Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Norbert Kiening”

Ein kleiner Werkstattbericht (6)

Alle Dichter wollen weniger gelobt
und fleißiger gelesen werden.
Lessing

 Die beinahe schon einen Roman zu nennende Erzählung Die fürsorgliche Schuld, aus der ich eben zwei längere Leseproben gebloggt habe, gehört zu meinem Zyklus „Jahrmarkt in der Stadt“ und ist ein weiteres Beispiel für eine Textform, die ich in Ermangelung einer anderen Bezeichnung ein literarische Bildinterpretation nennen will – eine Umkehrung der Illustration mit den Mitteln der Sprache. Die fürsorgliche Schuld ist unter dem Eindruck eines fast monochrom grauen Gemäldes des Malers Norbert Kiening entstanden. Obwohl ich damit bereits zum vierten Mal nach einem Gemälde arbeitete, benötige ich eigentlich diese Art der Inspiration nicht. Sie hilft mir aber bei der Meditation über die Charaktere. Aus diesem Grund habe ich mir Norberts großformatiges und informelles Ölbild für ein paar Monate ausgeliehen und ins Arbeitszimmer gehängt. Auf diese Weise übernahm die Geschichte viel von den Spannungen, der Stimmung und der Struktur dieses „Vor-Bildes“. Es beeinflusste mich in vergleichbar ähnlicher Weise wie die literarischen oder wissenschaftlichen Werke, die ich während der Fertigstellung meiner Geschichten lese. (Um auch diese Quellen, die einige Male zwischen den Zeilen hervor funkeln, offenzulegen: Es sind vor allen anderen, unübersehbar: Italo Svevo, Benito Pérez Galdós  und die Ordnung der Dinge von Michel Foucault. Andere Einflüsse werden im Text selbst genannt.)

Kiening2

Dies ist nicht das Gemälde von Norbert, da ich kein Foto von ihm besitze, sondern nur ein ähnliches. Falls ich an eine Abbildung des Originales komme, werde ich diesen Platzhalter ersetzen.

Der Plot allerdings ist wesentlich älter, Teil des Gesamtplans des Zyklus, von dem ich noch längst nicht alle Einzelwerke hier veröffentlicht habe. Obwohl die Handlung um die drei verfeindeten Brüder und ihre totkranken Eltern arg konstruiert und überspitzt wirkt, kann ich mich dafür verbürgen, dass ich diesmal eine wahre Geschichte erzählt habe, die auf einem Vorfall beruht, der in meiner Familie vorgefallen ist. Die tatsächlichen Brüder haben außer ihrer gegenseitigen Ablehnung zwar nur wenig mit den Sontheimern gemein, die Dinge sind aber genau so geschehen. Ursprünglich wollte ich nur eine karge, sich auf den Abend des Todes der Eltern beschränkende Kurzgeschichte schreiben. Dass es dabei nicht geblieben ist, liegt vor allem an Norberts Bild, dessen Stimmung mir so gut zu dem Erzählten und den ursprünglich isolierten, nun mitintegrierten „Spätpubertätsproblemen” der drei Brüder zu passen schien. Ich denke, dass der form- und strukturlose, „realistische“ Erzählstil, den ich gewählt habe – in dem alle Emotion immer wieder vom Grau der bürgerlichen Konvention erstickt wird und damit die Ziel- und Hilflosigkeit der Menschen, ihre Vereinzelung in der modernen Gesellschaft – flüssig lesbar ist und gut für das Dargestellte passt. All dies habe ich in Norberts Bild gefunden; es ist die Wahrheit, die ich aus ihm gefiltert habe. Dies, obwohl ich genau weiß, dass er selbst keine Botschaften oder Theorien in seiner Kunst transportieren will und sich einer Diskussion über Inhalte seiner Malerei schlitzohrig entzieht.

