Aber ein Traum …

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Freitag, 05.06.20 Ein neuer Titel – ein neues Buch

Freitag, 05.06.2020

Ein verregnetes Wochenende hat durchaus auch seine Vorteile. Man fühlt sich nicht verpflichtet, den Sonnenschein auszunutzen und unbedingt etwas zu unternehmen. Der Garten gießt sich selbst, Frau Klammerle zerrt mich nicht aufs Rad oder Schusters Rappen, um gemeinsam unsere Schwäbische Heimat zu erkunden (1). In diesen Tagen kann ich endlich mal im Schlaraffenland meiner Literatur hausen, nachdem ich den Griesbreirand durchfressen habe, der im Ausfüllen der insgesamt 25 Seiten Witwenrentenformulare bestand, die ich als neuer Betreuer meiner dementen Mutter abzugeben habe.(2) Bin ich eigentlich der einzige, der diese Arbeit zum Kotzen findet und bei manchen der Auskünfte, die eingefordert werden, einen Tobsuchtsanfall erleidet? Davon mal abgesehen, dass ich das entsetzliche Beamtendeutsch nur so ungefähr und manches überhaupt nicht verstehe, anderes widersprüchlich ist … Die Hölle, stelle ich mir vor, besteht nur aus Formularen und Beamten, die nicht kapiert haben, dass sie nur meine Dienstleister sind. Schließlich bezahle ich sie gut dafür. Nein, diese kleinen Götter halten mich, der ich zum ersten Mal solch einen Antrag ausfülle, grundsätzlich für doof oder zumindest für einen Betrüger, der sich absichtlich dumm stellt.

*

Ich habe also viel Zeit, um nachzudenken. Ein Konstruktionsfehler meines 1. Brautschauromans »Meister Siebenhardts Geheimnis« war es, ihn mit einem einhundertfünfzigseitigen Prolog beginnen zu lassen, der etwa 30 Jahre vor der Haupthandlung spielt und praktisch erst am Ende des Buchs wieder eine Rolle spielt. Viele Leser fanden, ich hätte zwei unzusammenhängende Romane zusammengeklebt. Für den 2. Brautschauroman »Faiabas Erwachen«, an dem ich gerade arbeite, hatte ich eine ganz ähnliche Struktur geplant. Diesmal sollte der Prolog sogar 5880 Jahre vorher spielen und erzählen, wie die Welt von Brautschau wurde, wie sie ist. Ich bin gerade dabei, eine frühe Version dieses „Kapitels“ hier zu bloggen. Doch ich glaube inzwischen, dass es besser wäre, aus diesem Anfang, der übrigens im Gegensatz zum Rest der fantasy– und märchenlastigen »Brautschau«-Saga vollständig im Science-fiction-Genre angesiedelt ist, ein eigenes Buch zu machen. Es soll »Mánis Fall« heißen und von den letzten Tagen unserer Zivilisation berichten.(3) Ich denke, den Roman noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.

Dies ist nun der erste Entwurf des Titelblatts. Wie gesagt, habe ich an diesem Wochenende Zeit für solche Spielereien. Wie gefällt es euch?

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(1) In den letzten Tagen hatten wir Urlaub, den wir ja – wie wir vor der Pandemie geplant hatten – eigentlich in einer Ferienwohnung im Herzen des Burgund verbringen wollten. Daraus wurde nichts. Deshalb eröffneten wir unsere Biergartensaison, kochten Spargel, tranken Burgunder und radelten im Aichacher Hinterland und ein Stück des Illerradwegs, erstiegen im Ries den »Zeugenberg« Ipf und wanderten im Ostalpkreis durch das Ugental. Ach, süße Heimat, was bist du so schön … (Wir wären trotzdem lieber in die Bourgogne gefahren)

(2) Und neben mir liegt noch ein Stapel von Formularen, die ich noch erledigen muss; fast täglich kommt ein neues dazu. Ich soll sogar die Einkommenssteuererklärung für meinen verstorbenen Vater machen!

(3) Máni ist übrigens der Name der Mondgottheit in der nordischen Mythologie. Am Tage des Weltuntergangs (Ragnarök) wird der Mond von dem Wolf Mánagarmr verschlungen und das dabei verspritzte Blut wird die Sonne verdunkeln.

Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Alle Jahre wieder …)

andechs2

Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs wildromantische Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen. (Ha! Was für ein Satz! Nehmt dies!)

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster aus dem 15. Jhd. ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock, Votivtafeln und Schlangen vor den Toiletten steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des sehenswerten Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring (ja, genau, die brauen ebenfalls Bier) und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen ordentlich markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden bis 2 Stunden (8 km) an schängelnden Bächen entlang, durch lichte Wälder und über Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert. (Man kann auch kurz steil über den Tobel absteigen, auf der anderen Seite hinauf und kommt dann am Klostergarten vorbei zur Wallfahrtskirche hinauf.)

