Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 5)

Irgendwann später, ich hatte längst meinen Rucksack verloren und alle Hoffnungen in diesem Dante’schen Höllenkreis fahren lassen, fand ich dann doch durch einen weiteren schmalen und niedrigen Durchstieg einen Ausgang aus den unzähligen Höhlen und Gängen des Berges. Ich wand mich wie eine Schlange, schaufelte mich in schwimmenden Bewegungen durch zerbröckelndes, nachrutschendes Geröll und feinen Sand, atmete knochentrockenen Staub und steckte endlich den Kopf und dann den ganzen Körper ins Freie, rutschte den leicht abschüssigen Hang bäuchlings ein paar Meter hinunter.

Als ich zur Ruhe kam, drehte ich mich erleichtert auf den Rücken und versuchte mich an ein paar tiefen Atemzügen. Sofort richtete ich mich hustend auf und rieb, so gut es eben ging, die verklebten und tränenden Augen frei. Eine tiefe, nur knapp über dem Horizont stehende, aber trotzdem unbarmherzig herab brennende Sonne stach mich wie ein gieriges Insekt. Die trostlose Wüste hatte sich während meiner Irrwanderung in den Höhlen unter ihr nicht verändert: Hellbraune, wie gebackene Erden, Steine, ab und an ein vom heißen Wind ausgetrockneter Busch in der Senke dort unter mir, wo sich vielleicht am frühen Morgen ein wenig Tau sammelte. Sonst war kein Leben auszumachen. Eine tote Welt, wie am Abend des dritten Schöpfungstages, als Gott noch kein Leben geschaffen hatte.

Und doch war etwas anders als am Vormittag, bevor wir uns in der Höhle verlaufen hatten. Wie lange war das her? Mir schien höchstens eine Stunde vergangen zwischen Günecs Unfall, unserem sensationellen Fund und meiner Rückkehr durch das Gänge-Labyrinth an die Oberfläche, die einer Wiedergeburt gleichkam. Die Zeit war durcheinander geraten. Die Schatten, die die Felsen auf die Hänge warfen und die sich in der Senke sammelten, waren länger geworden, als würde bald die Abenddämmerung hereinbrechen. Doch ich spürte einfach, dass das nicht stimmte. Die Sonne stand im Osten, wenn ich nicht vollkommen die Orientierung verloren hatte. Folglich war ich entweder den ganzen Tag und die Nacht durch die Gänge dieser erstaunlichen Höhle gekrochen oder die Stunden war rückwärts gelaufen. Eine Mutmaßung war so absurd wie die andere und ich entschloss mich daher, mich zuerst einmal um mein Überleben in dieser trostlosen Einöde zu kümmern. Dann konnte ich noch immer über die Tageszeit philosophieren.

Wenn ich hier nicht liegen bleiben und verdursten wollte und damit auch Günecs Schicksal im Inneren des Berges besiegelte, musste ich bald zurück in die Zivilisation finden, zu dem Camp oder dem Grabungsort, vielleicht auch zu der palästinensischen Siedlung, die ich nordöstlich von mir vermutete, wo die Überlandstraße 90 von Amman hinunter am See entlang führte. Dort lag eindeutig mein Ziel.

Ich stand auf, klopfte mir, so weit es ging, den Dreck aus der Kleidung und schätzte noch einmal die Himmelsrichtungen ab. Es konnte keinen Zweifel geben: Diese Sonne stand im Osten. Zu viele Tage und Nächte hatte ich schon in dieser Wüste verbracht, um nicht den Unterschied zwischen Morgen und Abend zu erkennen. Die Farben des Himmels, das Glitzern der Sandkristalle, der feuchtwarme Hauch, der aus der Senke stieg: Wenn ich also heimfinden wollte, musste ich die Sonne als Richtungsweiser verwenden und den etwa fünf- bis sechshundert Meter hohen Tafelberg emporsteigen, aus dem ich mich gerade in halber Höhe aus einem unscheinbaren Erdloch wie bei einer schweren Geburt gequält hatte. Zu meiner Rechten schob er eine mächtige, nicht allzu steile Flanke in die Wüste, auf der noch teilweise der Schatten lag. Hier war auch die beste und kräftesparende Aufstiegsroute. Ich musste nur genau darauf achten, wohin ich meine Füße setzte. Denn dort gab es, versteckt in dem lockeren Geröll, giftiges Ungeziefer, Skorpione und auch Schlangen. Die Ampullen mit den Antidoten waren bei Günec in der Erste-Hilfe-Ausrüstung verblieben.

Während die Sonne immer höher stieg und gierig die letzten Schatten von den Felsen leckte, bald die Luft flimmerte und mir das Atmen schwer machte, stieg ich, sorgfältig mit meinen Kräften haushaltend und häufig pausierend, den Hügel empor. In den europäischen Alpen wäre das nur ein Spaziergang gewesen, aber hier in der trockenen und salzigen Hitze wurde eine kaum zu bewältigende Herkulesaufgabe daraus. Sand knirschte zwischen meinen Zähnen. Meine Zunge klebte am Gaumen und fühlte sich rau und geschwollen an. Sie schien mir kaum feuchter als der immer wieder unter meinen Schritten nachgebende, herabrutschende und kochend heiße Staub, in den ich bis zu den Knöcheln einsank und der den Aufstieg so schwer machte. Erneut verfluchte ich die Leichtfertigkeit, mit der ich nach unserem Amphorenfund das Wasser meiner Feldflasche bis auf den Rest, den ich Günec gelassen hatte, verschwendet hatte, um mir ein paar Ornamente auf der Amphore besser sichtbar zu machen. Schweiß rann aus all meinen Poren und vermischte sich mit dem Staub zu einer sandpapierähnlichen Mischung, die sich in den Körperfalten sammelte. Schnell lief ich mich trotz aller Vorsicht wund.

