Aber ein Traum …

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Minnedichtung – Ein Essay (VII)

Beschluss

[…]

Ich kann nicht über dich klagen,
du tust meinem Herzen wohl.
Ich will die Wahrheit sagen:
Bei dir ist es wundervoll.

Geschrieben im vierzehnhundertzweiten Jahr
ohne einmal abzusetzen – Wort für Wort.
Und glaube mir, das ist wahr:
Du bist meine Liebe, bist mein Hort!


Oswald von Wolkenstein (1377 – 1445) wird gerne als der letzte Minnesänger beschrieben. Doch er ist bereits eine Figur aus der Morgendämmerung einer neuen Zeit; ein selbstbewusster Künstler, der seine Person nicht hinter den Genreregeln der Minne verbirgt, sondern mit ihren Formen spielt, um sich selbst und sein Denken vor sein Publikum zu stellen. Brixen spendet er einen Gedenkstein mit einem stolzen, aber realistischen Portrait seiner selbst. Das Millennium der Mittelalters ist vorbei, seine tausend Jahre vergangen …

minneendMan kann trefflich darüber streiten, in welchem Jahr sie nun begannen und in welchem sie endeten. (1) Dies scheint eine der Lieblingsbeschäftigungen der Mediävisten zu sein, spielt aber im Zusammenhang mit diesem Essay nur eine geringe Rolle. Die Menschen damals empfanden ihre Welt als einen monolithischen, unveränderbaren Block – eine statische Welt, in der Begriff „Neues“ fest mit „Ketzerei“ verknüpft war, denn Gott hat die Welt fertig geschaffen. Es kann daher nichts Neues geben. Genuine Erfindungen des Mittelalters sind selten, meist wurde nur aus der Antike Überliefertes verbessert. Eine Ausnahme stellen Geräte des bäuerlichen Lebens wie die Schubkarre oder das Spinnrad dar.

Viele Forscher setzen als das Ende der Antike das Jahr 476 an, in dem der letzte weströmische Kaiser Augustulus abgesetzt wurde, doch zumindest im byzantinischen Reich lebte Rom und seine Kultur noch viele Jahrhunderte weiter. Die weithin bekannteste Jahreszahl, die das MA zur Neuzeit abgrenzen soll, ist 1492, in dem Kolumbus Amerika betritt, die Reconquista das Emirat von Granada erobert und Mauren und Juden aus Spanien vertreibt. Leonardo da Vinci zeichnet seinen „vitruvianischen Menschen“, Martin Behaim fertigt den ersten Globus. Die Welt, die vorher eindimensional auf Gott gerichtet war, bekommt Tiefe und Breite. Doch auch dieses Datum ist anzweifelbar – in Deutschland währte das MA bis zur Refomation und den Bauernkriegen des 16. Jhd’s. Auch der Begriff Renaissance (2) als Schwelle zwischen dem „tausendjährigen Gottesreich“ und der Neuzeit ist zweifelhaft, denn das MA selbst kennt einige Renaissancen. Das Hochmittelalter, also die Zeit der Minnesänger, ist eine solche, ein Umbruch in Lebensart und Denken, der durch das im letzten Kapitel erwähnte Laterankonzil von 1215 markiert ist. Leben wir heute wieder in solch einer Umbruchzeit, haben wir mit der Relativität der Zeit und dem Internet weitere Dimensionen für uns entdeckt?

Das MA jedenfalls ist fern, es ist weiter weg denn je. Was bleibt von den Sängern, von ihren Liedern und Epen? Von den Humanisten des 16. Jhd’s wurden sie als roh und naiv abgetan, nachdem sie die antiken Dichter und Denker wiederentdeckten, die ihnen umso vieles wertvoller und tiefer schienen. Autoren wie Shakespeare oder Cervantes machten sich über die Lyrik, die Weltsicht und die Sitten ihrer Vorgänger lustig, auch sie griffen lieber über das Millenium des MA hinweg in die Antike, um  dort ihre Vorbilder zu finden. Alte Handschriften verschwanden im Staub der Archive und verschimmelten wie das Nibelungenlied als Dämm-Material in Zwischenwänden.

Nach der Erfindung des Buchdrucks veränderte sich rasant die Schriftsprache, die Minnedichtungen wurden vom Volk kaum mehr verstanden. Es gab neue und wichtigere Themen. Keiner interessierte sich mehr für Vogelweide und Co., wenn er Grimmelshausen und Gryphius lesen konnte. Dass beide ohne die Minnesänger nicht denkbar sind, von den ’naiven‘ und ‚rohen‘ fahrenden Sängern und Rittern des Hochmittelalters die deutsche Dichtung und auch der Roman (3) erfunden wurden, war vergessen.

Mit dem Beginn des 19. Jhd’s kam es dann während der Romantik zu einer verklärenden und verlogenen Wiederentdeckung des Mittelalters. Man flüchtete sich geradezu in diese Vergangenheit, „… als sich alle einer Mitte neigten und auch die Denker nur den Gott gedacht,“ und das „Ich“ noch nicht verloren war (4). Man rettete die Handschriften vor dem Verfall und gab Anthologien heraus, unzählige Ritterromane wurden gedruckt, Burgengesellschaften renovierten Ruinen, Wagner schrieb den „Ring“ und Ludwig II. von Bayern ließ Neuschwanstein errichten. Diese späte Angstblüte des MA’s war der kollektive Fluchtpunkt einer unterdrückten und reglementierten, einer verkrüppelten Gesellschaft. Nicht einmal die Sozialreformer blieben von diesem Mittelalterfieber verschont (5). Das 20. Jahrhundert vergisst diese verlogene Romantik in ihren Kriegen und Kulturkämpfen schnell, heute sind die Minnesänger wieder vergessen, ihre Texte quälen höchstens mal ein paar Germanistikstudenten und Literaturwissenschaftler und dienen als Steinbruch für Mittelalterrock.

