Aber ein Traum …

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Das schwarze Urteil (Teil 6) – Kriminalerzählung

Kalvin gehorchte und lächelte flüchtig. Er wusste jetzt sicher, dass der Anrufer vor ihm stand, er hatte ihn nicht an der Stim­me, sondern an seiner Eigenart, wie er „ausgezeichnet“ sagte, erkannt. „Also zwei Entführer“, dachte er.

Dann geschah etwas, mit dem Kalvin nicht gerechnet hatte. Der Mann senkte etwas die Waffe und trat auf ihn zu. Dadurch verließ er den Schatten der Anonymität. Das Licht der Scheinwerfer fiel scharf in sein Gesicht. Kalvin hatte sich anhand der Stimme nicht verschätzt: Der Mann war höchstens drei­ßig, wahrscheinlich jünger. Er war außeror­dentlich mager, das glattrasierte Gesicht unter dem kurzen Stoppelschnitt hager, ausgezehrt, vergeistigt. Die Wangenkno­chen traten hart hervor und gaben ihm ein osteuropäisches Aussehen. Ein Russe? Um die Mundwinkel lag die boshafte Ironie, die seine Stimme verraten hatte. Erschreckend waren die Au­gen: Hell und grau standen sie in eigenarti­gem Gegensatz zum schwarzen Haar; sie waren forschend, kalt und aggressiv, sie verfolgten hartnäckig Kalvins Blick. Seine Angst wuchs wieder, denn der blei­che Entführer hatte etwas nicht fassbar Unheimliches, eine fanatische und men­schenverachtende Überlegenheit. Der Ver­gleich mit einem Raubtier drängte sich auf. Nein, dieser Mann war sicher keiner seiner Studenten, er wäre Kalvin auch im über­füllten Erstsemester aufgefallen.

„Kann ich Elisabeth sprechen? Geht es ihr gut?“, fragte er kraftlos. Seine Augen rutsch­ten zur Seite. Er konnte den Blick des Ent­führers nicht mehr ertragen. Der Mann nickte, als finde er etwas bestätigt.

„Es geht ihr gut“, erwiderte er zögernd. Di­rekt vor Kalvin stehend verließ ihn erstaun­licherweise seine Redegewandtheit.

„Wieviel Geld wollen Sie?“ In Kalvins Rü­cken lachte die Frau kurz auf, doch der Mann verzog keine Miene.

„Wir wollen kein Geld von Ihnen.“

„Aber warum haben Sie dann Eli entführt? Was wollen Sie denn von uns?“

„Wir wollten sicher gehen, dass Sie zur Ur­teilsverkündung erscheinen werden, Dr. Kalvin. Ihre Freundin ist nur unser Faust­pfand.“ Kalvin sah überrascht auf und wurde er­neut von dem Blick des Entführers gefes­selt. Jetzt war er sicher: In diesen Augen war Hass. Woher kam er? Er war dem Mann noch nie begegnet. Eine Erscheinung wie die seine vergaß man nicht.

„Von welchem Urteil reden Sie denn? Was ist das für ein Spiel, das Sie mit mir trei­ben?“ Sein Gegenüber trat einen zornigen und überraschenden Schritt näher, beugte sich nahe zu Kalvin herab. Einer der Mundwin­kel zitterte hektisch.

„Das wissen Sie nicht?“, fuhr er Kalvin an. „Sie behaupten … Sie sind hierher in diese Fa­brik gekommen und wissen …“ Er verstummte plötzlich, sah in das ratlose Gesicht seines Gegenübers und begann, langsam zu nicken. Er richtete sich wieder auf. „Er weiß es tatsächlich nicht“, sagte er über Kalvins Schulter hinweg. Er lachte kurz und freudlos, dann rieb er sich mit seiner freien Hand über die Augen. „Ausgezeichnet, dann hören Sie jetzt gut zu: Ich werde mich kurzfassen.“ Er stellte sich breitbeinig in Position, als wolle er eine bedeutende Rede halten. Was er in ernster, getragener Stimme verkündete, war auch gewichtig genug. Zu Kalvins Füßen tat sich ein Abgrund auf.

