Aber ein Traum …

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Das sollte auch den geizigsten, ärmsten oder vorsichtigsten meiner Freunde und Follower überzeugen, sich einmal auch an die Werke von mir zu wagen; schließlich ist schon ein Eis am Stil, das man in drei Minuten geschleckt hat, viel, viel teurer. Selbstverständlich verdiene ich da überhaupt nichts mehr – ich verschenke mich und hoffe, jemand nimmt dieses Geschenk an.

Liebe Grüße aus meinem Urlaub,

Nikolaus

PS. Und wenn euch vielleicht meine Literatur nicht interessiert, dann teilt doch bitte diesen Beitrag mit euren Freunden. Danke.

PPS. Und wenn einer von euch erkennt, an welchem Ort Frau Klammerle und ich uns gerade aufhalten, dann schenke ich ihm eine gebundene Ausgabe eines von meinen Büchern.

Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 2

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird voraussichtlich mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier noch eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
demnächst erhältlich gebunden und als E-Book

*

 

Klammer stand auf.

»Ich hole uns noch einen Kaffee. Eine kleine Viertelstunde haben wir sicherlich noch Zeit«, sagte er dabei. Sapher sah nachdenklich hinter ihm her. Nikolaus Klam­mer, Dr. der Jurisprudenz und ein verdienter Beamter im höheren nichttechnischen Dienst, der in einem schwer ab­schätzbaren Alter zwischen fünfundvierzig und fünfund­fünfzig stand, hatte eine mittelgroße, unauffällige und schlanke Gestalt. Er kleidete sich aber modisch und teuer, fiel daher überall auf und erregte wegen seiner Eleganz allgemein Bewunderung. In seinen etwas spärlich gewor­denen, sorgfältig frisierten und dunklen Haaren zeigte sich keine einzige graue Strähne. Sapher hatte schon Ver­mutungen darüber angestellt, ob Klammer sie wohl färbte.  Ob­gleich er Saphers direkter Vorgesetzter war und sich oft mit ihm unterhielt, war es Sapher während der Zeit, die sie nun in der gleichen Abteilung Tür an Tür sa­ßen, nicht gelungen, einen Einblick in Klammers Charak­ter, der etwas von der überraschenden Wechselhaftigkeit des Aprilwetters hatte, zu werfen. Nie konnte sich Sapher sicher sein, ob Klammer im Ernst mit ihm sprach, oder sich insgeheim über ihn lustig machte. Obwohl er selbst alles andere als ungebildet war, verstand er viele von des­sen intellektuellen, oft hermetischen Spitzen nicht, deren Bedeutung er manchmal am Abend in einem Lexikon nachschlug. Dabei hob sich, von ihm selbst kaum be­merkt, sein Gemeinwissen. Er hatte bei seinen Nachfor­schungen überrascht festgestellt, dass der belesene Klammer über ein exaktes, geradezu photographisches Gedächt­nis verfügte, das ihn in die Lage versetzte, lange Buchpas­sagen, Gedichte, aber auch Gesetzestexte auswendig und fehlerfrei aufzusagen. Sapher hatte, bevor er dem Dr. be­gegnete, weder geglaubt, dass es Menschen geben könnte, die zu solchen Erinnerungsleistungen fähig waren, noch hatte er jeman­den außer Klammer kennengelernt, der auf eine so seltsa­me, flatterhafte und leichtfertige, dabei durchaus anzie­hende Weise über nahezu jedes Thema zu räsonieren verstand. Sapher nahm an, der unverheiratete Dr. hatte Erfolg bei Frauen. Das war allerdings nur eine seiner Vermutun­gen, da er praktisch nichts über das Privatleben Klam­mers wusste; er konnte ebenso gut auch wie ein Mönch le­ben oder schwul sein. Was den ungewöhnlichen Beamten umgekehrt gerade an Sapher interessierte, blieb diesem ein unlösbares Rätsel. Zwar ahnte er, dass Klammer ir­gendetwas mit seiner Person verband oder gar plante, doch er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sein Vor­gesetzter mit diesen häufigen Diskussionen knapp über Saphers intellektuellem Horizont abzielte.

