Aber ein Traum …

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Das Spiel – Erzählung (2)

IST DAS EIN SCHREI. DA IST EINE HILFLOSE. HEILLOSE. EINE EINSAME

er warf die Zeitung. wütend. vor sich auf den Tisch. schob sie. um den Abstand zu dem Gelesenen zu vergrößern. mit den Händen. von sich. dann sah er auf. wütend. er suchte jemanden. mit dem er streiten konnte. fand nur mich. ich war allein mit ihm. im Wohnzimmer.

das ist ein Jahr her. nein. es ist September. schon eineinhalb Jahre. mindestens.

zum letzten Mal bin es ich. von dem ich schreibe. gleichzeitig ist es das Ereignis. das Bewegung. alles. brachte. der Anfang meines neuen Lebens.

meine Eltern hatten mich zum Mittagessen eingeladen. ich erinnere mich. es gab falschen Hasen und Erbsen. Nudeln. dann Schokoladenmus. ich war zu früh. ich saß neben Vater auf der Wohnzimmercouch. blätterte. in einer Fernsehzeitschrift. gelangweilt.

er wurde nicht oft wütend. wenn er die Zeitung las. quittierte die Nachrichten mit Nicken. selbstzufrieden. für ihn waren die Neuigkeiten des Tages die Bestätigung. er hatte schon immer gewusst. wie es zuging in der Welt. zornig wurde er nur. wenn seiner Meinung nach falsch über das III. Reich geschrieben wurde. das war allerdings immer der Fall. er war Augenzeuge. wusste alles. besser.

diesmal lagen die Dinge anders. er fühlte sich durch einen Artikel im Lokalteil angegriffen. persönlich. ich konnte ihn in diesem Fall sogar verstehen. er saß neben mir. wohlgenährt. hieb mit der Faust auf den Tisch. zweimal. besann sich. nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. ruhig. ein Tropfen. schaumig. rann ihm über das Kinn. den Hals hinab. er schien ihn nicht zu stören.

das ist seltsam. er ist in meinem Gedächtnis. lebendig. ich denke gerade. die Beerdigung war nur ein Trick von ihm. er lebt noch. in einem Land unerkannt. in mir selbst. vielleicht.

seine Augen hatten sich damals bereits in ihre Höhlungen zurückgezogen. tief. sie lagen im Schatten. dunkel. sie allein erzählten von seiner Krankheit und dem Tod. die Augen. müde. abgeklärt. seine Körpersprache. aufgebracht. wirkte dem Eindruck entgegen.

ich kannte den Grund seines Zorns. ich hatte den Artikel bereits am Morgen gelesen. mich mit gemischten Gefühlen zu Vater gesetzt. er hörte Bruckner. in die Zeitung vertieft war er bereits bei den Sportnachrichten angelangt. ihn trennten nur ein paar Bögen mit Anzeigen vom Lokalteil. ich wollte aber nicht bei Mutter in der Küche bleiben. der ich war ständig im Weg. sie wusste nur den neuen Klatsch über die Schwangerschaft meiner Schwägerin. komplex. schwierig. und gleichzeitig wehleidig. Mutters Hauptthema. da war mir Vater lieber. wenn er klassische Musik hörte. war er schweigsam. gut gelaunt.

ich hoffte. das Essen wäre fertig. bevor er zur die letzten Seite käme. oder er würde seine Entrüstung für sich behalten. doch diese Attacke konnte er nicht verdauen.

hast du das gelesen. fragte er. es hörte sich an wie. hast du das geschrieben.

ich nickte.

der Soldatenverein. in dem Vater Mitglied war. wurde im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindliche Vereinigung aufgeführt. der Stadtrat hatte deshalb beschlossen. bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag eine Abordnung des Vereins nicht zur Feier zuzulassen. daneben stand ein Leitartikel. der die Entscheidung begrüßte. nachdrücklich. und von den ungestraft unter uns lebenden Mördern der Waffen-SS sprach.

ich glaube. Vater hat sich nicht wegen der Entscheidung der Stadt getroffen gefühlt. die er schon erwartet hatte. er war auch nicht aus politischen Überzeugungen Mitglied des Vereines. vielmehr wegen der Geselligkeit und den Kegelabenden. regelmäßig. eingetreten.

es war das Wort Mörder. mit dem er bezeichnet worden war. das ihn getroffen und eine Wunde. tief. innerlich. aufgerissen hatte. die nie heilen konnte. die aber nach außen verschorft war.

ich stellte mich auf einen Disput mit ihm ein. in der Richtung etwa. die Waffen-SS wäre keine Verbrecherorganisation. sondern nur eine Kampftruppe wie alle anderen gewesen. normal. zwar ein Eliteverband. hatte aber nie etwas mit Konzentrationslagern zu tun. Das waren die Totenkopfverbände von Himmler. nicht die Waffen-SS. Soldaten wie andere auch.

ich hatte das tausendmal von ihm gehört. vor allem. wenn er getrunken hatte. mich interessierte nicht die Kollektivschuld dieses Verbandes an Kriegsverbrechen. das war ein Problem für Historiker.

dahinter versteckte sich Vater. mich beschäftigte immer nur er selbst. seine Schuld. seine Unschuld.

aber er erstaunte mich. in ihm war etwas vorgegangen. das Wort Mörder hatte etwas ausgelöst. eine Erinnerung. quälend.

