Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Phantastik”

In den Bücherkellern des Vatikans (1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein geraten war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er doch unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er den Augenblick. Es war ein beglückendes Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren. Er umschloss ihn sanft und begleitete ihn wie eine warme Decke den Abgrund hinunter.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler. Er hatte sich von ihm entfremdet. Seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Da zwickte, dort drückte etwas, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln. Dazu kam eine stumpfe Taubheit in den Fingern und den Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin. Trotzdem ließ er sie sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben und schluckte brav die Wässerchen, Pillen und Tabletten, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbilden erst verursachten. Schließlich waren die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh -, oft grausamer als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte.

Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90, dachte er, so alt werde ich bestimmt nicht.

Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderen Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und unerfreulich larmoyante Lektüren, bei denen er Erleichterung empfand, wenn er sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte, noch, wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Dabei konnte er sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er über den Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben unter der Via delle Sette Chiese führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte.

Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon. Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er diesen Moment einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, in jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war.

Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht saß er ja einer optischen Täuschung auf und glitt stattdessen empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genauso anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln.

Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle! Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen kurze Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd. Dies erschien ihm aus irgendeinem vergessenen Grund ein wichtiges Indiz zu sein. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinander zwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht erneut in den Traum, sondern jetzt in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie in einer Vision ein Gesicht vor sich auftauchen, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau. Sie hatten überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem. Er zählte langsam bis drei. Anschließend versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines schlecht ausgeleuchteten Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren Teil 3

Heute teile ich stolz diese schöne und ausführliche Rezension von lunaewunias Blog „Schreibmaschinchen“. Dankeschön!
 

3. Buch : Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

Hier kommt nun meine dritte Rezension zur Geltsamer-Reihe des Autors Nikolaus Klammer. Teil 1 und Teil 2 habe ich bereits rezensiert. Story der Reihe Der Autor Nikolaus Klammer findet durch Zufall in einer sehr Mysteriösen Buchhandlung ein Buch, das unter seinem Namen veröffentlicht wurde, jedoch nicht […]

Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren Teil 3

Mein neues Buch ist fertig!

So, meine Lektorin und ich waren sehr fleißig und das Warten hat ein Ende:

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3
Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

ist fertig und bereits jetzt im Buchhandel als Taschenbuch erhältlich!

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3
Softcover, illustriert, 232 Seiten
8,99 €
ISBN 978-3746739762

(Auch die günstige E-Book-Ausgabe für 1,99 € ist inzwischen erschienen)

Ich freue mich wahnsinnig und ich hoffe, meinen Leserinnen und Lesern geht es ebenso. Ich bin auf eure Meinungen gespannt!

Liebe Grüße, Nikolaus

__________________

Und hier noch ein Schnappschuss von meiner Lektorin bei der Arbeit:

Demnächst: Der erste Band von „Der Weg, der in den Tag führt“

Nachdem ich in der letzten Woche an dieser Stelle meine Freunde und Follower nach ihrer Meinung gefragt habe, ob ich meinen nahezu fertigen Roman „Der Weg, der in den Tag führt“ auf zwei Teile splitten soll und eine überwältigende Anzahl von Rückmeldungen bekam (ganze 3 Stück), sind mir zwei Dinge klar geworden: Den meisten, die mir hier folgen, geht es komplett am A**** vorbei, was ich mache (was ich im Übrigen gut verstehen kann, denn manchmal geht es mir ähnlich), die anderen jedoch sind alle der Auffassung, ich sollte den allzu dick geratenen Roman in kleinere Häppchen aufteilen. Noch einmal herzlichen Dank für diese Meinung; sie hat mich bei meiner Entscheidung bekräftigt.

Deshalb werde ich Ende nächsten Monats den ersten Teil von „Der Weg, der in den Tag führt“ veröffentlichen. Er wird etwa 400 Seiten stark sein und so wird das Cover aussehen:

Wegen dieser Entscheidung sind freilich ein paar Editionsprobleme für den 2. Teil entstanden, der mit dem bisherigen 9. Kapitel beginnen würde. Um ein Gleichgewicht zwischen den Teilen zu erreichen und dem Leser die Pause bis zum Herbst, in dem ich die Fortsetzung veröffentlichen will, zu erleichtern, muss ich nochfür 8. Kapitel einen erweiterten Schluss erstellen und für den 2. Teil ein neues Anfangskapitel schreiben, ein Überleitungskapitel.

Für den Blog bedeutetet dies, dass ich die Vorveröffentlichung des bisherigen 10. Kapitels, also dem 2. des Fortsetzungsbandes, stoppe und mit der Arbeit an die beiden Einschub-Kapitel beginnen werde, die dann selbstverständlich hier zu lesen sein werden.

Durcheinander genug? Ich bin das auch.

Grüße Nikolaus

PS. So sieht übrigens der erste Entwurf für „Der Weg, der in den Tag führt – Teil 2: Paradis“ aus:

____________

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

UND DIES WAR GESCHEHEN

Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunter rannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon im Frühsommer unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eines sanfte, gütige Sonne herablachte und der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden blühte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegen wehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk – die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten.

Er sah zu seiner neuen Freundin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel auf den Eingang zu jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, Strohhut, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der Bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel und bittergelben Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte,der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verleger-Kollegen und Bruders im Geiste Ugo Tozzini, der die edizione tempo moderno herausgab und mit dem er schon seit vielen Jahren eng kooperierte. Auch hatte Verena den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

Ma come, Signore.

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namenschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

Scusami?

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend auf und griff hinter sich in die Ablage.

Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Geitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.

————-

[Zum 2. Teil]

Beitragsnavigation