Aber ein Traum …

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Gedanken zur Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

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Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor über dreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

*

Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: „Was man aus dem Brunnen ißt“ lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

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Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: lauter, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den socialmedia. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von geistigen und realen Brandstiftern wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sie sich erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen. Die Nazis können lauter schreien als ich und im Zweifelsfalle werden sie mich eben einfach totschlagen.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest meine Literatur und deshalb kann ich hier schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird an vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meines Romans „Aber ein Traum“ an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

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Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

*

Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie ihre WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd von neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, WordPress-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

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* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

crisis – Eine Erzählung (2)

der nächste tag traf mich. müde von der endlosen nacht, vom wirren lesen und schreiben, war ich wehrlos gegen seine spitze. zu beginn war er wie die anderen tage, der telefonanruf, das onanieren, der geschmack. die milch meiner tage. nur der kopfschmerz war stärker. am abend hatte ich wieder eine verabredung mit einem mädchen, wie immer.

die straßen waren voll, es war sonntag und die leute hatten kein ziel. ich irrte zwischen ihnen, mein diktaphon griffbereit. doch niemand sprach mich an. endlich fiel mir auf, dass ich verfolgt wurde. ich war natürlich daran gewöhnt –  schließlich ist in der stadt jeder hinter jedem her. die komplizierten muster der wege kreuzen sich. es gibt öffentliche gesichter, denen ich jeden tag begegnete. doch dies war nicht mehr die laune eines zufalls. ich war mir sicher: ich spürte einen verfolger. wenn ich mich halb wendete, um einen schnellen blick nach hinten zu werfen, verbarg sich mein schatten zwar, tauchte vorsichtig in einen hauseingang, aber er war immer den kurzen moment zu langsam, zu halbherzig, als wolle er gesehen, jeder zweifel ausgeräumt werden. langsam bekam ich einen eindruck von meinem verfolger. er war groß. ich meinte, ihn lächeln zu sehen, wenn er sich verbarg. ich beschleunigte meinen schritt etwas, erreichte eine haltestelle der u-bahn, ging vorsichtig die wenigen stufen hinab und vorsichtig an den besudelten fliesen vorbei. ich erschrak wie jedesmal, als sich die rolltreppe unter meinen füßen rumpelnd in bewegung setzte. es war ein leiser moment, ein zusammenzucken des unterleibs, ein kurzes gefühl der unsicherheit. meine linke sackte voll genugtuung auf das gummiband, das mit den stufen hinabglitt. jetzt krallten böen in mein haar, blähten mein hemd, kühlten den schweiß meiner haut. gleichzeitig wurden die fahrgeräusche einer bahn laut. der bahnsteig flackerte in der neonstimmung. ich ging ein paar schritte weiter, verharrte unschlüssig, sah mich skeptisch um. wenn ich schnell war und auf der anderen seite wieder herausrannte, konnte ich den verfolger vielleicht abhängen. dennoch blieb ich stehen, denn ich fühlte mich geborgen unter den riesigen zigarettenrauchern. das geräusch eines kurzen, wohlüberlegten fußtritts hallte an mein ohr. eine leere bierflasche.  mein verfolger war nicht so leicht abzuschütteln. ich sah hinüber zum anderen bahnsteig. dort stand im schatten die hohe, zynische gestalt. sie bewegte sich nicht, wartete. ich floh, rannte atemlos hinaus aus dem haltestellenschlauch, hinein in die hitze, die wie eine wand in der straße stand, lief im dauerlauf den weg, den ich eigentlich hatte fahren wollen. ich flüchtete mich in die normalität des cafés, in dem ich mit meinem mädchen verabredet war.

immer und immer wieder trafen wir uns in einem café. unser leben spielte sich in einem café ab, nur dort waren wir eins. in diesem zumindest war die einrichtung teuer.

ich erzählte ihr hastig von meiner begegnung mit dem alten, ohne auf meine mutmaßungen wegen des WORTES oder meinen verfolger einzugehen. sie schien mir nicht dafür geeignet.

– was wollte er?

– wenn ich das wüsste! ich nehme mal an, er hatte zuviel getrunken. sein freund hermann hat probleme und die musste er einfach beim nächstbesten loswerden. mich wundert, dass er keinen betrunkenen eindruck machte.

– vielleicht hatte er einen schaden. – das mädchen tippte mit dem zeigefinger gegen die stirn. in diesem augenblick sah sie roh aus, primitiv. sie war niemand, dem ich erzählen konnte. sie war nur ein fick. das war allerdings genug, ihre dummheit zu übersehen und am ball zu bleiben.

– ich setz‘ mich mal. hallo!

der mann wirkte auf den ersten blick reich, auf den zweiten wie ein zuhälter. bevor ich abwinken konnte, nickte das mädchen. ich sah mich schnell um. nicht alle tische waren besetzt, an einigen saßen frauen, die auf einen märchenprinzen warteten. der mann ließ sich seufzend zwischen uns beiden auf der bank nieder, rückte aber, erstaunlich genug, näher an mich. das gespräch versiegte, aufmerksam musterte ich ihn. er war klein, stämmig, hatte nichts mit meinem verfolger gemein. doch ich hatte noch eine weitere idee, heimlich schaltete ich deshalb mein diktafon ein.

– leskoff. sie sind leskoff. – der mann starrte mich erstaunt an.

– ich heiße karl heller. kennen wir uns? sie müssen mich verwechseln.

– ja. ich dachte nur, sie könnten leskoff sein.

das mädchen kniff ein auge zusammen, legte den kopf schief. sie schien an meinem geisteszustand zu zweifeln.es folgte ein munteres gespräch.

(ich lege die cassette dem heft bei. sie zeigt, wie belanglos, wie naiv unsere gespräche noch waren. wir sprachen über fahrschulen. ich war eifrig dabei.)

vision. – es war mein erster blick in die zukunft und er dauerte nur ein paar sekunden, länger nicht. da bin ich mir sicher, denn in meiner tonbandaufzeichnung ist meine geistige abwesenheit nicht zu bemerken. es war kein traum. war eine vision.

durch hellers sonnenbrille fällt ein lichtstrahl. er ist von dunklen flecken gemasert und schwimmt wie eine hitzeschliere über heißem beton. ich betrachte ihn und höre sein sinken, das regen von leben weit dort unten. der milchige strahl war eben gebündelt, jetzt zerfasert er. er erhellt kaum das dunkel um mich. ich warte. etwas wird geschehen, jetzt, oder doch später, es dehnt sich.

da: die bewegung ist unterbrochen, eine tastende hand gleitet in meinen blick. das könnte meine hand sein, aber sie ist so bleich.von der decke löst sich ein tropfen, quälend langsam stürzt er herab, wie öl in wasser kämpft er sich durch das licht, sich in sich drehend, wendend. dann trifft er die hand. gleichzeitig zerplatzt sie aus sich heraus. alles wird besudelt. ich ekle mich, schließe die augen. das licht verwandelt sich in einen glassplitter, er bohrt sich in meinen kopf, spaltet mein hirn.

– also, die fahrschule ziegler ist billiger und der service ansprechend, sagte heller.

– dafür habe ich beim streng meinen führerschein in einem monat, sagte das mädchen.

