Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Nachdenken”

Neujahrsgrüße 2020

31. Dezember 2019, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel erst am 25. Januar, die Juden ihr Rosch ha-Schana erst am 19. September und die Muslime genau einen Monat eher, am 19. August 2020. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war der Neujahrstag am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren – auch meiner Katze – ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und es ist absolut keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Wenn es nicht gelingt, es an einem anderen Tag zu machen, warum dann ausgerechnet am 1. Januar? Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2020 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und dann mein Dachfenster öffnen, „Ah!“ und „Oh!“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine persönliche, immer kürzer werdende, im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2020 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

Euer Nikolaus!

_______

(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in einer Intensiv-Frühgeburten-Abteilung, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, heute alleine sein. Übrigens startet das neue Jahrzehnt, die berüchtigten Zwanziger Jahre, erst am 01.01.2021 (Ich weiß, ich bin ein Klugscheißer, aber ich kann halt nicht aus meiner Haut)!

Der Moment, der ändert – Eine Weihnachtsgeschichte für Nachdenkliche

Zwerg

Der Moment, der ändert

Wenn der Punkt nicht vom Körper, der Mittelpunkt nicht vom Umfang, das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten verschieden ist:

– Versteh‘ ich das? Oben stand:

…also kann nothwendigerweise…

– Wie schreibt denn der das Wort?

…nothwendigerweise der Punkt im Unendlichen nicht verschieden sein vom Körper…

– Herrjeh, noch mal. Nachher muss ich …

…denn der Punkt wird vom Punktsein sich losreißen zur Linie …

– Da. Da hab ich ihn. Da ist Poesie im Text. Weiter:

So können wir mit Sicherheit behaupten, dass das Universum ganz Centrum oder das Centrum des Universums überall ist, und dass der Umkreis nicht in irgend einem Theile, sofern derselbe vom Mittelpunkt verschieden ist, sondern vielmehr, dass er überall ist; aber ein Mittelpunkt als etwas von jenem verschiedenes ist nicht vorhanden.

– Herrschaft. Bin nur ich so dämlich? Oder spielen mir die anderen alle nur etwas vor? Ich kapier’s einfach nicht! Im Unendlichen findet sich die Vielheit, die Zahl, diese aber als … Schafscheiß! Mir wird warm.

So ist es denn nicht nur möglich, sondern sogar nothwendig, dass das beste, größte, unbegreifliche alles ist, überall ist, in allem ist; denn als einfaches und Untheilbares kann es alles, überall und in allem sein. Da nun alles ist und alles Sein in sich umfasst, so bewirkt es, daß jegliches in jeglichen ist. Aber ihr werdet mit mir sagen:

– und darüber muss ich bis Silvester noch eine Semesterarbeit schreiben … Wie viele Seiten bleiben noch? Sieben … ohje, und ich hab schon auf der ersten nichts kapiert! Weiter:

Die Accidenz …

-Was für ein Wort. Und ich hab kein Fremdwörterlexikon dabei! Hat das mit einem Unfall zu …

Der junge Mann nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Es dauerte eine kurze Weile, bis das Signal seine durch das Lesen abgelenkte Aufmerksamkeit erhielt. Dann sah er erstaunt auf, blickte hinüber zu dem Zwerg, der gerade seinen Arm zurück in die Ausgangsstellung brachte. Ein Zweifel war nicht möglich. Der junge Mann spähte vorsichtig nach links und rechts. Aber er war allein. Niemand außer ihm war so irre, sich am vierundzwanzigsten Dezember nachmittags um drei Uhr in einen geschlossenen Stadtpark zu schleichen, auf einer Holzbank zu sitzen und Giordano Bruno (1) zu lesen.

– Auch wenn das Wetter wieder einmal eher Frühling als winterlich ist.Wie in jedem Jahr. Nix mit White Christmas.

