Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (12)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (12. Teil)

Auch wenn sich ihr weher Fuß taub anfühlte und pochte, als sie langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse die Leiter hinabstieg, nahm Irta die Verstau­chung kaum wahr, denn die Ärmste war wieder in die golemhafte Gedankenstarre verfallen, die sie sich wie eine himmelhohe, unüberwindliche Mauer um ihre Seele herum errichtet hatte. Durch sie allein war sie nach den furchtbaren Erlebnissen dieses Tages, der noch nicht einmal bis zum Mittagsläuten der großen Glocke des Astris-Tempels fortgeschritten war, in der Lage, weiterzumachen. Hätte sie all den Kummer, das Entsetzen und das Grauen an sich herangelassen, wäre sie unter diesem Gewicht zerdrückt worden. Sie hätte ihre Finger einfach von den Sprossen gelöst und sich in den Tod gestürzt. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine geliebte Schwester schon in ihrem Innersten erahnte, dass sie nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für eine neues Leben verantwortlich war, das in ihr vor kurzer Zeit zu reifen begonnen hatte.

Auf jeden Fall gelangte sie nach nicht allzu langer Zeit zum Fuß der Leiter, wo ein schnurgerader Tunnel begann, der von ein paar wenigen Öllampen beleuchtet wurde, deren Licht nur noch blakte und bald erlöschen würde. Diesen Schein hatte Irta schon von oben gese­hen. Sie folgte humpelnd dem etwa eine Viertelmeile langen, schimmligen Gang, der auf seinem Weg an­scheinend mehrere Grundmauern des Palastes durch­schnitt und vielleicht einmal ein Versorgungstunnel für die Arbeiter gewesen war, die diesen Palastteil wäh­rend der kurzen Curha-Dynastie vor über eintausend Jahren erbaut hatten. Auf diesem primitiven, aber ko­lossalen und während des Interregnums teilweise zer­störten Vorgängerbau hatte der „Prächtige“ 300 Jahre später den Elfenbeinpalast errichten lassen, der sich wie ein weißer Berg über Karukora in den Himmel er­hob. Der Tunnel führte Irta durch einen Torbogen auf einen Absatz hinaus, der in einen gewaltigen kreisrun­den Schacht hineinragte. In dessen Mitte war gerade noch eine schmucklose, gewaltige Säule zu erkennen, die wohl sechs Männer zusammen nicht umfassen konnten. Dies musste einer der großen Stützpfeiler des Opalturms sein, der den Palast jenseits des Serails überragte. Weder dessen Anfang, noch dessen Ende konnte sie von hier aus erkennen; beide verschwanden in der Finsternis des gemauerten Schachts. Es roch hier dumpf und abgestanden wie in einer alten Gruft und das Atmen fiel Irta schwer. Wahrscheinlich war die Luft hier drin so alt wie das Gebäude selbst.

Rechts von ihr ging ihr Weg weiter: Es war ein gale­rieartiger Umlauf, der leicht abschüssig und ohne die Sicherung eines Geländers in einem großen Bogen um den Schacht hinabführte. Auch hier brannten in die Wand eingelassen in regelmäßigen Abständen flackern­de kleine Öllichter, die wahrscheinlich von Raul entzündet worden waren, als er Irta in dieser Nacht besucht hatte. Obwohl dieser Geheimgang hinter den Palastmauern – einer von vie­len, denn der Elfenbein-Palast ist durchlöchert wie ein getrockneter Käse aus Brisano von den Fressgängen der Milchmaden – so schmal war, dass keine zwei Per­sonen nebeneinander auf ihm gehen konnten, ohne dass der eine Gefahr lief, über die Innenseite in die bo­denlose Schwärze zu stürzen, konnte Irta bequem und aufrecht stehen.

Ihr Blick fiel auf den Boden des gemauerten Absatzes, in dessen fingerdickem Staub deutlich die vielen ver­wischten Fußabdrücke zu sehen waren, die Raul in den Nächten der letzten Wochen dort hinterlassen hatte, als er eilig und liebestrunken seine Irta aufgesucht hatte. Plötzlich wurde es ihr zu eng in dem stickigen Halbdunkel und sie schüttelte ein unvermittelter Frost, obwohl es nicht gerade kalt in dem Schacht war. Sie schleppte sich frierend weiter. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann wäre sie nun die Spirale der Ram­pe hinabgerannt, um nur möglichst bald einen Ausgang aus diesem unwirklichen und bedrückenden Ort zu fin­den. Sie wusste ja, dass dieser Weg sie irgendwo in die Nähe der Diplomatenunterkünfte führen musste. Mit einem Mal keimte in ihr die Hoffnung, die Delegation des lamargischen Regnos wäre noch dort und sie könn­te sich doch noch deren Aufbruch anschließen. Alles würde sich als ein Missverständnis herausstellen und sie ihren geliebten Prinzen in eine wundervolle, ge­meinsame Zukunft begleiten dürfen. Aber je länger sich der Gang an der kreisrunden Außenwand um die freis­tehende Granitsäule hinabschraubte, um so deutlicher erkannte Irta: Sie belog sich nur selbst.

Schließlich gelangte sie dann doch überraschend schnell an den Fuß der Rampe, wo sie nach einem wei­teren Absatz in einem Raum mündete, an dessen ge­genüberliegender Wand eine von innen mit einem schweren Riegel verschlossene Tür zu sehen war, durch die sie offenbar den Geheimgang verlassen konnte. Irta lief aber nicht sofort hinaus, sondern verharrte nach­denklich. Das fensterlose, kleine Zimmer, in das sie die Wendelgalerie schließlich geführt hatte, diente offen­sichtlich nicht nur als Eingang, sondern stellte sich zu ihrer Überraschung als ein Schutzraum heraus und er war von Raul oder einem anderen Eingeweihten aus ihr unbekannten Gründen für einen längeren Aufent­halt vorbereitet worden: Ein Tisch und Stühle standen hier, eine mit sauberen Laken frisch bezogene Stroh­pritsche und ein deckenhohes Regal, das mit Lebens­mittelkonserven, eingelegtem Obst und Gemüse, ge­trocknetem Fleisch und Wasserflaschen, Ölkanistern und Holzscheiten gefüllt war. In der Ecke befand sich sogar ein Ofen zur Speisenzubereitung, dessen Abzug­rohr in der Wand verschwand, und daneben stand ein Spülbecken, über dem ein Wasserhahn tropfte. Für ausreichend Licht sorgte eine große Lampe, die von der Decke hing. Hier konnte man sich zur Not mehrere Wo­chen oder gar Monate vor den neugierigen Augen des Elfenbein-Palastes verbergen. Irta hatte das nicht vor, denn sie wollte so schnell wie möglich zu ihrem Vater und ihrer Schwester, aber sie war auch nicht so dumm, dieses Refugium, das das Schicksal ihr geschenkt hat­te, einfach so zu verlassen.

Sie hatte neben der Tür, die hinaus in den Palast führte, in Augenhöhe eine unscheinbare Klappe ent­deckt, die sie zur Seite schieben und durch die sie hin­aussehen konnte. Von außen war dieses kleine Guck­loch durch ein Gitter verborgen. Vorsichtig öffnete sie die Klappe und spähte durch sie hindurch, schnupperte gierig die frische Luft, die sofort durch sie hindurch in das Zimmer strömte. Irta war tatsächlich an das Ende des geheimen Ganges angelangt: Dort draußen erkann­te sie einen Abschnitt eines im hellen Tageslicht baden­den Ganges, dessen Wände mit einem farbenfrohen Mosaik bedeckt waren, das eine Gruppe junger Karu­korer auf einer blühenden Wiese beim Ballspiel zeigte. Etwas seitlich war eine kunstvoll geschmiedete Gitter­tür zu erkennen. Vor ihr stand eine Palastwache, zwei grimmige Soldaten, im traditionellen leuchtenden Grün der Treuwacht gekleidet und mit ihren scharfen Piken in den Händen. Irta hatte sich richtig entschie­den, nicht sofort ins Freie und damit in die Arme dieser Wachen zu rennen. Plötzlich drang ein übler Geruch in ihre Nase, den sie schon fast vergessen hatte. Von der Seite näherten sich Schritte und dann trat ein Mann in ihr Sichtfeld, der direkt vor dem Gitter stehenblieb, durch das meine Schwester hinaussah. Er blickte sich schnüffelnd und misstrauisch um, als würde er ahnen, dass er beobachtet wurde.

Irta prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zu­rück: Es war kein anderer als Radik Emre, der ver­fluchte Beschnittene, der wie aus dem Nichts aufge­taucht war und nun zwar durch eine Mauer getrennt, aber kaum eine Armlänge von ihr entfernt in dem Flur stand!

„Sind diese Hunde aus dem Norden endlich abge­reist?“, hörte Irta Radiks verhasste Stimme fragen und von der körperlichen Nähe und dem ekelen Geruch, den er verströmte, wurde ihr übel.

„Ja, Aufseher“, erwiderte einer der Treuwächter mit verschnupfter Stimme. Wahrscheinlich atmete er nicht mehr durch die Nase, sondern durch den Mund. „Die Allbarmherzige möge sie alle mit juckender Krätze quälen …“

„Ja, Seneschall“, unterbrach ihn Radik zornig.

„Ja, Seneschall. Verzeih mir meine Achtlosigkeit, Ra­dik, mein Herr!“, wurde ihm sofort aus zwei Kehlen ge­antwortet. Dann fuhr der erste eingeschüchtert fort: „Wir bewachen nur noch leere Zimmerfluchten. Aber wir haben noch keine Order bekommen, zur Kaserne zurückzukehren.“

„Ihr werdet euch auch nicht vom Fleck rühren, bis ich es euch befehle! Habt ihr das verstanden?“ Radik zö­gerte kurz, während die beiden Treuwächter aufgeregt nickten. „Sagt mir, habt ihr eine Dienerin des Serails gesehen? Ist sie hier vorbeigekommen? Ihr Sarê ist zer­rissen, schmutzig und blutbefleckt.“

Irta sah erschrocken an sich herab. Radik hatte recht: Ihre dünne Seidenkleidung unter dem dunklen Um­hang von Raul, den sie ihn ihrem Kämmerlein mitge­nommen hatte, hing nur noch in Fetzen an ihr herab, sie war verdreckt und tatsächlich voller dunkler Fle­cken, die nur getrocknetes Blut sein konnten. Sie sah schrecklich aus, das wurde ihr erst jetzt bewusst. In diesem Aufzug würde sie nicht weit kommen – beson­ders, nachdem die Palastrevolte offenbar schon wieder Geschichte und Ordnung eingekehrt war.