er begann. erst stockend und unsicher. er berichtete von einem Kameradschaftsabend. damit verband sich ein Kriegserlebnis. es war ein Kreis. These und Antithese. ohne Lösung. er gab viel von sich her. es war das einzige Mal.

es war ein Kameradschaftsabend seines Soldatenvereines auf Landesebene. man traf sich in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Rhein. dessen Namen ich längst vergessen habe. wenn ihn Vater überhaupt erwähnt hat. man wollte bei Kaffee und Kuchen und gutbürgerlichem Abendessen Geselligkeit üben. Vorstände und Schatzmeister wählen. da Mutter so etwas zu langweilig erschien fuhr Vater allein. gleichzeitig fand im selben Lokal in einem anderen Raum ein Treffen von ehemaligen elsässischen Angehörigen der LVF. der Legion des Volontaires francais statt. das war eine unter Marschall Petain rekrutierte Freiwilligenarmee zur Unterstützung der Deutschen in Russland. im Vorfeld war bereits vergeblich versucht worden. diese beiden Treffen zu verhindern. da beide Vereine ordnungsgemäß angemeldet waren und der Wirt. ein Stadtrat des CDU. auf keinen Fall auf seinen Profit verzichten wollte. war aller Widerspruch vergebens gewesen.

Deshalb hatten Bürgerinitiativen. DGB. Jungsozialisten und Grüne eine Kundgebung organisiert. viel Polizei war da. verhinderte. den Sturm der Demonstranten auf das Lokal. einhundert Leute ungefähr. die Wut dieser Menschen war ehrlich. einen schwülen Nachmittag lang hatten sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen und versucht. die Treffen mit Gesängen. Gedichtrezitationen. Ansprachen und Sprechchören zu stören. jetzt waren viele heiser. ermüdet. gereizt. Sie empfanden das Polizeiaufgebot als Provokation. ganz vorn standen ein paar ältere Männer. die KZ-Häftlingskleidung trugen. ob sie Sinti. Homosexuelle. Zwangskastrierte. Juden. politisch Verfolgte waren. weiß ich nicht. es waren Menschen. Opfer. den erneuten Anfängen wehren. sie diskutierten erregt mit den Uniformierten. die sich hinter ihrer Pflichterfüllung verschanzten. sonst waren hauptsächlich junge Leute da. unbequem wollten sie sein. diesen Verbrechern ihre Meinung ins Gesicht schreien.

doch die Ewiggestrigen hielten die Fenster geschlossen. zeigten sich nicht. obwohl sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. mein Vater gab zu. er hatte vor dem Mob da draußen Angst. versuchten sie dennoch. ihr Programm zu erledigen. abzuhaken. trotzig. sie entwickelten eine Fröhlichkeit. hysterisch. obwohl ihre Redner sehr laut sprechen mussten. um die Störungen von außen zu übertönen. sie beendeten ihr Treffen früher. als sie ursprünglich wollten. nach dem Abendessen kam der Moment der Stille. es wollte keine Stimmung entstehen. kein Erinnern an die ach so guten Kriegszeiten. weinselig. alle saßen sie auf ihren Stühlen. verschüchtert. voller Furcht. selten äußerte sich einer zu den Sprechchören. hastig. zornig. sie drangen durch die geschlossenen Fenster. durch die zugezogenen Vorhänge zu ihnen. dann war da diese unausgesprochene. uneingestandene Angst..

Schließlich entschloss man sich doch. es gemeinsam zu versuchen. die Versammlung jetzt aufzulösen. hinaus zu treten zu den Protestierenden. als sie nach draußen kamen. unsicher auf dem von der Polizei geräumten Platz vor dem Lokal standen. nicht mehr als zehn Männer. begann einer der älteren Demonstranten ein Wort zu rufen. das sofort von der Menge aufgegriffen wurde. wütend. endlich sah man den Feind von Angesicht zu Angesicht.

Mörder. wie eine Explosion löste sich die aufgestaute Emotion aus hundert Kehlen. die abschirmende Polizeikette. die beschäftigt war. einen Durchgang für die Eingekesselten zu schaffen. wankte.

langsam. man hat Stolz. traten die alten Männer. die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS. durch die entstandene Öffnung. mitten durch die Reihen der brüllenden Menschen. Vater war bemüht. hielt sich in der Mitte. hasserfüllte Demonstranten versuchten nach ihm zu greifen. ihn. den sie Mörder schimpften. zu berühren. ganz so. als müssten sie sich überzeugen. es gab ihn tatsächlich.

dann riss die Kette. zwei der Polizisten stolperten. wurden zu Boden gerissen. dieses Wort. das die Menge rief. wurde zu einem Aufschrei. Triumph. Vater rannte. so schnell er konnte. das war vielleicht wirklich das klügste. er spürte einen Hauch Wut in seinem Nacken. das machte ihm Beine.

seine Kameraden waren tapferer oder möglicherweise auch nicht so schnell. bevor die Polizisten eingreifen konnten. fielen einige der Demonstranten über die alten Nazis her. als die Polizei das Handgemenge endlich trennte. waren zwei der Kameraden durch Schläge zu Boden gegangen. einer hatte eine tiefe Stichwunde im Oberschenkel. er hatte viele um sich herum mit seinem Blut besudelt.

