Aber ein Traum …

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Minnedichtung – Ein Essay (VI)

Ironie und ein Griff ins volle Leben – Teil 3

Freilich darf auch die Gattung des erotischen Liedes nicht fehlen, das aber in der Regel weit weniger derb ausfällt, als man erwarten könnte, sondern meist stark verschlüsselt ist und allegorisiert. Das MA war letztlich eine christliche Gesellschaft und durchaus prüde, wenn auch nicht auf die moderne, sondern auf ihre ganz eigene Weise: Nacktheit etwa erregte kein Aufsehen und wenn jemand seine Notdurft verrichten musste, dann hob er einfach den Rock. Unterwäsche trug nur der Adel.

LalberoGerade in die Zeit der Minnesänger fällt das berüchtigte vierte Laterankonzil (1215), das bis heute nachwirkt und noch immer die Moral des „christlichen Abendlandes“ definiert: Die Ehe – von Gott gestiftet – ist nun als das Lebensideal für Mann und Frau festgelegt und auch das zwar schon lange heiß diskutierte und bereits schleichend eingeführte Zölibat für den geistlichen Stand wird verpflichtend eingeführt. Die Rolle der Frau seit Paulus und Augustinus ist sie ein eher lästiges Beiwerk, auf das man leider nicht verzichten kann – ist eine duldende und gehorsame, unterwürfige. Der Geschlechtsakt dient ausschließlich der Fortpflanzung und darf allein in der Ehe hastig und wenn möglich freudlos (1) vollzogen werden. Andere Formen der Sexualität, wie z. B. die Homosexualität, werden erstmals offen verdammt und unter Strafe gestellt – daraus entsteht später die Inquisition. Dampfventile wie das oben erwähnte Badehaus oder eine versteckte Prostitution waren von der Kirche nicht erwünscht, wurden aber geduldet. Nicht zuletzt riefen die Päpste auch deshalb zu den Kreuzzügen auf, um den vielen unverheirateteten jungen Adligen eine Ablenkung zu bescheren. Da genügte es schon, wenn dieser Kreuzzug nur ins nächste Dorf führte, wo man den Juden, die durch das Konzil zu kennzeichnender Kleidung gezwungen waren, die Köpfe einschlug. (2)

Doch hier endlich ein Lied der niederen Minne von Neidhard. Es sst an Offen– und Derbheit nichts zu wünschen übrig. Solche erotische Dichtung wurde übrigens von der Forschung bis in die Fünfziger Jahre des 20. Jhds. hinein einem späteren, amorphen Pseudo-Neidhard oder einem Pseudo-Vogelweide oder Pseudo-Tannhäuser zugeschrieben, denn, wie Morgenstern so schön formuliert hat, was nicht sein darf, kann auch nicht sein. (3) Diese Texe fehlen auch heute noch in vielen Sammlungen.

Ich zitiere nur die letzten zwei Strophen – das reicht in diesem Zusammenhang vollkommen:

 […]

Ich bin ihnen hinterher
geschlichen
zum Waldesrand.
Groß war ihre Leidenschaft
zu dem schönen Ritter.
Ich kam zur Wiese –
was ich sah, macht mich nicht froh!
Rasch ging es dort:
Er warf sie auf den Rücken,
gab in ihre weißen Finger etwas,
das man Sniedelsnödel nennt.
(4)

Fest nahm sie diesen Sniedelsnödel
zur Hand und schob ihn
hinab zu ihrem Leib.
Er stieß ihn durch das krause Haar.
»Rühr dich tüchtig mit dem Pipapopo,
damit der Sniedelsnödel nicht erschlafft!
Sapperlot, wer kommt denn da?!«

Wie bereits erwähnt, hat Neidhard einige Klischees erfunden, er war kein Freund der Bauern, er stellte gerne die Geistlichkeit als gierig und wollüstig dar und in einigen Gedichten kriegt der feine, aber in seinen Augen unfähige Adel sein Fett ab: Ritter haben bei ihm häufig Probleme mit ihrem Stehvermögen.