„Nein, Herr Auf … Seneschall! Hier ist seit der Abrei­se der lamargischen Delegation vor einigen Stunden niemand vorbeigekommen. Auch in den Räumlichkei­ten der Untervezire des Auswärtigen Diwans weiter hinten im Gang ist heute niemand anwesend. Bedenke …“

Der neue Seneschall winkte ab und sofort verstummte der Wächter. „Gut. Seid aber trotzdem wachsam und habt ein Auge auf alles. Ich werde dafür sorgen, dass ihr am Abend abgelöst werdet. Solltet ihr doch noch diesem Mädchen begegnen, haltet sie fest und bringt sie zu mir persönlich. Ich werde mich in meinen neuen Gemächern, die früher Aismek gehörten, aufhalten. Gebt nur mir Bescheid, ja? Habt ihr das verstanden?“

„Ja, oberster Hofmeister! Möge das Licht des Namen­losen immer über unseren Häuptern und besonders über deiner Glatze leuchten.“
„So … sei es“, erwiderte Radik und verließ murmelnd den Gang.

„Setet! – Puh! Dieses fette Schwein stinkt wie die Kloake hinter dem Haus des Gerbers Zithar“, sagte ei­ner der Wächter leise, nachdem er sicher war, dass Ra­dik außer Hörweite war. „Mögen ihm die Zähne verfau­len und unter Schmerzen ausfallen!“

Irta setzte sich auf die Pritsche. Hier war ihre Flucht erst einmal zu Ende. An den Wachen würde sie sich nicht vorbeistehlen können und es sah nicht so aus, als würde Radik, der genau wusste, dass sie sich hier ir­gendwo verbarg, die Treuwächter so schnell von den Gemächern für die ausländischen Delegationen abzie­hen. Zudem war sie barfuß und ihr geschwollener Knö­chel schmerzte immer stärker; sie hatte sich am Ende nur noch mühsam den großen Wendelgang hinunter in dieses Refugium schleppen können. Reine Willenskraft und die Hoffnung, sich doch noch in die Arme ihres Prinzen retten zu können, hatten sie noch aufrechtge­halten. Doch nun war sie hier erst einmal auf nicht ab­sehbare Zeit gefangen. Irta warf sich schluchzend auf das Lager und wickelte sich in den Umhang ein. Eine Weile hörte sie noch den Gesprächen der Wachen zu, die dem neuen Seneschall mit unermüdlichem Eifer al­les Mögliche und Unmögliche an den Hals wünschten, dann forderte ihre Erschöpfung ihren Preis und ein barmherziger Schlaf senkte sich auf ihre Lider. Die trä­nenreiche Barmherzige schenkte der Leidenden einen mitleidigen, wundervollen Traum von der vergangenen Nacht, die sie in den Armen ihres Geliebten begonnen hatte. Welch einen Unterschied hatte eine einzige, ent­setzliche Morgendämmerung bedeutet!

Doch nun lasst mich langsam zum Ende meiner Ge­sichte kommen, ihr überaus geduldigen Zuhörer! Aller­dings gibt es noch ein paar Dinge zu berichten. Irta verbrachte ein Dutzend Tage und Nächte in ihrem recht komfortabel ausgestatteten Versteck. Ihre weite­re Flucht wollte sorgfältig geplant sein, denn der Sene­schall Radik Emre, der sich sicher war, dass sie sich noch in den Mauern des Palastes befand, ließ weiterhin überall nach ihr suchen. Er musste Irta unbedingt aus­findig machen, denn er wusste, er würde auf dem Platz der Allbarmherzigen Eintracht gevierteilt und Kroko­dilfutter werden, wenn dem Namenlosen hinterbracht wurde, dass ausgerechnet sein neuer Seneschall es ge­wesen war, der dessen Mutter Adalante ermordet hat­te. Radik wusste, diese spontane Tat würde ihm der „Unterwerfer“ niemals verzeihen können, auch wenn er sie nicht nur ausgeführt hatte, weil Adalante eine un­versöhnliche Feindin gewesen war, die ihn nur mit Ver­achtung behandelt hatte, sondern weil er meinte, dass es für den neuen Herrscher ein viel besserer Anfang war, wenn er seine ersten unsicheren Schritte als Na­menloser von Karukora ohne die Lasten der Vergan­genheit beschreiten konnte. Der frischgebackene Sene­schall, der heimlich schon lange in den jungen Dagor verliebt gewesen war, setzt nicht nur wegen seiner ei­genen Karriere seine Hoffnungen auf ihn.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (11)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (11. Teil)

Doch Irta wusste es besser, sie hatte einen Plan. Ihr Ziel war der kleine, rückwärtige Garten, in dem die Statue des „Prächtigen“ stand, von der sie wusste, dass ihr Sockel einen Geheimgang enthielt, der in die Räumlichkeiten der Diplomaten an der Westmauer des Palastes führte. Raul hatte sie ja seit Wochen in jeder Nacht auf diesem Weg heimlich besucht und wieder verlassen. Er hatte ihr auch erzählt, wie man den Ein­gang in den unterirdischen Tunnel öffnete. Es musste ihr nur gelingen, durch das Fenster in ihrer winzigen Kammer in den Garten hinabzusteigen, dann konnte sie sich vor dem Beschnittenen in Sicherheit bringen. Radik wäre nicht so siegessicher und langsam ihren Fußspuren gefolgt, wenn ihm diese Fluchtmöglichkeit bekannt gewesen wäre.

Er schüttelte überheblich seinen kahlen Kopf über die Dummheit dieses Mädchens, das sich wie ein Mäuslein vor der Katze im nächstbesten Loch verkriechen wollte und erreichte eine Weile nach ihr pfeifend die Unter­künfte der Dienerinnen, als Irta am hinteren Ende des Flurs bereits ihre Kammertür zuschlug und diese von innen verriegelte. Meine Schwester wusste natürlich, dass das Schloss der aus halbierten Bambusrohren ge­fertigten Tür für ihren Verfolger kein größeres Hinder­nis darstellte und kaum einem festen Fußtritt stand­halten würde. Sie hatte sich also zu beeilen. Trotzdem verharrte ihr Blick viel zu lange auf dem ungemachten Lager zu ihren Füßen, das sie noch vor wenigen Stun­den mit ihrem Geliebten geteilt hatte. Eine einzelne, bereits verwelkende gelbe Rose, ein Brautgeschenk Rauls in dieser Nacht, lag neben dem Kopfkissen, in das noch immer die Kopfform des Prinzen eingedrückt war. Ach, es erschien Irta, als wäre dies alles in einem anderen Leben geschehen – so viel war inzwischen pas­siert!

Radik klatschte mit der flachen Hand dreimal von au­ßen gegen die Kammertür, die unter seinen Schlägen erzitterte. „Eins-zwei-drei. Hab ich dich!“, lachte er. „Als nächstes darf ich mich verstecken und du musst mich suchen.“

Irtas Herzschlag setzte einmal aus, aber der Schreck riss sie aus ihrer Selbstvergessenheit, durch die ihr wertvoller Vorsprung zusammengeschmolzen war. Eilig er­griff sie einen herumliegenden weiten Umhang, den sie sich überwarf, dann schwang sie sich auch schon mit den Beinen voraus seitlich auf die Fensterbank. Der Boden des Gartens lag erschreckend tief unter ihr. Was für Raul nur ein kleiner Sprung gewesen war, er­schien ihr wie ein Fall in einen Abgrund. Sie sammelte ihren Mut und schob auch den Rest ihres Körpers durch das enge Fenster. Dabei hielt sie sich mit den Händen ver­zweifelt am Rahmen fest.

Hinter ihr wurde die Tür ihrer Kammer mit grober Gewalt aus den Angel gerissen und flog zerbrechend gemeinsam mit Radik in den Raum. Der feiste Be­schnittene hatte sich mit seiner ganzen Körperfülle ge­gen die Tür geworfen. Mit einem Blick war er auf den Beinen und erfasste die Situation. Seine Hand mit dem Messer zuckte nach vorn, berührte aber Irtas Rücken kaum, denn im gleichen Augenblick stieß sie sich los und sprang hinab. Sie landete in der Blumenrabatte unter ihrem Fenster, die ihren Sturz ein wenig milder­te. Trotzdem knickte ihr linker Fuß um und sie fiel mit einem Schrei der Länge nach zu Boden, rollte in den Rasen. Radik zwängte seinen Kopf und seinen Ober­körper durch die Fensteröffnung, um ihr auf diesem Weg zu folgen, doch weiter kam er nicht, denn er war viel zu fett, um es ihr gleichzutun. Der Eunuch spuckte und geiferte zornige Verwünschungen. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn und zog sich zurück, rannte eilig aus der Kammer. Wenn er zu Irta in den Garten hinabwollte, dann führte ihn der kürzeste Weg rund um das Gebäude und dann durch die Waschküche. Irta hatte sich durch ihren mutigen Sprung ein wenig Zeit erkauft, doch sie musste sich beeilen. Es würde nicht sehr lange dauern, dann würde der vor Wut schnau­bende Radik bei ihr sein und ihrer Flucht ein Ende ma­chen.