Man hat mir ein paarmal zum Vorwurf gemacht, ich würde übertrieben oft Künstler in meinen Geschichten darstellen, wie auch Die fürsorgliche Schuld von der dominanten Person des Malers beherrscht wird und sich Manfred in seiner Freizeit mit Hölderlin beschäftigt. Dadurch könne es auch nicht wie beim Vorbild Balzac zu einem Querschnitt durch die gesellschaftlichen Stände kommen. Dies ist aber auch nicht intendiert. Zum einen hatte auch Balzac eine Vorliebe für Künstler und – als schlecht getarnter Monarchist – eine Schwäche für den Adel, die ihn sogar dazu bewegte, ein de vor seinen Namen zu stellen. Es wäre eine einfache Ausrede, zu behaupten, dass ein Autor immer nur über Dinge schreiben sollte, von denen er etwas versteht. Da sich meine Bekannten überdurchschnittlich unter Künstlern und Intellektuellen rekrutieren, liegt es aber doch nahe, auch über diese zu schreiben. Ein viel wichtigerer, bewusster Grund ist allerdings der, dass diese Menschen nicht sprachlos und dumpf sind; dass sie fähig sind, sich zu formulieren und damit die angesprochenen Problematiken auf den Punkt bringen. Viel Literatur krankt an dem Konstrukt des selbstbewussten und sprachlich gewandten, zu Reflexion fähigen Arbeiters (so z. B. unter anderen C. Pavese, Sozialromantiker wie Zola oder Gorki, die Seghers und mit ihr eine Vielzahl der DDR-Autoren. Am deutlichsten ist dieses Dilemma m. E. in Brechts unsäglichem Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters” zu finden.) Ich denke, es ist ehrlicher, einen Intellektuellen etwas Tiefsinniges sagen zu lassen als einen Arbeiter ohne Schulabschluss.

Im übrigen gelten auch hier die Worte Goethes, wie vergeblich alle Anmerkungen zu den eigenen Werken seien, „denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlass. Ferner mag ein Autor bevorworten, so viel er will, das Publikum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte.”*

Zum Abschluss möchte ich noch den ursprünglichen Anfang von Die fürsorgliche Schuld zitieren, der meinem eigenen Lektorat zum Opfer fiel. Er ist eigentlich der Einstieg in den ganzen Zyklus:

Diese Geschichte hat mir Nikolaus Klammer erzählt.

Der Himmel über Florenz hatte sich lange nicht von seiner besten Seite gezeigt. Es gewitterte über Mittag häufig und plötzliche Regengüsse überraschten die Touristen. Gegen drei Uhr wurde das Wetter jedoch besser und die beiden Deutschen, die gerade die Gemälde der Uffizien besichtigt hatten, konnten sich mit ihren Capuccinos auf der Dachterrasse des Cafés im Dritten Stock des Museums ausruhen.

Der ältere der beiden nippte an seiner Tasse und runzelte die Stirn. »Ich habe in den letzten Tagen bessere Cafés getrunken, aber dieser hier war für Florentiner Verhältnisse nicht teuer und die Aussicht entschädigt zur Genüge. Nicht wahr, Georg?«, fragte er. Ich nickte zustimmend. Direkt vor uns erhoben sich atemberaubend der wappengeschmückte Aufbau des Palazzo Vecchio und sein Turm, dessen Größe hier viel besser zur Geltung kam als unten im Touristengewimmel der Piazza Popoli. Weiter links konnte ich über die Dächer hinweg Brunelleschis Domkuppel sehen. Auf ihre Plattform hinauf hatte mich Klammer gestern Nachmittag gejagt.

