Das Tagebuch der Elena Kuiper Teil 2 – Lesung

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Eine weitere Lesung aus dem Tagebuch der Dr. Elena Kuiper aus dem ersten Band meiner Romanreihe „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“: „Die Frau, die der Dschungel verschluckte“. Die tapfere Ärztin schildert darin ihre phantastischen und spannenden Abenteuer im Amazonasdschungel in den 1920er Jahren.

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Laut WordPress-Statistik wurde der 1. Teil meiner Lesung kein einziges Mal aufgerufen. Obwohl ich mich von der Außenwelt so abgeschnitten fühle wie Schrödingers Katze in ihrer dunklen Kiste, frage ich noch einmal: Ihr, da draußen, interessiert euch das? Soll ich mit dem 3. Teil weitermachen oder dieses peinliche Leseprojekt besser beenden? Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwo im Internet jemand ist, der sich für meine Literatur interessiert …

Ach ja: Die E-Book-Ausgaben meine Romane gibt es überall im Handel ab Freitag, den 30. Juli  bis zum 30. August 2021 zum Sonderpreis von 99 Cent.

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Das Tagebuch der Elena Kuiper Teil 1 – Lesung

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Wie ich schon angedroht habe, werde ich in den nächsten Wochen ein paar Lesungen aus meiner Romanreihe „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ einstellen. Heute beginne ich mit einem ersten Auszug aus dem Tagebuch der Ärztin Dr. Elena Kuiper aus dem ersten Band: „Die Frau, die der Dschungel verschluckte“. Sie schildert darin ihre phantastischen und spannenden Abenteuer im Amazonasdschungel in den 1920er Jahren.

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Leider ist das Interesse an meinen Onlinelesungen allgemein gering und ich bekomme keine Rückmeldungen. Ich weiß nicht, ob diese Form gefällt. Ich tappe vollkommen im Dunkeln. Vielleicht sind sie zu lang, vielleicht sind sie langweilig. Vielleicht lese ich zu schlecht und das ist ein Fall fürs Fremdschämen. Was weiß ich …

Wenn du trotzdem neugierig geworden bist: Die E-Book-Ausgaben meine Romane gibt es überall im Handel im August zum Sonderpreis von 99 Cent.

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Sucht ihr noch eine gute Urlaubslektüre? Dann greift doch einmal zu einem Buch von mir!  Im Monat August kosten meine E-Books im Handel nur 99 Cent. Ich garantiere, dass ihr die enorme finanzielle Belastung eures Geldbeutels nicht bereuen werdet. occassionIch wünsche viel Vergnügen bei der spannenden Lektüre.

Liebe Grüße, Euer Nikolaus

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-3)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Ich sah zweifelnd zum Küchenfenster hinaus. Kein Frühling in Sicht. Es schneite noch immer, aber nur leicht. Kleine muntere Flocken, die wie Waschmittelkrümel aussahen, fielen langsam und tanzten dabei im stürmischen Wind, der in der Nacht gedreht hatte. Ich konnte keinen von den Dreitausender-Gipfeln am nahen Horizont gegenüber sehen. Die wattegrauen, nebligen Wolken, die aus den Waldhängen im Tal emporstiegen, hüllten das ›Elsternnest‹ komplett ein. Auch der höchste Gipfel der Bergkette, das beinahe viertausend Meter hohe Lislihorn mit seinem großen Gletscher verbarg sich. Ich kannte den markanten Berg, der ein wenig ans Matterhorn erinnerte, nur aus sommerlichen Abbildungen. Blauer Himmel, Sonnenschein, im Vordergrund ein paar dicke Schafe auf einer blühenden Alm. Fehlte noch der ›Geissenpeter‹, der träumend in der Wiese lag und die Idylle war perfekt. Gerade nicht vorstellbar. Ich fühlte mich vielmehr wie auf einer Schatzinsel, die in einem wabernden Nebelmeer schwimmt und auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Ohne eine geheime Seekarte, die in den Nebel hinein und durch gefährliche Untiefen und Klippen führt, kann man unmöglich zu ihrer versteckten Hafenbucht gelangen. Sie ist die einzige Stelle, an der man auf dem von Steilküsten umgebenen Stück Felsen anlanden kann. Wer einmal dieses verlorene Eiland betreten hat, das halb in einer jenseitigen, sepiafarbenen Welt liegt, findet nie mehr nach Hause zurück und buddelt für immer nach den vergrabenen Goldschätzen. Der Gedanke gefiel mir ausgesprochen gut. Warum schreibt heutzutage niemand mehr Piratengeschichten?

