Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Die dicken Bücher und ich

Obwohl ich mich selbst als eher langsamen Schreiber bezeichnen würde, heißt es ja immer wieder, ich sei ein „Vielschreiber“. Staple ich meine bislang veröffentlichten Bücher übereinander, ergibt das einen doch recht beachtlichen Turm, den ich in diesem Jahr um noch mindestens zwei geräumige Stockwerke erhöhen will.

Ich bin jedoch nur ein kleines Licht gegen andere und ich frage mich ernsthaft, wie es jemandem gelingen kann, tausendseitige Romanmonster zu schreiben; wie er seinen Alltag und sein privates Leben organisiert und vielleicht nebenzu noch einen Brotberuf ausübt und trotzdem fette Bücher schreiben kann. Ein paar Beispiele:

Die Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen (!) Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl benötigte, ihn ohne Laptop oder Schreibmaschine niederzuschreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden so viele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade aktuell verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac verzichtete auf Schlaf, hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete täglich 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckereien. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenzund eine schier unüberschaubare Anzahl an Kurzgeschichten hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllen. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen oder Netflix; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

Manuskript2

Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

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(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, deren Kreative sich nicht entblödeten, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, den Namen der „Autorin“ zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Ausgerechnet! Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

Freitag, 05.04.19

Freitag, 05.04.19

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, wie sehr ich diese doofen Aufkleber, die sich nie restlos vom Cover entfernen lassen, auf neuen Büchern hasse? Als ob ich ein Buch kaufen würde, nur weil es ein „Spiegelbestseller“ ist, neu verfilmtwurde oder angeblich von Stephen King empfohlen wurde!

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Mir ist vor meinem Bücherkauf (1) übrigens etwas für mich ganz Ungewöhnliches passiert. Wahrscheinlich werde ich langsam alt und dement. Wer meine Gedankensplitter regelmäßig liest, wird vielleicht wissen, dass ich ab und an zu diesen Caféhaus-Schreibern gehöre, die sich in eine Ecke des Lokals setzen, eine Lesebrille mit dicken Gläsern aufsetzen, ihr Moleskine und ihren bevorzugten Stift zücken und ihre Kopfgeburten unter indignierten (2) Aufsicht eines Publikums entwerfen. Schließlich ist Schreiben die einsamste Beschäftigung von der Welt und im Café ist man dann wenigstens nicht alleine dabei. Angesprochen wird man übrigens äußerst selten. Die Leute haben eine gewisse Scheu und Respekt vor Schreibenden und halten, auch wenn sie neugierig herübersehen, Abstand. Ein weiterer Vorteil ist: Sucht man eine Inspiration, dann zieht man die Brille von den Augen, sieht sich um und lauscht auf das Gespräch am Nebentisch. Schon sprudeln die Ideen.

Heute war ich nun im Stadtcafé in Augsburgs Bücherei, wo ich zuerst vergebens nach einem Wander- und Radtourführer für das Altmühltal suchte. Ich setzte mich ans Fenster mit Blick auf den geschäftigen Stadtmarkt, bestellte einen Milchkaffee und wollte weiter am 4. Teil des Geltsamer schreiben, dessen nächstes Kapitel ich schon vollständig im Kopf, aber noch nicht zu Papier gebracht habe und inzwischen damit etwas in Verzug geraten bin. Doch ich hatte meine Stiftebox vergessen – ausgerechnet! Das ist mir noch nie passiert. Weder in meiner Umhängetasche, noch in meiner Jacke war ein Schreibwerkzeug. Das ist für mich, als würde ich ohne Schuhe aus dem Haus gehen. Also stürzte ich den Café au lait brühendheiß hinunter, zahlte beim freundlichen, aber ob meiner unbotmäßigen Eile etwas konsternierten syrischen Kellner und raste auf direktem Weg ins nächstgelegene Schreibwarengeschäft, um mir meinen einhunderttausendsten Bleistift zu kaufen. Ist es jetzt auszeichnungspflichtige Werbung und bin ich ein Influenzer, wenn ich hier erwähne, dass mein Lieblingsstift der „Grip Matic 0.7“ von Faber-Castell ist, den man nie spitzen muss? Der liegt auch wesentlich besser als die anderen in der Hand. Von dem habe ich ungefähr fünf oder sechs verschiedene Exemplare griffbereit zuhause herumliegen. Der Härtegrad der Mine ist übrigens von der Qualität des Notizbuchs abhängig. Je besser das Papier, umso härter die Mine, die ich benutze.

Schuld war übrigens mal wieder Amy, die Katze, die eine putzmuntere Feldmaus in die Küche schleppte und sie dort entkommen ließ. Durch die – bisher erfolglose – Jagd auf den flinken Eindringling habe ich meine Arbeitsutensilien vergessen, als ich noch aufgewühlt in die Stadt aufbrach. Aber die Falle ist aufgestellt!