„Dr. Werner Kalvin; die Jury hat in Ihrer Abwesenheit zu einem Urteil gefunden und meine Aufgabe als Sprecher und Vollstre­cker des Gerichts ist es, Sie heute vom Ur­teil in Kenntnis zu setzen.“ Er machte eine Kunstpause, während Kalvin verständnis­los den Kopf schüttelte. „Dr. Kalvin, aufgrund jener ungeheuerli­chen Vergehen gegen die Menschlichkeit, für die wir sie verantwortlich machen, hat die Jury nach längerer Debatte einstimmig das Todesurteil gesprochen. Ich werde den Spruch der Jury auf die Stunde genau heu­te in einer Woche vollstrecken. Ich füge hin­zu: Es ist mir eine außerordentliche Genug­tuung.“ Kalvin wollte auffahren, doch die Frau in seinem Rücken drückte ihn zurück in den Stuhl.

„Was ist das für ein unglaublicher Un­sinn?“ keuchte er. „Was wollen Sie denn von mir und Eli?“ Der Entführer hob statt einer Antwort die Pistole und drückte den Lauf auf Kalvins Stirn. Kalvin wich alles Blut aus dem Kopf und er schluckte krampfhaft gegen eine aufsteigende Übelkeit an.

„Sie werden sterben, Dr. Kalvin“, sagte sein Gegenüber ruhig. „Sie haben noch sieben Tage, dann werde ich Sie exekutieren. Keine Macht der Welt kann mich davon abhal­ten.“

„Warum wollen Sie das tun? Was habe ich Ihnen denn je angetan? Ich kenne Sie nicht einmal“, stieß Kalvin atemlos hervor.

„Da Sie den Grund im Moment tatsächlich nicht zu kennen scheinen und die Jury die­sen Fall vorhersah, bleibt Ihnen diese eine Woche Frist. Nutzen Sie die Zeit gut. Kom­men Sie dann am nächsten Donnerstag wieder um neun Uhr hier in diese Halle, da­mit ich das Urteil vollstrecken kann …“ Kalvin lachte auf. Das klang wie ein Arzt­termin.

„Sie sind ja verrückt. Nichts dergleichen werde ich tun! Ich werde zur Polizei gehen und die wird diesem Mummenschanz ein Ende bereiten.“ Sein Gegenüber lächelte kurz und überle­gen und senkte die Waffe. Als er sprach, schwang in seiner Stimme sein unterdrück­ter Hass deutlich mit.

„Sollten Sie nicht pünktlich zur Hinrich­tung erscheinen oder die Polizei einbezie­hen, werden wir an Ihrer statt das Liebste töten, das Sie haben. Das gilt als Ersatzur­teil, falls Sie sich dem Vollzug entziehen. Aus diesem Grund ist Ihre Freundin in un­serer Gewalt. Wir hoffen allerdings, dass Sie lieber selbst sterben, bevor Sie sie op­fern. Falls Sie aber tatsächlich noch glau­ben sollten, wir meinten es nicht ernst, werden Sie sich in einer Woche vom Gegen­teil überzeugen müssen.“ Kalvin hatte tausend Dinge, die er erwidern wollte, aber er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Er würgte, aber er fand nicht die Erleichterung, sich zu übergeben. Er konnte nicht fassen, in welch einen Alp­traum er geraten war. Der Entführer drehte sich langsam zur Seite, dann wandte er sich plötzlich herum, trat auf Kalvin zu und gab ihm aus der Drehung heraus mit dem Handrücken eine harte Ohrfeige, die Kalvin fast vom Stuhl warf. Er sah auf, zu dem Mann, der ihn geschlagen hatte. Obwohl seine Backe sofort rot anlief und aus seiner Nase ein dunkler Blutfaden rann, hatte er kaum Schmerzen. Er starrte den Entführer an, sah den Hass und wusste im gleichen Moment, dass er tatsächlich wehrlos vor seinem Henker saß. Aber was hatte er ihm getan? Der Mann trat an Kalvin vorbei, stellte sich hinter ihn, packte einer seiner Schultern und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich werde Sie töten“, flüsterte er, „Sie wer­den für die Verbrechen sühnen; Sie oder eben Ihre Freundin.“ Aufdringlich nah war nun die Stimme und Kalvin rückte angeekelt den Kopf zur Seite. „… eine Woche, ich werde auf Sie warten.“ Die Lichter verloschen, man nahm Kalvin die Handschellen ab. Währenddessen blieb die Hand des Entführers schwer auf seiner Schulter lasten. „Ich rate Ihnen gut, noch sitzen zu bleiben, bis wir gegangen sind. Zählen Sie am Bes­ten bis fünfhundert.“

