Aber ein Traum …

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Ich bin eine Genrefigur

Liebe Familienmitglieder, Freunde und Bekannte! Liebe Leser meines Blogs!

Kennt ihr das Gemälde ‚Der Mittag’ von Caspar David Friedrich? Nicht? Aber ihr besitzt doch einen hoffentlich noch funktionierenden PC! – habe ich ihn euch nicht erst kürzlich repariert? Googelt das Bild bitte, es gibt gute Abbildungen dieses Kunstwerks im Internet. Und es lohnt sich, denn es ist ein schönes Bild. Habt ihr es gefunden? Fein. Ich sehe schon, ihr seid Profis … (1)

Schaut euch die Gruppe dunkler Kiefern da in der linken Mitte des Gemäldes an. Seht ihr einen Mann auf seinen Spazierstock gelehnt im Gras neben den Maulwurfshügeln stehen? Er ist recht klein und unauffällig. Dieser Mann in grüner Kleidung: Der bin ich. Man nennt mich eine Genrefigur.

Wundert euch nicht, wie ich da hinkomme – in ein Gemälde vom Anfang des 19. Jahrhunderts – aber da stehe ich schon immer. Stellt Euch nun weiter vor, jemand würde mich jetzt übermalen oder meinetwegen entfernt mich selbst mit einem Bildbearbeitungsprogramm. Ihr kennt euch ja aus; ich habs euch erklärt, wie es geht. Da wären nur noch diese weite, brandenburgische Landschaft, die feuchten Wiesen, ein paar Bäume und Büsche begrenzen den Horizont; auch der Wanderer links auf dem Weg hätte das Bild mit zügigem Schritt bereits in der Richtung seines mir unbekannten Zieles verlassen – wie leer und bedeutungslos wäre das alles, das Auge glitte ohne Anhaltspunkt über den Ölschinken, Achselzucken – langweilig! Würde es einen Laut machen, wenn nun einer der Bäume umfiele?

Bei den sieben oder acht Milliarden Individuen auf dieser unter ihrem Gewicht stöhnenden Erde muss es eben auch solche wie mich geben; Nebenfiguren, die niemandem weiter ins Auge fallen, von denen man sich auch nicht vorstellen kann, sie je zu vermissen – die aber eine wirbelnde und schwindelerregende, kaum erträgliche Leere hinterlassen würden, wenn sie fehlten. Die Welt wäre ohne mich unvollständig. Und dann wäre sie nicht mehr existent. Denn eine Welt, die nicht vollständig ist, kann es nicht geben. Sie wäre ein Widerspruch in sich selbst. Ich fülle also die entscheidende Lücke aus, an der die Welt auseinanderzuklaffen droht. Ohne meine Anwesenheit an genau diesem Ort würde alles zerreißen und untergehen. Ich bin der seidene Faden, mit dem Gott den Kosmos zusammengenäht hat; nur dafür hat er mich geschaffen.

Wenn das nicht alle Anstrengung wert ist, zu der ich schwacher Mensch fähig bin, dann, meine Freunde, nennt mir einen besseren Grund zu leben. Ich für meinen Teil habe keinen gefunden und verteidige daher mein Nichtstun und „faul in der Landschaft rumstehen“ mit aller Kraft; es ist das Lohnendste und zugleich Schwerste überhaupt; ich packe den Stier an den Hörnern und zwinge ihn in den Staub!

Reicht es da nicht schon, dass ich oft genug den ermüdenden Konventionen und Regeln folgen muss, die mir mein soziales Leben aufzwingt und mein für die Existenz der Welt so wichtiges Nichtstun sauer machen? Wenn ich also in die Arbeit gehe, einen Alltag im Rahmen meiner Rolle als Vater, Ehemann, Freund und Kollege ausfülle – an fünf, sechs Tagen in der Woche -, wenn ich mich schon der Anstrengung unterwerfe, mich zu waschen, zu schlafen, zu essen, die Zähne zu putzen, mich an- und auszuziehen, am Haushalt, dem Einkauf, dem Kochen und sogar noch am öffentlichen Nahverkehr und am Internet teilnehme – zumindest in aller Regel eben körperlich anwesend bin – wenn ich also all diese Dinge betrachte und noch tausend andere dazu (und ich habe noch überhaupt nicht diess zeitraubenden Textlein erwähnt, das ich eben schreibe), dann fühle ich mich von mir selbst getrennt und ausgehöhlt, verliere ich mich, habe ich das Gefühl, ich vernachlässige sträflich Gottes Auftrag an mich, eine untätige Genrefigur in seiner besten aller möglichen Welten zu sein.