Der junge Mann sah zurück zum Zwerg. Der stand bereits seit mehr als einem Jahrhundert auf seinem kleinen Sockel. Den Stein, aus dem er gemeißelt war, hatten Umweltverschmutzung und die Zeiten löchrig, porös unf schmutziggrau gemacht.

– nein, das … weiter …

… was daher im Universum ist, ist in Bezug auf das Universum nach dem Maße seiner Fähigkeit …

– Unsinn. Bin ich bekifft?

… überall, sei es auch was es wolle in Bezug auf die anderen besonderen Körper …

– Nein! Er hat sich bewegt! Ich spinn doch nicht!

Der junge Mann mochte den Zwerg nicht. Er war hässlich, hatte ein verwittertes, verschwommenes und hässlich fettes Gesicht und trug handwerklich schlecht gearbeitete Kleidung: Mittelalterliche, so, wie man sich eben im barocken 18. Jahrhundert das Mittelalter vorgestellt hatte. Der Zwerg sah unfreundlich mit großen, leeren Augen in den gepflegten Park, der in Augsburg als Der Hofgarten bekannt war und grinste ausdauernd in den Goldfischteich.

– Bisher hat er sich noch nie bewegt. Selbst wenn ich aus dem öffentlichen Bücherschrank einen Band genommen habe, ohne einen zurückzulegen.

Das war dem jungen Mann neu. Und er kannte den Zwerg schon seit seiner Kindheit. Früher war er immer auf ihm herumgeklettert – nach der Schule oder wenn seine Oma mit ihm spazierenging.

– Trotzdem hat sich der Zwerg gerade an der Nase gekratzt! Nun, wenn es ihn juckte …

Aber ein Steinzwerg? Der junge Mann legte sein Buch zur Seite, sah kurz unschlüssig in die Luft und stand wie zufällig auf, schlenderte einmal auf und ab und schlich sich anschließend zu dem Zwerg, der ihm bis zur Brust reichte und klopfte verstohlen gegen dessen Arm. Dabei sah er sich um, ob ihn jemand dabei beobachtete. Es klang ein wenig hohl und trocken. Der junge Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf die Parkbank. Er hatte noch einiges zu lesen und bald wurde es dunkel. Dann musste er zur Bescherung zu seinen Eltern. Hoffentlich bekam er die billige Schopenhauer-Ausgabe, die er sich wünschte. Für sein Philosophiestudium war sie unverzichtbar.

Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns, hat er mal gesagt. Hallelujah! Später … Fondue, dann zu Monika … goldner Engel mit lockigem Haar … Christbaumkugeln, süßer die Glocken nie klingen … Konzentrier dich!

… dem Verhältniss, dem Gleichniss, der Vereinigung …

– nein, das hab ich schon gelesen … iss, iss, iss! Weiter unten.

Aber ihr werdet mir sagen: Warum verändern sich denn die Dinge? Warum wird die geordnete Materie in immer andere Formen gezwängt? Ich antworte …

– Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Tamens movetur! Und er hat sich doch bewegt!

Der junge Mann hatte schon einmal etwas von Sinnestäuschungen gehört. Aber dass sie so natürlich sein konnten wie der Eindruck des sich an der Nase kratzenden Zwerges: Das konnte er nicht fassen. Er war auch nicht überreizt, idiosynkratisch, wie er eben gelesen hatte, jenes klugscheißerische Wort des 19. Jahrhunderts für burn-out. Er war ausgeschlafen, satt und sein Geschlechtsleben ausgewogen. Ihm war eher warm im Freien und es war Weihnachten. Auch das Buch, in dem er las, war nicht geeignet, Phantasien hervorzurufen – ganz sicher nicht.