Vater war schnell ein gutes Stück entfernt. nur eine junge Frau gab die Verfolgung nicht auf. stumm. hartnäckig. blieb sie auf seiner Spur. beide waren längst in einen gemächlicheren Dauerlauf gefallen. der beider Atem zuträglicher war. ich kann nicht sagen. warum sie ihn noch verfolgte. Vater hielt nicht an. er sah sich nicht um. wähnte sich noch immer von einem größeren Trupp gejagt. schließlich ermüdete die Frau doch. sie blieb stehen. nach Atem schnappend. rief. als würde sie um Hilfe schreien.

Mörder. du Mörder. bleib doch endlich stehen.

Vater sah sich um. verharrte erstaunt. der Abstand zwischen den beiden betrug weniger als zehn Meter. sie waren allein auf dieser Straße.

Mörder. wiederholte sie. du verdammter Mörder.

bei den letzten beiden Wörtern brach ihr die Stimme. jetzt weinte sie fast. Vater hielt seine stechende Seite. die Frau. sagte er erstaunt zu mir. die war in deinem Alter. sie könnte meine Tochter sein.

er wusste nicht warum. aber in diesem Moment nahm er ihren unerhörten Vorwurf ernst. er glaubte ihr den Ernst ihres Anliegens. weil sie ihm über ein so lange Strecke gefolgt war.

wissen sie überhaupt. was sie da sagen. rief er zurück.

wer sind sie. wollen sie denn mein Richter sein.

genau das hat er zu ihr gesagt. wollen sie mein Richter sein. ich an ihrer Stelle hätte diese Frage bejaht. wie gerne wäre ich an ihrer Stelle gewesen. was war das für eine Gelegenheit. warum hat Vater mir nie diese Frage gestellt. warum gab er mir nie die Chance. ihn zu richten.

ich hätte den ersten Stein geworfen.

die Frau jedoch verließ der Mut. ihr Zorn war verraucht. nachdem sie ihren Mörder vor Gesicht hatte. der ein Mensch. ein Vater war. sie wand sich um und ging. ohne noch ein Wort zu sagen.

damit hätte für Vater die Angelegenheit erledigt sein können. doch der Vorwurf der Frau hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. die er lange vergessen geglaubt hatte. die jedoch. in seinem Unterbewussten versteckt. weiter in ihm arbeitete. als er zum Bahnhof ging und später. im Zug. der ihn durch die Nacht nach Hause brachte. hatte er beständig das Erlebnis von damals vor Augen.

damals wurde er als Achtzehnjähriger in der Apokalypse von Berlin eingesetzt. um das Leben jener Ungeheuer. die ihn um seine Jugend betrogen hatten. ein paar lächerliche Tage verlängern zu helfen. er war einer von denen. die für ihren Führer gern gestorben wären. schon die geographische Nähe zu ihm erfüllte Vater mit Ehrfurcht. jung. wie er war. führte er wegen seines Status als SS-Mann bereits einen Trupp Soldaten zu verbissenen Straßenkämpfen gegen russische Stellungen und Panzer.

kurzfristig von seinem Trupp getrennt. rennt er durch ein Wäldchen. dort. am Tiergarten. in der Nähe wird geschossen. es riecht nach Rauch. die Russen sind schon Unter den Linden. aus den wenigen übrig gebliebenen. zerschossenen Häuserruinen wehen weiße und auch rote Fahnen. die einen verräterischen runden. helleren Fleck in ihrer Mitte aufweisen.

auf einer kleinen Lichtung. einer Kreuzung von zwei Kieswegen. stößt Vater fast mit einem russischen Soldaten zusammen. der aus einer anderen Richtung gerannt kommt. kaum zwei Meter trennen sie. sie verharren. nur ein Reflex. eine kurze Feuergarbe der Maschinenpistole genügt. sie zerfetzt die Brust des Gegners. schleudert ihn in zwei ruckartigen Bewegungen zurück. zu Boden. er ist tot.

erst jetzt sieht Vater. sieht bewusst die Leiche. die wie eine hingeworfene Marionette vor ihm liegt. der Tote ist jung. sicher. nicht viel älter als Vater damals. er ist nicht bewaffnet.

dann wird erneut geschossen. jetzt ganz in der Nähe. Vater rennt weiter. flüchtet sich ins etwas dichtere Unterholz. am nächsten Tag wird er verwundet und gerät in Gefangenschaft. er läuft dem Feind in einem Hinterhof direkt in die Arme.

das war es. was Vater erzählte. nahe zu mir vorgebeugt. bevor uns Mutter zum Essen rief. er brachte seine Geschichten zum Schluss nicht mehr zusammen. er hatte keine Zeit mehr. eine Konsequenz. eine Moral zu ziehen. vielleicht war er auch nicht fähig dazu. nach dem Essen machte er seinen Mittagsschlaf. als er wieder erwachte. war ich bereits gegangen.

was mir Vater erzählt hatte. arbeitete in mir. er hatte mir sein Problem weitergegeben. aber keine Lösung. ich weiß. er wusste keine. er hatte keine Ahnung. wie er seine Vergangenheit verarbeiten sollte. ob er Mörder oder Opfer war.

er hat nie dieses angefangene Gespräch mit mir fortgesetzt. als ich ihn das nächste Mal sah. war er wie immer. unnahbar. zynisch. krank. aggressiv gegen meine Art zu leben eingestellt. als er starb. ließ er mich mit der Frage nach der Schuld allein zurück. er stahl sich aus der Verantwortung. floh in Krankheit und Tod. alles das blieb unbewältigt in mir übrig. das konnte ich nicht einfach beiseite schieben. um zur Tagesordnung zurückzukehren.