Daher muss ich mir meine Freiräume durch Fluchten schaffen. Nur wenn ich konzentriert sitze – im Winter zumeist in meinem Zimmer oder in einem Café, im Sommer in einem Park oder auf meiner Gartenterrasse (ein Biergarten ist auch nicht übel) – und angestrengt nichts mache, was eine auslaugende, herausfordernde Yoga-Übung ist, Tantra in höchster geistiger Vollendung, nur dann fühle ich mich geborgen, identisch, echt. Manchmal, wenn meine Augen vom Sehen gefüllt sind, kurz bevor sie sich ermattet zum erholenden Schlafe schließen, gelingt es mir, mein Empfinden in ein paar Gedichtzeilen zu fassen oder – seltener – einen Text wie diesen zu beginnen, falle dann aber bald beglückt in einen leichten und traumlosen, dabei erfrischenden Schlaf, der mir die Kraft schenkt, meine schwere Aufgabe weiter zu bestehen.

Da seht ihr mich in diesem Sommer an der österreichisch-slowakischen Grenze bei meiner wichtigen Arbeit als Genrefigur.

… und jetzt genieße ich den frühen Herbst und fahre für ein paar Tage zum Wandern ins hoffentlich nicht allzu verregnete Allgäu. Ich habe vom Herrn für diese wundervolle Woche eine Aufgabe erhalten und die muss ich erfüllen!

Warum sitzt du eigentlich noch auf deinem Sofa und liest diesen Text? Auf geht’s! Die Welt wartet …

(1) … nicht gefunden? Na, es ist kein Meister vom Himmel gefallen. Hier ist ein Link: Der Mittag.

Schreibweisen (Rewind)

Anmerkung Juni 2014:

Mein Blog läuft nun seit über einem Jahr. Als ich im Mai des vorigen Jahres mit ihm begann, wollte ich erst einmal vorstellen und meine Arbeitsweisen als Autor erläutern. Es entstand unter anderem der Artikel Schreibweisen (I), dem nie ein Schreibweisen (II) folgen sollte. Im heute noch einmal hochgeholten Artikel erzählte ich, dass ich meine Texte in aller Regel zuerst handschriftlich fixieren und sie dann erst in den PC übernehmen und erst viele Male überarbeiten würde, bis ich sie dem „Publikum“ präsentiere.

Das ist freilich nicht immer der Fall. Eigentlich mache ich das momentan nur bei „Aber ein Traum“. Dadurch hat der Roman etwas Künstliches und Konstruiertes, mit dem ich gerade etwas hadere. Das auf der anderen Seite aber genau zu dieser Art von Geschichte passt.

Meine Blogartikel schreibe ich jedoch in aller Regel direkt in den Computer und überarbeite sie dort. Das mache ich ebenso mit dem Geltsamer und der Brautschau. Dadurch sind die Versionen, die im Blog erscheinen, meist noch ungeschliffen und rau. Erst wenn ich sie für die Texteseite zusammenfasse und noch einmal überarbeite, nähern sie sich ihrer endgültigen Form an.

Woche für Woche lasse ich mich von den regelmäßigen Erscheinungsterminen dieser Geschichten jagen, die ich mir selbst auferlegt habe. Ich bin der Veröffentlichung immer nur kurz voraus und manchmal nicht einmal das. Die Texte mit dem Arbeitstitel „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ entstanden anfänglich aus der Laune, kurze, spontane Geschichten zu eigenen, nachträglich verfremdeten Fotos zu schreiben. Doch bald wurde daraus etwas anderes, größeres: „Geltsamer“ hat sich inzwischen  zu einem veritablen und bereits recht umfangreichen Romanprojekt entwickelt, dessen erstes Kapitel, die geheimnisvolle Geschichte um die Tropenärztin Helena Kuiper, demnächst hier vollständig zu lesen und auch als E-Book downloadbar ist (Ich werde beim E-Book auch auf die extravagante Schriftart verzichten, die ich hier im Blog verwendet habe. Die haben einige kritisiert, weil sie schwer lesbar sei). Danach folgen im 2. Kapitel die Abenteuer von Sebastian Kerr im Berlin des Jahres 1929, dessen Leben auf seltsame Weise mit dem der brasilianischen Ärztin und ihrem Geheimnis verknüpft ist. Davon habe ich bereits die zwei anfänglichen Abschnitte gebloggt (Hier und hier).