Der Ratschlag war sinnlos, da Kalvin im Moment unfähig war, sich überhaupt zu bewegen. Wie besinnungslos saß er auf dem Stuhl. Schritte verklangen, dann schabte Metall auf dem Zementfußboden. Kalvin sank langsam in sich zusammen. Ein lichter Moment hatte ihm die Wahrheit gezeigt, er hatte sie in den Augen des Ent­führers gelesen. Dieser Mann würde ihn oder seine Freundin für ein Verbrechen tö­ten, von dem er nicht wusste, welches es war und ob er es überhaupt begangen hat­te. Kalvin hatte die Augen des Mannes ge­sehen, sie waren voller abgrundtiefem Hass und unversöhnlich. Kalvin barg das Gesicht in den Händen. Er brauchte Hilfe, dringend.

Wie ich schon sagte, habe ich noch ein weiteres Kapitel der Geschichte in alten Notizheft gefunden. Ich könnte es übertragen, überarbeiten und in den Blog stellen. Zudem habe ich einen ausführlichen Handlungsabriss geschrieben, der die Erzählung zu einem überraschenden Ende führt, das ich bei mir selbst, bei meinem noch nie veröffentlichten ersten Theaterstück „67“, geklaut habe und auf der Dürrenmattschen These beruht, dass eine Geschichte erst dann zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmste Wendung genommen hat.  Es dürfte inzwischen auch klar sein, dass Werner Kalvin beiweitem nicht so unschuldig ist, wie er am Anfang wirkt.  „Das schwarze Urteil“ spielt übrigens unverkennbar in Augsburg und könnte mit leichten Veränderungen Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus werden. Wenn …, ja, wenn …

Doch ich frage mich, ob sich der Aufwand lohnt. Liest so etwas jemand? Betrachte ich die Zugriffsstatistik auf „Aber ein Traum“ in der letzten Woche, dann wohl doch eher nicht. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Falls es also – die Hoffnung stirbt zuletzt – den einen oder anderen Leser geben sollte, der an einer Fortsetzung der Geschichte interessiert sein sollte, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Das schwarze Urteil (Teil 2) – Kriminalerzählung

Ist das schon ein Vorzeichen einer beginnenden Demenz, dass ich mich an diesen Text von mir nicht mehr erinnern konnte, bis ihn Robert Knorr für sein Knorr von Wolkenstein-Verlagsforum wieder ausgegraben hat? Jedenfalls hatte ich gestern nachmittags eine dunkle Ahnung und öffnete die unterste Schublade meines schwarzen Archivschranks und förderte tatsächlich nach geduldiger Suche zwischen bereits vergilbten und längst abgelegten Blättern einen recht ausführlichen handschriftlichen Entwurf für das 2. Kapitel von „Das schwarze Urteil“ und auch tatsächlich auch eine Seite zutage, auf der ich damals die Hauptfiguren und den Plot der Erzählung (wohl eher des Romans) skizziert hatte. Ich wäre also jederzeit in der Lage, die Geschichte wie vor 20 Jahren geplant, fortzusetzen und zu einem Ende zu bringen. Die Frage ist nur, ob es sich auch lohnt. Und meine Lust ist keine sehr große. Und da die literarischen Texte meines Blogs nicht gelesen werden, kann ich auch niemanden um Rat fragen …

Kalvin schüttelte den Kopf. Offensichtlich nahm sein Verfolgungswahn pathologische Züge an. Er zwang sich, das Lokal zu betreten. Es war im Hochparterre, er hatte ein paar Stufen zu steigen. Dabei spürte er weiter die Blicke aus den Fensterhöhlen in seinem Rücken. Er schloss die Glastür zwischen sich und der Kälte, tauchte durch einen schweren Vorhang, der sie vom Gastraum abtrennte. Dieser war klein und schmal, ein langgezogener Tresen gegenüber nahm den größten Platz ein. Einige wenige Tische drängten sich in einer Ecke, in der tatsächlich ein Wurlizer stand, der jedoch ohne Strom war. Der Besitzer hatte bei der Einrichtung sicher eine amerikanische Bar als Vorbild gehabt, doch längst war das Lokal zu einer schmuddligen und unsauberen Stehkneipe verkommen. Außer zwei Alkoholikern, die aussahen, als würden sie in dem Ausschank übernachten und der Bedienung – einem älteren, dünnen Mann, der hinter der Theke in einem Buch las -, war die Bar leer. Der Kellner legte seinen Band zur Seite und sah gleichgültig auf den neuen Gast, der unsicher im geöffneten Vorhang stand und sich dann entschied, sich weit entfernt von den Säufern an die Theke zu setzen.