Und doch sind Vogelweide, Neidhard, Tannhäuser, Hartmann und ihre Zeitgenossen die Riesen, auf deren Schultern wir nachgeborenen Zwerge sitzen und weit ins Land der Poesie blicken. Sie haben das Tor geöffnet, durch das wir Autoren alle hindurchgehen. Wir dürfen sie nicht vergessen, das haben sie nicht verdient.

Oh weh, dass Weisheit und Jugend,
deine Schönheit und deine Tugend,
du niemandem kannst vererben,
wenn tot du bist und deine Lippen sterben.

So wird der Weise klagen,
denn wer an deinen Lippen hing,
versteht, was er verloren hat,
was mit dir zugrunde ging.
Den Worten traure ich, und
den süßen Weisen hinterher. (6)

[ZUM ERSTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Zur Erinnerung: Die „tausend Jahre“ sind eine Zahlenangabe aus dem MA, „tausend“ hieß – ich habe es bereits erwähnt – „eine ganz, ganz lange Zeit, die keiner mehr berechnen oder überblicken kann“. Zwar bestimmte der Angelsachse Beda Venerabilis (673–735) sich nur um wenige Jahre verrechnend die Geburt Christi als Jahr 1 der Zeitrechnung (ein Jahr „Null“ gibt es nicht), aber diese Vorstellung verbreitete sich nur langsam und kam bei der bäuerlichen Bevölkerung überhaupt nicht an. Es galt der julianische Kalender, der gregorianische setzte sich erst in der Renaissance durch (und wurde in den orthodoxen Ländern nicht übernommen); die Uhren auf den Kirchtürmen erschienen spät im 15. Jahrhundert. Sie läuteten mit ihren Stundenschlägen das Ende des MA ein, dem bislang unser Begriff der Zeit und ihre Einteilung in Stunden und Minuten fremd waren. Auch die Minnesänger waren sich sicherlich nicht bewusst, welches Jahr man schrieb. Sie sprachen grundsätzlich von „Zeiten“ und nicht von „Jahren“.

Auch die berühmt-berüchtigte ‚Milleniumsfurcht‘ des Jahres 1000 ist daher nur ein hartnäckiger Mythos aus dem 19. Jahrhundert. Niemand verkaufte sein Hab und Gut, legte ein Büßerhemd an und erwartete auf einem Friedhof die Apokalypse, das ja nach der Darstellung des Johannes am Ende der Tage noch einmal „tausend Jahre“ auf sich warten lassen würde. 99,9 % der Bevölkerung hatte keine Ahnung, wann sie lebten.

(2) Mancher Historiker würde diesen Begriff, der in der Hauptsache eine Erfindung von Jacob Burckhardt ist, am liebsten völlig streichen. Für Burckhardt beginnt die Neuzeit in den oberitalienischen Städten des 14. Jhd. Dort wird „der Schleier von den Dingen gezogen“, wie er es formuliert.

(3) Das ist in der Tat eine originale Erfindung des MA’s. Romane – zuerst in der Form von Heldensagen um König Arthurs Hof und Ritterromanen – gab es in der Antike nicht, ein paar Autoren wie Petronius oder Apuleius näherten sich zwar diesem Literaturgenre an, aber allein die Niederschrift auf Papyrusrollen war ein Hinderungsgrund. Erst mit der Erfindung des Kodex am Ende der Antike konnte auch der moderne Roman entstehen. Heute „rollen“ wir wieder mit unseren E-Books und im Internet. Der Roman als Kunstform liegt im Sterben.

(4) Gottfried Benn, „Verlorenes Ich“

 (5) „Im Mittelalter herrschte die Solidarität der Interessen in den Formen der Unfreiheit, in der Gegenwart herrscht die Freiheit ohne alle Solidarität, die Zukunft wird die Solidarität in den Formen der Freiheit bringen.“
Ferdinand Lassalle (1825 – 1864)

(6) Walter von der Vogelweide

Minnedichtung – Ein Essay (VI)

Ironie und ein Griff ins volle Leben – Teil 3

Freilich darf auch die Gattung des erotischen Liedes nicht fehlen, das aber in der Regel weit weniger derb ausfällt, als man erwarten könnte, sondern meist stark verschlüsselt ist und allegorisiert. Das MA war letztlich eine christliche Gesellschaft und durchaus prüde, wenn auch nicht auf die moderne, sondern auf ihre ganz eigene Weise: Nacktheit etwa erregte kein Aufsehen und wenn jemand seine Notdurft verrichten musste, dann hob er einfach den Rock. Unterwäsche trug nur der Adel.

LalberoGerade in die Zeit der Minnesänger fällt das berüchtigte vierte Laterankonzil (1215), das bis heute nachwirkt und noch immer die Moral des „christlichen Abendlandes“ definiert: Die Ehe – von Gott gestiftet – ist nun als das Lebensideal für Mann und Frau festgelegt und auch das zwar schon lange heiß diskutierte und bereits schleichend eingeführte Zölibat für den geistlichen Stand wird verpflichtend eingeführt. Die Rolle der Frau seit Paulus und Augustinus ist sie ein eher lästiges Beiwerk, auf das man leider nicht verzichten kann – ist eine duldende und gehorsame, unterwürfige. Der Geschlechtsakt dient ausschließlich der Fortpflanzung und darf allein in der Ehe hastig und wenn möglich freudlos (1) vollzogen werden. Andere Formen der Sexualität, wie z. B. die Homosexualität, werden erstmals offen verdammt und unter Strafe gestellt – daraus entsteht später die Inquisition. Dampfventile wie das oben erwähnte Badehaus oder eine versteckte Prostitution waren von der Kirche nicht erwünscht, wurden aber geduldet. Nicht zuletzt riefen die Päpste auch deshalb zu den Kreuzzügen auf, um den vielen unverheirateteten jungen Adligen eine Ablenkung zu bescheren. Da genügte es schon, wenn dieser Kreuzzug nur ins nächste Dorf führte, wo man den Juden, die durch das Konzil zu kennzeichnender Kleidung gezwungen waren, die Köpfe einschlug. (2)

Doch hier endlich ein Lied der niederen Minne von Neidhard. Es sst an Offen– und Derbheit nichts zu wünschen übrig. Solche erotische Dichtung wurde übrigens von der Forschung bis in die Fünfziger Jahre des 20. Jhds. hinein einem späteren, amorphen Pseudo-Neidhard oder einem Pseudo-Vogelweide oder Pseudo-Tannhäuser zugeschrieben, denn, wie Morgenstern so schön formuliert hat, was nicht sein darf, kann auch nicht sein. (3) Diese Texe fehlen auch heute noch in vielen Sammlungen.