Anderen Beamten gegenüber zeigte sich Klammer zwar freundlich, aber reserviert. In seinen Gesprächen mit ih­nen ging er nur selten über die Belange der Behörde hin­aus. In den alltäglichen Geschäften des Amtes war der Dr. ein mustergültiger, erfahrener und fleißiger Beamter, der seinen Posten als Oberamtsrat vorzüglich ausfüllte und dessen Wissen der Vorschriften und Rechtsbestimmungen sprichwörtlich war. Von Sapher abgesehen hielt er genau jenen Abstand zu seinen direkten Untergeordneten, der den nötigen Respekt vor der Person und der Fachautorität des Vorgesetzten erweckt. Dennoch war er im Amt eine halb mythologische Gestalt und stand in dem geflüsterten Ruch der Verschrobenheit. In seiner Vergangenheit muss­te es auch einmal einen Eklat gegeben haben, über den hinter vorgehaltener Hand ungenaue, aber phantastische Mutmaßungen die Runde machten. Der tatsächliche Vorfall, falls es denn je einen gegeben hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis, das, so eines der Hauptgerüchte, der Grund war, aus dem Klammer trotz seines Alters und seinen Fähigkeiten nicht befördert wurde und zum Direk­tor aufstieg.

 »Du arbeitest beim Klammer?«, hieß es häufig und Sa­pher wurde mit einer bedeutsamen, dabei mitleidigen Miene bedacht. »Oje!«

In diesem mitfühlenden Laut schwang meist neben der Erheiterung eine Prise Schadenfreude mit. Wäre Klam­mer nicht sein direkter Vorgesetzter gewesen, hätte Sa­pher ihn sicherlich gemieden. Seit geraumer Zeit versuch­te er auch, sich hinter Klammers Rücken innerhalb der Behörde zu verändern. Das würde ihm jedoch kaum vor der nächsten Regelbeförderung gelingen und die stand erst in zwei Jahren ins Haus. Sapher selbst war zweiund­dreißig Jahre alt, etwas untersetzt, unscheinbar und hell-, fast rotblond. Da er saloppe Alltagsbekleidung bevorzugte, hatte er Mühe, sich der strengen Kleiderordnung des Am­tes, die Anzugjacke und Krawatte vorschrieb, unterzuord­nen. Seine Frau Gitta kannte er seit seiner Schulzeit und er hatte sie gleich nach seiner Vereidigung geheiratet. Die Ehe war kinderlos. Wenn er gezwungen war, seinen Le­benslauf zu schreiben, wurde der nie länger als eine halbe DIN-A4-Seite: Er hatte ihn auch geradlinig aus dem Gym­nasium über die gehobene Laufbahn zu diesem Posten ge­führt, wo er sich nun täglich mit diesem seltsamen Vorge­setzten und dessen unergründlichen Launen auseinander­setzen musste. Es war ungerecht, wie Klammer dem flei­ßigen Sapher seinen von Unbilden oder emotionalen Stür­men freien Lebensweg als spießbürgerlich vorzuwerfen. Er erregte im Gegenteil bei einigen seiner Bekannten Neid wegen der bruchlosen Karriere und der scheinbar geglückten Ehe. Sapher, den nicht einmal die Pubertät arg gebeutelt hatte, vermisste keineswegs die Unordnung eines weniger gesicherten Lebens. Er war mit der ruhigen Beziehung zu Gitta und seinem Beruf, der ihn ausfüllte, zufrieden. Jede Veränderung hätte ihn verstört.

Nikolaus Klammer war der einzige seiner Arbeitskolle­gen, mit dem er sich über Informelles austauschte. Zu den anderen, auch denen, mit denen er täglich zu tun hatte und die ihm von Alter und Einstellung näher waren, war das Verhältnis von seiner Seite zurückhaltend, fast abwei­send. Das lag in erster Linie an Saphers Unsicherheit und an seiner Furcht, sich Mitmenschen freundschaftlich zu öffnen. Er stand nicht zuletzt deshalb und wegen seines auffallenden Kontaktes zu Klammer in dem Ruf, eine Radfahrermentalität zu besitzen, arrogant zu Gleichge­stellten zu sein und sich bei seinen Vorgesetzten Liebkind zu machen. Dass er Klammers Nähe nun wirklich nicht suchte, sondern dieser sich im Gegenteil immer wieder aufdrängte, änderte an der allgemeinen Beurteilung nichts.