[…]
Sein Schwert wollt er in diese Hülle schieben,
allein bog sich die Klinge
bis zum Knauf zurück.
Doch mit Gewalt er presste
und zog zurück. […]
Die Holde:
„Hau ab. Hier ist kein Pfeffer.“

Neidhart bezeichnete sich selbst zwar als „Riter“, doch er besaß keine Burg, sein Adel ist zweifelhaft. Er übte wie die meisten Minnesänger den Brotberuf des Minesterialen aus, eines Beamten in Dienste der Obrigkeit; wahrscheinlich war er am Hof von Herzog Otto II. von Bayern tätig. Minesteriale waren in der Regel unfreie Gefolgsleute von Königen, Adligen oder von Klöstern, die sie auf ihren langen Rundreisen durch ihre Lehen begleiteten. Im 12. Jahrhundert durften sich die Ministerialen „milites“, also „Ritter“ nennen. Sie sind aber keinesfalls mit den adligen Rittern zu verwechseln, die man landäufig unter diesem Begriff sammelt. Die Minnesänger waren höhere Beamte, die besser mit der Schreibfeder als mit dem Schwert zurecht kamen. Neidhard grenzt sich mit seinen Versen von diesen Rittern ab, die er allesamt für Schlappschwänze hält.

Durch Skelettuntersuchungen auf Friedhöfen des 14. Jahrhunderts hat die Archäologie ein ungefähres Bild von der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen gewinnen können: Bei Männern betrug sie 34 Jahre, bei Frauen – vor allem durch das hohe Sterberisiko bei den Geburten – nur 27 Jahre. Ein Vierzig- bis Fünfzigjähriger war bereits ein Greis und nur wenige der Minnesänger haben ein höheres Alter erreicht. Zweifellos gab es auch sehr alte Menschen und die hohe Säuglingssterblichkeit (85 %) trägt zu einer Verzerrung bei, aber die Tendenz bleibt bestehen; das MA ist eine Gesellschaft der Jungen. Vielleicht ist sie mit einer „Großen Pause“ in einer Schule vergleichbar: Auf den ersten Blick herrscht ein wildes Durcheinander, das aber doch nach festen, tradierten Regeln funktioniert: Einzelne Gruppen stehen beieinander, Außenseiter am Rand, die Geschlechter und Altersstufen sind kaum gemischt. Alles wird von ein paar wenigen älteren Aufsichten streng überwacht, aber es wird sofort über die Stränge geschlagen, wenn ein Lehrer nicht hinsieht. Ohne diese Allegorie überbewerten zu wollen: Die Gesellschaft des MA war jung, sie war pubertierend, oft pubertär. Wenn man sich diese Tatsache vor Augen hält, erklären sich viele ihrer Eigenarten, die sie uns heute so fremd macht.

[ZUM LETZTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Albertus Magnus (1193 – 1280) beispielsweise empfiehlt vor (!) und nach dem möglichst rasch durchzuführenden Geschlechtsakt aufwendige Reinigungs- und Gebetsrituale, die für Gottes Absolution sorgen sollen.

(2) Der berühmte Richard Löwenherz, König von England (1157 – 1199), den eine Unzahl von Filmen und Romanen zu einem untadeligen Helden stilisiert haben, war an seinem Hof begeisterter Hörer der Musik der Troubadoure und kümmerte sich nie um sein Königreich. Er wurde von seiner Mutter eilig verheiratet und anschließend recht erfolgreich in den dritten Kreuzzug gegen Saladin schickt, wo er mit einer Kette mit abgeschlagenen Heidenschädeln um die Schultern herumlaufen und unter seinen Mitstreitern seine daheim verborgene Homosexualität ausleben konnte. Regiert hat er nie. Nach einer längeren Gefangenschaft in Österreich, wo er entdeckt wurde, weil er aus seiner Zelle lautstark das Lied eines Minnesängers mitsang, beschloss Löwenherz‘ Leben während einer Schatzsuche in Frankreich ein von der Zinne der grundlos belagerten Burg Châlus abgefeuerter Bolzen.

(3) Christian Morgenstern, Palmström

(4) im Original lautet diese Stelle:

Dô sî den gimpel gempel in die hant genam

Neidhart wurde wegen solcher Lieder auch als „Gimpel-Gempel-Sänger“ bezeichnet. Gimpel Gempel war für mich vielleicht das am schwierigsten zu übersetzende Wort dieses Gedichts. Ich bin mit meiner Lösung noch nicht zufrieden. Der Schriftsteller Dieter Kühn, dem wir das wundervolle Buch „Neidhard aus dem Reuental“ verdanken, übersetzt hier mit „Pümmelpömmel“. Dies aber wirklich nur nebenbei …

Minnedichtung – Ein Essay (V)

Ironie  und ein Griff ins pralle Leben – Teil 2

Es folgt ein Meisterstück von Walther von der Vogelweide, der schon häufiger zu Wort kam. Es ein Winterlied und funkelt vor Ironie.