Ich zitiere nur die letzten zwei Strophen – das reicht in diesem Zusammenhang vollkommen:

 […]

Ich bin ihnen hinterher
geschlichen
zum Waldesrand.
Groß war ihre Leidenschaft
zu dem schönen Ritter.
Ich kam zur Wiese –
was ich sah, macht mich nicht froh!
Rasch ging es dort:
Er warf sie auf den Rücken,
gab in ihre weißen Finger etwas,
das man Sniedelsnödel nennt.
(4)

Fest nahm sie diesen Sniedelsnödel
zur Hand und schob ihn
hinab zu ihrem Leib.
Er stieß ihn durch das krause Haar.
»Rühr dich tüchtig mit dem Pipapopo,
damit der Sniedelsnödel nicht erschlafft!
Sapperlot, wer kommt denn da?!«

Wie bereits erwähnt, hat Neidhard einige Klischees erfunden, er war kein Freund der Bauern, er stellte gerne die Geistlichkeit als gierig und wollüstig dar und in einigen Gedichten kriegt der feine, aber in seinen Augen unfähige Adel sein Fett ab: Ritter haben bei ihm häufig Probleme mit ihrem Stehvermögen.

[…]
Sein Schwert wollt er in diese Hülle schieben,
allein bog sich die Klinge
bis zum Knauf zurück.
Doch mit Gewalt er presste
und zog zurück. […]
Die Holde:
„Hau ab. Hier ist kein Pfeffer.“

Neidhart bezeichnete sich selbst zwar als „Riter“, doch er besaß keine Burg, sein Adel ist zweifelhaft. Er übte wie die meisten Minnesänger den Brotberuf des Minesterialen aus, eines Beamten in Dienste der Obrigkeit; wahrscheinlich war er am Hof von Herzog Otto II. von Bayern tätig. Minesteriale waren in der Regel unfreie Gefolgsleute von Königen, Adligen oder von Klöstern, die sie auf ihren langen Rundreisen durch ihre Lehen begleiteten. Im 12. Jahrhundert durften sich die Ministerialen „milites“, also „Ritter“ nennen. Sie sind aber keinesfalls mit den adligen Rittern zu verwechseln, die man landäufig unter diesem Begriff sammelt. Die Minnesänger waren höhere Beamte, die besser mit der Schreibfeder als mit dem Schwert zurecht kamen. Neidhard grenzt sich mit seinen Versen von diesen Rittern ab, die er allesamt für Schlappschwänze hält.

Durch Skelettuntersuchungen auf Friedhöfen des 14. Jahrhunderts hat die Archäologie ein ungefähres Bild von der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen gewinnen können: Bei Männern betrug sie 34 Jahre, bei Frauen – vor allem durch das hohe Sterberisiko bei den Geburten – nur 27 Jahre. Ein Vierzig- bis Fünfzigjähriger war bereits ein Greis und nur wenige der Minnesänger haben ein höheres Alter erreicht. Zweifellos gab es auch sehr alte Menschen und die hohe Säuglingssterblichkeit (85 %) trägt zu einer Verzerrung bei, aber die Tendenz bleibt bestehen; das MA ist eine Gesellschaft der Jungen. Vielleicht ist sie mit einer „Großen Pause“ in einer Schule vergleichbar: Auf den ersten Blick herrscht ein wildes Durcheinander, das aber doch nach festen, tradierten Regeln funktioniert: Einzelne Gruppen stehen beieinander, Außenseiter am Rand, die Geschlechter und Altersstufen sind kaum gemischt. Alles wird von ein paar wenigen älteren Aufsichten streng überwacht, aber es wird sofort über die Stränge geschlagen, wenn ein Lehrer nicht hinsieht. Ohne diese Allegorie überbewerten zu wollen: Die Gesellschaft des MA war jung, sie war pubertierend, oft pubertär. Wenn man sich diese Tatsache vor Augen hält, erklären sich viele ihrer Eigenarten, die sie uns heute so fremd macht.

[ZUM LETZTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Albertus Magnus (1193 – 1280) beispielsweise empfiehlt vor (!) und nach dem möglichst rasch durchzuführenden Geschlechtsakt aufwendige Reinigungs- und Gebetsrituale, die für Gottes Absolution sorgen sollen.

(2) Der berühmte Richard Löwenherz, König von England (1157 – 1199), den eine Unzahl von Filmen und Romanen zu einem untadeligen Helden stilisiert haben, war an seinem Hof begeisterter Hörer der Musik der Troubadoure und kümmerte sich nie um sein Königreich. Er wurde von seiner Mutter eilig verheiratet und anschließend recht erfolgreich in den dritten Kreuzzug gegen Saladin schickt, wo er mit einer Kette mit abgeschlagenen Heidenschädeln um die Schultern herumlaufen und unter seinen Mitstreitern seine daheim verborgene Homosexualität ausleben konnte. Regiert hat er nie. Nach einer längeren Gefangenschaft in Österreich, wo er entdeckt wurde, weil er aus seiner Zelle lautstark das Lied eines Minnesängers mitsang, beschloss Löwenherz‘ Leben während einer Schatzsuche in Frankreich ein von der Zinne der grundlos belagerten Burg Châlus abgefeuerter Bolzen.