Sie versuchte aufzustehen, doch ein stechender Schmerz in ihrem Knöchel trieb ihr Tränen in die Au­gen und vereitelte diesen Versuch. Frustriert schimpfte sie sich selbst für ihr Ungeschick und mit einer neuen Kraftanstrengung gelang es ihr doch, aufzustehen. Die Schmerzen waren dabei kaum auszuhalten, aber es gab keine Alternative, wenn sie nicht in die Hände des Tob­süchtigen fallen wollte. Auf einem Bein hüpfend und humpelnd näherte sie sich der als kleines Labyrinth angelegten Drillingsblumen-Hecke, in deren Mitte das Haupt der Statue des „Prächtigen“ emporragte und sie mit sehr abschätzigen und arroganten Blicken zu be­trachten schien. Als Radik vom Waschhaus kommend suchend den hinteren Win­kel des Gartens erreichte, war Irta schon hinter die mannshohen Büsche getaucht und für seine Blicke un­sichtbar. Es würde aber sicher­lich nicht sehr lange dauern, bis er ihr Versteck entdecken würde, denn es gab nicht viele Möglichkei­ten, sich in dem kleinen Park zu verbergen. Doch wäh­rend der Beschnittene sich aufmerk­sam und noch ver­geblich nach ihr umsah, hatte Irta trotz ihres ver­stauchten Beins genug Zeit, bis zum Zentrum des Tro­jaspiels vorzudringen, wo das steinerne Abbild des Na­menlosen von ein paar Marmorbänken umringt auf ei­nem etwa fünf Fuß hohen, achteckigen Sockel stand, auf dessen Seiten ab­wechselnd Steintafeln mit Arabes­ken und mit Szenen aus seinem Leben zu sehen waren. Das Kunstwerk war insgesamt von minderer Qualität und nicht ohne Grund an diesem ab­seits gelegenen Ort hinter hohen Hecken versteckt.

Hier war der Ausgang des geheimen Weges verborgen, der nahe der Gemächer der Diplomaten hinter einer versteckten Tür begann. Es war einer der Nachfolger des „Prächtigen“ aus der Adin-Dynastie gewesen, der ihn vor 600 Jahren hatte errichten lassen, um dezent und auf dem kürzesten Wege seine wilde Favoritin be­suchen zu können, die jedoch nicht im Serail bei den anderen Frauen lebte, sondern sich in diesem Garten in einer hölzernen Hütte vor den Augen der Welt ver­barg; einer Hütte, die es im Gegensatz zu der Statue heute längst nicht mehr gibt. Doch auch die Geschichte von Fanime, der Zuckerwölfin ist eine Geschichte, die ich in einer anderen Nacht erzählen will. Auf jeden Fall war der unterirdische Gang nach dem Bürgerkrieg, der die Bişra an die Macht schwemmte, vollkommen ver­gessen worden, bis ihn Raul zufällig wieder entdeckt und für seine Pläne benutzt hatte. Nun schien der Gang, der bisher nur Prinzen auf ihrem Weg von und zum Stelldichein mit ihren Geliebten gesehen hatte, Ir­tas Leben retten zu können.

Und welch ein Glück, dass Raul Irta erklärt hatte, wie man den Zugang zum Tunnel durch eine Geheimtür im Sockel von außen öffnen konnte! Er hatte es in einer Nacht getan, in der sie gemeinsam in dem Garten, der nur für die Liebenden zu existieren schien, lustgewan­delt waren und sich auf einem duftenden Lager zwi­schen den Hecken unter einem blauschwarzen Himmel geliebt hatten, der nirgendwo auf der Welt tiefer hängt als in der Wüste. Es hatte für Irta den Anschein ge­habt, die Sterne würden nur eine Handbreite über den Palmen und den Zinnen des elfenbeinernen Palastes im grundlosen Ozean der Nacht schwimmen.

Zum Öffnen des Sockels musste auf jeder der vier Sei­ten, die ein sehr einfach ausgeführtes Relief verzierte, das die Heldentaten des „Prächtigen“ verherrlichte, ein bestimmtes Symbol niedergedrückt werden. Dadurch wurde der Mechanismus ausgelöst, der das raffinierte Schloss entriegelte. Leider mussten diese steinernen Symbole, die nichts anderes als verborgene Schalter waren, in einer bestimmten Reihenfolge gedrückt wer­den, damit das Öffnen klappte. Es waren die Herr­schaftszeichen und Wappenelemente des berühmten Namenlosen, also Sonne, Taube, Maske und Goldmün­ze. Irta wusste noch, dass sie die Taube zuerst nieder­drücken musste, die auf dem ersten der vier Reliefwän­de aller Welt die Geburt des neuen Namenlosen ver­kündete, aber wie sie weitermachen musste, hatte mei­ne Schwester in ihrer Aufregung vergessen. Kam da­nach schon die Maske oder doch zuerst die Münze? Ein Fehlversuch würde das Schloss komplett verriegeln, bis es jemand von innen wieder aufsperren würde. Das hatte ihr Raul erklärt und es würde ihre Flucht verei­teln. Sie wäre dem irren Radik wehrlos ausgeliefert, nachdem sie mit ihrem verstauchten Fuß nicht mehr in der Lage war, ihm davonzurennen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Beschnittenen, die so laut und deutlich zu verstehen war – ganz als ob er er be­reits hinter ihr stünde.

„Na, mein glutäugiges Häslein, in welchem Loch hast du dich denn verkrochen? Versteck dich nur gut, dann macht dem Fuchs die Suche mehr Spaß!“ Irta sah nach allen Seiten, aber Radik hatte den inneren Ring des Hecken-Labyrinths um die Statue herum noch nicht er­reicht. Jedoch war er nah – sehr nah! Sie konnte schon seine Ausdünstungen riechen und vermeinte bei seinen Worten seine feuchte Hand auf ihrer Schulter zu spü­ren.

Kurz entschlossen drückte Irta die leicht hervorste­hende Taube in das Relief hinein, die auch mit einem leisen Klicken einrastete. Der erste der vier Sperrbol­zen war gelöst. Sie kroch auf die andere Seite und ihr Finger verharrte zögernd über der Maske, die auf die­sem Relief über der Hand des Prinzen schwebte. Doch dann fiel es ihr siedend heiß ein: Als sie noch im Haus ihres Vaters gelebt hatte, hatte sie auf Wunsch eines ihrer Hauslehrer die schier endlose und langweilige Geschichte des Namenlosen in der Historia Derer Adini und ihrer An­verwandten Geschlechter lesen müssen. Darin hatte sich ein recht grausames Gedicht befunden, das über den „Prächtigen“ berichtet hatte:

Willst du die Zahl jener nennen,
die ich unter meinen Füßen zermahlte?
Willst du die Zahl der Münzen kennen,
die in meinen Besitz gelangten?
Dann sage mir die Zahl der Tränen,
die aus den Augen der Allerbarmerin rinnen.

Willst du die Zahl jener nennen,
die mich unter meinem Thron huldigen?
Willst du die Zahl der Jahre nennen,
die ich Karukora beherrsche werde?
Dann sage mir die Zahl der Tropfen,
die das Südmeer füllen.

Der „Prächtige“ hatte als junger Kronprinz zuerst ein märchenhaftes Vermögen bei seinen Feldzügen gegen die westlichen Barbaren errungen, bevor er sich die goldene Herrschaftsmaske der Namenlosen aufgesetzt hatte! Hektisch rollte Irta sich herum, hin zu der Seite, auf der der Namenlose dargestellt war, wie er in der ei­nen Hand eine Münze und in der anderen einen Sadji-Säbel jonglierte, mit dem er eben einige Feindesköpfe von ihrem Rumpf getrennt hatte. Irta hatte die zweite und die dritte Strophe des Gedichts verwechselt, wie ihr noch rechtzeitig in den Sinn gekommen war.

Nun machte sie alles richtig: Zuerst die Münze, dann die Maske. Nachdem sie zuletzt auch noch auf das Son­nensymbol gedrückt hatte, das der Namenlose auf der letzten Bildtafel mitten auf seiner göttlichen Stirn trug, klappte ihr die Wand des letzten Reliefs entgegen und gab einen tiefen Schacht frei, an dessen Rückseite eine angelaufene, metallene Leiter angebracht war. Sie führte senkrecht hinab in eine undurchdringliche Fins­ternis und Irta konnte nicht ausmachen, wo sie endete. Auf einem kleinen Sims an der Seite stand eine Later­ne, doch meiner Schwester blieb nicht die Zeit, diese anzuzünden und mit ihrer Hilfe ihren Abstieg zu be­leuchten, denn gerade, als sie sich mit dem Oberkörper hineinbeugte, um die erste Sprosse der Leiter ergreifen zu können, damit sie sich vollständig in den Schacht hineinziehen konnte, wurde sie grob am Fuß gefasst.

„Hab dich!“, rief Radik triumphierend. Irta trat zu Tode erschrocken mit dem heilen Bein nach hinten aus – und traf den Eunuchen durch einen rettenden Zufall mitten auf der Brust. Ihr Tritt war nicht allzu fest ge­wesen, aber er genügte, den Verfolger, der sich halb zu ihr heruntergebeugt hatte, nach hinten straucheln zu lassen. Dabei lockerte sich sein Griff und Irta kam wie­der frei. Bevor sich Radik wieder sammeln konnte, hat­te sich Irta ganz in den Schacht gezogen und die kleine Tür im Sockel der Statue fiel sofort hinter ihr ins Schloss, denn ihr innerer Öffnungs- und Verschlussme­chanismus war mit der obersten Sprosse der Leiter ver­knüpft, die unter Irtas Gewicht eine Handbreite nach unten kippte.