Teller klapperten. Die Kantine hatte sich zwischenzeitlich fast geleert. Die Angestellten hinter der Theke räumten Geschirr in die Spülmaschinen und bereiteten sich auf den Andrang zum Mittagessen vor. Klammer kam zurück und stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. Sapher er­wartete zuerst eine neue Exzentrizität. Aber dann sah er, wie der Dr. einer Person zuwinkte, die sich in seinem Rü­cken befand. Er wandte sich halb herum und sah mit plötzlich einsetzendem Herzklopfen eine junge Frau nä­herkommen, die er vom Sehen kannte, die aber in einem anderen Flügel des Gebäudes arbeitete. Bislang hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt, da beider Abteilungen nur selten Austausch hatten. Nun würde er vielleicht etwas über das gut abgeschirmte private Leben seines Vorgesetzten erfahren können. Er spitzte, ohne es übri­gens zu bemerkten, die Lippen. Die heranschwebende Frau war ungewöhnlich attraktiv und jenen Tic ‚overdres­sed‘, der alle Blicke, auch neiderfüllte weibliche, auf die Qualitäten ihrer Körperlichkeit zog, die sie, sich deren Vorzüge durchaus bewusst, durch Art und Kleidung un­terstrich. Obwohl Sapher sich glücklich verheiratet fühlte und seiner Frau nicht nur aus Mangel an Gelegenheit, sondern auch aus Überzeugung treu war, wurde er doch jedesmal unruhig, wenn diese Schönheit in seine Nähe ge­riet. Er bestaunte sie mit großen Augen. Sie umgab sich mit einer erotischen Aura, mit der er nicht zurecht kam. Er rutschte unruhig mit dem Stuhl zur Seite. Sie setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch und und bedachte ihn mit einem abgelenkten Kopfnicken, ohne dabei Klammer aus den Augen zu lassen.

»Sie habe ich gesucht, Herr Dr. Ich brauche Ihre Hilfe. Man hat mir in Ihrem Büro gesagt, dass ich Sie hier fin­den könnte. Bei mir sitzt im Moment ein Herr aus Grie­chenland, der behauptet, er sei vor etwa zwölf Monaten bereits einmal bei Ihnen registriert worden. Nun, im Computer haben wir ihn nicht, wenn sein Name nicht falsch geschrieben wurde. Könnten Sie deshalb in Ihren Akten nachsehen?«, fragte sie Klammer geschäftig und beugte sich halb zu ihm über die Tischplatte zu ihm hin.

Sapher sah die Beamtin von der Seite an und bewunderte den Profilschnitt ihres Gesichts, die Makellosigkeit ihrer Haut, die kein Pickel verunreinigte, und das perfekte Make-up, das sie morgens wahrscheinlich ebenso lang be­schäftigte wie der Sitz ihrer schwarzen, glatten Haare, die sie halblang trug. Sie hatte ein eng geschnittenes, grauka­riertes und sommerlich leichtes Kostüm an, dessen kurzer Rock im Sitzen viel von ihren bemerkenswert langen, haarlos glatten Beinen freigab, die in solch bedrohlicher, augenfälliger Nähe nicht gerade zu Saphers Seelenruhe beitrugen. An jedem Finger ihrer linken Hand steckten Ringe, sogar am Daumen. Sapher, den bereits der eine Ehering beim Tippen behinderte, fragte sich, wie sie auf diese Weise beladen arbeiten konnte. Der unauffällige Ge­ruch ihres Parfüms, der ein wenig an Rasierwasser erin­nerte, hing über dem Tisch. Sapher war viel zu sehr Ehe­mann und sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten be­wusst, als dass er diese Schönheit mit dem Aussehen sei­ner Frau in Vergleich gebracht oder gar an den Versuch eines Flirts gedacht hätte. Sie war ihm ein lebendig ge­wordenes Model aus einer Modezeitschrift, viel zu perfekt und unnahbar, um in seiner Welt Realität zu nehmen. Klammer schob ihr über den kleinen Tisch einen der Kaf­fees entgegen. Sapher dachte in diesem Moment, die bei­den seien trotz des Altersunterschieds ein schönes Paar. Die Frau ignorierte das angebotene Getränk und holte aus ihrer kleinen Umhängetasche einen Zettel.

»Ich habe hier seine Personalien. Sein Name ist Konstan­tin Papadopoulos Kata … tasakinthoki … kiakis«, entzif­ferte sie und stolperte zweimal über den vielsilbigen Nachnamen, »was für ein Name! Können Sie, wenn Sie Ihre Kaffeepause beendet haben, nachsehen, ob Sie eine Akte über ihn haben? Es wäre wichtig.« War da ein Vor­wurf über ihren augenblicklichen Aufenthaltsort in ihrer Stimme? Sapher glaubte es fast.