(3) Christian Morgenstern, Palmström

(4) im Original lautet diese Stelle:

Dô sî den gimpel gempel in die hant genam

Neidhart wurde wegen solcher Lieder auch als „Gimpel-Gempel-Sänger“ bezeichnet. Gimpel Gempel war für mich vielleicht das am schwierigsten zu übersetzende Wort dieses Gedichts. Ich bin mit meiner Lösung noch nicht zufrieden. Der Schriftsteller Dieter Kühn, dem wir das wundervolle Buch „Neidhard aus dem Reuental“ verdanken, übersetzt hier mit „Pümmelpömmel“. Dies aber wirklich nur nebenbei …

Minnedichtung – Ein Essay (V)

Ironie  und ein Griff ins pralle Leben – Teil 2

Es folgt ein Meisterstück von Walther von der Vogelweide, der schon häufiger zu Wort kam. Es ein Winterlied und funkelt vor Ironie.

Die Welt war gelb, war rot und blau,
war grün im Wald und in der Au.
Kleine Vögel sangen dort genau –
nun macht die Nebelkräh‘ Radau.
Die Welt hat eine andre Farbe, schau:
Sie ist nun bleich, grau über grau.
So mancher lüpft hier seine Brau.

Auf grüner Höhe saß ich eh:
es wuchsen Blumen und der Klee
von hier oben bis runter an den See.
Doch diese Augenweide ist passé.
Wo wir gepflückt so manch Bouquet,
dort liegt nun Reif und Schnee.

Den kleinen Vöglein tut das weh.

Die Deppen rufen: Schnei doch, schnei!
Die armen Leut: Ohweh, owei!
Ich fühle mich so schwer wie Blei.
Der Winterkummer hab ich drei.
Doch diese Jammerei:
Sie wäre sicher rasch vorbei,
käme nur der Sommer bald herbei!

Und wenn ich noch lange lebe so,
dann fresse ich noch die Krebse roh!
Sommer, mach uns wieder froh.
Begrünst die Täler, die Höhen, wo
ich mit Blumen spielte mit Niveau,
und mein Herz zur Sonn entfloh,
das jagt den Winter in das Stroh!

Ich wälz mich wie ein Schwein,
mein glattes Haar ist nicht mehr fein.
Mein Sommer, wo magst du sein?
Bauern, spannt die Pflüge ein!
Der Winter bringt mir arge Pein,
fängt und klemmt mich hier so ein:
will lieber Mönch in Doberlug sein!

BurgOffenbar war die Lausitz, wo das erwähnte Kloster Doberlug lag, schon damals nicht unbedingt der Nabel der Welt. Jene Zisterzienser-Abtei, von der heute noch die ursprünglich romanische Klosterkirche steht, ist übrigens die einzige konkrete Ortsangabe, die in einem Lied von Walther auftaucht, sonst bleibt er ein auch von seinen Zeitgenossen nur selten erwähntes Phantom, das vollkommen hinter seiner Dichtung verschwunden ist. (1) 

Das nächste Lied, eine Frühlingsminne vom noch geheimnisvolleren Tannhäuser (um 1205 – 1266) (2), sei diesmal in Ausschnitten im Originalton vorgestellt, um hier wenigstens einmal die Sprachmelodie des Hochmittelalters erfahrbar zu machen, soweit dies überhaupt möglich ist. Wenn man die in den unterschiedlichsten Dialekten verfassten und nur selten vom Autor selbst aufgezeichneten Gedichte liest, fragt man sich unwillkürlich, ob ein österreichischer Sänger einen sächsischen Dicher verstanden hat. Wir Heutigen, zumindest jene, die kein Grundstudium der Germanistik vorweisen können, tun uns da noch schwerer. Die wahre Qualität der alten Reime ist wahrscheinlich für immer in den Zeitläufen verloren gegangen. Es wird aber im Folgenden deutlich, wie in oder, besser gesagt, en vogue es war, französische Floskeln zu benutzen:

[…]

Ein fores stuont da nahen,
aldar begunde ich gahen.
da horte ich mich enpfahen
die vogel also suoze.
so wol dem selben gruoze!

 Ich hort da wol tschantieren,
die nachtegal toubieren.
alda muost ich parlieren
ze rehte, wie mir waere:
ich was an alle swaere.

 Ein riviere ich da gesach:
durch den fores gienc ein bach
ze tal übr ein planiure.
ich sleich ir nach, unz ich si vant, die schoenen creatiure:
bi dem fontane saz diu klare, süeze von faitiure.

  […]

Noch Karl V. wird um 1550 feststellen: „…Französisch spreche ich mit Männern und Deutsch mit meinem Pferd.“

Doch die Herren der Hohen Minne wußten sich auch handfester auszudrücken. Es folgt ein Freßlied, das mutmaßlich von Neidhart aus dem Reuenthal (erste Hälfte des 13. Jhds., vermutlich aus Bayern) stammt, meinem persönlichen Favoriten unter den mittelalterlichen Dichtern.  Es scheint in seiner Rabelaisschen Übertreibung viele unserer Vorurteile über die Sitten des MA zu bestätigen.

Lauft nun alle begeistert
auf die Straßen, tobt wild
durch die Gassen.
Keiner soll lauter sein als wir.

Setzen wir uns an die Tafel!
Wir wollen frische Fische schlemmen,
Schleien, Karpfen, Hechte, Stör
mit scharfer Pfeffersoße.

Seht die Häufen Wildbret:
wir fressen Hirsch und Kuh,
Schweine und auch Bären
werden wir gierig schmausen.

Dazu gibts Hase, Fuchs,
das Reh und auch den Luchs:
unser Magen nimmt gebläht
das alles in sich auf.

Nicht genug? Schafe, Rinder
und ihre Kinder
können sich nirgendwo

vor uns schützen oder retten.