– ach? sagte ich.

ich erschrak und sah mich um. dieser tag war anders. es war früh am morgen. ich spürte es, draußen war es bewölkt und kühl. ich lag in einem fremden zimmer in einem fremden bett. die einrichtung war karg, gefängnishaft, aber nicht abweisend. vielleicht war das ein zimmer in einer billigen pension. noch etwas hatte sich verändert. erst nach einer weile wusste ich, was. ich hatte keine kopfschmerzen. ich stand auf, sah zurück. das bett war leer. das passte nicht ins bild. das mädchen hätte drin liegen sollen. ich horchte, vielleicht machte sie frühstück. ich war hungrig und hatte keinen schlechten geschmack im mund. stille lag vor mir, zum greifen nah. ich blickte an mir herab. ich war nackt, meine kleidung lag auf dem boden verstreut. es war nur meine kleidung, glaube ich. ich öffnete einen schrank. muffiger, abgestandener geruch trat aus den leeren fächern. das ist wohl ein hotel, dachte ich, ich hatte recht. wenn ich mich nur erinnern könnte, wie ich hier her gekommen bin. ich zog mich eilig an, trat aus dem schlafzimmer un  erwartete, in einen hotelflur zu gelangen. stattdessen stand ich in einer küche. auch sie war leer, ausgeräumt wie eine musterwohnung, ein unbewohntes appartement. der blick aus dem fenster zeigte die fassade eines miethauses. auf der straße fuhr kein auto, es waren auch keine fußgänger zu entdecken. nervös werdend begann ich zu suchen. es gab noch ein bad und ein wohnzimmer, dazwischen einen kurzen gang. auch hier fand ich keine anzeichen von bewohnung. auf dem wohnzimmertisch lagen zwei briefe. ihre umschläge waren hastig geöffnet, aufgerissen, die absender nicht leserlich. die adresse auf beiden briefen lautete: andreas wert, haffnerweg 12.

wie kam ich in den haffnerweg? der war am anderen ende der stadt. war der eigentümer ausgezogen? hatte er die briefe zufällig vergessen? ich sah mich schuldbewusst um, blöde. natürlich las ich die briefe. der erste war maschinengeschrieben, fehlerlos und fast amtlich.

– wenn du glaubst, ich würde darauf hereinfallen, dann hast du dich geirrt. ich kenne dich und ich weiß, du lässt keinen trick aus, mich zu betrügen. und weil ich dich kenne, würde ich auch nie auf dich hereinfallen. wenn helga dir vertraut, ist das ihre sache. aber mit mir geht das nicht. helga kannst du übrigens wieder haben, wenn du sie noch willst. sie interessiert mich nicht mehr. weißt du, sie ist so ein simples gemüt. meinst du, sie kann mich auf dauer interessieren? unsinn. ich habe gleich gemerkt, wie angelernt ihr geschwätz ist. sie war bei dir in der lehre, nicht wahr? hast sie gleich ins theater geschleppt. gleich am ersten tag war mir das klar. so dumm bin ich nicht. selten habe ich so starr auswendig gelernte meinungen gehört. du kannst dich sicher erinnern, denn es sind deine worte: es war eben wieder der versuch, romantisch, aber noch unfertig, da kann was draus werden, aber es braucht noch zeit. der ganze quatsch. sie hatte die volle palette. es war nur nicht ihre eigene. auch im bett war sie einfallslos. da musst du mir schon mehr bieten. sobald ich etwas gebracht habe, hieß es: du, ich mag das nicht. du, ich bin heute müde. du bist nicht zärtlich genug.

nimm sie wieder, ich gebe sie dir gern zurück.

ich habe dich überschätzt. aus ärger ziehst du diese nummer mit mir durch. ich kann es nicht glauben. bin ich denn ein narr?

die unterschrift war sehr schwungvoll, aber unleserlich. unter p.s. stand:

– wir sehen uns am wochenende. bring monica mit. stefan.

den zweiten brief hatte eine frau geschrieben. ihre schrift war zierlich und übertrieben rund, manchmal war die tinte von einem flüchtigen handrücken verschmiert.

– lieber andreas,

es mit hermann aus. egal, das war nichts. ich habe nur länger als du gebraucht, um es zu bemerken. deshalb schreibe dir ich nicht. ich könnte dich anrufen, aber ich sende dir lieber einen brief, der ist irgendwie anonymer und ich traue mich. weißt du, wie viele wochen es her ist? du wirst es kaum glauben: acht! ich bin gut, nicht wahr? ich glaube, wenn alle meine willensstärke hätten, gäbe es keine probleme mehr. acht wochen, das ist eine kleine ewigkeit. vollziehe das einmal nach: jeden tag in die arbeit gehen, abends ein bisschen spaß haben und in der nacht an die decke starren. irgendwann ist dann der punkt erreicht, an dem du deine augenringe nicht mehr mit makeup verdecken kannst. ich habe ihn längst überschritten. ich bin am ende. acht wochen ohne schlaf, liegen und warten. das kannst du nicht verstehen. du hast es gut, denn dich hat es noch nicht so erwischt. bei männern dauert es länger. außerdem: du hast ES ja. ich weiß deine einwände, du hast auch recht. niemand darf es erfahren und ich habe bis jetzt auch geschwiegen. glaube mir, ich habe niemandem etwas erzählt. aber, versteh mich doch, wenn ich nicht bald wieder schlafen kann, bin ich vielleicht zu nervös und verplappere mich. glaube mir, ich will es nicht und das ist auch keine erpressung, ehrlich, das ist eine bitte. ich bin verzweifelt. besorge mir ES zum schlafen. sonst weiß ich nicht, wozu ich fähig bin.

keine unterschrift, das war alles. ich lehnte mich in dem sessel zurück, in den ich mich zum lesen gesetzt hatte, überlegte.

besorge mir ES zum schlafen.

rauschgift.

erpressung.

mir fiel das WORT wieder ein. hier hatte ich nichts mehr verloren. ich warf die briefe auf den tisch. es war zeit, zu gehen. die wohnungstür war nur angelehnt. ich stieg die treppe hinab, trat ins freie. die straße war noch immer leer. niemand außer mir lief den bürgersteig hinab. es fuhren keine autos. eine ampelanlage schaltete sinnloserweise auf rot. hatten sich denn alle in luft aufgelöst? ich ging die straße hinunter. eine uhr schlug, ich zählte mit. es war neun uhr morgens. aber welcher tag war heute? ich gelangte zur hauptstraße, den hohenzollerndamm. hier erwartete mich das gleiche bild. leere, aber aufgeräumt und sauber. die autos waren ordentlich geparkt. das einzige lebewesen schien ich zu sein, nicht einmal insekten gab es. auch keinen wind, keine gerüche, kein geräusch. nur meine schritte hallten. mein atem keuchte. die stille war tief, erschreckend. ich begann zu laufen, zum markt, in die richard-wagner-straße, leer, leer, leer. – endlich, völlig außer atem, erreichte ich mein haus. ich stürzte hinein, ließ die tür hinter mir zuschnappen, schloss fürsorglich zweimal ab. lange lehnte ich gegen das holz der tür, rang um luft und starrte in den hausflur. dann stieg ich hinauf in meine wohnung. ich war müde. nur mit mühe schaffte ich es in mein bett, meine kleidung ließ ich an. ich schlief sofort ein.

und ein splitter spaltet mein hirn. ein tropfen missachtet die schwerkraft und klatscht zurück gegen die decke.