Er war mein Vater. wir waren verwandt und uns ähnlich.

ist das verständlich. kann ich mich verständlich machen. ersticken nicht die Worte meine Empfindung.

es sind nie kriminelle Neigungen in mir gewesen. für Mörder hatte ich nur Abscheu.

das war eine billige Lüge. ich habe sie selbst geglaubt. nun. schließlich. ehrlich.

da ich schon in dieser Stimmung bin. ein gutes Gefühl. werde ich jetzt von dem Erbe reden. endlich. das hat mein Vater mir gegeben. von ihm kann ich mich nicht befreien. selbst wenn ich nur noch Englisch rede. da ist Auschwitz und Zyklon B. das Land. das Ostfront hieß. da ist er selbst. mit der Vergangenheit. die er nie bewältigte. ich habe bis jetzt davon geschwiegen. habe mir ängstlich verboten. bin geflohen. habe verdaut. das ist das Ergebnis.

die Gewalt ist übergegangen zu mir. vom Mörder. ich spreche es aus. vom Mörder. der mein Vater ist. gab er es mir mit seinen Genen oder mit der Hand. mit der er mich streichelte. er hat sich aus seiner Verantwortung gestohlen als er starb. er hat mich allein übrig gelassen.das letzte Wort wurde nicht gesprochen.

Dass der Soldat. durch den Wald hastend. mein Vater war. er dem anderen Soldaten begegnet. nur ein Reflex und der ist tot.

das ist die Marionette. die ich bin. die Flucht. die scheitern muss. das Spiel. das ich verlieren werde.

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 6)

[<– Zum 1. Teil]

So, das waren jetzt die ersten 50 Seiten des Romans. Ich denke, da hat man eine ganz gute Vorstellung, wie sich die ganze Sache weiterentwickeln wird. Eine weitere Fortsetzung hat keinen Sinn. Denn wenn ich die Zugriffszahlen auf meinen Blog richtig deute, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass absolut niemand diesen Text liest, dann sehe ich keinen Grund, hier fortzusetzen. Ich würde mich ja gerne von Gegenteil überzeugen lassen, aber da die wenigen Besucher meines Blogs so stumm wie tote Kartäusermönche sind, werde ich wohl kaum eine Meinung erhalten.

5.

Donnerstag, 02.03.
08.04 Uhr

»Wieviel kostet denn in diesem Jahr eigentlich eine Mass Bier auf der Jakober Kirchweih?«, erkundigte sich die alte Frau zusammenhanglos. »Die wird doch sicher auch jedesmal teuerer, oder?« Sie brachte den Aushilfszusteller Sebastian mit ihrer merkwürdigen Frage durcheinander. Er war damit beschäftigt gewesen,  in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag ihrer Rente passend auszuzahlen. Jetzt musste er noch einmal von vorne beginnen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Sebastian die ihn gutmütig beobachtende Oma an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung; dabei fixierte er einen Fleck an der Tapete.

»Ich weiß nicht genau …,« erwiderte er dann, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn diese Frau vollkommen verkalkt ist und glaubt, es sei nicht Anfang März, sondern Ende Juli, wenn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien in der Jakobervorstadt mit ein wenig Rummel und zwei Bierzelten Augsburgs ältestes Volksfest gefeiert wurde.

»Früher bin ichimmer gerne mit meinem Mann hingegangen; er hatte von seiner Firma Hendl-Gutscheine. Aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her«, fuhr die Alte unbeirrt fort. Doch dann zögerte sie: »Oder noch länger. In meinem Alter lässt das Gedächtnis manchmal etwas nach …«

»Fünfundert… sechshundert… fünfzig… siebenhundert«, zählte Sebastian Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir bestimmt Trinkgeld.

»Ich hatte heuer noch keine Zeit«, sagte er. »Zehn, fünfzehn, sechzehn …« Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.

»Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?«

»Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Warten Sie.«

Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte nach ein wenig Kramen noch ein paar Geldstücke zu Tage.

»Das ist nicht nötig«, sagte Sebastian beschämt, »wirklich nicht.« Aber er nahm bereitwillig noch einmal fünf Mark in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. 15 Mark und ein paar Zerquetschte, das hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals. »Sie müssen hier noch unterschreiben.« Sebastian reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.

»Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie«, sagte sie dabei. Sebastian verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge oben an ihrer Haustür abgeliefert haben wie die Alte auf 7b, die mich jeden Tag über die Gicht in ihren Fingern volljammert. »Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?« Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wandte er sich zur Tür.

»Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende …«

»Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist doch gestorben und jetzt bin ich ganz allein.« Sebastian war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah ihr mitleidig zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück. »Da schauen Sie doch«, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, »Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr … glaube ich.«

Sebastian sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er studierte die Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt gewesen. »Das … ah, das tut mir leid. Mein Beileid«, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.

»Sie fehlt mir.« Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.

