Aber ein Traum …

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Antilopen – Ein Theaterstück (2. Akt)

Bis zum Ende. Achtung: Auch im 2. Akt tauchen Wörter auf und werden Handlungen beschrieben, die empfindliche Gemüter verletzen könnten! Das Stück ist nicht für Jugendliche geeignet (obwohl die heutzutage ganz andere Dinge gewöhnt sind).
Bitte nur auf eigene Verantwortung weiterlesen.

2. AKT.

ERSTE SZENE.

Antons Bude. Sein Wohnzimmer. An den Wänden hängen die gleichen Bilder wie im Lokal. Links ein Sofa, ein Couchtisch, ein paar Stühle. Rechts führt eine Tür ins Schlafzimmer. Anton hockt im Hintergrund vor einer Stereoanlage und durchwühlt seine CD-Sammlung. Manchmal zögert er bei einer Platte, legt sie dann aber wieder zurück. Die Mädchen sitzen auf dem Boden vor dem Sofa. Sie halten sich wieder an den Händen. Bernd steht vorn. Er liest einen Text von einem Blatt ab.

Bernd sehr pathetisch So stehe ich vor euch, mich zu rechtfertigen und muss doch Vorsicht walten lassen, damit mir meine Rede nicht zur Klage wird. Ihr habt recht. Wir achteten unserer Väter wenig: spotteten über die Worte, die ihnen die Weisheit riet. Wir belachten sie, die wir ehren sollten. Waren überzeugt, allein zu wissen, wie man richtig lebt. Dies war aber kein Verbrechen. Nur eine Schuld, die zu tragen uns unser Gewissen zwang. Ja. Wir waren jung und stolz. Roh oft. Eros Pfeile trafen uns so achtlos, dass die Scham mir Stille auferzwingt. Die Werte der Väter galten uns gleich. Wir schufen eigene. Wohl andere. Aber genau so tiefe und ehrfürchtige. Wir erkannten. Die Götter waren tot. Deshalb war unsere Ehrfurcht nicht ihrem Grabe. Wir hatten nicht Sorge um die Toten. Ihrer ist der Himmel. Wir kümmerten uns um die Lebenden. Das war unser Ziel. Es kann sein. Wir haben versagt. Es ist wahrscheinlich. Aber dies ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Bernd, Bernd, Bernd.

Bernd hebt warnend die Hand. Wenn ihr uns aber Verbrecher nennt. Weil wir zusahen, wie die Welt zugrunde ging. Die Welt, die ihr uns überreicht habt. So lasst euch sagen. Ihr hattet sie schon dem Untergang geweiht. Nie hätten wir unmündigen Kinder die Erde von dem Fieberwahn, der sie schüttelte, heilen können. Vielleicht das Fieber aufhalten. Wer weiß. Heilen? Nein. Gut. Wir haben versagt. Wir waren jung und unerfahren. Aber das ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Geht das. Noch lange so. Meine ich. Ach je.

Bernd zornig Wir hätten den Mächtigen, die eurer Welt entsprungen waren und sie sklavten, unsere Stirn bieten sollen. Wir hätten unseren Widerstand brüllen sollen. Aber der Zorn hatte unsere Stimmen heiser gemacht und eure Schulmeister uns gelehrt, stumm die Stirn zu senken. Aber das ist kein Verbrechen. Das ist unsere Schuld. Er verstummt mit einer dramatischen Geste, wartet auf Beifall.

Anton Der Künstler hat sich gerade für vierzig Euro den Kühlschrank gefüllt. Das ist deine Kunst? Bernd nickt eifrig. Weißt du. Das ist keine Kunst. Die hängt an den Wänden. Das ist blond. Das ist. Das ist.

Bernd Musst es nicht aussprechen. Hat mit deiner Verdauung zu tun. Stimmts. Spar es dir auf. Für deinen Monolog. Der fehlt noch. Dann sind wir alle durch.

Gitte steht auf, nimmt nun Bernd an der Hand. Komm. Du Künstler. Mir gefällt das. Ich mag volle Kühlschränke.

Sie zieht den Widerstrebenden durch die Tür ins nächste Zimmer. Anton und Steffi sehen den beiden nach.

Bernd Stimme aus dem Schlafzimmer Hat doch. Genau, was ich will. Und da sage noch einer. Brotlose Kunst. Frauen und Schokolade.

Gitte Stimme aus dem Schlafzimmer Sei still. Sei nett zu mir. Ich bin nett zu dir.

Tür fällt zu.

Steffi Ich liebe dich nur diese Nacht. Oh, oh, oh. I-gitte. Hab ich schon gesagt.

ZWEITE SZENE.

Anton spielt ein Stück von Pearl Jam an. Gefällt dir das. lauter Gefällt dir das. schreit Gefällt! Dir! Das!

Steffi Nein.

Anton Oh. Was dann.

Steffi Hm?

Anton stellt die Anlage ab. Was dann?

Steffi Nein. Und da sage einer. Ich hätte keinen Geschmack.

Anton Nein.

Pause.

Steffi Und du? Schreibst du?

Anton Wie Bernd? Nein. Na ja. Ab und an ein Gedicht. So ein paar Wörter, die nur mir Sinn geben. Ich nicht. Bernd schreibt. Ich habe geilen Stuhlgang. Ist das gleiche. Vom Ergebnis her. Abwischen. Runterspülen. Man befreit sich. Der Darm wird leer. Ein schönes Gefühl. Kennst du das? Du hast am Abend Bier getrunken. Das geht nur mit Bier. Viel Bier. Dunkler Doppelbock. Fettes Essen, reichlich Bier. Aber keinen Schnaps. Der Rausch muss allein vom Bier kommen. Das muss man können. Die meisten nuckeln an ihrer Halben ewig rum. Dann schaffst du es nicht. Du musst es auf den Punkt bringen. Schaum wegblasen. Ansetzen. Nicht schlucken, laufen lassen. Du musst ganz entspannt sein. Eins mit dir. Das Glas an die Unterlippe. Gemeinsam mit dem Kopf hoch. In den Nacken. Das Bier schwappt über. Es fließt die Speiseröhre runter. Gleitet. Ein Zen-Moment.

Steffi Nein. Zen. War mal. Als wir alle Buddhisten waren. Ist langweilig.

Anton Also gut.

Steffi Nein. Zen. Nein.