Die Welt war gelb, war rot und blau,
war grün im Wald und in der Au.
Kleine Vögel sangen dort genau –
nun macht die Nebelkräh‘ Radau.
Die Welt hat eine andre Farbe, schau:
Sie ist nun bleich, grau über grau.
So mancher lüpft hier seine Brau.

Auf grüner Höhe saß ich eh:
es wuchsen Blumen und der Klee
von hier oben bis runter an den See.
Doch diese Augenweide ist passé.
Wo wir gepflückt so manch Bouquet,
dort liegt nun Reif und Schnee.

Den kleinen Vöglein tut das weh.

Die Deppen rufen: Schnei doch, schnei!
Die armen Leut: Ohweh, owei!
Ich fühle mich so schwer wie Blei.
Der Winterkummer hab ich drei.
Doch diese Jammerei:
Sie wäre sicher rasch vorbei,
käme nur der Sommer bald herbei!

Und wenn ich noch lange lebe so,
dann fresse ich noch die Krebse roh!
Sommer, mach uns wieder froh.
Begrünst die Täler, die Höhen, wo
ich mit Blumen spielte mit Niveau,
und mein Herz zur Sonn entfloh,
das jagt den Winter in das Stroh!

Ich wälz mich wie ein Schwein,
mein glattes Haar ist nicht mehr fein.
Mein Sommer, wo magst du sein?
Bauern, spannt die Pflüge ein!
Der Winter bringt mir arge Pein,
fängt und klemmt mich hier so ein:
will lieber Mönch in Doberlug sein!

BurgOffenbar war die Lausitz, wo das erwähnte Kloster Doberlug lag, schon damals nicht unbedingt der Nabel der Welt. Jene Zisterzienser-Abtei, von der heute noch die ursprünglich romanische Klosterkirche steht, ist übrigens die einzige konkrete Ortsangabe, die in einem Lied von Walther auftaucht, sonst bleibt er ein auch von seinen Zeitgenossen nur selten erwähntes Phantom, das vollkommen hinter seiner Dichtung verschwunden ist. (1) 

Das nächste Lied, eine Frühlingsminne vom noch geheimnisvolleren Tannhäuser (um 1205 – 1266) (2), sei diesmal in Ausschnitten im Originalton vorgestellt, um hier wenigstens einmal die Sprachmelodie des Hochmittelalters erfahrbar zu machen, soweit dies überhaupt möglich ist. Wenn man die in den unterschiedlichsten Dialekten verfassten und nur selten vom Autor selbst aufgezeichneten Gedichte liest, fragt man sich unwillkürlich, ob ein österreichischer Sänger einen sächsischen Dicher verstanden hat. Wir Heutigen, zumindest jene, die kein Grundstudium der Germanistik vorweisen können, tun uns da noch schwerer. Die wahre Qualität der alten Reime ist wahrscheinlich für immer in den Zeitläufen verloren gegangen. Es wird aber im Folgenden deutlich, wie in oder, besser gesagt, en vogue es war, französische Floskeln zu benutzen:

[…]

Ein fores stuont da nahen,
aldar begunde ich gahen.
da horte ich mich enpfahen
die vogel also suoze.
so wol dem selben gruoze!

 Ich hort da wol tschantieren,
die nachtegal toubieren.
alda muost ich parlieren
ze rehte, wie mir waere:
ich was an alle swaere.

 Ein riviere ich da gesach:
durch den fores gienc ein bach
ze tal übr ein planiure.
ich sleich ir nach, unz ich si vant, die schoenen creatiure:
bi dem fontane saz diu klare, süeze von faitiure.

  […]

Noch Karl V. wird um 1550 feststellen: „…Französisch spreche ich mit Männern und Deutsch mit meinem Pferd.“

Doch die Herren der Hohen Minne wußten sich auch handfester auszudrücken. Es folgt ein Freßlied, das mutmaßlich von Neidhart aus dem Reuenthal (erste Hälfte des 13. Jhds., vermutlich aus Bayern) stammt, meinem persönlichen Favoriten unter den mittelalterlichen Dichtern.  Es scheint in seiner Rabelaisschen Übertreibung viele unserer Vorurteile über die Sitten des MA zu bestätigen.

Lauft nun alle begeistert
auf die Straßen, tobt wild
durch die Gassen.
Keiner soll lauter sein als wir.

