Aber ein Traum …

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Archiv für das Schlagwort “Politiker”

Der Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das viel zu warme Januarwetter und die damit verbundenen heftigen Regenfälle in den letzten Tagen haben nicht nur Schneeglöckchen und Krokusse ausgebrütet und dafür gesorgt, dass zum Leidwesen der Allergiker die Haselsträucher in voller Blüte stehen, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber regelmäßig und dann unvermeidbar innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem in die Rathäuser setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, 130 auf Autobahnen, Umweltschutz, Klima, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ und „ökologisch“ sind die Beliebtesten.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Klimahysterie, 130 auf Autobahnen, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat mit der Augsburger CSU-Bürgermeisterkanditatin ihren Gipfel erreicht, die sich tatsächlich entblödet, mit dem Schlagwort „CSUsammen“ für sich zu werben.

Und da kommt mir doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standard-Wahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei!“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AfD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich sie nie bei ihren heimlichen, sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn sie nicht aufhören, mir ihren stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in den der AfD…

Nur gut, dass diese Seuche am Montag nach der Wahl so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächstenmal …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

Der Freitagsaufreger (I): „Da bin ich ganz bei Ihnen…“ (Rewind)

Heute gönne ich mir (und meinem Leser) einen kleinen Rückblick auf meinen allerersten Freitagsaufreger, eine kurze, zugegebenermaßen sanfte Kritik an der Politikersprache. Damals, am verregneten 17. Mai des letzten Jahres, hatte ich noch nicht geplant, mich Woche für Woche freitags ‚aufzuregen‘. Aber mein Alltag wollte es anders: Inzwischen habe ich mich schon über dreißigmal ereifert.  Um auch hier einmal meinen Lieblings-Goethe zu zitieren: „So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja zu sein, wie jene, die wir stolz und kühn verachten konnten.“

Die Motivation für den Erstling war simpel: Ich hatte am Vorabend einen Polittalk gesehen und war gefühlte einhundertmal über den Satz: „Da bin ich ganz bei Ihnen!“ gestolpert, den Politiker und Prominente jeder Couleur immer dann einstreuen, wenn sie besonders volksnah jemandes Meinung für ihre sinistren Zwecke vereinnahmen wollen.

Mit diesem ersten Aufreger sind ein paar Erkenntnisse verbunden: Es ist mir nicht gegeben, politische Satire zu schreiben. Das können andere viel, viel besser als ich. Auch hier macht die Übung den Meister. Der Aufreger unten mag zwar rührend, aber vergeblich um Originalität bemüht sein, aber er ist unscharf und holprig formuliert. Bei einem Leser mehr als ein gutmütiges Schulterzucken zu erwarten, wäre Hybris.

Außerdem fehlt ein Foto. Im Internet sollte jeder Text von einer Illustration begleitet sein, wenn er Aufmerksamkeit erregen will. Was auf dem Foto zu sehen ist, muss nicht im Zusammenhang mit dem Inhalt stehen; ein Foto von einem Säugling oder meiner Katze reicht vollkommen aus, ganze Webseiten leben davon. Immerhin ist der Aufreger unten ganz kurz. Das kann ich nicht von jedem meiner Blogartikel sagen, denn ich leide häufig unter Sprach-Diarrhoe und schaffe es selten, unter 800 Wörtern zum Punkt zu gelangen.

 Trotzdem begann mit dem ersten Freitagsaufreger etwas und er ist bei Kollegen, Freunden und meiner Familie die beliebteste Kolumne. Inzwischen sind die Texte ja zu einer ganz netten Sammlung angewachsen und ich plane, sie überarbeitet als ein kleines E-Book zusammenzustellen und meinen ‚Followern‘ zu meinem einjährigen Blogjubiläum zu schenken.

 *

 Da bin ich ganz bei Ihnen…“

Wer hat eigentlich als erster diese blödsinnige und vollkommen sinnfreie Formulierung aufgebracht, die sich gerade unter Politikern wie eine Seuche verbreitet hat? Bei den Liberalen hat jene unterirdische Formulierung inzwischen epidemische Züge angenommen, aber auch die Damen und Herren der anderen Parteien sind eifrig dabei, sich anzustecken.

Dieser „Un-Satz“ kann erst ein paar Jahre alt sein, aber er ist wie eine Zecke. Inzwischen findet keine Talkshow und keine Podiumsdiskussion mehr statt, in der nicht mindestens fünfmal dieser Satz auftaucht.

Der Thesaurus bietet so viele Möglichkeiten: „Ich stimme Ihnen zu.“ – „Ich teile Ihre Meinung.“ – „Ich verstehe Sie.“ – „Wir sind uns einig.“

Aber: „Da bin ich bei Ihnen…“ und das auch noch ‚ganz‘? Soll das jung, dynamisch, cool sein? Es ist gleichzeitig arrogant und hochnäsig, dabei schleimig anbiedernd. Die tatsächliche Bedeutung ist deutlich mitzuhören, obwohl das anscheinend kein Politiker wahrhaben will: „Ich stimme dir mal besser zu und halte mit dir symbolisch Händchen, dann beruhigst du dich und findest mich nett. Aber eigentlich ist mir vollkommen egal, was du sagst.“

Wenn ich so angesprochen werde, fühle ich mich so unwohl, als ob ich mit einem Fremden konfrontiert bin, der in meinen privaten Raum eindringt und zu nah an mich herantritt. Ich will nicht, dass jemand außer meiner Familie und meinen besten Freunden mir so nah kommt – ich bin ja selbst nur ganz selten bei mir.

Meist bin ich außer mir. Vor allem, wenn ich diesen Satz höre.

 

amy4

Wie gesagt – das Foto hat nichts mit dem Text zu tun – aber ist sie nicht süß?

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