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Gegen Mittag, die Sonne stand nun fast senkrecht über mir, erreichte ich die obere Kante des Tafelbergs. Wie ich erwartet hatte, breitete sich vor mir eine ausgedehnte, im Durchmesser etwa zehn Kilometer breite Hochebene aus, die ich noch durchwandern musste. Über ihr waberte in der Hitze ein unruhiger Quecksilberspiegel, der einen riesigen See vorgaukelte. Hier oben lag eine größere Sende- und Abhöranlage der israelischen Armee, mit deren Hilfe die nahe Grenze überwacht wurde. Aber so aufmerksam ich auch spähte, ich konnte sie nirgendwo entdecken. Die gelbe und schrundige Ebene war leer und kahl wie eine Landschaft auf dem Mars. Nur die gigantische Fata Morgana der endlosen Wasserfläche schwebte wie ein Hohn für mich Halbverdursteten über ihr.

Mich überwältigte von Neuem die Unwirklichkeit dieses Ortes, die ich während meines mühsamen Aufstiegs verdrängt hatte. Nicht nur, dass kein Zeichen von Zivilisation zu entdecken war, es gab hier auch kein tierisches Leben: Ich hatte mich umsonst vor Vipern in Acht genommen, es gab hier keine; auch keine Vögel am Himmel, keine vor mir flüchtenden Eidechsen, Skorpione oder Insekten, wofür ich allerdings dankbar war. Nicht einmal mehr Sträucher oder Büsche konnte ich hier oben ausfindig machen. Diese Welt war leer, hier gab es nur den Sand, Felsen und mich.

Diese tote Ebene bei Tag zu durchwandern erschien in der Saunahitze und mit den verwirrenden Luftspiegelungen vor mir ein selbstmörderisches Unterfangen. Daher suchte ich mir einen Unterschlupf in der Nähe, eine Spalte zwischen zwei Felsen, in die ich mich zwängen konnte und dort wenigstens nicht mehr schutzlos der prallen Sonne ausgesetzt war. An dieser Stelle wollte ich bis zur Nacht abwarten und deren Kühle ausnutzend die Hochebene des Tafelberges durchwandern. Freilich musste ich wegen Günec eilen, aber er war insgesamt in einer besseren Lage als ich. Wenn ich einen Hitzeschlag bekam, nutzte ihm das auch nicht weiter. In der Nacht sah ich vielleicht die Lichter der Sendeanlage oder würde auf der anderen Seite des Hügels auf die Straße oder gar auf das Camp stoßen. Dort hatte man sicher schon die Suche nach uns eingeläutet. Wahrscheinlich durchforsteten die Kollegen und die einheimischen Helfer bereits die Höhlengänge und suchten mich nicht im Freien. Hoffentlich fanden sie wenigstens Günec.

Ich muss trotz Durst und juckender, wunder Haut bald vor Erschöpfung in meinem unbequemen Winkel eingeschlafen sein. Ich kann mich an einige wirre Fieberträume erinnern. Träume in Träumen; in einer Traumwelt geträumt.“

Georg Habakuk zögerte erneut. Jonas wollte unbedingt die Geschichte seines Vaters hören, die ihn faszinierte und erstaunlich an die von Binderseil erinnerte. Er hatte es daher nicht eilig, den Wagen zu starten und weiter in die Badetherme zu fahren. Jetzt allerdings befürchtete er, sein alter Herr könnte den Erzählfaden verloren haben. Er wollte bereits etwas fragen, als sein Vater doch noch fortfuhr. Georg Habakuk begann mit einer englischen Gedichtzeile, die Jonas, da war er sicher, bereits von Linus gehört hatte, auch wenn ihm im Moment der Zusammenhang entfallen war.

All that we see or seem – is but a dream within a dream“, flüsterte der alte Mann und seinem Sohn klang es wie eine Reminiszenz seines Vaters an die eigene Demenz. Dann fuhr der alte Mann mit seiner Erzählung fort.

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 4)

Wir haben in deiner Jugend oft Wanderungen in den Bergen unternommen, Jonas. Du kennst das Gefühl, wenn man plötzlich auf schmalem Pfad und rutschigem Untergrund glaubt, weder einen Schritt vorwärts noch einen rückwärts machen zu können, ohne abzustürzen. Man blockiert sich mental selbst und ist in dieser Situation vollkommen hilflos, wenn einen niemand bei der Hand nimmt und über diese nicht einmal besonders gefährliche Stelle führt. So ging es mir beim stillen Übersetzen der weiteren Textzeilen: Ich wusste exakt, was ich da für ein Werk vor mir hatte, aber mein Verstand weigerte sich, es zu glauben. Ein Nichtgeisteswissenschaftler mag das einfach mit einem Schulterzucken abtun, aber für mich war das der größte Moment in meinem Leben.

Da gab es keinen Zweifel. Ich war auf eine Abschrift der Téchnē des Sophisten Gorgias von Leontinoi gestoßen, den Platon in seinem bekannten Streitgespräch mit Sokrates zur überheblichen Witzfigur machte. Die Téchnē ist jedenfalls ein seit der Spätantike verschollenes Werk über die Redekunst, das Gorgias offenbar mit diesen einleitenden Worten begann.