Auch meine Textreserve bei „Brautschau“, das ich eilig als Ersatz für den an der Dickköpfigkeit des Autorenteams gescheiterten „Heimat-Grusel-Ärzte-Romans“ jeden Dienstag hervorkrame, war mitten im fünften Kapitel Anfang dieses Jahres erschöpft. Bis dahin hatte ich diesen Text geschrieben, als ich 24 Jahre jung war; inzwischen bin ich mehr als doppelt so alt. Ob man wohl dem Roman einen Bruch anmerkt? Seit dem 6. Kapitel jedenfalls entstehen die Fortsetzungen zu „Brautschau“ Woche für Woche. Und das ist auch der Grund, aus dem der Prolog erst jetzt erscheint. Weil ich ihn erst jetzt schreibe.

Und da funktioniert die Schreibweise des handschriftlichen Aufsetzens in der gemütlichen Umgebung eines Caféhauses einfach nicht. Und deshalb braucht „Aber ein Traum“ viel Zeit…

*

 

Ich schreibe an „Aber ein Traum“ seit mehreren Jahren.

Am Anfang kommt die Handschrift.

Das hat zwei Gründe:
Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren!

Ich schreibe handschriftlich nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Manuskriptseite mit dem Entwurf von Waldeschers erster Geschichte

Meine eigene Dummheit (Rewind) oder: Wie schnell doch so ein Jahr vergeht…

Da mir heute endlich die Handwerker mit einer neuen Tür ins Haus gefallen sind (kaum drei Monate darauf gewartet…) und gerade mit viel Lärm und metallisch beißendem Gestank das alte Aluminiummonstrum aus seinem Rahmen fräsen, fehlt mir heute die Muse (Muße?) und Ruhe, einen neuen Artikel zu schreiben. Deshalb gibt es heute Aufgewärmtes, einen „Freitagsaufreger“ vom 07. Juni des letzten Jahres, in dem ich erläuterte, wie es dazu kam, dass ich eine neue Haustüre benötigte, weil ich die alte in einem Akt von unfreiwilligem Vandalismus irreparabel beschädigte und meine Katze endlich einen eigenen Eingang braucht. Im Moment stellt sie sich noch jammernd und kratzend vor eine Tür, wenn sie rein und raus will und das soll anders werden.

Amy (die Katze) trägt inzwischen einen in den Nacken implantierten Chip, der einen Code aussendet, der sie für PETA und die NSA überall auffindbar macht und mit dessen Funkwellen sich die Katzenklappe automatisch für sie öffnet.  Wie das Ganze funktioniert, habe ich nicht vollkommen verstanden; es ist eine moderne Form des all inclusive-Armbändchens. Es soll nämlich nur Amy (und die diversen Mitbringsel, die sie dabei hat) ins Haus an ihr Futter und ihren bequemen Schlafplatz lassen und nicht irgendeine andere Katze, von denen in der Gegend einige herumspazieren. Auch Marder und Waschbären sollen draußenbleiben.

Jetzt muss Amy nur noch kapieren, dass sie durch die schmale Klappe ins Haus kann. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen meine Freizeit vor der Öffnung gekauert verbringen und mit der heißgeliebten Katzen-Bifiwurst wedeln, um sie zu locken. Denn ich will demnächst mit Frau Klammerle in den wohlverdienten Urlaub fahren und dann soll Amy allein ein- und ausgehen können und mutig das Haus bewachen.

Amy7

Wird diese Katze clever genug sein, die Sache mit der Klappe zu verstehen?

Wir werden sehen und ich werde demnächst hier darüber berichten. Meine alte Tür wird übrigens in mein privates DOOR-ART-Museum im Keller kommen, in dem ich schon diverse Schranktüren, eine alte gußeiserne Ofentür, eine kaputte Küchen-, und eine überflüssige Wohnzimmertür exponiere. Es ist zwar etwas eng, aber diverse alte Stühle und anderer Sperrmüll sorgen dort für Gemütlichkeit.

Aber nun zum Freitagsaufreger:

*

Meine eigene Dummheit.

Sie ist manchmal grenzenlos. Ich will nicht viele Beweise anführen, um diese These zu verifizieren, denn ich möchte heute für diesen Artikel nicht die Proust-Medaille für ausschweifendes Erzählen erhalten. Fremdschämen und Schadenfreude sind nur als Fast-Food bekömmlich. Außerdem ist mir das alles wirklich peinlich und ich will niemanden mit sattsam Bekanntem belästigen – denn jeder kennt die Dummheit aus eigener Anschauung.

Ich folge hier einem Themenvorschlag von Frau Klammerle, ich solle doch mal über meine geistigen Unzulänglichkeiten schreiben.