– aber der ziegler ist doch der bessere lehrer. er ist nicht arrogant. er weiß, worauf es ankommt. ich kann von seinem service nur schwärmen, sagte heller neben mir.

ich nickte, stimmte ihm begeistert zu:- da haben sie recht. ich habe schon viel gutes gehört. und er kennt alle prüfer. – die hitze überfiel mich hinterrücks. hatte ich nicht eben noch gefroren, deshalb eine decke über mich gezogen? ich spürte den schweiß, der meinen rücken nässte. heller drehte sich halb sich zu mir, etwas überrascht, wie mir schien. er hatte bislang mit dem mädchen gesprochen.

– nicht wahr? und was meinst du, claudia?

er wusste schon ihren namen. wann hatte sie ihm den verraten? oder kannte er sie schon länger? war, was ich für zufall hielt, eine absichtliche verabredung? ich beschloss, vorsichtig zu sein. – aufmerksam widmete sich heller dem mädchen. er war auf dem besten weg, sie mir auszuspannen. jetzt kümmerte es mich nicht mehr. es war mir gleichgültig. fast hätte ich ihm das gesagt.

– ich schenke sie dir, hätte ich gesagt und fühlte ein dejavu. gelangweilt sah ich mich um. neben uns saßen zwei junge männer, einer der beiden hatte eine glatze und war geschminkt. sie unterhielten sich lautstark. sie machten ein wenig den eindruck, als würden sie ein absurdes theaterstück proben. ich konnte mich zu ihnen lehnen und lauschen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. leider sind nur ein paar fetzen ihres gespräches auf meiner cassette. hellers stimme war zu laut.

– wir haben keine legenden und keine helden. das ist alles mist. was interessieren uns goethe oder dostojewskij, was stuckkard-barre oder hollebeqc, die sind längst tot. wir sind die jungen. wir sind am anfang, punkt null. wir erfinden uns die welt neu. sie ist unser. wie sie früher war, interessiert uns nicht. das haben wir vergessen, ganz und gar. wir sind der sturm, der den gestank vor sich herjagt, jubelte der geschminkte.

– red nicht so geschwollen.

– wir sind die jugend. wir machen schluss mit allem. wir stehen nicht am ende unserer tage, sondern erst am anfang. und ein neues leben verlangt auch eine neue sprache.

– das ist aber eine alte.

 -du verstehst nicht. in mir ist nichts altes. wir haben keine vorbilder in der sprache, ich spreche so, wie ich als neuer mensch sprechen muss. klar? so soll die jugend sein, stark und schön, es darf nichts schwaches und zärtliches an ihr sein, das freie, herrliche raubtier muss wieder aus ihren augen blitzen. so können wir das neue schaffen. das sage wir alle tage. für uns ist alles religion. was wir tun, das leisten wir nicht nur mit unseren händen und hirnen, sondern mit unseren herzen und unserer seele.

– willst du eine ehrliche antwort?

– ja, natürlich. bist du politiker?

– gut. ich kapier‘ nichts. und ich will das auch nicht verstehen. mir graut vor deinen worten.

– du bist der depp. ich glaube manchmal, dein blut ist nicht gesund. sprache ist auch, vor allem, klang, ein sauberes empfinden, der ausdruck der seele eines volkes, wie musik, weißt du. sie berührt dich. kennst du denn ordinäre musik?

– ja.

– lenk jetzt nicht ab! ich lasse mir von dir nicht meine beweisführung kaputtmachen. ich bin die zukunft. ein wille muss uns beherrschen, eine einheit müssen wir bilden, eine disziplin muss uns zusammenschließen; ein gehorsam, eine unterordnung muss uns alle erfüllen.

– wir gehen. du wirst uns ja wohl nicht vermissen.

das kam von meinem tisch. heller und das mädchen standen bereits. sie hatten sich an den händen gefasst, heller grinste anzüglich.

– ich habe für sie bezahlt, sagte er.

– für das mädchen?, fragte ich erstaunt.

– für das bier, erwiderte er und wusste nicht, ob er wütend werden sollte.

– ich wünsch euch einen schönen abend. – ich winkte abgelenkt und drehte mich wieder zu den beiden männern. aber ihr gespräch hatte inzwischen ein völlig anderes thema. plötzlich unterhielten sich die beiden über eine frau und darüber, ob sie einen bh trug. hier gab es nichts mehr für mich zu hören. ich stellte mein diktafon aus.

ich hielt die tür des cafés scharf im auge, nahm die bewegungen im gastraum kaum mehr wahr. deshalb war ich erstaunt, als sich jemand zu mir an den tisch setzte, genau auf den platz, den eben heller besetzt gehalten hatte, direkt neben mir, eng an mich gedrückt. der mann war nicht groß und er betrachtete mich aufmerksam und freundlich. nichts an ihm war zynisch, sein lächeln durchaus interessiert, sein neugieriger blick allerdings nicht zurückhaltend. er nickte mir zu, suchte einen unverfänglichen gesprächsbeginn.

– bist du oft hier?, fragte er, sich noch näher zu mir lehnend.

– oft. manchmal regelmäßig, antwortete ich zögernd, aber ich habe mir die regel nicht zur regel gemacht.

er senkte den blick: – macht es dir spaß? ich meine, leute zu beobachten.

– ja, sicher, erwiderte ich und sah zu den beiden männern am nebentisch, dadurch ist vieles einfacher.

ich machte eine bedeutungsschwangere pause.

– warum rufst du mich immer an?, fragte ich. ich wollte ihn überraschen, für einen kurzen moment schien ihn die frage auch zu verblüffen. hatte ich wirklich ins schwarze getroffen?

– weißt du das denn nicht? -er spitzte vorwurfsvoll die lippen. – ich hatte geglaubt, du würdest es wissen. ich hätte mich doch nicht zu dir gesetzt, wenn… seltsam, so ein fehler ist mir noch nie unterlaufen. du bist so anders. egal, jetzt sitze ich hier. was willst du wissen?

– sie haben meine frage noch nicht beantwortet, beharrte ich.

nicht? ich dachte, doch. du solltest besser zuhören. ach, ich weiß auch nicht. lass dir mal eine geschichte erzählen, wenn ich mehr zeit habe. erinnere mich daran. das wirst du tun, ja? – ich wusste keine entgegnung, blieb stumm. – sei vorsichtig!, flüsterte er mir zu, stand auf, sah noch einmal aufmerksam zu mir herab. er war doch großgewachsen. dann nahm er sein pils und ging, als wäre es das selbstverständlichste auf der welt, mit seinem glas in die toilette.

als sich mein erstaunen gelegt hatte, ging ich dem mann nach. eine tür führte vom klo über eine schmale treppe ins freie, in einen schmutzigen hinterhof. den anrufer, wenn er es tatsächlich gewesen war, vermochte ich nicht mehr zu finden. der himmel war wolkenlos. die hitze stand hier wie eine wand. was sollte ich tun, wohin gehen? wo sollte ich mir später die schlaflose nacht vertreiben? mir war, als müsse ich mich an etwas erinnern, aber es war so fern und verschwommen wie ein traum.- mein blick fiel auf ein garagentor vor mir. dort las ich das WORT, es war mit roter farbe auf die mauer gesprüht, in großen, deutlichen lettern. das WORT klang banal und obszön zugleich. das WORT gab es. hier stand es.