»Konstantin Papadopoulos Katasakinthokiakis, selbstver­ständlich.« Der Name kam Klammer verblüffend glatt von den Lippen. Er nahm der Beamtin den Zettel ab und reichte ihn Sapher. »Sie werden sich doch darum küm­mern? Darf ich Ihnen übrigens meinen Herrn Kollegen, Monsieur Benjamin Sapher, vorstellen? Ich glaube, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.« Er sprach den Namen wieder französisch aus.

Sapher warf einen scheuen Blick auf die Frau neben ihm. Er wollte Klammer berichtigen, sagte dann aber nur:

»Angenehm.« Wenn er ehrlich war, klang sein Name fran­kophon in der Tat besser; es schwangen ein ‚laissez faire‘ und Weltgewandtheit mit.

»Und das ist unsere Frau Rothschädl.«  Sie runzelte die Stirn, sah kurz zu Sapher, nickte erneut, registrierte wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst seine Existenz. Ihr waren herrlich grüne, goldgesprenkelte Augen zu ei­gen, deren durchdringender Blick Sapher ein plötzliches weiches, wie durchsackendes Gefühl im Unterleib be­scherte. Er knitterte unschlüssig den Zettel mit dem Na­men des Griechen in seiner Hand.

»Sie trinken doch mit uns einen Kaffee?«, bestand Klam­mer.

»Aber Herr Katasakinthokiakis wartet auf mich in mei­nem Büro …« Jetzt kam auch sie mit dem fremdländi­schen Namen zurecht. Klammer streckte flink den Arm nach vorn und berührte sanft ihren Handrücken.

»Sie bleiben«, sagte er mit Nachdruck und die Beamtin blieb tatsächlich, offenbar war sie von seinem bestimmen­den Tonfall überrascht. »Lassen Sie Ihren Herrn Katasa­kinthokiakis ruhig warten. Ihr Anblick ist in der Tat ein wenig Geduld wert. Odysseus hatte zwanzig Jahre Ge­duld, bis er endlich seine schöne Penelope in die Arme nehmen konnte und schließlich steckt in jedem Griechen etwas von diesem listenreichen Heroen. Wir führen hier ein interessantes Gespräch, das Sie mit Ihrer Anwesen­heit bereichern würden. Bitte, Ihr Kaffee.«

Er schob die Tasse mit zwei Fingern der rechten Hand nä­her an die Beamtin heran. Sie führte den Kaffee tatsäch­lich sofort zum Mund, nippte. Dabei sah sie Klammer ins Gesicht, wirkte für einen Augenblick wie hypnotisiert.

»Nicht wahr, Frau Rothschädl, ich habe Sie erst kürzlich im Brandwirt auf der Lesung von Stefan Kappnath gese­hen«, fuhr Klammer fort. »Wann war das, am Dienstag vor einer Woche?«

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

4. Kapitel
Der Sonne entgegen

Auch wenn es jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden hatte: Selbst diese längste alle Nächte hatte ein Ende, auch wenn ihre Schwärze ewig zu währen schien. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen östlichen Firmament über der Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte und hob sich dann während ihrer Wanderung gemächlich über den Ufern des Südmeers empor. So, wie sie es treu und zuverlässig an jedem Tag machte, den die Allerbarmende ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte, bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehrte und allen Tagen ein brennendes Ende bereitete, würde die Sonne ihre unbarmherzige Glut weiterhin auf Karukora herabsenden.

Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und selbst dem elfenbeinernen Palast nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur 25 Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel gewechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Süden von Nearoma, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber jemals zu betreten wagten und kaum einer von ihnen wieder lebend verlassen hatte. Die Sonnenstrahlen erhellten auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken, die Gärten und Hinterhöfe der ziegelroten Häuser, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem im Armenviertel Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler teilten. Auch Karukoras Bürger hatten sich wie die Hunde in ihre Behausungen zurückgezogen, hinein in ihre Häuser und Wohnungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann hatte seinen Laden geöffent, die Bazaare waren wie leergefegt und die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab. Kein Wagen rumpelte über das Pflaster, kein Kahn fuhr den Syris hinab. Die Stadt hielt den Atem an.