Anton Habs. Kapiert. Mein ich. Aber es ist wichtig. Du darfst dich von nichts ablenken lassen. Erst fett essen. Dann saufen. Vier Liter. Eine Viertelstunde. Mindestens. Geh dann sofort ins Bett. Bevor dich der Rausch wachhält und du den Rest des Abends aufm Klo bist. Am nächsten Morgen wachst du auf. Hast ein Riesending. Einen Mordsständer in der Hose. Meine ich. Weißt ja. Die Männer.

Steffi Zen. Ob Buddha? Oder Jesus? Eine Morgenlatte hatten?

Anton Egal. Das Bier drückt jetzt nach vorne. Das Essen nach hinten. Du darfst dich nicht eilen. Stehe langsam auf. Gehe langsam aufs Klo. Setz dich. Das ist der Moment. Der Stuhl ist ganz weich. Wie Schokoladenmus. Flutscht es. Raus damit. Das ist Befriedigung. Der absolute Stuhlgang. Keine Anstrengung. Es geht einfach. So stelle ich mir das unbewusste Schreiben vor. Es läuft. Und ist gut. Du weißt. Es ist gut. Da brauche ich sonst nichts. Nichts mehr. Aber perfekt ist nichts. Das Problem ist der Ständer. Wenn du auf der Schüssel sitzt. Er ragt darüber hinaus. Schmerzt. Aber erst pissen und warten. Das geht nicht.

Steffi Mach lieber wieder Musik.

Anton legt Nick Cave auf. Steffi sagt etwas, sie ist nicht zu verstehen. Anton geht zur Tür, öffnet sie einen Spalt. Späht hinein.

DRITTE SZENE.

Die Musik wird plötzlich so leise, dass man Steffi hören kann.

Steffi Ich muss es nicht sehen. Ich stell es mir vor.

Pause.

Kaum hatte sie ihre Beine geöffnet, sprang er schon auf sie. Drängte sich keuchend heran. Mit geschlossenen Augen. Zog die Oberlippe bis zur Nase hoch. Bleckte seine vorstehenden Zähne. Grotesk. Er sah wie ein fickendes Kaninchen aus. Sie hatte den Eindruck, er hatte sogar die Ohren angelegt. Sie biss sich fest auf die Zunge, um nicht zu lachen.

Die Musik wird wieder lauter. Steffi ist kaum zu verstehen.

Sein Plan war es offensichtlich, ihren Körper zu ignorieren und sich ausschließlich um ihr Geschlecht zu kümmern. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, ihre Brüste zu bewundern. Schon er in ihr. Und der Kerl fast hinterher.

Die Musik endet abrupt.

Ich könnte einen Sack über dem Kopf haben. Ach was. Wenn ich in Leinwand eingenäht wäre. Bis auf dieses kleine Loch. Er wäre genau so glücklich.

Steffi zögert, setzt dann noch einmal an.

Sie könnte einen Sack über dem Kopf haben. Wenn sie in Leinwand eingenäht wäre. Sie bewegt ihren Unterleib kaum, lässt ihn wühlen. Unterstützt ihn nicht. Aber sie klammert ihre Beine um ihn. Packt ihn mit einer Hand am Haarschopf. Fest. Zieht ihn gewaltsam zwischen ihre Brüste. Mit der freien Hand tastet sie nach dem Nachttisch. Öffnet die Schublade. Greift hinein. Umsonst. Auch hier ist kein Brief. Der Kerl verkrampft sich. Atmet zischend aus. Kippt zur Seite. Sie spürt feuchte Wärme. Sonst nichts.

Ein Schuss fällt. Anton springt zurück.

Anton Herr. Schaft. Nein.

Steffi deutet mit den Fingern eine Pistole an. Zwischen die Augen. Ich stelle es mir vor.

VIERTE SZENE.

Gitte kommt herein. Sie trägt nur Unterwäsche. In ihrer Hand hält sie eine Pistole. Ich war ganz in Ordnung. Ich habe Feuer. Schau mich an. Die mögen das. Ich habe Figur. Esse gesund. Gehe ins Studio. Zweimal. Mit Steffi spiele ich Squash. Einmal. In der Sauna schwitze ich. Regelmäßig. Schau doch. Das geht. Ich bin in Ordnung. Ich bin hübsch. Ich komme an. Meine Hüften. Na, die kann man sich absaugen lassen. Und dann gleich den Busen ein wenig größer. Nicht viel. Eine Körbchengröße reicht. Setzt sich neben Steffi. Ich spare schon jetzt Geld dafür. Für mich. Den Jungs ist das egal. Die interessieren sich nicht für meine Hüften. Die haben nur. Aber mein Bauch. Fühl mal, wie fest.

Steffi Ja.

Gitte Fest und warm.

Steffi Ja.

Gitte Lebendig.

Steffi Ja!

Gitte Geil!

Steffi Geil. Ja.

Gitte Aber die Jungs, die wollen. Ja. Ich bin in Ordnung.

Anton Die Waffe.

Gitte sieht auf die Pistole in ihrer Hand. Sie deutet mit dem Lauf auf Anton.

Gitte Die lag unter deinem Bett. In einer Schachtel. Ich habe eigentlich deine Pornos gesucht.

Anton macht einen Schritt zur Seite Die lag. Die ist ein Erbstück. Gut eingeölt. Mein Großvater war im Krieg. Ostfront. Das ist Standardausrüstung der Wehrmacht.

Steffi Erzähl.

Anton Es ist eine P38. Sie wurde von der Firma Carl Walther entwickelt. Die ersten Waffen wurden im August 1939 an das Heer ausgeliefert. Die Waffe ist 215 Millimeter lang, besitzt einen 125 Millimeter langen Lauf. Sie wiegt 0,94 Kilogramm. Leer.

Gitte Das Ding ist sauschwer.

Steffi Nicht die Waffe. Dein Großvater. Krieg. Der hat gelebt. Erzähl. Hat er. Ich meine Juden?

Anton unbeirrt Die P38 war viel einfacher zu fertigen. Unempfindlicher gegen Schmutz im Einsatz als die P8, das Vorläufermodell. Die Kugel hat am Lauf eine Geschwindigkeit von 355 Metern in der Sekunde, das Magazin fasst acht Schuß. Für die Waffe wurde auch ein Schalldämpfer geliefert. Den hab ich aber nicht.