„Kalt heute“, sagte der Kellner und beäugte misstrauisch die Jacke des neuen Gastes.

„Geben Sie mir ein Bier“, erwiderte der kurz angebunden. Der Kellner nickte und wandte sich zum Zapfhahn. „… und einen Weinbrand“, fuhr Kalvin nach kurzem Zögern fort, „es ist wirklich kalt heute.“ Vielleicht half ein Schnaps gegen das Zittern in seinen Händen. Er lehnte sich in dem Rückenteil des Barhockers zurück. Dabei wechselte er über den großen Spiegel, der hinter der Bar hing, einen Blick mit sich selbst. Er wunderte sich, dass seine Frucht nicht deutlicher in seinem Gesicht geschrieben stand. Ihm sah nur ein etwas übernächtigter, unauffälliger Mann entgegen, dessen grauen Gesichtsausdruck man auch als verkatert deuten konnte. Er versuchte den Ansatz eines Lächelns, doch es misslang ihm völlig. Voller Scham rutschte sein Blick zur Seite, fiel auf eine Uhr, die über einem Regal mit Whiskeyflaschen hing. Sie stand auf halb neun Uhr. Der Schock traf ihn wie ein Schlag in den Magen.

„Geht die Uhr richtig?“, gelang es ihm erst auf den zweiten Anlauf, den Kellner, der den Schaum von seinem Bier in ein anderes Glas abgoss, zu fragen. Seine Stimme war so heiser, als hätte er eine Erkältung. Der Mann hinter der Theke sah auf und folgte dem Blick seines Gastes.

„Nein, natürlich nicht, die ist schon lange kaputt. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, wie spät …“ Er schob den Ärmel am linken Handgelenk in die Höhe.

„Aber nein, das ist nicht nötig“, warf der Gast eilig, fast panisch ein. Er klang so nervös und schuldbewusst, dass der Kellner seinen Gast misstrauisch abschätzte. „Ich wunderte mich nur…“, setzte er zu einer hilflosen Erklärung an. Eine Pause entstand. Die beiden sahen sich an.Kalvin kippte eilig den Weinbrand, dessen billige Schärfe in seiner Kehle kratzte. Der Schnaps gab ihm nicht die erwünschte Wärme, sondern erzeugte nur Sodbrennen. Er nahm sein Bier in die Hand und deutete in die abgedunkelte Ecke.

„Kann ich dort hinten sitzen?“ Der Kellner unterbrach seine wiederaufgenommene Lektüre nickend.

„Ich mache Ihnen Licht.“ Der Gast ging hinüber zu den Tischen; er machte dabei einen Bogen um die Penner. Ein Deckenlicht warf nun einen trüben Schein auf die drei Tische, an deren hinterem er sich mit dem Rücken zur Wand setzte. Hier saß Kalvin bequemer als an der Theke und fühlte sich sicherer. Er war in diesem Moment so erschöpft wie noch nie in seinem Leben. Er hatte den Drang, die Augen zu schließen und Ruhe im Schlaf zu finden. Mit den Knöcheln rieb er die Augen, bis sich auf den Pupillen der Schein von platzenden Ringen bildete. Dann beobachtete er mit schwerem Kopf die Reflex, die die eingetrockneten Alkoholränder auf der wackligen Tischplatte erzeugten. Sie tanzten bei jeder seiner Bewegungen für ihn. Ein scharf geschnittener Schatten schreckte ihn auf und für einen kurzen Moment wählte namenlose Panik in ihm. Hektisch versuchte er, seine Hand in die Tasche mit der Waffe zu schieben, doch er griff in der Aufregung vorbei.