[Zum Schluss —>]

 

crisis – Eine Erzählung (1)

Diese nicht ganz einfache Geschichte ist aktueller denn je. Sie beschreibt das Wiedererstarken der faschistischen und nationalsozialistischen Kräfte in einer gleichgültigen, nur am Konsum interessierten Gesellschaft – unserer eigenen Gesellschaft. Obwohl sie bereits vor vielen Jahren geschrieben wurde, ist sie so aktuell wie nie.

Ich warne nachdrücklich: crisis ist weder leicht zu lesen, noch vollkommen jugendfrei.

crisis

durch sommerhitze dürstete der bock, zum wassertrinken stieg er in den tiefen grund. doch als er getrunken und sich gesättigt hatte und nicht wieder heraussteigen konnte, empfand er tiefe reue, und er suchte nach einem helfer. so erblickte ihn der fuchs und rief ihn an:

du dummkopf, wenn du so viel verstand besäßest, wie du in deinem bart haare hast, so wärst du nicht hinabgestiegen, bevor du den rückweg erkundet.“

mein versuch, die ereignisse in die richtige reihenfolge zu bringen, scheitert.

ich will verständnis, wo ich keines erwarten darf. ich weiß nicht einmal, von wem ich verständnis erwarte. dennoch habe ich mir in einem zeitschriftenladen ein heft gekauft. es hat einen schwarzen einband, dazu rotes buchbinderleinen, din a5, kariert. der kauf war ein bewusster anfang. damit wollte ich beginnen, etwas neues setzen wie die überschrift: crisis. sie war schnell gedacht und geschrieben, der verknitterte zettel mit der alten fabel daruntergeklebt. dann saß ich, wartete bis zum abend. nichts geschah. ich schloss mein heft, warf es zur seite, war besiegt. – erneut hatte ich begonnen, um zu scheitern. und doch war es ein nachmittag, der hoffnung machte, weil er anders war als die anderen. ich tat etwas. ich wartete. während ich gelangweilt in gartenlokalen und cafés saß, mein „savoir vivre“ genoss, geschah nichts. sogar das schwül-heiße wetter hatte sich der gleichförmigkeit ergeben. selten las ich, hielt müßig ausschau. dies war ein urlaub von allen verpflichtungen und dem job -zwei wochen im juli, bevor ich wieder in die tretmühle zurückkehrte.

aber ich irrte mich: obwohl die tage wie ein milchiger, amorpher brei über mich hinweg glitten, änderte sich etwas. dinge geschahen: telefonanrufe, begegnungen. ich brauchte lange, bis ich erkannte, was sich tat, im ganzen acht oder neun tage. dann spürte ich endlich die veränderung, fand aber keinen namen für sie. ich fand keine worte, sie zu beschreiben, dazu war sie zu neu. plötzlich wurde mir klar: ich hatte vor dieser veränderung angst. sie war in mir versteckt.

dinge geschahen: ich war wach, aber nicht vollkommen in der wirklichkeit, herausgezerrt aus einem lebhaften traum, den ich einen augenblick später vergessen hatte. ich saß aufrecht im bett und hielt die augen geschlossen. noch hoffte ich, in meinen traum zurückzufinden. das kaputte telefon auf dem nachtkästchen scharrte kurz und angestrengt. resignierend sah ich auf. durch die verdreckten fenster und die zusammengezogenen vorhänge wirkte der morgen trübe. ich wusste, wie sehr der eindruck täuschte, auch dieser tag würde wieder heiß werden.verbrauchte luft stand im zimmer, sie stank nach alkohol und kaltem zigarettenrauch; gerüche, die meine kleidung über nacht ausgedünstet hatte. ich atmete von mir selbst angewidert durch den mund, sah zum telefon. es war mein feind. schon wähnte ich mich sicher, aber da scharrte es erneut, diesmal waren sogar die metallenen ansätze eines klingeln zu erahnen. der apparat gab sich mühe. ich zählte langsam bis zehn, dann hob ich bedächtig ab, führte den hörer zum ohr. mein atem ging schneller. ich keuchte, ich räusperte mich. dem anderen schien das zu genügen. was ich hörte, waren geräusche, dich nicht nicht einordnen konnte, dahinter ein milchhelles rauschen, das mich an etwas erinnerte, das ich vergessen wollte.

ich darf es als einziges nicht vergessen.

die worte kannte ich schon. ich konnte sie auswendig mitflüstern. und wieder gelang es mir nicht, als erster aufzulegen. ich musste rauh mein dummes – ja? flüstern, – hallo? hinzufügen, angestrengt auf die von sattem knacken unterbrochene stille lauschen. obwohl sich diese anrufe häuften, hatte ich noch keine routine oder taktik entwickelt, ihnen zu begegnen. sie ließen mich jedesmal aufs neue mit der selben fassungslosigkeit zurück.

dinge geschahen. reumütig kehrte ich zu dem schwarzen heft heim. ich begann gehetzte sätze aneinander zu reihen, erzählte von dem leben, das keines mehr war, von den menschen, die ich traf, von den träumen, die mich plagten und die ich so schnell wieder vergaß. ich schrieb von dem verfolger. ich machte den versuch, meine angst zu fassen, der veränderung einen namen zu geben. zeit war zur genüge vorhanden, sie hatte längst ihre macht verloren, lag wie eine schwere, alles erstickende decke auf der stadt. ich meine, ich schlief nachts nicht, auch wegen der schwüle, die die stadt drückte. auch schlief ich nicht, weil ich den begegnungen mit anderen menschen seit kurzem mehr gewicht zumaß. ich dachte über diese begegnungen nach. sie waren wertvoller geworden. – so kann ich aber die angst nicht erklären. das war sie nicht. alles um mich herum veränderte sich. davor fürchtete ich mich. die furcht lag tief. ich spürte sie instinktiv wie ein gejagtes tier, in meinem bau zusammengekauert, hilflos. ergeben.