»Das verstehe ich. Solch ein Verlust …«, erwiderte Sebastian viel zu laut und es gelang ihm nicht, dabei wirklich bekümmert zu klingen. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für solch eine Situation parat. Also ging er rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.  Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Sebastan trank selbstverständlich kein Bier auf der Kirchweih, die eh erst in vier Monaten ihre Bierzelte öffnen würde, aber den Auftrag der Rentnerin, an sie zu denken, befolgte er gewissenhaft. Sie quälte sein Gewisssen, solange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte.

*

Häuser hatten einen neuen Charakter für Sebastian bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeiten musste und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe und Zeitschriften zustellte. Die Häuser begannen für ihn lebendig zu werden. Diese Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur, eine Bedeutung. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit. Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front  des Hauses oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Langholz, das war Zustellerslang. Er sprach ihn schon perfekt. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbeblättchen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten Sebastians Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln könnte. er hatte tatsächlich angefangen, mit ihnen zu reden.

Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus, Briefkasten und Fußabstreifer zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt. Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich ausgerechnet einem katholischen Pfarramt ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der Haushälterin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

»An Oliver Heyse, Berliner Allee 26 k, 1. Stock rechts«, las Sebastian auf dem schmutzigbraunen Umschlag eines dicken Einschreibens im Din-A4-Format. Er war inzwischen in seinem Hauptzustellgebiet, der sogenannten Klein-Venedig-Wohnanlage angekommen. Neben Wertbriefen, Geldanweisungen, Postzustellungsur­kunden (kurz ZU’s) und den unhandlichen Babykostprobepäckchen von Milupa, im Zustellerjargon liebevoll Rammlerpackungen genannt, waren Einschrei­ben die ungeliebteste Postsache der Zusteller, weil sie viel Zeit in Anspruch nahmen. Donnerstags war zudem oft Gerichtstermin und an diesem Tag gab es viele Post­zustellungsurkunden als Einschreiben. Sebastian hatte heute bereits den zwölften dieser blauen Briefe zugestellt. Das bedeutete viel Arbeit an einem Tag, an dem auch die ZEIT, die wahrscheinlich unhandlichste Zeitung, die es in Deutschland gibt, und bereits einige Fernsehzeitschriften ausgetra­gen wurden. Wenn sich dann zufällig auch noch wie heute die Einschreiben häuften, würde er bis in den späteren Nachmit­tag Post austragen müssen. Da man ihm ja nicht seine tatsächliche Arbeitszeit, sondern fest 38,5 Stunden bezahlte, war er natürlich immer bemüht, diesen Satz zu unterbieten. Dieser Kampf mit der Zeit wurde ihm manchmal ganz schön sauer: Zu jedem Einschreiben musste der Zu­steller ein kleines rosa Formular ausfül­len, das der Empfänger zu unterschrei­ben hatte, und, falls dieser nicht zu Hause war, hatte Sebastian zusätzlich eine weiße Benachrichtigung zu hinterlassen, dass das Einschreiben innerhalb von sieben Werktagen bei der Post abzuholen sei, bevor es zu­rück an den Absender gehe. Der Sender dieses Einschreibens in seiner Hand trugden seltsamen Namen Klaus Wen­dlbaur. Sebastian nahm ein kleines grünes Notizbuch in die Hand, in dem er flink mit seinem weißen Postzustellerkugelschreiben diesen Namen vermerkte. Er tat dies, weil er, seit er bei der Post war, ungewöhnliche Namen sammelte. Da er als Aus­hilfsbriefträger in schöner Regelmäßigkeit durch die Zustellbezirke der Stadt wechselte, hatte er schon eine wunder­schöne Sammlung erstellt. Weil er schon dabei war, schrieb er verbotenerweise auch gleich die Benachrichtigung und heftete sie mit einer Büroklammer an das Einschreiben. Diese durfte man in der Theorie erst dann erstellen, wenn man tatsächlich niemanden in der Wohnung des Empfängers antraf, aber Sebastian hatte festgestellt, dass es wesentlich einfacher und zeitsparender war, sie schon früher, am Besten am Morgen beim Sortieren im Postamt vorzubereiten, als sie im Stehen vor einer Haustür hinzu­kritzeln. Denn dann brauchte er nur noch kurz zu klingeln, bis drei zu zählen, die Benachrichtigung in den Briefkasten wer­fen und weiter ging sein Tag. Erst einmal war es ihm passiert, dass jemand im Schlafanzug schimpfend hinter ihm herkam.

Sebastian seufzte und studierte die Reihe der Klingelknöpfe. Neben dem Namensschild von Heyse befand sich das von einem gewissen Roman Schwerstgeburth, der wohl sein Nachbar zur Linken war und dem der Aushilfspostbote noch nie etwas zugestellt hatte. Denn daran würde er sich erinnern. Schwerstgeburth – was für ein Name! Sebastian musste ihn sich sofort notieren. Wendlbaur, Schwerstgeburth, herrlich. Der Tag ließ sich gut an. Dann läutete er bei Heyse und überraschenderweise summte sofort der Türöffner, als habe man ihn bereits erwartet.

ENDE
DER LESEPROBE

 

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 5)

[<– Zum 1. Teil]

4.