Zu meinem Erstaunen entdeckte ich bei meinem melancholischen Blick hinaus, dass die Terrasse vor dem Haus bereits geräumt und gekehrt worden war; auch wenn bereits wieder eine dünne Schneedecke die Holzbohlen und die Möbel draußen bedeckte. Von diesem Freisitz führten Fußspuren zum etwa fünfzig Meter entfernten Wetterkreuz hinauf. Es wirkte wie ein verwittertes Mahnmal und hob sich bedrohlich und trotzig vom fast weißen Nebelhintergrund ab. Die schwarze Maserung des Kreuzes schwitzte Feuchtigkeit. Es markiert den höchsten Punkt meines kleinen Plateaus. Es ist das X auf der Landkarte meiner Ultima Thule-Insel. Dahinter führt der Weg wohl leicht abwärts direkt hinein in den Nebel, aber weitere Fußspuren blieben mir vom Küchenfenster aus verborgen. Wann hatte die bienenfleißige Anneli denn den Schnee geräumt, der gestern in der Nacht noch kniehoch auf dem Außenbereich gelegen hatte? Wann war sie denn schon mit der Kabinenbahn hochgekommen? Tatsächlich schon bei Morgengrauen? Ich hatte so fest geschlafen, dass ich die Seilbahn nicht gehört hatte. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass die dünne ältere Frau in der Lage war, solch eine Strafarbeit alleine zu machen. Hatte sie vielleicht Hilfe gehabt? Das würde auch die Fußspuren erklären, die von der Berghütte wegführten. Wohnte ich hier oben nicht allein?

Ich hatte viele Fragen, aber die erste, die mir einfiel, hatte nichts mit Annelis Arbeit zu tun:

»Ihr Mann und Reto hatten es gestern Nacht plötzlich sehr eilig. Sind sie gut wieder nach Stillblüten zurückgekommen?«, fragte ich. Anneli stutzte und sah mich neugierig aus ihren schwarzen Augen an, die wie Kohlestückchen in ihrem Antlitz glommen.

»Aber ja. Es war zwar schon nach Mitternacht, als sie ins Tal herunterkamen. Aber ihnen ist nichts passiert.«

»Was hätte denn passieren können?«, fragte ich neugierig nach. Es war der Frau deutlich anzumerken, dass sie eigentlich nicht mehr darüber reden wollte. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her.

»Draußen in der Nacht ist es hier oben weit über zweitausend Metern Höhe sehr gefährlich – besonders bei solch einem nasskalten Wetter. Es passiert leider immer wieder, dass sich Bergsteiger verschätzen, in der Finsternis vom Weg abkommen und es dann nicht mehr bis zu einer Unterkunft schaffen. Wir haben in jedem Sommer ein oder zwei solcher Fälle. Die Wanderer stürzen ab oder erfrieren. Die ›Lisli‹-Kette ist noch eine echte Wildnis. Man muss Respekt vor ihr haben und darf sie keinesfalls unterschätzen. Das ist kein Freizeitpark, wie manche meinen.« Sie senkte ihre Stimme und beugte sich über den Küchentisch. »Nach dem zwölften Schlag der Glocke bis zum Herangrauen des Morgens sind die Grate und Gipfel Orte, die die Menschen meiden sollten. Die Nacht gehört den Anderen«, wisperte sie fast unhörbar. Hatte ich richtig gehört und verstanden? Die ›Anderen‹? Lief die Angst vor der Mitternacht auf eine Gespensterfurcht hinaus? Annelie war noch etwas eingefallen. In normaler Lautstärke fuhr sie fort:

»Das steht in der Betriebsanleitung der Seilbahn und Reto hält sich penibel genau an die Vorschriften. Von Mitternacht bis Sonnenaufgang sind Betriebsfahrten verboten.« Die unheimliche Stimmung, die sie mit ihren leisen Worten erzeugt hatte, verschwand so schnell, wie sie gerade aufgetaucht war. »Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, Frau Rainer. Das hat auch etwas mit dem Tierschutz an der ›Lisli‹ zu tun. Seit ihre Gipfel vor zwanzig Jahren zum Naturpark erklärt wurden, gibt es hier wieder einige Steinbockherden. Man hat erfolgreich Bartgeier ausgewildert. In den Wäldern unten im ›Sennis‹ sind auch schon Bären gesichtet worden – wahrscheinlich waren das aber nur Männchen, die aus Italien eingewandert sind.«

Ich nickte und schmierte mir mein zweites Honigbrot. Es stimmt schon: Höhenluft macht hungrig. Mein Interesse an der Seilbahn erlosch. Die Flora und Fauna dieses Hochgebirges war mir gleichgültig. Doch etwas blieb zwischen uns unausgesprochen. Ich wollte nachfragen, aber Anneli wechselte das Thema.