Verstehst du die Bedeutung? Wenn schon die erste der hier eingelagerten Schriftrollen, zudem eine von mir vollkommen zufällig ausgewählte, eines der großen verlorenen Bücher des klassischen Altertums barg – welche Dinge mochten dann in den anderen Amphoren auf eine Wiedergeburt warten? Selbst wenn in allen anderen Gefäßen nur Staub und Papierbrösel zu finden waren: Allein durch diese Entdeckung würde unser Bild von den Essenern von Qumran und damit auch von Jesus Christus revolutioniert werden. Konnte es bei dieser frappierenden Übereinstimmung mit dem Gleichnis von Sämann möglich sein, dass der Nazarener die Bücher des Gorgias gelesen und dessen Redekunst in seinen eigenen Predigten und Gleichnissen verwendet hatte? Mein Gott, man muss sich das mal vorstellen …“

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Georg Habakuk seufzte und schwieg. Er starrte von seiner eigenen Erinnerung aufgewühlt aus der Scheibe der Beifahrertür, einen Punkt an einem nur für ihn selbst sichtbaren Horizont fixierend. Sein Sohn, der sein Auto in der Zwischenzeit auf einem kleinen, leeren Rastplatz neben der Schnellstraße geparkt hatte, wartete geduldig. Er nahm an, dass sein Vater so vollkommen in seine Geschichte eingetaucht war, dass er nicht die schmuddeligen Abfalltonnen und das Toilettenhäuschen sah, sondern sich gerade mit Günec in der Kaverne und bei den wertvollen Papyrusrollen wähnte, den wertvollsten Fund seiner Karriere in den Händen.

Jonas wollte ihn dabei nicht stören, hatte auch Angst, dass der alte Mann in seiner Verwirrung das Thema wechseln würde, wenn er ihn jetzt ansprach und eine Fortsetzung forderte. Jonas selbst konnte die Begeisterung seines Vaters, die diesen im Moment überwältigte und der Worte beraubte, kaum nachvollziehen. Was bedeuteten ihm auch die Schriften eines Sophisten, der vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt hatte? Gorgias? War es so wichtig, ob ein Evangelist bei ihm abgeschrieben hatte? Viel interessanter war doch die Frage, was das alles mit ihm selbst und mit dem Geheimnis seiner Geburt zu tun hatte. Er hoffte, Georg Habakuk würde sich endlich fangen und auf die Dinge zu sprechen kommen, die wirklich wichtig waren. Warum hatte ihm nur Binderseil nicht mehr erzählt und sich stattdessen in die Bewusstlosigkeit gesoffen! Er schien doch die ganze Geschichte zu kennen. Bei seinem Vater war es reine Glückssache, ob er seine Erzählung zu Ende brachte oder sie einfach vergaß.

Endlich befreite sich der alte Mann aus seiner Starre, rutschte sein Blick hinunter auf seine leeren Hände, die er überrascht musterte. Dann fuhr er endlich in seiner Erzählung fort und zwar genau an der Stelle, an der er sie unterbrochen hatte.

„Egal. Es ist alles verloren gegangen und schon so lange her. Vielleicht war es ja nur ein Traum. Weißt du Jonas, manchmal erwache ich in der Nacht und diese Erinnerung an Qumran, die Höhle, die Pergamente und all das, was danach noch geschah, fühlt sich falsch an, wie das Zerrbild, das ein schlechter Schlaf kurz vor dem Erwachen geboren hat. Wenn du nicht wärst und Günec nicht alles bestätigt hätte, hätte ich das Ganze längst abgetan und dem Albtraum einer Nacht zugerechnet.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich im Dunkel der Amphorenhöhle stand, mit dem zitternden Licht meiner Stirnlampe grell den Papyrus in meiner Hand ausleuchtete und fieberhaft übersetzte, was Georgias in der Einleitung zu seinem Handbuch der Rhetorik geschrieben hatte. Irgendwann lenkte mich ein Stöhnen von Günec ab, der starke Schmerzen in seinem verletzten Bein hatte. Ich schämte mich für meine Gedankenlosigkeit und Selbstsucht und widerstand der Versuchung, eine weitere Amphore zu öffnen. Ich schob die wertvolle Schriftrolle zurück in ihr Tongefäß, das sie über Jahrtausende vor Hitze, Dreck und Zerfall bewahrt haben musste, legte es behutsam auf die Erde vor der antiken Bibliothek und holte endlich den Rucksack, in dem die Erste-Hilfe-Ausrüstung verstaut war.

Nachdem ich mit ihrer Hilfe meinen Freund verarztet hatte, teilte ich unsere spärlichen Wasservorräte auf zwei Feldflaschen auf und packte meinen eigenen Rucksack mit dem Allernötigsten. Günec, bei dem die Schmerzmittel langsam wirkten, beobachtete mich nachdenklich bei meinen Vorbereitungen:

„Was willst du unternehmen?“, fragte er. Ich konnte seiner Stimme anhören, dass er langsam in seinen typisch muslimischen Fatalismus steuerte. Ich glaube jedoch nicht an „Kismet“ und war entschlossen, mich nicht einem Schicksal zu beugen, das uns in diese gefährliche Situation geführt hatte. Ich deutete auf die senkrechte Felsspalte im hinteren Bereich der Höhle, von der mit Wüstensand vermischt ein wenig Frischluft zu uns hereinwehte und durch die auch etwas Dämmerlicht in das Dunkel fiel. Wenn mir meine Augen, vor denen noch immer die griechischen Buchstaben meiner Lektüre tanzten, keinen Streich spielten, war dort ein Ausgang. Ich rieb mir den wehen Rücken.