– Höchstens Sodbrennen von der fetten Weihnachtsgans heute Mittag. Ausgerechnet über Giordano Bruno muss ich schreiben. Aber wenn der Zwerg sich einmal bewegt hat, dann macht er es bestimmt noch einmal …

Also nagelte der junge Mann den steinernen Blick des Zwerges konzentriert fest. Er wartete auf eine neuerliche Bewegung: Ein kurzes Zucken des Armes, ein Flackern der Lider hätte ihm gereicht. Er wartete vergeblich. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass der Zwerg jemals seine Hand vom Gürtel genommen, jemals seine breiten Nasenflügel unter Juckreiz gezittert hatten. Selbst die Fliege …

– Wo kommt zu Weihnachten eigentlich eine Fliege her? Das muss die Erderwärmung oder El Niño sein, sicher: In zehn Jahren, prohezeihe ich mal, können wir an Weihnachten baden …

Die Fliege kletterte zitternd über die niedere troglodytische Steinstirn. Der Zwerg trug sie mit stoischer Ruhe.

Da lächelte der junge Mann. Er bedauerte den Zwerg, der festgemauert auf seinem Podest stand und sich nicht einmal an Weihnachten kratzen durfte, weil sich jemand neben ihn gesetzt hatte und nahezu unverständliche Renaissance-Philosophie studierte. Stattdessen musste er Jahr für Jahr stumm und bewegungslos in den Goldfischteich starren und keiner mochte ihn, weil er potthäßlich war. Der Dreck der Abgase zerfraß ihn und im Rathaus lag bereits das Bürgerbegehren, den schönen kleinen Augsburger Hofgarten von seinem Anblick zu befreien, stattdessen ein paar moderne Werke aufzustellen.

– Armer Zwerg. Du machst deinen Job. Keiner mag dich. Du spürst das. Dabei haben wir dich erschaffen, nach unserem Ebenbild. Hässlich, wie wir eben sind. Du kannst nicht klagen, da deine Lippen von dem Künstler Johann Wolfgang Schindel verschlossen aus dem Stein geschlagen wurden. Von mir aus kratz dich, so oft du willst. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.

Zum Schluss also: Wer die tiefsten Geheimnisse des Natur ergründen will, der sehe auf die Minima und Maxima am Entgegengesetzten und Widerstreitenden und fasse diese ins Auge. Es ist eine tiefe Magie. Das höchste Gut, der höchste Gegenstand des Begehrens, die höchste Vollkommenheit, die höchste Glückseeligkeit besteht in der Einheit, welche alles in sich schließt.

Beim Umblättern lächelte der junge Mann dem Zwerg freundlich zu.

Ich weiß nicht, ob er zurücklächelte.

________________________________

(1) Giordano Bruno hatte das zweifelhafte Vergnügen, an einem unfreundlichen Februartag des Jahres 1600 als spätes Opfer der Inquisition öffentlich auf dem Campo de‘ Fiori in Rom zusammen mit seinen Schriften verbrannt zu werden, weil er die Kühnheit besaß, im seiner Meinung nach unendlichen Universum mehrere Sonnensysteme und Galaxien zu vermuten, die der Herr mit Leben erfüllt hat.

Er war der letzte Philosoph und Häretiker, dem dieses Schicksal widerfuhr; in den späteren Jahrhunderten waren die Methoden der Amtsgewalt, unliebsame Denker zu beseitigen, etwas verfeinerter, aber nicht weniger abgefeimt und erfolgreich. Brunos letzten Worte waren: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“

Der Papst hat Bruno, der übrigens auch als Dichter tätig war, nach langwierigen Verhandlungen im Jahr 2000 „rehabilitiert“. Seine Schriften stehen aber noch immer auf dem Index.

Giordano Bruno
Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

So ist das Leben eben …

Tja, lieber Leser, du hast es sicher auch bemerkt. Es ist November … deshalb verzeih mir diesen Text. Im November darf ich das.