»Und? Wie haben Sie in Ihrer ersten Nacht geschlafen? Haben Sie gut geträumt? Es heißt ja, der erste Traum in einer neuen Umgebung würde wahr werden.«

Das wollte ich nicht hoffen. Dachte an meinen luziden Traum von Gerd, die endlosen Kellergänge, die ich in ihm durchwandert und die Gestalt mit den Wölfen, die mich verfolgt hatte. Obwohl diese Erinnerung schnell verloren ging, erschauderte ich nachträglich. »Ich bin leider noch lange wach gelegen. Mich hat das Bellen und Geheule eines großen Hundes gestört. Er hat die ganze Nacht gejault. Ich bin wegen des Lärms erst im Morgengrauen wieder eingenickt. Deshalb habe ich bis weit in den Tag hinein geschlafen. Ich lag vorhin wie im Koma.«

»Ein Hund? Sind sie sicher?« Anneli war sichtlich überrascht. »Das kann eigentlich nicht sein, dass man hier oben die Hofhunde hört. Aber der pfeifende Schneewind von Westen trägt manchmal seltsame Geräusche mit sich. Da kann man durchaus allerlei Wehklagen und Jammern heraushören. Das ist das ›Aroleid‹.«

»Was ist denn das?«

»Ach … Das ist nur eine alte Sage, wie sie die ›Nanis‹ hier im Wallis erzählen. Sie handelt von einer Mutter, die in den ›Flüo‹ bei Zermatt, den ›Bodmen‹, wie man sie dort nennt, lebte. Eines Sonntags ließ sie ihre Kinder allein zu Hause, weil sie mit ihrem Mann zur Messe ging. Die Kinder spielten vor ihrem Heim, als plötzlich ein Adler aus dem Himmelsblau herabstieß und die Kinder ergriff. Er brachte sie hinauf in seinen Horst auf der ›Aroflüh‹. Der Felsen heißt noch heute so, auch wenn es dort keine Adler mehr gibt. Die Kinder jedenfalls wurden nie mehr gesehen. Die Mutter aber weinte und jammerte über deren grausames Schicksal und starb bald in ihrem Kummer. Doch noch immer hört man in den Nächten ihr Leidklagen über den Verlust ihrer kleinen Kinder, das der Wind über die Berge trägt.« Sie lachte in sich hinein und zitierte dann den Anfang eines Gedichts:

»Im Wallis liegt ein stiller Ort,
Geheißen Aroleid;
Es seufzt ein Gram im Namen fort
Seit lang entschwundner Zeit.

Das ist von Gottfried Keller. Ich habe die Verse als Kind auswendig lernen müssen. Alle acht Strophen. Es gibt im Wallis viele solcher schauriger Sagen. Meine Mutter hat mir noch viele von ihnen erzählt. Leider habe ich die meisten vergessen.«

Anneli zuckte die Schultern und deutete zum Bücherschrank des Chalets, in dem in der Hauptsache Wander- und Naturführer standen und ein paar zerlesene Paperbacks, die die Bewohner vor mir zurückgelassen hatten.

»Aber falls sie das interessiert, finden Sie dort einen Band mit Sagen und Märchen aus unserer Gegend.« Sie sah auf die Küchenuhr. »Und da schwatze ich und habe noch so viel zu tun! Da will ich Sie mal in Ruhe frühstücken lassen, Frau Rainer. Reto holt in einer halben Stunde die Kabine runter und ich habe noch einiges aus- und einzuladen.«

Ich kippte den Rest des kalt gewordenen Kaffees. »Ich helfe Ihnen.«

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-2)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Andrin erklärte mir voller ehrlicher Begeisterung die Luftwärmepumpen, die das Gebäude zusätzlich zum rustikalen Ofen heizten. Er ging so ins Detail, dass ich einfach ausstieg und mich erschöpft auf meinen großen Koffer setzte. Seine Erläuterungen, von denen ich aufgrund seines Walliser Dialekts nicht einmal die Hälfte verstand, verwandelten sich in das Brummen eines gutmütigen Bären. Wäre direkt auf der Stelle eingenickt, wenn nicht Reto eingegriffen hätte. Er legte seine Hand auf die Schulter des alten Berglers und runzelte besorgt die Stirn.

»Ich glaube, es ist gut für heute, oder? Es gibt nichts mehr, was du nicht auch in den nächsten Tagen erzählen kannst. Machen wir Schluss. Es ist bald Mitternacht.«

Andrin beendete sofort sein endloses Gebrabbel. Er wirkte aus einem Grund, der mir nicht klar wurde, betroffen.