Für einen kurzen Moment, der sich für Irta wie eine Ewigkeit anfühlte, hing sie in absoluter Finsternis mit beiden Händen an dieser unzuverlässigen Sprosse über einer – wie sie sich einbildete – bodenlosen Tiefe. Dann fanden ihre Füße endlich ebenfalls auf der Leiter Halt. Bevor sie sich an den Abstieg machte, verharrte sie eine Weile und klammerte sich an das rostige, klebrige Metall, während sie darauf wartete, dass sich ihr ja­gender Puls wieder etwas beruhigte. Sie lauschte: Er­staunlicherweise war nichts von Radik zu hören. Es war fast so, als habe er nie existiert. Diese Stille mach­te sie jedoch nervöser, als wenn sie ihn fluchen und schreien gehört hätte. Hatte er wirklich so schnell auf­gegeben oder verschloss der Deckel diesen Schacht so fest, dass nichts von seinem Zorn darüber, dass ihm sein bereits gefangen geglaubtes Opfer in letzter Se­kunde entwischt war, an ihr Ohr drang? Während Irta lauschte und doch langsam ruhiger wurde, bemerkte sie, dass die Dunkelheit ums sie herum doch nicht komplett und absolut war. Von tief unter ihr drang ein wenig Licht durch den Schacht nach oben.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (10)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (10. Teil)

Der Regno wollte etwas Grobes erwidern, eine Beleidi­gung, die dieses generöse und überraschende Friedens­angebot zunichte gemacht hätte, aber Galves beugte sich zu ihm und flüsterte ihm erneut etwas zu, das ihn zu Vernunft zu bringen schien. Yves nickte und sah zu­rück zu seinen Rittern, die zwar alle von dem Kampf erschöpft waren, sich aber auf sein Wort hin mit dem Adlerlied der Freien Lamargue auf den Lippen in den Tod gestürzt hät­ten. Am längsten verharrte sein Blick auf seinem ver­wundeten Sohn, dem die Männer aus zwei Treuwäch­terpiken und in Streifen gerissenen Hemden eine pro­visorische Trage gebastelt hatten. Raul lag still und ohne Bewusstsein da, aber er atmete ruhig und gleich­mäßig. Wie sich später herausstellte, war die Kugel aus Dagors kleiner Waffe an einer Rippe abgeprallt und nicht tief in den Brustkorb eingedrun­gen. Seine Verlet­zungen waren nicht lebensgefährlich, aber der Blutver­lust aus dieser und der durch den Streifschuss am Arm verursachten Wunde hatte end­lich sogar diesen Bären von einem Mann niedergerun­gen. Irta hielt weiterhin zärtlich seinen Kopf und tupf­te ihm mit dem Ärmel die Schweißperlen von der Stirn. Yves sah ihr eine Weile dabei zu, dann seufzte er und wandte sich wieder zu dem Namenlosen.

„Mir ist in der Hitze des Gefechts entgangen, wer Adalante hinterrücks ermordete, doch ich stehe für meine Männer ein und schwöre den Eid eines Regnos, dass es keiner von ihnen war. Ich habe Adalantes Ver­stand und ihre Weisheit immer geschätzt. Sie war uns eine teure Verbündete und wir sind heute hier angetre­ten, um sie zu beschützen. Wahrscheinlich ist sie längst gerächt und ihr feiger Mörder liegt hier zertre­ten wie eine Wanze zu unseren Füßen.“ Er machte eine nachdenkliche Pause. „Du hast recht, Dagor, der du dich nun der Unterwer­fer nennst. Wir haben an diesem Morgen keinen Grund mehr, uns weiterhin zu bekämp­fen. Ich werde mich mit meinen Rittern zurückziehen. Die Delegation und ich werden bis Sonnenuntergang die Mauern von Karuko­ra hinter uns gelassen haben und auf den Karawanen­wegen gen Norden ziehen. Was später geschieht, wird uns die Zukunft weisen. Möge mich Maraia, die Trä­nenreiche, im Schlafe ersticken, wenn ich nicht die Wahrheit sprach.“

Ich sehe auf vielen Lippen meiner Zuhörer ein bitteres Lächeln. Ja, große Reden können sie in allen Überle­benden Landen schwingen, unsere hohen Herren. Und schnell schwö­ren sie bei ihrer Göttin, die ja eigentlich nur eine einzi­ge ist und sich niemals um die menschli­chen Dinge und ihre Eide kümmert. Aber auf diese Weise konnten sich beide Parteien ehrenvoll aus dem Kampf zurückziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Id­richson Galves und Paşha Ul­tem gaben ihren Männern bereits Anweisungen, sich zurückzuziehen, als sich der graubärtige Regno und der frischgebackene Namenlo­se noch der gegenseiti­gen Wertschätzung versicherten –, obwohl sie freilich insgeheim dem anderen die Blau­en Pocken an den Hals wünschten. Vier Ritter nahmen Raul an den Enden der improvisierten Trage hoch und traten mit ihrer Last achtsam im Gleichschritt zum Tor des Serails hinaus. Irta wollte ihnen selbstverständlich folgen und hielt sie mit einem Ruf auf, aber Galves er­griff sie beim Vorbeige­hen.

„Was, Kind, glaubst du da zu tun?“, zischte er, wäh­rend er sie fest am Arm hielt. Meine Schwester starrte die Schwalbe von Avríl verwundert an, doch obwohl ihr plötzlich war, als würde sich eine eisige Hand um ihr Herz schließen, antwortete sie gefasst:

„Ich folge meinem geliebten Mann in seine Heimat. Lass mich los, Soldat.“ Die Angst einer plötzlichen Er­kenntnis funkelte feucht in ihren dunklen, großen Au­gen. Galves senkte verlegen den Kopf und hob mitlei­dig die Augen­brauen. Seine Stimme wurde dunkler und sanfter:
„Mädchen, du warst uns eine große Hilfe, aber du bist dem Namenlosen untertan und kein Teil unserer Ab­machung mit ihm. Du kannst Karukora nicht mit uns verlassen.“ Er zögerte, denn die nächsten Sätze fie­len ihm schwer. „Deine Hoffnungen trügen dich. Du wirst niemals die Gattin des Thronfolgers der La­margue werden können. Das war ein schöner Traum, doch nun musst du aus ihm erwachen. Der Regno wird eurer Verbindung niemals zustimmen, denn Raul ist Dora Kahlja von Drybnisfelt versprochen, die er im Winter, wenn er hoffentlich von seinen Wunden genesen ist, ehelichen wird.“

Irta duckte sich unter den Worten von Galves. Jeder seiner Sätze war wie ein Peitschenhieb gewesen, der mit voller Wucht auf sie niedersauste und ihr tiefe, un­heilbare Wunden in die Haut schnitt. Sicherlich tat das Mädchen Galves leid, denn er war kein Unmensch. Aber er war ausschließlich seinem Regno verpflichtet, dem Rauls natürlich nicht unbemerkt gebliebenes Ha­remsabenteuer ein Dorn im Auge war. Auch das Glück der Tochter eines seiner tüchtigsten Spione und endlich auch das des jungen Prinzen hatte sich diesem Kada­vergehorsam, der keine Ausnahme duldete, unterzu­ordnen. Raul hatte das Gespräch belauscht und öffne­te plötzlich auf der Trage seine Augen.

„Irta, meine süße Wüstenblume …“, flüsterte er, rich­tete sich etwas auf und hob schwach seine zitternde Rechte. Dies war der härteste Schlag, den Galves vor­her vermieden hatte. Irta konnte es in Rauls Augen le­sen: Er stimmte der Schwalbe zu. Aber nein, sie musste sich täuschen. Das konnte einfach nicht geschehen! Sie war sich doch seiner Liebe und seiner Schwüre so si­cher. Irta riss sich von Galves los und fiel vor dem ver­letzten Prinzen auf die Knie. Verlegen senkte Galves seinen Blick noch tiefer.

„Raul! Sage diesem Mann, dass das nicht wahr ist! Du hast mir versprochen, mich mit dir zu nehmen. Ich meine, wenn ich nicht deine Frau werden kann, dann … dann nimm mich trotzdem mit mir“, erniedrigte sie sich vor ihrem Geliebten, der sie nur stumm betrachte­te. Helles, mit Tränen vermischtes Blut tropfte von sei­ner Nase. „Ich werde dir und deiner Frau Kahlja die­nen und mich nicht be­klagen. Es genügt mir, in deiner Nähe zu sein. Bitte …“ Sie schluchzte auf. „Raul, du liebst mich, das weiß ich. Und ich liebe dich. Ohne dich kann ich nicht leben!“, sagte sie weinend. Es war ein letzter Versuch, aber da hatte sie schon die Hoffnung verloren. Sie schwankte und ihr wurde schwarz vor den Augen. Sie erblickte in die­ser Dunkelheit ihr weiteres, schreckliches Schicksal.

Und der junge Prinz? Er schloss einfach wieder seine Augen und täuschte lieber eine weitere Ohnmacht vor, als sich länger mit Irta auseinanderzusetzen. Diese Feigheit erschütterte meine Schwester mehr als alles, was sie in der Nacht erlebt hatte. Sie bemerkte kaum, dass Galves neben sie trat und ihr mit einer vorsichti­gen Berührung aufhalf. Eilig gab er den Trägern, die die Szene mit versteinerten Gesichtern betrachtet hat­ten, ein Zeichen, Raul endlich fortzubringen.

Inzwischen hatte sich der erste Hof des Serails fast geleert und nur noch Galves und Irta standen zwischen den Leichen, die der Kampf gefordert hatte. Sie wur­den vom Tor her von Paşha Ultem beobachtet, der nachdenklich die Lippen spitzte. Doch es gab noch zwei Augen, die verborgen im Dunkel eines Hauseingangs auf die beiden starrten. Sie gehörten dem feisten Ver­schnittenen Radik Emre, dessen unversöhnlicher Hass geduldig auf seine Gelegenheit wartete, die er nun nä­herkommen sah. Schließlich lös­te Galves den Arm von Irta und trat zurück, folgte zö­gernd den anderen durch das Tor, das Ultem schulterzuckend hinter sich schloss.