Gitte Der Revolver ist geladen.

Anton Pistole. Es ist eine Pistole.

Steffi Gib.

Nimmt Gitte die Waffe aus der Hand.

Gitte Und entsichert. Das ist leichtsinnig.

Anton Habe ich eben nach dem Reinigen vergessen. Aber wer ahnt das schon.

Gitte Gefährlich. Und knallt ganz schön.

Steffi Die ist schwer. Macht Löcher. Steht auf, streckt wie in einem Krimi die Waffe mit beiden Händen von sich. Jetzt war sie am Zug. Sie sah Hoffnungslosigkeit in seinen Augen. Ziehlt mit der Waffe auf Anton. Er hatte seine Chance gehabt. Er hatte sie verspielt.

Anton Du. Die ist entsichert. Und der Abzug geht ganz leicht.

Gitte Ich wollte gar nicht schießen. Ich wollte ihn nur erschrecken. Wie heißt er?

Anton Bernd?

Gitte Bernd. Ja.

Steffi An ihn hatte sie Jahre verschwendet. Immer war er ihr entwischt. Jetzt stand er vor ihr. Und machte sich in die Hose.

Anton tritt vorsichtig auf Steffi zu. Hör zu. Jetzt wird der Witz blond.

Steffi Einfach so in die Hose.

Anton Ein Gedicht habe ich geschrieben. Das letzte Mal auf dem Klo. Willst du es hören?

Steffi Er stank und wusste. Es war das letzte, was er in diesem Leben tun würde.

Anton Komm. Ein Gedicht. Wir lernen es auswendig.

Er macht noch einen Schritt, steht nun direkt vor Steffi.

Gitte Das ging einfach los. Ich fuchtelte rum. Bernd. Ja. ein netter Name, er passt zu mir.

Steffi zielt auf Antons Stirn Merkwürdig, denkt sie. So ein kleines Stück Metall kann einen Menschen wie ihn töten. Ich muss nur den Finger krümmen. Wieviele Muskeln bewege ich da? Wieviele Kalorien werden verbraucht? Ein Zucken. Er ist tot.

Anton Es ist ein schönes Gedicht. Er hebt langsam die Hand Es handelt von Liebe.

Steffi Sie hat ihn einmal geliebt, dachte sie. Aber es war eine Lüge. In dieser kalten Welt gibt es so etwas nicht. Gefühle aus zweiter Hand. Nur der Tod ist echt. Man kann ihn nicht wiederholen. Üben. Er ist nur einmal. Er ist wirklich. Er ist nicht langweilig.

Steffi drückt den Lauf auf Antons Stirn.

Gitte Ich muss was mit meinem Haar machen.

Anton flüstert stockend. Seht. Diese blinden Narren. Auf den Wiesen des Mondes. Sie tanzen. Ihr Leben hinweg. Längere Pause. Ihr Leben. Hinweg.

Steffi Peng.

LETZTE SZENE.

Bernd kommt zur Tür herein. Er ist angekleidet, hat aber sein Sweatshirt verkehrt herum an Na, was steht ihr hier? Na.

Steffi senkt die Waffe, gibt sie Anton in die Hand. father.

Anton yes son.

Steffi i wanna kill you.

Gitte mother.

Steffi i wanna fuck you.

Bernd singt this is the end.

Anton Hab ich irgendwo. Auf einer best of.

Geht zu seiner Anlage, beginnt zu suchen.

Bernd zu Gitte. Du hast ihm ein Loch ins Kopfkissen geschossen. Ich bin allergisch gegen Federn. Aber es war nett. Mal was anderes. Du bist in Ordnung. Und ich auch. Ich werde dir eine Geschichte widmen. Wie heißt du?

Steffi setzt sich wieder. Seufzt. Und jetzt? Was? Jetzt. Und jetzt. Was?

Anton Das Geistige allein ist das Wirkliche. Der Papst hat Angst davor.

Bernd Mal wieder. Die falsche Antwort. Gehen wir tanzen. Ja?

Vorhang. Die Anfangsklänge des Doorstitels „The End“ sind zu hören.

Gitte Stimme hinter dem Vorhang. 1968. Das war ein gutes Jahr.

ENDE

Antilopen – Ein Theaterstück (1. Akt. Szenen 4 – 5, Zwischenspiel)

VIERTE SZENE.

Anton Jetzt kommt das Loch.

Steffi Das Loch? Erzähl.

Anton Nicht was du denkst. Das Verlegenheitsloch. Weißt. Das kommt. Immer. Gehört zum Spiel. Da müssen wir durch.

Steffi Erzähl mir doch vom Onanieren. Ich lang…

Anton So. Ich bin ein guter Erzähler. Aber was. Habe ich denn nicht alles gesagt?

Steffi Ist das wild? Ist das ehrlich? Ist das echt?

Anton Koketterie. Sollte man mit „c“ schreiben: Coquetterie. Ich bin selten. Ehrlich, meine ich. Ich gebe nur Antworten. Manchmal ohne Fragen, manchmal die falschen. Ich reagiere. Ehrlich. Du sagst es: langweilig.

Steffi Ich hasse dich.

Anton küsst Steffi auf die Wange. Entschuldige. Ich mag dich. Das ist wichtig. Vergiss den Rest. Ich habe mich entschlossen, ehrlich zu sein. Das ist der Punkt. Ab jetzt. Alles, was vorher war, vergiss es.

Steffi Jetzt bist du auch noch langweilig.

Anton Ich sag dir was. Du willst es hören. Du wartest drauf. Du sitzt nur deshalb hier. Sitzt da und wartest drauf. Aber keiner hat es dir gesagt. Bis ich kam, ehrlich, wie ich bin. Also. Du. Du bist es. Du bist langweilig. genießerisch. Ster-bens-lang-wei-lig. Gut. Ich hör auf, vergiss es. Wollte nur ehrlich sein. Ich habs dir versprochen. Du bist auf der miesen Tour. Ich mag dich, aber jetzt geh ich Scheißen. Das ist noch viel besser.

Anton geht ab. Schweigen.

FÜNFTE SZENE.

Steffi Ich bin allein. Jetzt erzähle ich. längere Pause. Sie musste reagieren. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie bald tot sein. Das Gesicht ihres Gegenübers verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. Die Nerven lagen bloß. Der kleine Lauf seiner Pistole starrte wie ein Spanner auf das Piercing in ihrem Bauchnabel. Eine Unachtsamkeit. Darauf wartete sie. Wenn er nur eine Unachtsamkeit begehen würde! Sie würde ihre Chance nutzen.