„Wollen Sie noch ein Bier?“ Es war der Kellner, er stand gelangweilt vor ihm, ein leeres Glas in der Hand. Verblüfft hielt der Gast mit seinem Versuchen, die Pistole zu erreichen, inne und erkannte, dass es sein Glas war, in dem nur noch ein wenig Schaum stand. Wieviel Zeit war vergangen? Er konnte sich nicht erinnern, es leergetrunken zu haben. Sein Herzklopfen ließ nach, nur eine Kälte der Hände blieb von seinem Schreck. Er sah dem Kellner ins Gesicht und versuchte, sich zu sammeln. Der Kellner lächelte unverbindlich und hob fragend das Glas. Der Gast nickte.

„… und noch einen kleinen Weinbrand.“ Später fragte Kalvin sich, weshalb er nochmal einen Schnaps bestellt hatte; seine Zunge musste schneller als sein Verstand gewesen sein. Daher schob er das kleine Glas Alkohol, das ihm mit seinem Bier gebracht wurde, mit einer entschiedenen Geste von sich. Die Versuchung, sich zu betrinken, war groß, aber er durfte ihr nicht verfallen. Er nahm einen Schluck von dem Bier, dabei wurde ihm endlich wärmer, nur seine Hände blieben klamm. Sie fühlten sich wie etwas Fremdes an, wie etwas, das nicht zu ihm gehörte und nur widerstrebend seinen Befehlen gehorchte. Er wagte, für einen Moment die Augen zu schließen. Er hoffte, dabei nicht wieder einzuschlafen. Es tat ihm wohl und als er sie zitternd wieder öffnete, fühlte er sich zum ersten Mal seit Tagen sicher, viel sicherer als in seiner Wohnung, die sie kannten und wahrscheinlich abhörten. Hier hatte er den Rücken zur Wand, das Lokal vor sich. Niemand konnte ihm gefolgt sein, er hatte einen Schatten sicher abgeschüttelt, als er in der Straße plötzlich zu rennen anfing. Wahrscheinlich hatte ihn aber überhaupt niemand verfolgt, das hatten sie nicht nötig, denn sie waren seiner sicher, da sie ein Faustpfand hatten. Er würde pünktlich zur Urteilsvollstreckung erscheinen, das wussten.

Aber noch war Zeit, es blieben ihm noch einige Stunden, in denen er versuchen musste, Ruhe zu finden. Hier im Lokal hatte er die Gelegenheit dazu. Die letzten Tage waren ihm wie ein Alptraum erschienen, ein Strudel, der ihn immer schneller mit sich gerissen hatte, je näher er diesem Abend kam. Jetzt hatte er die Gelegenheit, sich diese Woche Tag für Tag in Erinnerung zu rufen, konnte nachprüfen, ob seine Entscheidung richtig oder ob er in seinem Verfolgungswahn einem Hirngespinst aufgesessen war. Er musste seine Handlungen und Gedanken sezieren und überprüfen, schließlich wusste keiner so gut wie er, wie man zu einem Problem die passende Lösung fand. Falls es eine gab. Er konzentrierte sich und erinnerte sich an einen Mann, der ihm mit sich selbst kaum ähnlich schien, einen Mann, der seine verbleibende Lebenszeit nach Jahrzehnten und nicht nach Stunden zählte. Er war wie alle einem billigen Betrug aufgesessen. Denn es gab keine Sicherheit, in keinem Moment des Lebens. Er erinnerte sich an Werner Kalvin. Wie fremd nun dieser Name klang. Eine Woche hatte genügt, ihn von sich selbst zu entfremden, alles zu zerstören, von dem er geglaubt hatte, dass es sein Leben war, sieben Tage nur.