Die Maratschleusen hinter der Stadt waren mit schweren Ketten gesichert und verhinderten den Schiffsverkehr auf dem Strom. Auch die die fünf großen Karawanentore in der Stadtmauer waren auf Befehl des Namenlosen am Morgen nicht geöffnet worden. Selbst die Wächter der Miliz vernachlässigten ihre Befehle und hielten sich lieber in ihren Kasernen und Türmen versteckt, als die Wehrmauern zu bewachen. Aus diesem Grund gab es trotz der Schließung der Hauptwege viele unbewachte kleine Ausgänge, die aus Karukora hinaus in die umliegenen Wüsten führten. An diesen Stellen war die Stadt wie ein lecker Eimer, aus dessen vielen kleinen Löchern ungehindert das Wasser herausfloss. Hier fand der suchende Blick der hitzigen Sonne endlich Menschen, getriebene, gejagte und verzweifelte Gruppen und Familien, die sich ihrer Wut mit Schweißperlen auf der Stirn aussetzten und nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, das sie in der Eile hatten zusammenraffen können, auf staubigen, schmalen Wegen mit allerlei Fuhrwerken und auf Tieren oder eilig zu Fuß aus der Stadt flohen. Sie alle fürchteten Verfolgung, Krieg, Elend und Hunger. Schließlich waren im Palast in der nicht enden wollenden gestrigen Nacht der Herrscher der Lamargue und seine gesamte Gefolgschaft ermordet worden. Dieses Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Gäste, die Ómers katastrophalen Gastmahl entkommen waren, verbreitet. Niemand der nun im Feuerglast der Sonne Flüchtenden wollte noch in Karukora sein, wenn Rauls Söhne oder seine Witwe Genugtuung einforderten und mit ihren Heeren die Stadt angriffen und belagerten. Die meisten von ihnen wandten sich nach Westen oder Süden, hin zu den vermeintlich sicheren großen Oasenseen und der Küste. Doch es gab auch zwei Wägen, die sich unberirrt der aufgehenden Sonne entgegen bewegten, auf einem Weg, der sich bald in der wasserlosen, steinigen Toten Wüste verlieren würde.

Der hintere war ein klappriger, mit einer Plane abgedeckter Karren, den ein unwilliger Esel zog und vor ihm mit großem Abstand ein grüngestrichener Kaufmannswagen mit zwei Mauleseln im Geschirr, wie man ihn häufig nordöstlich des Großen Walls antraf, der aber hier in der Wüste völlig fehlplaziert wirkte. Auf dem Kutschbock des zweirädrigen Karrens, einem rohen Querbrett ohne Rückenlehne, saßen nebeneinander Sirtis, Selin und Semira. Die Tochter des Märchenerzählers hielt die Zügel in den Händen und schnalzte regelmäßig mit der Zunge, um den Esel anzutreiben, damit sie mit Juels schnellerem Wagen einigermaßen Schritt halten konnte. Ab und zu sah sie lächelnd zur Seite zu den beiden jungen Leuten, die gegeneinandergelehnt schlummerten. Es war tiefer Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie nicht einmal aufschreckten, wenn die Räder über ein Schlagloch der selten befahrenen und schlechten Straße rumpelten, die eine Tagesetappe entfernt in dem elenden und winzigen Wüstenweiler Matorka endete. Allerdings erklang dann jedesmal ein schmerzvolles Aufstöhnen von hinten, wo der noch immer gefesselte und geknebelte Ómer zwischen ein paar Säcken mit Salz unter der Plane lag. Die meisten Vorräte hatten die Flüchtigen in Juels Wagen umgeladen, damit der Esel nicht zu sehr belastet wurde. Sirtis wusste nicht, warum der dicke Kaufmann und Dieb darauf bestanden hatte, den verräterischen ehemaligen Vezir auf der Flucht mitzunehmen. Sie empfand ihn als einen unnützen Klotz am Bein, dem sie am liebsten mit der scharfen Klinge ihres Küchenmessers die Kehle durchschnitten hätte, um ihn wie ein Lamm, das sie für ein Festmahl schlachtete, ausbluten zu lassen. Aber sie hatte Juel, dem Ludo sorriento, gehorcht. Wenn einer wusste, was er tat, dann wohl der legendäre Meisterdieb.