Irta hatte weder die Anwesenheit noch das Fortschlei­chen der Schwalbe bemerkt. Erschüttert blickte sie weiterhin in ihr Inneres und auf den Scherbenhaufen, der von ihrer Liebe und von ihrem Leben übriggeblie­ben war. Sie stand lange so, während die Sonne immer höher stieg und mit unbarmherziger Wucht ihre Hitze in den Hof schleuderte. Der süßliche Duft des vergosse­nen Bluts hatte sich mit dem scharfen Brandgeruch zu einer Übelkeit erregenden Melange vermischt. Doch meine arme Schwester nahm den Gestank überhaupt nicht wahr. Sie fühlte sich hohl, leer, ausgebrannt und hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu weinen oder ih­rer Verzweiflung mit einem Schrei Ausdruck zu verlei­hen. Irgendwann wandte sie dann doch ihren Blick von dem inneren Abgrund ab und stellte fest, dass sie wie die Totengöttin Helda, an die die verrückten Hinder­söhne glaubten, inmitten eines Leichenbergs stand; als sei dies der schaurige Hofstaat, mit dem sich die barba­rische Helda umgab. Die meisten der Leichen, die um sie herumlagen, hatte sie gekannt. Es waren aus­schließlich Eunuchen und Diener von Adalante; die an­deren Opfer der Schlacht hatten ihre Kamera­den mit sich genommen. Die unheimliche Stille, die wie eine er­stickende Decke über dem Serail lag, dröhnte in ihren Ohren. Doch Irta war noch zu keiner Regung fä­hig, stumpf sah sie in die im Tode verzerrten Gesichter; Trauer, Entsetzen und Grauen waren ihr noch fern. Wie eine Schlafwandlerin begann sie, ziellos über den Hof zu wandern. Sie achtete nicht auf die in der Hitze stockenden Blutlachen und ihre nackten Fußsohlen hinterließen kreuz und quer Spuren auf dem ockergelb glitzernden Porphyr des Bodens. Sie schien etwas zu suchen; auch wenn sie selbst nicht wusste, was das war.

Nachdem Irta nach einer Weile gedankenlos und mechanisch wie ein eiserner Golem die Stufen zum Haus der Gattinnen emporgeschlendert war und vor dem er­starrten Körper ihrer Hohen Herrin verharrte, schien sie jedoch gefunden zu haben, nach was sie instinktiv geforscht hatte. Aus einem Winkel ihrer Seele, jenem Ort, an den sie sich zu ihrem Schutz zurückgezogen hatte, tauchten Erinnerungen auf, ließen sie Worte for­men und die traditionellen Gesten machen. Sie betete das Totengebet an die Allerbarmerin, so wie ihr Vater Alis es ihr in ihrer frühen Jugend in Avríl beigebracht hatte, damit sie es sprach, wenn sie mit ihm und mir das Grab unserer Mutter besuchte. Irta schloss in ihre Gebete nicht nur Adalante, sondern auch die anderen Ermordeten und Gefallenen ein. Plötzlich flossen ihre Tränen wieder so reichlich, als wäre sie ein mit Meer­wasser gefülltes Gefäß. So hatte sie für jeden Toten ei­nen salzigen Tropfen übrig, den sie klagend der Göttin opferte.

Jad al-voi Ba’alcha!“, hörte Irta einen lästerlichen Fluch in ihrem Rücken. Ihr stockte der Atem und sie fuhr herum. Hatten denn die Schrecknisse dieses grau­envollen Morgens noch immer nicht geendet, waren die Gefahren noch nicht vorbei? Wer stand mit ihr in die­sem Leichenhaufen und lästerte der Allerbarmerin? Sie kannte den Mann, der hinter ihr stand: Es war Radik Emre, der oberste Eunuch, der sich herangeschlichen hatte und Irta mit vor Hass brennenden Augen ab­schätzte. Er spuckte vor ihr aus.

„Das ist nicht wahr. Sta’Ach! Ausgerechnet du Dirne hast dieses Massaker überlebt – von allen Eunuchen, Frauen und Dienerinnen des Serails bist nur noch du am Leben? Was für eine Ironie!“ Er lachte irre und schüttelte den fetten, nackten Schädel. Die erlebte Ge­walt und das viele Blut um die beiden herum schienen ihn vollkommen wahnsinnig gemacht zu haben. Irta hatte in diesen Augenblick keine Angst vor ihm; sie stand noch jenseits solcher Gefühle. Doch sie wich in­stinktiv zurück, denn Radik hob nun das blutige, klei­ne Messer, das er fest in der Rechten hielt und deutete auf sie. Irta erkannte die Zusammenhänge:

„Du warst das!“, rief sie aus. „Du hast die Hohe Her­rin Adalante ermordet. Mögen deine Vorfahren auf ewig in der Gehenna schmoren. Wenn das der Unter­werfer erfährt, wird er dich vierteilen lassen und deine Reste seinen Krokodilen zum Fraß vorwerfen.“

„Oh, mache dir keine Sorgen, du kleine, billige Hure des lamargischen Prinzleins, davon wird niemand je­mals erfahren und die M‘Gaviâ werden hungrig blei­ben. Das ist ein kleines Geheimnis zwischen uns bei­den. Und du wirst es doch nicht ausplaudern – oder?“ Er trat näher. „Nein, ganz sicher nicht!“ Erst jetzt konnte Irta den schrecklichen Gestank riechen, den er wie ei­nen Mantel mit sich führte. Offenbar hatte er sich vor­hin im Kampf eingekotet. Sie war in ihrem Le­ben noch nie einem Menschen begegnet, der ihr so wi­derwärtig war; dabei so feige – und so gefährlich! Ge­gen ihn war ein Ifrit ein Freund!

Radik griff nach ihr und langte dabei nach vorne stol­pernd ins Leere. Sein Messer verfehlte sein Ziel. Irta hatte sich geschickt seines Zugriffs entzogen und schon flüchtend den halben Hof überquert, bevor er sich über­rascht nach ihr umsehen konnte. Ihre besudelten Füße patschten auf den Fliesen und hinterließen eine deut­lich sichtbare Spur. Meine Schwester rannte in ihrer Panik zurück in den Wohntrakt der Dienerinnen. Ein böses Lächeln erschien auf Radiks Gesicht, während er ihr langsam folgte. Er konnte sich Zeit lassen und seine kleine Jagd genießen, denn dieser Weg, den Irta einge­schlagen hatte, war eine Sackgasse, das wusste er. Der Beschnittene dachte ja, es gebe nur einen einzigen Ein­gang in das Serail – und das war eben das eiserne Tor, das er für die Meuchelmörder geöffnet und bei dieser Gelegenheit den ahnungslosen Wächter, der ihn ihm ei­nen Freund sah, hinterrücks ermordet hatte.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

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380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (9)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (9. Teil)

„Einen Schritt weiter und ich schieße!“, brüllte er ver­zweifelt. Jeder erstarrte für einen Moment erschro­cken und das gab seinen Männern die Gelegenheit, sich auf den unvermeidlichen Kampf vorzubereiten. Dann rück­ten die Lamarger näher, in ihrer vordersten Front gin­gen Galves und der Regno, der mit seiner gewalti­gen Axt, seiner mit Panzerplatten verstärkten, rotgefärbt­en Lederrüstung und dem kastenförmigen Helm, aus dem sich zwei Büffelhörner erhoben, wie einer der un­überwindlichen Golem-Ungeheuer der Vorzeit wirkte. Galves grinste schief.

„Ich bezweifle, dass du dazu den Mut hast, Jüngel­chen“, rief er. Die roten Flammenaugen von Dagor musterten flackernd die Nähertretenden.

„Vielleicht hast du recht, lamargischer Spion, doch du kannst dir nicht sicher sein“, zischte er. Der Namenlose wirkte weiterhin so kalt und gefühllos wie ein Fisch, doch Galves hatte die Wut, die in ihm kochte, unter­schätzt. Dagor bewegte den Lauf seiner Waffe herum und feuerte. Adalante schloss ergeben die Augen, doch die Kugel hatte nicht ihr gegolten. Sie traf Raul – mit­ten in die Brust. Der „Bär“ fiel und wankte nicht, son­dern stürzte sich sofort mit einem wütenden Aufschrei auf Dagor. Es sah aus, als hätte er nur einen lästigen Mücken­stich und keine lebensgefährliche Wunder erlit­ten. Da­gor gab noch einen zweiten Schuss ab – es war aller­dings nur ein harmloser Treffer am Arm und kratzte kaum die Haut von Raul auf -, und riss noch sei­nen Säbel aus dem Gürtel, dann prallten die Kontra­henten mit klirrenden Waffen aufeinander. Dies war das Signal für die Kämpfer auf beiden Seiten:

Der Streit Mann gegen Mann begann und er wurde so erbarmungslos und ohne Gnade geführt, dass er erst enden würde, wenn eine der beiden Seiten vernichtet war. Die Lamarger waren in der Überzahl und es sah nicht gut für den neuen Namenlosen und seine Gefolgs­leute aus. Seine Bogenschützen sandten zwar ihren mit Gänsefedern geschmückten Tod in die Reihen ihrer Gegner, doch viele der Pfeile prallten harmlos an deren Rüstun­gen und Schilden ab. Nur wenige der Schützen beka­men noch die Gelegenheit, einen zweiten Pfeil auf­zulegen, denn schon war der Regno heran und mähte sie mit gewaltigen Schwüngen seiner Axt nieder, als wäre sie die Sense eines Bauern, der das Gras seiner Wiese schneidet.