Setzen wir uns an die Tafel!
Wir wollen frische Fische schlemmen,
Schleien, Karpfen, Hechte, Stör
mit scharfer Pfeffersoße.

Seht die Häufen Wildbret:
wir fressen Hirsch und Kuh,
Schweine und auch Bären
werden wir gierig schmausen.

Dazu gibts Hase, Fuchs,
das Reh und auch den Luchs:
unser Magen nimmt gebläht
das alles in sich auf.

Nicht genug? Schafe, Rinder
und ihre Kinder
können sich nirgendwo

vor uns schützen oder retten.

Fette Kälber, Ochsen, Stiere:
wir verschlingen alles!
Dazu vier Schinken
und etliche Rüben kochen!

Wir wünschen uns zwei Hammel
und vierzehn Hühner!
Fette, gut gewürzte Braten
zusammen eine Elle lang,

[…]

Das Lied geht in diesem Stil noch einige Strophen weiter und gipfelt in einem Nachtisch mit 100 Eiern; wobei Zahlenangaben im MA nie tatsächliche waren. Einhundert stand für „viele“, eintausend für „unüberschaubar viele“. Wenn also ein Geschichtsschreiber von zehntausend Streitern in einer Schlacht sprach, wollte er nur eine große Menge andeuten, die jedoch nichts mit der tatsächlichen Kämpferzahl zu tun hat.

Hoffentlich ist Neidhart satt geworden, denn leider konnte es auch anders gehen und dieses andere war für die Mehrzahl der Bevölkerung die alltägliche grausame Realität. In einer Zeit, in der das eingebrachte Saatgut in der Regel nur eine doppelte oder dreifache Ernte brachte, konnten zwei oder drei schlechte Sommer oder harte Winter verheerende Hungerkatastrophen in ganz Europa hervorbringen. (3)

Neidhart, den wir im nächsten Abschnitt als Erotiker kennenlernen werden, hat praktisch im Alleingang das Bild des Bauern als dummen, gefräßigen, faulen, dabei eben „bauernschlauen“ und hinterhältigen Menschen geprägt, das bis in unsere Zeit nachwirkt. Er hat zahlreiche Hassgedichte auf diesen Stand, der ihn letztlich als fahrenden Sänger nährte, geschrieben und sich über diese ewig geilen „thumben Thoren“ und ihre rustikalen Sitten lustig gemacht. Dies führte sogar dazu, dass überall in den Städten begeistert gefeierte „Neidhart-Spiele“ aufgeführt wurden, in denen die Bauern als Hanswurste dienten – eine Art früher Komödienstadel. Einige dieser Theatersatiren von Neidhartnachfolgern sind uns erhalten geblieben und sie dürfen bei den Gründen, die zu den Bauernkriegen am Ausgang des MA führten, nicht unterschätzt werden.

 [ZUM SECHSTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Als sicher gilt, dass Walther nicht in Bozen geboren ist, obwohl sich die Südtiroler Gemeinde mit einem großen Denkmal als seinen Geburtsort feiert. Aufgewachsen scheint er bei Wien zu sein: „ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen. „

(2) Ja, den Tannhäuser gab es auch schon vor Richard Wagner. Auch der legendäre Sängerkrieg, an dem nach den mehr als unzuverlässigen Quellen unter anderen auch Heinrich von Ofterdingen, Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach teilnahmen, scheint auf der Wartburg stattgefunden zu haben. Ein Sängerstreit um einen Kranz, der von der von der Burgherrin verliehen wurde,  war wahrscheinlich eine gängige Unterhaltung an den winterlichen Fürstenhöfen; das Wartburgfest hat wegen seiner legendären Teilehmerliste Ruhm erlangt. Eine Geldzuwendung und freie Kost und Logis motivierten die Sänger sicher zusätzlich.
Ich empfehle hier den Roman „Krieg der Sänger“ von Robert Löhr, Piper 2012; eine süffig lesbare Kriminalhistorie, die keineswegs die tatsächliche Geschichte erzählt, aber „höllischen“ Spaß macht.

(3) Vergiftungen durch den Schmarotzerpilz „Mutterkorn“ waren eine Volkskrankheit. Veitstanz, Wahnsinn, abgestorbene Gliedmaßen und oft auch der Tod waren die Folge.
Wahnsinnige wurden in der Gesellschaft des MA im Gegensatz zu Leprakranken übrigens toleriert. Der Übergang zwischen heiligen Visionen und Irresein war fließend.

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