„Ich werde uns Hilfe holen, was sonst? Ich denke, dort hinten geht es ins Freie. Wenn ich mal raus aus den Höhlen bin, werde ich schnell zurück ins Lager finden. Das wird nicht lange dauern. Und beim Abendessen können wir dann allen von unserer unglaublichen Entdeckung erzählen. Sie werden diese Kaverne nach uns benennen: Die Nasawi-Habakuk-Höhle!“

Günec lachte bei dem Gedanken, aber ich merkte ihm an, dass ich ihn nicht ganz überzeugt hatte. Er hatte Angst.

„Beeile dich bitte. Es ist nicht gerade meine Vorstellung von einem gelungenen Nachmittag, hier im Dunkel der Habakuk-Nasawi-Höhle zu hocken, mein Freund“, erwiderte er und versuchte trotz seiner Verzweiflung auf meinen leichten Ton einzugehen.

„Zumindest geht dir nicht der Lesestoff aus“, sagte ich und näherte mich der schmalen Felsspalte. Ich hörte Günecs Gelächter noch lange als Echo in meinem Rücken.

Ich hatte richtig vermutet: Durch den Spalt drangen ein wenig Licht und wüstenheiße, aber frische Luft in meine Höhle; der Durchgang war jedoch so schmal, dass ich mich nur gewalttätig durchzwängen konnte. Ich quetschte zuerst den Rucksack, die Stirnlampe und meine Jacke durch die Öffnung, die in ihrer Tiefe vielleicht einen halben Meter ausmachte. Obwohl ich damals ziemlich hager war, blieb ich trotzdem auf halbem Weg zwischen den zwei Höhlen stecken. Panisch ruderte ich mit den Armen und Beinen und suchte einen Punkt, an dem ich mich abstützen und weiterstemmen konnte. Der Fels drückte auf meine Lungen und fast wäre ich erstickt.

Mit meinen letzten Reserven gelang es mir aber, mich langsam zentimeterweise durch die Engstelle zu schieben. Wenn ich später mit den Helfern wieder auf diesem Weg zurückkäme, würden wir schweres Werkzeug brauchen, um die Öffnung zu vergrößern, damit eine Bahre hindurchpasste.

Ich riss mir die Kleidung bei meiner Anstrengung an der Leiste auf und die Haut blutig, aber endlich gelang es mir, auf die andere Seite zu kommen. Die Verletzung war nicht weiter schlimm, doch ich habe dort noch heute eine Narbe. Das ist einer der Beweise, dass ich meine ganze Geschichte nicht nur geträumt habe. Ich war vom Schweiß vollkommen durchnässt, was mir sicher dabei half, den engen Spalt zu überwinden und brauchte eine Weile gegen eine Kante gelehnt, bis ich wieder zu Atem kam und Günec ein letztes Mal Mut zurufen konnte. Was ich ihm verschwieg: Diese neue Kaverne war eine Enttäuschung. Sie war vollkommen leer und barg keine weiteren Fundstücke. Sie hatte zwar einen Ausgang zur Oberfläche, aber dieser war eine fast kreisrunde Öffnung in der Decke der Höhle. Durch sie fiel schräg das Abendlicht zu mir hinab, jedoch war sie für mich unerreichbar. Die Wände waren viel zu bröcklig, als dass ich an ihnen hätte emporsteigen können. Ich musste mir einen anderen Weg suchen. Auf keinen Fall wollte ich mich wieder zurück zu Günec quetschen. Ich sah mich aufmerksam um und entdeckte tatsächlich einen Gang, der vielversprechend war und leicht nach oben führte. Er war zwar recht breit, aber nur etwa hüfthoch und zwang mich, ihm auf allen Vieren zu folgen, den Rucksack vor mir herschiebend. Nach etwa zehn Metern verzweigte er sich. Ich wählte die linke Seite, die mir leichter begehbar schien. Bald endete dieser Weg vor einer massiven Felswand. Ich kehrte rückwärts robbend um, wählte die andere Gasse. Bald kam ich an die nächste Kreuzung und dann an noch eine. Ich war in einem Labyrinth aus Gängen gefangen. Meine Odyssee im Bauch des Berges begann.

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 3)

„Aber was hat das mit deiner Geschichte zu tun?“, wagte Jonas seinen Vater auf die Gefahr hin, dass dieser völlig den Faden verlor, zu unterbrechen. Wenn er nicht wollte, dass sein alter Herr ihm nun stundenlang die philologischen Feinheiten der Qumrantexte auseinandersetzte, musste er ihn bremsen. Habakuk wirkte für einen Moment verwirrt, machte den Eindruck, als wisse er nicht, wo er war.

„Es war kurz vor Ende der Kampagne, als ich zusammen mit meinem palästinensischen Grabungshelfer und späteren Freund Günec verloren ging. Diese Höhlen in der Wüste, in denen die Essener oder wer auch immer vor zweitausend Jahren ihre Texte lagerten, sind labyrinthisch und weitläufig. Sie durchlöchern den Berghang wie einen Schweizer Käse. Da konnte es schon mal passieren, dass man bei einer Erkundung in die Irre ging. Aber irgendwann fand jeder wieder heraus. Auch ich gelangte nach einigen Umwegen wieder ins Freie, musste aber beim Verlassen der Höhle feststellen, dass ich an einen Ort gelangt war, der mir so fremd war wie ein anderer Planet. Der Höhlengang war wie ein Tor zu einer anderen Welt. Ich kann mir vorstellen, wie fantastisch das für dich klingen mag. Das Ganze klingt auch nach Science Fiction – aber es ist mir und Günec wirklich passiert. Er hat darüber sogar einen Bericht geschrieben, den leider niemand lesen wollte. Ich habe das Manuskript zu Hause im Bücherschrank. Ich gebe es dir, wenn wir später heimfahren. Vielleicht hilft uns Günec, er hat mich erst kürzlich besucht.“

