe und Würmer kann ich Amy impfen, gegen Zecken hilft nichts…

Deshalb:

Können wir nicht wieder wie im letzten Jahrhundert die Zecken einfach Zecken sein und aus dem kollektiven Gedächnis verschwinden lassen? Wie die Katzenberger existieren Zecken laut Platon nur, solange die Idee der Zecke (oder die Idee der Katzenberger) existiert. Die Zecke ist die Manifestierung der Idee der Zecke. Vergessen wir diesen εἶδος, endet auch die Existenz dieses Ungeziefers und ich kann weiterhin ohne Fahrradhelm durch die Gegend radeln und ruhig und ausgeglichen durchs Fernsehprogramm zappen…

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen - und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist - hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem leicht entspannten Hund ohne Zecken an, das ich im Urlaub gemacht habe.

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen – und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist – hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem tiefenentspannten Hund mutmaßlich ohne Zecken an, dem alle philosophischen Gedanken an der Schwanzspitze vorbeigehen.

———————–

[1] Markus GabrielWarum es die Welt nicht gibt. (ullstein 2013). Deutschlands jüngster Philosophieprofessor und Mitbegründer des „Neuen Realismus“ führt in diesem Buch aus, dass die Welt nicht existieren kann, weil das „Begriffsfeld“ Welt impliziert, dass es buchstäblich „alles“ in sich birgt – also auch „Die Welt“ selbst. Das aber gehe nicht. Die Welt könne nicht sich selbst in sich tragen, das sei wie der Versuch, zwei gleichgroße Koffer ineinander zu packen. Folglich könne es keine Welt geben.

Man sieht: Man muss Gabriels Buch nicht gelesen haben. Es ist höherer, nicht einmal sonderlich unterhaltsamer Unfug, an dem sich vielleicht noch Zenon von Elea erfreut hätte. Schon lange habe ich niemanden mehr gelesen, der so frech und stolz des Kaisers Neue Kleider spazieren führt wie Markus Gabriel.

But a dream (Rewind) – Ein Jahr „Aber ein Traum“

Alltägliches, Über den Roman, Blog-Rewind, Der Autor, Experimente, Kunst, Leben, Literatur, Sprache

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr, am 3. Mai 2013, begann mit dem folgenden Artikel mein Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden und – welch kühner, naiver Gedanke – vielleicht einen Verlag finden zu können…

Nun, aus diesem Traum bin ich erwacht. Nach einem Jahr fasse ich nüchtern zusammen: Niemand interessiert sich für meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In dem Jahr habe ich 280 Einträge erstellt, jede Woche etwas neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, 16 Kurzgeschichten, 32 „Freitagsaufreger“, 27 „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, ein Theaterstück und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, viele Glossen und Momentaufnahmen, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 300 eigene Fotos eingebunden.

Heute beginnt mein zweites Blogjahr. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen…

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren – es gefiel mir deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum… Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das erste Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Der Freitagsaufreger (XXVII) – Alle sind schuld

Alltägliches, Aufreger, Essen, Leben, Musik

Wer den Schaden hat, braucht für den nächsten nicht zu sorgen.

Ich bin da einer ganz wichtigen Sache auf der Spur. Es ist nur eine simple Änderung meiner Einstellung und meiner Sicht auf die Dinge vonnöten und ich werde anschließend nie mehr einen Freitagsaufreger schreiben müssen, weil ich er sinnlos geworden ist. Ich werde mein Leben im Griff haben und nie mehr larmoyant – ich liebe dieses Wort – über die Schicksalsschläge jammern müssen, die mir wöchentlich begegnen. Ich will recht verstanden werden: Mein Pech, die Unfälle und Missgeschicke werden nicht weniger werden, ich werde sie nur besser vertragen können, denn ich weiß, dass ich sie nicht verhindern kann.

Das kam so:

Wie in der letzten Woche angekündigt, entwickelt sich auch 2014 der Januar zu einem zwar recht milden – ich liebe dieses Wort! –  aber doch endlosen Monat voller Grausamkeiten und Niederschläge. Es ist heute gerade mal die Hälfte von ihm vorbei und nach den letzten Tagen fürchte ich bereits die noch kommenden. Als wolle der Januar sich an mir rächen, dass ich mich in der letzten Woche wehleidig und despektierlich über ihn äußerte, ihn als übellaunigen und heimtückischen Gesellen darstellte und ihm sogar seine beiden Feiertage absprach (was kümmert mich die Wahrheit, wenn sie meine Beweisführung stört?), quälte er mich in dieser Woche mit einer Reihe von Unglücken.