Nehmen wir daher nur einmal die letzten Tage. Vorgestern entschloss ich mich unter konsequenter Umgehung des Gehirns spontan, alle Regeln des örtlichen GUV zu missachten und schnell mal mit der Standbohrmaschine ein Loch in einen Metallstreifen zu bohren, ohne diesen im Maschinenschraubstock vorher gesichert zu haben – tausendmal gemacht: Nie ist etwas passiert. Selbstverständlich wurde mir das Metall diesmal aus der Hand gerissen, rotierte mit 1650 rpm wie ein Hubschrauberrotor um den Bohrer. Seither kann ich nur noch mit den Fingern der rechten Hand tippen, da von den linken ein paar entscheidende Teile weggesäbelt wurden (Ich verzichte auf eine Illustration).

Gestern Vormittag nun ging ich frohgemut aus dem Haus – Pflaster kaufen und in die Arbeit fahren – und zog die Tür hinter mir zu. Sie ahnen es schon: Ich hatte mich selbst ausgesperrt. Der Sohn war in der mündlichen Prüfung, die Frau in der Arbeit, ein Handy besitze ich aus Prinzip nicht und ein dringender Termin wartete ungeduldig. Deshalb bin ich bei mir selbst eingebrochen. Ich versuchte es zumindest. Die Zahl der Einbruchsdiebstähle ist in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen, 140.000 Brüche im Jahr, aber wann ist schon ein Einbrecher in der Nähe, wenn man mal einen braucht?

Nach einer schweißtreibenden Weile (ja, der Sommer ist zurückgekehrt) gelang es mir, das Blech am alten Briefkastenschlitz mit Hilfe eines Besenstiels ein stückweit wegzubiegen, damit ich durch dessen Öffnung nach innen langen konnte. Was erzähle ich noch: Der Schlitz war zu klein, die Finger steckten fest – natürlich (ja, natürlich) die der linken Hand, deren Wunden wieder aufplatzten und in die Wohnung bluteten. Inzwischen standen auch schon zwei besorgte Nachbarn parat und hatten gute Ratschläge; in meiner Wohngegend macht man nie etwas unbeaufsichtigt. Deshalb wird hier auch wahrscheinlich auch so selten eingebrochen.

Dann öffnete die Nachbarin von Nebenan ihre  Tür, beunruhigt wegen des Lärms bei mir. Als ich ihr meine Lage schilderte, fragte sie erstaunt, warum ich nicht meinen Hausschlüssel benutzen wolle, den ihr Frau Klammerle für solche Fälle zum Aufbewahren überreicht habe.

Genug!

Unsere alte, hässliche Alu-Türe, die Winters innen eine Eisschicht bildet und sich im Sommer so verzieht, dass man sie mit einem Ruck aufstemmen muss, schließt nach meinem dilettantischen Heist-Movie noch immer hervorragend, aber sie ist leicht lädiert und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, sie demnächst durch eine neue Tür zu ersetzen; am Besten gleich eine mit Katzenklappe, damit Amy ihr halblebendiges Spielzeug mit in die Wohnung nehmen kann.

Dabei ist mir aber die Idee zu einer neuen Kunstrichtung gekommen:

DOOR-ART!

Man braucht außer dem Medium (der Tür) nur noch einen stabilen Besenstiel, eine vom Nachbarn entliehene Kombizange und eine angstfreie, schmerzresistente Künstlerseele und kann interessante Kunstwerke mit einer Botschaft gestalten (paint it bloody red, Türen, die trennen, ein- und ausgrenzen, Knockin‘ on Klammers door, die Grenzen überwinden, das Nord-Süd-Gefälle, der Mann als Irrtum der Natur, doorway to heaven usw., usf. Mir schwirrt der Kopf vor Ideen!) – und das Ganze an der eigenen Haustüre. DOOR-ART! Die Kunst kehrt heim.

doorart

But a dream (Rewind) – Ein Jahr „Aber ein Traum“

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr, am 3. Mai 2013, begann mit dem folgenden Artikel mein Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden und – welch kühner, naiver Gedanke – vielleicht einen Verlag finden zu können…

Nun, aus diesem Traum bin ich erwacht. Nach einem Jahr fasse ich nüchtern zusammen: Niemand interessiert sich für meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In dem Jahr habe ich 280 Einträge erstellt, jede Woche etwas neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, 16 Kurzgeschichten, 32 „Freitagsaufreger“, 27 „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, ein Theaterstück und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, viele Glossen und Momentaufnahmen, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 300 eigene Fotos eingebunden.