Idrichson Galves pfiff ein paar Kämpfer an seine Seite und ori­entierte sich. Er war nicht um die Sicherheit seines Re­gnos besorgt, denn der konnte sehr gut auf sich allein aufpassen und hatte seine kampferprobte Garde an der Seite. Mehr Sorgen machte er sich um Raul, der mit Dagor einen erbitterten Kampf ausfocht und nun doch durch seine Schusswunde sichtbar beein­trächtigt wur­de. Der junge Prinz wurde immer langsamer und seine Bewegungen unsicherer. Wie es seine Art war, wenn er nachdachte, hob Galves eine Au­genbraue. Er entschied sich gegen Raul, denn selbst in diesem Zustand war er seinem Gegner noch überlegen. Die Aufgabe der „Schwalbe von Avríl“ war es, Adalante zu beschützen, denn ihre Not war am größten und nur ihre Autorität konnte die Palastrevolution vielleicht noch aufhalten. Umringt von den unbewaffneten Ne­benfrauen und Dienerinnen, die mit ihren bloßen, ge­bundenen Händen gegen die von Radik angeführte Mordbande kämpften, wehrte sich die Un­glückliche verzweifelt, hatte aber nicht die geringste Chance. Der Kreis um sie schloss sich immer enger. Und Galves hat­te zu lange überlegt, wen er unter­stützen wollte. Er und seine Männer kamen zu spät. Gerade als sie sich die Stufen emporgekämpft hatten, traf die hohe Frau ein hinterhältig geführter Dolch­stich von hinten in den Hals. Es war in dem Tumult nicht zu erkennen, wer ihn geführt hatte, aber nach­dem die Bluttat begangen war, stolperten sofort alle be­troffen zurück. Der letzte gurgelnde Schrei von Adalante, bevor sie niedersank, unterbrach für einen kurzen Moment das Kampf-ge­schehen und alle Augen richteten sich auf die Untat.

Nur Raul und Dagor fochten weiter, denn sie waren so in ihren Zwist verbissen, dass sie alles andere um sich herum vergessen hatten. Dass sich Dagor, der inzwi­schen ebenfalls verletzt war und aus einer Vielzahl kleinerer, aber nicht weiter gefährlicher Wunden blute­te, die ihm der Säbel von Raul zugefügt hatte, noch ge­gen seinen Feind behauptete, lag nur an seiner Flink­heit und Geschicklichkeit, mit der es ihm immer wie­der in letzter Sekunde gelang, unter die ausladen­den Hiebe des „Bären“ zu tauchen oder sich durch einen überraschenden Sprung zur Seite aus des­sen Reichwei­te zu bringen. Raul hatte sich längst den Tur­ban vom Kopf gerissen und benutzte ihn um die Hand gewickelt als einen provisorischen Schild, den er gegen die Wun­de in seiner Brust presste, durch die er trotz des klei­nen Kalibers der Pistolenkugel viel Blut verlor. Sein Gesicht war bläulich angelaufen, er keuch­te und japste wie ein Ertrinkender nach Luft. Der Schweiß lief ihm in breiten Bächen über das Gesicht und biss in sei­nen Augen, was sein Blickfeld ein­schränkte. Er stand in­zwischen unsicher und manche seiner Angriffe gli­chen denen eines Betrunkenen. Den­noch stand außer Zwei­fel, wer den Kampf am Ende ge­winnen würde, denn auch Dagor ermüdeten seine wag­halsigen Sprün­ge, mit denen er sich immer wieder im letzten Moment vor Rauls Klinge rettete.

„Für die Lamargue!“, rief endlich Galves aus und be­endete damit den kurzen Waffenstillstand. Mit seinen Männern mähte er zornig die sich nur halbherzig weh­renden Soldaten nieder, die selbst von dem Mord an Adalante schockiert waren. Das Antlitz zu einer grin­senden Maske verzogen, teilte Galves den Tod großzü­gig nach rechts und links aus, um zu dem käsebleichen Eu­nuchen Radik durchzudringen, der mit dem Rücken an der Wand stand. Der Regno kümmerte sich mit sei­nen Elitesoldaten inzwischen um die letzten verspreng­ten Reste von Dagors Treuwächtern. Der Kampf war ent­schieden und es war nur noch eine Frage von Au­genblicken, bis der letzte Widerstand gebrochen war. Dagors Palastrevolution schien fehlgeschlagen. Doch da änder­te sich plötzlich die Lage vollkommen: Ein gro­ßer Trupp Solda­ten erreichte unter der Führung des abtrünnigen Oberst Paşha Ultem über die Brücke das eiserne Tor und nun waren es die plötzlich die Lamar­ger, die in Bedrängnis gerieten, als diese ihnen überra­schend in den Rücken fielen. Das Schlachtenglück wechselte. Ul­tem allein war schon ein gewaltiger Geg­ner, der es mit zehn Männern gleichzeitig aufnehmen konnte, und sei­ne erfahrenen Wüstenkrieger, die sich in vielen Feldzü­gen gegen die westlichen Barbaren­stämme bewährt hatten, waren den gepanzerten und relativ unbewegli­chen Rittern aus der Lamargue über­legen. Dieser Wild­heit hatten sie wenig entgegenzuset­zen. Der Oberst, der heute neben Vezir Ómer der mäch­tigste General des „Unterwerfers“ ist, hatte in dieser Blutnacht die Gelegenheit ergriffen, trotz seiner niedri­gen Herkunft Karriere zu machen und einige Ränge in der Militärhi­erarchie zu überspringen.

Der Regno sammelte seine Männer hinter sich, wäh­rend er weiterhin mit seiner gewaltigen Axt Halbkreise zog, die keiner der Wüstenkrieger zu betreten wagte. Auch Ultem hielt respektvollen Abstand; er hatte Zeit. Er konnte abwarten, bis der Arm von Yves III. erlahm­te. Raul und Dagor bekamen von alldem nichts mit. Sie kämpften in der Nähe von Irta, die verzweifelt ihre Hände rang, verbissen weiter, schlugen erbittert und ohne Gnade aufeinander ein. Sie waren ein erschre­ckender Anblick. Wie zwei der grausamen heidnischen Gottheiten der Kling’Arta standen sie voller Hass ein­ander gegenüber und keiner wollte vor dem anderen zurückweichen. Es sah inzwischen so aus, als würden sie nicht Wasser, sondern Blut schwitzen. Da stolperte Raul über den Rand des großen Bassins hinter sich und vernachlässigte für einen Augenblick seine Deckung. Dagor juchzte siegessicher auf und sein Stich zielte nach der ungeschützten Flanke seines Gegners, die er nicht verfehlen konnte.

Das war der Moment, auf den Irta gewartet hatte, denn er machte auch Dagor angreifbar. Sie sprang nach vorn, hob die Hand zum Schlag und krallte ihre spitzen Nägel in die Wange des jungen Mannes, riss ihm dabei die goldene Halbmaske vom Gesicht. Dagor kreischte auf und versuchte die Furie von sich zu sto­ßen, stolperte dabei seinerseits über den Beckenrand und fiel hinein. Sein Säbel klatschte weiter hinten ins Wasser. Irta war sofort bei Raul und stützte ihn, denn sie hatte erkannt, wie erschöpft er war und wie knapp er davor war, zusammenzubrechen. Sie schwankte un­ter seinem Gewicht und wäre beinahe mit ihm gemein­sam zu dem prustenden und Wasser schlagenden Da­gor gefallen, der wie jeder echte Wüstensohn nicht schwimmen konnte und für den schon der kaum hüft­hohe Wasserspiegel des Bassins gefährlich werden konnte. Doch da war schon Idrichson Galves heran und gemeinsam mit ihm zog sie ihren schwer verwundeten Ge­liebten hinter den von seiner Axt gezogenen Bann­kreis des Regnos. Die beiden legten Raul in Yves brei­tem Rü­cken vorsichtig auf den Boden. Irta bettete Rauls blei­chen Kopf in ihren Schoß und strich ihm leise singend über den kahlen Schädel. Sorgenvoll unter­suchte Gal­ves die Verletzungen des jungen Prinzen und versorgte mit raschen Handgriffen notdürftig die stark blutende Brustwunde, in der noch immer die Pistolen­kugel steckte. Währenddessen stellte sich die Garde schüt­zend im Kreis auf.

Durch die Ereignisse war es zu einem unausgespro­chenen Waffenstillstand zwischen den Parteien gekom­men. Während die Sonne im Osten über der Toten Wüste aufging und ihre ersten Strahlen, die genau wie dieses La­gerfeuer glühten, schräg in den Hof sandte, kümmerten sich die Kontrahenten um ihre verwunde­ten oder im Kampf gefallenen Kameraden. Paşha Ul­tem half Dagor aus dem Wasser und reichte ihm seine Maske, die der neue Namenlose so eilig und fast schamvoll über sein kindliches, an der Wange bluten­des Gesicht zog, als läge in ihr das Geheimnis seiner Macht verborgen. Es schien zu funktionieren: Allein durch das Anlegen dieses Herrschaftssymbols sah es so aus, als würde er einen halben Fuß wachsen. Im Licht des jungen Morgens sah er sich wie ein Sieger auf dem Schlachtfeld um. Nur wenige der Lamarger, aber fast alle seiner Treuwächter und die meisten der Eunuchen und Dienerinnen von Adalante waren gefallen oder la­gen schwer verwundet in ihren letzten Zügen. Auch Najadhe lag erschlagen in ihrem Blut. Dagor registrier­te dieses Massaker mit rotflammendem Blick. Dann aber fiel sein Blick auf den Leichnam seiner Mutter, deren heimtückische Ermordung er während seines Kampfs mit Raul überhaupt nicht bemerkt hatte. Er musste sich an der Schulter seines unerschütterlichen Verbündeten Ultem festhalten, sonst hätten seine Bei­ne nach­gegeben und er wäre wieder zurück in das Bas­sin ge­fallen.

Dieser eine Tod, den er hatte vermeiden und mit dem er seine Seele nicht hatte belasten wollen, beendete die blutige Palastrevolte und der Junge, der in seiner Un­geduld ein Massaker verursacht hatte, um sich so schnell wie möglich auf den Falkenthron setzen zu kön­nen, der gleichgültig Menschen wie Zinnsoldaten zer­brochen hatte, erkannte, dass er ein anderer, ein besse­rer Herrscher sein wollte. Er blinzelte in den fahlen, ausgewaschenen Sonnenball, der sich über den Dä­chern des Elfenbein-Palastes erhob und den weißen Marmor an den Wänden wie die Lichter im großen All­erbarmerin-Tempel zum Leuchten brachte. Tränen ran­nen unter seiner Halbmaske herab und formten Bäche auf seinen blutverschmierten Wangen.