Omne animal post coitum triste, behauptet ein Aphorismus aus dem 18. Jahrhundert, der fälschlicherweise Aristoteles untergeschoben wurde. So weit würde ich zwar aus eigener Erfahrung nicht gehen, aber eines stimmt – zumindest bei mir: Nach dem Bücherschreiben ist der Autor traurig. Seit geraumer Zeit ist mein neuer Roman „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erhältlich und ich warte ungeduldig auf eine Reaktion meiner von mir wohl nur eingebildeten Leser – doch es kommt keine. Der Schriftsteller ist einer, der glaubt, es würden alle so aufgeregt wie er selbst auf sein neues Buch warten. Doch er lügt sich in die Tasche, jeden Tag und mit jedem Buch aufs Neue. Auf die „Nutzlosen Menschen“ wartete niemand und ich befüchte, dass ich bislang der einzige bin, der meinen neuen Roman gelesen hat. Auch für meine anderen Bücher interessiert sich gerade niemand.

Jammer, jammer … du weißt schon, der traurige Autor, in seinem Selbstwertgefühl verletzt. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Ich versuche es mal so: Die Zeitumstellung ist vorbei und die Nächte und meine Dämonen haben vor vier Wochen an Sanhaim nicht wie vorher schleichend, sondern mit einem Handstreich den Abend erobert und frühe Schwärze vor der Haustür ausgeschüttet. Mein Brotberuf zwingt mich im Dunkeln aus den Federn und ich kehre erst heim, wenn es wieder dunkel ist. Nicht, dass ich dabei allzu viel Sonnenlicht versäumen würde; denn hier, in unmittelbarer Nähe zur Donau, liegt bei Hochdrucklagen den ganzen Tag ein zäher, grauer Nebel über der Landschaft und er lässt sich nur selten und dann auch nur für wenige Stunden vertreiben. Es ist eben ein typischer November hier, vielleicht ein wenig zu trocken und zu warm, aber ebenso trist und deprimierend, wie er das seit meiner Kindheit in jedem Jahr ist. Und im November sterben die Menschen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich wollte wirklich ganz anders anfangen.

Vielleicht so: Es ist leicht, über das Internet zu schimpfen und ich suche auch fast täglich nach den Gründen (außer meiner Ruhmsucht und Selbstverliebtheit), aus denen ich drei- bis viermal in der Woche meine Literatur und meine Gedanken blogge, mich auf Facebook und neuerdings auch auf Instagram herumtreibe. Mein Brotberuf erlaubt mir zwar eine gewisse Freizeit; doch dieser selbstgewählte, aber nach sieben Jahren bloggen ein fröhliches Eigenleben führende Zwang, mich hier auf diesen Seiten bei einer eingebildeten Öffentlichkeit zu prostituieren, nimmt viel zu viel meiner Zeit in Anspruch, die ich lieber mit Frau Klammerle, Freunden oder einem Buch verbringen sollte. Denn meine Prosa lesen, das habe ich in der langen Zeit, in der ich nun meinen Blog schon führe, gelernt, lesen, das macht im Internet niemand (Es gibt eh von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen, die das tun. König Literatur ist tot, es lebe Königin Netflix-Serie). Denn eigentlich – da sind wir uns hoffentlich einig, lieber Leser, den ich mir immer noch trotzig beim Schreiben einbilde, ist Literatur (außer kurzer Lyrik) nicht für dieses schnelllebige und nach der nächsten Sensation gierende Medium gemacht. Die modernen Menschen haben die Aufmerksamkeitsspannen von Essigfliegen(1) und ich bin mir sicher, dass auch diese Ausführungen schon viel zu lang sind, um mehr als einen kurzen, überfliegenden Blick von den Besuchern deines Blogs zu bekommen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich werde jetzt mal ganz anders anfangen.