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen, gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den geschäftigen und lärmigen Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben und die Glückseligkeit, am Leben zu sein.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt …

 

*

Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske (ha!) bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

Andechs

*

Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne, den Mücken und den Zecken aussetzen, gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

*

Ergänzung 2018 Falls es einen Himmel gibt und ich tatsächlich – was ich bezweifle – das unverdiente Glück habe, dort anzukommen, hoffe ich, dass es dort in Ewigkeit immer gleich bleibt; sich nichts ändert. Eine Vorschau auf dieses Paradies bietet der Fußweg von Schloss Seefeld nach Kloster Andechs, auf dem ich gestern mal wieder genusswanderte. Hier ändert sich niemals etwas. Auch wenn man ein Jahr mal auf die Wallfahrt verzichtet hat, kennt man doch jede knorrige Buche, alle in den Weg ragenden Wurzeln und jede Matschpfütze. Ich habe sogar das Gefühl, es sind sogar die gleichen Insekten und Vögel, denen ich auf den Wegen begegne. Menschen sieht man hier nur selten. Alles war wie immer und alles war schön. So soll das sein.

Herauszuheben ist unbeding noch die italienische Eisdiele, die auf dem Heimweg einen kleinen Abstecher nach Innig lohnt.

 

 

Am Wegesrand (XVII): Mosel abwärts

Mein Argument war schwach, aber es kam von Herzen:

„Aber … Italien!“

Doch Frau Klammerle blieb hart:

„In diesem Jahr machen wir Urlaub in Deutschland.“

Punkt. Und zwar nördlich der Donau; in jenen von der römischen Kultur unberührten und barbarischen Landschaften jenseits des Limes, die ich nur betrete, wenn ich dazu gezwungen werde. Nicht nur geografisch liegen mir die Alpenländer und Rom viel näher – auch klimatisch, kulinarisch, literarisch, landschaftlich und – nicht zuletzt – seelisch.

Dort hinauf will ich eigentlich nicht, in die kalten, düsteren Wälder des Nordens, in die schwindsüchtigen Mittelgebirgslandschaften, von denen ich mich schon als Kind weigerte, ihre Namen auswendig zu lernen und in einer Landkarte des Erdkundelehrers einzuzeichnen. Ich möchte nicht zu den armen Verwandten jenseits des alten Eisernen Vorhangs – mein Soli reicht. Nichts zieht mich an die Ufer des mare hibernicum, wo nur die Tageslänge den Winter vom verregneten Sommer unterscheidet, wo mein Humor und meine Aussprache des Deutschen fassungsloses Unverständnis unter den Eingeborenen auslösen. Dort bin ich fremd, ein Alien, ein zwar prosperierter, aber doch heimatverlorener, wurzelloser Migrant. Nein, ich kann nichts mit dem rheinischen Frohsinn, mit der Berliner Schnauze und der Hamburger Arroganz anfangen, nichts mit der sächsischen Mundart und nichts mit Wattwandern und Reformation. Ich will nicht an Orte, die Bielefeld, Brunsbüttel, Husedom oder Puttbus heißen – doch genau in letzterem werden wir im Herbst Urlaub machen: Zuerst fahren wir nach Wittenberg, dann erkunden wir eine Woche die Ostseeinsel Rügen, auf dem Rückweg verbringen wir jeweils ein paar Tage am Müritzsee und in Berlin. Das ist alles schon von Frau Klammerle gebucht und organisiert.

Mosel5

Wir hatten keine Reifenpanne. Nein, wir trugen keine Helme und auch keine gepolsterten Radlerhosen. Ein wenig Selbstachtung habe ich mir auch im Alter bewahrt.

Da Frau Klammerle meine Abneigungen sattsam kennt, läutete sie unseren „deutschen Sommer“ an Pfingsten mit einer homöopathischen Dosis ein: Wir radelten in sechs Tagen die Mosel hinab bis Koblenz, in Etappen von 40 – 50 km täglich. Das sind bei den gut ausgebauten, ebenen Radwegen links und rechts der fruchtbaren Mosel nur appetitanregende Halbtagesetappen, die noch genug Zeit lassen, die Ortschaften am Wegesrand zu erkunden und Burgruinen zu erklimmen. Trotz meiner Unkenrufe in den Wochen vorher war das Wetter zwar kühl, aber amorph und fahrradtourentauglich. Nur einmal benötigten wir kurz  unsere Regenkleidung. Bequem wie wir sind, ließen wir uns unser Gepäck von Hotel zu Hotel transportieren und stapelten es nicht auf die Gepäckträger. Wir begannen die gemütliche Fahrt in Trier, einem Ort, der sich zumindest ein wenig von seiner alten römischen Kultur bewahrt hat, auch wenn er noch immer jenen fernen Tagen nachzutrauern scheint, als er eine Weltstadt war. Das alles erinnert sehr an Augsburg und deshalb fühlte ich mich dort noch recht heimisch.

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Erstaunlich. Die Porta Nigra gibt es wirklich. Bislang kannte ich sie nur als Abbildung auf meinem alten Lateinbuch.