Dann atmete er langsam ein und richtete sich wieder auf. Er wandte sich an Yves, der inzwischen mit über­kreuzten Unterarmen auf den Griff seiner Axt lehnte und ihn unter seinen buschigen Augenbrauen heraus mit scharf funkelnden, kleinen Augen musterte. Auch wenn ein Fortführen der Schlacht wegen der drücken­den Übermacht von Paşha Ultems Soldatenabteilung selbstmörderisch war, war der Regno gewillt, sie auf der Stelle wieder aufleben zu lassen, wenn der Namen­lose nur eine einzige falsche Bewegung machte. Würde sich heraus­stellen, dass sein Sohn den Verletzungen, die ihm zuge­fügt worden waren, erlag, war es seine einzige Option, in den heranstürmenden Fluten seiner Gegner zu er­trinken und möglichst viele von ihnen mit sich zu neh­men. Sollten die Skalden an den Fürstenhö­fen und Ba­ronien seines Landes ein Heldengedicht davon singen; denn des Infanten beraubt, würde die lange Geschichte des seit der Kokardenrevolution re­gierenden Herrscher­hauses der Lamargue an diesem Tag enden. Der Namen­lose schien diese Möglichkeit aus der versteinerten und finsteren Miene von Yves herauslesen zu können, denn er hob eilig und be­schwichtigend die Hand.

„Die Nacht brachte den Krieg“, begann Dagor mit zö­gernder, leicht zittriger Stimme; doch er wurde sich mit jedem Wort seiner Sache sicherer, „aber der leuchtende Morgen der Allerbarmerin soll uns nun den Frieden bringen. Denn ihr schaudert beim Anblick des Blutes, das vergossen wurde. Der unnötige und gemeine Tod von Adalante, meiner Mutter, hat meine Augen geöff­net. Regno Yves! Lass uns diesen Kampf beenden, der die heiligsten Hallen dieses Palastes entweiht hat. Lautet so nicht ein Sprichwort in deiner Heimat? Der Zorn ist nur eine kurze Raserei, die man aber lange bedauern wird.“Yves antwortete nicht, aber er begann, sich nachdenk­lich mit einer Hand über seinen mächtigen, zu zwei grauen Zöpfen gefloch­tenen Bart zu streichen. Galves stellte sich neben ihn und flüsterte ihm eilig ein paar beruhigende Worte in sein Ohr.

„Die Nacht des Krieges ist nun vorbei und der Morgen hat Karukora seinen neuen Herrscher geschenkt“, fuhr Dagor fort. „Der ‚Unterwerfer‘ ist großzügig. Er ge­währt euch treu­en und tapferen Kriegern freies und si­cheres Geleit aus dem Palast. Yves, kehre zurück in deine kalte, ferne Heimat jenseits des Großen Walls. Lass uns ohne Ra­chegelüste und Zorn auseinanderge­hen und den Rest sollen dann nach der Trauerzeit un­sere Diplomaten er­ledigen. Ich bin zu jeder angemesse­nen Sühnezahlung bereit, um dich für den Tod deiner tapferen Ritter zu entschädi­gen. Vergeben seien euch von meiner Seite eure Intri­gen, meinen Thron mit Hilfe der Falken der Rache zu untergraben. Dieser erste Tag meiner Herrschaft soll kein Tag der Kleinlichkeit sein, sondern ein Tag der Freude für die Stadt und die Wüs­te, über die immer ein Namenloser wacht. So soll die Ära des Unterwerfers beginnen. Respektiert nun bitte meine Trauer um meiner Mutter und zieht euch zu­rück.“

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (8)

[Zum Anfang des Kapitels …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
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Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (8. Teil)

Irta wusste im ersten Moment nicht, ob sie glücklich über sein Einschreiten sein sollte oder entsetzt über die Brutalität, mit der der „Bär“ über sein Opfer hergefal­len war und es kaltblütig gerichtet hatte. Aber dann warf sie sich ihm schluchzend an die breite Brust. Lan­ge konnte sie nicht so verharren, auch wenn sie sich nichts mehr wünschte und ihren Geliebten eigent­lich nie mehr loslassen wollte, denn es näherten sich aus dem Gebäude eilig weitere Personen mit Waffen und Fackeln in den Händen. Die beiden Liebenden mussten sofort fliehen! Unschlüssig sahen sie sich um; am ge­eignetsten erschien ihnen der Weg über die Brü­cke. Doch gerade, als sie sich herumwandten und auf das große Tor zulaufen wollten, tauchte zwischen des­sen aufgerissenen Flügeln ein weiterer Haufen Bewaffnet­er auf. Sie wurden von niemandem geringeren als von Dagor persönlich angeführt, der an seiner ihm viel zu weiten und blendend weißen, mit goldenen Verzierung­en geschmückten Rüstung gut zu erkennen war, ob­wohl er einen Wüstenhelm mit einem an ihm befestigt­en Schleier auf dem Kopf und vor seinem Gesicht trug. Er war ein entsetzlicher Anblick. Er wirkte wie ein aus Inets Gehenna entsprungener und in den hage­ren und kleinen, beinahe noch jungenhaften Körper von Dagor gefahrener Dybbuk; einen drohenden Säbel in der Hand, die nicht passende Rüstung blutbespritzt und mit feuersprühenden Augen, die wie rote Flammen durch dem Schleier hindurchleuchteten. Der junge Thronfolger bemerkte die engbeieinanderstehenden und hob die Hand. Das Dutzend verräterischer Treu­wächter, das mit ihm durch das eiserne Tor gedrungen war, gehorchte seinem Befehl und blieb sofort stehen, baute sich als seine Leibwache rechts und links von ihm auf. Dagor schob seinen bluttriefenden Säbel in den Gürtel seiner Rüs­tung und kam näher heran. Irta spürte, wie sich Rauls Muskeln wieder spannten. Er schob sich schützend vor seine Geliebte und wich mit ihr langsam zurück.

„Dagor!“, sagte Raul mit eisiger Stimme und warf mit unbewegten Gesichtszügen einen Blick auf die Toten zu seinen Füßen. „Ich sehe, du schaffst Tatsachen.“ Ein hustendes Geräusch war hinter Dagors Gesichtsschlei­er zu hören. Er lachte, denn im Gegensatz zu den ande­ren im Hof hatte er Rauls Anspielung verstanden. Sie bezog sich auf die zähen Verhandlungen zwischen der Delegation der Lamargue und dem Karukorer Diwan, an dem auch Dagor in seiner Rolle als zukünftiger Thronfolger zwar nicht stimmberechtigt, aber umso lautstarker teilgenommen hatte und mehrmals vom peinlich berührten Regenten und vom Vezir ermahnt werden musste, weil er immer wieder aufs Gröbste die Regeln des diplomatischen Austauschs verletzte. Dagor hatte während der Gespräche immer wieder gefordert, man müsse Tatsachen schaffen und keine Verträge – denn Abmachungen werde der Feind ignorieren, Solda­ten und Waffen nicht. Niemand, am wenigsten sein ei­gener Großonkel, hatte ihn ernstgenommen. Doch in dieser Nacht zeigte sich blutig, was Dagor unter „Tat­sachen schaffen“ verstand: Er hatte mit der Unterstüt­zung von Ómer Sud eine Revolte begonnen, die ihn selbst auf den Falkenthron befördern sollte.

Nun nahm der junge Mann seinen Helm ab und reich­te ihn an einen seiner Soldaten weiter, der neben ihm Stellung bezogen hatte. Dabei wurde auch der Grund sichtbar, aus dem seine Augen so unnatürlich funkel­ten. Er trug bereits die goldene Halbmaske der Namen­losen mit ihren feuerroten Rubinaugenlöchern vor sei­nem blasierten und blassen Gesicht und über den zu ei­nem spöttischen Lächeln verzogenen dünnen Lippen. Er wischte sich den Schweiß von der Glatze und wurde ernst. Irta sah den Infanten, der zwei Jahre jünger als sie selbst war, zum ersten Mal aus der Nähe. Bislang hatte sie ihn nur von Ferne erblickt; bei Staatsparaden oder Allerbarmerin-Prozessionen oder bei der alljährli­chen Flusssegnung, bei der er in Vertretung seines Va­ters dem Marat, von der Mitte einer ausschließlich für die­sen Zweck gebauten Pontonbrücke aus, ein paar Trop­fen seines königlichen Blutes opferte. Obwohl sie nun schon zehn Monate im Palast arbeitete und mehre­re Monate im Serail, war sie ihm noch nie begegnet. Er hatte den Sommer im kühlen Palmwedel-Palast an der Mahala-Oa­se verbracht und seit er wieder wegen der Verhandlun­gen mit der Lamargue in Karukora war, hatte er sich meist in seinen Gemächern aufgehalten, in denen er auch unterrichtet wurde. Vom Serail und seiner Mutter Adalante bewahrte er Abstand. Er hatte seinen eigenen Kreis von Günstlingen und Speichelle­ckern, unter de­nen der intrigante Cavuşbaşi Ómer, der oberste Eu­nuch Radik und der ehrgeizige Treuwachtof­fizier Paşha Ultem hervorstachen, die heute, wie ihr alle wisst, die wichtigsten Staatsbeamten des Namen­losen sind. Nun, da Dagor nur wenige Schritte von Irta entfernt stand und Helm und Schleier vom Kopf gezo­gen hatte, war sie erstaunt, wie weich und fahl seine Gesichtszüge unter der goldenen Maske waren. Er wirkte, als habe er sein Leben nur in den Schatten und Kellerräumen des El­fenbein-Palastes verbracht und seine durchscheinende Haut, die einer Odaliske aus Frostje gut gestanden hätte, niemals den hitzigen Strahlen der Wüstensonne ausgesetzt. Er wirkte so un­bedeutend und sah in seiner leichten, weißen Rüstung, die ihm ja viel zu groß war, wie ein halbwüchsiger Fle­gel aus, der sich für einen Streich als Mann verkleidet hatte. Aber in seinen schmalen, zusammengekniffenen Lippen lag ein grau­samer, sadistischer Zug, der eine andere Geschichte er­zählte.