noch mal: zu anfang konnte ich nicht sagen, was sich änderte. die tage liefen gleichförmig, träge. ich stand spät auf, immer erst zwischen zehn und zwölf uhr, da ich allein in den morgenstunden schlaf fand, in wirre träume tauchte. meist weckte mich das scharren meines telefons. beim erwachen war ich bereits von der hereindringenden hitze verschwitzt, mein schädel war voller schmerzen, ich hatte sodbrennen und einen widerwärtigen geschmack im mund. mit der zahnbürste war er nicht zu überdecken. erst am abend gewöhnte ich mich an ihn, da steckte er gemeinsam mit dem kopfschmerz zurück, verschwand aber nie vollkommen. er lauerte wie eine erinnerung an einen bösen traum, wie ein menetekel weit hinten in meinem kopf. am nächsten morgen kehrte er mit stärke zurück, wie eine schlechte angewohnheit. es lag immer der selbe geschmack nach verwesendem fleisch, erde und moder auf meiner zunge, ein geschmack, der auch roch. ich aß daher wenig, scharfgewürztes, das die fäulnis im mund kurz überdeckte. manchmal hatte ich den eindruck, dass nicht ich, sondern die stadt stank. dann ging es mir besser. mittags onanierte ich, noch bevor ich aufstand. ich machte das aus gewohnheit, es war eine reinigung wie das anschließende waschen im bad, ein hygienischer, mechanischer akt ohne freude. die erinnerung an ein milchweißes knie half mir beim erguss. im schatten der wohnung verborgen wartete ich bis zum abend, bis das pünktlich einsetzende gewitter ein wenig kühle herabgeregnet hatte. dann ging ich aus. ich setzte mich in ein gartenlokal, hielt ein buch in der hand, in dem ich nicht las. ich behandelte meine schmerzen und den üblen geschmack mit hochprozentigem und bier. nach dem dunkelwerden folgte auf den staubigen, hitzestarren gassen und plätzen, in lokalen und diskotheken das spiel: der versuch, bei einem mädchen unterzukommen, in ihrem bett, da meines mit vollgewichsten taschentüchern verklebt war. selten war ich erfolgreich und der heimweg war immer lang.- acht oder neun tage vergingen so, sagte ich. jeder tag war wie der andere. ich dachte, es würde immer so bleiben. es dauerte lang, bis ich aufmerksam wurde. ich hatte angst und alles veränderte sich.

ich schreibe in mein heft über die veränderung:

ich kann mich erinnern. ich saß am spätnachmittag in einem café. auf der suche nach dem entscheidenden augenkontakt war ich systematisch mein revier abgegangen. – einsamkeit lässt sich in gesellschaft leichter tragen. habe ich gehört. aber vor langeweile schützt sie nicht. ich hatte mich zu einem mädchen gesetzt und begann meine tour. sie hatte ebenso sehnsüchtig auf mich gewartet, wie ich gerade sie gesucht hatte. wir sprachen über die hitze, den streik, den gestank der stadt, ihr sternzeichen, über uns selbst am wenigsten. wir wogen unsere seelen.

das WORT fiel, ich hörte es vom nebentisch. das WORT gelangte an mein dankbares ohr, schälte sich kristallklar aus den geräuschen der umgebung. seinen zusammenhang konnte ich nicht hören. daher lehnte ich mich vorsichtig zurück. das WORT hatte mich neugierig gemacht, es passte nicht hierher. mein mädchen lächelte, sagte etwas, aber ich hörte ihr nicht zu. sie beugte sich vor, ihre lippen öffneten sich, ihre erbeerfarbene zungenspitze tauchte in den milchschaum ihres cappucinos. dabei sah sie mir in die augen. das konnte sie ziemlich gut, sie wirkte natürlich und erotisch, auch wenn ich mir sicher war, die szene schon in einem film gesehen zu haben. auf jeden fall machte dieser moment alles klar. schon jetzt hätte ich ihr meine frage stellen können. aber da blieb noch das WORT. ich brauchte gewissheit. deshalb zwinkerte ich ihr verbindlich zu, lächelte zurück und lauschte weiter zum nebentisch. mit einem schnellen blick vergewisserte ich mich: da saßen zwei männer in meinem alter, elegant und für das wetter zu warm gekleidet. mit den mir eigenen vorurteilen schätzte ich sie als bankangestellte ein, kleine nummern hinter dem schalter, falken auf dem sprung, die waffenruhe des feierabends teilend.

– hast du überhaupt noch etwas anderes zu tun? fragte der eine.

– das geld ist entscheidend. komm, du weißt es doch auch. an jedem sonnabend gibt es etwas neues. und ich bin freundlich. schließlich sind wir verwandt.

– klar. ich würde mich trotzdem nicht so verkaufen. nie! ich habe noch ein wenig selbstwertgefühl.

– mir doch egal, ob das legal ist. jeder tag ist ein neuer tod. aber du kannst ja reden. weißt du noch …

es war zeit, mich um mein mädchen zu kümmern. außerdem war dieses gespräch anders, nicht geeignet für das WORT. hatte ich mich getäuscht, war es von einem anderen tisch gekommen? ich sah mich um. das café war fast leer. in der ecke saß ein türke vor seinem tee, las in einer rosafarbenen zeitung. ein kellner döste gelangweilt, gegen die theke gelehnt, schreckte durch meinen suchenden blick dienerhaft in die höhe. ich schüttelte den kopf. sein gesicht wurde wieder maskenhaft und desinteressiert. das mädchen sagte etwas. ich sah sie verständnislos an, hatte sie verloren. sie lachte, aber sie klang beleidigt. ich musste ihr das gefühl geben, der mittelpunkt zu sein. sie brauchte meine aufmerksamkeit. sie war wichtig, das sollte ich ihr beweisen. deswegen war sie mit mir zusammen. das wollte sie von mir hören. das sollte ich ihr geben. ich erzählte schnell ein gerücht, das ihr schmeichelte. darüber verdrängte ich das WORT, aber vergessen konnte ich es nicht mehr.

war sie es, die ich später am badesee fickte? ich weiß es nicht mehr. oder war das eine andere, die ich am brunnen kennenlernte?

aber das weiß ich noch: in der nacht auf dem heimweg, nahe bei meiner wohnung, hatte die erste seltsame begegnung.

ich hörte ein fettes, schleimiges husten und sah mich um. gelber auswurf klatschte neben mir auf das pflaster. er glänzte milchig im schein der straßenlaterne. ein alter mann stand neben mir, wischte den mund mit dem handrücken ab. seine kleidung war verwahrlost, schmutzig, aber sein zum boden gerichteter blick viel zu gerade, um der eines säufers zu sein. er nickte beschwichtigend.

– was glaubst du? warum hat hermann das getan? fragte er.

– er war zu müde, um noch klar zu denken, antwortete ich. – ich kann zu jedem thema etwas sagen, das zumindest intelligent klingt, auch wenn ich nichts verstehe. ich bin ein poet. der alte nickte erneut, erleichtert. er antwortete, aber er sah mich nicht an.

– mag sein. schon möglich. aber das gibt ihm doch keinen grund.

– hatte er denn eine wahl?

– später nicht mehr. aber er hätte gleich zu anfang …

– als ob er da schon wusste, was ihm blüht, mutmaßte ich aufs geradewohl. das sinnfreie gespräch begann mir freude zu bereiten.

– du hast recht. natürlich nicht. aber ahnen hätte es ruhig können. ein fehler war´s allemal.

– ja, er war zu unvorsichtig.

– ich hab es hermann oft gesagt. erst vor einer woche haben wir uns darüber unterhalten. da habe ich ihm gesagt: hermann, der leskoff versteht keinen spaß. wenn es nicht funktioniert, dann bist du allein schuld. nur du. du kennst den iselmayer, der lacht dich aus. der geht zum leskoff und hängt alles an die große glocke. das habe ich zu ihm gesagt. er wollte nicht hören. taub und blind war er.

– er ist selbst schuld. aber jetzt mal im ernst, weißt du, warum er das getan hat? ich meine, er hat ja schon ein großes geheimnis darum gemacht.

– nicht wahr? aber ich weiß es nicht genau. -er beugte sich vor. ein neugieriger, abschätzender blick traf mich, den er aber sofort wieder zum boden richtete.

– aber ich habe einen verdacht. du kennst leskoff …

– wer kennt ihn nicht?