Das änderte sich ein kleines Stück hinter Trier. Die Mosel mäandert sich dort auf fast zweihundert Kilometern durch sanfte, terrassierte und mit Wein bewachsene Hügelchen aus schwarzem Schiefer, schlägt Haken wie ein flüchtender Hase und erreicht dabei Kulturgüter und pittoreske (ha!), mittelalterliche Fachwerks-Ortschaften, in denen sich in jedem zweiten Gebäude der Ausschank eines Weinguts oder eine Besenwirtschaft befinden. Das ist zwar der Fahrtüchigkeit des Radlers nicht sehr zuträglich, aber wirklich nett und überaus sehenswert. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass das ganze Gebiet ein Freizeitpark für Senioren, eine Art Disney-World für weinselige Rentner ist. Obwohl ich auch schon über Fünfzig bin, senkte ich in manchen Ortschaften, in die ich mein Fahrrad lenkte, den Altersdurchschnitt. In den Moselstädtchen herrscht übrigens noch Ruhe und Ordung. Spätestens ab neun Uhr abends sind die Rollläden heruntergelassen, die Bürgersteige hochgeklappt, die Lokale geschlossen und die Rentnerschar liegt besoffen in ihren Pensionsbetten.

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Wer ist eigentlich der Kerl mit der riesigen Axt im Hintergrund dieser Kreuzigungsszene, die ich im Wald oberhalb von Zell entdeckt habe? Und was hat er mit ihr vor? Will er Jesus fällen?

 Anders als im Allgäu oder gar auf den Höhenzügen der Schwäbischen Alp haben die Wirte an der Mosel schon mal etwas von Vegetarieren gehört und bieten auf ihren Speisekarten Fleischloses, wenngleich Ungesundes: eingelegten Winzerkäs, Gemüse-Flammenkuchen und erstaunlicherweise auch immer Kässpatzen, die doch in Rheinland-Pfalz so exotisch wie in Bayern Saure Eier in Grüner Sauce sein müssten. Ich verzichtete auf einen Geschmackstest.

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… gesehen auf der  Toilette in einem Café in Enkirch.

Wir kamen an unzähligen Campingplätzen vorbei, in der Hauptsache von Niederländern bevölkert, deren Sprache an diesem Fluss häufiger zu hören ist als der Dialekt der Einheimischen. Manche der stolzen Wohnwagenbesitzer hatten sogar ihre eigenen Gartenzäune und -zwerge mitgebracht, mit denen sie ihr gemietetes Fleckchen Erde am Flussufer begrenzten. Man sieht, an der Mosel war durchaus auch Exotisches und Beunruhigendes zu entdecken.

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Das deutsche Eck in Koblenz. Auf dem Bild finden gerade die Mosel, der Rhein und Frau Klammerle zusammen. Und ein Tip für alle, denen nach ihrer Tour Riesling ‚feinherb‘ zum Hals raushängt: In der Nähe ist ein schöner Biergarten.

Insgesamt betrachtet war die Radtour als Eingewöhnung in unseren deutschen Sommer gelungen. Aber nächstes Jahr, Frau Klammerle, da fahren wir wieder in den Süden, das musst du mir versprechen. Nichts gegen Riesling, Fachwerk und trübes Wetter, aber ich bin ein Rotwein-, ein Renaissance-, ein Sommermensch.

Am Wegesrand (XI)

In Augsburg (und nur dort) ist der 08. August ein Feiertag. Es wird das Hohe Friedensfest begangen, das an den Augsburger Religionsfrieden von 1555 erinnern soll, in dem endgültig das Recht der Landesfürsten festgelegt wurde, in ihrem Gebiet die Konfession zu bestimmen. Cuius regio, eius religio, wie der Herr, so das Gescherr. Im reichen Augsburg selbst, einer freien Reichsstadt ohne Fürst, in dessen Mauern mit Jakob Fugger der Dagobert Duck der Renaissance gelebt hatte, herrschte zumindest theoretisch Parität, Toleranz und in begrenztem Rahmen Religionsfreiheit. All diese Pracht endete mit dem Dreißigjährigen Krieg.

Das interessiert den heutigen Augsbürger wenig. Er genießt den freien Tag und fährt traditionell ins Umland, um ihn auch richtig genießen und anderen beim Arbeiten zuschauen zu können. Abends geht er dann auf’s „historische“ Wertachbrucker Thor Fest, um bei einem „historischen“ Braunbier eine „historische“ Schupfnudelpfanne zu genießen.

Auch ich nutzte den Feiertag und war unterwegs. Deshalb ist mein Blogeintrag heute nur ein ganz kurzer:

Fluss

Wer mit Hilfe der Fotos errät, wo ich war, bekommt von mir einen signierten Band mit Kurzgeschichten. Ein kleiner Tipp noch: Ich war mit dem Rad unterwegs.

fluss2Ich habe übrigens keine Ahnung, was ein Schwellbetrieb ist. Wahrscheinlich etwas Unanständiges…

Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Rewind)

Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne und den Mücken aussetzen gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

Andechs

Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske Bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

*

andechs2

Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen.

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen gut markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden (7,5 km) an Bächen entlang, durch lichte Wälder und Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert.

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt…

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