Jonas wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er konnte sich gut an Günec Nasawi erinnern, jenen stämmigen Freund seines Vaters mit dem mächtigen Bart, den er als Kind so sehr bewundert hatte, wenn dieser zuverlässig bei einer seiner häufigen Vortragsreisen zu Besuch kam und eine Zeitlang im Junggesellenhaushalt der beiden wohnte. Das waren immer ganz besondere Höhepunkte in seiner Kindheit und Jugend gewesen, Feiertage für ihn und auch für Georg Habakuk. Nasawi brachte jedesmal ein besonderes Spielzeug oder ein Buch für sein Patenkind mit und widmete Jonas viel Zeit und Aufmerksamkeit. Welch ein Unterschied hatte zwischen dem zu tausend Scherzen aufgelegten Palästinenser und dem trockenen, nüchternen Vater bestanden!

Nasawi hatte sich aus kleinen und widrigen Verhältnissen vom für ein lächerliches Taschengeld arbeitenden Grabungshelfer zum studierten Akademiker hochgearbeitet. Er erreichte in Achtzigern eine ordentliche Professur an der Fakultät für Altertumskunde an der altehrwürdigen Amerikanischen Universität in Beirut. Vor über zehn Jahren zerriss ihn dann direkt vor dem Eingang der Uni eine Autobombe. Er war das einzige Opfer und es bekannte sich nie eine der zahllosen libanesischen Extremistengruppen zu dem Anschlag.

Konnte es sein, dass sich Jonas Vater auch in diesem klaren Moment nicht mehr an jenen entsetzlichen Verlust erinnern konnte? Oder wollte er es einfach nicht wahrhaben, dass er seinen einzigen echten Freund bei einem sinnlosen Terroranschlag verloren hatte, weil dieser früh dran war und ausgerechnet in dem Augenblick sein Fahrrad an einen Laternenmast kettete, als das mit einer Zeitbombe verminte Auto direkt daneben in die Luft flog?

Und was das Manuskript anging, das Nasawi angeblich Georg Habakuk hinterlassen hatte: Jonas hatte die Bibliothek seines Vaters längst aufgelöst und die Hälfte der Bücher der Universität gestiftet, den nicht an den Mann bringbaren Rest weggeworfen. Wahrscheinlich war der Text des palästinensischen Professors bei dieser zweiten Hälfte gewesen. Es war aber auch möglich, dass er noch in einer Kiste in der fast ausgeräumten Eigentumswohnung seines Vaters ruhte, jener Immobilie, die der Sohn trotz seiner Vollmachten ohne finanziellen und juristischen Aufwand nicht so einfach verkaufen durfte. Da Jonas jeden Papierkram und bürokratischen Ärger scheute, stand die große Wohnung seit Jahren leer. Er nahm sich vor, dort bei nächster Gelegenheit nach dem Manuskript von Nasawi zu suchen. Vielleicht fand er die Zeit morgen nach der Wahlveranstaltung, für die er seinen Urlaub kurz unterbrechen musste.

Jonas konzentrierte sich wieder auf die Erzählung seines Vaters, der gerade umständlich beschrieb, wie er sich beim Erkunden eines vielversprechenden Ganges gemeinsam mit Günec im Höhlenlabyrinth oberhalb von Qumran verirrt hatte und dabei fast verschüttet wurde.

„Der Sandstein der Wände ist dort äußerst bröcklig und von der trockenen Hitze mürbe“, erzählte er gerade. „Es genügt manchmal nur eine flüchtige Berührung oder ein fester Tritt auf den Untergrund, dass das Ganze ins Rutschen kommt und wahre Gerölllawinen von der Decke stürzen. Trotz der modernen Ausrüstung ist es ein Eiertanz, auf der Suche nach kleinen Tonscherben und Papyrusfetzen durch diese manchmal nur schulterhohen Gänge zu kriechen. Man fragt sich unwillkürlich, wie sich jene Juden vor zweitausend Jahren gefühlt haben und sich zurechtfanden, als sie ihre Familien und ihre wertvollen Bibel- und Gesetzesrollen hier vor Römern und wilden Wüstenstämmen verbargen und nur mit einem flackernden Talglicht ausgerüstet wie halbblinde Maulwürfe durch stickige Kavernen und Klaustrophobie erzeugende Gänge krochen.

Jedenfalls waren Günec und ich bereits auf dem Rückweg. Eine zurückgelassene, leere Coladose des amerikanischen Grabungsteams hatte uns wie Hänsel und Gretels Brotkrumen die richtige Abzweigung gezeigt. Da tat sich plötzlich unter uns der Boden auf und wir stürzten hilflos gemeinsam mit einer Stein- und Sandlawine in eine bislang verborgene Kaverne unter uns – nur etwa zwei, drei Meter tief, aber der fast senkrechte Sturz fühlte sich viel länger an. Mir war, als wäre ich ewig unterwegs, bis ich endlich auf den Boden fiel. Im Nachhinein denke ich, dass dies der Moment des Übergangs war. Die zwar niedrige, aber recht geräumige Höhle, in der wir uns wiederfanden, war zwar an dieser Stelle knietief mit feinem Wüstensand bedeckt, den jahrhundertelang der Wind aus einer schmalen Öffnung weiter hinten ins Innere geweht hatte, aber wir schlugen trotzdem recht hart auf und Günec verletzte sich dabei am linken Fuß. Ich muss mir dabei ein wenig den Rücken gestaucht haben, denn er schmerzte danach noch tagelang.