Fette Kälber, Ochsen, Stiere:
wir verschlingen alles!
Dazu vier Schinken
und etliche Rüben kochen!

Wir wünschen uns zwei Hammel
und vierzehn Hühner!
Fette, gut gewürzte Braten
zusammen eine Elle lang,

[…]

Das Lied geht in diesem Stil noch einige Strophen weiter und gipfelt in einem Nachtisch mit 100 Eiern; wobei Zahlenangaben im MA nie tatsächliche waren. Einhundert stand für „viele“, eintausend für „unüberschaubar viele“. Wenn also ein Geschichtsschreiber von zehntausend Streitern in einer Schlacht sprach, wollte er nur eine große Menge andeuten, die jedoch nichts mit der tatsächlichen Kämpferzahl zu tun hat.

Hoffentlich ist Neidhart satt geworden, denn leider konnte es auch anders gehen und dieses andere war für die Mehrzahl der Bevölkerung die alltägliche grausame Realität. In einer Zeit, in der das eingebrachte Saatgut in der Regel nur eine doppelte oder dreifache Ernte brachte, konnten zwei oder drei schlechte Sommer oder harte Winter verheerende Hungerkatastrophen in ganz Europa hervorbringen. (3)

Neidhart, den wir im nächsten Abschnitt als Erotiker kennenlernen werden, hat praktisch im Alleingang das Bild des Bauern als dummen, gefräßigen, faulen, dabei eben „bauernschlauen“ und hinterhältigen Menschen geprägt, das bis in unsere Zeit nachwirkt. Er hat zahlreiche Hassgedichte auf diesen Stand, der ihn letztlich als fahrenden Sänger nährte, geschrieben und sich über diese ewig geilen „thumben Thoren“ und ihre rustikalen Sitten lustig gemacht. Dies führte sogar dazu, dass überall in den Städten begeistert gefeierte „Neidhart-Spiele“ aufgeführt wurden, in denen die Bauern als Hanswurste dienten – eine Art früher Komödienstadel. Einige dieser Theatersatiren von Neidhartnachfolgern sind uns erhalten geblieben und sie dürfen bei den Gründen, die zu den Bauernkriegen am Ausgang des MA führten, nicht unterschätzt werden.

 [ZUM SECHSTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Als sicher gilt, dass Walther nicht in Bozen geboren ist, obwohl sich die Südtiroler Gemeinde mit einem großen Denkmal als seinen Geburtsort feiert. Aufgewachsen scheint er bei Wien zu sein: „ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen. „

(2) Ja, den Tannhäuser gab es auch schon vor Richard Wagner. Auch der legendäre Sängerkrieg, an dem nach den mehr als unzuverlässigen Quellen unter anderen auch Heinrich von Ofterdingen, Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach teilnahmen, scheint auf der Wartburg stattgefunden zu haben. Ein Sängerstreit um einen Kranz, der von der von der Burgherrin verliehen wurde,  war wahrscheinlich eine gängige Unterhaltung an den winterlichen Fürstenhöfen; das Wartburgfest hat wegen seiner legendären Teilehmerliste Ruhm erlangt. Eine Geldzuwendung und freie Kost und Logis motivierten die Sänger sicher zusätzlich.
Ich empfehle hier den Roman „Krieg der Sänger“ von Robert Löhr, Piper 2012; eine süffig lesbare Kriminalhistorie, die keineswegs die tatsächliche Geschichte erzählt, aber „höllischen“ Spaß macht.

(3) Vergiftungen durch den Schmarotzerpilz „Mutterkorn“ waren eine Volkskrankheit. Veitstanz, Wahnsinn, abgestorbene Gliedmaßen und oft auch der Tod waren die Folge.
Wahnsinnige wurden in der Gesellschaft des MA im Gegensatz zu Leprakranken übrigens toleriert. Der Übergang zwischen heiligen Visionen und Irresein war fließend.

Minnedichtung – Ein Essay (IV)

Ironie und ein Griff ins pralle Leben – Teil I

Die Dichter der hohen Minne waren sich sehr wohl bewusst, dass es neben dem Preisen der geistigen Werte der unerreichbaren Liebsten und ihres „Zwillings“ im Himmel auch noch Handfesteres auf dieser Welt gibt. Ihr Publikum an den Höfen, übrigens auch den bischöflichen, wollten gerade solches begeistert hören. (1) Nicht einmal die Minnedichter lebten nach den Idealen, die sie vertraten, die meisten von ihnen waren verheiratet oder hatten diverse Liebschaften und besuchten gerne die Badehäuser, die nicht nur der körperlichen Hygiene dienten, sondern oft genug auch die mittelalterliche Variante eines Swingerclubs waren.

Mancher begrüßt mich so
und das macht mich gar nicht froh,
Hartmann, gehen wir schauen,
ritterliche Frauen.
So lass er mich in Ruh
und seh allein den Frauen zu.
Wenn ich vor solche Frauen kam,
war ich voller Scham.

 Bei Frauen hab ich nur eins im Sinn,
dass sie so zu mir sind wie ich bin.
Deshalb vertreib ich mir lieber den Tag,
indem ich arme Frauen mag.
Überall gibt es von ihnen viel,
und dort ist immer eine, die mich will.
Die ist dann meines Herzens Spiel.
Was also nutzt mir ein so hohes Ziel?

 Noch heut geht mir die Torheit nach
dass ich zu der edlen Dame sprach:
Edle Frau, ich habe alle meine Sinne
ausgerichtet auf Eure Minne.
Da begann sie über mich zu klagen,
Drum will ich, lasst euch sagen,
nur noch solche Frauen suchen,
die mich nicht so offen fluchen.