Mit ihrem Vater Alis, in dessen Rachepläne Sirtis eingeweiht war und die sie, obwohl sie ihr Misslingen befürchtete, billigte, hatte sie ursprünglich vereinbart, auf ihn und Selin vor einem der kleinen Osttore zu warten, um dann mit ihnen gemeinsam nach Paradis zu flüchten. Doch dann sah alles ganz anders aus. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte sie durch eine Nachricht von Muhar, der sie ihr durch einen Küchenjungen des Palasts überbringen ließ, erfahren, sie solle sich in der Alhaşra-Karawanserei mit dem Diener des Ludo sorriento, der auf Wunsch der Diebesgilde am Raubzug teilnahm, treffen. Selbstverständlich hatte Sirtis schon von dem Meisterdieb gehört und wusste sogar ein paar erstaunliche Märchen über ihn und seine abenteuerlichen Unternehmungen zu erzählen. Obwohl diese Geschichten sicherlich maßlos übertrieben waren, hörte man sie gerne auf den Bazaaren und Sirtis schöpfte sofort die Hoffnung, dass es mit seiner Hilfe doch gelingen konnte, zum Falkenthron vorzudringen und den „Weg, der in den Tag führt“ zu stehlen. Als Selin mit seinen vier Begleitern – Jalah hatte die Gruppe verlassen, nachdem sie endlich aus den Katakomben des Palastes herausgefunden hatten -, schließlich bei der Alhaşra-Karawanserei vor dem Ambra-Nordtor aufgetaucht war, in der Sirtis und Tonino ungeduldig auf sie gewartet hatten, hatte Sirtis sofort zu Juel Zutrauen gefasst, obwohl sie ihm noch nie zuvor begegnet war. Es hatte ihn zwar niemand gewählt, aber es stand außer Frage, dass er die Anführerschaft der Gruppe übernommen hatte und jeder auf ihn hörte. Er strahlte Entschlossenheit und Überzeugungskraft wie kein anderer in der Gruppe aus.

Inzwischen war ihr klar, dass Alis‘ kompizierter Racheplan nicht vollständig funktioniert hatte, denn er selbst hatte es ja nicht geschafft, rechtzeitig den Palast zu verlassen und an der Karawanserei zu ihr zu stoßen. Schweren Herzens hatten die beiden Wägen ohne ihn gen Paradis aufbrechen müssen, denn die Zeit lief ihnen davon und mit jedem Augenblick, den sie alten Märchenerzähler warteten, wuchs die Gefahrn von den Treuwächtern des Namenlosen gefunden und festgenommen zu werden. Ob ihr Vater sich nur verspätet hatte und noch nachkommen würde, ob er gefangen, verletzt oder gar bei der blutigen Schlacht im Palast getötet worden war, wusste Sirtis nicht, denn sie hatte keine Nachricht mehr von Muhar erreicht, aber sie befürchtete das Schlimmste. Doch es war gut, dass der Ludo überraschend beschlossen hatte, sie und Selin nach Paradis zu begleiten. Über seine Gründe sprach er nicht, aber er war sicherlich ein Gewinn für die Unternehmung. Sirtis hätte auch gerne Semira oder den Mönch gefragt, wie sie zu der Gruppe gestoßen waren und warum sie beide wild entschlossen waren, mitzukommen, war aber in der Hektik des Aufbruchs nicht dazu gekommen. Der dürre, ausgemergelte Alte hatte nur mit den Achseln gezuckt und sich aus den Waren in Juels Wagen wüstentaugliche Kleidung herausgesucht. Das hatte auch Semira getan, die ihren schmutzigen, nur noch aus Fetzen bestehenden Sarê gegen eine knielange, robuste Hose und ein weites Männerhemd getauscht hatte, die ihr einigermaßen passten.

Und nun schlief sie neben Sirtis an ihren Selin gelehnt auf dem Kutschbock und ein zufriedener und glücklicher Gesichtsausdruck erzählte von den angenehmen Träumen, die sie dabei hatte. Sirtis lächelte und schnalzte mit der Zunge.