Erschöpft von der Jagd. Betrachtet man die Fotos von meiner Katze auf diesem Blog, kann man den Eindruck bekommen, sie würde fast immer schlafen. Dieser Eindruck ist richtig.

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(1) Leonardo Padura, Joel Dicker und Pierre Bost; die drei sind meine Osterurlaubslektüre – falls Frau Klammerle nicht schneller ist und mir diese Bücher vor der Nase wegschnappt.

(2) Laut Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1905 ist Indignation der „ gerechte Unwille über eine unwürdige, vom sittlichen Gefühl verurteilte Handlung.“ Das wollte ich nur mal anmerken.

Dienstag, 02.04.19

Dienstag, 01.04.19

In den letzten Wochen haben sich einige neue Besucher auf meinen Blog verirrt und folgen ihm nun aus dem einen oder anderen Grund, der mir wie immer verschlossen bleibt. Das setzt mich bei dem einen oder anderen meiner neuen Follower, die ich hiermit herzlich auf meinen Seiten begrüßen möchte, durchaus in Verwirrung, wenn ich dann neugierig die Inhalte ihrer eigenen Blogs studiere.

Neu hinzugezogen …

Nichtsdestotrotz hoffe ich, ihr fühlt euch hier wohl. Seht euch um, ihr dürft alle Schränke aufmachen und alles anfassen. Fühlt euch wie zuhause! (1)

Würde ich mir selbst folgen, wenn ich durch Zufall auf meinen eigenen Blog stoßen würde? Wahrscheinlich nicht. Zum einen kenne ich ja meine eigenen Gedanken auswendig und führe nur dann mit mir selbst Gespräche, wenn ich einmal ein Rededuell gewinnen möchte. Nur selten gelingt es mir, mich selbst zu überraschen und meinen teils endlosen und oftmals reichlich abstrusen Monologen würde ich nicht zuhören wollen. Zum anderen ist Nikolaus Klammer schon ein wenig autistisch veranlagt und mir eigentlich gar nicht mal so sonderlich sympathisch. Er ist schon ein merkwürdiger Kerl. So richtig wird man mit ihm nicht warm und kommt auch nicht an ihn ran. (2) Eines ist sicher: Je mehr Worte er macht, um so mehr verschwindet er hinter ihnen; als ob seine Texte eine Mauer oder eine Rüstung sind, hinter der er sich verbirgt und beschützt. Zudem pflegt er seinen Leserstamm nicht, dieser eitle grumpy old man. Er schreibt selten oder nie Kommentare unter anderer Leute Blogs – auch wenn er sie viel liest -, und ist noch knausriger mit den nichtssagenden „Gefällt mir!“, die andere so großzügig verteilen wie unverbesserliche Impfgegner ihre todbringenden Viren auf einer Masernparty (Was ausgesprochen dämlich und verbrecherisch ist – die Masernpartys, nicht die „Gefällt mir!“ natürlich).

Was mich in diesem Zusammenhang zum Nachdenken bringt, ist die Blogstatistik von „Aber ein Traum“, die nachweist, dass meine leicht dahin geschriebenen und keinerlei literarischen Anspruch erhebenden Gedankensplitter viel häufiger gelesen, kommentiert und gelobt werden, als meine Literatur, wegen der ich eigentlich diesen Blog führe, um Werbung für sie und mich als Autor zu machen. Es hat auch so gut wie nie einer meiner inzwischen 150 Follower ein Buch von mir erworben – auch nicht „Noch einmal davon gekommen“, in dem ich die Gedankensplitter der ersten fünf Blogjahre gesammelt habe. Niemanden habe ich bisher persönlich kennengelernt. Ihr bleibt mir also alle ein unlösbares Rätsel, ihr Menschen, die ihr meine Seite besucht und mir folgt. Ihr seid für mich wie die Schatten von Gespenstern, die um mich schweben, die ich aber nicht greifen kann.

Nur noch ein paar Tage, dann platzen bei meinem Kirschbaum die Blüten auf – und ich habe wieder lauter fotografierende Japaner im Garten.

 


(1) … aber achtet bitte auf meine Urheberrechte.

(2) Tatsächlich empfinde ich Blogs, in denen sich Leute allzu sehr entblößen, als unangenehm und peinlich. Es bereitet mir fast körperliches Unbehagen, wenn jemand sein Innerstes hervorkramt und vor mir ausbreitet, mich zum sezieren und begutachten einlädt. Und ganz ehrlich: Es interessiert mich auch nicht. Da ich denke, dass es anderen auch so geht, halte ich immer einen gewissen Abstand, auch zu mir selbst. Wer mein Seelenleben kennenlernen will, findet es überreichlich in meiner Literatur – selbstverständlich verschlüsselt und verallgemeinert, in Hegelschem Sinne „aufgehoben“. Ich bin nicht Nikolaus Klammer, aber Nikolaus Klammer ist „Ich“.

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