Es begann am letzten Wochenende, als mich Frau Klammerle überredete, mit ihr gemeinsam zur Rückenmassage zu gehen. In der letzten Zeit sind wohl aus Altersgründen ein paar leicht schmerzende Verhärtungen in meiner Schultermuskulatur aufgetaucht, die sich die Arme hinabziehen, vor allem durch den linken hinab in die Hand, mit der ich beim Autofahren das Lenkrad und beim Computerspielen verkrampft die Maus umklammere, wenn es darum geht, lebende Skelette und Goblinhorden auszumerzen. Klar, so ein Leben als edler Waldläufer geht auch in den Rücken. Leider brachte die Massage keine Verbesserung, sondern eine Verschlimmerung meiner Beschwerden. Ich habe gelesen, dass man das einen „Erstanwendungsschmerz“ nennt. Vielleicht hätte ich gleich mit der zweiten Anwendung beginnen sollen und die erste einfach auslassen; auf jeden Fall knirscht und knackt es jetzt in meiner Wirbelsäule, ich habe zusätzlich Nackenschmerzen und die bösen Buben in meinem Rollenspiel zeigen mir eine lange Nase. Zusätzlich fing ich mir in dem Wellness-Bad, das wir zwecks Rückenmassage aufsuchten, eine lästige Erkältung zu, die noch immer dumpf über der Nasenwurzel hängt und für ein amorphes – ich liebe dieses Wort! – Unwohlsein sorgt. Was sind die Geburtsschmerzen der Frauen schon verglichen mit einer ordentliche Männergrippe?

Am Sonntagabend wollte ich dann mein Auto rückwärts aus der Garage fahren. Weil ich beschäftigt war, gleichzeitig eine andere Musik in den CD-Player zu schieben (Frau Klammerle hatte wieder „Weichspüler“-Poprock gehört und mir stand eher der Sinn nach „Kadavar“ oder „Black Sabbath“), konnte ich meine volle Aufmerksamkeit nicht ganz der Tatsache widmen, dass die Garage doch recht eng ist und der Wagen sehr nah an der Wand stand. Um es kurz zu machen: Der rechte Seitenspiegel ist ganz und gar nicht mehr, was er mal war…

Apropos Glück und Glas: Noch am gleichen Abend sah ich mich gezwungen, aus der Maschine das fertig gespülte Geschirr herauszuräumen, wobei eines der schönen Weingläser zu Bruch ging, weil es zwischen einem Topf und einem Teller eingeklemmt war. Dabei fielen die Scherben in den Innenraum der Spülmaschine. Beim Entfernen derselben schnitt ich mich in die eh schon geplagte Linke. Als ich zurückzuckte, stieß ich unglücklich gegen einen der Geschirrwägen, der kippte und sich scheppernd auf dem Küchenboden entleerte, was weiteren Glas- und Tellerbruch zur Folge hatte.

Ich stoppe hier mal, könnte aber problemlos diese Reihe von Missgeschicken fortsetzen, ich will jedoch nicht noch weinerlicher und wehleidiger rüberkommen als üblich. Die erwähnten Katastrophen reichen für meine Beweisführung. Denn ich stellte im Rückblick etwas erstaunliches fest: An all meinen Unglücken bin ich nie selbst schuld, sondern immer jemand anderer. Die Rückenschmerzen und die Erkältung habe ich, weil Frau Klammerle mich zu einer Massage überredete, der allerersten in meinem Leben. Den Rückspiegel habe ich geschrottet, weil Frau Klammerle das Auto so schlecht parkte, dass es zu nahe an der Garagenwand stand und die Geschirrmaschine räumte ich nur aus, weil sie es mir befahl. Sie hat das Weinglas so fest eingeklemmt, dass es zerbrechen musste und verursachte damit auch die weiteren Scherben.

Wenn es mir also schlecht geht, ich Mist baue oder etwas kaputt mache, bin nie ich selbst verantwortlich, sondern immer jemand anderer. Die logische und eigentlich immer verfügbare Schuldige ist natürlich  die Ehefrau, sie kann ich für die meisten meiner Missgeschicke verantwortlich machen. Dann folgen mein Arbeitgeber, die Söhne, die Katze. Sie zwingen mich zur Arbeit, zum Hausputz, zum Kochen, sie verstecken meine Sachen und drängen mir allerlei sportliche Freizeit-Aktivitäten auf. Wegen ihnen muss ich nachts aufstehen, Einkaufen gehen, Reparaturen im Haushalt erledigen, Holz schleppen und mit komplizierten technischen Geräten hantieren. Würden sie alle mich in Ruhe Nichts machen lassen, würde auch nichts passieren. Nur wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn ich an meinem Großen Meisterroman oder an meinem Blog schreibe, dicke Bücher lese oder Sudokus löse, in finsteren Verliesen Monster metzle oder einfach nur auf dem Sofa liegend eine Beethoven-Sinfonie genieße, passiert nie etwas.

Es hat also keinen Sinn, mich weiter über die Unbilden in meinem Leben aufzuregen, denn ich kann nichts ändern: Schuld an ihnen habe nicht ich, sondern immer die anderen. Die Gesellschaft ist schuld!

moi2

Nachdem ich das erkannt habe, lebt es sich wirklich leichter.