»Ja, das …«, stotterte er. Dann fasste er sich. »Freilich. Wir müssen los. Ich habe die Zeit vergessen. Sie müssen doch schrecklich müde sein, Frau Rainer. Wie unhöflich von mir. Da rede ich … Morgen Vormittag kommt meine Anneli zu Ihnen hoch, wegen der Wäsche und der Küchenvorräte. Da kann sie Ihnen ja den Rest des ›Aegäschteä-Nests‹ zeigen. Jetzt tragen wir Ihnen nur noch schnell Ihre Koffer unters Dach. Dann sind Sie uns auch gleich los.«

Ich stand wieder auf und kam dabei ins Schwanken. Kurz war mir schwindlig. Mein Blutdruck, dachte ich, vielleicht sollte ich vor dem Zubettgehen noch einen Piccolo aus der Bar trinken. Reto hatte mich aufmerksam beobachtet und war sofort bei mir. Er stützte mich, damit ich nicht fiel. Er ist ja die Aufmerksamkeit in Person. Ich bekam noch mehr Lust, ihn näher kennenzulernen.

»Es ist nichts.« Dabei lehnte ich mich bewusst fester auf seinen Arm, als es nötig gewesen wäre. Lächerliche kleine Tricks. Ich dachte eigentlich, ich stünde inzwischen über solchen Dingen. »Es geht schon wieder.«

Ich machte mich frei und ärgerte mich über mich selbst.

»Das war ein langer Tag.« Reto sah mich skeptisch von der Seite an, aber er sagte nichts. Zusammen mit Andrin brachte er eilig mein großes Gepäck über die Treppe neben dem Kamin unter das Dach. Hier verläuft eine hölzerne Galerie mit niedriger Brüstung um drei Seiten des Chalets. Es gehen mehrere Türen ab. Eine von ihnen führt in mein gemütliches, in alpenländischem Stil eingerichtetes Schlafzimmer, dessen sehr kurzes Doppelbett unter der Dachschräge steht. Es war mit klein karierter, rot-weißer Wäsche bezogen. In dem Raum roch es fast betäubend nach dem Bergzedernholz der Möbel. Inzwischen habe ich an den Geruch gewöhnt und nehme ihn kaum noch wahr. Es gibt hier noch zwei Türen, die in ein schmales Bad und einen begehbaren Kleiderschrank führen.

Die beiden Männer wuchteten die Koffer auf eine Ablage. Andrin schnaufte kurz aus, dann legte er einen Schlüsselbund auf das Nachtkästchen.

»Ich werde mit meinem Zweitschlüssel unten alles absperren, wenn wir jetzt gehen«, bemerkte er dabei und wollte noch etwas ergänzen, aber Reto tippte nachdringlich auf seine Armbanduhr. »Nun, schlafen Sie gut.«

Er verließ eilig das Zimmer. Auch Reto wollte sich verabschieden, aber ich hielt ihn noch einmal auf.

»Wenn du möchtest, dann komm doch bald mal wieder rauf zu mir«, sagte ich und kam mir dabei schon ein wenig dämlich vor. »Wir können ja ein wenig über meine Bücher plaudern. Ich bin gespannt, was du von ihnen hältst.« War ich zu schnell? Was dachte er jetzt von mir. Ihm musste klar sein, dass dies ein beinahe unverblümter Flirtversuch war. Er zögerte. Dann lächelte er.

»Das … das wäre wirklich nett. Danke für die Einladung, Bernadette!« Er sah erneut auf seine Uhr. Er war wirklich nur halb bei der Sache und schien nun ernsthaft besorgt zu sein. Er bemerkte meinen fragenden Blick. »Wir müssen jetzt wirklich runter nach Stillblüten. Bei diesem Schitterwetter wird die Talfahrt kein Vergnügen. Grüezi, und erhole dich gut. Bis bald.« Und dann beugte er sich einfach vor und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich errötete, aber das sah er nicht mehr, denn er ging mit schnellen Schritten aus dem Schlafraum. Seine schweren Schuhe polterten die Treppe hinunter und ich hörte ihn im Wohnzimmer aufgeregt mit Andrin flüstern. Ich verstand kein Wort. Danach fiel gleich die Kellertür ins Schloss und wurde abgesperrt. Kurze Zeit später hörte ich das Quietschen der Seilbahn. Ich war allein im Elsternnest.