Welch seltsame Wege ging doch die Liebe …

[Wird nächsten Sonntag fortgesetzt …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Juel, der wie betäubt im Heck gesessen war, fühlte sich, als würde er aus einem Traum erwachen. Er rappelte sich auf und sah zurück. Offenbar wurde ihm erst jetzt bewusst, was er getan hatte. Er hätte jetzt gerne eine Flinte oder noch einen seiner Zaubertricks aus dem Gürtel besessen, aber die einzige Waffe an Bord, jene, wegen der er das Leben aller riskiert hatte, hielt er in der Hand – Turini Suds grotesken Säbel, der ihm vollkommen ungeeignet erschien, um mit ihm die Krokodile zu bekämpfen. Kopfschüttelnd musterte der Dicke die schwere Waffe.

Obwohl er in seinem Kaufmannswagen einige wertvolle Klingen aufbewahrte, die auf die eine oder andere, durchaus auch illegale Weise in seinen Besitz geraten waren – die wertvollste war unter ihnen war der „Blentavíant“, der Feindblender des legendären Abbas Endrich, mit dem dieser in grauer Vorzeit Enver Gront, den heterodoxen vierten Baron der Lamargue, erschlagen hatte -, hätte er gut auf ein weiteres Sammlerstück wie dieses verzichten können. Er konnte sich selbst nicht erklären, was für ein Höllenbit Inets ihn eben geritten hatte, als er den überwältigenden Zwang gefühlt hatte, dieses unförmige Ding an sich zu bringen, aber er hatte mit einem Mal das ganz bestimmte Gefühl gehabt, dass er diese magische Waffe unbedingt brauchte. Ihm war es gewesen, als hätte ihm eine schmeichelnde Stimme zugeflüstert, er könne nicht gehen, ohne den „Blutsänger“ mitzunehmen. Diese Stimme war zu laut und zu hypnotisierend in seinem Kopf erschienen, um sich ihrem Befehl widersetzen zu können. Selbst jetzt sprach diese Stimme noch mit ihm. Sie stachelte ihn auf, den Griff des Säbels, den er bislang noch nicht losgelassen hatte, fester zu fassen, die Klinge über den Kopf zu heben und dann damit den Schädel des nächsten Feinds zu zertrümmern! Dabei hatte Juel durchaus keine Ahnungen wie Adelf; seine Talente lagen auf ganz anderen Gebieten. Kämpfen gehörte eigentlich auch nicht dazu. Gleichzeitig erkannte er, dass es der Säbel selbst war, der zu ihm sprach. Das war keine Magie, auch wenn es sich wie eine anfühlte und Juel hatte das bereits schon einmal erlebt, als er vor zehn Jahren mit Adelf, Myrta und den Adepten Merem und Parin überall in den Überlebenden Landen und über ihre Grenzen hinaus nach den fünf Bruchstücken von Sorems zerstörten Machtstab gesucht hatte. Das war eine Vorgänger-Techné, die dazu in der Lage war. Irgendein Vorbesitzer der Klinge, vielleicht Turini Sud selbst, musste sie vor tausenden von Jahren eingebaut haben – wahrscheinlich in den Handgriff der Waffe.

Obwohl Juel sich verzweifelt gegen die weitere Einflussnahme des Säbels wehrte, musste er doch zugeben, dass die Vorschläge der Stimme einiges für sich hatten. Doch dann hob neben ihm das erste Krokodil seinen Schädel mit aufgerissenem Maul über die niedrige Reling des Bootes, im Begriff, es zu entern, und nahm ihm die Entscheidung ab. Der Kahn bekam eine gefährliche Seitenlage und alle schrien auf. Juel atmete scharf ein, riss den „Blutsänger“ in die Höhe über sein Haupt, was ihm mit einem Mal nicht besonders anstrengen erschien. Dann ließ er die Waffe mit aller Kraft, zu der er fähig war, auf dem warzigen Kopf des Ungeheuers fallen. Fast hätte Juel dabei das Gleichgewicht verloren und wäre nach vorne in den See gefallen. Der Säbel juchzte und der Schlag war ein voller Erfolg. Etwas knirschte widerlich, dann rutschte der Schädel des M‘Gaviâ ab, klatschte ins Wasser, ging unter und tauchte nicht mehr auf. Das schwankende Boot war schon einige verzweifelte Ruderzüge weiter, als an der Stelle ein Schwall Luftblasen und dann Blut emporquollen.
»Bravo, Juel!«, rief Adelf. »Das war ja wie in alten Zeiten. Doch vielleicht solltest du dich mal ums Ruder kümmern.« Juel achtete nicht auf ihn, denn die Gefahr war noch nicht vorbei. Der nächste baumstammgroße Leib bewegte sich pfeilschnell und vom Schicksal seines Vorgängers unberührt durch die Heckwelle heran. Weil er gerade fast ins Wasser gefallen wäre, entschied sich Juel für keinen weiteren Schlag, sondern stach mit seiner Waffe zu, als das Krokodil nahe genug war. Die Spitze der Klinge war nicht scharf genug, das Tier zu verletzen, aber sie drückte die dünne Schnauze hinunter und als ihr Stahl Kontakt mit dem See hatte, erklang aus ihm heraus im gleichen Augenblick ein schmerzhafter, extrem hoher Ton, den allerdings nur die drei jungen Leute an Bord hörten. Es fühlte sich für sie an, als würde ihnen mit einem glühenden Messer die Schädeldecke geöffnet. Semira, Jalah und Selin ließen sofort die Ruder fallen und hoben ihre Hände zum Kopf, pressten sie in dem vergeblichen Bemühen auf die Ohrmuscheln, um sich vor dem schier unerträglichen, pfeifenden Geräusch zu schützen, das sie außer Gefecht setzte. Adelf und Juel, die von dem Pfeifen nicht viel mitbekommen hatten, das für sie nur nach dem feinen Sirren einer Mücke klang – lästig zwar, aber nicht weiter störend -, starrten verwundert auf die drei, die ihre Köpfe wie in Agonie hin und her warfen.