Klaus Wendlbaur, ein achtundsechzigjähriger, breiter Rentner und Witwer mit einer häßlichen, feuerroten Narbe quer über der Stirn, die er sich im Krieg zugezogen hatte, fühlte sich nur wenig erleichtert, als er die Grottenaupost verließ und sich nach rechts wand. Ob­wohl es ja ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit war, fröstelte ihn und er vergrub sich tiefer in seinen Trenchcoat. Er hatte zwar Oliver Heyses Wunsch erfüllt und dessen brisante Unterlagen per Einschreiben an ihn zurückge­schickt, aber er machte sie ernste Sor­gen um den Vetter seiner vor über zehn Jahren verstorbenen Frau, der sich nach einer längeren Frist so plötz­lich bei ihm gemeldet und ihm eine phantastische Geschichte erzählt hat­te. Es war wahrscheinlich ein Fehler ge­wesen, dieses geheime Grundsatzpa­pier der ASO nicht zu kopieren, jedoch­ wehrte sich jede Faser in ihm, mit der ganzen Angelegenheit etwas zu tun zu haben. Wenn Heyse nicht übertrieben hatte und jene seltsame Vereinigung von Augsburg-Freunden, an die er geraten war, tatsächlich so radikal und extremi­stisch wie in ihrem Manifest war, dann schwebten sie unter Umständen beide in tödlicher Gefahr. Nun, heute Abend würde er sich ja mit Heyse treffen, dann würde er ihm si­cherlich die Andeutungen erklären, die er gestern spät in der Nacht merkwür­dig gehetzt und kurz angebunden am Telefon gemacht hatte. Wendlbaur wusste nur, dass es um die Verleihung des Brechtpreises am Wochendende ging.

An der Kreuzung hielt er sich rechts und betrat die Annastraße, Augsburg Haupteinkaufsmeile. Er är­gerte sich kurz darüber, dass sein altes Postamt an der Kreuzung Frauentor­straße/Pfärrle geschlossen worden war. Dort war jetzt ein übrigens gut ausgestattetes Schreibwarengeschäft. Deshalb musste er jetzt wegen eines Einschreibebriefes bis in die Stadt ge­hen. Er ging beim Attinger vorbei und sein Blick streifte oberflächlich über die Auslagen. Er konnte es nicht genau festmachen, aber irgendein Reflex im Spiegel der Schaufensterscheiben ließ ihn aufmerksam werden. Es war mehr ein Gefühl als eine Gewissheit, aber in diesem Augenblick war er sich plötzlich sicher, verfolgt zu werden. Das ist verrückt, dachte er bei sich, jetzt lasse ich mich schon von Olivers Psychosen anstecken. Terroristen von der Augsburger Separatisten Organisa­tion!, das war wirklich lächerlich. So et­was gab es nur in schlechten amerika­nischen Fernsehserien. Trotzdem ging er sehr unsicher wei­ter, immer versucht, den Kopf blitz­schnell zu drehen und den hinter ihm gehenden Menschen ins Gesicht zu sehen. Er zwang sich jedoch, dieser Versuchung nicht nachzugeben, damit er, falls er tatsächlich einen Verfolger hatte, nicht verriet, dass er ihn bemerkt hatte.

Erst in der Hartmannpassage blieb er vor einem Ssgaufenster des Spielwarengeschäfts stehen und tat so, als würde er sich für die ausgestellten Brettspiele interessieren. Dabei sah er, wie er meinte, unauffällig zurück. Es waren heute viele Leute unterwegs, aber niemand sich um ihn zu küm­mern. Die Menschen, die an ihm vor­beigingen, starrten ihm zwar nahezu ausnahmslos ins Gesicht, aber daran war er wegen seiner auffälligen Narbe ge­wöhnt. Er musste sich also getäuscht haben. Trotzdem blieb ein großer Zweifel in ihm und er spürte, während er anschließen die Passage verließ und den Rat­hausplatz querte, einen bohrenden Blick in seinem Rücken. Für einen Mo­ment wühlte wieder Angst in seinem Magen.

Ein Straßenbahnwagen der Linie Zwei näherte sich gemütlich vom Moritzplatz her der Rathaushaltestelle. Wendlbaur begann zu schnel­ler zu gehen, um sie noch zu errei­chen. Die Bahn hielt mit stotterndem Quietschen vor dem großen Tor des gewaltigen Renaissance-Rathauses und öff­nete zischend ihre Türen. Er lief um den hinteren Teil der Tram herum, dabei warf er wieder einen Blick hinter sich. Niemand hatte wie er seinen Schritt beschleunigt und Wendlbaur war auch der letzte, der hinten in den Wagen stieg. Die Bahn war nicht sehr voll, trotzdem blieb der ältere Mann auf der hinteren Plattform stehen; es lohnte nicht, sich für die drei Stationen, die er fahren wollte, zu setzen. Er streckte sich nach einem Haltegriff, die Türen schlossen sich, die Tram fuhr an, am Perlachturm vorbei, die Karolinenstra­ße hinab. Wendlbaur fühlte sich erleichtert. Ihm war, als wäre ihm ein tonnenschweres Gewicht von der Seele genommen.