Also dichtete Hartmann von Aue (um 1165 – 1215), manchem Schüler als Epiker in schlechter Erinnerung (2) und er klingt ehrlich. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Dichter nie stärker stilisierten und an überkommene Formen gebunden waren als gerade im MA. Vorbild waren auch hier – soweit bekannt – die klassische lateinische Dichtung wie die von Ovid oder Vergil und die maurisch-fränkischen Troubaroures. Jedes Lied, das entstand, musste in eine Gattungsschublade passen und sich auch inhaltlich an einen ganz eng gefassten Rahmen halten. In diesem Abschnitt will ich für die wichtigsten Liedgattungen jeweils einen charakteristischen Vertreter zeigen.

minne6Der Grund für das Stilisieren der Minnedichter ist wieder in der Religion zu finden. Da, bedingt durch die bereits erläuterte Weltanschauung des MA, das Ich des Einzelnen, das erst eine Erfindung der Renaissance ist, nur eine verschwindend geringe Rolle spielen durfte und persönliche Eigenarten des Einzelnen im großen Ordnungsplan als eher störend empfunden und „Neues“ sogar als ketzerisch gebrandmarkt wurde, legte man darauf Wert darauf, dass dichterische Texte und Kunst überhaupt einen allgemeingültigen Aspekt aufwiesen. Fast nie wurde eine Statue mit individuellen Zügen ausgestattet, Portraits wurden nicht geschaffen, vom „Kunstwerk“ sprach man erst im 19. Jahrhundert.

„Dabei gibt der Künstler Form und Gestalt nur einem Gegenstand, der bereits vorhanden ist und Dasein schon besitzt, wie der Erde, dem Steine, dem Holze, dem Golde oder einem beliebigen anderen Stoffe dieser Art. Und woher wären diese, wenn du, mein Gott, nicht ihnen Dasein verliehen hättest? Du hast dem Künstler den Leib gebildet, du ihm eine Seele geschaffen, die den Gliedern gebietet, du hast ihm den Stoff geliefert, aus dem er etwas bildet, du ihm das Talent gegeben, mit dem er die Kunst erfaßt und innerlich schaut, was er äußerlich darstellen soll, du die Sinne, durch deren Vermittlung er das Bild seines Geistes auf den Stoff überträgt und wiederum der Seele über die Verwirklichung der Idee berichtet, so daß dann dieser die in seinem Innern thronende Wahrheit fragen kann, ob das Abbild gut sei. Dich preist all dieses als den Schöpfer aller Dinge.“

So schreibt Augustinus, erneut als Zeuge für die mittelalterliche Weltanschauung dienend, und er macht deutlich, wie der Künstler nur als ein Sprachrohr Gottes aufgefasst wurde, seine Person und sein Name weiter keine Bedeutung haben, vom tatsächlichen Urheber alles Geschaffenen nur ablenken. Darüber, ob das sündig sei und ob ein Künstler damit auch Geld verdienen dürfe, wurde in den Kirchenkonzilen gestritten.

Obwohl die höfische Welt, die etwa 8 – 9 % der Bevölkerung ausmachte, als erste so etwas wie „Selbst”-Bewusstsein entwickelte, waren ihre Dichter sehr vorsichtig mit einer Darstellung ihrer eigenen Persönlichkeit und gingen sehr ins Allgemeine oder Typische, werden dadurch nur selten als Menschen greifbar. Auch aus diesem Grund ist sehr wenig über ihre Biographien erfahrbar. Es scheint, als seien sie wie der Moderne Mensch von einer promethischen Scham erfasst, jedoch nicht gegenüber der Maschine, sondern gegenüber Gott. (3)

Dennoch gibt es immer wieder Momente, manchmal nur eine Zeile oder Wendung, in der einer der Minnedichter die Konvention aufbricht und dann gelingt ihm Großartiges. Das folgende Gedicht ist der Anfang eines sogenannten Tageliedes und behandelt eines der beliebtesten Minnethemen des MA. Es beschreibt den Morgen nach dem Ehebruch. Der fahrende Ritter liegt im Bett seiner Herrin, es graut der Morgen, der Wächter auf den Zinnen – ein Vertrauter der beiden – kündigt den neuen Tag und die Rückkehr des gehörnten Ehemannes an. Die Frau will diese Meldung nicht wahrhaben. Trotz der nun gebotenen Eile können sich die beiden erst von einander trennen, nachdem sie noch einmal miteinander geschlafen haben.

„Die Pranken zog der Tag durch die Wolken,
er steigt herauf mit Manneskraft,
ich sehe schon den Morgen grauen:
jenen Tag, der uns das Liebesglück
zerstören will ,mir und dem edlen Mann,
der sich zur Nacht hereingeschlichen –
ich bring ihn fort, wenn das noch geht.
Er zeichnet sich in vielem aus – ich muss es tun!”

Man kennt von den Minnedichtern Hunderte von Variationen des Tageliedes; auch hier stammen die Vorlagen aus dem Französischen. Das eben zitierte hat der edle Wolfram von Eschenbach (um 1170 – 1220) einer höfischen Gesellschaft vorgetragen, die den Ehebruch ablehnte; eine Frau, die Unzucht trieb, wurde geächtet. Das Tagelied war nichts weiter als ein typisches literarisches Muster und besaß keinerlei soziale Realität; zumindest nicht für die Gesellschaft im mittelalterlichen Deutschland.

Und doch: Was für eine Kraft hat diese Dichtung noch heute!

Die Pranken zog der Tag durch die Wolken

[ZUM FÜNFTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Dass die Minnesänger dabei auch Schwierigkeiten hatten, es allen recht zu machen, spiegeln die folgenden, von Dieter Kühn übertragenen Zeilen wieder, die von einem recht verzweifelten Marner (gest. um 1270) stammen. Vor allem in der desillusionierten letzten Strophe gibt er eine zeitlose Künstlererfahrung wieder:

Sing ich vor den Leuten meine Lieder,
so hätte der erste gerne dies:
wie Herr Dietrich floh, aus Bern;
der zweite: wo herrscht König Rother;
der dritte wünscht den Reussenkampf,
der vierte: Eckehards Leid und Tod,
der fünfte: wer war Kriemhilds Opfer;
der sechste hörte lieber dies:
wie’s dem Volk der Wilzen geht;
der siebte möchte irgendwas
vom Kampf des Heime oder Wittich,
vom Tod des Siegfried oder Ecke;
der achte will aber nur eines:
Minnesang im Stil des Hofes;
den neunten langweilt dies alles sehr;
der zehnte weiß nicht, was er will.
[…]
So dringt mein Lied in Ohren ein:
wie weiches Blei in Marmorstein.

