Aber ein Traum …

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Der Freitagsaufreger (XIX) – Anstehen

…lange, lange Reihe, oh, wie schön!

Nachdem ich meinen Kampf mit dem Wecker ohne größere Narben überstanden habe – naja, nicht ganz, denn an diesem Mittwoch läutete er diensteifrig zur Unzeit, obwohl ich ihn ganz sicher nicht eingeschaltet hatte und ließ sich erst zum Schweigen überreden, als ich ihn geblendet gegen die Wand warf – jedenfalls komme ich heute zu einer allgemeingültigen Erfahrung im menschlichen Dasein: Meine Reihe ist immer die längste. Und wie ich gerade bewiesen habe: Auch die Wörterschlange meiner Sätze.

Aber der Reihe nach.

Auf einer seriösen und zuverlässigen Internetseite, die mir wärmstens empfohlen wurde, kann man nur durch die Eingabe des Vornamens, des Geburtstages und des Berufs erfahren, wann, wo und wie oft man schon gelebt hat. Es werden dabei Onlinebibliotheken und europäische und chinesische Horoskopdaten abgefragt, auch eine Datenbank in Utah (die Mormonen?), Namenslisten aus Atlantis, Gondwana und Alpha Centauri, verschiedene Geheimbünde, selbstredend auch die NSA und viele mehr. Die Auswertung dieser unglaublichen Datenmenge dauert jedoch – oh, Wunder der modernen Technik – nicht einmal eine Minute und man kann anschließend schwarz auf weiß auf seinem Bildschirm ablesen, in welchem Körper sich die eigene Seele auf dem langen, steinigen Pfad der Inkarnationen hin zur Erlösung im Nirwana in der näheren und ferneren Vergangenheit schon eingenistet hat, welchen Berufen diese Personen nachgingen, wie viele Kinder sie hatten und was ihre herausragendsten Eigenschaften waren.

Freilich nimmt man für diese wertvolle, das Leben verändernde und prägende Information ein paar Internetcookies und die Aufmerksamkeit der oben erwähnten Organisationen in Kauf und muss damit rechnen, in der nächsten Zeit die eine oder andere seltsame E-Mail in seinem Postfach oder freundliche Besucher an der Haustür vorzufinden. Aber was sind diese Unbillen schon gegen die Erkenntnis, dass man vor 4.500 Jahren der Sohn eines afrikanischen Königs, ein römischer Koch, ein spanischer Conquistador, eine indische Tempeltänzerin oder Marie Antoinette war? Deshalb machte auch ich aufgeregt den Test – ich war mir sicher, dass meine Seele in einem Vorleben in Balzac wohnte – und musste stattdessen mal wieder erfahren, dass ich mich ganz hinten anstelle. Die Auswertung brachte kein Ergebnis, folglich gab es mich, resp. meine unsterbliche Seele vorher nicht. Sie ist neu vom Herrn geschaffen. Welch schwarzhumorige Laune auch immer den Allmächtigen zu dieser Entscheidung bewog: Ich bin frisch gebrüht aus Adams Wurstkessel gezogen und wandle zum ersten Mal auf dieser besten aller denkbaren Welten.

Nicht nur an der Lidl-Kasse, sogar wenn es um Seelenwanderung, die Kette der Wiedergeburten und meine Auflösung ins Nirvana geht, bin ich der Letzte, muss ich mich ganz hinten in der Reihe anstellen und wahrscheinlich drängeln sich dort wie beim Discounter auch noch frech ein paar Rentner vor, damit sie schneller an ihr Ziel gelangen.

SchlangeUnd das ist mein Schicksal, mein für mich ganz persönlich erstellter Murphy-Gesetzes-Artikel: Ich bin immer der Letzte in der Reihe und bei mir dauert alles auch am Längsten. Es sollte ja inzwischen sattsam bekannt sein, dass ich armer Thor jeden Mittwoch bereits zu nachtschlafender Zeit meinen Lebensunterhalt bestreite und deshalb grausam früh aufstehen muss. Diesen Mittwoch jedoch schwieg die Kaffeemaschine von Frau Klammerle – sie hatte Spätdienst – und wie schon erwähnt, schreckte mich erst der von mir nicht gestellte, diese Kleinigkeit jedoch ignorierende Wecker hoch. Hektische Katzenwäsche, ein den Mund verbrühender Espresso, ins Auto gesprungen, Autobahn: Stau. Ich war – der Letzte in der Reihe (Ja, ich stehe jeden Tag auf Deutschlands längstem Parkplatz, der A8, und muss demnächst, wenn es nach meinem heiß geliebten Landesfürsten geht, für dieses Vergnügen auch noch bezahlen).

Was macht man, wenn man verspätet an der Arbeitsstelle erscheint? Richtig, man geht in die Kaffeeküche und holt sich am Automaten einen doppelten Milchkaffee mit viel Zucker, um das ausgefallene Frühstück zu kompensieren. Ich bin – der letzte in der Reihe, der ganz vorne kämpft vergeblich mit der Technik. Eine Diskussion unter den Wartenden über die richtige Behandlung des Kaffeeautomaten kommt in Gang. Also mache ich kehrt, ich habe ja noch ein paar Seiten zu kopieren. Eines der Geräte ist kaputt, vor dem anderen wartet geduldig eine Kollegenschlange, bis der Glückliche ganz vorne ein Kapitel aus einem Buch kopiert hat. Seite für Seite, Vergrößerungsfaktor, Grauwertanpassung, Vorder- und Rückseitendruck, lochen und heften. Ich bin – der letzte in der Reihe. Die meisten vor mir haben einen Kaffee in der Hand, wie ich sehe. Also gehe ich erstmal auf die Toilette. Was soll ich sagen? Ich bin…

Egal. Ich will nicht langweilen. Das Muster ist deutlich. Mein Los ist es, immer der Letzte zu sein, zu spät zu kommen, obwohl ich ein pünktlicher Mensch bin. Bei der Arbeit, der Kinokasse, im Einkaufsladen, dem Bäcker, der Tankstelle, beim Arzt, in einer Behörde, morgens im Bad – hinter mir steht keiner, vor mir ein repräsentativer Durchschnitt der deutschsprachigen Bevölkerung. Und immer ist einer dabei, der vergessen hat, das Obst abzuwiegen.

Gibt es denn keine Internetseite, die mir verrät, welche Inkarnation auf mich in der Zukunft wartet? In meinem nächsten Leben will ich Beamter bei einer Europäischen Kommission oder zumindest Klo-Mann werden, dann müssen sich die Leute bei mir anstellen!

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