[Zum 3. Teil …]

Das schwarze Urteil (Teil 1) – Kriminalerzählung

Der Magdeburger Verleger und Autor Robert Knorr restauriert seit geraumer Zeit in mühevoller Kleinarbeit die Archive seines verlagseigenen Forums Knorr von Wolkenstein, dessen Inhalte vor einigen Jahren durch einen Wechsel der Forensoftware beinahe völlig zerstört wurden. Von den meisten der von hunderten von Autoren eingestellten Texten, Gedichten, Rezensionen und teilweise harschen Kritiken besaß er nach dem Zusammenbruch dieses literarischen Forums nur noch eine unsortierte Text-Datei. Inzwischen hat er schon einiges aus den Jahren von 2000 bis 2005 – der Blütezeit des Wolkensteinforums – retten können. Da ich damals als Moderator und selbstverständlich auch als Autor am Wolkenstein-Forum mitarbeitete, tauchen nun plötzlich auch eine Menge meiner eigenen Texte und Kommentare dort auf. Der Nikolaus Klammer von vor fünfzehn Jahren lebt dort unverdrossen und quicklebendig weiter und es ist für mich manchmal ein sehr merkwürdiges Gefühl, meinem alten Ich dort zuzuhören. Ab und an entdecke ich dort Texte und Kommentare, Streitgespräche und Anmerkungen von mir, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann. Es fällt übrigens auf, dass es auf dem Wolkenstein-Forum beinahe noch ruhiger ist als hier bei mir auf dem Blog. Die Zeit, in der sich Autoren und Leser in Internetforen trafen, scheint vorbei zu sein. Ich frage mich, warum das so ist.

Auch an die Kriminalerzählung „Das schwarze Urteil“, die ich damals anscheinend direkt in dieses Forum getippt habe, war mir völlig aus dem Gedächtnis verschwunden. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr an den Text erinnern und besitze auch auf meinem Rechner keine Kopie mehr davon. Es war gerade für mich, als würde ich die Geschichte eines Fremden lesen, der zuviel Cornell Woolrich konsumiert hat. Sie ist wie vieles in jener Zeit ein Fragment geblieben und ich habe keine Ahnung mehr, wie ich die Erzählung beenden wollte – wahrscheinlich war es mein Plan, das Leben der Hauptfigur in 7 Tagen genüsslich auseinanderzunehmen. Ob die Geschichte – wie Robert meint – tatsächlich misslungen ist und heutzutage keine Leser finden würde, sei dahingestellt. Ich glaube, er hat durchaus recht. Da aber mein Blog „Aber ein Traum“ alle meine Texte versammelt, werde ich auch diesen „verlorenen“ leicht überarbeitet in den nächsten Tagen hier einstellen. Ob ich „Das schwarze Urteil“ jemals zuende schreiben werde? Ich glaube, eher nicht.

Das schwarze Urteil

Abwärts wend ich mich zur Nacht …

Letzter Tag:
Warten

Kalvin streckte den Arm nach vorne und gleichzeitig ging das Licht aus. Er ließ seine zitternde Rechte entschlusslos über dem Türgriff schweben, der ihm im Halbdunkel plötzlich wie eine zum Zustoßen bereite Schlange erschien. Kalvins Oberkörper beugte sich zurück, doch die Täuschung war nur kurz; sie war eine Warnung des Zufalls, die er kopfschüttelnd verdrängte. Seine Hand umschloss den Knauf, dessen Kühle ihm half, den Schrecken zu überwinden. Er atmete erleichtert auf und zwang sich, zurück ins Treppenhaus zu sehen. Er hatte diesen Blick vermeiden wollen. Bewusst hatte er eben, als er wie eine von einem Puppenspieler geführte Marionette die Stufen hinabstieg, unablässig nach vorn zur Haustür gesehen. Er hatte bei jedem Schritt die Angst gespürt. Wenn er sich umwände, würde er auf der Stelle kehrtmachen, die Treppe hinaufstürzen, zurück in die verriegelbare Sicherheit der Wohnung eilen. Doch nun fand er bei dem vertrauten Blick in das Treppenhaus nur Leere in sich. Er wusste jetzt: Die Wohnung dort oben, mit der er gewohnheitsmäßig Geborgenheit und Heim verband, sie war nicht mehr als nur ein Trug, ihr Schutz eine Illusion. Längst gab es keinen Ort mehr, an den er fliehen konnte. Denn dem Urteil konnte er nicht entkommen. Er nahm es mit sich. Sein Blick zurück zu dem, was noch vor einer Woche sein Leben gewesen war, war ihm die letzte Bestätigung.