Dennoch möchte ich das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten und meinen eigenen Blog nicht mehr missen, sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine kleine Welt vollkommen verändert: Meine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Internet war meine ganz persönliche Revolution, meine „Renaissance“. Danach war meine Erde eine Kugel und drehte sich um die Sonne. Ich bin vielen, vielen Menschen begegnet, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre und die mir – im Guten wie im Schlechten – weiterhalfen. Manche – wenige, aber immerhin – von ihnen darf ich inzwischen als Freunde bezeichnen. Ich schätze, dass gut die Hälfte meiner Leser mich zuerst online entdeckte. Ohne den Blog wiederum würde ich vor mich hin privatisieren, tausend Texte und Geschichten beginnen und nichts zuende bringen. Diese Seite gibt mir Halt und Führung, presst eine Struktur in mein Leben, denn sie zwingt mich an jedem Tag, für meine eingebildeten Leser, die alle wissen wollen, wie es mit meinen Figuren oder mit mir weitergeht, zu schreiben. Meine Romane hätte ich ohne die Ordnung und die Termine, die mein Blog mir auferlegt, niemals fertiggeschrieben. Bin ich deshalb ein „Online-Autor“, was immer das auch bedeutet? Doch wohl nicht, denn alle meine Texte entstehen zuerst auf dem Papier und werden – wenn überhaupt – auch eher in Buchform als als E-Book konsumiert. Aber klar, Sucht spielt hier eine Rolle, die Meinung, man würde etwas versäumen, wenn man auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Der Griff zum Smartphone und der Kontrollblick, ob jemand etwas erwiderte, den Blog besuchte oder gar dort ein „Gefällt mir“ hinterließ, ist eine kaum kontrollierbare, lästige und schlechte Gewohnheit, die mir manchmal wie das Kratzen an einem juckenden Ausschlag erscheint. Manche haben Heroin, Zigaretten, Alkohol, manche ihren Fernseher, ich habe das Internet … Meine Sucht kann ich mir aber auch schnell wieder abgewöhnen, wenn Vodaphone zickt oder ich gerätelos in den Urlaub fahre.

Das Leben allerdings, da gebe ich dir völlig recht, lieber imaginierter Leser, das ist anderswo – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Nicht hier in Augsburg, nicht im November. (2)

Liebe Grüße, Nikolaus

Dies ist kein informelles Gemälde meines Freundes Norbert Kiening, sondern der eben abfotografierte Himmel über Diedorf.


(1) Sohn Nr. 1, der Biologe, hat vor ein paar Jahren in Oxford an Essigfliegen geforscht. Sie können sich knapp zwanzig Sekunden daran erinnern, dass irgendwo eine Gefahr droht, dann haben sie es wieder alles vergessen und fliegen erneut und unverdrossen in die Gefahr hinein. Zwanzig Sekunden, hm … eigentlich ganz schön lang. Ich muss mein Urteil revidieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen ist schlechter als die einer Essigfliege. Übrigens: Sohn Nr. 1 ist in der Lage, durch reines Betrachten das Geschlecht einer Essigfliege zu bestimmen. Aber das wirklich nur nebenzu.

(2) Aber zum Glück hat Frau Klammerle wieder Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen gebacken und diesmal vielleicht ein wenig übertrieben. Das wird mich retten.

Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

_______________

(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Im Rückspiegel betrachtet …

Ich weiß nicht, welchen Grund die Römer 154 v. Chr. hatten, ihren Jahresanfang vom 1. März ausgerechnet auf den 1. Januar vorzuverlegen; mitten hinein in eine Phase der amorphen Bewegungslosigkeit, Kälte und Düsternis in der Natur, in der zumindest ich mir kaum vorstellen kann, dass es irgendwann auch mal wieder Frühling oder gar einen Sommer gibt. Der nasskalte und triste Anfang von 2019 setzt da keine eigene Duftmarke. Er beginnt, wie 2018 gestern endete – abweisend, neblig und feucht schält er sich nur mühsam aus der viel zu engen und nach Schießpulver stinkenden Düsternis der Silvesternacht. Doch er ist zumindest um diese Uhrzeit, in der ich dies schreibe, geduldig, still, abwartend, der milchige, von Ascheschlieren durchzogenene Himmel so gleichmäßig und rein wie ein Malgrund. Die Palette des Morgens, den das Neue Jahr darauf entwirft,  sind ausgewaschen und bleich – wie auf einem alten Foto. Es ist, als würde es sich für 2019 im Augenblick noch nicht lohnen, für die wenigen Wachen wie mich neue, leuchtende Farben anzumischen und sie auf dem Malgrund zu verteilen.