Da kreuzte er den scharfen Blick eines ungewöhnlich muskulösen, breitschultrigen Mannes, der ihn schon fixiert hatte, als Wendlbaur eingestiegen war und Panik brannte wie Sodbrennen seinen Schlund empor. Fast hätte er um Hilfe geschrien. Der brutal wirkende Bodybuilder stand bei der nächsten Tür, lässig gegen eine Stange gelehnt, die Arme verschränkt. Wie er es bei der ruckelnden Fahrt um die Domkurve fertigbrachte, scheinbar mühelos im Gleichgewicht zu bleiben, als wäre er mit dem Boden und der Haltestange verwachsen, war dem Wit­wer ein Rätsel. Natürlich, jetzt fiel es ihm ein. Dieser Muskelberg war vorhin in der Passage an ihm vorbeigegangen und er war der einzige gewesen, der ihn nicht beachtet hatte. Das hätte ihn gleich stutzig machen sollen. Er hatte sich also doch nicht geirrt! Sein Verfolger war nur nicht hinter, sondern vor ihm gewesen, hatte wahr­scheinlich auch schon gewusst, dass der Rentner mit der Zweier heimfahren wollte. Und nun starrte er ihm frech in die Augen und grinste breit. Er sah dabei wie ein Affe aus, ein roher, brutaler Gorilla, der das Rückgrat eines alten Mannes wahrscheinlich wie ein Streichholz brechen konnte. Wendlbaur konnte diesem grausa­men Blick nicht standhalten und senkte die Lider.

Was nun, was konnte er tun? Er war ein alter Mann, gegen solch ein Tier hatte er nicht den Hauch einer Chance. Und weshalb verfolgte ihn die­ser Body-Builder? War das vielleicht doch einer dieser Terroristen von der ASO, von denen Heyse gesprochen hatte? War es klug, an seiner Zielhalte­stelle auszusteigen oder nicht vielleicht besser, einfach weiter zu fahren und ir­gendwo zu versuchen, den Verfolger abzuschütteln? Die Entscheidung wurde Wendelbau­er auf überraschende Weise abgenom­men: Die Tram hielt vor dem Englischen Institut und der vermeindliche Verfolger stieg lächelnd aus. Er ging draußen am Wagen entlang; als er an dem Wit­wer vorbeikam, sah er ihn noch einmal kurz an und fletschte dabei wie ein Raubtier die Zähne. Die Bahn setzte sich wieder in Bewe­gung und Wendelbauer sah hinter dem Fleischberg her, der nun über die Straße ging und ihm nun den Rücken zuwandte. Er atmete erleichtert aus und drückte den Halteknopf. Sein Herz pochte noch immer bis zum Hals. Dieses Wechsel­bad der Gefühle war fast zu viel für ein schwaches Herz. Sein Arzt hatte ihm schon vor geraumer Zeit jede Aufre­gung verboten. Innerlich schimpfte er auf Heyse, der ihn mit seinem Verfolgungswahn infi­ziert hatte. Was war heute nur mit ihm los? Überall sah er Verbrecher, die es auf ihn abgesehen hatten.

Als er am Fischertor ausstieg, fiel ihm auf, dass er vor lauter Aufregung ver­gessen hatte, seine Streifenkarte abzustempeln. Ein wenig schämte er sich, dass er die VGA betrogen hatte und er ent­schloss sich, bei seiner nächsten Fahrt eben zwei Streifen mehr zu entwerten. Er ging die Frauentorstraße hinunter und dann in die Georgenstaße, in deren Mitte er gegenüber der Kirche wohnte. Niemand verfolgte ihn, da war er ganz sicher.

Sie wartete auf ihn in dem Torbogen, durch den er gehen musste, wenn er in seine Wohnung wollte. Die Eingangstür war auf der Rückseite des Hauses. Er sah sie erst, als er praktisch vor ihr stand. Er erkannte sie sofort, obwohl er ihr nur einmal begegnet war. Eine Frau wie sie vergaß ein Mann nicht. Obwohl Wendlbaur alt war, war nicht unempfindlich für ihre offenherzig zur Schau gestellten Reize. Er muster­te sie und war erstaunt, wie ruhig er plötzlich war. Sie trug ein hautenges, tief ausgeschnittenes Minikleid und schwarze Seidenstrümpfe, die ihren wohlgeformten Körper und das perfekte Rund ihrer Brüste hervorragend zur Geltung brachten. Sie sah trotz ihrer Aufmachung kein bißchen nuttig aus, sie trug diese Kleidung mit nachlässi­ger Eleganz. Auf ihrem engelhaften Gesicht erschien ein bezauberndes Lächeln.

»Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Herr Wendelbauer«, sagte sie ruhig und kam noch näher. Der unauffällige Hauch ihres herben Parfüms gelangte in sein Bewußtsein. Der Mund des Rentners wurde trocken. Wie war es einem so faden und unauf­fälligen Mann wie es Oliver Heyse nur gelungen, eine Liebesbeziehung zu dieser Frau zu beginnen? Dabei war der Vetter seiner Frau auch noch zehn oder mehr Jahre älter als sie.

»Guten Tag, Julia«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Es ist nett, dass sie wieder einmal bei mir vorbei schauen.« Plötzlich begann er zu verstehen. Ihre grünen Augen blitzten schelmisch auf. Wendlbaur fiel auf, daß die dunklen Ringe unter den Augen keine Schminke, sondern ein Zeichen ihrer Übermü­dung waren. Julia legte den Kopf schief und ein Schwall roter Locken schmiegte sich auf ihre rechte Schulter. Ihr feuchter, roter Mund klaffte einen Spalt auseinander und für einen Moment konnte Wendlbaur ihre Zungenspitze sehen. Welches perverse Vergügen hatte sie dabei, ihn zu reizen?