– klar, wer kennt ihn nicht. der hat mehr dreck am kleinen finger …, er zwinkerte mir zu, legte dabei die hand auf den mund.

– du meinst …, sagte ich ins leere, wollte ihn ermuntern. – worauf wollte er hinaus? für einen kurzen moment hatte ich das verunsichernde gefühl, dass der alte durchaus wusste, mit wem er redete.

– ja, das ist doch eindeutig! es ist …

– ja? fragte ich zu begierig. der mann trat eine schritt zurück. erschrocken wirkte er, verwirrt. sein gesicht war schweißig.

– du … bist hier von den anderen, sagte er unsicher.

ich beschwichtigte ihn sofort. die wendung, die das gespräch nahm, gefiel mir nicht.

– ach, nein, spinnst du? sehe ich denn so aus? verteidigte ich mich. wovon sprach er eigentlich? musste ich angst vor ihm haben?

– das hat nichts zu sagen, zögerte er. – unsinn, es hat. natürlich hat es. du hast mich beinahe dazu gebracht, das WORT zu sagen.

– das wort?

das WORT, das konnte nicht sein. das WORT! ich versuchte ihn an der schulter zu fassen, er wich weiter zurück.

– sag es mir, forderte ich, sofort!

er duckte sich, tauchte unter meinen händen. rannte schwankend ein stück, dann blieb er unsicher stehen.

– versuch es nicht, rief er mir zu, denk an hermann! mach nicht seine fehler. – er wand sich endgültig ab, lief in eine seitenstraße.

damals hätte mir schon alles klar sein sollen. aber ich war nur mit mir selbst beschäftigt. das alles war zu unwirklich, um bedeutung in meinem leben zu haben. neugierig war ich, ja. interessiert. da ließ sich etwas draus machen. damit konnte ich als autor etwas anfangen.

in dieser nacht entschloss ich mich, ein diktafon zu kaufen. ab jetzt würde ich meine gespräche mit den anderen aufzeichnen. das konnte interessant sein und ein beweis, dass es das WORT wirklich gab. – diese kleinen cassetten, die hier neben mir liegen, sind der beweis geworden. ich bin nicht verrückt.

so schreibe ich. ich nähere mich schreibend. ich nähere mich dem WORT, nähre mich. ich speise aus dem brunnen. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. drei, vier offene bücher, fragen, antworten, die wie fragen schmecken, WORTgeklingel. so schreibe ich und nähre mich. je größer die werke eines menschen für die zukunft sind, die neue erziehung kehrt diese ordnung geradezu um, die materialistische lehre von der veränderung der umstände und der erziehung vergisst,dass die umstände von den menschen verändert und der erzieher selbst erzogen werden muss, um so weniger vermag sie die gegenwart zu erfassen, um so schwerer ist auch der kampf und um so seltener der erfolg,

bisher lebte in der mehrheit allein das fleisch, die materie, die natur, durch die neue erziehung soll in der mehrheit, ja gar bald in der allheit, allein der geist leben und dieselbe treiben, sie muss dahier die gesellschaft in zwei teile, von denen der eine über ihr erhaben ist, sondieren, blüht er aber dennoch in jahrhunderten EINEM, dann kann ihn vielleicht in seinen späten tagen schon ein leiser schimmer des kommenden ruhmes umstrahlen, der feste und gewisse geist,

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.

das zusammenfallen des änderns der umstände und der menschlichen tätigkeit oder selbstveränderung kann nur als revolutionäre praxis gefasst und rationell verstanden werden, freilich sind die großen nur die marathonläufer der geschichte, der lorbeerkranz der gegenwart berührt nur mehr die schläfen des sterbenden helden, dass ihr mich gefunden habt, das sage ich tausendmal, ein gespenst, sieg, macht, wille, werden, es ist ein böses ding, wenn man den brunnen dann erst gräbt, wenn schon den schlund der durst ergriffen hat.

so schreibe ich WORTgeklingel und nähre mich. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. man sollte im gegenteil philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

[Zum 2. Teil —>]

Ein Gewissen – Das Spiel (Teil 2)

IST DAS EIN SCHREI. DA IST EINE HILFLOSE. HEILLOSE. EINE EINSAME

er warf die Zeitung. wütend. vor sich auf den Tisch. schob sie. um den Abstand zu dem Gelesenen zu vergrößern. mit den Händen. von sich. dann sah er auf. wütend. er suchte jemanden. mit dem er streiten konnte. fand nur mich. ich war allein mit ihm. im Wohnzimmer.

das ist ein Jahr her. nein. es ist September. schon eineinhalb Jahre. mindestens.

zum letzten Mal bin es ich. von dem ich schreibe. gleichzeitig ist es das Ereignis. das Bewegung. alles. brachte. der Anfang meines neuen Lebens.

meine Eltern hatten mich zum Mittagessen eingeladen. ich erinnere mich. es gab falschen Hasen und Erbsen. Nudeln. dann Schokoladenmus. ich war zu früh. ich saß neben Vater auf der Wohnzimmercouch. blätterte. in einer Fernsehzeitschrift. gelangweilt.

er wurde nicht oft wütend. wenn er die Zeitung las. quittierte die Nachrichten mit Nicken. selbstzufrieden. für ihn waren die Neuigkeiten des Tages die Bestätigung. er hatte schon immer gewusst. wie es zuging in der Welt. zornig wurde er nur. wenn seiner Meinung nach falsch über das III. Reich geschrieben wurde. das war allerdings immer der Fall. er war Augenzeuge. wusste alles. besser.

diesmal lagen die Dinge anders. er fühlte sich durch einen Artikel im Lokalteil angegriffen. persönlich. ich konnte ihn in diesem Fall sogar verstehen. er saß neben mir. wohlgenährt. hieb mit der Faust auf den Tisch. zweimal. besann sich. nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. ruhig. ein Tropfen. schaumig. rann ihm über das Kinn. den Hals hinab. er schien ihn nicht zu stören.

das ist seltsam. er ist in meinem Gedächtnis. lebendig. ich denke gerade. die Beerdigung war nur ein Trick von ihm. er lebt noch. in einem Land unerkannt. in mir selbst. vielleicht.

seine Augen hatten sich damals bereits in ihre Höhlungen zurückgezogen. tief. sie lagen im Schatten. dunkel. sie allein erzählten von seiner Krankheit und dem Tod. die Augen. müde. abgeklärt. seine Körpersprache. aufgebracht. wirkte dem Eindruck entgegen.

ich kannte den Grund seines Zorns. ich hatte den Artikel bereits am Morgen gelesen. mich mit gemischten Gefühlen zu Vater gesetzt. er hörte Bruckner. in die Zeitung vertieft war er bereits bei den Sportnachrichten angelangt. ihn trennten nur ein paar Bögen mit Anzeigen vom Lokalteil. ich wollte aber nicht bei Mutter in der Küche bleiben. der ich war ständig im Weg. sie wusste nur den neuen Klatsch über die Schwangerschaft meiner Schwägerin. komplex. schwierig. und gleichzeitig wehleidig. Mutters Hauptthema. da war mir Vater lieber. wenn er klassische Musik hörte. war er schweigsam. gut gelaunt.