Katze Amy übrigens, die die halbe Nacht ängstlich zusammengekauert auf den Stufen zum Keller verbrachte und zitterte, ist wieder auf der Höhe und checkt gerade ihr Revier ab. Frau Klammerle schläft den Schlaf des aufrechten Gutmenschen, die in der Nacht wieder Leben rettete. Und ich? Ich sitze vor meinem PC, trinke schwarzen Kaffee(1) und fülle Papiertaschentücher und diese weiße Seite vor mir auf dem Bildschirm mit dem Rotz der Vergangenheit, versuche heute einen anderen Ansatz als gestern Nachmittag. Ich werde mich über die Statistik an die ernüchternden Tatsachen dieses Blogs annähern. Es sind ein paar rohe Zahlen, die rosiger aussehen, als sie es in Wirklichkeit sind:

2018 war das Jahr mit den meisten Aufrufen und auch den meisten Besuchern auf „Aber ein Traum“, der seit Mai 2013 existiert. Allerdings wurde meine Seite übers Jahr immer wieder von Suchmaschinen indexiert (allein im Februar hatte ich über 500 Zugriffe aus Singapur) und tagtäglich von Bots und Spammern besucht – auch bei denen hatte ich mit 915 Kommentaren einen neuen Jahresrekord. Das Bild oben sagt also wenig über die tatsächliche Besucherzahl aus. Ich schätze aber, es waren nicht mehr als zwei oder drei pro Tag – höchstens! Aber vielleicht waren es doch mehr als in den Jahren zuvor; ich nehme es mal als kleinen Erfolg. Die Zahl der Follower ist erwartungsgemäß kaum gestiegen, mehr als die momentanen 136 sind für mich offenbar nicht drin und die Tendenz ist eher fallend. Mein Blog dümpelt also weiterhin auf niedrigem Wasserstand und wäre ich nicht so hartnäckig von der Qualität meiner Beiträge überzeugt – es waren im letzten Jahr übrigens stolze 161 Blogartikel – und würde nicht soviel Arbeit investieren, wäre er schon lange auf Grund gefahren wie so viele andere Blogs. Der Tod der Kunst ist die Interesselosigkeit der Leute – das gilt vor allem für Deutschland. Unter den 136 Followern gibt es etwa zehn, die mich hier auch tatsächlich besuchen und lesen. Seid mir deshalb besonders herzlich gegrüßt, für euch mache ich das – auch 2019! Die anderen Follower sind unsichtbare und ungreifbare Phantome, deren Gründe, mir auf meinem Weg als Autor zu folgen, vollkommen schleierhaft sind. Auf den anderen social medias, von denen man mir dringend riet, sie als Autor zu benutzen, sieht es übrigens noch düsterer aus, denn dort folgt mir kein einziger, der sich für mich und meine Literatur interessiert, sondern nur Personen, die auf sich selbst aufmerksam machen wollen und nach „Gefällt mir“ fischen: Auf meiner Facebookseite folgen mir 7, auf Twitter 31 und auf Lovelybooks 2 Personen. Wahrscheinlich werde ich diese Präsenzen im neuen Jahr dichtmachen. (Nein, ich habe kein Instragram, warum auch?)