(2) Wie die Schule mit diesen Dichtern umgeht, so sie nicht einen großen Bogen um sie macht, ist ein Thema für sich und zwar ein trauriges: Der Spaß an Lyrik und Literatur wird einem nirgendwo gründlicher verdorben als im Deutschunterricht. Oft hält diese ablehnende Konditionierung ein Leben lang. Die Erzeugnisse der Dichter werden in der Schule nicht nur gewalttätig mit Bildung, Kategorisierung und durch weihevolles Anbeten getötet, es wird dann auch noch mit hanebüchenen Deutungen so lange Leichenfledderei betrieben, bis auch dem letzten die Lust daran vergangen ist, sich mit Literatur auseinander zu setzen.

(3) Der Begriff der promethischen Scham, den ich hier so bedenkenlos übernehme, stammt aus dem I. Band der Antiquiertheit des Menschen, München 1956, von Günther Anders.

Minnedichtung – Ein Essay (III)

Minnedienst

Das Frauenbild, das die deutsche Minnedichtung des 13. Jahrhunderts überhöht, stammt wie auch ihre Melodien ursprünglich aus dem Orient und kommt über die verfeinerten maurisch-französischen Sitten an die deutschen Höfe. In dem Buch des buntbestickten Kleides des Bagdaders Ibn al-Wassa aus dem 11. Jahrhundert, der auch in Europa begeistert gelesen wurde, gibt es folgendes Gespräch über die Liebe, das die seit dem 7. Jahrhundert entwickelten Auffassungen des Morgenlandes treffend zusammenfasst:

Da sagte ich zu ihm: »Bei uns in der Stadt ist die Liebe nicht so.« Da fragte er: »Und wie ist sie bei euch?« Da sagte ich: »Reiß ihr die Beine auseinander und wirf dich auf sie – das ist sie, die Liebe, bei uns!« Da rief er entsetzt aus: »Bei meinem Vater! Wenn du das tust, bist du nicht einer, der liebt, sondern einer, der Kinder will! […] Wisse! Liebe darf nicht mit lasterhafter Begierde verbunden sein. Wenn nämlich die wahre Liebe mit einer solchen Begierde vermischt wird, werden ihre Kräfte schwach, und ihre Bande werden bald gelöst sein. Leute von dieser Art wollen weiter nichts als Obszönitäten. […] Bei Allah! Es gehört nicht zur Art eines Gebildeten, von einer Geliebten zur anderen, von einem Geliebten zum anderen überzugehen! Es geziemt sich für Leute von feiner Lebensart einfach nicht, eine Geliebte durch eine andere, einen Geliebten durch einen anderen zu ersetzen! Die Liebe besteht nämlich darin, dass ihre geheimsten Dinge rein bleiben. Aber ach! Leider kommt es nicht mehr vor, dass Menschen einander mit reiner Zuneigung, anhaltender Lauterkeit und bleibender Liebe begegnen. Die Blutzeugen der Liebe sind verschwunden. Die Fesseln der wahren Liebe sind zerrissen. […] Leidenschaft ist Leiden. Nur derjenige vermag zu ermessen, was ich damit meine, der durch die Entfernung von den Stätten der Liebe und durch den Trennungsschmerz zum Weinen gebracht worden ist.«

Die Frau wird in diesem und in ähnlichen Texten zu einem anbetungswürdigen, alle menschlichen Tugenden besitzenden Wesen stilisiert, einem Ideal, dem es nachzueifern gilt. Das eben entstehende Rittertum des christlichen Mittelalters scheint auf diesen Entwurf der Liebe als entsagungsvolles Sehnen nach Tugend und Sittlichkeit gewartet zu haben, er verbreitet sich durch die Troubadures (1) rasch in ganz Europa und gipfelt im Minnedienst. Der Ritter wählt sich dabei in einer bewussten Entscheidung eine zumeist unerreichbare Dame für seine Verehrung, in der Regel ist dies die Frau seines Herrn oder Fürsten, ihr Alter und Aussehen sind vor ihrem Ansehen nebensächlich, Liebeserwiderung darf auf keinen Fall stattfinden. Für die wahre Liebe ist die real existierende Person unerheblich, sie ist eine Imago, ein Mittel zum Zweck des Sehnens und Leidens. Ihr weiht er sein ganzes Leben, für sie geht er in Turnier und Schlacht und freudig in den Tod. (Ich werde im Kapitel Lebensweisen noch einmal näher auf dieses Thema eingehen.)

Minne4Tatsächlich gibt es aber hinter dieser Liebe und der angebeteten Frau noch eine Ebene, nämlich die Liebe zu Gott und zu der Jungfrau Maria. Sie sind die ur-gründlichen Ziele des Ritters, sie sind die eigentliche Richtung seiner Ideale, nur auf sie richtet er sein Leben aus. Diese Verherrlichung des Weiblichen als der Verkörperung Gottes auf Erden, in der Literatur als Hohe Minne bezeichnet, will die ritterliche Gesellschaft von ihren Dichtern hören und sie wird von ihnen reichlich bedient. Aus der Überfülle dieser anbetenden und anpreisenden und heute auch etwas faden Literatur gebe im Folgenden einen typischen Ausschnitt aus einer Dichtung wieder, bei der man nie die eigentliche Adressatin – die Jungfrau Maria – aus den Augen verlieren darf. Ich zitiere Abschnitte aus dem exemplarischen Frauendienst des Ulrich von Lichtenstein (etwa 1200 – 1270), der sich bereits über den Verfall der höfischen Sitten beklagt. Übrigens wurde, schwer vorstellbar, zu solchen Versen die Laute geschlagen und getanzt:

Als ich noch ein kleines Kind war,
da wurde mir oft vorgelesen
und von klugen Menschen erzählt,
da
ss wohl keiner ein wertvolles Leben
gewinnen könne,
wenn er wohl nicht bereit wäre,
ohne zu Zögern
guten Frauen zu dienen:
Sie allein hätten den höchsten Dank.