ich hoffte. das Essen wäre fertig. bevor er zur die letzten Seite käme. oder er würde seine Entrüstung für sich behalten. doch diese Attacke konnte er nicht verdauen.

hast du das gelesen. fragte er. es hörte sich an wie. hast du das geschrieben.

ich nickte.

der Soldatenverein. in dem Vater Mitglied war. wurde im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindliche Vereinigung aufgeführt. der Stadtrat hatte deshalb beschlossen. bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag eine Abordnung des Vereins nicht zur Feier zuzulassen. daneben stand ein Leitartikel. der die Entscheidung begrüßte. nachdrücklich. und von den ungestraft unter uns lebenden Mördern der Waffen-SS sprach.

ich glaube. Vater hat sich nicht wegen der Entscheidung der Stadt getroffen gefühlt. die er schon erwartet hatte. er war auch nicht aus politischen Überzeugungen Mitglied des Vereines. vielmehr wegen der Geselligkeit und den Kegelabenden. regelmäßig. eingetreten.

es war das Wort Mörder. mit dem er bezeichnet worden war. das ihn getroffen und eine Wunde. tief. innerlich. aufgerissen hatte. die nie heilen konnte. die aber nach außen verschorft war.

ich stellte mich auf einen Disput mit ihm ein. in der Richtung etwa. die Waffen-SS wäre keine Verbrecherorganisation. sondern nur eine Kampftruppe wie alle anderen gewesen. normal. zwar ein Eliteverband. hatte aber nie etwas mit Konzentrationslagern zu tun. Das waren die Totenkopfverbände von Himmler. nicht die Waffen-SS. Soldaten wie andere auch.

ich hatte das tausendmal von ihm gehört. vor allem. wenn er getrunken hatte. mich interessierte nicht die Kollektivschuld dieses Verbandes an Kriegsverbrechen. das war ein Problem für Historiker.

dahinter versteckte sich Vater. mich beschäftigte immer nur er selbst. seine Schuld. seine Unschuld.

aber er erstaunte mich. in ihm war etwas vorgegangen. das Wort Mörder hatte etwas ausgelöst. eine Erinnerung. quälend.

er begann. erst stockend und unsicher. er berichtete von einem Kameradschaftsabend. damit verband sich ein Kriegserlebnis. es war ein Kreis. These und Antithese. ohne Lösung. er gab viel von sich her. es war das einzige Mal.

es war ein Kameradschaftsabend seines Soldatenvereines auf Landesebene. man traf sich in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Rhein. dessen Namen ich längst vergessen habe. wenn ihn Vater überhaupt erwähnt hat. man wollte bei Kaffee und Kuchen und gutbürgerlichem Abendessen Geselligkeit üben. Vorstände und Schatzmeister wählen. da Mutter so etwas zu langweilig erschien fuhr Vater allein. gleichzeitig fand im selben Lokal in einem anderen Raum ein Treffen von ehemaligen elsässischen Angehörigen der LVF. der Legion des Volontaires francais statt. das war eine unter Marschall Petain rekrutierte Freiwilligenarmee zur Unterstützung der Deutschen in Russland. im Vorfeld war bereits vergeblich versucht worden. diese beiden Treffen zu verhindern. da beide Vereine ordnungsgemäß angemeldet waren und der Wirt. ein Stadtrat des CDU. auf keinen Fall auf seinen Profit verzichten wollte. war aller Widerspruch vergebens gewesen.

Deshalb hatten Bürgerinitiativen. DGB. Jungsozialisten und Grüne eine Kundgebung organisiert. viel Polizei war da. verhinderte. den Sturm der Demonstranten auf das Lokal. einhundert Leute ungefähr. die Wut dieser Menschen war ehrlich. einen schwülen Nachmittag lang hatten sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen und versucht. die Treffen mit Gesängen. Gedichtrezitationen. Ansprachen und Sprechchören zu stören. jetzt waren viele heiser. ermüdet. gereizt. Sie empfanden das Polizeiaufgebot als Provokation. ganz vorn standen ein paar ältere Männer. die KZ-Häftlingskleidung trugen. ob sie Sinti. Homosexuelle. Zwangskastrierte. Juden. politisch Verfolgte waren. weiß ich nicht. es waren Menschen. Opfer. den erneuten Anfängen wehren. sie diskutierten erregt mit den Uniformierten. die sich hinter ihrer Pflichterfüllung verschanzten. sonst waren hauptsächlich junge Leute da. unbequem wollten sie sein. diesen Verbrechern ihre Meinung ins Gesicht schreien.

doch die Ewiggestrigen hielten die Fenster geschlossen. zeigten sich nicht. obwohl sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. mein Vater gab zu. er hatte vor dem Mob da draußen Angst. versuchten sie dennoch. ihr Programm zu erledigen. abzuhaken. trotzig. sie entwickelten eine Fröhlichkeit. hysterisch. obwohl ihre Redner sehr laut sprechen mussten. um die Störungen von außen zu übertönen. sie beendeten ihr Treffen früher. als sie ursprünglich wollten. nach dem Abendessen kam der Moment der Stille. es wollte keine Stimmung entstehen. kein Erinnern an die ach so guten Kriegszeiten. weinselig. alle saßen sie auf ihren Stühlen. verschüchtert. voller Furcht. selten äußerte sich einer zu den Sprechchören. hastig. zornig. sie drangen durch die geschlossenen Fenster. durch die zugezogenen Vorhänge zu ihnen. dann war da diese unausgesprochene. uneingestandene Angst..

Schließlich entschloss man sich doch. es gemeinsam zu versuchen. die Versammlung jetzt aufzulösen. hinaus zu treten zu den Protestierenden. als sie nach draußen kamen. unsicher auf dem von der Polizei geräumten Platz vor dem Lokal standen. nicht mehr als zehn Männer. begann einer der älteren Demonstranten ein Wort zu rufen. das sofort von der Menge aufgegriffen wurde. wütend. endlich sah man den Feind von Angesicht zu Angesicht.

Mörder. wie eine Explosion löste sich die aufgestaute Emotion aus hundert Kehlen. die abschirmende Polizeikette. die beschäftigt war. einen Durchgang für die Eingekesselten zu schaffen. wankte.

langsam. man hat Stolz. traten die alten Männer. die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS. durch die entstandene Öffnung. mitten durch die Reihen der brüllenden Menschen. Vater war bemüht. hielt sich in der Mitte. hasserfüllte Demonstranten versuchten nach ihm zu greifen. ihn. den sie Mörder schimpften. zu berühren. ganz so. als müssten sie sich überzeugen. es gab ihn tatsächlich.

dann riss die Kette. zwei der Polizisten stolperten. wurden zu Boden gerissen. dieses Wort. das die Menge rief. wurde zu einem Aufschrei. Triumph. Vater rannte. so schnell er konnte. das war vielleicht wirklich das klügste. er spürte einen Hauch Wut in seinem Nacken. das machte ihm Beine.

seine Kameraden waren tapferer oder möglicherweise auch nicht so schnell. bevor die Polizisten eingreifen konnten. fielen einige der Demonstranten über die alten Nazis her. als die Polizei das Handgemenge endlich trennte. waren zwei der Kameraden durch Schläge zu Boden gegangen. einer hatte eine tiefe Stichwunde im Oberschenkel. er hatte viele um sich herum mit seinem Blut besudelt.