Die Tür knarrte vom Wind, sein Kopf zuckte aufgeregt zurück.

„ Jetzt“, dachte sie, „jetzt.“

Sie riss ihr Bein hoch, schlug seine Waffe zur Seite. Ein Schuss pumpte aus dem Lauf, bohrte sich gipssprühend in die Wand. Die Pistole flog durch die Luft. Das andere Bein in die Höhe, in die Eier. Ein Tritt und es ist vorbei.

Er sackte zusammen, keuchend, Schaum vor dem Mund, das fette Schwein. Er ist hilflos. Verdammt, er japst.

Sie trat nach, in sein Gesicht. Etwas knirschte. Die Nase platzte wie eine Wanze unter ihren scharfen Pumps.

„Seine Waffe“, dachte sie plötzlich. Ein Schritt, ein Bücken, eine fließende Bewegung. Sie war schnell. Bevor er wieder zur Besinnung kam, hatte sie das ganze Magazin geleert.

Dann war Ruhe, sie hatte sich befreit.

Penibel untersuchte sie die gelochte Leiche. Aber den Brief fand sie nicht. Er hatte ihn nicht, er war der falsche. Die Suche ging weiter.

Pause.

Und ich sitze hier in einem Café. Ja, hast recht, undu ohne Namen. Ich bin langweilig und mir ist. Alles. Das. Es ist blond. Wo passiert es? Kann heute noch etwas kommen? Oder morgen? Oder überhaupt? Ich erdrücke mich selbst, aber ich kann. Was soll? Zum. Weil alle so. Ich sind. Fragen, weil nur die Frage, nicht die Antwort zählt. Man stellt fest. Sich fest. Langweilig. Ich sagte es schon. Selbst das ist langweilig. Bernd und Gitte kommen herein. Sie halten sich umarmt, bleiben vor Steffi stehen, küssen sich demonstrativ. Ist das alles? Morgen wollen sie sich nicht mehr kennen. Ich liebe dich. Oh, oh. Oh, ja. Oh. Nur diese Nacht. Mir ist laut zum Sterben!

Bernd Na? Noch immer das gleiche Thema? Wird es dir nicht? Ich meine, langweilig?

Gitte Macht es dir was aus, wenn wir. Ich meine, gehen?

Bernd zu Gitte. Zu dir.

Gitte Spinnst du? Meine Eltern.

Bernd Ich… hab auch Eltern.

Gitte Ja, dann.

Steffi lacht

Bernd Wo ist Anton?

Steffi Undu heißt Anton. Ja. Ist beim Scheißen.

Bernd Seine Lieblingsbeschäftigung. Er hat eine Bude allein. Vielleicht. Ich meine, bei ihm. Das müsste, auch wenn der das nicht mag. Ich muss ihn fragen. Dem schmiert man um den Bart, das geht. Anton ist ganz eitel. Frag ihn nach seinen Waffen.

Gitte Ich werde ganz lieb zu ihm sein. Weißt du, ich bin eine ganz Liebe. Mein Betragen ist tadelsfrei. Ich bin aufmerksam im Unterricht.

Bernd Habe ich bemerkt.

Gitte zu Steffi Oder versuchst es du? Ich glaub. Da läuft was zwischen euch.

Steffi Der Anton ist ein Arsch.

Gitte Gut.

Steffi Ja.

Gitte Du hast Geschmack.

Steffi Eben.

Bernd Verstehe ich das?

Steffi Er ist ein Arsch, aber du, du bist blond. Klar bin ich nett zu ihm. Wie kommst du zu so einem tollen Freund?

Bernd So toll ist er auch nicht. Alles Tünche. Und vieles von mir abgeschaut. Ne kleine Nummer. Der tut nur so.

Steffi Und du bist Bruce Wayne.

Bernd Wie ich ihn. Mein Gott, er saß, ich daneben. Gemeinsame Bekannte. So geht das. Wir mögen uns. Weil wir uns mögen. Das ist ganz einfach.

Anton kommt herein. Er setzt sich an einen anderen Tisch, redet dort mit Bekannten (Improvisation mit dem Publikum). Gitte, Steffi und Bernd beobachten ihn eine Weile, lauern.

Bernd Anton. lauter Anton!

Anton Gleich.

Bernd Sofort!

Anton Entschuldigt bitte. Meine Alte wird eifersüchtig. Kommt an den Tisch der anderen. Also, wo brennt’s?

Bernd Setz dich.

Anton Ich sitze.

Gitte Du bist ja einer.

Steffi Wie war’s denn beim Scheißen?

Anton Ihr wollt was. Ich merk das. Falsche Antwort. Nein.

VORHANG

ZWISCHENSPIEL.

Kellnerin steht vor dem Vorhang. Die anderen sind nur zu hören.

Kellnerin kommt nach vorn, schlüpft wie eine Tänzerin durch die Vorhangfalten, zwinkert dem Publikum zu. Ursprünglich hatten die Berge große Flügel. Sie flogen über den Himmel und landeten auf der Erde, wo es ihnen passte. Die Erde erzitterte dann und schwankte. Gott hatte irgendwann von den Erdbeben genug und schnitt ihnen die Flügel ab. Er machte die Berge an der Erde fest, damit diese endlich zur Ruhe kam und die Menschen nicht mehr erschraken. Die Flügel warf Gott hoch hinauf in die Luft. Aus ihnen wurden Wolken. Seit diesem fernen Tag sammeln sich die Wolken um die Gipfel der Berge und weinen. Schweigt und überlegt. Auf der Dokumenta hat ein Künstler mal die Zeit zu seinem Thema gemacht.

Bernd hinter dem Vorhang. On Kawara.

Kellnerin Klugscheißer. Als ob irgend jemand hier On Kawara kennt!

Bernd one million years (past and future), um genau zu sein.

Kellnerin Ja! one million years. So lange ist das. Aber das ist mein Monolog. Mensch, Bernd! Es ist der einzige, den ich habe. Im zweiten Akt, verstehst du, da komme ich nicht mehr vor. lauscht. Also. Da haben zwei Leute Jahreszahlen vorgelesen. Auf der Dokumenta. Abwechselnd. Jahreszahlen.