Er öffnete die Haustür. Sie leistete dem Druck seiner Hand nur wenig Widerstand. Er sammelte Mut, dann ging ein paar Schritte hinaus und verharrte zusammenzuckend, weil er das Gefühl hatte, etwas vergessen zu haben. Eilig schob Kalvin eine Hand in die Jackentasche und berührte den gerippten Griff der kleinen Pistole, die seiner verstorbenen Frau gehört hatte. Wäre er nicht so nervös gewesen, hätte er das Gewicht spüren müssen, das die rechte Seite seiner Jacke herabzog. Die Waffe war jahrelang unbeachtet in einer Schublade gelegen; er selbst besaß keinen Waffenschein. Er hatte sie vorhin nach längerer, aufgeregter Suche gefunden, unbeholfen geladen und ausprobiert, ob sie überhaupt noch funktionierte, indem er ihren Lauf gegen ein Sofakissen richtete hatte. Während er abdrückte, wandte er den Kopf halb ab. Der Schuss war leiser, als er erwartet hatte, irgendetwas zwischen dem Knallen eines Sektkorkens und der Fehlzündung eines Autos. Die Durchschlagskraft der Kugel allerdings hatte ihn überrascht: Sie ging glatt durch das Kissen und die Sofalehne dahinter und steckte anschließend breitgedrückt halb im Parkettboden. Er erkannte, dass sie mühelos den Körper eines Menschen durchschlagen konnte. Dieser Gedanke ließ ihn schaudern und er schleuderte die Waffe angeekelt von sich. Später hatte er sie aber doch aufgehoben, gesichert und in die Jackentasche gesteckt.

Nun war Kalvin kalt; sein Atem stand als Nebel vor seinem Gesicht. Benommen schlug er den Kragen seiner viel zu dünnen Jacke hoch und sah sich zweifelnd um. In diesem Moment wusste er nicht, wer er war und wohin er sich wenden sollte. Er brauchte Hilfe, doch es gab keine für ihn. Im alles gleichmachenden Grau des Herbstabends waren viele Menschen unterwegs, sie hasteten nach der Wärme ihrer Heime. Kalvin bildete ein Hindernis, das ihren zielstrebigen Schritt verzögerte und für den Moment eines unwilligen Ausweichens aus dem Gleichmaß brachte. Qualm hing über dem Lärm der Autos, er drang aus den Auspuffrohren und den Gullis. Lichter tanzten auf Kalvins Pupillen; er machte sich nicht die Mühe, nach ihren Quellen zu forschen. Nun genoss er seine Bewegungslosigkeit, die ihn sich wie im Auge eines Sturmes fühlen ließ. Eine Frau stieß ihn an und in Bewegung, schob ihn mit einer gemurmelten Verwünschung in die richtige Richtung. Schnell war sie an ihm vorbei. Er schloss zu ihr auf und sah hinüber, auf ihr ausdrucksloses Profil. Er nickte entschuldigend, aber sie eilte, ohne einen Blick auf ihn zu verschwenden, davon. Einmal im Laufen ging er die Straße, wurde schneller, passte sich dem Schritt der anderen an. Er lief diesen Weg täglich, häufig sogar im Traum, aber nie war er ihm so sinnlos erschienen wie diesmal: Dass eine Straße zu einem Ziel führen muss, war nur ein Betrug; diese zumindest führte für ihn nirgendwo hin. Sollte er den Bus nehmen? Er sah auf die Uhr an der Haltestelle und biss sich zornig auf die Lippen. Was für einen Streich spielte ihm sein Unterbewusstsein! Er hatte doch nicht wissen wollen, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Hatte er nicht aus diesem Grund seine Armbanduhr oben in der Wohnung gelassen? Und dazu war es erst kurz nach fünf Uhr, noch war Zeit. Jetzt rannte er, floh, damit er nicht noch einmal hinauf sah, sich nicht von dem zielstrebigen Rundlauf der Zeiger fangen ließ. Er lief, ohne auf den Weg zu achten und schnell wurde ihm dabei wärmer. Über kurz empfand er Freude bei seinem Laufen, den gleichmäßigen, geschmeidigen Bewegungen seines Körpers, auf die er sich reduzieren konnte. Er überholte sich drehend und wendend die Passanten, die ihm nun ein Hindernis waren. Das war ein Spiel, an dem er Freunde hatte.