»Dabei fällt mir eine Geschichte ein«, fuhr er fort. »Hast du ein wenig Zeit? Kannst du sie meinen Worten opfern?«

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* Aber da ich kein Publikum habe, spielt auch das keine Rolle. Ich werde das nicht weiter kommentieren, weil mir sonst wieder vorgeworfen wird, ich sei ein egozentrischer Jammerlappen, der selbst an seinem Schicksal als gescheiterter Autor Schuld sei. Wahrscheinlich stimmt das auch, denn wenn trotz freundlicher Einladung nicht einmal meine wenigen Freunde den Weg auf meinen Blog finden, wie soll ich dann über ihn einen Leser finden? Und den freundlichen Bloggern, die bei fast jedem meiner Einträge offenbar blind und instinktiv auf den Gefällt-mir-Knopf drücken, will ich noch einmal Lessings Ausspruch von oben ans Herz legen: Das ist zwar sehr nett von euch, aber nicht gelobt, gelesen will ich werden! Allerdings liest das ja wieder keiner.

Form und Farbe oder: Darf ein informelles Bild Lust auf Schokolade machen?

Ich habe mich bereits vor geraumer Zeit entschieden, nur noch Vernissagen zu besuchen, auf denen es Häppchen, passablen Rotwein und in ausreichender Menge bequeme Sitzgelegenheiten gibt.

Am letzten – eisigkalten – Dienstag machte ich jedoch für meinen Freund Norbert Kiening eine der seltenen Ausnahmen: Ich verließ die heimelige Wärme meines Lieblingsleseplatzes neben dem Holzofen (George Eliot ist eine geduldige Warterin) und machte mich in der frühen Dunkelheit nach Augsburg auf, um auf Norberts Einladung hin an der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie Beate teilzunehmen. Die kleinen, aber feinen Räume verstecken sich in der Nähe des Lueginslands(1) halb unter dem erst in der Weimarer Zeit wiedererrichteten Fischertor, durch das sich die Straßenbahn quietschend in einer engen Kurve hindurchzwängt.

Nun, die Galerie hat mehr Eingangstüren als Zimmer, aber irgendwann – nachdem es einem gelungen ist, sich durch die einander um den Hals fallenden und sich gegenseitig abknutschenden Künstlerkollegen zu schieben – findet man doch einen Weg hinein. Norbert – seit 2005 der Vorstand des Augsburger BBK – zeigt in der drangvollen Enge der Räume neben einigen leichter verkäuflichen und verdaulichen Holzschnitten zwei großformatige Ölgemälde, die in ihrer expressiven Wucht den Raum beherrschen und ihre volle Wirkung kaum in einem Wohnzimmer entfalten können und sich eher für repräsentative Geschäftsräume eignen. Mir ist es im Gewühl des Publikums nicht gelungen, ein Foto zu machen, auf dem sich keine drängelnde Schulter oder ein Schattenriss vor die Bilder schieben. Ich konnte auch nicht genügend Abstand schaffen, um das ganze Gemälde einzufangen.

Kiening

Norbert Kiening ist nicht Jakob Nix. Die schokoladigen Erdtöne im Gemälde sind direkt aus der Tube gedrückte Farben und nicht das Ergebnis seiner Verdauung.

Norbert malt gegenstandslos. Er saugt zwar deutlich erkennbar wie ein Schwamm die Farben und Formen der von der mäandernden Schmutter geformten Landschaft seines Wohnortes Diedorf in sich auf, gibt aber im schöpferischen Akt in der Entfremdung seines Ateliers nur formlose, emotionale Erinnerungen und Eindrücke wieder. Die wuchtigen Gemälde des stämmigen Oberbayern, bei dem Kunstmachen immer auch gewalttätig ist, haben kein „Konzept“, keine versteckte Botschaft, sie sind nicht politisch, nicht philosophisch. Man nennt das wohl „informell“.