Bernd Beliebige Jahreszahlen zwischen neunhundertachtundneunzigtausendeinunddreißig vor Christus und eine Million und eintausendneunhundertfünfundneunzig. Der eine hatte die Zahlen vor 1970, der andere die danach. 1970 war der Knackpunkt. Warum? Frage ich mich.

Kellnerin Bernd! Du Arsch! Lass mich erzählen!

Bernd 230.354 vor Christus.

Anton 67.987.

Gitte 1993.

Steffi 654.744 .

Gitte lacht 1993, in dem Jahr bin ich geboren.

Kellnerin Dabei geschah etwas Interessantes. Manche Jahreszahlen stoßen das Gedächtnis an. Sie sind eine Markierung in der Zeit. Wie ein Berg.

Anton 1492.

Kellnerin Ja. Ein Künstler und seine Zeit. Die Zeit fliegt dahin. Heißt es. Aber das ist falsch. Der Standpunkt ist verkehrt. Es ist nicht die Zeit, die sich bewegt. Sie ist ein Monolith.

Steffi 654.745.

Kellnerin Ein Beispiel: Du sitzt in einem Zug. Der Zug neben dir fährt an. Kennst das schon? Du glaubst, du fährst, aber es ist der andere Zug. Anders.

Bernd 230.353 vor Christus.

Kellnerin Anders. Du siehst an einem Kamin hinauf. Die Wolken bewegen sich hinter ihm. Du meinst, der Kamin fällt um. Doch nicht er bewegt sich. Das ist nur Einbildung. Wie dein Zug. Er steht still. Wie die Zeit.

Gitte 1984. Orwell.

Kellnerin schreit Ist ja gut. Sie haben es kapiert.

Wendet sich ans Publikum.

Ihr habt es doch? Kapiert, meine ich? Gut. Gut. Weiter. Die Zeit ist ein Monolith. Wie eine lange Mauer. Du wirst an der Mauer vorbeigezogen. Ein kleines Stück weit. Glaubst, die Mauer bewegt sich, aber dein Standpunkt ist falsch. Die Mauer ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Die Zeit ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Du bleibst nicht gleich, du bewegst dich und du veränderst dich. Die Zeit. Nicht.

Bernd Ist ja gut. Sie haben es kapiert. Die Zeit steht still. Na und?

Kellnerin unbeirrt Zeit heißt Ortsveränderung. Wir gehen. Von hier nach dort. Nicht die Zeiten ändern sich. Wir ändern uns in der Zeit.

Bernd Na und?

Kellnerin Na und. Bald bin ich alt. Bald bin ich tot.

Steffi Gehen wir jetzt? Oder was? 654.746. 654.747. 657.748.

Anton singt in the year twentyfive-twentyfive.

Bernd fällt ein when man is still alive

Kellnerin Wir sind die Flügel. Die Zeit ist der Berg, um den wir kreisen. Und weinen.

Ab, winkt noch einmal.

[Zum 2. Akt —>]

 

Fahrkarte – Schluss

Helmut steckte seinen Ehering erst an den Finger, nachdem die Bahnpolizei weg war.

„Mit Vierzehn ist er genötigt, eine Klasse zu wiederholen, was seiner Meinung von seiner Genialität kaum Abbruch und ihm nicht einmal sonderliches Unbehagen bereitet; im Gegenteil, unter den nun Jüngeren in seiner neuen Klasse strahlt sein Licht noch heller, hat seine Meinung und sein Auftreten endlich das Gewicht, das er sich wünscht. Doch leider kann er weder durch sein körperliches Erscheinungsbild, er neigt zur Fettleibigkeit, noch durch seine wegen der Behütung durch die Eltern mangelnder Lebenserfahrung glänzen. Da er jedoch nicht auf den Mund gefallen und mit einer überschäumenden Phantasie begabt ist, entschließt er sich, mehr aus sich zu machen und spinnt ein ungeheuerliches Netz aus Lügen und Angaben. Er lässt sich bewundern. Fast die gesamte Zeit, die ihm zur Verfügung steht, beschäftigt er sich damit, dieses Bild von sich auszumalen und sich in den Mittelpunkt einer interessanten Welt zu stellen, die er seinen Schulfreunden so glaubhaft wie ihm möglich verkauft. Dass dieses Gewirr von Halbwahrheiten und unverschämten Lügen nicht zerreißt, liegt in der Hauptsache an seinen Freunden, die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und auch nicht immer bei der Wahrheit bleiben.“

Die zwei Uniformierten waren skeptisch näher gekommen, um ihn zu überprüfen. Sie untersuchten seine Fahrkarte genau; dass er seinen Personalausweis nicht bei sich trage, nahmen sie achselzuckend hin. Dann ließen sie Helmut zurück, ihren begierig sein besudeltes Hosenbein beschnüffelnden Hund hinter sich her ziehend.

“Er hat ein Idealbild von sich entwickelt, mit dem er sich wie mit einem viel zu groß geratenen Anzug umgibt und das seine wahre, allzu kümmerliche Erscheinung verbergen soll. Dieses Ideal ist eine seltsame Mischung aus zwei sich eigentlich ausschließenden Gruppen von Vorbildern. Zum einen eifert er nämlich den Hauptfiguren der Romane, die er liest, nach, zum anderen bewundert er die Fernseh-, Kino- und vor allem Comic-Helden, die ihr Leben in bunten und außergewöhnlichen Abenteuern bestreiten, ohne dass sie auch nur von Ferne so etwas wie Selbstzweifel kennen. Aus diesen beiden Typen bastelt er sich sein persönliches Vorbild, eine Art von krankem, selbstzerstörerischem Held, eine Hemingwaygestalt für den Hausgebrauch. Das gefällt ihm.“

Helmut wunderte sich nicht über diese Kontrolle. Er hatte sein Gesicht vorhin auf der Bahnhofstoilette bewundert, das über der linken Wange in Farben leuchtete, die er noch nie gesehen hatte. Helmut konnte sich nicht erinnern, einen Schlag ins Gesicht erhalten zu haben, in die Nieren, ja, aber ins Gesicht? Vielleicht als er stürzte? Die Stelle schmerzte kaum, sie spannte nur ein wenig. Aber das Ganze sah schon schlimm aus eine dramatische wunde Ruth würde ein spitzer schrei mitleid vergeben vergessen und deshalb mein Ring.