Schaue ich auf die Aufrufe der einzelnen Beiträge, so ergibt sich erstaunliches:

Lasse ich mal die Klicks auf die Startseiten weg (Startseite, Lesen, Der Blog etc.), dann war mit 146 Aufrufen der erfolgreichste Artikel 2018:

Ein Unfall auf Madeira

Wie ist das möglich? Dieser Text vom April dieses Jahres wird fast täglich geöffnet und zwar in erster Linie von Portugal aus, das deshalb in meiner Länderstastik noch vor der Schweiz und Österreich rangiert. Auch heute wurde der „Unfall“ bereits schon einmal aufgerufen. Das liegt mit Sicherheit nicht am Inhalt, sondern an dem Titel, der erstaunlicherweise zu einem hohen Ranking auf der portugiesischen Google-Seite geführt hat und deshalb immer wieder angeklickt wird. Traditionell weit oben findet sich auch mein erfolgreichster Text im Internet, meine etwas halbgare und schon vor 20 Jahren aus dem Handgelenk geschüttelte Satire

Der Fremde – Eine Kurzgeschichte

Auch hier habe ich den Titel in Verdacht, für den Erfolg verantwortlich zu sein. „Der Fremde“, das passt in die migrationsfeindliche Stimmung im Land und ruft dazu alle auf den Plan, die kostenfrei Albert Camus lesen wollen und aus Versehen bei mir landen. Die Nummer Drei hat wieder ein Text aus 2018 eingefahren. Es ist mein streitbares Essay über

Meine Probleme mit der Lyrik.

Erstaunlich, dass es tatsächlich Menschen da draußen im Land gibt, die das interessiert. Leider ist es mir auch hier nicht gelungen, mit diesen Personen ins Gespräch zu kommen. Meine Texte werden selten bis nie kommentiert. Den 4. Platz will ich noch erwähnen, denn meinen alten Freund Hans-Dieter Heun, der diese Geschichte schrieb, wird es tierisch freun:

Auf Kur – Eine Kurzgeschichte

Diesen Text habe ich als Gastartikel hier bereits am 1. April 2014 veröffentlicht und er ist seitdem in jedem Jahr unter den Top Ten. Auch das liegt leider eher weniger an der  bemerkenswerten Heunschen Sprachgewalt, als an den Suchmaschinen und den Menschen, die sie für merkwürdige Dinge benutzen. Die kleine Geschichte ist die unanständigste, die man auf meinem Blog finden kann und enthält zuhauf die Reizwörter, die Männer eben so eingeben, wenn sie zu später Stunde im Internet surfen und Entspannung suchen. „Kurschatten“ ist z. B. einer der häufigsten Suchbegriffe, über die Leute auf meinen Blog kommen. Wobei die am meisten in Google eingetippten Wörter, die Suchende zufällig auf meine Seite brachten, „beilaufig hemds“ (???) waren. Der merkwürdigste Suchtext war folgender: „wie kann es sein wenn mit seinen mann telefoniert und mann sieht mann sie und gegen abend blau anlauft und schleim aus dem mund kommt?“ Ich glaube, beiden konnte ich nicht wirklich helfen.(2)

Doch genug von trockenen Zahlen. Ich werde jetzt einen ausgedehnten Neujahrsspaziergang machen und versuchen, meine verstopfte Nase wieder freizubekommen. Dann geht die Arbeit weiter: Dr. Geltsamer wartet ungeduldig in den Kellerverliesen des Vatikans auf mich.

Bis bald, liebe Freude! Einen wundervollen, friedlichen und harmonischen Jahresbeginn wünscht euch

Nikolaus

__________

(1) Ich trinke normalerweise meinen Kaffee mit viel Milch, aber die habe ich vorhin vergessen und jetzt habe ich einfach keine Lust, wieder vom Arbeitszimmer in die Küche hinunterzulaufen, denn das würde den gerade sprudelnden Fluss meiner Gedanken versiegen lassen.

(2) Ich sollte vielleicht mal das Experiment machen und ein paar nicht jugendfreie Wörter als Schlagwörter oder Titel benutzen. „Geile Möpse“ statt „Im Rückspiegel betrachtet …“ würde die Zugriffe auf meinen Blog mit Sicherheit durch die Decke gehen lassen. Allerdings käme niemand, der sich für meine Literatur interessiert.

 

 

Beitragsnavigation