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, Klaus. Es geht um Oliver«, sagte sie und sah an ihm vorbei. Ein kurzer, scharfer Fußtritt war hinter ihm zu hören. Wendlbaur brauchte sich nicht um­zudrehen, er wusste, wer hinter ihm stand und er zuckte nicht einmal zu­sammen, als ihn eine behaare, riesige Hand am Oberarm packte. Er blicktekurz zu dem Body-Builder, der nun ne­ben ihm stand.

»Julia, was hast du getan? Was ist mit Oliver?«, fragte der Rentner matt.

Ihre Stimme wurde noch sanfter. »Lassen Sie uns in Ihre Wohnung ge­hen, dort können wir besser reden. Darf ich ihnen übrigens Erwin vorstel­len; er ist ein guter Freund.«

Klaus Wendlbaur war kein Held. Nach einer Viertelstunde erzählte er Julia alles, was sie wissen wollte. Erwin brauchte kaum nachdrücklicher zu wer­den. Doch dann hörte das Herz des Witwers plötzlich auf zu schlagen und er kippte vornüber vom Sofa auf den Teppich. Eine Weile ruderte er noch epileptisch mit seinen Armen und Beinen. Dann wurden seine Augen starr. Julia glaubte erst an einen Trick, dann suchte sie vergeblich an seiner Hals­schlagader nach seinem Puls. Sie wechselte einen überraschten Blick mit ihrem treuen Helfer, anschließend zuckte sie mit den Schultern. Sie sah hinunter auf die zusammengesunkene Leiche. Dieser Zufall nahm ihr viel Arbeit ab. Wendlbaur war nur ein weiterer alter Mann, der in seiner Wohnung einem Herzanfall erlag. Für einen Moment regte sich tatsächlich ein wenig Mitleid in ihr, obwohl sie nur ein paar Minuten vorher die feste Absicht gehabt hatte, Wendlbaur zu töten. Schnell schüttelte Julia dieses unerwünschte, ihr fremde Gefühl ab und begann sorgfältig, ihre Spuren zuvernichten und evenuelle Fingerabdrücke abzuwischen. Auch wenn sie zu spät gekommen war, Roman würde mit ihr zufrieden sein. Nun musste sie nur noch morgen in Olivers Wohnung auf den Postboten mit dem Einschreibebrief warten.

*

Die Untertassensektion der U.S.S. Enterprise-D hatte sich gerade vom Rumpf getrennt und war auf volle Im­pulsgeschwindigkeit gegangen, als es zum gefürchteten Warpkernbruch kam, sich Materie und Antimaterie vermischten und der untere Teil des Raumschif­fes explodierte. Die Druckwelle erfaßte die nicht schnell genug fliehende Untertasse und trieb sie wie ein trockenes Blatt vor sich her in die Atmosphäre eines Pla­ neten, wo sie in gebirgiger Landschaft abschmierte. Während die Brückenbesatzung unter dem Konstruktionsfehler aller Enterpri­semodelle, nämlich den fehlenden Sicherheitsgurten, litt und durch die Luft geschleudert wurde, suchte Anna, im­mer wieder von der Zerstörung ihres Lieblingsraumschiffes ergriffen, er­schaudernd nach Sebastians Hand. Sie ergiff sie, ohne den gebannten Blick von dem Geschehen auf der Kinoleinwand zu lassen. Erst als sie spürte, dass seine Hand ihren Druck unerwidert ließ und schlaff blieb, run­zelte sie verwundert die Stirn und warf einen kurzen Blick zu ihm.

Tief in den Sitz gerutscht, den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne ge­sunken, schlief er fest und schnarchte sogar ein wenig. Anna stieß ihn belei­digt mit dem Ellbogen in die Seite. Sebastian zeigte keine Reaktion. Als er dann gegen Ende des Filmes endlich erwachte, war der Platz neben ihm leer; Anna war beleidigt und vor Wut kochend gegangen. James T. Kirk starb gerade feist lächelnd unter einem großen Haufen ro­stigen Alteisens. Obwohl er zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt war, war sein Toupet nicht verrutscht.

»Das war ein Spaß«, waren seine letzten Worte. Sebastian konnte ihm nicht zustimmen. Er hatte extra auswendig gelernt, wie die Eltern von Spock (Sarek und Amanda) hießen und nach wem die Jeffries-Röhre (nach dem Bühnenbildner Matt Jefferies, dem Designer der ersten Enterprise) benannt war. Wehmütig zuckte er mit dem Achseln und verließ fünf Minuten vor Schluss das Kino. Es war an der Zeit, so schnell wie möglich ins Bett zu kommen. Er fragte sich, warum er an diesem Tag über­haupt aufgestanden war.

[Zum 6. und letzten Teil der Leseprobe …]

Die Gräfin von Hohenloh

Apropos Poe…

Da war noch die aufregende Geschichte, wie er gemeinsam mit C. Auguste Dupin Goethes Mörder jagte.
Ich hänge mal eine Leseprobe im pdf-Format an.

Das Geheimnis der Gräfin von Hohenloh

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