“Also lebt er in einer Traumwelt: Er gibt sich, so weit ihm das möglich ist, den anderen gegenüber überlegen, gelassen, kühl. Er erlebt in seiner Phantasie jene haarsträubenden Abenteuer, die ihm das Alltagsleben verweigert. In abgeschwächter, etwas glaubhafterer Form bringt er diese Wunschbilder auch unter seine Freunde und genießt den Neid und die Bewunderung, die ihm entgegengebracht werden.“

Aber was ihn tatsächlich beunruhigte, war ein pochender Schmerz im Unterleib. Bei heftigen Bewegungen schnitt er ein wie ein Messer. Er keuchte setzte sich vorsichtig auf Leberriss gibt es so etwas? Oder liegt es weiß es nicht am Saufen?

Er sah der Bahnpolizei hinterher, setzte sich vorsichtig gerade und schraubte seinen Ehering über den Knöchel des Ringfingers. Es fiel ihm schwer. Die Hand war geschwollen. Als es ihm endlich gelungen war und er erleichtert und stolz die Hand von sich streckte, wünschte er sich, Ruth könnte ihn so sehen. Er hatte es zum ersten Mal geschafft. Mit dieser kleinen, aufwärtsstrebenden Handbewegung hatte er es geschafft. Ihre Theatralik war übertroffen, ja, in den Schatten gestellt.

Dann tat ihm seine Leber wieder weh, zumindest bildete er es sich ein. Es konnte auch eine Niere sein. Aber zur Leber hatte er ein innigeres Verhältnis. Bei ihr konnte er sich eher vorstellen, dass sie verletzt war. So seltsam das auch klingen mochte. Deshalb musste es die Leber sein. War die überhaupt auf der rechten Seite?

„Freilich kommen sie ihm auf die Schliche. Viel zu komplex ist das Lügengebäude, das er errichtet hat. Viel zu wacklig das Fundament. Es stürzt ein. Er bleibt allein zurück. Allein mit seinen Heldenträumen und Fantasien, die er nur noch sich selbst erzählt. Er lernt seine spätere Frau kennen. Sie sieht jemand anderen in ihm; jemanden, den er selbst nicht in sich kannte. Und jemanden, der er nicht sein kann. Dennoch lebt er für eine Weile diese Lüge. Denn für dieses Leben ist er nicht gemacht. Er ist einer der Verlierer unserer Gesellschaft. Sie zerbricht ihn. Er kann nur fassungslos zusehen, was sie ihm antut.“

Er schloss die Augen, um sich einen aufgeschlitzten Körper aus einem Lexikon vorzustellen da glaubte er die Leber links also in der rechten Körperhälfte aber ein Hauch Zweifel blieb. Er stand auf, schlenderte den Bahnsteig hinunter und wieder zurück langweilte nach dem zug starren das rennen und koffertragen das winken und müde alles gleich auf bahnhöfen das bahnhofsgefühl

es lässt mich im stich

Er fand die Bahnhofsgaststätte. Er redete sich ein er wolle nur auf’s Klo das war eine schamlose Lüge die Wahrheit war er brauchte einen Schnaps. Er bezahlte mit Kleingeld, das er in der Brusttasche seines Hemdes fand und das die Schläger übersehen hatten. Helmut kippte den Klaren. Er brauchte ihn wirklich. Es erschreckte ihn nicht einmal. Es macht ihm nur deutlich, wo er stand. Helmut sah auf eine Uhr. In zwanzig Minuten käme sein Zug. Er besaß die Rückfahrkarte.

noch die chance will ich ihm geben eine rückkehr ist möglich nutze mache ändere dich

Er wird bestimmt heimfahren. Oder?

sie stehen fifty-fifty unentschieden chancen gebe ich ihm gedanken gelegenheiten nutze den tag

Und wer ist nun ein blöder Hund?

ich bin es selbst irgendwie

Ich ziehe den Ring wieder vom Finger. Es fällt mir schwerer, als ihn aufzustecken. Es tut höllisch weh. Ob ich den Ring wohl gegen ein paar Schnäpse eintauschen kann? Der Wirt wirkt nicht solide, vielleicht macht er solche krummen Sachen.

krumm die wirklichkeit ist ein krummes holz ist eine transsubstination der idee wein und brot blut und fleisch nicht echt egal

Billiger werde ich das glitzernde Ding nicht los. Ich werfe ihn vor mich auf den Tisch. Ich will nicht mit ihm spielen. Ich winke nach dem Wirt und sehe wieder auf die Uhr.

Das weiß ich noch genau.

Einfach weitermachen…

Hm.

Anscheinend ist tatsächlich keiner da draußen. Ich habe letzte Woche eine Umfrage gestartet, aber kein Besucher meiner Seite hielt es für nötig, an ihr teilzunehmen. Dabei hätte ein Mausklick genügt.

Egal. Dann mache ich eben so weiter wie bisher. Ich verschenke mich …

Am Wochenende starte ich mit der Veröffentlichung meines Kriminalromans

Das goldene Kalb.

Er gehört zwar zum „Jahrmarkt in der Stadt„-Zyklus, kann aber problemlos gelesen werden, wenn man die anderen Teile nicht kennt. Bei diesem „Augsburgkrimi“ habe ich mich auch endlich dazu entschieden, die durchschaubare Anonymität der Stadt aufzugeben, in der die Erzählungen spielen. „Das goldene Kalb“ spielt in Augsburg und Umgebung und alle Orte der Handlung werden mit ihren echten Namen genannt.

Ein paar Worte zum sog. „Heimatkrimi“: Mein Freund, der geniale Augsburger Künstler und Bildhauer Claus Scheele, hatte Anfang der 90er Jahre die Idee zu dieser Art von Genreliteratur, die heutzutage so erfolgreich den Buchmarkt überschwemmt. Inzwischen gibt es kaum einen deutschen Weiler, in dem nicht ein kauziger Ermittler Mörder und Verbrecher jagt. Es gibt Verlage, die leben nur von dieser Art von Büchern. Und das offenbar nicht schlecht.