Nachdem wir uns etwas beruhigt hatten und wieder zu Atem gekommen waren, untersuchte ich im Schein unserer Stirnlampen den Knöchel meines Freundes, der mir zwar nicht gebrochen schien, aber ordentlich geprellt. Er schwoll bereits so bedrohlich an, dass ich ihm eilig den Schuh von Fuß zog. Ohne meine Stütze konnte Günec sich kaum aufrichten. Er würde auch nicht mehr weiter gehen können.

„Das wird schon wieder“, machte ich dem wegen der Schmerzen laut Jammernden Mut und war in diesem Moment wirklich nicht allzu besorgt. Die Sache hätte auch schlimmer ausgehen können. Wir waren ja nicht mehr weit von der Grabungsstätte entfernt und konnten vielleicht sogar um Hilfe rufen. Wahrscheinlich war es mir auch möglich, durch den Einsturz wieder nach oben zu klettern.

Ich warf den Kopf in den Nacken und leuchtete hinauf. Zu meiner Verblüffung war knapp über mir nicht die erwartete Öffnung zu sehen, die der Einsturz der Decke verursacht haben musste, sondern massiver Felsen. Ich griff nach oben und betastete den Stein, weil ich es zuerst für eine optische Täuschung hielt. Aber nein, es war kein Zweifel möglich: Wir waren zwar von oben hinabgestürzt, aber an einem ganz anderen Ort gelandet, zwar ebenfalls in einer dunklen Kaverne des Qumran-Hügels, soweit ich das beurteilen konnte, aber erstaunlicherweise nicht unterhalb der Stelle, an der wir durch den Boden gefallen waren. Waren wir in dem Chaos mit der Sanddüne tiefer in die Höhle hinabgerutscht, auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte? Das würde zumindest erklären, warum mir der Fall so lang vorgekommen war.

Ich schob dieses Rätsel erst einmal zur Seite und beschloss, mich um das Nächstliegende zu kümmern. Ich suchte mit dem Licht meiner Lampe nach dem Rucksack mit den Wasservorräten, den mein Helfer getragen hatte und der hier irgendwo liegen musste. In ihm war auch eine Erste-Hilfe-Ausrüstung verstaut, mit der ich Günec Bein verbinden und seine Schmerzen behandeln konnte. Dabei glitt der scharfe, kugelrunde Lichtkreis der Stirnlampe über einen gewaltigen Hügel aus Amphoren, Tongefäßen und Urnen, die aufeinandergestapelt offenbar vollkommen unbeschädigt an der Höhlenwand lehnten. Ich erstarrte. Auch Günec verstummte und leuchtete fasziniert hinüber.

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„Das ist unglaublich“, sagten wir gleichzeitig. Wir wussten sofort, was wir da gefunden hatten. Es traf uns wie ein elektrischer Schlag. Dies war ein weiteres Lager für Pergamente und Papyrusrollen, das die Essener – oder wer auch immer sich hier vor über zweitausend Jahren verborgen hatte – in dieser Höhle eingerichtet hatten. Es schien bereits auf den ersten, flüchtigen Blick größer als alle anderen, bereits entdeckten, zusammen! Wenn in diesen Tonkrügen tatsächlich weitere gut erhaltene Texte aus der Zeit vor Christi Geburt lagerten, dann hatten wir durch Zufall einen Jahrhundertfund gemacht. Das musste die größte antike Bibliothek sein, die je entdeckt worden war. Wir fühlten uns, als hätten wir die Schriften von Alexandria entdeckt.

Ich näherte mich vor Ehrfurcht und Aufregung zitternd dem halb im Wüstensand begrabenen Lager, beugte mich herab und nahm vorsichtig eine der oberen Amphoren in die Hand. Ich zerbrach mühelos das im Verlauf der Jahrtausende in dünnes Glas verwandelte Wachsiegel und kippte das tönerne Behältnis leicht. Eine dicke Papyrusrolle glitt aus ihr heraus in den Sand.

Ich gestehe, dass ich in diesem Moment mehr einem fiebernden Schatzräuber als einem ordentlichen Altertumsforscher glich. Aber in dieser extremen Situation warf ich meine Ausbildung und die wissenschaftliche Sorgfalt über Bord, die mich eigentlich gezwungen hätten, meine Finger von dem Fund zu lassen, bis ein Grabungsteam alles kartografiert und Zentimeter für Zentimeter untersucht, katalogisiert und mit kleinen Haarpinseln vorsichtig vom Dreck der Jahrhunderte befreit hatte. Und auf keinen Fall durfte ich jetzt diesen Papyrus nehmen und ihn einfach so entrollen, um neugierig seinen Inhalt zu studieren. Das durfte ausschließlich in einem Labor unter strengsten Auflagen und Vorsichtsmaßnahmen geschehen, damit nichts Unwiederbringliches verloren ging und mir das wertvolle Papier wie Staub zwischen den Händen zerbröselte. Ich hörte, wie hinter mir Günec missbilligend und scharf die Luft einzog und erschrocken das muslimische Glaubensbekenntnis murmelte. Aber die Textrolle sah so frisch aus, als wäre sie erst gestern geschrieben und in das tönerne Behältnis geschoben worden. Im unruhigen Licht meiner Stirnlampe entzifferte ich die ersten Worte, die zu meiner Überraschung in klassischem Griechisch geschrieben waren:

Das Sein ist etwas Unsichtbares, dem es nicht gelingt zu scheinen, das Scheinen etwas Schwaches, dem es nicht gelingt zu sein.“

Mir war dieser Satz schon ein wenig anders formuliert in den „Fragmenten der Vorsokratiker“ von Diels und Kranz begegnet. Wie es auf diesem Papyrus anschließend weiterging, war mir allerdings vollkommen neu. Es erschütterte mein Weltbild:

So ist das Wort des Redners wie ein Getreide, das der Sämann auf den Acker streut. Einiges fällt auf Stein, vieles auf die festgetretene Erde und nur wenige Samenkörner auf den fruchtbaren Boden.“

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 2)

„Herr Habakuk, eine Frage noch: Ihre Mutter, die hieß doch Hilde mit Vornamen?“

Jonas nickte. Worauf wollte die Pflegerin hinaus?

„Hildegard Habakuk, geborene Ammer. Warum fragen Sie?“

„Als Ihr Vater heute Nacht um Hilfe rief, hat man mir erzählt, da hat er immer wieder Ihren Namen genannt und dann nach einer Frau gerufen, die er ‚Edaine’ nannte. Er erwähnte auch irgendwelche Zwillinge. Wissen Sie, wer das ist?“

Später im Auto, als Georg Habakuk auf dem Beifahrersitz fröhlich plappernd zum tausendsten Mal eine launige Geschichte aus seiner Jugend zum Besten gab, als sei sie ihm erst gestern passiert, musterte Jonas seinen Vater immer wieder aufmerksam von der Seite. Wie hatte der alte Mann, der langsam seinen Verstand verlor, hilferingend den ungewöhnlichen Namen einer Frau rufen können, der Jonas selbst erst gestern zum ersten Mal begegnet war? War das noch durch einen Zufall erklärbar?

Jonas wandte sich halb zu seinem Vater.

„Edaine“, fragte er, „Papa, woher kennst du Edaine?“

Georg Habakuk verstummte sofort mitten in seiner weitschweifigen und wirren Erzählung. Jonas sah kurz zu ihm hinüber. Der alte Mann hielt den Kopf gesenkt, wirkte wie erstarrt. Seine Lider flackerten unruhig. Dabei schien er an dem Namen, den sein Sohn genannt hatte, wie an einem zähen Stück Fleisch herumzukauen.

„Papa?“

Habakuk hatte sich entschieden. Er richtete sich plötzlich in seinem Sitz auf.

„Wie kommst du jetzt auf Edaine? Wer hat dir von ihr erzählt? Das war ein Geheimnis zwischen mir und …“

Er machte eine Pause, überlegte, ob er mehr verraten durfte.

„Ein Geheimnis?“, ermunterte ihn Jonas. „Ich bin dein Sohn.“

„Eben. Das ist das Problem. Du bist mein Sohn …“

Habakuk klopfte mit einer Hand einen nervösen Takt auf seine Oberschenkel. Wieder warf Jonas einen schnellen Blick vom Autoverkehr weg nach rechts. Sein Vater hob in diesem Moment den Kopf und sah ihm fest in die Augen. Der Schleier der Demenz war verschwunden. Habakuk wirkte in diesem Moment vollkommen klar und musterte Jonas besorgt und nachdenklich.

„Alban hat es mir erst gestern noch einmal gesagt“, fuhr er zögernd fort. „Oder war das letzte Woche? Weißt du, Jonas, manchmal bringe ich die Tage ein wenig durcheinander. Das bringt das Alter so mit sich. Es ist auch egal. Auf jeden Fall hat Alban mich ganz überraschend in der Klinik besucht. Woher wusste er eigentlich, dass ich mich hier in den Bergen auskuriere?“

„Alban?“

Er konnte es nicht glauben! Jonas musste seinen Vater unterbrechen, nachhaken.

„Du redest jetzt aber nicht von Alban Waldescher? Den gibt es wirklich?“

Konnte es sich bei dem Besucher um die gleiche Person handeln, von der ihm Linus erzählt hatte? Jenen geheimnisvollen Demiurgen, für den der inzwischen querschnittsgelähmte Bildhauer angeblich in einer Bühnenwelt gegen dessen Zwillingsbruder gekämpft hatte? Was für eine groteske Geschichte war das gewesen! Aber Jonas fiel sofort das Foto wieder ein, das ihm Linus später gezeigt hatte und das angeblich seinen Vater, eine gewisse Lina Brunswick und ihn selbst als Kleinkind abbildete. Ihm war bis dahin nicht bekannt gewesen, dass sein Vater und Binderseil sich überhaupt kannten. Und was dieser Alban Waldescher, dem offenbar alle außer ihm selbst schon einmal begegnet waren, mit der ganzen Sache und mit seinem Leben zu tun hatte: Das wusste der Himmel. Jonas war jedoch entschlossen, mehr herauszufinden. Er war es leid, wie ein Blinder mit einem Stock in dieser undurchsichtigen Geschichte herumzustochern, wie ein machtloser Bauer über ein Schachbrett gezogen zu werden, dessen Spieler und Gegner er nicht kannte.

„Wer ist Lina Brunswick?“, startete er einen weiteren Versuch.

Sein Vater neben ihm stöhnte auf. Er flüsterte etwas in einer Sprache, die Jonas nicht verstand. Wahrscheinlich war es Hebräisch oder Aramäisch, Sprachen, die sein Vater fließend beherrschte – oder zumindest gesprochen hatte, bevor die Krankheit mit grausamer Gründlichkeit begann, sein Gehirn zu zerfressen. Hoffentlich hatte Jonas ihn nicht überfordert und der klare Moment war schon wieder vorbei.

