Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Diese Sommerlektüren (6) – Thomas Pynchon

Ich schreibe nicht nur gerne selbst dicke Romane, ich schätze es auch, sie zu lesen. Und in meinem Ur­laub neh­me ich mir immer ein besonders dickes vor. Jedes Jahr aufs Neue bilde ich mir ein, die freien Tage seien endlos, die Abende warm und die Nächte hell und kurz. Ich hätte alle Zeit der Welt. Freilich ist es nicht so, es ist aber ein Traum, den ein Blick auf den Ka­lender zerstört: Die Tage reihen sich wie Do­minosteine aneinander, einmal angesto­ßen, fallen sie um so schneller. Und plötzlich liegt der letz­te vor mir auf dem Tisch, unbegreiflich im Nachhinein, wie eilig die Zeit verging. Es ist Herbst, kühle, feuchte Tage kün­den ihn, Winde jagen tiefhängende, graue Wolken über abgeerntete Felder. In den Läden kann man wie­der Feder­weißen und bald auch Nikoläuse erwerben, im Radio sin­gen Green Day Wake me when septem­ber ends. Der All­tag beginnt von Neuem und ein fet­tes, halb gelesenes Buch thront lastend auf dem Nachttisch wie eine Mahnung. Aber wenn ich es auf­schlage, duftet es noch nach Hitze und Sommerflie­der, riecht nach einem verloren Paradies.

Gibt es Schöneres als ein Buch, dessen Autor mich an der Hand nimmt und mir eine bisher ungekannte Welt zeigt, sie mir wortreich und spannend be­schreibt, bis ich mich in ihr heimisch fühle, mich in ihr verliere und ich den Mo­ment fürchte, an dem ich sie vielleicht für immer verlassen muss? Noch nach Jahren denke ich liebevoll an diese Wer­ke und tauche sehnsuchtsvoll in Erinnerungen ein, die sich anfüh­len, als hätte ich die Orte der Romane besucht, mit ihren Figuren gelebt und gelitten und ihre Abenteuer und Leben geteilt.

»Zwischen den Palästen« von Nagib Machfus ist solch ein Roman, Mervyn Peakes »Gormenghast« oder »Kristin Lavranstochter« von Sigrid Undset, um nur drei zu nen­nen; alle sind Werke mit tausend, zwei­tausend Seiten oder mehr. Das Eintauchen in diese so unterschiedlichen Wel­ten, in die in staubiger Hitze erstarrten Gassen und Hin­terhöfe Kairos, das laby­rintische, bedrohliche Schloss der in leere Riten er­starrten Fürsten von Groan oder das entbehrungsrei­che, karge Leben im frühmittelalter­lich eisigen Nor­wegen ist so vollkommen, dass man den heimlich ge­trunkenen Alkohol aus dem Mund von Abd al-Gaw­wad riecht, sich vor der Berührung des fetten Kochs Swelter ekelt oder mit Kristin um ihre Kinder weint. All diese Bü­cher fordern dem Le­ser zu Anfang reich­lich Geduld ab, aber wenn man die ers­ten 100 Seiten gelesen hat, ist man für den Rest sei­nes Lebens ge­fangen und sie lassen einen nie mehr los.

Manche dieser endlosen Bücher sperren sich jedoch auch nach vierhundert Seiten noch und machen das Lesen zum Kampf. Als Beispiele seien hier die »100 Jahre« von Opper­mann, Marcel Proust oder meine diesjährige Ferienlektüre genannt. In diesem Som­mer machte ich mich an den Ro­man »Gegen den Tag« des geheimnisumwitterten Autors Thomas Pynchon, der nicht nur aufgrund seiner 1600 Sei­ten eine schwergewichtige Lektüre ist, die das Lesen im Bett zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit macht. Es ist ein Buch, das geradezu danach schreit, als E-Book ver­öffentlicht zu werden, um dem Leser einiges an Last abzu­nehmen; Rowohlt sieht das jedoch anders. Man müsste den Verlag wegen der zu erwartenden Sehnenscheidenentzün­dungen beim krampfhaften Halten des Buches verklagen.

Ohne mich mit dem Autor vergleichen zu wollen oder zu können, ist seine Auffassung von Literatur der meinen wahrscheinlich sehr ähnlich. Obwohl »Gegen den Tag« zu­sammen mit dem erheblich kürzeren »Na­türliche Mängel« zu den leichter konsumierbaren Bü­chern des Amerikaners zählt, macht Pynchon, ein Phantom, von dem es keine Fo­tos und keine Biografie gibt, es dem Leser mal wieder nicht einfach: Das Buch hat keine durchgehende Handlung, keine Haupt­figur und es ist nicht spannend. Dabei springt so munter zwischen den trivialeren Literaturgenres hin und her, dass es beim Lesen schwindeln macht. Da niemand einen Autoren besser loben kann als er sich selbst, sei Pynchon nun das Wort überlassen:
»Gegen den Tag umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterun­ruhen in Colorado über das New York der Jahrhundert­wende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Bal­kan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereig­nisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die weltweite Katastrophe schon am Horizont ab­zeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalis­tische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild. Derweil treibt Thomas Pynchon sein Spiel. Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und abseitige Sexualpraktiken werden aus­geübt, obskure Spra­chen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig. Kontrafaktische Ereignis­se finden statt. Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte sie es sein.«

Wer sich auf den Kampf mit dem endlosen Buch ein­lässt, wird ihn – falls er ihn gewinnt – bestimmt nicht bedauern. Für alle anderen ist »Gegen den Tag« ein Ärgernis.

Und im nächsten Sommer, der wieder endlos und ewig sein wird, lese ich endlich »Krieg und Frieden«.

PynchonThomas Pynchon
Gegen den Tag
(Rowohlt, 2008, inzwischen neu nur noch als gewichtiges Taschenbuch oder als vollkommen überteuertes E-Book erhältlich)

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