Ich bin ein Autor, der jeden Tag mit der flüchtigen chimärenhaften Welt ringt. Ich will sie fassen, begreifen und in das Gefängnis meiner Worte sperren. Den Augenblick einfangen. Nur so kann ich existieren, nur so fühle ich mich. Form und Farbe, die bei diesem Maler Mittel sind, eine Emotion zu wecken, dienen mir in meiner Literatur als Zweck, den Gegenstand und die Handlung zu beschreiben. Kurz: Es fällt mir schwer, Norberts Kunstauffassung nachzuvollziehen. Zudem benutzt er in den ausgestellten Gemälden bedenkenlos das landscape-Format und arbeitet mit das Bild querenden Raumlinien, was zwangsläufig beim Beobachter den vom Künstler nicht erwünschten Effekt erzeugt, dass er im Gemälde eine Landschaft sucht und auch findet.

Gerade das Bild „Zwischenräume“ erinnert frappant an ein Landschaftsgemälde:

vergleich

Norbert Kiening – Zwischenräume, 2014 Öl/Acryl – Mischtechnik 190 x 230 cm + Caspar David Friedrich – Riesengebirgslandschaft mit aufsteigendem Nebel, um 1819/20

Diesen Effekt zu erklären, war auch die Zwickmühle von Jürgen Meyer, der die einführenden Worte in der Vernissage sprach. Obwohl der in Kempten lebende Künstler auf Erfahrungen als Kunsterzieher (2) und Dozent zurückgreifen kann, fiel es ihm doch schwer, sich dem künstlerischen Wollen von Norbert Kiening anzunähern, denn seine eigenen Werke sind zwar abstrakt, aber eben nicht gegenstandslos.

Ich besitze übrigens ein kleinformatiges Werk von Norbert (ein größeres übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten), das mir gelungener scheint und in seiner sommerlichen Farbenfreude eine mir wesentlich sympatischere Grundstimmung transportiert. Der Maler selbst sieht auch hier keine Landschaft, denn als er es selbst in meinem Haus an der Wand befestigte, hängte er das titellose Werk erst einmal versehentlich verkehrt herum auf. Erst als ich feststellte, dass das Gekritzel in der oberen, linken Ecke die Signatur des Künstlers war, wurde der Fehler bemerkt.

Kiening

Mich überkamen beim Betrachten der neuen, eher in düsterer Stimmung gehaltenen Gemälde von Norbert weniger Landschaftsassoziationen, als vielmehr ein unbestimmtes, synästhetisches Verlangen nach Schokoladenmilchreis und Weihnachtsstollen. Ich zweifle ernsthaft, ob der Maler diese Empfindungen erzeugen wollte. Aber es gilt wohl, dass der Schöpfer sein Werk in dem Moment aus der Hand geben muss, in dem er es vor ein Publikum stellt. Dann ist es erwachsen geworden und muss seinen eigenen Weg gehen. Der Künstler kann es nicht mehr vor Vorurteilen und ungerechten Einschätzungen schützen, nicht weiter pflegen und behüten.

Er muss loslassen.

Die Galerie Beate ist auf jeden Fall einen Besuch wert und nur wenige Straßenbahnstationen vom Augsburger Weihnachtsmarkt entfernt. Am 30. Januar findet in ihren Räumen übrigens die Buchvorstellung der „Dachauer Elegien“ statt, zu denen Norbert Kiening die Fotos geliefert hat. Vielleicht sieht man sich ja…

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(1) Das Lueginsland ist eine Festungsanlage an einem strategischen Punkt der hier noch recht gut erhaltenen Augsburger Stadtmauer. Sie beherbergt einen netten, schattigen Biergarten und einen ausgedehnten Spielplatz an dem Ort, an dem die Augsbürger im Mittelalter ihre Hexen verbrannten. Wie Bert Brecht bin ich im schatten des Lueginslands aufgewachsen, dort habe ich heimlich Zigaretten gepafft und erste schüchterne Kontakte zum anderern Geschlecht geknüpft.

Literarisch habe ich das z. B. hier verarbeitet: Das Karussell

(2) Meyer bot übrigens an diesem Abend ein klassisches Beispiel für die sog. „professionelle Deformation“. Im Zusammenhang mit einem Zitat von Kandinski begann er, das Vernissagenpublikum wie Schüler auszufragen.

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