Dagor“, sagte er langgezogen, als wäre ihm der Sinn dieses Wortes entfallen. „Ich kenne diesen Namen nicht mehr. Ich bin Der Unterwerfer. Siehe, ich bin der na­menlose Herrscher über das Reich Karukora, das vom Südwall bis zum Meer und von der Grauen bis zur To­ten Wüste reicht. Ich sitze auf dem Falkenthron und bin der Erquicker meines Volkes, der Günstling und ge­liebte Sohn der Allerbarmerin und der Alptraum mei­ner Feinde!“ Bei jedem Titel, den der selbsternannte Bişra stolz ausrief, musste er eine Pau­se machten, denn die Horde Soldaten, mit denen er den Frauenhof betreten hatte, jubelte ihm zu und pries in rituellen Worten die Göttin. Wer weiß, wie lange er noch so wei­tergemacht hätte – denn der Namenlose hat ja 99 sol­cher hochtrabenden Titel, die ihn zieren -, wenn ihn nicht ein spötti­sches Klatschen in Rauls und Irtas Rü­cken unterbro­chen hätte. Die beiden waren inzwischen rückwärts die flachen Stufen zur Kammer der Gemah­linnen empor­gestiegen und standen nun auf der schmalen Terrasse des großen Gebäudes. Sie drehten sich um und Rauls Mut sank gemeinsam mit Irtas er­schrockenem Seufzen. Der Prinz sah sich nach einer Waffe um und fand in seiner Nähe den Säbel des Bo­genschützen, dem er eben das Genick gebrochen hatte. Er hob ihn auf und hielt ihn schützend vor sich.

Auch der Fluchtweg durch das Haus war jetzt abge­schnitten. Ungefähr zwanzig Bogenschützen und Sol­daten standen in der weit geöffeten Flügeltür. Ange­führt wurden sie von dem Verräter, der den Torwächter Minikuş rücklings ermordet, für sie das Eisentor geöff­net und sie in den verbotenen Serail gelassen hatte: Es war kein anderer als der ruchlose Radik Emre, der Oberste Kastrat. Er stand ein wenig abseits und be­trachtete das junge Paar mit einem grimmigen Lä­cheln.

„Ich habe es ja gewusst“, sagte er, aber niemand nahm von ihm Notiz, denn sein Haufen Marodeure führte in seiner Mitte als Gefangene Adalante, die Mutter des Un­terwerfers, und ein paar weitere Frauen aus dem in­neren Serail mit sich. Wie Irta bemerkte, war auch Na­jadhe unter ihnen. Die Mutter von Dagor stand hoch aufgerichtet zwischen ihnen und sie war es, die trotz ihrer Handfesseln langsam und ironisch Beifall klatschte. Radik trat gedankenschnell neben sie und gab ihr einen groben Stoß in die Seite.

„Knie nieder, Weib, vor deinem Herrscher“, zischte er. Adalante ließ sich den Schmerz nicht anmerken. Sie bewegte sich nicht, sah den Beschnittenen nicht einmal an.

Dagor schnalzte mit der Zunge. „Rühre meine Mutter noch einmal an und du spürst meinen Säbel in deinem fetten Bauch …“, sagte er scharf und fügte nach einem flüchtigen Blick auf die Leiche von Aismek hinzu: „… Seneschall Radik Emre.“

Der Eunuch dienerte eifrig und mit glänzenden Au­gen. „Mögen noch fünfzigtausend Sonnenaufgänge dei­ne Herrschaft bescheinen, mein geliebter Herr …“, rief er aus und hatte offensichtlich im Sinn, für jeden die­ser fünfzigtausend Sonnenaufgänge auf der Stelle eine Verbeugung zu machen.

Adalante, die sich unter dem schmerzenden Schlag von Radik etwas gekrümmt, aber keine Miene verzogen hatte, spitzte spöttisch den Mund. „Heute Nacht wer­den wohl einige Karrieren gemacht“, sagte sie. Dann trat sich furchtlos nach vorne und stellte sich neben Raul und Irta. Ein vernichtender Blick fiel wie ein Ton­nengewicht auf ihren Sohn, der sich tatsächlich ein we­nig unter dieser Last duckte. „So, so, der „Unterwerfer“ … Wiegt dieser Titel nicht ein wenig zu schwer auf dir, Dagor-Neq? Es ist noch nicht lange her, da bist du heu­lend und mit blutiger Nase unter meinen Rock geflüch­tet, weil die anderen Jungen wieder einmal so gemein zu dir waren. Wenn ich mich recht erinnere, war das erst in der letz­ten Woche.“

Nun war es ganz still in dem Hof. „Mutter“, setzte Da­gor an, „ich wollte dich stolz machen. Karukora braucht einen Namenlosen, der machtvoll und nicht geistesschwach ist.“

„Stolz! Meinst du, es erfüllt das Herz einer Mutter mit Stolz, wenn die von dir ausgeschickten Mörder verge­waltigen und plündern und in die heiligen Hallen des Harems eindringen, die außer der engen Familie des Namenlosen kein einziger Mann betreten darf? Was für ein Sakrileg hast du begangen! Du hast diesen Ort des Friedens entweihen lassen und ihn besudelt mit dem Blut unschuldiger Frauen und Kinder. Seit tausend Jahren, seit dem Barbarenüberfall des Sefredo Sud, gab es solch einen Frevel nicht mehr! Und nenne mich nicht mehr Mutter, denn ich kenne dich nicht, der du dich „Unterwerfer“ nennst und doch nur ein Ungeheuer bist. Ich bin Adalante, Gattin des wahren und einzigen Namenlosen, der „Erquickenden Wüstenoase“, den die Allerbarmerin mit all ihrer Macht beschützen möge.“ Adalantes Stimme zitterte nicht, aber eine plötzliche, wilde Angst trat in ihre Augen, als sie ihren schwach­sinnigen Mann erwähnte; eine Furcht, die allerdings nur Irta und Raul sahen, die direkt bei ihr standen und sie bewundernd ansahen. Es war eine Furcht, die be­rechtigt war: Dagor starrte gedankenverloren vor sich hin. Seine Rubinaugen warfen rote Reflexe auf Adalan­tes Sarê, als würden sie das helle Kleidungsstück mit Blut bespritzen. Dann hatte er sich entschieden. Er nickte.

„Wüstenoase. Ich erinnere mich. Das war der Name dieses kranken Idioten, der schon vor Jahren seinen Kopf verloren hat. Ich habe ihn heute Nacht gefunden – seinen Kopf. Er lag im Staub neben dem seines On­kels. So enden Schwächlinge.“ Dagor machte ein herri­sches Zeichen und zwei der abtrünnigen Treuwächter, die sich bisher etwas im Hintergrund gehalten hatten, traten nach vorne. Sie hoben ihre Piken, auf denen sie ihre grausige Last aufgespießt hatten; es waren die ab­getrennten Häupter von „Wüstenoase“ und von Bathu Pasha. Irta schrie auf und barg schluchzend ihr Ge­sicht an der Brust ihres lamargischen Prinzen, damit sie diesen grauenvollen Anblick nicht länger ertragen musste. Adalante, die wohl bis zuletzt gehofft hatte, dass ihr Gatte noch am Leben und in Sicherheit war, stolperte zurück und ihre Stimme brach fast.

„Sadon!“, kreischte sie. „Ich habe den verfluchten Ver­räter Sadon an meine Brust gelegt, ihn gesäugt, gehät­schelt und großgezogen. Sei tausendmal verdammt, du Ungeheuer!“ Sie spuckte vor Dagor aus und gewann dabei ihre königliche Fassung wieder. Die Allerbarme­rin allein weiß, wieviel Kraft sie das kostete. Sie reckte tapfer ihr Kinn nach vorn; nur der Tod konnte diese hohe Frau brechen. Sie wusste, dass ihr eigener Sohn ihn in den Harem getragen hatte, denn niemand aus seiner Familie durfte die Nacht überleben, wenn er sich seiner Herrschaft sicher sein wollte. „Du nimmst dir heute mit grausamer Gewalt, was dir in zwei Jah­ren als Geschenk in den Schoß gelegt worden wäre. Du bist ein Kind, das ein wertvolles Spielzeug lieber zer­bricht, als es kurz auszuleihen. Doch noch ist diese Nacht nicht vorbei.“

Adalante zwinkerte Raul zu und hielt plötzlich eine kleine Pfeife zwischen ihren gebunden Händen, nahm sie an die Lippen und blies kräftig hinein. Auf ihr Si­gnal hin traten aus den anderen Gebäuden, die auf den Hof führten, Bewaffnete und lamargische Krieger. Noch war der Widerstand gegen Dagors Putsch nicht gebrochen.

Während die dem Regenten treuen Soldaten unten auf dem Platz mit den Abtrünnigen einen erbitterten Kampf ausfochten, aber langsam und sicher gegen die Überzahl aufgerieben und immer weiter zurückge­drängt wurden, unter Ómers Führung Meuchelmörder und ein blutrünstiger Mob durch die Straßen zogen und regierungstreue Angehörige des Diwans und Bür­ger im Schlaf überraschten und abschlachteten, gab es im Palast selbst eine Gruppe starker und furchtloser Männer, die auf alles vorbereitet waren, weil sie selbst im Stillen an Umsturzplänen gearbeitet hatten. Es wa­ren die „Falken“ und die lamargische Delegation. Sie schliefen schon seit einigen Nächten mit gezückten Schwertern und griffbereiten Pistolen in ihren schwe­ren Rüstungen, weil die „Schwalbe“ von ihren Spionen gewarnt worden war. Dagor wurde angesichts der plötzlichen Umkehrung der Machtverhältnisse noch bleicher als zuvor, aber er zögerte nicht. Er riss eine kleine Pisto­le aus seinem Gürtel und zielte mit ihr auf seine Mut­ter.

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