„Lina ist deine Mutter“, sagte Georg Habakuk schließlich erstaunlich gelassen. Jonas verlor kurz die Kontrolle über das Lenkrad und kam über die Mittellinie. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hupte. Hektisch kehrte er gerade noch rechtzeitig zurück auf die eigene Spur.

„Was erzählst du da?“, rief er und verkrampfte die Hände am Leder des Lenkers. „Mama, ich meine … Hilde …“

„Nein, wir hatten keine Kinder.“

Der alte Mann überlegte, während Jonas immer wieder fassungslos zu ihm herübersah. Plötzlich berührte er Jonas vorsichtig mit der Hand an der Wange. Es war eine seltene, zärtliche Geste, völlig untypisch für den nüchternen Wissenschaftler, der Jonas zwar allein aufgezogen, aber immer einen gewissen reservierten Abstand zu seinem Sohn gehalten hatte.

„Hilde war schon sehr krank damals. Sie konnte keine Kinder mehr kriegen. Wir haben dich sozusagen adoptiert. Ich wusste: Einmal würde ich dir die ganze Geschichte erzählen müssen. Das ist dann wohl heute, oder? Gut, dass wir den ganzen Tag Zeit haben, denn sie ist nicht kurz. Und ich entschuldige mich schon jetzt, wie lange ich gezögert habe; vielleicht zu lange. Ich hatte immer Angst davor. Aber noch ist ja nicht Sommerwende. Höre mir einfach zu, ja? Das macht es mir leichter. Vorwürfe kannst du mir danach machen.“

Er schwieg, wartete auf eine Bestätigung seines Sohnes. Der nickte kurz.

Georg Habakuks Geschichte (Anfang)

„Die Krankheit, die meine Hilde schließlich umbrachte, war von Anfang an ein ernstzunehmender, tückischer Gegner. Er ließ sich viel Zeit und brach zuerst hier und dort einen kleineren Streit vom Zaun, als wolle er seine Kräfte auf Nebenschauplätzen testen, die von der Hauptstoßrichtung seines Angriffs ablenkten und lange die wahren Ziele verbargen. Hilde hatte zuerst ziehende Nervenschmerzen in den Gliedern, bekam dann einen nässenden Ausschlag in den Hautfalten, den der hilflose Hausarzt als eine Neurodermitis diagnostizierte. Er verschrieb Salben und Bäder  und riet in einer Zeit, in der bereits ein tennisballgroßer Tumor an Hildes Gebärmutter fraß, dringend zu einer Kur in einem Reizklima. Da kam es uns durchaus gelegen, dass ich ein wenig Geld angespart hatte. Wir entschieden uns zu einer Reise ans Tote Meer und schlugen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn ich wollte mich einer Grabungskampagne in Qumran anschließen. Ich hatte genug Universitätsluft geschnuppert und wollte mal wieder vor Ort sein. Wir brachen im Frühjahr 1969 nach Israel auf. Da hatte Hilde noch 3 Monate zu leben.“

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„Das kann doch nicht stimmen“, warf Jonas ein, „ich wurde doch schon zwei Jahre vorher geboren.“

Doch sein Vater reagierte nicht. Er fuhr ungerührt mit seiner Geschichte fort. Aber dass sich bei ihm Daten und Zahlen verwirrten, war ja nichts Neues.

„Ich quartierte Hilde in einer Kurklinik ein und tatsächlich schien es ihr sofort besser zu gehen: Sie lebte in der trockenen Wüstenhitze auf und auch ihre Haut wurde gesünder. Weißt du, direkt am tiefliegenden Toten Meer kann man keinen Sonnenbrand bekommen. Das liegt am hohen Salzgehalt der Luft, die wie eine Hautschutzcreme wirkt. Ich bedauere heute, nicht mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben, denn es war das letzte Mal in ihrem Leben, dass es ihr so gut ging.

Ich verbrachte fast meine gesamte Zeit bei den Fundstätten; besuchte sie nur an den Wochenenden und das auch nicht an jedem. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anführen, wie sensationell uns unsere Funde damals erschienen. Und ich hatte ja keine Ahnung, wie krank Hilde wirklich war. Mit jedem bröckligen Pergament, das wir in den Höhlen dieser mutmaßlichen Essener-Siedlung aus dem Staub fischten, wurden wir in unserer Auffassung bestärkt, wir würden die Geschichte der Bibel neu schreiben und hätten die Quellen von Jesu‘ Gedankenwelt gefunden. Heute wissen wir, wie sehr wir uns irrten: Das Gegenteil war der Fall. Die Texte von Qumran untermauern geradezu den Ewigkeitsanspruch der Bibeltexte. Die Essener waren eine gnostische, dualistische Sekte und hatten mit Christus überhaupt nichts zu tun. Sie sind es, gegen die er sich mit seinem Gebot der Feindesliebe wendet. Weißt du, im Alten Testament steht nirgendwo, man solle seine Gegner hassen, diese Einstellung findet sich nur bei den Essenern, die in der Gemeinderolle, die damals entdeckt wurde …“

„Aber was hat das mit deiner Geschichte zu tun?“, wagte Jonas seinen Vater auf die Gefahr hinzu unterbrechen, dass dieser völlig den Faden verlor. Wenn er nicht wollte, dass sein alter Herr ihm nun stundenlang die philologischen Feinheiten der Qumrantexte auseinandersetzte, musste er ihn bremsen.

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