*

Das Verhalten der beiden war schon sehr seltsam gewesen. Je später es geworden war, desto unruhiger waren sie geworden. Wäre ich nicht so schläfrig gewesen, hätte mir ihr Verhalten wahrscheinlich noch mehr zu denken gegeben. Doch zu irgendwelchen Grübeleien war ich nicht mehr fähig. Ich packte nicht einmal mehr meine Koffer aus, sondern zog meinen Kulturbeutel und den Pyjama von gestern aus der Reisetasche, machte eine rasche Katzenwäsche. Dann vergrub ich mich eilig unter meinem gewaltigen und voluminösen Federbett. Aber ich konnte nicht einschlafen. Eine Weile wälzte ich mich hin und her, dann gab ich es vorerst auf. Es war inzwischen schon nach eins. Doch meine bewährteste Einschlafhilfe zeigte Wirkung. Ich begann im Schein der Nachttischlampe für dich meine Ankunft in Stillblüten aufzuschreiben. Darüber schlief ich endlich doch ein. Ein paar Stunden später weckte mich dann das Heulen dieses Hundes, von dem ich dir vorhin schon berichtet habe. Es hielt mich fast bis zum Morgengrauen wach – das heißt, ich lag die meiste Zeit in einem unruhigen Halbschlaf. Träumte viel Unsinniges von dir und Gerd. Es war auch wieder einiges Erschreckendes dabei. Mit der Dämmerung schlief ich aber noch einmal fest ein und erwachte erst wieder gegen zehn Uhr durch das Geräusch eines Staubsaugers.

Schlaftrunken tappte ich hinaus auf die Galerie. Unter mir war Anneli Brändli mit Saubermachen beschäftigt. Das über Nacht in sich zusammengefallene Feuer brannte wieder im Kamin. Ich weiß nicht, wie lange sie schon bei der Arbeit war, aber sie war so beschäftigt, dass sie mich nicht wahrnahm, als ich ihr von oben eine Weile beim Staubwischen zusah. Ich zog mich zurück und ging ins Bad. Meine Güte. Ich sah wie eine Megäre aus. Ich war unausgeschlafen und hatte dunkle Ringe um die Augen. Mein Haar wirkte, als hätte ein Vogel in ihm genistet. Mein Teint war so grau wie der Himmel, der durch das halb verschneite Dachfenster zu mir hereinschien. Ich fühlte mich unendlich alt und jenseits meines Verfallsdatums. Die Alte vom Berg …

Die heiße Dusche half, aber ich benötigte anschließend trotzdem eine gute halbe Stunde, um mich wieder einigermaßen wie ich selbst zu fühlen. Mein Bett war bereits aufgeschüttelt und gemacht und der Schlafraum gelüftet, als ich fertig angezogen aus dem Bad kam. Die Herzogin von Bernadette hat unsichtbares, flinkes Personal. Das gefiel mir, obwohl ich freilich wusste, dass dies nicht zur Gewohnheit werden würde. Ich genoss auf jeden Fall das Gefühl, umsorgt zu werden.

Anneli wartete in der Küche mit einem kleinen Frühstück auf mich. Sie hatte frischen Kaffee aufgebrüht, ein Glas Orangensaft, Schwarzbrot, Fassbutter, Honig und Marmelade hergerichtet. Dabei standen noch Obstsalat, Joghurt und Müsli. Erst mein Magenknurren machte mir bewusst, wie ausgehungert ich war. Ich hatte ja seit gestern Morgen im Hotel nichts mehr zu mir genommen. Die Frau von Andrin saß auf der Bank, hatte die Hände gefaltet und wartete geduldig auf mein Erscheinen.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich und setzte mich zu ihr. »Normalerweise stehe ich viel früher auf.« Griff dann begeistert zu. Der Milchkaffee, in dem kleine Fettaugen schwammen, war ausgezeichnet. Anneli sah mir eine Weile gut gelaunt zu. Offenbar bereitete ihr mein gesunder Appetit Freude.

»Ich wollte Sie noch einmal herzlich in Stillblüten willkommen heißen. Gestern Abend lief ja nicht alles so glatt ab und es war auch ein wenig hektisch«, sagte sie schließlich. Sie spricht ein wesentlich verständlicheres Deutsch als ihr Mann und lässt keine Dialektwörter einfließen. Die kleine, zähe Person machte auf mich insgesamt einen gebildeteren Eindruck als Andrin und auch Reto. »Wir möchten, dass sie sich hier bei uns in den Bergen wohlfühlen. Das Wetter wird in den nächsten Tagen auch noch besser, glauben Sie mir. Der Frühling lässt sich zwar oft ausbremsen. Aber er kommt immer. Vertrauen Sie mir. Er wird kommen.«

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