Vor 25 Jahren war das jedoch noch absolutes Neuland, das Claus, der immer Avantgarde und seiner Zeit voraus ist, mit mir als Autor gemeinsam betrat. Unser Projekt „Augschburg-Krimi“ entwickelte sich gut. Wir konnten den Herausgeber eines Augsburg-Journals  dafür interessieren und ich schrieb die ersten Entwürfe zu einer wüsten Kriminalgeschichte, in der die ASO, die Augsburger Separatistenorganisation, die die Stadt wieder zur freien Reichsstadt machen will, Anschläge und Mordtaten begeht.* Es sollten mehr oder minder bekannte Augsburger erscheinen, vermischt mit Lokalnachrichten, Tourismusempfehlungen, Werbung, Tipps für das Nachtleben und viel Helmut Haller und Roy Black.

Wie so viele der Projekte, in die ich massenhaft Arbeit und Zeit gesteckt habe, scheiterte das Ganze in einem weit fortgeschrittenen Status, praktisch kurz vor der Ziellinie. Die erste der Geschichten, Ideenskizzen, Entwürfe und Exposés waren geschrieben, Verträge vorbereitet, Kontakte mit Wirtschaft und Politik geknüpft, da sprang unser Geldgeber ab. Ende der Sache. Much ado about nothing.

Unser überaus fleißiger Heimatjournalist, Punkmusiker, Blogger, Verleger und Hans-Dampf-in-allen-Gassen Arno Löb „nahm“ kurze Zeit später die Idee auf und begann unter dem Pseudonym Peter Garski seine eigene Reihe von Augsburg-Krimis zu veröffentlichen. Honi soit qui mal y pense.

Wie gesagt, das ist lange her. Ein Ergebnis dieses missglückten Projekts ist „Das goldene Kalb“, ein Kriminalroman um Verlierer und Gewinner, Betrüger und Betrogene, Liebe, einen chamäleonhaften Mörder und um das ganz große Geld.

Ich wünsche meinen wenigen Lesern viel Spaß.

titelblatt-Kalb

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* Der erste Roman der Reihe spielt 1994 und schlummert in Frieden im Aktenschrank im Keller. Vielleicht sollte ich die Grabesruhe meines Archivs stören und ihn mal wieder herauskramen …

Fahrkarte – Fünf

„Glänzender Himmelsschmuck, du Licht des Himmels / in einem kleinen / Punkte sammelst du alle Wunder: / Himmel, der von einem Sterne glänzt / der dreht mit Engelshand / den Priester, sein Beweger / Dir entgegen stellt der Urheber des Lichtes / die Nebel des Sonnenuntergangs / Faustpfand des Sieges über den Tod / in dir wieder zum Leben erwacht und vielfacher Siege / vielfach gewinnst du die Völker / Botin der Göttlichen Liebe.“

Helmut ging es schlecht. Eine Zeitlang beschäftigte er sich damit, eine Erinnerung zu suchen, in der es ihm noch schlechter ging. Er fand keine. Dann konzentrierte er sich auf die Schmerzen, weil er glaubte, es sei die beste Methode, sie zu bekämpfen. Er schaffte es, die Augen zu öffen richtete langsam seinen Oberkörper gerade. Die Straße war leer. Es regnete noch immer, aber er hatte im Hauseingang ein relativ trockenes Plätzchen gefunden wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre.

Wer behauptet, dass im heiligen Sakrament der Eucharistie die Substanz des Brotes in den Körper und des Weines mit dem Körper und dem Blut unseres Herrn Jesus Christus bleibt, und diese wunderbare und einzigartige Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in den Körper und des Weines in das Blut leugnet, die allein das Aussehen des Brotes und des Weines belässt, eine Verwandlung, die die Kirche sehr passend als Transsubstantiation bezeichnet, der sei verflucht.

Helmut weinte nicht aus schmerz, obwohl er weiterhin in seinem magen wühlte nicht aus kummer, denn er hatte doch keinen wusste er nicht, warum er weinte aus reflex vielleicht flossen die tränen und er genoß ihre wärme saß einfach da auf dem feuchten Stein hatte keinen gedanken, war gefühllos und weinte hatte nicht geglaubt wie gut das möglich ging aber gut.

Das war Galileos Häresie: Er zweifelte an, dass sich während der Eucharistie das Brot nicht in übertragenem Sinne, sondern tatsächlich, wirklich und real in den Leib Christi wandelte, das Brot zwar weiterhin wie Brot aussah, schmeckte, roch und alle brotenen Akzidentien hatte, aber kein Brot mehr mehr war: Die Hostie war für die Kirche durch einen göttlichen Taschenspielertrick tatsächlich verwandelt in Fleisch.

Dann presste Helmut die geballten Hände gegen die Augen, erzeugte eine Chimäre platzender Ringe auf der Netzhaut und beendete den ohnehin schon träger werdenden Tränenfluß. Ein paar Fragen gelangten in seinen Verstand, Antworten fand er keine. Inzwischen aber hatte er es aufgegeben, hier nach ihnen zu suchen er fand hier keine hier in dieser stadt.

Und dieses wie hieß es gleich bahnkarte fahrschein heim?

Siedenheiß fiel ihm ein. mühsam hob helmut sein gesäß an die tasche kommen zur brieftasche aber um die leiste loderte der schmerz langte mit der hand nach. Die brieftasche war weg klar umsonst aber auf der anderen seite ist noch hoffnung zog er schneller atmend zwei papierumschläge hervor fielen dabei auf den treppenabsatz. Erleichtert wenn die jungen auch die fahrkarte gestohlen hätten wäre er nicht mehr diese stadt verlassen ins leben zurückkehren. ein ticket schnell in der hand und wieder in der tasche wie ein krummes stück holz an dem er klammern kann ertrinkender der er wirklich im wortsinn lache jetzt nicht trinker damit hat er den fuß in der tür offengelassen umkehren. Heim. Wenn er das schaffte.

Wenn er es überhaupt schaffte, aufzustehen.

Western ein meldrama satz hey ich schaffe es was sind schon drei kugeln und eine blutige fresse hey ich bin john wayne.

Galilei schreibt im Saggiatore dagegen an: “Ein schlafendes Kind, dem man sanft mit einer Feder über die Lippen streicht, wird einen Kitzel verspüren: Denkt ihr vielleicht, dass die Idee des Kitzels, der vom Kind verspürt wird, irgendeiner Sache ähnlich sein könnte, die in der Feder oder im Kitzelnden steckt? Dieser Kitzel ist vollständig in uns und nicht in der Feder.“

Er konnte sich erinnern: Seine Eltern waren beim Sport und er heimlich aufgeblieben, um den Western zu sehen. Sie hatten nur einen Schwarzweißfernseher. Helmut war enttäuscht, als er den Film später in Farbe sah passte nicht zur stimmung western sollten schwarz-weiß sein. die Handlung natürlich voll von Klischees einfache Geschichte so wie er es mochte farmer ein bösewicht seine gang ein paar indianer und der held immer etwas schneller immer etwas schlauer.