Herz, Besitz und Seele und dazu das Leben
ich will das alles den Frauen geben.
Weil die reinen, süßen Frauen
das Leben des Mannes so wertvoll machen,
will ich den Frauen auf immer dienen,
egal, wie es mir auch ergehen mag.
Sie sind Herrin meines Lebens
ihnen gehört mein Herz.

[…] Meine Freude war oft groß,
wenn ich betrachten konnte,
da
ss man meiner geliebten Herrin
das Wasser über ihre so weißen,
so zarten Hände go
ss.

Ich trug das Waschwasser heimlich fort,
aus Liebe trank ich es.
Das linderte meine Traurigkeit.


[…] Wohin auch immer ich ritt oder ging,
mein Herz entkam ihr nie.
Ob es nun Tag oder Nacht war,
meine Liebe gab mir die Macht,
da
ss ich sie überall sah,
das tat meine Liebe.
Wie weit entfernt ich auch war,
der Glanz ihrer Schönheit
erleuchtete mein Herz.

Und so weiter und so weiter, viele hundert Verse lang… Ulrich hatte Sinn für Dramatik; es ist von ihm überliefert, dass er sich einen Finger abschnitt, um ihn als Liebesgabe an seine Angebetete zu schicken. Obwohl wir heute mit dieser Art von Lyrik nicht mehr viel anzufangen wissen, uns ein solcher Gefühlsüberschwang peinlich berührt und in die Minnelieder häufig ungeschickt klingende Floskeln einfließen, die der Autor in der klassischen römischen, französischen oder eben arabischen Dichtung gefunden hat, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass wir es hier mit einem Anfang zu tun haben; hier dichten plötzlich Männer und Frauen in ihrer Volkssprache und sie sind die ersten, die von der Liebe in solchen Worten zu singen beginnen. Die Minnedichter können nichts dafür, dass ihre Lieder, ihre Bilder und Formulierungen, die sie, das darf man nie vergessen, als erste fanden, so oft kopiert und schließlich Allgemeingut wurden, bis auch der Geschmack des Originals schal wurde. (2)

Deshalb wäre die deutsche Minnedichtung heute längst vergessen, zumindest für ein größeres Publikum uninteressant, wenn sie nicht selbst ein Mittel gefunden hätte, ihr Idealbild von der geistigen Liebe zu brechen. Ich spreche von der niederen Minne, die wohl besser als ebene Minne, als die Minne, die mit beiden Füßen auf dem Boden steht, bezeichnet werden sollte, und von dem Stilmittel der Ironie, das die Minnesänger erstmalig für das christliche Abendland entdeckten. Sie machen diese Dichtung abgesehen von der Schönheit ihres Ausdrucks noch heute lesenswert.

[ZUM VIERTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Unter diesen Troubadoures und später unter den Minnesängern gab es übrigens auch einige Frauen, die dann allerdings den idealisierten Mann anpriesen, hinter dem sich natürlich niemand geringerer als Christus, der Menschensohn verbirgt. Da kann es auch nicht verwundern, dass die wichtigsten Autoren der christlichen Mystik jener Zeit Nonnen wie z. B. die schon erwähnte Hildegard von Bingen (um 1098 – 1179) oder Mechthild von Magdeburg (um 1207 – 1287) waren. Von der letzteren seien hier ein paar Verse aus einem ihrer Minnelieder zitiert. Sie verraten deutlich die Braut Christi:

Herr, so harre ich deiner
mit Hunger und mit Durst,
mit Herzklopfen und viel Lust.

Ich harre der Stunde,
da aus deinem göttlichen Munde
die gewählten Worte fließen,
die nie jemand vorher gehöret hat.

Worte, die allein die Seele versteht,
die sich von der Erdenschwere befreit
und ihr Ohr an deinen Mund erhebt –
ja, sie allein begreift den Sinn der Minne.

Die Rolle der Frau im MA wird übrigens oft falsch gesehen. Die Damen an den Höfen zumindest konnten im Gegensatz zu ihren Männern häufig lesen und schreiben, beherrschten Musikinstrumente und betätigten sich überhaupt als Kulturträgerinnen. Sie holten die Dichter und Musiker in ihre „Salons“ und sorgten für deren Weiter- und Unterkommen. Ein beredtes Zeichen von dem Bild, das die Frau im Hochmittelalter von sich hatte, bietet das Schachspiel, das die Kreuzfahrer in dieser Zeit aus dem Orient mitbrachten. Es wurde zu einem beliebten Spiel der Frauen, die die Regeln allerdings so modifizierten, dass sie als mächtigste Figur die Dame einführten, die es in der Urversion nicht gab.

(2) Damals durfte man noch „Herz“ auf „Schmerz“ und „Glück“ auf „zurück“ reimen. Künstler schaffen zu ihrer Zeit immer die Klischees der Nachwelt. Heute ist z. B. die Mona Lisa nichts weiter als ein leeres und abgegriffenes Stereotyp; für daVincis Renaissancezeitgenossen war das Bild eine Revolution. Ein zeitgenössischer Kritiker Bruckners schrieb in der Augsburger Allgemeinen um 1880, er hoffe, dass „dieser Art von Katzenjammermusik nicht die Zukunft“ gehöre. Was er wohl über die Beatles gesagt hätte, deren Lieder bereits dreißig Jahre später für viele nur mehr ein süßliches Klischee darstellten?

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