Vater war schnell ein gutes Stück entfernt. nur eine junge Frau gab die Verfolgung nicht auf. stumm. hartnäckig. blieb sie auf seiner Spur. beide waren längst in einen gemächlicheren Dauerlauf gefallen. der beider Atem zuträglicher war. ich kann nicht sagen. warum sie ihn noch verfolgte. Vater hielt nicht an. er sah sich nicht um. wähnte sich noch immer von einem größeren Trupp gejagt. schließlich ermüdete die Frau doch. sie blieb stehen. nach Atem schnappend. rief. als würde sie um Hilfe schreien.

Mörder. du Mörder. bleib doch endlich stehen.

Vater sah sich um. verharrte erstaunt. der Abstand zwischen den beiden betrug weniger als zehn Meter. sie waren allein auf dieser Straße.

Mörder. wiederholte sie. du verdammter Mörder.

bei den letzten beiden Wörtern brach ihr die Stimme. jetzt weinte sie fast. Vater hielt seine stechende Seite. die Frau. sagte er erstaunt zu mir. die war in deinem Alter. sie könnte meine Tochter sein.

er wusste nicht warum. aber in diesem Moment nahm er ihren unerhörten Vorwurf ernst. er glaubte ihr den Ernst ihres Anliegens. weil sie ihm über ein so lange Strecke gefolgt war.

wissen sie überhaupt. was sie da sagen. rief er zurück.

wer sind sie. wollen sie denn mein Richter sein.

genau das hat er zu ihr gesagt. wollen sie mein Richter sein. ich an ihrer Stelle hätte diese Frage bejaht. wie gerne wäre ich an ihrer Stelle gewesen. was war das für eine Gelegenheit. warum hat Vater mir nie diese Frage gestellt. warum gab er mir nie die Chance. ihn zu richten.

ich hätte den ersten Stein geworfen.

die Frau jedoch verließ der Mut. ihr Zorn war verraucht. nachdem sie ihren Mörder vor Gesicht hatte. der ein Mensch. ein Vater war. sie wand sich um und ging. ohne noch ein Wort zu sagen.

damit hätte für Vater die Angelegenheit erledigt sein können. doch der Vorwurf der Frau hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. die er lange vergessen geglaubt hatte. die jedoch. in seinem Unterbewussten versteckt. weiter in ihm arbeitete. als er zum Bahnhof ging und später. im Zug. der ihn durch die Nacht nach Hause brachte. hatte er beständig das Erlebnis von damals vor Augen.

damals wurde er als Achtzehnjähriger in der Apokalypse von Berlin eingesetzt. um das Leben jener Ungeheuer. die ihn um seine Jugend betrogen hatten. ein paar lächerliche Tage verlängern zu helfen. er war einer von denen. die für ihren Führer gern gestorben wären. schon die geographische Nähe zu ihm erfüllte Vater mit Ehrfurcht. jung. wie er war. führte er wegen seines Status als SS-Mann bereits einen Trupp Soldaten zu verbissenen Straßenkämpfen gegen russische Stellungen und Panzer.

kurzfristig von seinem Trupp getrennt. rennt er durch ein Wäldchen. dort. am Tiergarten. in der Nähe wird geschossen. es riecht nach Rauch. die Russen sind schon Unter den Linden. aus den wenigen übrig gebliebenen. zerschossenen Häuserruinen wehen weiße und auch rote Fahnen. die einen verräterischen runden. helleren Fleck in ihrer Mitte aufweisen.

auf einer kleinen Lichtung. einer Kreuzung von zwei Kieswegen. stößt Vater fast mit einem russischen Soldaten zusammen. der aus einer anderen Richtung gerannt kommt. kaum zwei Meter trennen sie. sie verharren. nur ein Reflex. eine kurze Feuergarbe der Maschinenpistole genügt. sie zerfetzt die Brust des Gegners. schleudert ihn in zwei ruckartigen Bewegungen zurück. zu Boden. er ist tot.

erst jetzt sieht Vater. sieht bewusst die Leiche. die wie eine hingeworfene Marionette vor ihm liegt. der Tote ist jung. sicher. nicht viel älter als Vater damals. er ist nicht bewaffnet.

dann wird erneut geschossen. jetzt ganz in der Nähe. Vater rennt weiter. flüchtet sich ins etwas dichtere Unterholz. am nächsten Tag wird er verwundet und gerät in Gefangenschaft. er läuft dem Feind in einem Hinterhof direkt in die Arme.

das war es. was Vater erzählte. nahe zu mir vorgebeugt. bevor uns Mutter zum Essen rief. er brachte seine Geschichten zum Schluss nicht mehr zusammen. er hatte keine Zeit mehr. eine Konsequenz. eine Moral zu ziehen. vielleicht war er auch nicht fähig dazu. nach dem Essen machte er seinen Mittagsschlaf. als er wieder erwachte. war ich bereits gegangen.

was mir Vater erzählt hatte. arbeitete in mir. er hatte mir sein Problem weitergegeben. aber keine Lösung. ich weiß. er wusste keine. er hatte keine Ahnung. wie er seine Vergangenheit verarbeiten sollte. ob er Mörder oder Opfer war.

er hat nie dieses angefangene Gespräch mit mir fortgesetzt. als ich ihn das nächste Mal sah. war er wie immer. unnahbar. zynisch. krank. aggressiv gegen meine Art zu leben eingestellt. als er starb. ließ er mich mit der Frage nach der Schuld allein zurück. er stahl sich aus der Verantwortung. floh in Krankheit und Tod. alles das blieb unbewältigt in mir übrig. das konnte ich nicht einfach beiseite schieben. um zur Tagesordnung zurückzukehren.

Er war mein Vater. wir waren verwandt und uns ähnlich.

ist das verständlich. kann ich mich verständlich machen. ersticken nicht die Worte meine Empfindung.

es sind nie kriminelle Neigungen in mir gewesen. für Mörder hatte ich nur Abscheu.

das war eine billige Lüge. ich habe sie selbst geglaubt. nun. schließlich. ehrlich.

da ich schon in dieser Stimmung bin. ein gutes Gefühl. werde ich jetzt von dem Erbe reden. endlich. das hat mein Vater mir gegeben. von ihm kann ich mich nicht befreien. selbst wenn ich nur noch Englisch rede. da ist Auschwitz und Zyklon B. das Land. das Ostfront hieß. da ist er selbst. mit der Vergangenheit. die er nie bewältigte. ich habe bis jetzt davon geschwiegen. habe mir ängstlich verboten. bin geflohen. habe verdaut. das ist das Ergebnis.

die Gewalt ist übergegangen zu mir. vom Mörder. ich spreche es aus. vom Mörder. der mein Vater ist. gab er es mir mit seinen Genen oder mit der Hand. mit der er mich streichelte. er hat sich aus seiner Verantwortung gestohlen als er starb. er hat mich allein übrig gelassen.das letzte Wort wurde nicht gesprochen.

Dass der Soldat. durch den Wald hastend. mein Vater war. er dem anderen Soldaten begegnet. nur ein Reflex und der ist tot.

das ist die Marionette. die ich bin. die Flucht. die scheitern muss. das Spiel. das ich verlieren werde.

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