Was Helmut am meisten beeindruckte und deshalb vergaß er diesen Film nicht mehr, war der gutmütige ewig betrunkene Alte mit verfilztem Bart und ohne Zähne starb in den Armen des Helden, sagte:

„Ich steh’ jetzt auf und fange noch einmal an.“

Ein Leser, dem man mit seiner Feder eine Geschichte vorsetzt, wird eine Empfindung haben: Der Trauer, der Freude, was weiß ich: Denkt ihr aber, dass die Idee der Trauer, die vom Leser verspürt wird, irgendeiner Sache ähnlich sein könnte, die in der Feder oder im Schreibenden steckt? Diese Empfindung ist vollständig in uns und nicht in der Feder. Auch nicht im Schreiber.

Vorsichtig hob Helmut mit zwei Fingern den zweiten Umschlag hoch. Es war der Brief von Ruth und er stand zitternd auf der held noch mal fängt er an ging ja locker schmerz wo ist dein stachel regen sprüht in mein gesicht. Hey nochmal und alle western die ich kenne als helmut breitbeinig humpelnd die straße hinunter ging. Den Brief ließ er liegen.

nur im leser nicht im text gestern das ist gerade oder alles ist gestern her erklären was vorher war die namen sind genannt nun sollen sie auch leben

„Du trinkst zu viel.“

Helmut sah auf. Beuerle stand vor ihm, freundlich wie immer, mit sich und der Welt im Gleichgewicht. Auch sein aufmunterndes Lächeln trug er bei sich.

„Deine Frau hat gesagt, ich könnte dich hier finden.“

Er sah sich zweifelnd um, während Helmut unsichere Gesten machte. Beuerle folgte der Einladung, setzte sich.

„Willst du auch einen Grog? Tut gut bei der Kälte,“ sagte Helmut und stolperte über den zweiten Satz.

„Ach nein,“ Beuerle winkte ab, „ich wollte dich nur besuchen, um dir das Buch zurück zu geben, das du mir geliehen hast. Ich habe es deiner Frau gegeben.“ Er zögerte. „Du bist oft im Löwen, oder?“

Helmut bejahte, dunkel erinnerte er sich an etwas. Er versuchte zu erklären:

„Weißt du, zu Hause ist es nicht mehr so – wie soll ich sagen?“

„Ich verstehe schon.“ Beuerle nickte. Helmut beobachtete dieses Nicken, das ihn an den Wirt des Löwen erinnerte, ein Nicken, das Verständnis ausdrücken sollte, aber nur Unsicherheit verbarg. Natürlich, wie sollte das Beuerle auch verstehen? Er lebte glücklich mit seiner Frau, freute sich auf den Abend, wenn er aus dem Büro nach Hause zu ihr konnte und hatte meist gesehen, was im Fernseher gelaufen war. Für Beuerle war das Haus noch Heim.

Trotzdem beneidete ihn Helmut nicht.

„Was für ein Buch habe ich dir denn geliehen?“

Beuerle tat überrascht.

„Du weißt doch, den „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth.“

„Ach ja. Hat es dir gefallen?“

Beuerle nahm sein Nicken wieder auf, auch diesmal zu eilig.

„Ein wunderbarer Roman, sehr tief und wahr. So etwas wird heute gar nicht mehr geschrieben.“

„Stand das auf dem Einband oder hat das Ruth dir gesagt?“ fragte Helmut leichthin und machte Beuerles Ausrede zunichte. Beuerle wurde etwas bleicher und seine Miene rutschte ab, wurde leer. Es war genau das Gesicht, das er zur Schau trug, wenn ihn Wigand zu sich bestellte. Helmut nötigte es Respekt ab, wie glatt es seinem Kollegen gelang, seine Gefühle zu verschlucken. Er selbst fühlte sich im Gegensatz immer durchschaubar.

Helmut murmelte eine eilige Entschuldigung, denn er wollte Beuerle nicht verletzen. Jedoch versuchte ihn das hastig wieder einsetzende Nicken seines Gegenübers, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Eilig griff er zu Ablenkung nach seinem Getränk.

„Ich finde, du gehst den falschen Weg. So kriegst du das mit Ruth nie in Ordnung,“ sagte Beuerle.

„Ich glaube nicht, dass es heute so gut ist, mit mir darüber zu reden,“ erwiderte Helmut. „Und nicke nicht dauernd, als würdest du etwas verstehen. Das macht mich seekrank,“ fügte er eilig hinzu.

Er sah seinem Kollegen an, wie er sich zusammennahm. Plötzlich tat er ihm leid. Dieser dumme Kerl, warum machte er sich so viele Sorgen um Helmut? Er konnte doch nicht mehr helfen, es war ja alles vorbei. Ruth hatte ein Verhältnis mit Wigand und es konnte nur noch ein paar Wochen dauern, dann würde dieser ihn aus der Firma mobben.

Da war doch vor ein paar Jahren der Fall mit Kablau gewesen. Kablau, ja, so hieß der, wie ein Fisch. Kablau war ein echter Alkoholiker gewesen, bei dem stand immer eine offene Flasche Gin im Schreibtisch. Noch im letzten Jahr hatten sie in der Klimaanlage ein paar von seinen Flaschen gefunden. Aus dem hatte Wigand ein warnendes Beispiel gemacht.

‚Ich bin doch kein Säufer wie Kablau,’ wollte Helmut sagen, ‚ich fange mich schon wieder.’ Er brachte kein Wort heraus. Beuerle schien die Gesprächspause peinlich zu werden. In seinem Gesicht reifte ein Einfall.

„Verreise doch mal ein paar Tage. Nimm dir frei und fahre einfach fort. Das bringt dich sicher auf andere Gedanken.“

Jetzt wäre die Gelegenheit günstig gewesen, Beuerle zu streicheln. Helmut machte es nicht.

schlapper kerl aber seien wir ehrlich: nur in unserer fantasie des lesers

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