Heute beginnt mein zweites Blogjahr. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen…

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren – es gefiel mir deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum… Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das erste Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Der Freitagsaufreger (I): „Da bin ich ganz bei Ihnen…“ (Rewind)

Heute gönne ich mir (und meinem Leser) einen kleinen Rückblick auf meinen allerersten Freitagsaufreger, eine kurze, zugegebenermaßen sanfte Kritik an der Politikersprache. Damals, am verregneten 17. Mai des letzten Jahres, hatte ich noch nicht geplant, mich Woche für Woche freitags ‚aufzuregen‘. Aber mein Alltag wollte es anders: Inzwischen habe ich mich schon über dreißigmal ereifert.  Um auch hier einmal meinen Lieblings-Goethe zu zitieren: „So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja zu sein, wie jene, die wir stolz und kühn verachten konnten.“

Die Motivation für den Erstling war simpel: Ich hatte am Vorabend einen Polittalk gesehen und war gefühlte einhundertmal über den Satz: „Da bin ich ganz bei Ihnen!“ gestolpert, den Politiker und Prominente jeder Couleur immer dann einstreuen, wenn sie besonders volksnah jemandes Meinung für ihre sinistren Zwecke vereinnahmen wollen.

Mit diesem ersten Aufreger sind ein paar Erkenntnisse verbunden: Es ist mir nicht gegeben, politische Satire zu schreiben. Das können andere viel, viel besser als ich. Auch hier macht die Übung den Meister. Der Aufreger unten mag zwar rührend, aber vergeblich um Originalität bemüht sein, aber er ist unscharf und holprig formuliert. Bei einem Leser mehr als ein gutmütiges Schulterzucken zu erwarten, wäre Hybris.

Außerdem fehlt ein Foto. Im Internet sollte jeder Text von einer Illustration begleitet sein, wenn er Aufmerksamkeit erregen will. Was auf dem Foto zu sehen ist, muss nicht im Zusammenhang mit dem Inhalt stehen; ein Foto von einem Säugling oder meiner Katze reicht vollkommen aus, ganze Webseiten leben davon. Immerhin ist der Aufreger unten ganz kurz. Das kann ich nicht von jedem meiner Blogartikel sagen, denn ich leide häufig unter Sprach-Diarrhoe und schaffe es selten, unter 800 Wörtern zum Punkt zu gelangen.

 Trotzdem begann mit dem ersten Freitagsaufreger etwas und er ist bei Kollegen, Freunden und meiner Familie die beliebteste Kolumne. Inzwischen sind die Texte ja zu einer ganz netten Sammlung angewachsen und ich plane, sie überarbeitet als ein kleines E-Book zusammenzustellen und meinen ‚Followern‘ zu meinem einjährigen Blogjubiläum zu schenken.

 *

 Da bin ich ganz bei Ihnen…“

Wer hat eigentlich als erster diese blödsinnige und vollkommen sinnfreie Formulierung aufgebracht, die sich gerade unter Politikern wie eine Seuche verbreitet hat? Bei den Liberalen hat jene unterirdische Formulierung inzwischen epidemische Züge angenommen, aber auch die Damen und Herren der anderen Parteien sind eifrig dabei, sich anzustecken.

Dieser „Un-Satz“ kann erst ein paar Jahre alt sein, aber er ist wie eine Zecke. Inzwischen findet keine Talkshow und keine Podiumsdiskussion mehr statt, in der nicht mindestens fünfmal dieser Satz auftaucht.

Der Thesaurus bietet so viele Möglichkeiten: „Ich stimme Ihnen zu.“ – „Ich teile Ihre Meinung.“ – „Ich verstehe Sie.“ – „Wir sind uns einig.“

Aber: „Da bin ich bei Ihnen…“ und das auch noch ‚ganz‘? Soll das jung, dynamisch, cool sein? Es ist gleichzeitig arrogant und hochnäsig, dabei schleimig anbiedernd. Die tatsächliche Bedeutung ist deutlich mitzuhören, obwohl das anscheinend kein Politiker wahrhaben will: „Ich stimme dir mal besser zu und halte mit dir symbolisch Händchen, dann beruhigst du dich und findest mich nett. Aber eigentlich ist mir vollkommen egal, was du sagst.“

Wenn ich so angesprochen werde, fühle ich mich so unwohl, als ob ich mit einem Fremden konfrontiert bin, der in meinen privaten Raum eindringt und zu nah an mich herantritt. Ich will nicht, dass jemand außer meiner Familie und meinen besten Freunden mir so nah kommt – ich bin ja selbst nur ganz selten bei mir.

Meist bin ich außer mir. Vor allem, wenn ich diesen Satz höre.

 

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Wie gesagt – das Foto hat nichts mit dem Text zu tun – aber ist sie nicht süß?

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