»Eh bien. qu’est-ce-que c’est que ça?«, sagte Juel kopfschüttelnd und hob den „Blutsänger“ aus dem Wasser, der sie ein weiteres Mal vor den Krokodilen gerettet hatte. Das Pfeifen verschwand so schnell, wie es gekommen war und stattdessen war ein hämisches Kichern zu hören. Juel war sich nicht sicher, ob er der einzige war, der es hörte. Seufzend sanken die drei Gequälten auf der Ruderbank in sich zusammen.

»Was bei Inets brennendem Schwanz war denn das?«, frage Selin, nachdem er sich ein wenig erholt hatte.

»Egal, was es war, es hat uns le cul gerettet«, erwiderte und stützte sich auf den Säbel, den er so schnell nicht mehr hergeben wollte. Er fühlte sich gerade so mächtig wie die drei Herrscher des goldenen Zeitalters zusammen. Als hätter er in den Gedanken seines Freunds gelesen, murmelte Adelf:

»Dann könntest du Held jetzt vielleicht endlich an die Steuerpinne setzen, damit wir endlich aus diesem Palast herauskommen?«

Juel spürte in sich eine plötzliche Wut auf den Mönch emporkochen und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich auf den Wehrlosen gestürzt. Adelf erbleichte, als der den Zorn in Juels Augen aufblitzen sah.

»Alter Freund, was ist mit dir?«, stammelte er.

Ja, was ging nur in ihm vor? Das war doch nicht er. Hilfesuchend wanderte sein Blick von dem zitternden Mönch zu dem geknebelten Ómer, der ihn finster musterte und langsam und anerkennend nickte. Juel verstand. Es war dieser verfluchte Säbel, der ihn noch immer so beeinflusste, dass er sich kaum unter Kontrolle hatte. Das war die gefährlichste Waffe, die Juel je in Händen gehalten hatte. Und das musste ein Ende haben – jetzt. Er sammelte sich und versuchte, seine verkrampfte Hand vom Griff zu lösen. Es fiel ihm unendlich schwer, es war ein härter Kampf als alles was er heute erlebt hatte. Die schmerzende Faust schien ihm nicht mehr gehorchen zu wollen, doch schließlich gelang es ihm, indem er seine andere Hand zu Hilfe nahm und mit ihr seine Finger nach außen bog. Er musste sie dabei beinahe brechen, aber schließlich öffnete sich seine Faust. Der Säbel kippte zur Seite auf das Deck und sein Gelächter endete abrupt. Auch die drängene Stimme verschwand aus Juels Gehirn. Er fühlte sich, als wäre eine Tonnenlast von ihm genommen. Er keuchte und hatte mit einem Mal heftige Kopfschmerzen. Das war ein Gefühl, das er kaum kannte. Doch gleichzeitig hätte er glücklich aufjuchzen können. Der Bann war gebrochen.

»Und?«, fragte Jalah ungeduldig. »Geht es doch noch weiter oder warten wir, bis die Krokodile zurückkehren?«

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