Doch schließlich machte er einen Fehler. Er bog in eine Seitenstraße, die sich kerzengerade durch ein menschenleeres Wohngebiet schnitt und verlor seine Freude mit der Hitze des Erschreckens, mit der ihm plötzlich einfiel, warum er rannte. Er wollte es nicht wahrhaben, erhöhte das Tempo, doch der Augenblick Ruhe, in dem er sich nur auf sein Laufen konzentriert und alles andere an Bedeutung verloren hatte, war verloren. Regelmäßig schlug der schwere Kolben der Pistole in seiner Tasche gegen den rechten Oberschenkel. Kalvin geriet außer Atem und blieb an einer Kreuzung stehen, um zu verschnaufen. Ein heftiger Schmerz stach in seine Seite. Ihm war, als würde sich eine gebrochene Rippe in den linken Lungenflügel bohren und er wusste doch, es war nur Seitenstechen nach dem Lauf. Vorsichtig atmete er ganz flach, näherte sich dem Schmerz, ohne sich mit ihm auf einen Kampf einzulassen. Er ärgerte sich, in den letzten Jahren keinen Sport mehr getrieben zu haben, dass er, seit er sein Studium beendet hatte, nicht mehr auf sich achtete, längst Fett ansetzte. Wie oft waren gute Vorsätze an der Trägheit gescheitert. Ein grünes Licht, das einen Stich ins Gelbe hatte, kam in seinen Blick, es war der vom Asphalt reflektierte Schein einer Neonreklame in einem Fenster neben ihm. Er wandte den Kopf. In dem Haus, gegen dessen Vorderfront er keuchend lehnte, war ein Lokal, das ihm noch nie aufgefallen war, obwohl er häufig durch diese Straße in der Nähe seiner Wohnung fuhr. Es war nicht die Art von Kneipe, die er sonst besuchte, wenn er ausging. Jetzt erschien sie ihm allerdings als eine Zuflucht, als der Ort, nach dem er gesucht hatte, als er die Straßen hinab gehetzt war. Sehnsüchtig sah er auf die zu einem Schriftzug geformten Neonröhren, die die unruhige, pulsierende Farbe in einem scharf begrenzten Lichtkegel auf den Asphalt gossen; aber für den Augenblick konnte er sich wegen der Überanstrengung noch nicht bewegen. Dann lachte er. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielte, wie fit er war, an diesem Abend, dessen heraufdämmernde Nacht er wahrscheinlich nicht überleben würde; als ob überhaupt noch etwas wichtig war außer der Vollstreckung des Urteils. Er umklammerte seinen Körper und nicht nur die Kälte ließ ihn zittern.

Er sah nach oben, die Hauswände empor, die sich ihm durch eine Täuschung seiner Augen zuneigten und erschrak. In vielen Fensterhöhlen brannte Licht, ab und an konnte er den Schatten eines Menschen sehen, der sich dort bewegte. Diese Lichtvierecke erschreckten ihn nicht, hinter diesen Gardinen gingen Familien ihren Beschäftigungen nach; Frauen kochten hinter beschlagenen Scheiben, Männer kamen von der Arbeit, lasen in den Wohnzimmern in der Zeitung oder sahen fern, Kinder spielten. Jemand stritt, der Ton zweier Stimmen kam ihm an die Ohren. Er wusste, morgen würde es dort oben wie heute sein, wenn er morgen hier stünde, würde er die gleichen Menschen die gleichen Dinge hinter ihren hellerleuchteten Fenstern tun sehen und wieder würde jemand streiten. Doch morgen… Was ihn erschreckte, waren die anderen Fensterscheiben, jene, hinter denen es so dunkel war, dass die Lichter der Straße in ihnen reflektiert wurden; sie schienen ihm wie das Schwarze in der Pupille eines vieläugigen Riesen. Durch diese Fensterlöcher glaubte er die Seele der Stadt zu sehen, die kein Erbarmen, sondern nur Neugierde kannte. Hinter ihnen wusste er Augen, die die Straße bewachten, eifrig auf der Suche nach einer Sensation und einem Menschen, der sich nicht so verhielt wie die anderen, einem wie ihm, der schwer atmend an einer Häuserwand lehnte. Auf ihn starrten Augen herab, bespitzelten ihn, jede seiner Bewegungen wurde belauert, ausgespäht; so viele Fensterschlünde waren es, so viele Augen. Jede Nacht hat diese Augen.

[Zum 2. Teil …]

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